Blumenstrauß
Klara wartet auf Sebastian. Draußen sind es fast minus 15 Grad, und Sebastian, wie so oft, kommt zu spät… Klara friert furchtbar und spürt ihre Finger und Zehen kaum noch.
Und natürlich ist auch noch das Handy im Frost ausgegangen… Anrufen? Unmöglich… Was für ein Mist mit dieser Technik!
Na gut, noch zehn Minuten warte ich, dann gehe ich, denkt sie.
In diesem Moment fällt ihr Blick auf ein Pärchen. Der junge Mann steht seit etwa zehn Minuten am Brunnen auf dem Gänsemarkt und scheint auf jemanden zu warten. Schließlich taucht eine junge Frau auf. Er will ihr einen Strauß Blumen schenken, doch sie nimmt ihn nicht an. Nach kurzem Gespräch geht die Frau weg.
Klara fühlt mit dem jungen Mann direkt vor ihren Augen hat ihn seine Freundin verlassen.
Wo bleibt nur Sebastian?, denkt sie. Sie läuft noch einmal die Straße auf und ab; sie kann einfach nicht länger warten. In diesem Moment kommt der junge Mann mit den Blumen auf sie zu.
Guten Tag!, grüßt er Klara freundlich. Das ist für Sie, und streckt ihr den Strauß entgegen. Ich habe ihn selbst zusammengestellt. Sehen Sie, da sind verschiedene Blumen, sie sind zart, strahlend, und harmonieren wunderbar miteinander.
Unerwartet nimmt Klara den Strauß entgegen.
Sie sollten nach Hause gehen, sagt der junge Mann ernst. Es ist viel zu kalt, Sie sind durchgefroren, passen Sie auf, dass Sie sich nicht erkälten… Wie lange warten Sie schon?
Vierzig Minuten…
Eben! Sie riskieren Ihre Gesundheit. Ihre Stiefel sind zu dünn und der Mantel auch… Sie haben nur eine Gesundheit! Schätzen Sie sich selbst! Ihr Freund ist bestimmt nicht wert, dass Sie so lange auf ihn warten!
Klara betritt ihre Wohnung, setzt sich die ersten fünfzehn Minuten einfach im Flur, weil ihre Hände ihr nicht gehorchen und sie nicht in der Lage ist, Mantel und Stiefel auszuziehen. Dann hängt sie endlich den Mantel auf, zieht die Stiefel aus und schlüpft schnell in sämtliche Pullover, die sie finden kann. Sie stellt den Wasserkocher in der Küche auf.
Erst nach einer Stunde hat sie endlich wieder Gefühl in den Fingern und greift zum Telefon, um Sebastian anzurufen.
Heute? Haben wir uns heute verabredet? Nein, Liebes, morgen.
Morgen? Klara ist sichtlich überrascht.
Natürlich morgen. Du hast dich wohl vertan. Um ein Uhr. Nicht vergessen!
Klara legt das Telefon weg und bricht in Tränen aus.
..
Klara ist seit fünf Jahren mit Sebastian zusammen. Er gilt als sehr begehrter Junggeselle, aber aus irgendeinem Grund hat er gerade ihr damals den Hof gemacht. Aus Dankbarkeit tut Klara immer alles, um ihm zu gefallen: Sie zieht sich so an, wie er es mag teure, modische Stiefel mit hohen Absätzen, Hosenanzüge, die ihr eigentlich gar nicht richtig stehen, das grelle Make-up, das Sebastian bevorzugt, und legt ihre widerspenstigen Haare akkurat zurecht.
Meine Frau muss modisch und schick aussehen. Passend zu mir, pflegt er zu sagen, und Klara bemüht sich, diesem Bild zu entsprechen.
Meist treffen sie sich mittwochs und am Wochenende.
Sebastian bringt ihr regelmäßig Hemden zum Waschen.
Klara, niemand wäscht so gut wie du. Meine Mutter würde sie einfach in die Maschine schmeißen, und sie sind so teuer!, sagt er.
Zurück bekommt er die Hemden gebügelt und sauber.
Außerdem bereitet Klara ihm das Mittagessen für die Arbeit vor: sonntags das Essen für Montag bis Mittwoch und mittwochs für Donnerstag und Freitag. Immer so, wie er es mag.
Du kochst fantastisch! Wer sonst, wenn nicht du? Willst du, dass ich Magenprobleme kriege von diesem schlimmen Kantinenessen?
Ständig muss Klara Sebastian bewundern und anbeten.
Und ja, als kreativer Geist kommt Sebastian regelmäßig zu spät. Manchmal taucht er aber auch pünktlich auf.
Ans Geld denkt er selten meist bezahlt Klara für die Mittagessen, die sie kocht, und für die Cafés, in die sie gehen, obwohl Sebastian aus gutem Haus stammt, einen tollen Job und ein gutes Gehalt hat.
Klara glaubt, dass Sebastian sie eines Tages heiraten wird, aber Jahr um Jahr vergeht und nichts passiert.
..
Klara wischt sich die Tränen ab. Was soll man von ihm schon erwarten? Sie schaltet den Fernseher ein der Wetterbericht läuft: Morgen soll es noch kälter werden.
Sie schüttelt sich und ihr Blick fällt auf den vergessenen Blumenstrauß. Die Blumen sind schon etwas welk, doch immer noch wunderschön. Sie stellt sie ins Wasser und ihre Gedanken wandern zurück zu Sebastian: Ach ja, jetzt müsste ich seine Hemden waschen, das Essen für die Woche vorkochen, noch schnell einkaufen gehen schließlich treffen wir uns doch morgen…
Dann durchfährt sie ein eisiger Gedanke morgen, und es wird NOCH kälter. Nein! Wieder bleibt ihr Blick bei den Blumen hängen.
Die Worte des jungen Mannes klingen ihr in den Ohren: Sie haben nur sich selbst schätzen Sie sich!
Schätzen Sie sich selbst… Schätzen Sie sich selbst… Wann hat Klara das letzte Mal an sich selbst gedacht? All ihre Gedanken kreisen immerzu um Sebastian, wie sie ihm eine Freude machen kann, und sie versinkt in Träumereien von einer gemeinsamen Zukunft.
Schätzen Sie sich selbst… Schätzen Sie…
Aber wie geht das? Klara kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt etwas für sich getan hat.
Ihr Blick schweift wieder durch das Zimmer und bleibt erneut an dem Blumenstrauß hängen. Im Wasser sehen die Blumen frischer aus, fast lebendig. Und Klara fühlt ebenfalls eine neue Lebendigkeit. Zuerst streift sie alle Pullover ab, wühlt im Schrank, zieht eine bequeme Hose und ein lockeres Hemd an. Sie wäscht alles Make-up ab und löst ihre Haare sie fallen locker über ihre Schultern.
Dann nimmt sie alle Hemden von Sebastian, stopft sie mit ruhiger Hand in die Waschmaschine und stellt sie an.
Schließlich holt sie ihre Staffelei hervor.
Wie lange hat sie schon nicht mehr gemalt! Sebastian hat es immer verboten, behauptet, er reagiere allergisch auf die Farben, und meint, eine Frau solle ihren Mann unterstützen und sich um den Haushalt kümmern.
Klara lächelt und beginnt, den Blumenstrauß zu malen, der vor ihr steht. Und dann fließt auf einmal alles.
Klara legt sich erst am frühen Morgen schlafen. Sie hat drei Bilder gemalt und möchte einfach weiter und weiter malen…
..
Jemand klingelt hartnäckig an der Tür. Klara schaut auf die Uhr schon fast drei Uhr nachmittags. Sie öffnet die Tür und Sebastian stürmt herein.
Warum bist du zu Hause? Ich dachte, du bist losgegangen, weil du gestern nicht gewartet hast… Und jetzt bist du noch nicht einmal aus der Wohnung?!
Da fällt Sebastians Blick auf den Blumenstrauß:
Was ist das?
Das sind Blumen. Schön, oder?
Sebastian schnaubt. Er hat Klara noch nie Blumen geschenkt. Eigentlich hat er ihr überhaupt nie etwas geschenkt. Du bist doch nicht mit mir wegen des Geldes zusammen, hat er immer gesagt.
Sein Blick schweift durch die Wohnung.
Warum siehst du so aus?
Ich bin gerade erst aufgestanden, ich habe die ganze Nacht gemalt…
Gemalt? Weißt du nicht, dass ich allergisch bin?!
Sebastian schnappt sich ein Taschentuch und schnäuzt sich demonstrativ.
Was ist nur los, Klara? Ich muss morgen arbeiten! Wo sind meine Hemden? Wo mein Mittagessen?
Die Hemden bügele ich gleich. Lass uns das Essen diesmal zusammen kochen, was meinst du?
Ich? Kochen? Ich bin doch der Mann, Versorger! Ich verdiene das Geld, deine Aufgabe ist die Küche!
Schön. Du bist der Versorger. Aber du gibst mir doch gar kein Geld!
Nach der Hochzeit bekommst du monatlich etwas, säuselt Sebastian nun versöhnlich.
Und wann heiraten wir?, fragt Klara, diesmal ungewohnt scharf.
Wenn ich es entscheide! Und überhaupt: Bist du etwa mit mir nur wegen des Geldes zusammen?
Klara steht auf, nimmt eine Tasche, räumt seine Hemden hinein und reicht sie ihm.
Hier. Lass deine Mutter bügeln. Und jetzt geh…
Meine Mutter bügelt nicht, weil…
Ich habe gesagt: Geh. Hast du mich nicht verstanden? Es reicht. Such dir eine andere dumme Gans. Ich bin fertig mit dir.
..
Fast 15 Jahre sind vergangen. Klara steht heute auf der Galerie eines großen Messegeländes in Frankfurt und blickt auf die Menschenmenge runter.
Warum habe ich bloß zugesagt? Ich hasse solche Messen… Nur wegen meiner Tochter…, Klara schmunzelt. Sie hat mich überredet.
Sie beobachtet die Besucher, wie sie an die Bilder herantreten, sie betrachten… An ihren Blicken erkennt sie, ob sie kaufen wollen oder nur durch die Halle schlendern.
Da fällt ihr eine seltsame Paarung auf. Er geht gemächlich voraus, etwas herrisch. Die Frau folgt in kleinem Abstand, fast schon wie ein Hündchen. Sie bleiben an Klaras Stand stehen, sprechen kurz und plötzlich klingelt ihr Handy.
Komm her, sagt ihr Assistent am anderen Ende.
Klara tritt an ihren Stand und lächelt. Sie weiß, was dieses Paar fragen wird.
Dieses Bild ist nicht zu verkaufen, sagt sie gleich. Der Mann dreht den Kopf zu ihr und Klara erkennt Sebastian.
Klara? Ich wusste doch, das Bild kenne ich!
Hallo! Aber verkauft wird es nicht, Sebastian.
Klara blickt zu seiner Begleiterin perfekter Haarschnitt, ausdrucksstarkes Make-up, modischer Anzug, High Heels. Und in ihrem Blick eine tiefe Traurigkeit.
Wie sehr sie doch der alten Klara gleicht!
Ich zahle, was du willst.
Klara lächelt nur.
Nein. Das Bild ist mein Glücksbringer. Mit diesem Strauß hat meine Künstlerlaufbahn begonnen.
Na dann, wie du meinst. Auf Wiedersehen!, ruft er ihr zu.
Sebastian geht, ohne sich umzudrehen, seine Begleiterin hastet hinterher. Er ist wütend. Natürlich… dieses Bild, mit diesem unsinnigen Blumenstrauß. Für ihn war es pure Demütigung deshalb wollte er es kaufen, nur um es zu zerstören. Wie konnte er es nur nicht gleich erkennen!
Und Klara steht noch lange dort, schaut ihnen nach und ist froh, dass ihr damals ein fremder junger Mann einen wunderschönen Blumenstrauß und ein paar ganz entscheidende Worte geschenkt hat…





