Die unbequeme Ehefrau

Unbequeme Ehefrau

Sigrun tauchte langsam aus tiefen Schichten von Schmerz und Geräuschen auf, als würde sie sich vom Grund eines alten Brunnens zur Wasseroberfläche kämpfen.

Frau Sigrun Vogel, Sie sind wach. Die Geräte zeigen uns das. Versuchen Sie, die Augen zu öffnen, die fremde Stimme klang dumpf und fern, wie aus einer anderen Welt.

Sigrun gehorchte, doch die Lider waren schwer wie Blei. Ihr Körper war ihr fremd, jeder Muskel schmerzte dumpf vor Mattigkeit. Ein widerlicher Piepton hallte in ihren Ohren.

Es roch unmissverständlich nach Krankenhaus: scharfer, steriler Desinfektionsgeruch und jener bittere, medizinische Dunst, den man nie vergisst.

Genau so, nun, direkt an ihrem Ohr, die Stimme eines älteren Mannes. Sie atmen selbständig, sehr gut.

Mit letzter Kraft zwang sich Sigrun, die Augen zu öffnen. Das Licht stach, zwang sie sofort, sie wieder zu schließen. Die Welt war verschwommen wie Wasserfarben im Regen: ein weißer Deckengemälde, ebenso fahle Wände, ein durchsichtiger Schlauch führte zu ihrer Hand.

Über sie beugte sich ein Mann, sein Gesicht von tiefen Falten zerfurcht, buschige graue Augenbrauen über strengen, forschenden Augen. Die OP-Haube und die heruntergezogene Maske verrieten ihn als Arzt.

Wo bin ich? hauchte sie, ihre Stimme kaum lauter als das Knirschen von Herbstlaub.

Sie sind auf der Intensivstation, sagte der Arzt ruhig und rückte an der Infusionsapparatur. Universitätsklinikum München.

Unfall… das Wort zerbrach ihr fast die Lippen. Es gab doch diesen Unfall…

Ein Aufblitzen der Erinnerung, dann Dunkelheit: gleißende Sonne durchs Frontglas, Autobahn… Sie fuhr, aber wohin?

Ja, ein Verkehrsunfall. Erinnern Sie sich?

Ich war auf dem Weg zur Frauenklinik. Kontrolluntersuchung vor der IVF. Jens und ich… Wir haben seit Jahren versucht, ein Kind zu bekommen…

Das stimmt, der Arzt nickte. Mein Name ist Dr. Reinhard Schröder. Ich bin Ihr behandelnder Intensivmediziner. Der Unfall war schwer.

Mit dem klareren Bewusstsein kam die Panik.

Mein Mann Weiß er Bescheid? Geht es ihm gut?

Er weiß es, der Tonfall von Dr. Schröder wurde noch kühler. Er ist nicht verletzt. Er war auch nicht mit Ihnen im Wagen.

Sigrun runzelte die Stirn. Stimmt, Jens wollte nachkommen, direkt von der Arbeit. Sie war allein unterwegs gewesen.

Wie lange bin ich hier? Ihre Angst schlich wie Kälte ins Herz.

Dr. Schröder wich dem Blick aus, seine Schultern sackten.

Sie müssen tapfer sein. Was ich Ihnen sage, wird Sie erschüttern.

Sagen Sie es, bitte, Sigrun atmete flach.

Der Unfall liegt lange zurück. Sie waren sehr lange bewusstlos.

Wie lange… eine Woche? Zwei?

Drei Jahre, antwortete der Arzt ruhig, und die Welt zerbrach.

Nein… ihre Lippen bebten. Das kann nicht sein. Da muss ein Irrtum vorliegen…

Es sind drei Jahre verstrichen, schnitt Dr. Schröder ihr ab. Schweres Schädel-Hirn-Trauma, zahlreiche Brüche. Wir haben Sie kaum am Leben erhalten.

Drei Jahre.

Sigrun starrte auf ihre blasse Hand, die auf der Krankenhausdecke lag: dünn, aber ihre eigene. Noch am Leben.

Sie hatten Glück, der Arzt verfiel in einen sanften Ton. Sie haben eine seltene Blutgruppe. Es musste notfallmäßig transfundiert werden, aber die Blutbank war leer.

Er hielt inne.

Ihr Mann hat Sie gerettet, sagte er schließlich. Er hatte die passende Gruppe. Sein Blut hat Sie zurückgeholt.

Jens. Er hatte ihr das Leben gerettet… oder? Doch in der Tiefe etwas stimmte nicht. Sigrun glaubte genau zu wissen, dass Jens Blutgruppe eigentlich nicht die passende wäre.

Ihr blieb keine Kraft zum Widerspruch und erneut sank sie weg in medikamentöse Dämmerung.

Beim nächsten Erwachen war es stiller im Zimmer, der Piepton wurde zum vertrauten Hintergrundgeräusch. Jemand stand an ihrem Bett.

Bekannter, leicht herber Duft das Parfum ihres Mannes.

Jens, registrierte sie sofort, noch bevor sie sein Gesicht sah.

Er kam näher, der makellose Schnitt im Anzug, das entschlossene Kinn, das straff zurückgekämmte dunkle Haar alles wie früher, und doch: Sein Gesicht war verändert.

Eisige, fast verächtliche Kälte lag in seinen Zügen eine Härte, die sie nie gesehen hatte.

Eine Pflegerin, wahrscheinlich Mitte fünfzig, mit müden, aber gütigen Augen huschte schweigend durch den Raum und wechselte den Tropf. Sigruns Erinnerung sagte ihr: das war Frau Baumgartner.

Jens beugte sich so tief über sie, dass sie seinen kalten Atem spürte.

Meine Liebe, seine Stimme war leise, schmeichelnd, wohl nur für ihre Ohren bestimmt. Schön, dich wieder zu sehen.

Er lachte höhnisch.

Während du hier drei Jahre dahinvegetiert bist, habe ich längst das Erbe angetreten.

Sigrun verstand nicht gleich.

Was für ein Erbe? Was meinst du? Ihre Zunge war schwer.

Du erinnerst dich nicht? Na, die Unterlagen, die du so freundlich unterschrieben hast, vor deinem längeren Ausflug. Damals hast du all deine Vollmachten übertragen, alles…

Ich… habe…

Danke dafür, er grinste giftig. Deine Naivität war ein echter Gewinn.

Ein Bild: Notaufnahme, Schmerz, Jens beugt sich über die Trage.

Sigrun, bitte schnell unterschreiben, damals klang seine Stimme ganz weich. Das ist die Einwilligung für die OP. Nur reine Formsache.

Zitternd unterschrieb sie eine ganze Mappe voller Seiten, sah nicht hin.

Die Spedition deines Vaters, erläuterte Jens, als sie jetzt ratlos blickte. Du weißt doch, dein Vater, Hanno Vogel, hat dir diese kleine Firma hinterlassen. Nichts Großes, aber in drei Jahren habe ich daraus ein goldenes Unternehmen gemacht.

Er lächelte triumphierend.

Und jetzt gehört es mir. Ganz.

Sigrun blickte ihn entsetzt an, Eisesfurcht schnürte ihr die Kehle zu. Das war nicht mehr der Jens, den sie geheiratet hatte. Nicht ihr Mann.

Das kannst du nicht gemacht haben… flüsterte sie.

Aber sicher. Und es war nicht einmal schwer.

Gelassen strich er die Manschetten seines tauberweißen Hemdes glatt, nickte der Schwester zu.

Kümmern Sie sich gut um sie, Frau Baumgartner.

Sigrun schloss die Augen, tat, als schliefe sie wieder. Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Die Tränen stachen ihr heiß die Schläfen hinab.

Seine Schritte entfernten sich, klackten hart auf den Fliesen, und dann war er fort. Übrig blieb sie allein in diesem Albtraum.

Eine warme Hand tupfte vorsichtig ihren Wangen salzige Spuren ab.

Ruhig, mein Kind, flüsterte Frau Baumgartner. Der ist es nicht wert zu weinen. Spar dir deine Kraft.

Danke, hauchte Sigrun und schluckte die Stille.

Wenig später, als sie ihr den Verband wechselte, beugte sich die Schwester dicht zu ihr heran:

Du bist stark. Wer so eine Odyssee überstanden hat, packt auch den Rest. Männer wie der Die gibts leider oft. Aber Hauptsache, du wirst wieder gesund. Alles andere kommt.

Die einfachen, herben Worte der Schwester waren der erste winzige Lichtstrahl im Dunkel.

Frau Baumgartner…

Ja, Schatz?

Der Arzt sagte, mein Mann war mein Blutspender

Das Gesicht der Schwester wurde für einen Moment hart.

Wer hat das gesagt?

Dr. Schröder.

Sie schüttelte missbilligend den Kopf.

Hör mir mal zu, sie flüsterte, obschon sie allein waren. Jens hat kein einziges Mal Blut gespendet. Der kannte nicht mal seine eigene Blutgruppe. Ich war damals Diensthabende. Dreimal gefragt, dreimal abgewunken.

Aber… der Arzt…

Wahrscheinlich hat ihm das jemand so hingeschoben. Dein Mann mags, sich als Held zu inszenieren. In Wirklichkeit kam dein Blut von einem anonymen Spender aus der Blutbank, in letzter Sekunde geliefert.

Sie legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.

Du schuldest ihm nichts. Gar nichts. Kapiert?

Sigrun nickte. Lüge. Alles Lüge. Sein Heldentum eine Farce, wie all die früheren Zärtlichkeiten.

In der nächsten Nacht, als selbst das Piepen der Geräte schrill klang, lag Sigrun wach und fragte sich, wie sie sich so in einem Menschen hatte täuschen können. Wie ihr Jens zu einem berechnenden Fremden werden konnte.

Erinnerungen stiegen auf bitter: Der Tag, an dem sie ihn kennenlernte.

Vier Jahre zuvor eine Ewigkeit entfernt.

Sigrun rannte auf der Rolltreppe in der Münchner U-Bahn. Regen, Hektik, sie war spät dran für ein Bewerbungsgespräch beim Übersetzungsbüro. Im Gedränge brach der Absatz.

Natürlich… stöhnte sie, als sie gerade noch das Gleichgewicht hielt.

Ihr Schuh baumelte, sie fühlte sich lächerlich, mit nassem Schirm und zerrupftem Haar.

Aschenputtel hat wohl heute ihre Nerven statt den Schuh verloren, spöttelte eine samtige Stimme neben ihr.

Sie hob den Blick. Ein Mann im perfekten Mantel, teures Parfum, Ausstrahlung von Erfolg. Nicht klassisch schön, aber so charismatisch, dass ihr die Luft wegblieb.

Ich glaube, Aschenputtel weint gleich, gab Sigrun kleinlaut zurück.

Er sah sie abschätzend an nicht verurteilend, sondern sachlich.

So nimmt Sie niemand, sagte er trocken.

Danke, das baut auf, murmelte sie ironisch.

Realistisch, nicht freundlich, sagte er, reichte ihr die Hand. Jens.

Sigrun, antwortete sie wie automatisiert.

Kommen Sie. Sie sollten besser nicht mit der U-Bahn fahren.

Wie meinen Sie?

Ich fahre Sie. Unterwegs lösen wir das Schuhproblem.

Ich kann doch nicht… Ich kenn Sie doch gar nicht…

Ab jetzt kennen Sie mich. Er lächelte entwaffnend. Sehen Sie es als Investition in Ihre Zukunft. Übersetzerin, oder?

Ja, aber…

Keine Ausreden. Entscheiden Sie jetzt richtig.

Jens war immer so: entschlossen, durchsetzungsstark, sofort hilfsbereit. Noch am selben Tag besorgte er ihr neue Schuhe.

Die kosten ein Vermögen, staunte Sigrun.

Aber die bringen dir das Vorstellungsgespräch und deinen neuen Job, erwiderte er pragmatisch.

Sie bekam die Stelle. Am Abend rief Jens an:

Haben die Schuhe Glück gebracht?

Woher wissen Sie meine Nummer?

Ich weiß alles, Sigrun. Er lachte herzlich. Gehen wir essen?

Nach kurzem Zögern: Ja.

Aus diesem Abendessen wurden viele. Jens umwarb sie stürmisch, brachte extravagante Bouquets, exklusive Restaurantbesuche, Wochenenden in luxuriösen Hotels.

Sigrun tauchte ein in Luxus und Wärme, bis ihre Schwester, Anne, das Ganze skeptisch von außen beäugte und nur trocken murmelte, die Liebe sei für niemanden gerecht.

Dann kam das Kennenlernen von Jens’ Eltern.

Vater, Kurt Vogel, war schweigsam, misstrauisch, er musterte Sigrun mit durchdringendem Blick.

Übersetzerin? Unsolider Beruf. Frauen sollten sich um die Familie kümmern, Kinder bekommen.

Papa, stöhnte Jens, wir arbeiten daran.

Arbeiten…? Früher wurde einfach gehandelt.

Seine Mutter, Erika Vogel, still und gebildet, lächelte Sigrun herzlich an.

Ich war auch im Schuldienst. Deutschlehrerin. Wir sind quasi Kolleginnen.

Sie waren Lehrerin?

Mein Leben lang, antwortete Erika. Worte haben Macht, nicht wahr?

Sigrun entspannt sich, das Gespräch drehte sich bald um Bücher.

Der Schwiegervater aber flüsterte beim Hinausgehen: Leeres hübsches Ding. Fürs Geschäft nicht zu gebrauchen.

Bald drängte Jens, dass sie den Job hinschmiss.

Sigrun, du bist doch dafür gemacht, unser Zuhause zu verschönern. Verschwend deine Fähigkeiten nicht an fremde Verträge kümmer dich um dich, Kunst, Wohltätigkeit!

Aber Arbeit macht mir Freude…

Du wirst unser neues Leben mehr lieben.

Sigrun glaubte daran. Sie wurde zur perfekten Gastgeberin, organisierte Empfänge, glänzte bei Veranstaltungen.

Dann wollten sie ein Kind. Zwei Jahre lang nichts. Der Arzt war schonungslos: unfruchtbar.

Meinetwegen, weinte Sigrun.

Unsinn, Jens Umarmungen wurden schon distanziert. Keine Sorge wegen Geld. IVF, beste Klinik, wir bekommen einen Erben.

Sigrun klammerte sich an die Hoffnung, übersah dabei seinen Blick, seine Abwesenheiten.

Ihr Vater, Hanno Vogel, erkrankte währenddessen schwer. Die Schwestern Sigrun und Anne wechselten sich am Krankenbett ab. Die Mutter war früh gestorben.

Vom einfachen Ingenieur bis zum Mittelstand-Unternehmer hatte sich ihr Vater hochgearbeitet ein solider, aber nicht reicher Mann.

Vor seinem fünfzigsten Geburtstag starb er. Die Beerdigung und die Tage danach zog Sigrun wie im Nebel durch. Jens war formell aufmerksam, sei Fokus lag aber auf den Details des Erbes.

Im Rückblick erkannte Sigrun, wie sie eilig alles unterschrieben hatte, nur um keinen Streit zu haben.

Zwei weitere Tage in der Klinik verstrichen ereignislos. Jens blieb verschwunden. Nach Stabilisierungen verlegte man Sigrun auf eine Vierbettstation. Lauter, nach Kantinenessen riechend, aber voller Leben.

Noch am ersten Tag kam Anne zu Besuch.

Sigrun erkannte sie kaum wieder: aus dem mittlerweile einundzwanzigjährigen Studentenmädchen war eine erschöpfte, gereifte Frau geworden.

Sigrun… Anne stürmte in ihre Arme und brach in Tränen aus.

Ruhig, alles gut Was ist passiert? Du hast dich so verändert…

Drei Jahre, Sigrun Ich hatte solche Angst.

Schluchzend setzte sie sich aufs Bett.

Ich habe schreckliche Nachrichten, Sigrun.

Noch schlimmer als bisher?

Er dein Mann

Sags, Anne. Ich halte es aus.

Er hat mich rausgeworfen, Annes Stimme zitterte. Aus Papas Haus.

Sigrun erstarrte.

Wie das denn? Das ist doch auch deins, nach dem Testament.

Jens behauptet, du hättest ihm alles unterschrieben. Er zeigte mir die Papiere, hat alle Schlösser ausgetauscht. Ich kam zurück, meine Sachen lagen in Müllsäcken vorm Tor.

Schon wieder die Papiere.

Und außerdem… Anne zeigte ihr einen zerknitterten Brief. Er hat die Scheidung eingereicht.

Sigrun nahm den Umschlag; Hände bebten.

Was steht drin?

Er beschuldigt dich der Undankbarkeit und moralischen Schwäche. Nach seiner “Heldentat”. Allen hat er erzählt, er habe dir das Leben gerettet.

Überraschend… Sigrun presste die Lippen zusammen. Und du wo wohnst du jetzt?

In der Uni-WG, notgedrungen.

Er hat uns alles genommen, sagte Anne leise.

Noch nicht ganz, flüsterte Sigrun; ein ungewohntes, zähes Trotz keimte auf. Ich muss meine Kräfte sammeln.

Die Zeit verging zäh. Immerhin war sie jung, der Körper wollte ins Leben zurück.

Jens ließ sich nicht mehr blicken. Er informierte sich nur über den Arzt.

Im Grunde wusste Sigrun längst, dass er im Stillen auf ihren Tod gewartet hatte.

Zwei Wochen später wurde sie entlassen.

Sie stand, mit Tasche in der Hand, an der Pforte der Klinik, das Gepäck von Frau Baumgartner zusammengesteckt. Den Kittel zurück, die Hausschuhe abgegeben, holte sie tief Luft und wählte Jens’ Nummer.

Ah, du bist draußen, klang er geradezu vergnügt. Hervorragend.

Jens, meine Karten mein Geld…

Gesperrt. Drei Jahre Ausfall alles gesperrt, wie du dir denken kannst.

Nach einer Pause, nun frostig:

Die Scheidung läuft. Drei Jahre auf dich zu warten, darauf habe ich keine Lust mehr. Mein Anwalt meldet sich. Ruf mich nicht an.

Das Freizeichen bedeutete das Ende.

Sigrun sackte auf die Bank vorm Kliniktor. Es war Mai. Drei Frühlingsjahre einfach ausgelöscht.

Bald brachte Anne ihr alte Jeans und ein T-Shirt.

Komm mit in die WG, sagte sie.

Sigrun atmete schwer. Nach Jahren im großen Haus, nach dem Leben als perfekte Ehefrau, fühlte sie sich wie ein Kind verunsichert, klein.

Die winzige WG-Kammer zwei Betten, ein verworrener Tisch mit Skizzen und Stoffen. Anne studierte Modedesign.

Sigrun, blass und dünn, saß da und blickte aus dem Fenster. Ihr ganzes früheres Leben war zu einem Satz Pappdeko zusammengesackt und das Publikum war längst fort.

Ich muss arbeiten, sagte sie eines Abends.

Du sollst dich schonen! erwiderte Anne.

Der Arzt hat keine Einwände. Wir haben kein Geld. Ich spreche drei Sprachen.

Sie öffnete Annes alten Laptop, schob einen englischen Text auf den Bildschirm, wollte gleich an den Übersetzer ran.

Es war alles da im Kopf aber sie schaffte es nicht, die Begriffe flüssig zu übersetzen. Die Worte blieben isoliert, zerfielen, als hinge zwischen Hirn und Händen eine Glasscheibe.

Was ist mit mir los? flüsterte sie, versuchte es auf Französisch kein Unterschied. Alles blieb stumm im Kopf stecken.

Am nächsten Morgen kehrte sie zurück in die Klinik.

Dr. Schröder hörte sich alles an, runzelte die Stirn, ließ sie Tests machen.

Es ist eine Aphasie, knurrte er. Sprachzentrum verletzt. Aber kein endgültiger Schaden. Mit Geduld und Übung kommt das zurück.

Ich habe keine Zeit! Ich brauche jetzt Arbeit, Geld…!

Nicht hetzen, antwortete der Arzt warm. Ruhen Sie sich aus. Dann klappt das.

Abends fragte sie Anne:

Was kann ich machen, falls ich nie wieder übersetzen kann?

Du hast immer das Haus geführt. Du konntest aus allem ein Zuhause machen. Und du bist eine ausgezeichnete Köchin.

Hausarbeit als Beruf Sigrun seufzte. Auch das ist eine Fähigkeit.

Am nächsten Tag stellte sie sich in einer Münchner Agentur für Hauspersonal vor.

Die Mitarbeiterin musterte sie skeptisch.

Berufserfahrung?

Ich habe ein großes Haus organisiert.

Na gut. Hausfrau also. Sonst noch was?

Sie entdeckte den hellen Narbenstrich an Sigruns Schläfe.

Unfall?

Ja, vor kurzem erst entlassen.

Die Frau schnaubte kritisch.

Sie sehen nicht fit aus. Wir melden uns.

Bitte, ich brauche dringend Arbeit. Alles, wirklich alles, ich kann kochen, putzen, mit Kindern umgehen.

Die Personalchefin ließ sich schließlich erweichen.

Es gibt eine Stelle. Aber die ist speziell. Ein Chirurg Dr. Leo Fromm sucht eine Nanny für seine neunjährige Tochter. Drei Vorgängerinnen sind geflohen. Seine Frau starb vor zwei Jahren bei einem Autounfall, seitdem arbeitet er nur noch, das Kind lebt in sich zurückgezogen. Wenn Sie das schaffen…

Die Wohnung am Gärtnerplatz: modern, edel, aber seelenlos.

Leo Fromm: groß, hager, verschlossen, von tiefsitzender Erschöpfung und Trauer geprägt.

Sie sind Sigrun, sagte er monoton. Das Büro hat Bescheid gegeben. Kind ist am Ende des Flurs. Richten Sie sich ein.

Er verschwand gleich im Arbeitszimmer.

Sigrun klopfte zögernd.

Lisa?

Stille. Sie öffnete vorsichtig.

Ein schmales Mädchen mit Zöpfen, ganz vertieft in ein Tablet, ignorierte sie.

Hallo Lisa. Ich heiße Sigrun. Ich helfe dir bei den Hausaufgaben.

Keine Reaktion, nur eine kleine Anspannung.

Sigrun seufzte. Das würde schwer werden.

In den ersten Tagen wich Leo aus, Lisa schweigsam. Karges Ritual: Essen, Waschen, Hausaufgaben, sofort wieder Tablet.

Sigrun, selbst verletzt und von Enttäuschung geprägt, spürte das stumme Leid dieses Kindes.

Am dritten Abend hielt sie es nicht mehr aus, trat einfach ins Kinderzimmer.

Lisa, jetzt ist Schluss mit Tablet. Sanft, aber bestimmt.

Lisa blickte sie scharf an abwehrend wie ein Tier.

Weißt du, ich habe früher gern Ton modelliert. Du hast doch auch Knete da drüben?

Sigrun griff sich einen Klumpen, setzte sich auf den Boden.

Lust auf eine Burg, mit echten Türmen?

Ihre Finger waren zu Beginn steif, dann floss das alte Gefühl zurück. Die Worte blieben holprig, die Hände fanden ihren Rhythmus.

Lisa beobachtete lange.

Die ist nicht richtig, sagte sie mit leiser Stimme.

Was denn?

Die Prinzessinnenturm muss höher sein.

Lisa schob meisterhaft mehr Ton dazu.

Sie schwiegen, kneteten.

Beim Aufräumen entdeckte Sigrun unter dem Bett ein altes, dickes Skizzenbuch.

Oh, was ist das?

Nicht anfassen! Das ist von Mama, Lisa riss es an sich.

Deine Mama? Sie hat gezeichnet?

Lisa nickte, streichelte das Buch fast zärtlich. Sie öffnete es; mit zarter, zögerlicher Neugier blätterte Sigrun.

Kein Fotoalbum, sondern lebendige, liebevoll gestaltete Skizzen: Fantasiewesen, Bastelanleitungen, Plüschfiguren. Jeder Strich voller Herzblut.

Wunderschön… hauchte Sigrun.

Auf der letzten Seite ein filigraner Entwurf: ein hochfliegender Vogel, ein Bauklotz im Schnabel darunter Elenas Werkstatt: Schlaue Spiele für besondere Kinder.

Besondere?

Mama wollte eine Werkstatt machen, Lisa schniefte. Für Kinder wie Micha.

Wer ist Micha?

Mein Freund. Der Sohn von Mamas Freundin. Er… spricht nicht. Mama fand, solche Kinder brauchen anderes Spielzeug. Papa sagte, das sei Quatsch.

Sigrun strich Lisa über die Haare und betrachtete die Entwürfe nicht nur Hobby, das war Berufung.

Sie schlief kaum in dieser Nacht. Der Gedanke an Elenas Werkstatt ließ sie nicht los.

Am nächsten Abend wartete sie, bis Leo zurückkam. Er rieb sich die Augen, erschöpft.

Lisa schläft? fragte er wie immer.

Ja. Ich… muss Sie sprechen.

Sie legte das Skizzenbuch auf den Tisch.

Leos Hand erstarrte.

Woher…?

Wir habens gefunden. Es ist genial, Dr. Fromm, bitte…

Geben Sie das zurück. Es ist privat! Seine Stimme war eisig.

Da irren Sie sich, sagte Sigrun ungewohnt fest. Das ist nicht nur Ihre Erinnerung. Es ist die Zukunft Ihrer Tochter.

Sagen Sie kein Wort über meine Frau Sie kennen sie gar nicht!

Vielleicht nicht, erwiderte Sigrun. Aber Ihre Tochter lebt auf, wenn sie an dieses Buch darf.

Da erschien Lisa, barfuß, im Pyjama, an der Tür.

Papa, warum schreist du mit Sigrun?

Leos Zorn wich Bestürzung.

Lisa, geh schlafen…

Das ist Mamas Buch, Lisa presste es an sich. Sigrun und ich machen die Spiele.

Das Feuer in Lisas Augen rührte an Leos Trauer, und Sigrun wich nicht zurück.

Machen Sie was Sie wollen, sagte er rau. Aber Geld? Habe ich nicht. Ich mache nicht mit.

Er verschwand ins Arbeitszimmer.

Sigrun gab nicht auf.

Noch am selben Abend rief sie Anne an.

Anne, du kennst dich doch mit Design aus…

Was hast du vor?

Ich brauche dich. Wir bauen was auf.

Sie begannen zu zweit.

Abends in Sigruns Minizimmer, Annes Laptop und Grafiktablet, auf den letzten Euro Holz und Farben gekauft. Sigrun mit ihrem Geschmack und dem neuen Geschick, Anne mit Design-Sensibilität gemeinsam bauten sie erste Prototypen.

Leo ignorierte das Treiben zunächst.

Doch bald hörte Sigrun ihn:

Marina, hier ist Fromm. Die Nanny spinnt, baut diese Spiele für besondere Kinder. Wie Elena damals. Schaus dir mal an.

Tags drauf kam eine Frau, etwa vierzig, kluge, warme Augen. An ihrer Hand ein wippender Junge.

Marina Böhm. Psychologin, Kollegin von Leo. Das ist Micha, autistisch.

Marina setzte sich zu den Prototypen.

Sigrun reichte ihr das Regenbogenpuzzle.

Micha stoppte, nahm schweigend eine Bogen, setzte ihn akribisch ins Puzzle.

Marina hielt staunend den Atem an.

Er würde sonst nie… das ist unglaublich!

Sigrun lächelte. Der erste Beweis.

Marina wurde zur Fürsprecherin, erzählte anderen Eltern davon. Es kamen neue Bestellungen.

Anne, wir müssen ein Kleingewerbe anmelden, meinte Sigrun eine Woche später.

Wahnsinn! Anne jubelte.

Eines Abends kehrte Leo heim, stieß auf ein Wohnzimmer voller Holzspäne, Skizzen, Gelächter Sigrun, Anne und Lisa packten den ersten Auftrag in Packpapier.

Leo lehnte an der Tür.

Sigrun sah ihm in die Augen keine Angst, keine Unterordnung mehr. Nur Entschlossenheit. Und Leo sah endlich zurück.

Marina, sind Sie wirklich sicher? fragte Sigrun, als sie die Bestellung annahm.

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Homy
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