Das Ausweichflugfeld – Deine sichere Landebahn in turbulenten Zeiten

Ersatzflughafen

Hörst du mich? Seine Stimme war leise, fast schuldbewusst. Fast. Gisela, ich frage dich, hörst du mich überhaupt?

Ich hörte ihn. Ich habe ihn immer gehört. Selbst wenn er schwieg, selbst wenn er wochenlang nicht anrief, war da immer irgendein Nachhall seiner Anwesenheit in meiner Wohnung. Als ob er etwas kaum Greifbares hinterließ: den Duft seines Kaffees, den Kreis einer Tasse auf der Fensterbank, einen umgeschobenen Stuhl am Küchentisch.

Ich höre dich, Markus.

Und warum sagst du dann nichts?

Ich denke nach.

Er seufzte. Dieses Seufzen kannte ich auswendig. Schwer, mit einem leisen Pfeifen, als würde die Luft mühsam durch etwas Zusammengepresstes strömen. Markus seufzte immer so, wenn er sich Mitleid wünschte, aber nicht wusste, wie er darum bitten sollte.

Ich habe keinen anderen Ort, sagte er. Verstehst du? Nirgendwo anders.

Ich stand am Fenster und blickte auf die Straße hinaus. März. Dreckiger Schnee an den Gehwegen, nasse Tauben auf dem Sims gegenüber, eine Frau mit Kinderwagen, die vergeblich versuchte, um eine Pfütze herumzukommen. Ein ganz gewöhnlicher Märztag in München nichts Besonderes. Aber in mir drehte sich langsam und unerbittlich etwas um. Wie eine Seite. Wie ein Türschloss.

Komm rein, sagte ich.

Das war alles. Drei Silben. Und schon fing alles wieder von vorne an.

Markus war dreiundfünfzig, ich einundfünfzig. Wir kannten uns seit jener Zeit, als er noch karierte Hemden trug und sie für modern hielt und ich mit dickem Zopf herumlief und dachte, Unauffälligkeit sei eine Tugend. Wir lernten uns über gemeinsame Freunde kennen, in irgendeiner Studentenwohnung in Schwabing, wo billiger Weißwein getrunken und über Bücher diskutiert wurde, die niemand wirklich gelesen hatte. Damals war Markus laut, lachte so, dass alle Flure widerhallten, fuchtelte, bis einmal jemandes Teller zu Bruch ging. Ich sammelte die Scherben und dachte: Hier ist einer, der füllt jeden Raum. Wie das wohl ist.

Ich war anders. Still. Jemand, den man zuerst übersieht und später nicht mehr vergisst. Zumindest wollte ich das so glauben.

Er verliebte sich damals nicht in mich. Er verliebte sich in Kathrin. Es war vorhersehbar und zwangsläufig, wie ein Gewitter nach langer Hitze. Kathrin war auffällig, sprach schnell, lachte lauter als ihn und verstand es, einen Raum zu betreten, dass jeder sich umdrehte. Neben ihr fühlte ich mich immer wie ein Aquarell neben einem Ölgemälde. Nicht schlechter. Nur anders.

Sie kamen ebenso schnell zusammen, wie sie begannen, sich zu streiten. Ich sah das lange von außen. Sie trennten sich, fanden wieder zusammen, trennten sich erneut. Kathrin machte Szenen, Markus schlug die Tür zu, dann kam er zurück und ging bald darauf doch wieder. Es waren endlose Schaukeln.

Und dazwischen war ich. Also, da war ich.

Zum ersten Mal kam er nach dem ersten großen Streit zu mir. Er war fünfunddreißig, ich dreiunddreißig. Rief spät abends an, rauhe Stimme, fragte: Darf ich vorbeikommen? Ich sagte: Natürlich. Setzte Tee mit Melisse auf, stellte etwas zu essen hin, und wir saßen bis zwei Uhr nachts. Er sprach, ich hörte zu. Das fiel mir nicht schwer. Ich konnte zuhören.

Danach schlief er auf meiner Couch. Morgens nahm er Kaffee, bedankte sich und ging. Zwei Wochen später war er wieder mit Kathrin zusammen.

Ich war nicht beleidigt. Ich räumte die Decke von der Couch, wusch sie, faltete sie zusammen. Lebte weiter.

Und das wiederholte sich. Einmal, zweimal, zehnmal. Ich hörte auf zu zählen. Er kam nach den Streits, manchmal für einen Abend, manchmal für einige Tage. Wir tranken Tee mit Melisse, redeten, er beruhigte sich, fand zu sich und ging. Zu Kathrin, immer zu ihr.

Ich nannte es nicht Liebe. Ich hatte Angst, das Wort zu benutzen. Aber wenn er klingelte, zog sich in mir etwas zusammen und ließ direkt wieder los. Da war er. Wieder hier. Lebendig, wirklich, meiner. Für einen Moment, aber meiner.

Ersatzflughafen, dachte ich manchmal. Die Flugzeuge landen nur kurz, tanken auf, und fliegen weiter. Und der Turm steht. Immer, wartet immer.

Dieses Mal kam er Ende März, eine große Sportsbag über die Schulter geworfen. Die Tasche war blau, abgewetzt, die weiße Schriftseite kaum noch lesbar. Als ich sie sah, war mir alles klar. Nicht für einen Tag. Nicht für zwei.

Bleibst du lange? fragte ich, während er im Flur die Jacke auszog.

Weiß nicht, sagte er ehrlich. Immerhin log er mich nie an. Vielleicht eine Woche. Mal sehen.

Gut. Ich setzte Wasser auf.

Ich stellte den Wasserkocher an, griff nach Melisse. Er setzte sich auf “seinen” Platz am Küchentisch, am Fenster, mit dem Rücken zum Kühlschrank. Ich stellte ihm die Tasse hin und dachte: Wieder also. Schon wieder. Und ich fühlte weder Freude noch Bitterkeit. Etwas dazwischen. Warm und trotzdem wehmütig.

Ganz schlimm? frag ich.

Schlimmer geht’s nicht, antwortete er, umklammerte die Tasse mit beiden Händen. Er hatte immer kalte Hände. Sie hat gesagt, sie könne nicht mehr. Dass wir uns nur das Leben schwer machen.

Und du?

Ich hab mir nur diese Tasche geschnappt er nickte Richtung Flur und bin gegangen.

Ich schwieg. Draußen tropfte das Tauwasser gleichmäßig vom Sims. Wie ein Metronom.

Gise, zum ersten Mal an jenem Abend schaute er mir in die Augen, bist du nicht froh?

Doch, gab ich zu. Und es stimmte, auch wenn es bitter, sogar ein wenig schambesetzt war.

Die ersten Tage waren seltsam. Nicht schlecht. Einfach fremd. Ich war das Alleinsein gewohnt, meinen Rhythmus, meine Stille. Stand um sieben auf, kochte Kaffee, las eine halbe Stunde am Fenster, ging zur Arbeit. Kam abends heim, kochte etwas Einfaches, sah fern oder rief meine Freundin Eva an. Gegen elf ging ich ins Bett.

Markus störte den Rhythmus. Nicht in böser Absicht, es war einfach seiner. Er stand später auf, plauderte morgens, wenn ich schon mit den Gedanken im Büro war. Ließ Sachen herumliegen. Duschte zu lange. Drehte den Fernseher lauter.

Aber es gab auch anderes. Abends saßen wir zusammen am Tisch. Das war gut, einfach gemütlich. Er erzählte lustige Dinge, ich lachte. Ich bereitete Lasagne nach altem Rezept, er aß zwei Portionen und schwor, seit Jahren nichts Besseres gegessen zu haben. Wir sahen alte Filme und diskutierten über die Enden, gingen sonntags auf den Markt; er trug die schweren Tüten, und das war so selbstverständlich, das ich kaum atmen konnte vor Glück.

Eine Woche verging. Dann noch eine. Dann ein Monat.

Eines Nachts lag ich wach, hörte seinen gleichmäßigen Atem durch die Wand und dachte: Vielleicht ist das jetzt wirklich? Keine große Liebe wie bei ihm und Kathrin. Still, beständig, wie ein altes Haus.

Ich erzählte das Eva. Im Café, bei ihrem Latte. Sie hörte einfach zu, fragte dann:

Gise, sagte sie vorsichtig.

Ich weiß, was du sagen willst.

Wirklich?

Dass es nicht bleibt. Dass er wieder geht. Wie immer.

Eva drehte ihren Löffel.

Ich wollte nur fragen: Bist du jetzt glücklich? Jetzt, nicht später?

Ich dachte nach. Ehrlich.

Ja, sagte ich schließlich. Jetzt ja.

Dann bleib jetzt dabei, sagte Eva und trank ihren Kaffee. Denk nicht ans Morgen.

Ich bemühte mich. Ganz ehrlich.

Wir lebten zusammen vier Monate: April, Mai, Juni, Juli. Fast kann ich sie heute nach Tagen aufzählen. Die Fliederblüte, als er mir einen Zweig mitbrachte. Ein dummer Streit am Küchentisch, weiß nicht mehr warum, stundenlanges Schweigen, die Versöhnung. Ein Samstag zu Hause ich las, er bastelte auf dem Balkon und in dieser stillen Nähe lag ein so großer Frieden, dass ich sie kaum zu stören wagte.

Allmählich dachte ich in wir. Nicht ich fahre, sondern wir fahren. Nicht ich muss, sondern wir müssen. Es geschah einfach, und ich hielt ihn nicht auf, diesen Wechsel.

Auch Markus veränderte sich. War ruhiger. Redete weniger von Kathrin. Manchmal sah er mich anders an, wärmer keine Mitleid, keine Dankbarkeit, etwas anderes. Vielleicht das Wort, das ich immer gesucht hatte.

Die Schlüssel. Er bat von sich aus um einen Zweitschlüssel zu meiner Wohnung. Ohne zu zögern ließ ich einen nachmachen, legte ihn auf den Tisch. Ein kleines, kaltes Ding, das mein Herz wärmer machte.

Das war Anfang Juli.

Mitte Juli klingelte das Telefon.

Ich war in der Küche, er im Wohnzimmer, guckte etwas auf dem Laptop. Sein Handy klingelte laut. Erst achtete ich nicht darauf. Dann wurde es still. Ganz still. Solch eine Stille, die ankündigt, dass sich etwas verändert, noch bevor man es weiß.

Ich ging ins Zimmer. Er stand mitten im Raum, das Handy schlaff in der Hand, starrte ins Leere.

Markus? sagte ich.

Er hob den Blick. Ich wusste sofort Bescheid. Nicht mit dem Kopf. Mit etwas Tieferem.

Kathrin, sagte er. Sie hat Probleme. Ernsthafte. Sie ist allein und braucht Hilfe.

So einfach war das. Keine langen Erklärungen. Nur das eine Wort: Kathrin.

Ich verstehe, sagte ich.

Gise…

Geh.

Warte, ich möchte es erklären.

Musst du nicht, sagte ich leise. Ich versteh. Geh nur.

Er stand noch einen Moment. Schaute mich an. Dann ging er in den Flur, holte seine blaue Tasche. Sie hatte die ganzen Monate da gestanden, als wüsste sie, ihr Tag kommt wieder.

Ich rufe an, sagte er an der Tür.

Gut.

Die Tür schloss sich. Das Schloss klickte. Ich blieb stehen, nur die Stille war anders als zuvor. Leere ohne Inhalt.

Die ersten drei Tage weinte ich nicht. Das war seltsam. Ich wartete auf Tränen, war darauf vorbereitet aber sie kamen nicht. Da war etwas anderes. Wie eine leere Stelle am Boden, wenn ein altes Möbelstück verschwindet. Nicht Schmerz. Einfach Leere.

Ich funktionierte im Job. Arbeitete als Buchhalterin in einer kleinen Baufirma, die viel Konzentration verlangte. Mit Zahlen musste alles stimmen und Zahlen interessierten sich nicht für Gefühle.

Am vierten Tag machte ich Lasagne. Warum, weiß ich nicht. Einfach so. Nach dem gleichen Rezept, dieselben Zutaten, dieselbe Form. Setzte mich, aß. Es schmeckte gut. Unerträglich gut.

Da kamen die Tränen. Über der Lasagne, allein am selben Küchentisch. Laut und hässlich, wie Kinder weinen. Dann wusch ich mich, trank meinen Tee aus, ging ins Bett.

Am nächsten Tag kam Eva unangemeldet. Rief erst unten an: Mach auf, ich bin da. Sie brachte eine Tüte mit Brot und anderem, stellte sie ab, umarmte mich. Wir standen schweigend, blieben trocken. Die Tränen waren bei der Lasagne geblieben.

Erzähl, sagte Eva.

Was soll ich erzählen? Du weißt alles.

Ich weiß. Aber sag es trotzdem. Es muss raus.

Ich erzählte. Vom Juli, vom Anruf, von der blauen Tasche, von ich rufe an. Er hat übrigens nie angerufen. Es war schon mehr als eine Woche vergangen.

Wirst du wieder warten? fragte Eva offen.

Nein, sagte ich. Es gelang mir überraschend leicht.

Wirklich?

Nein. Ich bin müde vom Warten. Immer gewartet. Wann er anruft, wann er kommt, wann er bleibt. Aber er wählte nie. Kam nur, wenn er nirgendwo sonst hin konnte. Weißt du, wie das heißt?

Wie?

Ersatzflughafen. Ich war immer sein Ersatzflughafen. Immer bereit, immer offen. Er wusste, hier kann er landen, falls nötig.

Eva schaute mich an.

Hast du das schon lange begriffen?

Ja. Jetzt verstehe ich es richtig.

Kennen ist was anderes als Verstehen. Erst wenn man begreift, kann man nicht mehr so tun, als wüsste man es nicht.

Der August verging in seltsamer Benommenheit, nicht dunkel, nur still. Ich arbeitete, lebte weiter, spazierte abends an der Isar, so lange, bis die Beine von selbst nach Hause wollten. Sah aufs Wasser, auf Laternenlichter, auf Paare, auf Einzelne. Dachte an vieles.

Einmal blieb ich vor einem Schaufenster stehen, sah mein Spiegelbild. Eine Frau in hellem Mantel, die zurücksieht. Nicht jung, nicht alt. Müde, aber nicht zerbrochen. Lange betrachtete ich diese Frau und fragte mich: Was willst du nicht Markus, nicht irgendwer, DU? Eine Antwort fand ich nicht. Aber die Frage zählte.

Im September stellte ich die Möbel um. Es fing beim Sofa an. Plötzlich war klar: Das nimmt das Licht, die ganze Zimmerwirkung falsch. Ich rückte Sofa, Regal, alles, schuf Raum und Helligkeit, atmete auf. Warum hatte ich das nicht früher getan? Wohl Angst, etwas zu ändern, aus Furcht, Markus käme wieder und fragte: Was hast du gemacht?

Jetzt war niemand mehr da, vor dem ich mich fürchten musste.

Ich kaufte neue Vorhänge. Leinen, cremefarben, mit zarten Mustern. Die alten waren dunkelblau und schwer, schluckten das Licht. Die neuen ließen morgens Sonnenflecken herein, das Zimmer wurde goldfarben. Fünfzig Jahre und ich bemerkte zum ersten Mal das Licht.

Im Oktober meldete ich mich zu einem Italienischkurs an. Wollte schon immer, hatte es aufgeschoben. Die Gruppe bunt gemischt, der Lehrer jung, witzig, ließ uns Lieder singen, laut und ohne Scheu. Ich sang einfach mit, Torna a Surriento, obwohl ich nie in Sorrent war.

Eva wunderte sich:

Italienisch? Warum?

Ich möchte nach Barcelona, sagte ich.

Gise, da spricht man Spanisch.

Ich lachte.

Ich weiß. Aber irgendwo muss man anfangen.

Es stimmte nicht ganz, aber ich mochte es, etwas nur für mich zu tun.

Barcelona tauchte zufällig in meinen Plänen auf. Ich blätterte durch Bilder keine Katalogfotos, sondern echte: eine Straße am Morgen, ein Marktstand, ein roter Kater auf einem Fensterbrett. Da wusste ich: Da will ich hin. Nicht für eine Woche, nicht für Sightseeing. Einfach leben, ein bisschen, in diesem Licht, mit diesem Stein, mit dieser Luft, die nach Meer und Orangen riecht.

Ich schrieb auf einen Zettel: Barcelona. Frühling. Zwei Worte. Hing ihn an den Kühlschrank. Las ihn jeden Morgen.

Im November wurde es kalt und die Tage kurz. Ich kaufte eine Karte fürs Schwimmbad. Morgens vor der Arbeit schwimmen, eine halbe Stunde nur an Bewegung denken: der beste Tagesbeginn, den ich je hatte. Im Wasser denkt man an nichts Schweres.

Selten dachte ich noch an Markus. Hoffte manchmal, es gehe ihm gut. Ob er noch bei Kathrin ist, keine Ahnung. Ich wünschte ihm nichts Böses wirklich nicht. Das war wie beim Anblick eines alten Fotos: Man erkennt die Menschen, der Moment bleibt, aber das Gefühl ändert sich, es ist entfernt.

Im Dezember lud Eva mich zu Silvester mit Freunden ein. Zuerst wollte ich absagen, dann ging ich hin. Lachte mit neuen Leuten, prostete mit Sekt, und um Mitternacht, beim Anstoßen, spürte ich etwas Seltsames. Keine Einsamkeit. Eine Leichtigkeit. Als hätte ich etwas schweres, längst Gewohntes abgesetzt.

Januar, Februar. Schwimmbad, Italienischkurs, Bücher, die ich lange aufgeschoben hatte. Entrümpelte das Fach oberhalb des Schranks. Fand dabei die alte Decke, die Markus beim ersten Mal benutzt hatte, wusch sie damals und legte sie fort. Jetzt kam sie in die Altkleidersammlung. Soll jemand anderes damit warm werden.

Wieder März. Genau ein Jahr seit dem Tag, als er mit der blauen Tasche vor meiner Tür stand.

Ich stand am Fenster, trank Kaffee, sah auf die Straße. Der gleiche schmutzige Schnee, die Tauben, die Frau mit Kinderwagen. Alles wie immer. Und ich war ein anderer Mensch.

Samstagmittag klingelte das Handy. Seine Nummer auf dem Display. Mein Herz zuckte, nicht schmerzhaft, nur wie ein Echo einer alten Gewohnheit.

Ich ging ran.

Gise, seine Stimme war vertraut und doch fremd. Ich bin’s.

Ich sehe es.

Wie gehts dir?

Gut. Und dir?

Pause.

Nicht so gut. Können wir uns treffen?

Ich überlegte kurz.

Können wir. Wo?

Vielleicht bei dir?

Nein, sagte ich ruhig. Lass uns vor der Tür treffen. In zwanzig Minuten.

Wieder Pause, er war überrascht.

Okay, also, vor der Tür.

Ich trank meinen Kaffee aus, zog Mantel und Schal an. Sah mich im Spiegel. Eine Frau in grauem Mantel, ruhig und bereit.

Er stand draußen, sichtlich gealtert, hagerer. Der Blick: Hoffnung und Unsicherheit.

Hallo, sagte er.

Hallo, sagte ich.

Wir gingen nebeneinander über den Gehweg. Langsam, ohne Ziel. Einfach um zu reden.

Gise, begann er. Ich will dir was Wichtiges sagen.

Sag.

Mir gings schlecht dieses Jahr. Überhaupt nicht gut. Mit Kathrin … hat es nicht geklappt. Sie ist gegangen. Nicht ich. Und auch geschäftlich … alles weg. Ich sitze auf dem Trockenen.

Ich hörte zu, unterbrach nicht.

Ich habe viel an dich gedacht, fuhr er fort. Sehr viel. Ich war ein Idiot. Ich hatte etwas Echtes und hab’s nicht geschätzt. Du bist … du warst der ehrlichste Mensch in meinem Leben.

Markus, sagte ich.

Nein, lass mich. Ich wills versuchen. Mit dir, richtig. Ich hab mich geändert, ehrlich. Gib mir eine Chance.

Wir kamen am alten Kastanienbaum vorbei. Knospen, ganz frisch, kaum sichtbar.

Ich blieb stehen.

Er auch.

Du bist schön, sagte er plötzlich. Noch schöner geworden. Wie geht das?

Ich lächelte.

So ist das eben.

Gise. Er nahm leise meine Hand. Sag was.

Ich spürte seine warme, vertraute Hand. So lange habe ich sie halten wollen.

Dann löste ich sie sanft.

Markus ich will, dass du mich verstehst. Ohne Groll, einfach verstehen. Okay?

Sag.

Du meinst, du hast dich verändert. Sicher. Ein Jahr ist lang. Ich machte eine Pause. Aber es geht gar nicht um dich. Es geht um mich.

Was ist mit dir?

Ich habe mich auch verändert. Anders. Du hast etwas verloren und willst es zurück. Ich habe etwas gefunden und möchte es behalten.

Er schaute so, als hätte ich ihn vor den Kopf gestoßen.

Was hast du gefunden?

Mich selbst. So kitschig das klingt.

Gise…

Warte. Ich bin nicht böse auf dich. Nach all den Jahren, was wäre das für Unsinn. Aber ich will, dass du eins verstehst. All die Jahre war ich dein Ersatzflughafen.

Er wollte etwas erwidern, ich sprach weiter.

Du kamst, wenn es schlecht war. Erholt, aufgetankt, weitergeflogen. Und ich war immer da. Die große Show war woanders, bei Kathrin. Ich war nur zuverlässig, aber nie die Hauptstation.

Das ist nicht wahr, flüsterte er.

Doch, und du weißt es. Ich sah ihm fest in die Augen. Aber jetzt… ist dieser Flugplatz geschlossen. Nicht aus Rache. Sondern weil ich das nicht mehr will. Für niemanden. Auch nicht für einen guten Mann. Und du bist ein guter Mann, Markus. Wirklich.

Er schwieg lange.

Was jetzt?

Jetzt habe ich Pläne. Ich fliege im Frühling nach Barcelona. Lerne Italienisch, gehe schwimmen, habe neue Vorhänge und eine andere Möbelanordnung. Lese Bücher, die ich immer lesen wollte. Es ist mein Leben. Vielleicht nicht spektakulär, aber meins. Und es hat keinen Platz für jemanden, der nur kommt, weil er nirgendwo hin kann.

Und wenn ich diesmal wirklich zu dir komme?

Ich sah ihn an. Ganz lange. Das war vielleicht die Wahrheit.

Vielleicht stimmt das sogar. Aber ich kann es nicht prüfen. Die alte Gisela, die Hoffnung hatte und Raum ließ, die gibt es nicht mehr. Die jetzt lebt anders.

Er machte einen Schritt auf mich zu.

Gise, wenigstens einmal?

Nein, sagte ich. Ohne Hass, ohne Drama. Einfach nein. Nicht weil ich hart bin, sondern weil ich weiß, wie das läuft.

Wir standen am Eingang; dieselbe Straße, anderes Jahr, andere ich.

Nicht mal auf einen Tee?

Nein.

Warum?

Tee mit Melisse ist schon der Anfang. Anfang gibts keins mehr.

Er sah zu Boden.

Bist du glücklich? fragte er leise, ohne Vorwurf.

Ich dachte nach, wie damals im Café mit Eva.

Ja, sagte ich. Genau jetzt, ja.

Das ist gut, sagte er. Und das war ehrlich.

Wir schwiegen.

Ruf doch mal an, sagte er. Einfach so.

Ich schüttelte den Kopf.

Nicht nötig, wirklich nicht. Jeder hat jetzt seins.

Er nickte, langsam, als akzeptiere er etwas schwer Akzeptierbares.

Barcelona, sagtest du?

Barcelona.

Schöne Stadt.

Ich weiß. Auch wenn ich noch nie dort war.

Er drehte sich um und ging. Schaute nicht zurück. Ich sah ihm nach. Der Mann, den ich dreißig Jahre kannte, länger liebte als mich selbst, den ich nun gehen ließ, nicht mit Schmerz, sondern mit Frieden.

Wie man einen Vogel fliegen lässt, der längst selbst hinauswollte.

Ich ging ins Haus. Rauf in meine Wohnung. Aufgeschlossen mit meinem Schlüssel. In die Wohnung trat ich ein, in der es nach Kaffee und Leinenvorhängen roch, wo das Märzenlicht auf den neuen Platz des Sofas fiel.

Ich machte Tee. Nicht Melisse, nein. Nur Minze. Neue Gewohnheit, meine eigene.

Zettel vom Kühlschrank, Barcelona. Frühling.

Ich schrieb mit Kugelschreiber dazu: April.

April steht bevor.

Flughafen geschlossen. Der Tower hat die Lichter gelöscht. Und endlich steige ich selbst ins Flugzeug.

***

Doch das kam nicht von heute auf morgen. Erst nach einem ganzen Jahr, mit vielen kleinen Veränderungen, war ich so weit. Ich lernte, allein zu kochen, verräumte seine Tasse im Schrank, veränderte mein Heim, schaute meinem Bild im Schaufenster ins Gesicht und fragte, was ich will. Und spürte, wie ich mit jedem Tag stärker wurde, nicht einsamer, sondern unabhängiger.

Meine Mutter rief in jenem Sommer an, merkte sofort, wie es um mich stand. Fragte nur: Willst du kommen?

Nein, Mama. Mir tut es gut, mich neu einzurichten.

Gut, sagt sie und lässt mich. Das Wichtigste aber: Wenn du reden willst, ruf an.

Das zog sich durch mein Leben. Ich erlaubte mir kleine Veränderungen: Friseur, neue Farbe, Leichtigkeit im Haar, die Nachbarin, die sagte: Du siehst aus wie ein anderer Mensch. Gute Entwicklung, meinte sie. Bloß nicht stehenbleiben!

Im Botanischen Garten in München, diesen entdeckte ich für mich an einem heißen Augusttag, las ich auf Bänken, atmete Blumen und Erde. Da fühlte ich, so geht Leben: einfach sitzen und schauen nicht Leere, sondern Sein.

Ich lernte Menschen kennen. Zum Beispiel Hannelore, mit der ich regelmäßig und wortlos im Garten saß. Die so selbstverständlich allein leben konnte. Vorbild.

Italienischkurs ab Oktober brachte neue Kontakte, darunter Johanna. Offen, herzlich, chaotisch. Sie meinte nach Kaffee: Warum Italienisch?

Ich will nach Barcelona, lachte ich.

Da spricht man Spanisch aber Respekt! und wir lachten. Ungewöhnliches macht stark.

Winter: Lesen, Schwimmen, neue Bücher. Im Februar entdeckte ich einen kleinen Buchladen in Schwabing. Als ich einen Roman über Selbstveränderung kaufte, sagte der Inhaber: Das bleibt immer aktuell.

Der Reiseführer für Barcelona war schnell gelesen. Ich buchte schließlich im März den Flug, suchte eine kleine Wohnung nahe der Rambla, kaufte das Ticket. Zum ersten Mal reiste ich nur für mich.

Eva meinte: Diesmal fährst du allein. Soll auch so sein.

Anfang März erzählte ich meiner Mutter davon.

Wirst du fertig?

Sicher, Mama.

Sich selbst treu bleiben das wichtigste. Fotografier viel.

So tickt das Leben. Keine Großereignisse, kein Drama. Einfach: Flug gebucht, Mutter angerufen.

Beziehungen nach fünfzig: Es geht darum, sich selbst zu wählen, bewusst jeden Tag. Es geht nicht ums Ankommen bei jemandem, sondern um das Mit-sich-selbst-Glücklichsein. Ich hatte zu lange im Modus Wenn er gelebt.

Niemand gibt einem die Erlaubnis zu leben; man nimmt sie sich.

Diese Erkenntnis kam nicht über Nacht. Sie wuchs wie Licht nach dem Winter. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Beziehungspsychologie ist simpel: Man kann den anderen nicht ändern, nur das, was man annimmt und zulässt.

Ich war nun bereit, Tür zuzumachen leise, ohne Knall, aber endgültig. Das Gespräch im März war nur der Schlusspunkt.

Während Markus redete, sah ich in ihm keinen Bösen. Nur einen Mann, der sein Feuer bei Kathrin suchte und nie ganz meinen Hafen begreifen wollte.

Früher hätte ich daraus eine Einladung gemacht der Schmerz des Anderen hätte mich weich gemacht. Nun konnte ich mitfühlen und dennoch freundlich abgrenzen.

Er ging, und ich war erleichtert. Soll finden, was er sucht. Ich stieg die Treppen hoch, hörte mein ruhiges Atmen, spürte Sonne auf der Haut, den Zettel am Kühlschrank mit nun drei Worten.

Tee gekocht, Minze rein, Nachricht an Eva: Alles in Ordnung.

Pläne mit Johanna fürs Kino gemacht. Ich lächelte. Noch ein Monat bis Barcelona.

Der Flughafen hat geschlossen. Die Lichter sind aus. Der einzige Flieger, der startet, ist meiner. Endlich.

Auf diesem Flug bin nur ich Passagierin. Die, die lange für andere wartete, Platz machte. Die, die immer dachte: Erst die anderen, irgendwann ich. Jetzt nicht mehr. Jetzt kaufte ich das Ticket und stelle mich selbst in die Reihe.

Ich heiße Gisela. Ich bin einundfünfzig. Und es wartet Barcelona.

***

Der Wasserkocher klickte. Ich goß Minze in meine Tasse nicht die alte, blaue von Markus, sondern meine, weiße, die ich mir im Dezember gönnte. Dünnwandig, einfach und schön.

Mit der Tasse ans Fenster. Draußen derselbe März. Weniger Schnee, mehr Licht, Tauben genießen die Sonne auf dem Sims. Eine Frau mit Kinderwagen lacht in ihr Handy. Eine andere Frau als damals.

Ich stehe am Fenster, trinke Tee.

Das ist einfach eine Geschichte über die Liebe. Eigentlich darüber, was nach der Liebe kommt. Wie man lange falsch liebt, wie man langsam zu sich findet und wie darin etwas sehr Gutes steckt.

Trennung? Möbel umstellen. Neue Vorhänge. Italienischkurs. Schwimmen. Neue Buchläden betreten. Sich erlauben, nicht mehr zu warten.

Nicht warten.

Das ist das Schwierigste und das Leichteste das Leben im Präsens zu gestalten.

Vergeben oder vergessen? Beides und zwar so, dass es nicht schwer auf mir lastet. Erinnern, aber nicht (mehr) tragen.

Am Ende des Tages stand meine weiße Tasse im Spülbecken, auf dem Laptop leuchteten die Flugdaten. Noch ein Monat.

Der Begriff Familienwerte oft gesagt, aber jeder versteht ihn anders. Für mich beginnt Familie in mir selbst. Wer nicht in sich zu Hause ist, verliert sich im Außen.

Ich bin nicht mehr am Warten. Das Handy summt: Johanna nennt Kino und Uhrzeit. Ich antworte: Perfekt.

Blick in den Spiegel: Frau in Homewear, etwas zerzauste Haare, aber in den Augen Ruhe, keine übertriebene Zufriedenheit, aber Frieden.

Ich nicke meinem Spiegelbild zu. Morgen Kino. Übermorgen Italienischkurs. Dann Schwimmhalle. Und bald Barcelona.

Leben läuft weiter. Meins. Nicht in Zwischenräumen, nicht als Nebenfigur. Hauptfigur. Das ist mein neuer Wert.

Der Flughafen hat geschlossen.

Und dort oben, über den Dächern von München, über dem grauen, schon fast aprilhellen Himmel, fliegt mein Flieger.

Ich fliege.

Abends, nach dem Kino mit Johanna, nach dem Lachen, als ich heimkam und die Schuhe in den Flur stellte, fiel mir die blaue Tasse im Schrank ein die von Markus. Ich nahm sie heraus, stellte sie neben meine weiße auf die Küchenablage.

Eine Tasse. Kein Symbol. Einfach ein Gegenstand.

Ich ging schlafen, las noch etwas in dem Roman über Veränderungen: So geschieht Wandel. Nicht plötzlich, sondern Seite für Seite, Tag für Tag, bis man merkt: Ich bin neu.

Licht aus.

Draußen Märzregen. Ruhig, kein Drama. Einfach Regen.

Ich lag da, hörte ihm zu und spürte Frieden. Nicht Leere. Kein Alleinsein. Frieden, als sei alles an seinem Platz.

Morgen Italienisch. Wir singen wieder. Übermorgen Schwimmen. In einem Monat Barcelona.

Und jetzt: dieser Regen, diese Nacht.

Ich schließe die Augen.

Vor dem inneren Auge sehe ich: einen stillen Innenhof, Aprilsonne, roter Kater auf dem Fenstersims. Ich stehe dort mit Kaffee in der Hand, die Katze sieht mich an und wir sind beide zufrieden.

Der Ersatzflughafen ist geschlossen.

Die Startbahn ist frei.

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Homy
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