Der Ganove

Der Bandit

Herr, Endstation! Steigen Sie aus oder fahren Sie mit zurück in die Stadt?

Ich öffnete die Augen, blickte durch den leeren Bus und betrachtete den Fahrer. Ohne ein Wort stand ich auf und ging zum Ausgang. Kaum war ich ausgestiegen, huschte mir ein Lächeln übers Gesicht.

Wieder zu Hause Fünfundzwanzig Jahre war ich nicht hier. Unfassbar, wie schnell die Zeit vergeht.

*****

Herr Becker, nehmen Sie ruhig Platz. Man sagt ja, auf den Beinen steht keine Wahrheit, meinte mein Chef mit einem Schmunzeln und deutete auf den Stuhl. Können Sie sich denken, worüber ich heute mit Ihnen reden will?

Herr Schuster, Sie enttäuschen mich, erwiderte ich und grinste. Ich wusste schon eine Woche vor meiner Entlassung aus dem Krankenhaus, worum es heute gehen wird. Sie wollen, dass ich in Rente gehe. Die Dienstjahre reichen dafür ja locker aus.

Genau, Sie haben es sich verdient. Außerdem kommt noch die Invaliditätszahlung dazu.

Welch ein Fest. Jetzt beginnt wohl das gute Leben

Aber nehmen Sies bitte nicht krumm, ja?

Keine Sorge, ich verstehe das alles… Ich bin ja kein Kind mehr.

Die Ärzte sagten, Sie hätten nur mit viel Glück überlebt.

Ja

Seien Sie ehrlich: Mit ihrer Verletzung können Sie keinen Verbrechern mehr hinterherrennen! Herr Schuster wirkte fast entschuldigend.

Ich warf ihm einen knappen Blick zu, dann starrte ich aus dem Fenster. Draußen tummelten sich Spatzen auf einem Ast, beäugten mich neugierig. Schon als Kind hatte ich versucht, ihr Tschilpen nachzuahmen: tschilp-tschilp. Sie antworteten geschlossen, aber verstehen konnten wir uns nie.

Unsere Gespräche blieben stets oberflächlich.

Schade eigentlich. Mich interessierte immer, was Vögel wohl zueinander sagen und was in ihren kleinen Köpfen vorgeht.

Der Wissensdrang lag wohl in meiner Familie. Mein Vater war bei der Polizei und…

…ist im Dienst gefallen. Ein Held, so sagten sie.

Die Beerdigung, damals in Regensburg, war voller Menschen und guter Worte.

Ein älterer Kollege meines Vaters, ich glaube er war ein Kommissar, kam zu mir, drückte mir die Hand wie einem Erwachsenen, nicht wie einem Jungen.

Ich hoffe, du triffst die richtige Wahl, sagte er, klopfte mir auf die Schulter.

Damals beschloss ich, ebenfalls zur Polizei zu gehen. Ursprünglich wollte ich Ornithologe werden.

Meine Mutter war dagegen, doch als ich nach der Bundeswehr heimkam, war sie schon verstorben. War dem Alkohol verfallen, verriet mir unsere Nachbarin Frau Danner leise.

Hören Sie mir eigentlich noch zu? drang plötzlich Herr Schusters Stimme durch meine Gedanken.

Ich schüttelte den Kopf, verjagte die Erinnerungen und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch er erklärte weiter, warum ich als erfahrener Kriminalbeamter in Pension gehen müsse.

Sie wurden in letzter Sekunde gerettet, Herr Becker. Wirklich nur knapp! Und wahrscheinlich nicht, damit Sie gleich wieder ins Grab wandern. Offen gestanden: Sie sind auch selbst schuld. Diese Bande hätten Sie nicht allein stellen dürfen!

Das ist mein Beruf… beziehungsweise war es. Ich hatte keine Wahl, musste agieren.

Das bestreite ich ja gar nicht! Aber Sie sind kein Superman, sondern ein einfacher Mensch. Und Menschen, Herr Becker, sind sterblich. Also passen Sie jetzt bitte besser auf sich auf.

Hab ich ja versucht. So ist es eben gelaufen.

Sie hatten einfach Glück. Viele bekommen keine zweite Chance. Missbrauchen Sie Ihr Glück nicht. Gehen Sie in Rente, machen Sie was Sinnvolles aus Ihrem Leben. Arbeit gibts genug. Sie sind ja nicht steinalt. Vielleicht gründen Sie noch eine Familie, pflanzen einen Baum…

Und wer fängt dann die Verbrecher? Sie sagten doch selbst, es gibt nur wenige gute Ermittler.

Die finden sich schon. Sie wissen: Niemand ist unersetzlich. Sie, Herr Becker, haben Ihren Dienst für Deutschland erfüllt. Ihr Vater, Gott habe ihn selig, wäre heute sicher stolz auf Sie. Den Dienstbefehl können Sie sich gleich anschauen. Danach geben Sie Ihre Fälle weiter und…

Und dann bin ich frei wie ein Spatz, was, Herr Schuster? Ich erhob mich mit einem Lachen.

Weshalb wie ein Spatz? Ach ja, Sie heißen ja Becker Ja, Herr Becker, jetzt sind Sie so frei wie ein Spatz. Glauben Sies oder nicht, mir fällt der Abschied schwer. Danke für alles!

Ich schüttelte meinem Chef kräftig die Hand und humpelte, das Bein nachziehend, zur Tür.

Dort wartete fast die ganze Belegschaft. Jeder wollte sich persönlich verabschieden von Kommissar Becker, der im gesamten Landkreis als Vorbild galt besonders, nachdem ich eine gefährliche Bande fast im Alleingang ausgeschaltet hatte. Dass mir das beinahe das Leben gekostet hätte, wusste jeder. Aber ich hatte meine Pflicht getan.

Draußen fragte ich mich, was ich als Zivilist wohl tun sollte. Für einen Job im privaten Sicherheitsdienst reichte mein Bein nicht und für einen Hausmeisterposten war ich nicht geschaffen.

Was zur Hölle kann man anfangen, wenn man sein Leben lang nur Verbrecher gefangen hat?, ging es mir durch den Kopf. Ich hatte keine Antwort.

Aber eines stand fest: In der Stadt würde ich nicht bleiben.

So lange man zwischen Verhören und Einsätzen beschäftigt war, war alles okay. Aber einfach nur sinnlos durch den Tag treiben das hielt ich nicht aus. Irgendwann würde ich nur noch in der Kneipe hocken.

Nach vielem Überlegen fuhr ich also zurück aufs Land dahin, wo das alte Elternhaus stand.

*****

Herr, Endstation! Steigen Sie aus, oder soll ich Sie zurückfahren?

Mit diesen Worten weckte mich der Busfahrer aus meinen Gedanken. Ich blickte zum Fenster, nahm meine alte Ledertasche und stand auf. Draußen sog ich die frische Bayerwald-Luft ein und lächelte:

Zuhause Nach all den Jahren. Die Zeit ist wie im Flug vergangen.

Ich warf mir die Tasche über die Schulter und machte mich auf den Weg zum Haus meiner Eltern. Hoffentlich war davon nach 25 Jahren noch etwas übrig sonst hätte ich keine Bleibe.

Am Gartenzaun angekommen, atmete ich auf: schief längst, aber noch stand er. Das Haus hatte zwar Patina angesetzt, aber Fenster und Dach schienen intakt. Das ließ hoffen.

Gerade als ich das Tor öffnete, hörte ich hinter mir eine Frauenstimme:

Was wollen Sie denn hier, junger Mann? Hier wohnt schon lange keiner mehr!

Ich drehte mich um. Auf der anderen Straßenseite stand eine ältere Frau mit einer Schaufel misstrauisch musterte sie mich.

Frau Danner!, erkannte ich sie wieder und lächelte.

Sagen Sie, was gibts? Oder soll ich gleich den Dorfsheriff rufen?

Frau Danner, erkennen Sie mich nicht? Ich ließ die Tasche fallen und kam näher.

Nein, ich kenne Sie wirklich nicht Ich weiß, wer hier wohnt und kommt und geht. Sie hab ich aber nie gesehen.

Ich bins: Tobias Becker.

Das darf ja nicht wahr sein! Tobias? Sie ließ vor Schreck die Schaufel fallen.

Ich bins, Frau Danner.

Mein lieber Schwan! Ich hab dich ja Ewigkeiten nicht gesehen. Wie lange ist das her…?

Fünfundzwanzig Jahre.

Genau! Das muss fünfundzwanzig Jahre her sein. Du warst so ein Schmächtiger, und jetzt Du bist ja ganz der Vater geworden. Aber humpeln das hast du früher nicht gemacht, oder? Hat dich ein Ganove erwischt?

Treffer, lächelte ich.

Bist du nur zu Besuch oder willst du bleiben?

Mal sehen. Eigentlich habe ich vor zu bleiben. Bring das Haus in Schuss, genieße die Ruhe. Die Stadt ist mir zu laut geworden.

Tobias, aber dein Haus ist belegt.

Wie bitte?

Da lebt na ja ein Bandit, flüsterte sie, nicht im Hauptgebäude, aber auf dem Grundstück. Keiner kommt da ran.

Und ich bin kein Fremder, lachte ich. Aber ehrlich, wer soll das sein?

Ein Hund. Riesenkerl.

Ein Hund?

Ja, ein ausgesetzter. Der gehörte mal dem Hofbräuer auf der anderen Straßenseite. Nach dem Tod seines Herrchens der war leider dem Alkohol verfallen blieb er einfach hier. Die Kinder verkauften das Haus, aber den Hund ließ man.

Immer das gleiche, seufzte ich.

Tja, und der arme Tropf hat sich hier eingenistet. Anni, du kennst sie sicher noch, die Verkäuferin, gibt ihm ab und zu zu fressen. Ich bring ihm auch manchmal etwas mit, hab aber ein bisschen Respekt vor dem Kräuterschnaps. Unser Dorf keiner will sich mit so einem Hund abgeben.

Anni? Die, die mir früher ständig Blumen ans Fenster gestellt hat?

Exakt die. Sie ist nie verheiratet, lebt immer noch hier, nach allem, was sie wegen dieses Charmes-Bolzen durchgemacht hat… Fünfunddreißig ist sie mittlerweile und immer noch ledig.

Wie das Leben so spielt, grinste ich.

Jedenfalls nur wir beide kümmern uns ein wenig um den Hund. Sonst meidet ihn jeder. Er sieht halt aus wie ein Bandit.

Ich unterhielt mich noch ein bisschen mit Frau Danner, dann stapfte ich los. Es wurde Zeit, meinen neuen Mitbewohner zu begrüßen.

Kaum öffnete ich das Tor, schoss aus der alten Hütte im Garten dort, wo einst Rex, unser Familienhund, schlief ein gewaltiger Hundekopf hervor. Wirklich ein Bandit, musste ich zugeben.

Vorsichtig machte ich ein paar Schritte. Der Hund knurrte, fletschte die Zähne und bedeutete mir, fernzubleiben.

Ich blieb stehen, etwa zwei Meter entfernt.

Nun gut, Bandit. Ich heiße Tobias und das ist mein Haus. Du wohnst jetzt auf meinem Grundstück.

Wuff Wuff

Ich versteh schon nur Worte zählen nicht. Aber wenn du willst, zeig ich dir meine Papiere und die Schlüssel!

Rrrr

Mit Argumenten kennst du dich wohl nicht aus. Aber hätte ich hier was zu suchen, wenn ich kein Recht hätte?

Ich ging in die Hocke, zog aus meinem Rucksack ein paar Leberkässemmeln hervor eine für mich, eine für ihn. Ich warf sie zu und bedeutete ihm, er solle nur nehmen.

Schau, ich habe mein Leben lang Banditen gejagt. Und jetzt muss ich mit einem Bandit verhandeln, um in mein eigenes Haus zu kommen. Hätt mir das einer erzählt, ich hätte ihn ausgelacht.

Der Hund musterte mich, horchte auf jede Silbe, war aber bald ruhiger. Er trottete zur Semmel, schnupperte, fraß.

So ists recht. Ich hab einen Vorschlag, Bandit.

Er spitzte die Ohren.

Ich bin jetzt allein hier, das ist ganz schön einsam. Ich denke, du weißt, wovon ich rede. Lass uns ein Team werden: Kommissar und Bandit. Ich füttere dich, du bewachst das Haus.

Der Hund legte den Kopf schief.

Also? Einverstanden?

Wuff!

Wunderbar! Mit dir lässt sich arbeiten. Dann geh ich eben in den Laden und kauf Futter komm mit, ist lustiger zu zweit.

*****

Vor dem Dorfladen stand ein Polizeiauto. Na gut, der Dorfsheriff macht sicher Einkäufe, dachte ich. Ich betrat den Laden.

Drinnen stand Annalena in sie war ich als Teenager Hals über Kopf verliebt gewesen. Heute wirkte sie umso aufgelöster, der junge Polizist kritzelte emsig Notizen.

Sie haben wirklich niemanden gesehen? fragte der, jung, blass um die Nase.

Nein, ich war im Lager. Kaum fünfzehn Minuten. Als ich wieder kam, war die Kasse mit dem Spendengeld für die Kirchentreppe fort.

Komisch Und Sie haben auch nichts gehört?

Nein Bei uns ruft man, wenn man hereinkommt. Ich hatte keine Sorge, es ist ja unser Dorf.

Ich räusperte mich.

Der Laden ist geschlossen, nuschelte der Polizist. Ermittlungen.

Wirklich? Was ist passiert? Hallo Annalena.

Tobias? Du bists wirklich? Du hier?

Ja, ich dachte, ich zieh zurück. Und bei dir gibts offenbar Ärger?

Jemand hat die Kirchenkasse geklaut, ich verstehs nicht.

Und Sie sind? fragte der Polizist bürokratisch.

Tobias Becker, Kriminalhauptkommissar außer Dienst. Und Dorfbewohner ab heute.

Der Becker? Der, der mal den Raubüberfall vereitelt hat?

Genau der.

Kollege also?

Nicht ganz ich war bei der Kripo, keine Polizei.

Tja, ein Unterschied?

Für mich schon. Aber unwichtig. Haben Sie Verdächtige? Theorien?

Schwer zu sagen. Die Verkäuferin hat nichts gehört. Und Kameras gibts nicht typisch Dorf eben. Entweder warens Auswärtige, die zufällig kamen, oder er deutete auf Annalena sie selbst. Wer sonst kommt unauffällig in den Laden?

Moment mal! protestierte Annalena bestürzt.

Annalena, hast du draußen Niemanden gesehen, der gewartet hat?

Nur der Fahrer vom Lieferwagen. Sonst nicht. Wer draußen stand, weiß ich nicht, war beschäftigt

Ich trat nach draußen. Neben dem Geschäft lag ein Haufen Zigarettenstummel. War also jemand da und hat gewartet, dachte ich. Mindestens zwei waren es. Einer hat Schmiere gestanden.

Schade, dass du kein Spürhund bist, murmelte ich zu Bandit. Dann hätten wir die Sache schnell geklärt.

Der Hund roch an den Stummeln, bellte, lief los.

Sehr gut, weiter wir müssen die Übeltäter schnappen, bevor Annalena verhaftet wird.

Bandit trabte voraus, und ich hinkte hinterher.

*****

Was gibts? Wer sind Sie? knurrte ein Mann am Zaun.

Hallo, Timo. Timo Zimmermann, stimmts?

Wir kennen uns?

Ja, Tobias Becker.

Donnerwetter, dich erkennt man ja kaum wieder! Gehört der Hund zu dir?

Ja, der hilft mir jetzt. Mir wurde berichtet, du hast versucht, in mein Elternhaus einzubrechen. Bandit hat dich verjagt.

Ach, das war nur Neugier. Ich hab nichts gemacht. Der Köter ist aber auch fies…

Keine Sorge, ich bin wegen was anderem hier.

Und zwar?

Gibst du mir eine Zigarette?

Er reichte mir wortlos eine Pall Mall. Genau die Sorte wie am Laden, dachte ich zufrieden.

Willst nicht nehmen?

Nein. Sag lieber: Warum hast du das Spendengeld geklaut?

W-wie kommst du darauf? Ich war nicht mal am Laden!

Doch, mein Hund findet dich sehr wohl. Und die Stummel am Tatort Ihr wart zu zweit.

Das kannst du nicht beweisen! Ich war mit meinem Kumpel Gregor zuhause am Trinken

Ich glaub dem Hund mehr als dir, Timo. Ein Hund lügt nicht.

Ach geh! Was willst du mir unterstellen?!

Ich packte ihn am Arm. Bandit brummte bekräftigend.

Komm, wir machen einen Spaziergang nach hinten.

*****

Eine halbe Stunde später marschierte ich mit Bandit und zwei gefesselten Dieben durch das Dorf zurück zum Laden die gestohlene Kasse unter dem Arm, der Inhalt unversehrt.

Der Polizist wollte Annalena gerade abführen, als wir ankamen.

Was soll das jetzt sein?

Die beiden Herren sind die Übeltäter. Die Kasse war noch zu.

Nicht zu fassen

Man muss nur richtig kombinieren. Annalena, du bist frei.

Vor dem Laden versammelten sich die Leute jeder kam und drückte mir und Bandit die Hand. Sogar Bandit bekam Respekt aus dem vermeintlichen Banditen war ein Held geworden.

Ein halbes Jahr später feierte ich mit Annalena eine kleine, feine Hochzeit. Ein Jahr darauf wurden wir Eltern eines Sohnes. Hätte ich mir nie träumen lassen, diese Wende im Leben aber das Schicksal dankte mir wohl für mein Engagement.

Jetzt habe ich einen treuen Hund, eine liebe Frau und einen kleinen Sohn, der im Hof den Spatzen nachschaut, und genau wie ich damals versucht, ihr tschilp-tschilp zu verstehen.

Was ich gelernt habe? Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere. Und manchmal steht auf der Schwelle der treuste Freund, den man sich vorstellen kann mit vier Pfoten und einer Räuberklappe ins Herz.

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Homy
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