Leb noch ein wenig, Opa.
Die große, leere Altbauwohnung in Berlin roch nach Staub, mit ihren hohen Decken, halb abgehängten Vorhängen auf den Fensterbänken, frei liegenden Heizkörpern und Rohren.
Den Schlüssel hatte er von der Nachbarin, Frau Becker, erhalten. Durch die Zimmer wandernd, bestaunte er das riesige und doch heruntergekommene Badezimmer, schlenderte ins große Wohnzimmer, öffnete den Balkon und sank in einen breiten, altmodischen Sessel.
Ja! Die Wohnung war prächtig. Ein wahres Schmuckstück. Wie viele Zimmer mochte es geben? Allerdings war alles so verwahrlost, dass das Wohnen hier fast unmöglich schien.
Er verweilte einen Moment, dann trat er ans Fenster und blickte in den Innenhof. Unsicher… Er wusste, dass in Berlin Parkplätze knapp sind vielleicht hatte er den Volkswagen auf einem fremden Platz abgestellt. Noch war der Hof ruhig und genug Platz frei für weitere Autos. Er sollte seine Reisetasche holen.
Hier würde er also leben für mehr als einen Monat solange wie der Urlaub reichte. Und zwar nicht allein.
Die Idee, die Wohnung in zwei Tagen auf Vordermann zu bringen, verblasste beim Anblick der Vernachlässigung. Graue Bogenfenster mit verstaubten Blumen, schwere Gardinen mit Staubfalten, eine rostige Wanne und marode Heizung.
Die Decke war mit kunstvoller Stuckatur verziert, aber überall brüchig. Ein kreisrunder, grauer Kronleuchter, bedeckt von einem Tuch, wohl um die Kristalle vor Staub zu bewahren. Das Parkett war teilweise aufgegangen. Der Herd uralt, die Waschmaschine handbetrieben und der Kühlschrank ein alter Siemens klebte förmlich vor Dreck. Alles voll Staub, Sand und Verfall.
Er ging ins Arbeitszimmer: dunkel, fast schwarze Möbel, massive Regale bis zur Decke. Er schob die nachtblauen Samtvorhänge auseinander, auf dem Tisch standen ein Marmorstiftköcher, Malachit-Kulis, ein Kalender. Er blickte auf das Datum: 12. Januar 1995.
Die Zeit war hier stehen geblieben…
Auch das Schlafzimmer wirkte lieblos. Hinausgezogene Kleidung lag vor dem kaputten Schrank, die Gardinen halb hochgezogen, die Heizkörper unbedeckt und braun verfärbt… Er zog die Schublade der Kommode und entdeckte eine offene Schmuckschatulle und erschrak.
Donnerwetter! entfuhr es ihm.
Die Schatulle quoll über vor Goldschmuck: Ringe, Ketten, Armbänder, Broschen… So viel Gold! Ein Gedanke blitzt auf: einfach einen Ring mitnehmen… Wen würde das merken?
Aber der Gedanke war schon wieder fort. Wenn sogar die Nachbarn ehrlich geblieben waren… Und vielleicht gibt es ja ein Inventar, eine Kamera? Er sah sich um nein, hier doch nicht.
Er verstaute die Schatulle, schloss die Kommode, tastete nach dem Lichtschalter kein Strom. Im Flur entdeckte er den Kasten, schaltete das Licht ein.
Wenigstens das… Er lud sein Handy, holte seine Tasche und schlief wenig später tief und fest auf dem alten, knarrenden Holzbett im Schlafzimmer. Fast ein ganzer Tag war er zuvor unterwegs gewesen.
***
Guten Tag, spreche ich mit Herr Dimitri Schreiber? eine alte Stimme.
Ja, am Apparat…
Herr Schreiber, Dmitri… wie schön, dass ich Sie erreiche! Ich heiße Frau Edelgard, ich arbeite hier als Pflegerin. Meine Enkelin hat mir geholfen, Ihre Nummer zu finden. In unserem Heim lebt Ihr Großvater, Ludwig Schreiber. Ich darf Sie doch so nennen? In meinem Alter…
Sagen Sie ruhig…
Dmitri, Sie sind sein einziger Enkel, wissen Sie. Ihr Opa spricht wenig, ist krank, aber er wartet auf Sie. Sehr…
Verzeihen Sie… Wie war Ihr Name?
Edelgard Müller.
Frau Müller, danke für Ihre Fürsorge, aber ich kenne ihn kaum. Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen, ich…
Das weiß ich. Ihr Vater ist schon länger verstorben. Und Ihre Mutter ist, Gott hab sie selig, auch kürzlich gegangen. Sie war bei uns, wissen Sie…
Was? Meine Mutter? Das kann nicht sein…
Doch, doch. Es kam plötzlich, vermutlich hat sie es Ihnen nicht mehr sagen können. Aber sie war da, die liebe Julia, Ihre Mutter. Eine gute Frau…
Entschuldigen Sie, Sie… Meine Mutter?
Ja, sie kam. Dmitri…
Verzeihen Sie, wollen Sie, dass ich komme? Ich arbeite und wohne weit entfernt…
Natürlich… Aber hören Sie, Herr Ludwig besitzt in Berlin eine Wohnung. Eine große. Nun versuchen Leute, ihn zu überreden, die Wohnung unserem Heim zu überschreiben, vertreten durch den stellvertretenden Leiter. Ein unangenehmer Mensch. Ich mache mir Sorgen…
Lassen Sie ihn doch. Für mich ist mein Großvater ein Fremder. Seine Sache…
Doch Edelgard redete weiter, als hätte sie nicht zugehört:
Herr Schreiber kann schwer sprechen. Laut Gesetz dürfen wir nichts machen, aber… Sie wissen, wie das ist. Er würde gern, dass Sie die Wohnung bekommen. Er sagt, er brauche niemanden. Aber das ist nicht wahr… Zumindest träumt er davon, noch einmal daheim zu wohnen. Doch seine Beine tragen nicht mehr. Er hat viele Krankheiten. Deshalb habe ich Sie gesucht und gefunden…
Gut, ich überlege es mir. Dies ist Ihre Nummer?
Ja, meine.
Ich rufe zurück…
Wie im Film: Ein unerwartetes Erbe. Doch Dmitri glaubte es kaum. Er wollte nicht zurückrufen.
Mutter hatte erzählt, der Großvater sei ein schwieriger Mensch gewesen. Nach dem Tod des Vaters, lange nach der Scheidung, hatte sie nur einmal gesagt: “Ludwig hat sogar seinen Sohn zugrunde gerichtet.”
Deshalb glaubte Dmitri nicht, dass seine Mutter den Großvater besucht hatte. Vielleicht, wenn überhaupt, wegen der Wohnung? Um ihm etwas zu sichern?
Nach Berlin solltest du ziehen, Junge… dachte er an die Träume der Mutter.
Ja, das hätte sie sich für ihn gewünscht. Für ihn hätte sie vieles getan. Sie liebte ihn sehr.
Eine Berliner Altbauwohnung! Ach…
Sie hatte immer erzählt, der Opa sei eine große Nummer gewesen, die Wohnung sei riesig, mitten in der City. Als sie zum Kennenlernen kam, hatte sie sich verlaufen. Mehr erfuhr er nie das Familienleben verlief nicht glücklich, und die Mutter zog zurück nach Freiburg, wo Dmitri aufwuchs. An den Vater dachte er kaum, schon gar nicht an die andere Familie.
Doch er hatte Großeltern die Eltern seiner Mutter. Die besten! Dank ihnen hatte er eine kleine Wohnung in Freiburg ergattern können. Dummerweise hatte er sie auch auf seine Frau überschrieben. Die Ehe war schwierig, nach zehn Jahren ließen sie sich scheiden. Die Tochter wuchs bei der Schwiegermutter auf, die Ex kümmerte sich wenig.
Die Wohnung wurde vor Gericht geteilt. Dmitri behielt ein kleines Hinterhaus: 14 Quadratmeter Zimmer und fünf Quadratmeter Küche. Er wollte einfach nur irgendwo unterkommen, später merkte er, dass man dort kaum leben konnte und begann, für eine größere Wohnung zu sparen jeden Cent. Unterhaltszahlungen, Nebenkosten, Essen, Benzin…
Seine Ex rief ständig an: Geld für die Tochter… Die Alimente seien zu wenig. Mit der Tochter verstand er sich gut, holte sie manchmal in die kleine Bude, verwöhnte sie.
Papa, du sparst nie genug für eine Wohnung mit all dem Süßkram…
Das stimmt…
Hui, eine Wohnung in Berlin… Die Gedanken kreisten.
Nach ein paar Stunden Arbeit an einer Baustelle griff er doch zum Handy.
Frau Müller? Hier ist Dmitri. Was genau will mein Großvater? Könnten Sie es noch einmal erklären?
Edelgard schien damit gerechnet zu haben und erklärte gerne. Ludwig Schreiber sei krank, wolle aber seinen Lebensabend zu Hause verbringen oder wenigstens ein Mal in seiner alten Wohnung. Und seinen Enkel wiedersehen, auch wenn er es nicht sagt. Aber sie könne es spüren…
***
Es war also der Eigennutz, die Aussicht auf ein Erbe, die Dmitri nach Berlin trieb. Und das konnte er sich selbst eingestehen.
Zum ersten Mal sah er in der Wohnung auf Bildern an der Wand Großvater und Großmutter. Der Großvater: wichtig, wohlhabend, nicht eben sympathisch. Die Großmutter nett, ein wenig wie seine Tochter Steffi.
Diesen fremden Mann würde er morgen aus dem Pflegeheim abholen und in diese verwahrloste Altbauwohnung bringen.
In der Küche prüfte er den Gasherd: Gas strömte, aber es roch seltsam. Er sollte besser die Stadtwerke rufen. Die Wohnung war lange geschlossen… Seit 1995? Das hatte er Edelgard Müller vergessen zu fragen.
Es klopfte sacht an der Tür. Die Nachbarin, Frau Becker, kam die, bei der er den Schlüssel abgeholt hatte.
Ich dachte mir, nichts geht hier in der Wohnung. Vielleicht möchten Sie einen Tee?
Sie saßen in der gemütlichen Küche bei ihr.
Die Schlüssel bekam meine Schwiegermutter von Ihrem Großvater. Wir sind erst später eingezogen, Schwiegermutter und mein Mann sind schon lange tot… Nun wohne ich mit meiner Tochter und ihrer Familie.
Wie lange lebt er schon im Pflegeheim?
Ach, bestimmt seit fünfzehn Jahren oder mehr. Wir sind seit zwölf Jahren hier. Schwiegermutter hat früher seine Blumen gegossen. Wir schafften das nicht mehr… Die Wohnung sollte eh verkauft werden. Ich bin krank, meine Tochter hat Arbeit und Kinder… Zu Hause schafft man kaum alles!
Sie kannten ihn nicht persönlich?
Nein, nur Geschichten von der Schwiegermutter. Sie respektierte ihn, hatte aber auch Angst. Er arbeitete im Ministerium, unsere Familie war immer einfach. Die Wohnung erbte mein Schwiegervater, Kapitän zur See. Es gibt da eine Familiengeschichte, aber ich weiß sie nicht mehr.
Hätten Sie die Nummer der Gaswerke für mich?
Natürlich, ich schau gleich nach, sagte sie und verließ den Raum, drehte sich an der Tür noch einmal um, Bringen Sie ihn wirklich zurück? Wie alt ist er denn?
Weiß ich selber nicht genau… Ich habe erst kürzlich von ihm erfahren. Ich will ihn holen. Nur für einen Monat während meines Urlaubs.
Sie sah ihn mit Zweifel an:
Alte Menschen… können anstrengend sein. Hauptsache, er ist noch klar im Kopf…
***
Die Gaswerker kamen nicht mehr. Wegen eines Notfalls. Dmitri beschloss in ein Café zu gehen, Putzmittel und etwas Essbares einzukaufen.
Morgen wollte er ins Heim fahren, hatte schon alles mit Frau Müller geklärt. Diese meinte, er solle nichts einkaufen, sie bereiten alles für den Großvater vor.
Dimitri verstand nicht, was Frau Müller meinte persönliche Sachen werden reichen, alles andere sieht man dann.
Früh morgens machte sich Dmitri auf zur Adresse in Brandenburg, eigentlich ein gewöhnliches Pflegeheim. Vielleicht würde der Großvater gar nicht mitkommen zumindest aber wollten sie sich sehen.
Der Gedanke an das Erbe ließ ihn nicht los. Vielleicht reicht ein einziges Treffen, um das Herz des Alten zu erreichen. Vielleicht würde der Opa, sentimental geworden, die Wohnung vererben… Hoffentlich kam er nicht zu spät und alles war bereits geregelt. Immerhin taucht der Enkel auf, gibt es Hoffnung.
Und sollte am Ende alles umsonst sein? Dann schlenderte er eben noch durch Berlin, zur Museumsinsel oder in den Baumarkt, bevor es zurückging. Schade ums Geld, aber… Man darf nicht auf Wunder hoffen.
Das Heim war klein, ein zweistöckiger Bau. Gepflegter Garten, Wachmann, Schranke, Rabatten, Bänke es gefiel ihm.
Angenehm auch, dass man ihn erwartete: Frau Müller, dünn, mit grauen Locken unterm Stirnband, empfing ihn fast an der Tür.
Guten Tag, Herr Schreiber. Ich bin schon aufgeregt. Sie gehen jetzt zum Heimleiter, aber erwähnen Sie mich bitte nicht. Sagen Sie, Opa hätte Sie selbst gebeten, ihn abzuholen. Er kann kaum sprechen. Und die Geburtsurkunde haben Sie dabei?
Der Heimleiter kam samt einer Ärztin. Man redete lange über Ludwigs Gesundheitszustand, es werde nicht leicht, physisch und psychisch. Aber Dimitri hörte nur: Sie wollen die Wohnung abschwatzen.
Nein, ich nehme ihn mit. Wir schaffen das! wiederholte er, als sei er schon ganz sicher.
Der Arzt zuckte die Schultern, schien fast mitfühlend: Die Formulare sind in einer Stunde fertig. Gehen Sie inzwischen zu Ihrem Großvater.
Dimitri nickte und tat so, als kenne er den Weg. Frau Müller schlug ein Kreuz und bedeutete ihm zu warten.
Dimitri betrachtete Infotafeln und Blumen, als plötzlich ein lauter Summton erklang: Ein uralter Mann sauste im elektrischen Rollstuhl den Flur entlang so schnell, dass man meinen konnte, jemand steuere ihn ferngesteuert. Ein scharfes Manöver, dann hielt er an der Wand, wendete und rollte auf Dimitri zu.
Der hiesige Rennfahrer, schoss es Dimitri durch den Kopf. Auch hier gibts so einen?
Mit der Rechten hielt der Alte den Joystick. Der Rollstuhl schien zu groß für ihn schief zur Seite geneigt, schwarzer Trainingsanzug, Wollsocken, graue Mütze. Das Gesicht wie ein Schrumpfelapfel: verkrustete Wangen, Bartstoppel, roter Nasenrücken, funkelnde Augen unter dichten Brauen.
Dimitri blickte zur Seite. Eine Pflegerin kam mit zwei Reisetaschen.
Herr Schreiber! Ich hab doch gesagt, warten Sie! schimpfte sie, schnallte den Gurt an, deckte ihn zu.
Der Alte setzte sich aufrechter, schaute aber weiter stur auf Dimitri.
Jetzt dämmerte es ihm: Das war also sein Opa. Doch wie auf den Fotos in der Wohnung war dieser Mann nicht. Damals ein stattlicher Mann mit Bauch, und nun…? Er betrachtete die Hände braun, fleckig, wie Holz.
Guten Tag, nickte Dimitri.
Der Opa starrte ihn nur an.
Frau Müller packt noch das Letzte. Windeln sind dabei, aber er weigert sich. Alles versucht, keine Chance Sie, bitte, lassen Sie ihn nicht so rasen. Solange er hier ist, tragen wir die Verantwortung. Gehen Sie ruhig ein wenig spazieren.
Die Pflegerin rollte die Einkäufe davon, Dimitri war überfordert. Der Opa hielt den Blick gesenkt. Dimitri drehte widerwillig den Rollstuhl zur Bank im Garten.
So, Opa. Ich bin hier. Frau Müller hat mich gefunden, begann er. Doch der Blick des Großvaters blieb auf dem Rollstuhlhebel, regungslos. Trotzdem hatte Dimitri das Gefühl, er hört doch zu. Willst du wirklich hier weg? Hier ist es doch in Ordnung. Oder?
Nichts.
Hörst du mich überhaupt? rief er lauter.
Nichts. Dann zuckte ein Mundwinkel wie ein unterdrücktes Lächeln.
Aha… Dimitri hob die Brauen. Plötzlich eine Idee. Er trat ein Stück zur Seite und rief: Rückwärtsgang!
Der Rollstuhl schoss zurück, knapp an Dimitri vorbei er sprang beiseite.
Stopp! der Rollstuhl hielt. Fahren wir da zu den Schaukeln, deutete er.
Doch der Alten wartete nicht, rollte einfach los, in die entgegengesetzte Richtung. Dimitri hechtete querfeldein und fing den Rollstuhl an der Ecke ein.
Holla! Nicht schlecht, alter Mann, keuchte er. Mit dem Großvater würde es nicht langweilig.
Er fuhr die Runde mit ihm, und langsam dämmerte ihm, auf welches Abenteuer er sich einließ. Wie wenig er wusste vom Umgang mit kranken, dementen alten Leuten! Und gleich würde er für alles unterschreiben.
Vielleicht noch zurück zum Direktor, ehrlich sagen, es sei zu viel? Am liebsten wäre er heimgefahren.
Aber die Wohnung? Weg…
Nein er musste durchhalten. Frau Müller hatte ja gesagt: Ludwig will einfach noch einmal zu Hause leben. Einen Monat würde er das schaffen. Vielleicht war es schon zu spät, gab es ein Testament? Wo waren die Unterlagen?
Eine Schwester löste ihn ab.
Möchten Sie alle Papiere übernehmen? Sie nehmen ihn ja nicht für immer mit…
Ja, natürlich.
Er unterschrieb für jeden einzelnen Wisch: Personalausweis, Krankenkarte, Patientenausweis, Sparbuch, Eigentumsnachweis, ein weiterer, noch einer… Alles musste exakt dokumentiert werden. Und: Vor fünf Jahren wurde die Geschäftsfähigkeit aberkannt, also… Sie verstehen. Keine Verträge bitte. Das Sozialamt kommt und prüft die Bedingungen. Wir sind verpflichtet, zu melden…
Kein Testament bei den Papieren. Vier Taschen, einen Rollstuhl alles landete im Kofferraum. Ludwig vorne auf dem Beifahrersitz der Körper schlaff, aber mit Unterstützung von Dimitri und dem Pfleger war er schnell verstaut.
Die Windeln lieber nicht, er wird wütend, riet Frau Müller, Haferschleim hasst er, alles pürieren, wenig Fleisch. Die Diät hat der Arzt aufgeschrieben. Vieles macht er noch selbst, aber wenn man hilft, ärgert er sich. Spritzen mag er nicht, doch nachts blieb mir oft nichts anderes übrig. Er schimpft dann, schlägt um sich, aber ich bin flink genug… Tu, was du kannst! Richtig? Ruf mich an, wann immer du willst… Mir ist er ans Herz gewachsen…
Das Tor schloss sich, Frau Müller weinte, und Dimitri seufzte erleichtert.
Im Kopf immer der gleiche Gedanke: Was meinte der Direktor wegen der Geschäftsunfähigkeit? Ein Anwalt muss her. Die Wohnung sein Hauptanliegen.
Aber dieser alte Mann? Wozu das alles für ihn?
Er blickte auf den Großvater. Der starrte aus dem Fenster, der graue Asphalt zog sich durch märkische Wälder.
“Schon gut,” dachte Dimitri, “vielleicht ist es besser so… Vielleicht schaffen wir das ohne große Sprüche. Zusammen neu anzufangen, ist es Versuch wert. Manchmal schenkt das Leben einem unerwartete Aufgaben und erst durch sie, merkt man, wie wertvoll Begegnung und Verantwortung sind. Auch, wenn das Glück anfangs ganz woanders lag.”





