Sabine kam früher als erwartet nach Hause und brachte Leckereien von ihren Eltern mit. Sie wollte ihrem Mann eine Überraschung bereiten, doch Thomas schickte sie, statt einer herzlichen Begrüßung, direkt zum Supermarkt. Mit den Folgen hatte niemand gerechnet.
Die schwere Tasche zog so stark an meiner Schulter, dass ich unwillkürlich aufstöhnte. Der Schmerz im unteren Rücken plagte ständig in den letzten zwei Monaten war er zum ständigen Begleiter geworden. Behutsam stellte ich die Taschen auf dem brüchigen Asphalt an der Bushaltestelle ab.
Tief atmete ich ein und wieder aus. Das Kleine in meinem Bauch bewegte sich unruhig. Der sechste Schwangerschaftsmonat ist kein Spaß, besonders wenn man sich vornimmt, seinen Mann zu überraschen, und drei Tage früher als abgesprochen von den Eltern aus Hannover zurückkommt. Ich hatte Thomas so sehr vermisst, dass ich im Bus die letzten hundert Kilometer fast jede Laterne zählte.
Was mag Thomas wohl gerade tun? Bestimmt ahnt er nicht, dass ich schon in Hamburg bin nur zehn Minuten zu Fuß von unserer Wohnung. Der Weg zum Haus zog sich wie Kaugummi. Die Taschen, voll mit Marmeladengläsern, hausgemachtem Geräuchertem und saftigen Äpfeln, wogen gefühlt eine Tonne.
Nach etwa fünfzig Metern merkte ich, dass ich es so nicht schaffen würde. Mein Rücken würde das nicht mitmachen.
Ich zog mein Handy heraus und rief Thomas an.
Hallo, Schatz, flüsterte ich, als er endlich ranging.
Sabine? Was ist los?, fragte er erschrocken.
Alles gut! Ich bin nur schon da! Stehe an der Bushaltestelle vor unserem Haus. Holst du mich bitte ab? Die Taschen sind einfach zu schwer, meine Mutter hat wieder zugeschlagen…
Am Handy herrschte eine seltsame Pause. Ich schaute auf den Bildschirm hatte er aufgelegt?
Du stehst unten? Jetzt? Warum hast du nichts gesagt? Wir hatten doch erst für Donnerstag ausgemacht!, kam es auf einmal ganz hoch von ihm.
Ich wollte dich halt überraschen… Freust du dich etwa nicht? Ich bin total fertig. Hol mich einfach ab, bitte.
Warte! Geh nicht hoch. Oder doch, aber… Sabine, du, bei uns ist es Zuhause wie leergefegt. Ich habe gestern alles aufgegessen. Mach doch Folgendes: Geh schnell in den Edeka um die Ecke und kauf Rinderfleisch gutes, ja? Ich habe heute frei genommen und will ein vernünftiges Mittagessen für dich kochen. So richtig schön ankommen.
Welches Fleisch, Thomas? Ich kapierte gar nichts mehr. Ich bin im sechsten Monat schwanger, stehe mit riesigen Taschen herum. Mein Rücken zuhause gibts doch noch Kartoffeln, Eier. Hol mich ab, ich hab Hunger und will ins Bett.
Du verstehst nicht. Seine Stimme wurde immer schneller. Ich will, dass alles perfekt ist. Das Geschäft ist doch gleich da. Nimm noch frische Kartoffeln mit unsere sind welk. Frag, ob dir jemand hilft, oder bring es etappenweise Bitte! Das wird großartig, ich schwörs. Ich bereite alles vor.
Ich starrte auf meine roten Handflächen. Im Herzen schnürte sich etwas Bitteres zusammen.
Thomas, bist du noch ganz bei Trost? Meine Stimme begann zu zittern. Du verlangst, dass ich so im sechsten Monat schwanger, mit diesen schweren Taschen jetzt auch noch Fleisch einkaufe, damit du kochen kannst? Warum kannst du nicht einfach runterkommen und mir helfen?
Ich habe schon angefangen, alles vorzubereiten! Würde ich jetzt runterkommen, wäre alles umsonst. Bitte, Sabine! Acht-, neunhundert Gramm Rind, kleine Portion Kartoffeln, ja? Ich warte!
Er legte auf. Ich starrte auf das dunkle Display. Mir war zum Heulen zumute, da saß ich mit schwankenden Beinen auf der Bank unter der tristen Straßenlaterne. Kein Empfang, keine Umarmung stattdessen ein Einkauf im Kühlregal. Vielleicht plant Thomas wirklich eine riesige Überraschung? seufzte ich und schleppte mich zur Tür des Supermarkts.
Ich schob den Einkaufswagen durch die Gänge, die Kassiererin guckte mitleidig zu mir herüber.
Das Fleisch war schwer und das Kartoffelnetz kaum zu tragen. Als ich schließlich rauskam, waren meine Hände betäubt, die Finger verkrampft.
Das Handy klingelte wieder.
Hast du alles?, fragte Thomas fidel.
Habe ich, presste ich zwischen den Zähnen hervor. Bin schon am Haus. Mach mir bitte auf.
Stopp! Nicht hochkommen! Warte kurz draußen, zehn Minuten, ja?
Wie bitte? Thomas, was für zehn Minuten? Meine Beine sind geschwollen, stehen kann ich nicht mehr!
Die Überraschung ist noch nicht fertig! Wenn du jetzt hochkommst, ist alles umsonst. Pause auf der Bank, atme frische Luft fünf Minuten, ich schwörs. Ich muss mich beeilen!
Mit letzter Kraft ließ ich mich auf die Bank am Hauseingang fallen, die Taschen polterten neben mir auf den Boden. Am liebsten hätte ich das verdammte Fleischpaket in unser Küchenfenster im dritten Stock geworfen.
Zehn Minuten vergingen, dann zwanzig. Ich hockte da und kochte innerlich vor Wut. Was würde mich oben wohl erwarten? Ein Meer aus Blumen? Frühstück bei Kerzenlicht? Ein Geigenspieler im Flur? Egal was, kein Überraschungsakt war den Wartereim, den Schmerz und die Enttäuschung wert.
Nach fünfunddreißig Minuten knarrte endlich die Haustür. Thomas kam hervor etwas verwildert, das T-Shirt verkehrt herum, Schweiß auf der Stirn, die Haare abstehend.
Da bist du ja!, grinste er gequält, griff nach den Taschen. Warum so mies drauf? Schau das tolle Wetter na ja, lass uns lieber rein!
Warum bist du denn so klatschnass?, fragte ich misstrauisch, während ich mich mühsam hochzog und das Geländer festhielt. Und warum riechst du fast nach Putzmitteln?
Das wirst du gleich sehen!, sagte Thomas gut gelaunt und sprang förmlich zum Aufzug.
Wir fuhren hoch. Mit theatralischer Geste öffnete Thomas die Tür und erwartete Applaus. Ich trat in den Flur und roch sofort den beißenden Geruch von Chlor und billigem Lufterfrischer mit Meeresbrise.
Ich sah mich in den Zimmern um. Die Wohnung war sauber ungewohnt leer sogar. Alles, was sonst auf den Stühlen herumlag, war verschwunden. Der Teppich war frisch gesaugt (an ein paar Stellen noch feuchte Spuren), das Regal staubgewischt. Meine Keramikfiguren drängten sich verlassen in der Ecke.
Na?, strahlte Thomas wie eine neue Euromünze. Wie findest du es? Überraschung!
Langsam drehte ich mich zu ihm um.
Das wars?, fragte ich leise.
Wie, das wars? Thomas setzte sich fast empört. Sabine, hast du mal geguckt? Ich hab drei Stunden geschrubbt! Überall gewischt, sogar unter dem Sofa! Die ganze Küche, das Bad alles glänzt! Ich wollte, dass du heimkommst und nichts machen musst. Ich habe gerackert, während du im Laden warst.
Ein Kloß stieg mir in den Hals.
Du damit ich in eine saubere Wohnung komme, hast du mich mit den schweren Taschen einkaufen geschickt? Obwohl ich dich nur um Hilfe gebeten hatte? Meine Stimme brach beinahe.
Na klar!, klatschte Thomas in die Hände. Ich wollte doch nur das Beste! Immer meckerst du rum, dass ich nie etwas im Haushalt tue. Ich wollte dir zeigen, wie fleißig ich sein kann. Du bist einfach zu früh gekommen, ich wurde nicht fertig! Deshalb musstest du warten damit ich noch aufräumen kann. Und anstatt Danke gibst du jetzt so eine Show!
Bist du eigentlich noch bei Verstand?, rief ich und wurde lauter. Mir ist deine frisch gewischte Wohnung vollkommen egal! Ich hatte Schmerzen, schwere Taschen! Ich bin schwanger! Ich wollte, dass du mich abholst und nach Hause bringst, nicht dass du Wischer tanzt!
Thomas wurde rot, warf das Putzlappen, das er noch hielt, gegen die Spüle.
Jetzt geht das schon wieder los!, brüllte er zurück. Nie kann ichs dir recht machen! Ich wische wie bekloppt von fünf Uhr morgens, bereite eine Überraschung und du kommst nach Hause, nur um zu meckern! Hast du gesehen, wie sauber es ist? Sogar am Hochzeitstag wars nicht so!
Wozu brauche ich das, wenn ich dafür leiden muss?, schluchzte ich. Ich habe draußen gefroren und mir die Beine wundgestanden! Du hast mich Fleisch und Kartoffeln schleppen lassen! Das war keine Freude, das war einfach unmenschlich!
Unmenschlich?, flatterte Thomas mit den Armen herum. Na entschuldige, dass ich nicht dein Traummann bin! Andere Frauen wären entzückt der Mann bringt die Wohnung auf Vordermann und kocht. Aber du siehst nur dich! ‘Oh, mein Rücken, mein Zustand…’ Ich habe auch gewartet und nicht geschlafen und wollte dich glücklich machen!
Ich hob die Hände vors Gesicht.
Du verstehst gar nichts… Nichts. Du tauschst mein Wohlbefinden gegen eine saubere Leiste im Wohnzimmer.
Jetzt überteibs nicht!, schrie Thomas. Du bist zu früh gekommen! Hättest du dich an unseren Plan gehalten und wärst am Donnerstag gekommen, wäre alles fertig gewesen. Aber nein, du musst mir noch eine Szene machen, dabei bist du undankbar, Sabine. Einfach undankbar.
Er stürmte in das Schlafzimmer und schlug die Tür zu.
Mein Kleines boxte in meinem Bauch. Tief seufzend rutschte ich auf den Küchenstuhl, starrte auf das eingekaufte Fleisch, das Thomas nicht mal in den Kühlschrank geräumt hatte. Mir war übel, und Tränen stiegen mir in die Augen.
Zehn Minuten später öffnete sich die Küchentür.
Soll ich dir jetzt das Fleisch braten?, brummte er. Oder willst du nun gar nichts mehr, nur um mich zu ärgern?
Ich möchte gar nichts, Thomas, sagte ich leise und sah ihn nicht an. Lass mich bitte einfach in Ruhe. Ich will nur schlafen.
Wie du meinst!, fauchte er und knallte die Tür.
Ich schleppte mich ins Bad. Blass im Spiegel, mit dunklen Ringen und zerzaust. Im Bus hatte ich mir vorgestellt, wie Thomas mich in den Arm nimmt, sagt: Gott sei Dank bist du wieder zu Hause. Umarmt hat er mich wirklich… auf seine Weise.
Als ich das Bad verließ, ging es wieder los. Er schimpfte weiter wegen irgendeiner Kleinigkeit.
Ich zog einfach meine Jacke an, so wie ich war, und ging. Ich fuhr zurück nach Hannover zu meinen Eltern.
Alle Schwiegereltern, Schwägerin, entfernte Verwandte redeten auf mich ein, mich nicht scheiden zu lassen. Auch Thomas rief ständig an, bat, ich solle zurückkommen, er hätte nun alles verstanden. Aber für mich war die Entscheidung gefallen: So einen Mann wollte ich nicht mehr, die Scheidung war nur noch eine Frage der Zeit. Warum sollte ich bei einem Mann bleiben, der Sauberkeit in der Wohnung über die Gesundheit unseres gemeinsamen Kindes stellt?




