Putzfrau. Erzählung
Guten Morgen, Frau Vera!
Von oben kam meine Nachbarin herunter. Es war schön, Irina zu sehen.
Wie gut, dass ich Sie treffe, fing Irina munter an. Wir haben neulich gesprochen… Ich weiß nicht, ob das für Sie passt. Aber Also, in unserem Büro wird eine Reinigungskraft gesucht. Ich könnte die Stelle für Sie zurückhalten. Keine Sorge, es ist sauber bei uns. Eine Studentin arbeitete dort. Es gibt Mindestlohn plus sogar eine Prämie für Sauberkeit.
Irina, meinen Sie… eine Putzfrau? Mit so einem Vorschlag hatte ich nicht gerechnet.
Genau! Der Zeitplan ist flexibel, wie gesagt: sauber ist es auch, und Interessenten haben wir viele. Nach der Studentin und Ludmila hatten wir noch eine Frau, aber leider mussten wir uns von ihr trennen.
Wie dringend brauchen Sie eine Rückmeldung?
Ich kann bis heute zurückhalten, morgen… entschuldigen Sie dann aber. Im Moment kommen wir noch klar, machen selbst etwas sauber, aber wir brauchen wirklich jemanden. Ich verstehe, Sie sind Lehrerin. Vielleicht könnten Sie auch Nachhilfe geben? Das ist ja momentan lukrativ.
Vor fünfzig Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich in solche Not geraten würde. Vor einem halben Jahr starb mein Mann Klaus völlig unerwartet an einem spät erkannten Lungenabszess. Plötzlich und schnell.
Als der Schmerz nachließ und ich überlegen musste, wie es weitergeht, bekam ich Angst.
Wir hatten mit dem Nötigen bescheiden, aber anständig gelebt. Unsere Zweizimmerwohnung befand sich in einem Plattenbau im dritten Stockwerk, daneben war eine kleine Garage, und dahinter unser Schrebergarten.
Mein Sohn wohnte schon lange in München, unserer Bezirksstadt. Vor Kurzem wurde ihm die zweite Tochter geboren. Er arbeitet, zahlt den Kredit für seine Wohnung ab. Meine Schwiegertochter ist im vierten Jahr in Elternzeit.
Ich unterrichtete Geografie. Vor fünf Jahren bat mich die Konrektorin, einen Teil meiner Stunden an ihre Nichte abzugeben damit die jungen Leute auch eine Chance bekämen. Das Mädchen kannte ich noch aus der Schulzeit. Natürlich half ich. Seitdem hatte Angelika Müller mehr Stunden als ich und ein festes Deputat, ich nicht mehr.
Solange Klaus lebte, störte mich das wenig. Ich fuhr zu meinem Sohn, half der Schwiegertochter mit den Enkeln, kümmerte mich um Haus und Garten. Mein Mann verdiente gut, es gab sogar einige Ersparnisse. Doch fast alles ging für seine Beerdigung drauf.
Im August bat ich beim Schulleiter um mehr Stunden, leider brauchten aber auch die jungen Kollegen das Geld. Mir wurde immerhin die Klassenleitung der siebten Klasse übertragen ein kleiner Zuschlag, aber auch mehr Verantwortung.
Vielleicht war ich selbst schuld habe zu spät reagiert, war zu zuversichtlich, dachte, ich schaffe es schon. Irgendwie war da immer das Gefühl, abgesichert zu sein; jetzt musste ich mich erst daran gewöhnen, dass niemand mehr hilft.
Zu anderen Schulen im Umkreis fuhr ich zu spät, die Stundenzuweisung war bereits gemacht. Auch im Schulamt und den Nachbardörfern fand sich nichts. Weit weg zu unterrichten lohnte nicht Fahrtkosten fressen den Rest.
Geografie war im Abitur nicht sehr gefragt, Nachhilfestunden wurden nur selten nachgefragt.
Da sprach mich Irina an. Sie arbeitete im Büro einer medizinschen Anwaltskanzlei, keine zehn Minuten zu Fuß entfernt, nur über die Hauptstraße hinweg.
Es war Ende Oktober. Die erste Gehaltsrunde verging: Miete, Lebensmittel, einige Medikamente, Fahrkarten… Es hätte reichen müssen. Aber… In der Schule wurde für ein Geschenk für die Konrektorin gesammelt, im Haus für neue Zähler, und mein Bargeld für Lebensmittel reichte nicht. Also lieh ich bei meinem Sohn. Ich wusste, es war für ihn selbst eng, doch er half dennoch. Aber es fühlte sich nicht gut an.
Wie würde es weitergehen? Schon einen Frisörbesuch musste ich nun planen.
Irinas Angebot schockierte mich anfangs: Hochschulabschluss, viele Jahre Berufserfahrung und dann Putzfrau? Mein Lehrergehalt war ohnehin kaum höher als der Mindestlohn. Doch hier einfache Reinigung, keine Unterrichtsvorbereitung, keine elterlichen Gespräche, keine schwierigen Kinder.
Mit wem sollte ich reden? Ich rief Anna an.
Anna war meine beste Freundin und als Zufall es wollte, auch die erste Frau meines Bruders. Annas älteste Tochter ist meine Nichte. Anna lebt mit ihrem zweiten Mann am Stadtrand und ich besuchte sie öfter.
Vera, probiers einfach. Wenns nicht klappt, hörst du wieder auf. Was soll’s?
Ich weiß nicht Von der Lehrerin zur Putzfrau…
Jede Arbeit ist ehrenhaft. Ich habe ein Jura-Studium und bin Notarin, halte aber seit Jahren Schweine. Warum nicht?
Als ich nach Hause kam, schaute ich in den Flurspiegel: Falten zwischen den Brauen, Schatten unter den Augen, blasse Haut. “Wie sehr ich in diesem Jahr gealtert bin!”, dachte ich, griff zum Telefon und versprach Irina, gleich zum Bewerbungsgespräch ins Büro zu kommen.
Das Büro lag im dritten Stock eines modernen Geschäftszentrums. Im Flügel fanden sich Reisebüros, Händler und weitere Firmen. Es war bestens renoviert, mit Laminat und Fliesen. Die Chefin war freundlich, unkompliziert, wohl in meinem Alter.
Uns ist am wichtigsten, dass die Arbeit Freude macht. Sie können abends nach Feierabend oder morgens früh kommen. Fünf Büros, Toilette, Flur. Der Wachdienst unten, den Schlüssel bekommen Sie von ihm. Schauen Sie, dass Sie alles richtig abschließen, besonders die Eingangstür. Kommen Sie, ich zeig Ihnen alles.
Der Job erschien mir so einfach und angenehm, dass ich gar nicht weiter nachfragte. Ich folgte der Chefin, hörte aufmerksam zu, wie eine gute Schülerin.
Hier sind Handschuhe, Putzmittel und Ihre Ecke. Geld für Nachschub gibt Ihnen unsere Buchhalterin, Frau Ines. Aber nachkaufen müssen Sie selbst, ja?
Der Technikbereich war in der Toilettenecke. Mir gefiel die Ausstattung: drei Wischmopps einer breit, einer schwenkbar, einer mit Auswringmechanik , praktische Eimer. Alles moderne Ausstattung, wie ich sie daheim nicht hatte.
Wann kann ich anfangen, Frau Lehmann? fragte ich.
Es wäre gut, gleich morgen. Ines meldet Sie offiziell an.
Nie hätte ich gedacht, dass mir die Arbeit als Reinigungskraft Freude machen würde, aber so kam es. Es gab zwölf Mitarbeitende, Irina sagte, im Alltag seien meist etwa sieben im Büro, die anderen unterwegs oder im Urlaub.
Zwei Büros standen fast immer leer. Gegessen wurde im Café, im Büro gab es nur den Wasserspender. Der Boden war schnell gewischt, der Müll bestand meist aus Papier, Mülleimer alle mit Tüten, kaum Unrat.
Zwei Toiletten glänzten sauber, ich trug Handschuhe, wischte alles sorgfältig, desinfizierte. Das war die Arbeit. Ich sprühte mit Vergnügen die Palmen am Gangende ein, wischte die großen Monstera-Blätter auf den Fensterbänken.
Mit den Kolleg*innen hatte ich wenig Kontakt. Bei Fragen rief ich Ines an eine nette Frau, mit der ich gleich gut zurechtkam.
Ines, sollen die Blumen gegossen werden?
Nein, das macht bei uns Frau Sabine. Sonst ersäufen wir sie ja.
Auch Fensterputzen nicht nötig?
Nein. Im Frühjahr vorm Osterfest machen wir selbst drinnen sauber, von außen engagiert das Haus eine Putzfirma. Keine Sorge, allen ist aufgefallen, wie sauber es jetzt bei uns ist. Wir sind sehr zufrieden!
Auch ich war zufrieden. Mir gefiel sogar mein abendlicher Spaziergang. Gegen sieben Uhr ging ich los, holte den Schlüssel beim Wachdienst, machte sauber, schlenderte durchs Büro wie eine Hausherrin, blickte aus den hohen Fenstern auf die abendliche Stadt.
Ich lernte Tanja kennen sie war ehemalige Lehrerin und nun Wachfrau. Wir unterhielten uns, erzählten uns unser Leben.
Wir haben hier 24-Stunden-Schichten, dann drei Tage frei. Warum habe ich früher nicht so gearbeitet? Für die Studenten in der Schule ließ ich all meine Nerven, seufzte sie.
Die erste Gehaltsabrechnung überraschte mich. Ich rief Ines an.
Guten Tag, Ines. Ich erhielt mehr als erwartet, fast das Anderthalbfache vom Mindestlohn, obwohl ich erst einen Monat hier bin…
Kein Irrtum. Es gibt Prämien für Sauberkeit. Und ich entscheide das nicht. Ab nächsten Monat gibt es einen Vorschuss am 25. und die Restzahlung am 6. des Monats. Wissen Sie, die vorige Reinigungskraft kam unregelmäßig, aber Sie… Die Prämie hängt aber auch vom Umsatz ab sie wird unter allen verteilt.
Ich war sehr zufrieden. Unglaublich, aber das Gehalt überstieg sogar das Lehrerinnensalär. Und es gab keinen Stress mit Dokumenten, Online-Reports, Unterrichtsvorbereitung und erst recht keine Verantwortung für Schülerhorden.
Eines Abends, kurz vor Schluss, klingelte das Handy. Ich sah aufs Display das wird unangenehm.
Frau Vera, guten Abend, offizieller Ton, es war die Mutter von Oliver Rosen. Können wir reden?
Ja, natürlich.
Sie müssen mich verstehen. Ich bin Mutter. Sie kennen unser Problem und ergreifen keine Maßnahmen. Ich werde zum Direktor gehen und mich beschweren, zur Schulbehörde.
Aber ich habe gesprochen, mit Frau Philipp, mit Oliver, in der Hoffnung, er versteht, ändert sein Verhalten…
Er? Sie hassen ihn! Sie lässt ihn nicht in den Sportunterricht!
Was meinen Sie, Frau Rosen? Sie meinen heute? Er hatte keine Sportsachen, keine Turnschuhe. In die Halle geht es ohne Wechselschuhe nicht, in festen Straßenschuhen schon gar nicht.
Er hat sich umgezogen, aber sie ließ ihn trotzdem nicht rein.
Frau Rosen, ich sprach mit der Lehrerin. Was auch immer Oliver Ihnen erzählt hat: Er kam ohne Sportsachen rein, wurde zurückgewiesen, zog sich vor allen bis auf die Unterhose aus, schlüpfte in schmutzige Straßenschuhe und kam so zurück und störte dadurch bewusst den Unterricht, um die Klasse zu amüsieren.
Sie hat ihn vor allen beleidigt, ihn als Clown beschimpft! Sie wissen nicht, was dann zu Hause war. Das werde ich nicht so lassen!
Frau Rosen, vielleicht setzen wir uns zusammen: Sie, ich, Oliver und Frau Philipp? Wir sollten reden.
Mit ihr nicht! Das ist keine Lehrerin, und auf Ihre Unterstützung hatte ich gehofft. Aber gut… Ich gehe morgen zum Direktor. Auf Wiedersehen, das Gespräch war beendet.
Eigentlich war es kein gravierender Konflikt, aber ich konnte die Nacht nicht schlafen. Elternstreitigkeiten nahmen mich immer mit.
Oliver war ohnehin schwierig, ein Anführer, der oft den Unterricht sprengte. Weigerte er sich, mitzumachen, machte keiner mit. Ich ärgerte mich, aber fand immer Wege, wenigstens etwas zu vermitteln. Wenn das Geduldslimit erschöpft war, schrieb ich Meldungen und sprach mit seiner Mutter. Der Unterricht litt, keine Frage…
Solche Konflikte waren Alltag im Lehrerberuf. In letzter Zeit wurde man auch ständig mit Online-Umfragen für Eltern, Aufgaben mit Abgabefrist “gestern” und ständiger Veröffentlichungspflicht für Materialien belastet. Es raubte viel Zeit.
Das Büro hatte ich in zwei Stunden sauber, dann zum Unterricht vorbereiten, Hausaufgaben korrigieren, Verwaltungsaufträge Es wollte nicht enden.
Oliver wurde schließlich vom Sportunterricht abgemeldet, um den Streit zu schlichten, seine Mutter “regelte” das.
Der Winter brachte Schnee. Die Stadt versank förmlich darunter. Trotzdem war ich ganz zufrieden, weil ich mich mit Tanja anfreundete. Abends nach der Reinigung tranken wir zusammen Tee im Wachzimmer, überbrückten Tanjas Arbeitszeit.
Wir waren beide allein, beide junge Omas, wohnten nicht weit entfernt, hatten uns schon gegenseitig besucht. Tanja war schon Rentnerin, ich hatte später mit dem Lehrersein begonnen, noch keinen Anspruch auf Rente.
Eines Freitags ging ich früher ins Büro, wollte im Supermarkt noch etwas besorgen. Mit Sabine war es abgesprochen, ich pflegte die Blumen, die ich so liebte, und beeilte mich deshalb. Ich nahm die Schlüssel beim Wachdienst und bemerkte nicht, dass zwei Frauen vom Einkaufszentrum mir nachgingen.
Die Bürotür ließ ich offen. Ich schloss nur die einzelnen Räume. Ich zog mich um, griff Eimer und wollte im Büro die Blumen versorgen, als ich hörte:
Ach, Frau Vera! Es stimmt also wirklich?
Im Flur standen Frau Rosen und Frau Jung, die Mutter von Roman aus meinem Klassenverband. Frau Jung war verlegen, senkte den Blick.
Oh! Guten Tag! Was meinen Sie? Wie sind Sie hier…
Jetzt weiß ich, warum bei uns alles aus dem Ruder läuft, lachte Frau Rosen, schüttelte den Kopf, hob die Brauen.
Ich stellte den Eimer ab, zog die Gummihandschuhe an, obwohl sie gerade gar nicht nötig waren.
Warum denn? fragte ich ruhig.
Deshalb! sie deutete auf den Eimer, Sie haben doch gar keinen Kopf mehr für unsere Klasse. Lehrerin wird Putzfrau. Warum haben Sie überhaupt die Klassenleitung übernommen?
Darauf nachzudenken hatte keinen Sinn.
Entschuldigen Sie, ich habe zu tun, sagte ich knapp.
Entschuldigen Sie vielmals, meinte Frau Jung und ging.
Soweit ist es gekommen. Lehrerinnen schrubben Böden, hörte ich, als ich die Tür hinter ihnen schloss.
Klar, nun würde es die ganze Schule wissen, im Elternchat diskutiert werden. Ich müsste das Thema mit den Kindern ansprechen.
Kurios: Nach der Reinigung war ich tiefenentspannt. Die Blumen wiegten zufrieden die Blätter, der Boden glänzte, Sorgen verflüchtigten sich.
Seis drum. Am Montag würde ich darüber mit den Kindern sprechen. Ich entwarf bereits die Ansprache.
Aber schon am Sonntag rief die Schulleiterin an.
Frau Vera, ist das wahr? Es gehen Gerüchte…
Ja, Frau Schulte. Es ist wahr.
Um Gottes Willen! Warum? Konnte man Ihnen denn nicht helfen?
Ich habe doch zu Schulbeginn um mehr Stunden gebeten.
Wir haben Ihnen die Klassenleitung gegeben. Aber, Sie wissen was das für das Ansehen eines Lehrers bedeutet! Auch für unsere Schule Vielleicht hätte sich eine andere Lösung gefunden.
Sie sagten doch selbst mal im Lehrerkollegium, dass unser Beruf heute ohnehin kein Prestige mehr hat. Und jeder Beruf verdient Respekt. Ich mache nur ehrliche Nebentätigkeit.
Aber als Putzfrau? Sie sind doch Geografin, eine Top-Fachkraft! Aber nun…
Der Wert steht auf der Gehaltsabrechnung, Frau Schulte. Nun kann ich wenigstens Geschenke für meine Enkelinnen kaufen. Und es behindert meine Lehrtätigkeit nicht kein Interessenkonflikt.
Naja Erklären Sie das den Eltern und Kindern selbst. Verbieten kann ich es Ihnen nicht, aber ich finde es nicht gut. Und niemand sonst würde das gutheißen.
In fast jeder Klasse gibt es eine “Mutter”, ganz aufseiten der Lehrer dann ist man als Lehrer glücklich. Mir ging es weniger so: Frau Komar, die Mutter von Svetlana, war auch Kollegin und Mathelehrerin.
Stimmt das? in letzter Zeit begann jedes Gespräch so.
Offenbar stellt man sich Reinigungskräfte immer als verwahrloste Leute vor. Ich war immer gepflegt, mit schöner Frisur, dezent, aber ordentlich gekleidet ich passte nicht ins Klischee.
Ja, Anna, stimmt.
Jetzt versteh ich, warum alle so reden im Chat. Aber viele stehen zu Ihnen, ich auch. Rosen tobt
Zehn Minuten später wusste ich sämtliche Details.
Am Sonntagabend rief ich Anna an, die Freundin lud mich ein, ihr Mann war auf Montage. Anna konnte immer gut beraten.
Wir saßen in ihrer gemütlichen Küche.
Vera, mach dir keinen Stress. Magst du deine Arbeit?
Arbeit bleibt Arbeit, und natürlich ist es auf dem Sofa angenehmer. Aber, Anna, ja ich mag es, sauber gewischte Räume zu sehen, grüne Pflanzen und sogar saubere Toiletten. Kaum zu glauben, oder?
Doch. Ich verstehe dich. Keiner hat das Recht, dir vorzuschreiben, wie du zu leben hast. Es ist deine Entscheidung, und du brauchst dich nicht zu rechtfertigen.
Dieser Rat half. Und eigentlich warum sollte ich mich rechtfertigen? Es ist ganz meine Sache.
Am Montag erklärte ich den Kindern ganz offen:
Leute, ich arbeite außer in der Schule noch als Reinigungskraft im Anwaltsbüro. So kann ich die finanzielle Situation nach dem Tod meines Mannes besser meistern und habe sogar Freude daran.
Also, Aufgabe: Das Büro hat fünf Zimmer. Zwei links, drei rechts. Das letzte mit Nebenraum. Am Anfang des Gangs: die Toilette. Was könnte euch das an die Welt erinnern? Wie nenne ich die Räume?
Die Kinder dachten nach, rieten. Sie kamen drauf: Das waren die Kontinente! Links Amerika, rechts Eurasien und Australien, die Toilette war die Antarktis.
Wir lachten. Sie schlugen vor, in Afrika die Klimaanlage anzuschalten und in der Antarktis nach Pinguinen zu suchen. Die Spannung war weg.
Erklärungen brauchte ich nicht. Was die Kolleg*innen sagten, interessierte mich nicht. Ob ich Ansehen bei den Eltern verlor, auch nicht.
Deine Freundin ist sehr klug, Vera. Genau ins Schwarze getroffen. Du musst niemandem etwas beweisen, meinte Tanja bestärkend.
Ja. Meiner Enkelin habe ich Mantel und Mütze für den Frühling gezahlt, ein Geburtstagsgeschenk gekauft, nämlich ein Spiel. Schwiegertochter hat geholfen. Ist das nicht schön?
Großartig. Mach weiter, Freundin. Und mein Ficus er blüht! Dank dir.
Der Frühling kam plötzlich, mit Tauwetter, überfluteten Straßen. Die schwierige dritte Klasse neigte sich dem Ende zu, nicht ohne Probleme. Probleme gab es überall, aber es war ärgerlich, als die Direktorin betont sagte:
Pädagogik ist nicht einfach Bodenwischen! Hier muss man analysieren…
Alle verstanden, auf wen sie anspielte. Ich schwieg.
Im Büro überraschten mich die Kollegen zum Geburtstag: Anruf, Glückwünsche, ein freier Tag. Am nächsten Tag: Luftballons mit Sprüchen, Topfpflanze, eine hübsch verpackte Schachtel ein toller Mixer. Die Arbeit fiel an diesem Tag besonders leicht. Für gute Menschen gibt man gern alles. Geld war zweitrangig.
Am nächsten Morgen rief Tanja vor der Schicht an.
Frau Vera, hier will jemand mit Ihnen sprechen.
Warum sie so förmlich war? Dann sprach jemand anderes.
Guten Tag, Frau Vera. Hier spricht der Abteilungsleiter von “Horizont”. Uns wurde erzählt, Sie seien Geografin?
Man fragte nach Ausbildung, Berufserfahrung und lud mich zum Vorstellungsgespräch ins Reisebüro ein. baldiger Arbeitsbeginn war nötig die Urlaubssaison lief.
Na, Frau Vera, was gibt es? Wollte Sie schon holen, die Direktorin war sichtlich genervt. Kommen Sie mit Frau Rosen nicht klar? Sie droht schon wieder Schulamt und so. Jetzt hat angeblich Frau Brand die Mutter beleidigt, weil sie ihrem Sohn “nur” eine Drei in Mathematik gab…
Ja, ich weiß. Einmalig sei er ja nur für seine Mutter. Frau Brand sieht das anders und auch die Klassenarbeiten…
Und was machen wir jetzt? Wissen Sie, was sie sagte? “Wenn in unserer Klasse eine Putzfrau leitet, was soll das für eine Schule sein?” Können Sie sich das vorstellen?
Frau Schulte, genau darüber wollte ich reden. Sie werden mich sofort ersetzen müssen. Ich kündige.
Was? Wohin gehen Sie? Wirklich…
Zwei Wochen später begann ich im Reisebüro. Und auch hier blühten bald die Blumen. Das Gehalt hing von den verkauften Reisen ab, überstieg aber das Lehrergehalt deutlich. Ich setzte mein Herzblut hinein und arbeitete ehrlich und mit Leidenschaft.
Den Job als Reinigungskraft gab ich nicht auf. Es lag alles so nah beieinander. Nach einem Tag im Agenturbüro war es wohltuend, ins andere Gebäude zu wechseln, Kittel überzuwerfen und mit dem modernen Wischmopp durch die “Kontinente” zu streifen.
Und im nächsten Sommer flogen Anna und ich per Last-Minute-Reise nach Italien. Bald darauf mit Tanja in die Türkei.
Ich konnte meinem Sohn beim Kredit helfen, für die beiden mit Schwiegertochter ein günstiges Urlaubspaket ermöglichen.
Ich schaute in den Spiegel und lächelte ein leichter Sommerteint stand mir gut. Die Augen hatte ich nicht mehr unterlaufen, ein Glanz war zurück.
Guten Tag! Oh! Frau Vera, sind Sie das?
Vor mir saß Frau Rosen. Sie kam, um eine Reise zu buchen.
Guten Tag, Frau Rosen. Ja, ich. Nehmen Sie Platz.
Was? Sie sind hier die Chefin?
Aktuell ja. Wohin wollen Sie?
In die Türkei, wenns geht. Mensch, Sie sehen so toll aus!… Frau Vera, wir denken immer noch an Sie, mein Oliver und ich. Sie waren eine echte Pädagogin! Danach hatte unsere Klasse Pech… Nur Chaos. Wer wird heute noch Lehrer?
Es interessierte mich nicht mehr “das alte Lied…”
Wir schweifen ab. Schauen Sie, diese Angebote könnten Sie interessieren, aber ich empfehle Ihnen dieses hier, ich reichte ihr ein Prospekt. Gute Preise, tolle Betreuung. Ich war selbst schon dort…
Arbeiten Sie trotzdem noch im Büro nebenan? Putzen Sie also wirklich selbst?
Ja, das tue ich, sagte ich gelassen. Frau Rosen, wenn das ein Problem für Sie ist, können Sie selbstverständlich einen anderen Berater haben.
Nein, nein… Sie sind wundervoll. Ich kann es nur kaum fassen und so eine kompetente Frau…
Ich drehte den Bildschirm zu ihr.
Schauen wir uns die Angebote an.
Die Meinung dieser Frau war mir herzlich egal. Ich habe beide meine Berufe lieben gelernt.




