Auf der Suche nach einer Braut. Die Hochzeit 1. Juli
1. Eintrag, Anfang März
Heute habe ich etwas erlebt, was mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Ich kam in den großen Hörsaal und da saßen bereits meine Freunde ganz oben auf der Empore: Jörg, Gleb und Pauline. Ich sprintete die Stufen hoch und setzte mich keuchend zu ihnen.
Leute, haltet euch fest, was ich euch gleich erzähle!, rief ich.
Die drei beugten sich interessiert zu mir, nur Alina verzog skeptisch das Gesicht.
Na dann, Max, leg los und überrasche uns wenn du das kannst, meinte sie spöttisch.
Also, gestern war ich bei Lukas Zuhause. Ich brauchte ein neues Programm für meinen Laptop, das sollte er mir besorgen. Während der Download lief, saßen wir und unterhielten uns über Gott und die Welt. Plötzlich steckte deren Haushälterin den Kopf rein: Lukas, dein Vater möchte dich unten sprechen. Also wir runter. Und was wir da sahen!
Komm zum Punkt, Max!, unterbrach mich Jörg.
Da steht also Kerstin, die Verkäuferin aus dem Edeka im Neubaugebiet, und neben ihr ihre Tochter Valentina, ihr kennt sie. Und Kerstin macht ein Riesentheater, weil Valentina schwanger ist, und natürlich hält sie Lukas für den Vater. Sie verlangt, dass er ihre Tochter heiratet.
Da hat Lukas ganz schön was abbekommen!, lachte Pauline.
Lukas Vater fragt ihn also, und was sagt der Kerl? Wieso denn ich? Wir gehen doch immer als Gruppe in die Sauna. Da ist Kerstin richtig ausgeflippt. Wie kannst du nur so über meine Tochter reden!
Ich habe dann mein Handy gezückt und ein Video gezeigt, das ich beim letzten Mal aufgenommen hatte: Wir sitzen da alle am Tisch, und Valentina hängt in ein Laken gewickelt an Wowa dran. Dann kommt Yannik, schnappt sie und trägt sie in die Sauna. Kerstin, als sie das gesehen hat, schnappt sich den Schürhaken vom Kamin und jagt ihre Tochter durch Haus und Garten. Die Szene hätte aus einem Tatort stammen können!
Und, das war alles?, fragte Alina trocken.
Nein! Ich machte eine dramatische Pause. Lukas Vater hatte endgültig genug. Er sagt: Sobald du das Diplom hast, wird geheiratet! Such dir bis zum 1. Juli eine Braut. Hast du keine, heiratest du Vasili unsere putzende Vasila aus dem Edeka. Die ist zwar ein wenig merkwürdig, aber kümmert sich um alle Streuner im Viertel.
Und, ihr glaubt wirklich, sein Vater zieht das durch?, zweifelte Pauline.
Also, wenn ich Lukas wäre, ich würde es nicht drauf ankommen lassen und mir eine Braut suchen, schloss ich meinen Bericht.
In diesem Moment kam Lukas dazu.
Wenn ich eure Mienen richtig deute, Max hat schon alles erzählt. Habt ihr irgendeinen Ausweg für mich? Alina, Pauline, falls ihr mich heiratet, verspreche ich euch eine fabelhafte Hochzeit!, scherzte er düster.
Danke, aber in meinen Plan passt Heiraten gerade gar nicht, meinte Alina. Pauline lehnte auch ab dachte aber dabei, wenn Lukas in anderer Umgebung und etwas persönlicher gefragt hätte, wer weiß
Eigentlich waren wir in der Sauna eine große Gruppe. Aber warum kommen Kerstin und Valentina gerade zu mir und nicht zu Max?, fragte Lukas.
Weil dein Vater im größten Haus im Viertel wohnt. Meins hat ja nur zwei Stockwerke, erwiderte ich.
Und wo soll ich jetzt eine Braut finden? Mein Vater macht ernst.
Reg dich ab, Lukas. Schau dich um das sind mehr als genug Studentinnen im Saal, schlug Gleb vor.
Alina lachte trocken: Klar, such dir irgendeine aus, jede träumt davon, sofort zu heiraten!
Mit mir ist doch alles in Ordnung, oder?, fragte Lukas beleidigt.
Doch, aber Frauen haben halt auch Auswahlkriterien, erklärte Alina.
Ich hab eine Idee: Such dir beliebige Studentin aus und überzeuge sie bis 1. Juli zur Hochzeit, schlug ich vor.
Und was ist, wenn ich es nicht schaffe?, fragte Pauline.
Sechs Monate? Das pack ich, meinte Lukas, aber ehrlich heiraten will ich eigentlich nicht.
Ob du willst oder nicht, du musst. Also los, feuerte Gleb ihn an.
Moment, machen wirs so: Lukas nimmt die nächstbeste, die in den Saal kommt und versucht, sie bis 1. Juli zu überzeugen, entschied Alina.
Und wie soll ich die dann heiraten?, zweifelte Lukas.
Hast du etwa Angst?, stichelte Alina.
Lukas überlegte kurz und stimmte schließlich zu.
Unsere Blicke waren auf die Tür gerichtet. Ein paar Paare und Freundinnen kamen herein, aber dann: Anna Zimmermann ein eher ruhiges Mädchen, Jeans, Strickpulli, Brille, zurückhaltend.
Also die? Da heirate ich lieber Vasila!, stöhnte Lukas.
Nix da, Lukas, Anna ist jetzt deine große Liebe, lachte Gleb, und alle schienen Spaß an der Sache zu haben bis die Dozentin kam.
2. Eintrag, Wochen später
Wir einigten uns, die ganze Aktion geheim zu halten. Die Mädchen Alina und Pauline sollten alles über Anna in Erfahrung bringen. Sie lebte bei ihrer Großmutter, die anscheinend am Stadttheater arbeitete. Ihr Vater reiste durch ganz Deutschland für Projekte. Die Mutter war in Berlin als Kostümbildnerin tätig. Anna jobbte wohl nebenbei, angeblich in einer bekannten Bäckerei, aber niemand wusste Genaueres.
Pauline lobte sie plötzlich: Leute, Anna ist echt in Ordnung. Sie wird bald mit Bestnote abschließen, ist immer hilfsbereit, sportlich und richtig hübsch, wenn sie ihre Brille abnimmt.
Ich beruhigte Pauline: Niemand will Anna verletzen, Lukas sucht nur eine Braut, weil es sein Vater will. Ob Anna zustimmt, liegt bei ihr.
Nachmittags ging Anna in den Lesesaal der Unibibliothek. Lukas setzte sich in ihre Nähe, überwand seine Unsicherheit und bat um Hilfe bei seiner Diplomarbeit. Anna half ihm prompt, sortierte die Kapitel um, formulierte bessere Ziele und brachte Ordnung ins Wirrwarr.
Nach ein paar Treffen gemeinsam Bibliothek, dann einmal Kino merkte Lukas selbst, dass Anna nicht irgendeine ist. Sie liebt Bücher, mag Theater, schwärmt für Brecht und Dürrenmatt.
Sein Vater freute sich schon: Gut, dass du kein Partygirl hast, sondern jemanden, der anpackt. Die Herkunft ist mir egal, Hauptsache, sie ist fleißig.
Zunehmend verbrachten Lukas und Anna ihre Freizeit zusammen: Schlittenfahren im Stadtpark, Eisbahn, Spaziergänge am Fluss. Ich beobachtete, wie aus der Wette plötzlich Ernst wurde und Lukas sich in Anna zu verlieben schien.
Jungs, lasst Lukas mal. Er ist verknallt, begriff Alina zuerst.
Natürlich zweifelten Jörg und Gleb. Aber Lukas konterte trocken: Schon mal gesehen, dass Anna in einer Firma als Buchhalterin arbeitet? Eher schafft ihr es nicht, dort reinzukommen!
3. Eintrag, Ende April
Es wurde langsam ernst. Eines Samstags saßen Anna und Lukas im Park.
Der April ist so schön dieses Jahr, meinte Anna. Genau heute vor einem Jahr hat es nur geregnet und gestürmt. Der Hochzeitstag meiner Eltern sie haben jetzt beide einen tollen Job in Berlin.
Lukas sah sie liebevoll an.
Anna, ich will dir was zeigen. Mach die Augen zu. Er zog einen Ring aus der Tasche und steckte ihn ihr über.
Du bist die Frau, die ich heiraten will. Lass uns den 1. Juli zu unserem Fest machen unserem Verlobungstag.
Anna sagte ja.
Am Abend informierte Lukas seine Eltern: Morgen bringe ich Anna zum Kennenlernen. Wenn ihr eine Hochzeit am 1. Juli wollt, dann wird es jetzt Zeit, die Heiratsunterlagen einzureichen.
Kein Problem, lachte sein Vater, der Termin ist längst beim Standesamt reserviert.
Seine Mutter war überrascht, aber Anna gewann rasch auch ihr Herz, zumal sie früher ein Theaterfan war und Annas Mutter eine bekannte Kostümbildnerin am Berliner Ensemble. Jetzt freute sie sich auf ein Familienfest.
Am Hochzeitstag trafen beide Familien vor dem Standesamt aufeinander. Annas Mutter schlank, elegant, mit schicker Frisur reichte Lukas Eltern die Hand. Da wurde Lukas Mutter plötzlich bewusst, dass sie Annas Mutter aus alten Berliner Theaterzeiten kannte.
Weißt du, wer Annas Vater ist? Ein Dozent für Geologie, ganz bekannt in der Erdölbranche!, hauchte die Mutter ihrem Mann zu.
Aber der winkte ab: Was zählt, ist das Glück der beiden!
Und tatsächlich sie waren glücklich.
P.S. Am nächsten Morgen fragte Anna Lukas: Sag mal, was wäre gewesen, wenn eine andere als ich reingekommen wäre?
Er lachte: Unmöglich! Das war Schicksal.
Fazit dieses Tages: Im Leben gibt es Zufälle, aber manchmal sind sie eben genau das unser Schicksal. Man muss nur bereit sein, es beim Schopf zu packen.



