— Ich habe zwei Tage mit Fieber im Bett gelegen, und du hast mir nicht einmal einen Tee gemacht! Du bist kein Mann, sondern eine nutzlose Kreatur! Und jetzt, wenn du was essen möchtest, musst du selbst kochen!

Hey, du glaubst nicht, was mir die letzten zwei Tage angetan hat. Ich lag mit hohem Fieber im Bett und du hast nicht mal einen Tee für mich gemacht! Du bist kein Mann, du bist ein nutzloser Kerl! Und jetzt, wenn du endlich etwas essen willst, musst du es selbst schaufeln.

Johannes Johannes, bitte geh zur Apotheke.

Seine Stimme war fremd, trocken und brüchig, wie Herbstlaub. Liesl erkannte sie kaum. Er räusperte sich, und jedes Wort hallte in meinem Kopf wie ein dumpfer, brennender Schlag. Ich lag, zusammengerollt in einem schweißnassen Kissen, starrte an die Decke, die sich irgendwie senkte, als wollte sie mich zerquetschen. Mein ganzer Körper war ein glühender Brocken Schmerz. Jeder Muskel, jedes Gelenk fühlte sich an wie zerbrochenes Glas, und die kleinste Bewegung ein Kopfdrehen brachte neue Qualen. Das Fieber war nicht nur Temperatur, es war ein wütendes Wesen, das sich unter meine Haut gekrochen, meine Muskeln mit Blei übergossen und mich von innen verbrennen ließ.

Aus dem Wohnzimmer drangen das rhythmische Klackern von Tastatur und das wütende Klicken der Maus, unterbrochen von kurzen, kehligen Ausrufen. Das war Johannes Welt. Seine Welt, in die er kopfüber eintauchte, sobald er die riesigen, pilotengleichen Kopfhörer aufsetzt. Dort, in der virtuellen Realität, toben Schlachten, Basen werden eingenommen und digitale Blutströme fließen. Dort war er ein Commander, ein Held. Hier, in unserer kleinen Berliner Wohnung im Prenzlauer Berg, war er nur ein Schatten, der sich im Gaming-Stuhl zusammengerollt hat.

Johannes, hörst du? Mir gehts richtig schlecht. Ich brauche Fiebersenker und etwas gegen den Hals.

Ich sah seine Rücken breit, stark, jetzt verkrampft vom Spiel. Er drehte sich nicht um. Nur seine linke Hand ließ kurz die Tastatur los und machte eine undeutliche Geste in die Luft, die so viel hieß wie hab ich, lass mich in Ruhe.

Ja, gleich

Gleich kam nie. Die Zeit dehnte sich zu einem zähen, ziehenden Block. Minuten wurden zu Stunden. Das Sonnenlicht, das durch den Spalt zwischen Fenster und Rahmen drang, wurde zu grauem Dämmerlicht und dann ganz von der Dunkelheit verschluckt. Liesl sank immer wieder in einen klebrigen, alptraumhaften Schlaf, in dem heiße Wellen und hässliche Schatten ihr nachjagten, nur um dann schlagartig zurück in die Realität zu rutschen zurück zum Schmerz, zum Durst und zu den endlosen Geräuschen seines Kampfes. Ich träumte von einer einfachen Hühnersuppe. Nicht von einem Gourmetgericht, sondern von der grundlegendsten, heißen, salzigen Flüssigkeit, die von innen wärmt und ein bisschen Kraft schenkt.

Plötzlich änderten sich die Geräusche im Wohnzimmer. Ein Türsummer, ein kurzes Gespräch am Klingelschild, ein Rascheln. Und dann roch es plötzlich nach Pizza dicker, würziger Duft von heißem Teig, geschmolzenem Käse und Peperoni. Johannes hatte Pizza bestellt. Das weckte keinen Zorn, ich hatte einfach keine Kraft mehr, um wütend zu sein. Es löste nur eine Welle von dumpfer, auswegloser Verzweiflung aus. Er saß zehn Meter von mir entfernt, aß, lebte, genoss, während ich in unserem Schlafzimmer langsam im Fieber dahinsickere, vergessen wie ein unnützer Gegenstand.

Mit letzter Kraft rief ich noch einmal, diesmal fast wie ein Knurren.

Johannes Wasser, bitte ich will trinken.

Er reagierte. Er nahm einen Kopfhörer ab und drehte den Kopf. Sein Gesicht, im bläulichen Licht des Monitors, wirkte fremd. Die Augen funkelten vor Spielleidenschaft, die Lippen verzogen sich zu einem halbherzigen Grinsen, das den Triumph ankündigte. Er sah mich an, aber er sah mich nicht wirklich er glitt über mich, wie über ein Dekorationsobjekt.

Gleich, ich beende die Runde. Fast im Finale.

Er setzte den Kopfhörer wieder auf, und die Klangmauer schnitt ihn endgültig von mir ab. Ich schloss die Augen. Gleich, die Runde beenden. Diese beiläufige Bemerkung war der letzte Nagel im Sarg meiner Geduld. Ich weinte keine Tränen, sondern spürte, wie eine warme Träne über meine Wange rollte und sofort auf der heißen Haut verdampfte. Ich war nicht nur krank, ich war allein absolut, völlig allein in einer Wohnung mit dem Mann, der einst versprochen hatte, in guten wie in schlechten Zeiten da zu sein. Ein Grippe mit fast vierzig Grad Fieber war wohl keine dieser Kategorien.

Die Zeit verlor jede Bedeutung. Sie zerfloss in klebrige, schwere Träume und kurze, schmerzhafte Aufwachphasen. Ich wusste nicht, ob ein Tag oder eine Ewigkeit vergangen war. Doch für einen kurzen Moment begriff ich, dass das Feuer in mir erloschen war. Anstelle des brennenden Schmerzes kam eine eisige, erschöpfende Schwäche. Mein Körper, vorher ein glühender Ofen, fühlte sich nun fremd und kalt an. Die Bettwäsche war feucht und klebrig, und in meinem Mund lag ein widerlicher Krankheitsgeschmack.

Der Durst war allumfassend. Nicht nur ein Wunsch nach einem Schluck, sondern ein Schrei jeder Zelle meines dehydrierten Körpers. Ich ließ meine Beine vom Bett und die ganze Wohnung schwankte, verzog sich, verlor ihre Konturen. Ich schloss die Augen, krallte mich mit den Fingern an die Matratze, um die Übelkeit zu überstehen. Die Geräusche aus dem Wohnzimmer verschwanden nicht, sie änderten nur ihren Ton. Es war kein wütendes Feuergefecht mehr, sondern ein dumpfes Echo von Tastaturklängen und Johannes gelegentlichen Kommentaren an imaginäre Chatkameraden. Er lebte noch, seine digitale Welt drehte sich weiter.

Der Weg zur Küche war wie ein Aufstieg zum Mount Everest. Jeder Schritt hallte in meinen Schläfen. Ich hielt mich an der Wand fest, wie ein alter, schwacher Mann, und wankte nach vorn. Die Luft im Flur roch nach etwas saurem und vergilbtem. Als ich aus dem halb dunklen Schlafzimmer in das offene Wohn und Küchenfeld trat, blendete mich das Tageslicht, und ich musste die Augen zusammenkneifen, um den Schein zu fokussieren. Und dann sah ich es.

Kein einfaches Chaos, sondern ein Mahnmal des Egoismus, aufgebaut in den beiden Tagen meines kleinen Infernos. Auf dem Couchtisch stand eine Pyramide aus drei leeren Pizzakartons, übersät mit eingetrockneten Fettflecken. Daneben ein Berg von EnergydrinkDosen und ein klebriger Ring aus verschüttetem ColaSirup. In der Spüle thronte ein Turm schmutzigen Geschirrs, Tassen, Gabeln, die in trübem Wasser schwammen. Auf dem Boden lagen Krümel und Verpackungen. Er räumte nicht nur nicht auf, er verwandelte unser gemeinsames Heim in seine persönliche Müllhöhle, während das einzige helle Licht vom Monitor ausging.

Ich blickte zu ihm. Johannes saß mit dem Rücken zu mir, immer noch im GamingStuhl, dieselben Kopfhörer auf den Ohren. Er bemerkte mich nicht. Er war in seiner Welt, wo alles einfach und klar war keine kranken Frauen, keine Haushaltsprobleme, keine Verantwortung.

Ich ging zum Kühlschrank, öffnete ihn und griff nach einer Flasche Mineralwasser. Ich nahm mehrere große Schlucke, spürte, wie das lebensspendende Nass mich zurück ins Leben holte. In dem Moment, als die Kühlschranktür wieder zuschlug, drehte er sich um. Er zog die Kopfhörer ab, und auf seinem Gesicht lag ein gelangweiltes, gleichgültiges Interesse. Sein Blick schweifte über mich blass, vom Fieber verzerrt, in einem abgetragenen TShirt und auf seinen Lippen spielte sich ein verrücktes Grinsen ab.

Ach, hast du endlich was zu essen? Ich hab ja schon Bock.

Das war kein Wie gehts dir? kein Brauchst du irgendwas?. Es war ein knapper, fast maschineller Satz, als wäre ich ein Gerät, das endlich repariert wurde, bereit, wieder zu funktionieren. Und sofort folgte sein Bedürfnis: Ich will essen. In diesem Moment verflog meine Schwäche, erstickt von einem brennenden, kristallklaren Zorn. Ich sah ihn an, sah den Müll um uns herum, und zum ersten Mal seit zwei Tagen fühlte ich mich unheimlich stark.

Das Universum, das gerade noch schwankte, erstarrte in einem scharfen Klang. Die Schwäche, die meinen Verstand benebelte, verflog wie Staub im Wind, verbrannt von einer weißen Flamme des Zorns. Das war keine Hysterie, kein weiblicher Wutanfall. Das war ein tiefes, tektonisches Beben, das Johannes, gefangen in seiner pixeligen Komfortzone, nicht kommen sah.

Hast du Hunger? brach meine Stimme durch, nicht schwach, sondern voller wilder Anspannung. Ernsthaft? Ich liege hier seit zwei Tagen im Schwitzen, kann kaum aufstehen, um zur Toilette zu kommen! Ich habe dich flehend gebeten, Medikamente zu holen! Und du spielst weiter? Ich will trinken, meine Lippen kleben zusammen, und du mampfst deine Pizza, deren Geruch bis ins Schlafzimmer dringt! Ich ersticke, und du kommst nicht einmal ran!

Ich schrie nicht, ich spuckte die Worte raus, jeder Satz ein schwerer, scharfer Stein, den ich mit voller Kraft in seinen unerschütterlichen Frieden warf. Die Vorwürfe waren so konkret, so unverrückbar, dass man sie nicht mit einem simplen Ich bin schuld abtun konnte.

Johannes sah den Ausbruch mit gelangweilter Überlegenheit. Er lehnte sich im Stuhl zurück, verschränkte die Arme und zeigte das Gesicht, das ich am meisten gehasst habe das eines nachsichtigeren Erwachsenen, der das unzusammenhängende Gemurmel eines Kindes erträgt. Er wartete. Wartete, bis mein Wortstrom versiegt, bis ich ausatme, damit er wieder die Kopfhörer aufsetzen kann. Für ihn war das nur Hintergrundgeräusch.

Schließlich verstummte ich. Nicht weil mir die Worte ausgingen, sondern weil mir plötzlich klar wurde das war sinnlos. Absolut. Es war, als würde ich Gedichte an eine taube Wand rufen. Ich sah ihn, seine Haltung, das spöttische Lächeln, und all mein Zorn verwandelte sich in eine kalte, schwere Kugel in meiner Brust.

Er wartete die theatralische Pause ab und fragte mit spöttischer Fürsorge:

Hast du dich ausgekotzt?

Damit besiegelte er den letzten Fehltritt. Er hatte auf Tränen, Aufschreie und den weiteren Streit gehofft. Er war nicht bereit für das, was danach kam.

Ich schenkte ihm keinen Blick. Ich sah ihm nur ein paar Sekunden in die Augen, und in meinem Blick fand kein Schmerz, kein Groll mehr, nur die kühle, entschlossene Ruhe eines Chirurgen vor einer komplizierten Operation. Dann drehte ich mich um.

Ich lag zwei Tage mit Fieber im Bett, und du hast nicht mal einen Tee für mich gemacht! Du bist kein Mann, sondern ein nutzloser Kerl! Und jetzt, wenn du essen willst iss dich selbst fertig!

Mit diesen Worten riss ich die Kühlschranktür auf. Kalter Dampf schoss heraus und hüllte mich ein. Johannes starrte verwirrt. Was machst du? Willst du allein essen? Einen Boykott ausrufen? Diese Gedanken wirkten kindisch und lächerlich. Aber ich schnappte mir keinen Teller. Meine Hände griffen nach einem großen, fünf Liter fassenden Topf, in dem noch mein selbstgemachter, dunkelroter Borschtsch wartete, den ich vor der Krankheit gekocht hatte. Ich hob ihn, stellte ihn auf den Boden. Dann griff ich nach einem schweren Behälter mit goldgelbem Reis, durchzogen vom Duft von Fleisch und Gewürzen. Auch der kam hinunter, neben dem Borschtsch. Danach folgten Gulasch, geschmorter Kohl, Hähnchenfrikadellen alles, was ich über die Tage hinweg vorsorglich zubereitet hatte, um für die nächsten Tage etwas zu haben.

Johannes blickte auf das Chaos aus Töpfen und Behältern, verstand nicht, was ich vorhatte. Es passte zu keinem seiner logischen Muster. Auf seinem Gesicht lag ein dummer, verwirrter Ausdruck. Er wollte etwas sagen, doch ich packte den schwersten Topf mit Borschtsch und marschierte entschlossen zur Toilette.

Die Tür zur Toilette stand offen. Das weiße Keramikbecken, sonst so alltäglich, wirkte plötzlich wie ein Opferaltar. Ich stellte mich darüber, hielt den schweren Topf mit beiden Händen. Meine Hände zitterten nicht. Ich neigte mich leicht nach vorn, und der rubinrote Strom aus Borschtsch, voll mit Fleisch- und Gemüsestücken, schlug mit dumpfem Platschen ins Wasser. Der Duft von Rote Bete, Knoblauch und Brühe erfüllte den kleinen Raum, mischte sich mit dem beißenden Geruch von Chlor.

Johannes, still in der Küchen­tür, sah zu, und sein Gehirn kam nicht mehr klar. Das überschritt seine Vorstellungskraft. Es war absurd.

Was machst du da? Echt jetzt?

Ich antwortete nicht. Ich sah zu, wie das letzte Stück Kartoffel im Borschtsch verschwand, drückte den Spülknopf. Das ohrenbetäubende Rauschen des Wassers war meine einzige Antwort. Das Geräusch war endgültig, wie ein Punkt am Ende eines langen Satzes. Ich stellte den leeren Topf auf den Fliesenboden, drehte mich um und ging zurück in die Küche.

Erst jetzt begriff Johannes das Ausmaß dessen, was geschah. Es war kein kurzer Wutanfall. Es war ein methodisches, kaltes Zerstören.

Bist du verrückt?! schrie er, als ich einen Behälter mit Reis aufhob. Das ist Essen! Das kostet doch Geld! Er schrie nicht mich an, sondern das Essen, den Wert, den er in den Händen hielt.

Ich ging weiter, ein Behälter nach dem anderen Goldreis, Gulasch, Frikadellen und ließ alles in die Toilette laufen. Jeder Schwall war ein Schritt weiter weg von ihm, von unserem gemeinsamen Leben. Ich sah ihn nicht an, reagierte nicht auf seine Schreie. Ich tat nur, was ich beschlossen hatte: alle Brücken, alle Fäden, alles Materielle, das er so gern verzehrte, zu vernichten.

Als der letzte Topf leer war, stand ich wieder in der Küche. Auf dem Boden lag ein riesiger Berg schmutzigen Geschirrs, das nach Essen roch. Johannes atmete schwer, lehnte sich an die Wand, sein Blick brannte. Er wartete. Wartete auf Erklärungen, auf das nächste Wortgefecht, auf irgendwas.

Ich blickte über das Schlachtfeld, öffnete den Kühlschrank ein zweites Mal. In einer Ecke lag ein kleiner Plastikbehälter, den ich übersehen hatte. Darin waren ein paar Hähnchenfrikadellen und etwas Buchweizen. Meine Portion. Meine letzte Mahlzeit. Mit einer Gabel aus der sauberen Schublade nahm ich sie, ging ins Schlafzimmer.

UndUnd ich lehnte mich zurück, ließ die Stille das Zimmer füllen, während Johannes allein im Dunkeln zurückblieb.

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Homy
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— Ich habe zwei Tage mit Fieber im Bett gelegen, und du hast mir nicht einmal einen Tee gemacht! Du bist kein Mann, sondern eine nutzlose Kreatur! Und jetzt, wenn du was essen möchtest, musst du selbst kochen!
Der Junge erwachte vom Stöhnen seiner MutterEr sprang aus dem Bett, während das Sonnenlicht durch das Fenster kroch, und rannte fluchtartig zur Küche, um herauszufinden, warum seine Mutter so laut war.