Zerbrochene Realität
Irgendetwas stimmt nicht
Morgen. Sonnenlicht überflutet das Zimmer und lässt das kleine, schiefe Kinderbett erstrahlen. Es ist leer, aber das zerwühlte Deckchen und die verstreuten Kuscheltiere deuten eindeutig auf einen Besitzer hin. Im Wirrwarr der Bettwäsche auf dem großen Doppelbett regt sich etwas. Ein zerzauster Frauenkopf mit kurzem, braunem Deckhaar kommt unter der Decke hervor. Katharina schlägt die Augen auf. Der Kopf schmerzt heftiger als sonst und eigentlich wäre es nach dem Tageslicht zu urteilen längst Zeit, aufzustehen.
Wozu? Sie zieht die Decke höher. Nur noch ein paar Minuten… Wie spät mag es wohl sein? Behutsam greift ihre Hand nach dem Handy. Auf dem hellen Display stehen: 10:03. Ach, ich schlafe einfach noch ein wenig weiter.
Katharina schließt die Augen und ist schon im Begriff, in einen festen, angenehmen Schlaf zu gleiten, als sie abrupt zurück in die Gegenwart katapultiert wird. Jetzt ist es 10:04. Sie richtet sich im Bett auf. Etwas fühlt sich ganz falsch an. Sie hat das Gefühl, sie hat etwas Wichtiges verschlafen und kann sich einfach nicht erinnern, was es war.
Sie steht auf, schlurft durch die leere Wohnung. In den drei anderen Schlafräumen stehen ebenfalls ungemachte Betten. Im Wohnzimmer steht benutztes, nicht abgeräumtes Geschirr vom Vorabend auf dem Tisch: sechs Teller, sechs Tassen, sechs Sets Besteck. Im Aquarium zieht eine große Schildkröte gemächlich ihre Bahnen. In der Küche hocken zwei Katzen mit einem leicht beleidigten Blick neben ihren Näpfen. Alles ist wie immer. Und trotzdem, irgendwas stimmt nicht.
Was fehlt nur?, murmelt Katharina und reibt sich die Schläfen. Genau… heute ist es viel ruhiger als sonst… Aber warum bloß?
Eine belebende Dusche. Das kühle Wasser rinnt über ihren Körper. Die Kopfschmerzen verziehen sich. Katharina zieht sich an, wäscht sich das Gesicht und verlässt das Bad, ohne sich im Spiegel zu betrachten. Ihr Handy zeigt jetzt 11:30.
Kaffee wäre jetzt gut. Sie läuft in die Küche, während große Funkuhr im Flur verkündet: fünfzehn Uhr, dreiundvierzig Minuten.
Komisch. Das Handy zeigt 11:35, während die Wanduhr in der Küche 18:12 anzeigt. Verstehe gar nichts mehr. Das Handy bleibt bei 11:36…, denkt Katharina.
Vielleicht sind die Uhren einfach verstellt. Sie lässt sich in den Sessel sinken. Doch irgendetwas anderes stört sie, etwas Fremdartigeres.
Ich sollte mal durchlüften, vielleicht denken sich die Gedanken dann von selbst… Katharina steht auf und geht zum Fenster im Schlafzimmer. Draußen ist Winter. In den zwei anderen Fenstern Frühling. Das dritte: Sommer. Vom Balkon in der Küche dringt herbstfeuchte Kühle mit dem Geruch nach welkem Laub herein. Im Wohnzimmerfenster herrscht pures Chaos: zarte, blühende Blumen stecken im Schnee, grüne Bäume ragen über die Schneeberge. Auf den Straßen tummeln sich Pfützen, in der Luft wirbeln verschrumpelte, bunte Blätter. Als hätte jemand alle Jahreszeiten in einen Cocktail gemixt.
Das alles ist seltsam, aber… Das ist nicht das, was mich beunruhigt. Mit den Fingern fährt sie über eine alte Narbe an der Stirn. Am besten, ich setze mich an die Arbeit. Das Buch schreibt sich ja nicht von selbst.
Sie stolpert über einen Kinderstuhl mit Buchstaben-Aufdruck und setzt sich an ihren Computer. Über dem Tisch hängt ein Regal mit zwei Schränkchen. An einer der Türen prangt unter lauter Zettelchen ein Foto: Ein Baby im dünnen, gelben Strampler, kuschelt sich ins Deckchen und lächelt verschlafen.
Offen… das Schränkchen ist schon wieder offen. Ein Gefühl, eine Art Erinnerung blitzt auf, ist aber im nächsten Augenblick schon wieder fort. Ich muss mich erinnern…
Sie schließt das Schränkchen, schaut sich um. Auf der Kommode steht das Hochzeitsfoto. Sie und ein Mann im hellen Anzug. Stille viel zu viel Stille. Dann trifft es sie wie ein Blitz:
Wo ist eigentlich alle hin? Wo seid ihr?, fragt sie laut und presst die Hände an den Kopf. Die Schläfen hämmert es. Aber… wer ist eigentlich alle? Was passiert hier gerade? Wieso kann ich mich nicht erinnern? Warum ist es sooo still!?
Du wolltest doch die Ruhe, nicht wahr. Die Stimme kommt von überall und nirgendwo, als wäre sie gleichzeitig in ihrem Kopf und im ganzen Zimmer. Du sollst gar nicht daran denken, sondern schreiben. Setz dich hin. Los!
Der Laptop summt leise und fährt hoch. Sofort startet Firefox. Auf der geöffneten Seite steht: Willkommen zum Spiel. Du hast 26 Stunden für die erste Aufgabenstellung. Deine Texte bitte als Kommentar in den angepinnten Beitrag. In der Ecke zählt ein Timer: noch dreizehn Stunden und vierzehn Minuten bis zum Abschluss der Aufgabe.
Die richtigen Fragen
Geschafft. Katharina nimmt die Finger von der Tastatur, macht zwei Klicks mit der Maus und lehnt sich zurück. Der Countdown zeigt die letzten Minuten. Bald kommt die nächste Aufgabe, ich sollte was essen und eine Pause machen.
Sie wirft einen Blick auf den Schreibtisch und die Schränkchen. Alles ist an seinem Platz, die Türen sind zu. Im Flur aktiviert sich irgendwo ein elektronischer Wecker: fünf Uhr, einunddreißig Minuten. Sie meint, ein Kichern zu hören. Das Handy bleibt bei 00:52. Offenbar kann sie nur ihm wirklich trauen.
Die Wohnung ist nach wie vor zu still. Katharina steht auf und geht zur Küche. Aus dem Kühlschrank holt sie einen Apfel, blickt dabei auf die Wanduhr: immer noch dieselbe Zeit. Die Katzen sitzen, diesmal vor vollen Näpfen sie fressen aber nicht, sondern starren stoisch ins Leere.
Im Flur quietscht plötzlich eine Tür. Eine Erinnerung blitzt auf und, eigenartig erleichtert, eilt sie zum Geräusch. Doch die Tür ist verschlossen, keiner da. Freude weicht Verwirrung, dann Ohnmacht und Wut. Katharina rüttelt an der Tür.
Versuch es gar nicht, du kommst hier nicht raus. Nicht jetzt. Die Stimme erklingt wieder, liegt jetzt wie ein Tuch über allem.
Wer bist du?! Was ist hier los? Warum so still?!
Wer ich bin, spielt keine Rolle. Wichtig ist: Du hast die Stille selbst gewollt und du stellst weiterhin die falschen Fragen.
Was sind denn die richtigen?
Überleg einfach. Und hol dir deine nächste Aufgabe ab. Überleg!
Das letzte Wort hallt schrill und schneidend in ihrem Schädel. Der Kopf dröhnt, aber sie geht brav zurück zum Computer. Die Webseite zeigt eine neue Aufgabe und der Timer läuft von Neuem, 25 Stunden und 52 Minuten. Sie liest, klappt den Laptop zu. An Buchmanuskript kann sie jetzt nicht denken. Die Fragen hängen im Raum, der bedrohliche Klang der Stimme weicht nicht.
Die richtigen Fragen… Sie fährt sich über die Lippen. Wo finde ich sie? Moment. Die Tür zum Schränkchen schon wieder offen?
Sie schließt die Tür erneut und stellt fest, dass sie noch Zeit für die Aufgabe hat. Sie schnappt sich das Hochzeitsfoto von der Kommode und versinkt in Gedanken.
Ich weiß, das bin ich auf dem Bild. Aber wer ist der Mann? Mein Ehemann? Warum habe ich keine Erinnerung an ihn? Was weiß ich überhaupt noch? Sie reibt sich die Schläfen, kratzt am Kopf die Schmerzen nehmen zu. Sie hat sich bis eben gefragt: Wo sind alle? Aber wer sind alle? Je mehr sie darüber nachdenkt, desto heftiger hämmert es im Kopf.
Ich gehe lieber duschen. Katharina duscht, das kühle Wasser nimmt die Schmerzen. Wer sind alle? Wer? Wer?! Wer bin ich?
Endlich die richtigen Fragen. Die Stimme ist jetzt nah, ein Flüstern direkt am Ohr, dringt durch das Prasseln der Tropfen.
Katharina fährt zusammen, öffnet die Augen, dreht sich um. Niemand da. Sie schaut hinter den Vorhang, auch nicht. Lehnt sich an die Tür, atmet durch.
Nur Einbildung. Sie kämpft, ruhig zu bleiben, aber ihr ganzer Körper ist angespannt und voller Gänsehaut.
War keine Einbildung. flüstert die Stimme, diesmal mit einem leisen Lachen.
Wer bist du?! Zeig dich endlich!
Immer noch die falsche Frage. Jetzt ernst, laut, klingend im Kopf und in der ganzen Wohnung.
Angezogen, schließt sie die Fenster in allen Räumen. Draußen nur noch Dunkelheit, kein Laut, kein Bild, nur schwarze Finsternis. Katharina checkt ihr Handy: 03:05. Am Schreibtisch sieht sie das Schränkchen steht wieder offen. Die Kinderfoto ist diesmal an die andere Tür geklebt, an die, die stets von selbst aufgeht. Katharina nimmt das Bild, schaut es lang an. Eine Träne rinnt die Wange hinunter.
Ich weine? Wieso? Wer bist du, Kleiner? Das Foto kommt wieder zurück auf den Zettel-Schrank, Katharina setzt sich. Nur Fragen und keine Antworten… Vielleicht Handy? Das Handy, der einzig greifbare Gegenstand, beschwert ihre Hand. Bisher hat es mich nicht getäuscht. Schauen wir mal…
Leicht bläuliches Licht auf dem Display. Kein Netz. Sie tippt ihren Sperrcode ein.
Das merke ich mir immerhin. Sie blättert. Keine Nachrichten, keine Anrufe, keine Kontakte. Zumindest kann sie keine lesen alles ist verschwommen, genau wie die Fotos auf dem Handy. Bringt ja auch nichts, wenn das Einzige, was stimmt, die Uhrzeit ist.
Sie scrollt weiter durch die verschwommenen Bilder in der Galerie. Plötzlich poppt eine neue Nachricht auf. Komisch, kein Empfang. Sie klickt auf das auftauchende Brief-Icon. Aber überrascht mich eigentlich nichts mehr…
Der Umschlag öffnet sich. Im Chat erscheinen vier Worte: Öffne den Ordner mit Punkt. Anstatt dem Befehl zu folgen, tippt Katharina:
Bist du das? Die Stimme aus meinem Kopf? Bist du jetzt auch in meinem Handy? Was ist in diesem Ordner? Wird mein Handy zum Feind? Du hast mich eingesperrt! Meine Erinnerung gelöscht! Wer ist das Kind auf dem Foto? Wer bin ich?
Ich bin keine Stimme. Ich bin hier, um dir zu helfen. Öffne den Ordner. Dann beantworte ich dir eine Frage.
Warum sollte ich dir glauben?
Weil du keine Alternative hast, wenn du Antworten willst. Öffne den Punkt-Ordner. Mehr kann ich nicht sagen.
Mit zitternden Fingern findet Katharina den Ordner im Handy. Ein Balken läuft durch, dann erscheint: Archiv entpackt. Dateien gespeichert. Speicherort: Galerie.
Offenbar Fotos. In der Galerie sind einige Aufnahmen nun scharf. Überall ist ein Kind, etwa zwei Jahre alt, das so aussieht wie die größere Version des Babys, das auf dem Schränkchen-Foto schläft. Die Kopfschmerzen verstärken sich eine Träne rinnt.
Ich habe den Ordner geöffnet. Aber es sind nur Bilder. Was sollen sie mir bringen?
Wer hat die Bilder gemacht? Wem gehört das Handy? Wer ist das Kind? Wer bist du? All diese Fragen könntest du jetzt stellen. Aber du wählst wieder die falsche. Aber gut, ich antworte: Diese Bilder sind deine Erinnerung. Sie geben dir die Möglichkeit, dich zu erinnern. Und in dem Ordner waren gar nicht die Bilder, sondern das, was dir geholfen hat, sie zu sehen. Bis bald.
Halt! Ich frage noch was anderes! Bleib da! Antworte!
Katharina schickt eine Nachricht nach der anderen, doch es kommt keine Antwort. Dann tanzen die Buchstaben durcheinander und lösen sich in einen goldenen Streifen auf. Das Display blinkt: Akku leer und verstummt. Die Frau geht erschöpft ins leere Schlafzimmer und schließt das Handy zum Laden an.
Das ist mein Handy dann habe ich die Fotos gemacht Aber wer bin ich? Bin ich Fotografin? Nein, Schriftstellerin. Sie nimmt das kleine grüne Deckchen und beginnt hemmungslos zu weinen. Ich bin Mutter…
Der Kopfschmerz umklammert ihre Schläfen, sie drückt die Nägel in die Haut. Alles schwärzt sich vor ihren Augen. Über ihr Ohr wispert unheilvoll:
Ich sehe, du erinnerst dich… Jetzt ist nicht die Zeit zum Weinen.
Im Dunkeln leuchtet das Handy: 04:13. Die Stimme wird lauter, durchdringt alles:
Erinner dich! Und schlaf!
Katharina rollt sich auf dem Bett zusammen, das grüne Kinderdeckchen fest im Arm.
Die Aufgabe Ich muss träumen, was ich morgen schreibe An die Aufgabe denken Mit diesen Gedanken sinkt sie in einen langen, unruhigen Schlaf.
Alles erinnern
Morgen. Grelles Licht. Katharina liegt noch, hält die Augen geschlossen.
Was für ein furchtbarer Traum. Ein Tag in einer leeren Wohnung. Zum Glück nur ein Traum. So still Alle weg. Halt, wer ist denn alle? Da sind ich, mein Mann, mein Kind. Wer sonst? Doch, da war noch jemand! Nein, nein, nein! Panisch reißt sie die Augen auf. Neben ihr niemand. Das Kinderbett leer. Sie hält immer noch das kleine Deckchen in der Hand. Sie drückt es ans Gesicht, atmet tief ein. Es duftet noch nach ihrem Kind, als hätte es das eben erst weggeworfen und wäre gleich losgerannt.
09:35. Das Handy zeigt nach wie vor die Zeit. Katharina steht auf.
Jetzt ist keine Zeit für Trübsal. Ich muss das herausfinden.
Bist du sicher? Der Stimme taucht aus dem Nichts auf. Eigentlich zählt doch nur die Aufgabe, oder?
Aufgabe? Was meinst du?
Ach ja, du erinnerst dich ja nicht. Ich habe es schon oft gesagt: Das ist es, was du wolltest.
Was genau? Katharina kratzt sich wieder heftig am Kopf. Die Zimmer zu kontrollieren ist sinnlos wenn die Stimme wieder da ist, hat sich nichts geändert. Es ist kein Albtraum, sie wird ihr Kind nicht im Nebenraum spielen sehen.
Dusche, Kaffee, Wohnzimmer. Die Kopfschmerzen gehen nicht. Aber sie stören kaum noch, haben fast so etwas wie eine Bedeutung bekommen. Je stärker sie sind, desto näher ist sie an der Wahrheit.
Erst jetzt bemerkt sie neue Fotos auf der Kommode. Zwei Jungen verschiedenen Alters, dazu ein Mädchen, wahrscheinlich die Jüngste.
Katharina greift zum Handy. Galerie, keine verschwommenen Bilder mehr, überall immer dieselben Gesichter. Vier Kinder, sie, ihr Mann. Kein Zweifel alle ihre. Aber was ist geschehen? Warum ist sie allein, in einer Wohnung voller Erinnerungen? Einer Wohnung, durch die eben noch Kinderstimmen und Gelächter zogen und der Mann das Samstagsfrühstück machte?
Sie lässt sich ins Sessel fallen, schließt die Augen, legt den Kopf nach hinten.
Denk nach! Nachdenken! DU MUSST! Sie öffnet die Augen, reibt sich die Schläfen. Vielleicht sind im Handy noch mehr Hinweise?
Erneut Handy, Nachrichten. Ein Chat mit ihrem Mann. Einkaufslisten, Alltagsdinge, dann:
Da du nicht zuhören willst, schreibe ich es. Ich bin völlig erschöpft. Ich mache alles für die Kinder, Tag und Nacht. Du bist immer bei der Arbeit, schläfst oder erledigst angeblich irgendwelche Sachen. Ich will auch einmal früher ins Bett. Aber ich kann nicht, weil unser Kleiner nachts oft aufwacht. Ich bringe ihn immer wieder ins Bett, stehe um vier auf, um sieben wieder. Ich bin den ganzen Tag mit ihnen eingesperrt. Ich habe dich nur gebeten, den Kindern ein bisschen Zeit zu widmen, damit ich an meinem Buch weiterkomme. Du hast es versprochen, und doch bist du bei erstem Anruf einfach gegangen. Nicht ausflippen? Du sagst MIR das? Das Schreiben ist alles, was mich noch am Leben hält! Es geht um einen wichtigen Literaturpreis! Ich habe keine Zeit mehr, das Manuskript rechtzeitig zu beenden. Und du lässt mich wieder allein im Chaos mit den Kindern…! Sie lassen mich keine zwei Minuten schreiben, immer ist etwas! Ich brauche Luft! Ich brauche Zeit für mich. Warum verstehst du das nicht?!
Abgesendet 19:37. Keine Antwort. Die Kopfschmerzen stechen. Katharina will Kaffee holen alles wird schwarz. Sie sinkt langsam zu Boden, das Bewusstsein verlischt.
***
Habt ihr denn gar kein Einsehen? Muss ich abends immer alles fünfmal sagen?! Ab in die Ecke mit euch! Wenn ihr nicht ruhig spielen könnt, steht ihr halt, bis ich schreibe.
Aber Mama, ich war gar nicht dabei, ich war in meinem Zimmer.
Es ist mir egal, wer was gemacht hat! Stehen bleiben! Du als Ältester hättest sie ruhig beschäftigen können, du weißt, wie wichtig mir die Fertigstellung des Buchs ist Die Korrektur ist entscheidend und ihr macht Krach! Wärt ihr wenigstens mal nützlich! Statt nur Unordnung zu machen… Jetzt ist Ruhe!
Mama, wir machen das nie wieder. Können wir jetzt schlafen?
Nein! Ich beende erst das Manuskript! Je mehr Unruhe, desto länger steht ihr.
Stunden später schickt Katharina das Buch ab.
Gerade noch geschafft… ach, und die Kinder? Sie schaut auf die Uhr, 01:23, eilt zum Flur. Die Kinder liegen quer auf dem Boden und schlafen.
Kommt jetzt, ihr gehört ins Bett, nicht auf den Boden Müde weckt sie beide Jungs, knuddelt sie und schickt sie ins Kinderzimmer. Hebt die Tochter hoch in ihre Arme, trägt sie ins Zimmer, deckt sie zu, Kuss auf die Stirn. Dann holt sie den Kleinsten, wiegt ihn an sich.
Entschuldigt, meine Lieben, Mama ist manchmal wütend, wenn ihr nicht hört aber ich hab euch sooo lieb.
Nachdem sie alle zugedeckt hat, bemerkt sie überall Unordnung, Wasser im Flur, Zucker in der Küche, das restliche Abendessen steht herum. Sie lässt sich auf den Boden sinken.
Wie lange noch?! Wut und Frust rollen neu an. Sie räumt auf, blickt auf die Uhr: 03:30. Jetzt kann ich wenigstens schlafen gehen…
Kinderweinen ruft sie zurück. Sie steht auf, beruhigt das Kind noch einmal, legt es wieder ins Bett, schaut auf ihr Handy: 04:20.
Eineinhalb Stunden Schlaf. Ich bin so müde. Wozu heiratet man und bekommt Kinder? Wenn ich das alles rückgängig machen könnte… Ich will einfach nur schlafen.
***
Sie blickt auf, liegt am Boden beim Sessel. Die Realität trifft sie wie eine Welle. Das ist mehr als Schuldgefühl es ist ein Schuld-Tsunami, das sie untergehen lässt. Sie setzt sich auf, umarmt die Knie, weint.
Ich habe das alles selbst gewollt… Ich wollte die Stille… habe bereut zu heiraten, Kinder zu bekommen… Jetzt ist alles verschwunden. Die Stimme hatte Recht ich wollte das so.
Jemand erinnert sich… Die Stimme klingt jetzt fast mitfühlend. Genießt du dein neues Leben? Ruhe, keine Stimmen, keine schrecklichen Kindersendungen.
Sie sieht vor dem inneren Auge ein Schild: Sarkasmus.
Du machst dich lustig? Siehst du das nicht?
Du wolltest doch genau DAS. Jetzt weinst du?
Nicht so. Die Gedanken kamen im Affekt. Ich wollte nur einmal schlafen, nicht meine Familie verlieren!
Aber so hat es sich angehört. Sei präzise mit deinen Wünschen. Jetzt kannst du so viel schreiben, wie du willst. Sogar die Katzen sind still, damit du nicht abgelenkt wirst. Ruhe. Erinnerst du dich?
Familie stört nie beim Schreiben! Mach alles wieder so, wie es war!
Das kann ich nicht. Die Stimme verebbt und verschwindet gänzlich.
Katharina steht auf, geht durch die Zimmer langsam, bringt in Gedanken die Erinnerung an jeden zurück. Sie denkt nicht mehr an Unordnung oder kaputte Tapeten. Das alles ist jetzt Nebensache. Sie streichelt die Sachen ihrer Kinder, denkt daran, wie sehr sie ihre Lieben vermisst.
Eine Dusche. Das Wasser soll die Gedanken neu sortieren, die Tränen wegspülen. Zum ersten Mal seit Langem sieht sie sich wirklich im Spiegel. In ihren geröteten Augen steht Entschlossenheit.
Das Handy zeigt 20:42, knapp vier Stunden bis zur neuen Aufgabe.
Diesmal schaffe ich es rechtzeitig. Aber vorher… Katharina tippt beim Unbekannten.
Vielleicht weiß er, wie ich alles wieder gut machen kann
Ich brauche deine Hilfe.
Nach dem Abschicken setzt sie sich an den Computer. Das Schränkchen ist geschlossen. Jetzt gibt es niemanden mehr, der es ständig aufreißt. Sie schaltet das Laptop ein. In das Aufgabenfeld tippt sie:
Die Schuld lastet schwer und quält mich in dunkler Nacht.
Ich erkenne nun die Fehler, die ich tat in voller Klarheit.
Ist ein Sehnen nach Stille ein Vergehen, so wie ihr mir sagt?
Oder wurden Worte im Zorn vom Schicksal zu ernst genommen?
Das Leben schlug zurück jetzt muss ich selbst die Schäden heilen.
Unwirklich
Aufgabe erledigt. Katharina sitzt vor dem schwarzen Bildschirm. Bis zum nächsten Auftrag ist Zeit, sie weiß nicht, was tun. An Flucht ist nicht zu denken. Sie überprüft Tür, Fenster Hinter den Fenstern ist nichts nur gemalte Kulisse. Sobald sie die Hand nach draußen ausstreckt, verschwindet sie einfach, als wären ihre Gliedmaßen ein Grafikfehler im Computerspiel. Die Tür lässt sich drehen, bleibt aber zu.
Je länger Katharina die Umgebung anstarrt, desto fake-artiger, gezeichnet wirklicher alles. Die Katzen rühren sich nicht, die Schildkröte zieht immer dieselbe Bahn. Der Kühlschrank summt nicht, keine Geräusche aus Nachbarwohnungen man hört nicht mal, wie andere laufen oder reden, wie doch sonst in deutschen Wohnungen mit ihren dünnen Wänden. Hier ist alles totenstill; Geräusche entstehen nur durch Katharinas eigenes Tun. Sonst: absoluter Schallvakuum.
Das ist alles nicht echt… Wie eingesperrt in einer flachen Collage, ohne Ausgang. Im Kopf läuft Liedgut über Dämmerung und fehlenden Ausweg. Hoffentlich ist wenigstens das Handy echt. Und vielleicht kommt wirklich Hilfe.
Genau in dem Moment vibriert das Handy. Entsperren. Brief-Symbol klicken. Dialog:
Ich bin da. Obwohl ich nicht antworten sollte. Das war nicht mein Job.
Aber helfen wolltest du doch?
Nicht ganz, ich MUSSTE helfen.
Was soll das heißen? Bist du genauso unecht wie alles hier?
Du ahnst es schon?
Jemand oder etwas hat mich in eine erfundene Welt geschickt, weil ich Einsamkeit und Ruhe wollte. Ich will aber zurück.
Das ist kein gezeichneter, sondern ein geschriebener Welt. Was erwartest du von mir?
Zeig mir doch den Ausgang! Die Tür zurück in meine echte Realität!
Ich kann nicht.
Warum? Du kannst doch Dateien im Handy sichtbar machen!
Ich male nichts. Ich habe nur dein Handy-Archiv freigeschaltet, weil jemand es so geschrieben hat oder besser SIE. Die Autorin, unsere Schöpferin. Sie spricht in deinem Kopf, lässt dich schreiben, dich schlafen. Solange sie dich schreibt und liest, lebst du. Auch ohne sie, sobald das Buch geschlossen ist. Das alles ist aber nicht dein eigentliches Leben. Der echte Alltag ist dort, wo deine Familie und deine Wochenenden, Frühstück und Chaos sind.
Komm ich zurück? Ich glaube, ich höre dich lächeln
Wenn ich nicht lächle, würdest du nicht fragen?
Vielleicht nicht. Es macht mir Angst zu wissen, ich habe keine Vergangenheit, keine Schulzeit, kein echtes Leben. Du könntest alles mit mir tun
Noch nicht. Für alles weitere brauche ich ebenfalls Aufgaben. Später mal zeig mir, was du geschrieben hast. Das letzte Gedicht fand ich schon besonders.
Also sind deine Aufgaben auch real? Du weißt echt nicht, was kommt?
Jepp. Ich auch muss jetzt improvisieren. Aber ich tue mein Bestes, dich nach Hause zu bringen. Bis dahin hol dir die nächste Aufgabe. Mach was draus.
Die Stimme schweigt. Katharina lächelt und schaut in ihre leere Tasse Kaffee.
Noch einen aufbrühen und dann ans Lesen gehen… Sie gießt sich nach, setzt sich an den Computer. Die Uhrzeit, das Wetter draußen, das Morgen egal geworden. Sie vertraut ihrer Autorin.
***
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Alles vermischt sich
Katharina? Hörst du?
Hm?
Ich habe… zwei Nachrichten für dich.
Na, schieß los. Deinen Tonfall nach, sind sie nicht gut.
Nun ja… Ich könnte dich vielleicht in deine Welt zurückversetzen. Aber… der Rückweg wird dir nicht gefallen.
Was kann schlimmer sein als ein ausgedachter Ort ohne meine Familie?
Stell dir alles multipliziert mit drei vor. Plus Bruchstücke von plumpen, sinnlosen Witzen und realitätsfernem Blödsinn.
Was?
Neue Aufgabe: Mixe die bisherigen vier Teile und serviere als Cocktail mit guter (oder böser) Prise Humor. Ich wollte dich überraschen aber das wäre unfair.
Bevor sie die letzte Erklärung hört, stürzt aus dem Notebook-Monitor eine zitternde Masse, die sich zur Qualle ausdehnt oder doch ein Igel? Ein Gummibärchen-Igel, gekleistert und glibberig, borstig und wabbelig. Die Stimme der Autorin quillt aus diesem Gelee-Gesicht.
Hörst du mir eigentlich zu? schnauft der Igel missmutig und klatscht auf den Boden. Klebrige Nadeln kräuseln sich, das Bäuchlein zappelt wie ein Kita-Pudding.
Danke fürs Reinigen der Tastatur. Bist du jetzt sie/er/es? Igel ist er, Gelee ist sächlich…
Gelee kann Maskulinum oder Neutrum sein… Der Becher, das Glas aber ist doch egal… Moment, was?! Jetzt dämmert der Stimme, dass was nicht stimmt.
Du bist also es, ein Igel aus Gelee. Ist das die große Idee? Echt jetzt?
Nein, so war das NICHT geplant! Was läuft hier?
Willkommen in meiner Welt. Katharina grinst.
Das akzeptiere ich nicht! Der Gummibär-Igel schluchzt, wühlt das Geleefell. Der Staub bleibt haften.
Der Bildschirm leuchtet und ein Sternenstrudel wirbelt über die Seite. Katharina beginnt zu zerfließen, rollt sich in Spiralen, wie ein glibberiger Strudel. Der Raum verdunkelt sich.
***
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Morgen. Sonnenlicht. Kinderbett, Kuscheltiere, alles am Platz. Katharinas Kopf ragt unter dem Deckchen hervor, diesmal ganz gelee-artig, mit haarigen Gelee-Strähnen. Sie erinnert sich an alles: den geschriebenen Traumort, die verschwundene Familie, den zum Gummi-Igel mutierten Autor und die Verschmelzung am Bildschirm. Unten zuckelt irgendwo ein Igel aus Gelee.
Und jetzt? Ich kann nicht mal richtig aufstehen, ich zerfließe ja. Katharina schwabbelt aus dem Bett, stückelt sich zusammen. Irgendwie… witzig.
Sie winkt mit der Hand alles zittert wie Wackelpudding. Sie lacht.
Nicht lustig. Der Igel landet mit der Schnauze auf dem Boden, klingt arg gequetscht.
Komm, wir checken diese Welt.
Die Wackel-Katharina und der Gel- Igel plumpsen von Zimmer zu Zimmer, schauen, was anders ist.
Alles wie vorher: Stille, Katzen, Schildkröte. Ich prüfe das Fenster heb mich hoch.
Sie nimmt den Igel (der sich dehnt wie Käse), klatscht ihn ans Fenster. Er landet quatschend am Glas, tropft runter.
Nicht so fest!
Macht ihr hier Späße? Die Stimme dringt in beide Köpfe. Und jetzt?
Der Raum kippt. Der Igel klatscht an die Decke, Katharina plumpst obendrauf.
Draußen toben alle Jahreszeiten. Ganz wie im Buch. kommentiert sie, während sie sich mit dem Gelee-Igel verfilzt.
Kannst du wenigstens runter?
Ich versuche… Aber wir kleben.
Mit Mühe und viel Gewürge bringt Katharina ihren Korpus in Form zurück allerdings ist nun ein Gelee-Igel ihre Frisur.
Hätte nicht gedacht, dass ich dabei lache. Die Stimme gluckst.
Überhaupt nicht witzig! rufen Katharina und der Igel synchron.
Die Stimme schweigt, Schildkröte schwimmt auf dem Kopf, Katzen sitzen still. Plötzlich klickt es und die Wände flackern, Licht quillt aus Ritzen. Erst Türkis, dann Violett, Gelb, Grün, Rot. An den Wänden wabern Schatten, überall flüstert es: Ihr wart es selbst… Ihr habt es so gewollt. Dazwischen ein drohendes: Tap. Tap. Tap.
Hätte Gelee Gänsehaut, würden sie sie spüren. Katharina und Igel zittern, wie nur kaltes Gelee es kann.
Mit einem Mal Stille. Nur das laute Tappen bleibt und wird lauter: TAP. TAP. TAP. Im Türrahmen steht ein Handy. Es steht breitbeinig, Hände in die Seiten gestemmt. Statt Zahlen: Augen und ein gequältes, böse grinsendes Maul.
Angst? Ihr dachtet, ihr hättet euer Leben in der Hand? Und jetzt habt ihr keinen Körper mehr. Huldigt mir, eurem Schöpfer! Kniet nieder ach ja, ihr habt ja keine Knie… das Handy bricht in ein wahnsinniges Lachen aus.
Durchgeknallt…? Katharina flüstert zum Igel.
Auf jeden Fall. Der Igel kriecht auf ihrem Kopf zusammen. Viren…
Das Handy schreit plötzlich: Mein Akku! Ich bin bald weg! Und rennt kreischend davon.
Wären sie nicht glitschig, sie würden sich anschauen. Nach einer Ewigkeit meint der Igel:
Plan: Wir haben eh nichts zu verlieren.
Raus damit.
Reiß mich von deinem Gelee-Kopf, schick mich durchs Fenster. Mit Glück lande ich auf der anderen Seite und ziehe dich nach!
Erfolgschance?
Fünfzig zu fünfzig.
Super Quote. Sie muss sich anstrengen, ihn abzustreifen. Zieht und zerrt, er quietscht schaurig, wird lang und dünn endlich schnalzt er ab, wird vor dem Fenster wieder rund und verschwindet.
Stille. Zeit vergeht. Plötzlich greift eine Frauenhand durchs Fenster, packt Katharinas kurzes Gelhaar und zieht sie nach.
***
Zwei Frauen, fast identisch, sitzen am Schreibtisch.
Willst du bleiben oder zurück in deinen Alltag?
Ich geh. Katharina betrachtet das Foto mit dem Baby im gelben Deckchen.
Das ist kein Deckchen, sondern ein Kokon er hat sich immer eingewickelt.
Dann bin ich also du?
Jein. Du bist meine beste und schlechteste Seite. Mit einer Prise schlechter Mutter und Karrieretrieb. Du bist vielleicht klüger, aber auch strenger. Du bist DU.
Das Schränkchen ist wieder offen…
Vergiss es, das waren die Kinder. Die Autorin begleitet sie zur Wohnungstür, die nun öffnet. Leb dein Leben und werde glücklich…
***
Na dann.
Das Handy sitzt am Laptop und beobachtet, wie sich die zwei Frauen verabschieden. Die Tür fällt zu, die Wohnung versinkt in Dunkelheit.




