Tagebucheintrag 01. Oktober
Meine Mutter, Renate Wilhelmine Lenz, 68 Jahre alt, stand an der angelehnten Tür ihres Schlafzimmers und hielt zwei Tassen Tee in den Händen, die bereits abgekühlt waren.
Hinter der Tür redete mein Sohn, Markus, 42 Jahre alt. Er sprach leise, fast flüsternd, eben wie man spricht, wenn man nicht möchte, dass man belauscht wird.
Mama, bitte versteh mich doch richtig. Es ist ja nur vorübergehend. Dort sind gute Bedingungen, ich habe mich erkundigt. Ein eigenes Zimmer, dreimal am Tag Essen, rund um die Uhr eine Pflegerin.
Renate verstand nicht sofort, worum es ging. Sie stellte die Tassen auf den Couchtisch, überschritt die Schwelle. Markus saß auf dem Sofa und vermied Augenkontakt.
Wovon redest du?
Vom Seniorenheim, Mama. Ich habe mit dir schon drüber gesprochen du hast wie immer nicht zugehört.
Du hast nie etwas von einem Heim erwähnt.
Nun sah Markus auf. In seinem Blick erkannte Renate ein altes, kindliches Schuldgefühl, wie damals, wenn er als Kind eine Scheibe beim Nachbarn zerschoss und sich Ausreden überlegen musste. Ein Ausdruck von Schuld und Sturheit.
Doch, letztes Mal, als ich hier war.
Markus, beim letzten Mal warst du zwanzig Minuten da, hast mir ein Netz Orangen gebracht und gesagt, du seiest in Eile. Wann genau hast du das angeschnitten?
Er stand auf und ging zum Fenster. Draußen unser Hof, den Renate in- und auswendig kannte: Drei Lindenbäume am Spielplatz, eine Bank mit abgeplatztem Lack, die Katze Fanny vom Nachbarhaus. Plötzlich musste sie wissen, ob Fanny wie immer auf ihrem Platz saß. Doch sie war nicht da.
Mama, bitte mach kein Drama draus. Das Seniorenstift Lindenhof ist kein Altersheim, wie du es dir vielleicht vorstellst. Da leben die Menschen selbstbestimmt, unternehmen zusammen was. Sabine war mal zur Besichtigung da, hat sie erzählt.
Sabine. Also war das mit Sabine abgesprochen.
Alles klar, sagte Renate nur.
Was ist alles klar?
Mir ist klar, dass die Idee nicht von dir stammt.
Markus drehte sich abrupt um.
Mama, das ist nicht fair. Es war eine gemeinsame Entscheidung. Wir finden beide, dass es dir dort besser gehen würde. Du bist hier allein, alles wird dir zu viel, dein Blutdruck war auch schon wieder hoch, hat die Nachbarin erzählt. Im Lindenhof hast du Ärzte und keinen Grund zur Einsamkeit.
Markus, sagte Renate ruhig, das ist meine Wohnung.
Eine lange Pause.
Mama…
Es war meine Wohnung, verbesserte sie sich plötzlich und dachte an diesen Schrieb, den sie vor zwei Jahren unterzeichnet hatte. Damals hatte Markus von Steuervorteilen erzählt, dass es so einfacher sei, nur eine Formalität, alles bleibe wie zuvor. Und sie hatte vertraut. Er war ja ihr Sohn.
Mama, bitte, das bringt doch nichts
Was bringt nichts?
So. Dieses Gesicht.
Renate blickte auf die Tassen mit kaltem Tee. Sie hatte Pfefferminztee gekocht, Markus Lieblingsgeschmack. Sie erinnerte sich genau.
Wann soll ich ausziehen?
Mama, muss das jetzt so sein?
Ich habe gefragt.
Markus wandte sich wieder ab.
Sabine meint, bis zum ersten Dezember wäre am günstigsten wir brauchen wir brauchen den Platz. Sie arbeitet im Homeoffice und wir wollen eh renovieren.
Erster Dezember. Noch drei Monate.
Renate griff ihre Tasse und verließ langsam das Zimmer. In der Küche stellte sie die Tasse in die Spüle und sah lange aus dem Fenster auf die Backsteinwand des Nachbarhauses. Diesen Ausblick kannte sie seit achtunddreißig Jahren. Damals mit Martin, ihrem Mann, der vor sieben Jahren starb. Später war sie nur noch allein. Hier hatte sie Marmelade gekocht und Vorräte eingemacht, hier hatte sie den kleinen Markus gefüttert und still geweint, wenn keiner hinsah.
Markus kam in die Küche.
Mama, sag doch bitte was.
Was willst du hören?
Dass du es verstehst. Dass du nicht böse bist.
Sie drehte sich um und sah ihn an. Groß, schlank, das Gesicht seines Vaters. Früher war sie froh, dass er so aussah. Heute war sie sich nicht mehr sicher.
Ich liebe dich, Markus, sagte sie. Das ändert sich nie.
Er nahm das als Zustimmung. Renate sah die Erleichterung in seinem Gesicht und wie die Schultern sich entspannten. Er umarmte sie, sagte etwas wie, sie mache das ganz toll und er komme oft vorbei. Sie hörte nicht mehr zu. Sie dachte: Drei Monate sind lang. Da kann man noch viel schaffen.
***
Die Wahrheit erfuhr sie von Leni.
Leni war dreizehn, Markus Tochter aus erster Ehe, und sie rief die Oma eine Woche später abends an. Am anderen Ende der Leitung klang Lenis Stimme verheult, gedämpft und mühsam beherrscht.
Oma, ich habe sie sprechen gehört. Papa und Sabine.
Wo bist du, Leni?
Bei Mama. Ich war übers Wochenende bei Papa. Sabine meinte, dass du nie freiwillig ins Heim gehen würdest, dass man dich dazu drängen müsste.
Schweigen.
Sie sagte, die Wohnung ist ja schon überschrieben, rechtlich hast du nichts mehr in der Hand. Papa schwieg. Einfach nur geschwiegen.
Lenchen
Ich will nicht, dass sie dich wegschicken. Und du? Willst du ins Heim?
Nein, das will ich nicht.
Was machst du jetzt?
Renate sah zu den eingerahmten Fotos: Martin als junger Mann, Markus als Schulkind, und Leni an der Ostsee im Sandkasten.
Ich denke nach, Kindchen. Mach dir keine Sorgen.
Darf ich dich besuchen? Egal, wo du wohnst?
Natürlich.
Renate legte auf, saß lange regungslos. Dann ging sie, wie vor einer langen Reise, langsam durch die Wohnung. Strich über den Türrahmen, an dem Markus Größe markiert war, über die Fensterbank im Wohnzimmer, die Martin einst weiß gestrichen hatte. Sie öffnete den Schlafzimmerschrank und betrachtete ihre Sachen.
Am nächsten Tag rief sie beim Bürgerbüro an, fragte nach den Konditionen der Schenkung. Das Gespräch war kurz und ernüchternd. Die Dame am Telefon erklärte freundlich, aber ungerührt: Schenkungen gelten endgültig, sie müssten einen Betrug oder Zwang nachweisen, das wäre fast unmöglich.
Renate bedankte sich, legte auf und kochte Kartoffelsuppe.
***
Das Gartengrundstück war 45 Kilometer von Regensburg entfernt. Ein kleiner Holzhäuschen, das Martin eigenhändig erbaut hatte, und auf das er immer sehr stolz war. Das Dach war undicht geworden, der Ofen qualmte bei Schlechtwetter, der Zaun war schief und eingewachsen. Die letzten drei Jahre war nur Renate im Sommer für ein paar Wochen dort, um zu säen und zu ernten.
Ende November zog sie dorthin. Sie packte drei große Reisetaschen und zwei Kisten. Das Nötigste Kleidung, Geschirr, Papiere, Fotos, Bücher, Wolldecken, den kleinen Fernseher aus dem Schlafzimmer, der noch von Martin stammte, und die Nähmaschine.
Am nächsten Tag rief Markus an.
Mama, was ist los? Wohin bist du? Warum hast du nichts gesagt?
Wozu denn? Es ist ja noch nicht Dezember.
Muss das sein, Mama? Wir verständigten uns doch normal…
Markus, du hast mir etwas mitgeteilt, ich habe darauf reagiert. Mehr ist nicht passiert.
Hast du denn einen Ofen?
Klar. Ich weiß, wie man heizt.
Mama, im Winter wohnt da niemand. Kein richtiges Bad, Plumpsklo, Wasser vom Brunnen
Schon gut. Ich weiß, was ich tue.
Das glaubst du nur
Markus, ist alles gut bei dir?
Ich mach mir Sorgen.
Dann ist ja alles okay. Ich hab zu tun. Ruf mich ruhig an.
Sie legte auf und prüfte das Dach.
Das Dach war ramponiert, Panik stieg auf. Doch sie fand Dachpappe und konnte das Schlimmste flicken. Das Wasser im Brunnen schmeckte klar und nach Erde.
Der Nachbar, Herr Heinrich Walter, war Anfang siebzig und lebte seit fünf Jahren ganzjährig in seinem Gartenhaus. Renate kannte ihn vom Sehen und kurzen Schwätzchen am Zaun.
Am Abend stand er vor dem Zaun, drahtig, akkurat geschnittene Haare, himmelblaue Arbeitsbluse.
Guten Abend. Wollen Sie etwa überwintern?
Sieht so aus, Herr Walter.
Er blickte auf die notdürftig reparierte Dachkante.
Dann sollten Sie den Kamin prüfen. Letzten Herbst hat der Schornstein an Ihrem Ofen nicht mehr richtig gezogen. Da könnten Sie noch an Rauchgas ersticken.
Sie kennen sich aus?
Hab Sie hämmern gehört. Und generell ein Auge drauf, wenns nötig ist.
Danke. Ich wusste das nicht.
Soll ich den Schornstein anschauen? Ein Handgriff, dauert nicht lang.
Eine Stunde später zog der Ofen, es qualmte nichts mehr. Sie saßen auf der Veranda, tranken Tee und schwiegen. Es war ein angenehmes, wortloses Miteinander.
Und? Schon oft hier allein über Winter?
Fünf Jahre jetzt. Nach dem Tod meiner Frau. Die Stadt fehlt mir nicht.
Fehlt einem das Alleinsein gar nicht?
Nicht mehr. Und bei Ihnen?
Sie erzählte in knappen Zügen. Herr Walter schwieg, fragte nicht nach, zeigte ernstes Mitgefühl ohne Übertreibung.
So läufts manchmal. Kinder denken, sie wissens besser. Man gibt vor, zu verstehen.
Mein Sohn ist kein schlechter Mensch.
Daran zweifle ich nicht.
Seine Frau…sie hat einfach mehr Durchsetzungsvermögen, meinte Renate leise und wunderte sich, das auszusprechen.
Dann werden Sie jetzt auch stärker, sagte Herr Walter. Nicht stolz, einfach nur fest.
Sie musste lächeln.
Mit achtundsechzig und morschem Dach also.
Warum nicht? Ich helfe beim Ausbessern.
Er erhob sich.
Morgen sehe ich mir nochmals den Schornstein und die Bretter auf der Veranda an. Ich habe Material übrig.
Ich möchte keine Last sein, Herr Walter.
Das entscheiden Sie, Frau Lenz.
***
Im September gab es viel zu tun. Gardenarbeit, Vorräte, Holzvorrat aufschichten. Herr Walter brachte eine Fuhre Holz und half. Sie arbeiteten schweigend nebeneinander, wie alte Kameraden.
Markus rief Mitte September wieder an.
Mama, alles gut?
Alles bestens.
Es ist doch jetzt schon richtig kalt.
Ich heize ordentlich.
Willst du nicht doch näher zur Stadt ziehen?
Markus, mir gefällt es hier.
Und Leni?
Sie ist bei ihrer Mutter.
Sie schwiegen.
Der Oktober kam mit Regen, die Wege wurden schlecht, das Dörfchen wurde leerer. Morgens der Tee auf der Treppe, Vogelgezwitscher, das Prasseln des Regens. Es war nicht beängstigend, nur ruhig.
Abends weinte sie manchmal. Leise, erschöpft um die Wohnung, die Erinnerungen, den Türrahmen mit Markierungen, den weißen Fensterlack von Martin und die achtunddreißig Jahre, die in ein paar Kisten passten.
Doch jeden Morgen stand sie auf, machte Feuer und begann mit der nächsten Aufgabe. So musste es sein.
Herr Walter kam fast täglich, brachte manchmal Kohl oder Kompott aus dem eigenen Garten. Sie tranken Tee und redeten über seine verstreuten Kinder, über seine Frau Ruth, über Gemüsebeete und gute Zeiteinteilung.
Haben Sie manchmal Angst vorm Winter?
Hatte ich früher. Jetzt nicht mehr. Sie schaffen das auch.
Ich weiß nicht.
Versuchen Sies mal.
So war seine Art: nicht missionieren, sondern Wege aufzeigen.
***
Der Winter kam früh und heftig. Busse fuhren kaum, Renate war zeitweise völlig abgeschnitten. Das beängstigte sie.
Sie telefonierte jede Woche mit Leni.
Oma, ist es warm genug?
Alles gut, meine Kleine. Was gibts Neues bei dir?
Papa war zu Besuch. Sabine blieb im Auto.
Lass gut sein, Kind.
Papa sah traurig aus.
Seine Sache, Leni.
Bist du ihm böse?
Nein. Ich bin nur traurig. Das ist ein Unterschied.
Wie meinst du das?
Traurigkeit akzeptiert, was ist. Böse sein wünscht Strafe oder Einsicht. Das ist anders.
Du bist so klug, Oma.
Ich bin einfach nur alt.
Das ist nicht das Gleiche!
Renate musste unerwartet lachen, ein ungewohntes Gefühl.
Januar war am härtesten. Ofenholz ging schnell aus, mehrfach musste sie nachts nachlegen. Einmal brach ein Rohr: Drei Tage lang schmolz sie Schnee am Herd. Herr Walter packte mit an, brachte Dichtband und Lötlampe und sie schafften auch das.
Ohne Sie hätte ich es nicht geschafft, Herr Walter.
Doch. Sie hätten es wenigstens versucht. Das ist das Wichtigste.
Werden Sie meiner Hilfe nicht überdrüssig?
Was sagt man dazu, Frau Lenz! Sie sind keine Fremde mehr. Wir sind Nachbarn.
Im Februar kam Leni sie besuchen, unangekündigt mit Rucksack, Orangen und Schokoladentorte.
Hat dich deine Mutter gebracht? fragte Renate überrascht.
Ja. Sie lässt dich grüßen.
Danke. Zieh dich schnell aus, es ist kalt.
Drinnen, beim Ofen:
So gemütlich sagte Leni und strich über die warme Ofenkache.
Echt?
Ja. Es fühlt sich wie ein echtes Zuhause an. Nicht wie ein Hotel.
Renate betrachtete ihre Enkelin. So groß geworden, viel reifer in nur einem Jahr, mit Markus dunklen Augen.
Oma, erzähl von Opa. Wie war das hier, als ihr jung wart?
Sie setzten sich ans Fenster mit Tee und Renate erzählte von Martin, von Baustellen, Frost und Ernteglück. Von Markus, wie er als Kind Angst im Gemüsegarten hatte.
War er ein Angsthase?
Nein. Er hatte nur viel Fantasie. Später blieb die Fantasie, aber die Ängste wurden erwachsen.
Meinst du, Papa weiß was er tut?
Keine Ahnung, Kind. Das ist nicht meine Frage.
Es ist ungerecht.
Gerechtigkeit ist nicht immer das, was kommt.
Was kommt dann?
Renate blickte hinaus Schnee, Felder, Kiefern.
Frieden, sagte sie. Dieses Fenster, unser Tee, dass du da bist. Das zählt.
Leni nickte nachdenklich.
***
Im März roch die Erde nach Tauwetter und frischer Rinde. Renate stand auf der Treppe und spürte zum ersten Mal seit Monaten: Es geht ihr gut.
Sie stand einfach da und wusste: Es geht nicht darum zu siegen oder alles wie früher zu machen. Es reicht, wieder aufrecht zu stehen und neu zu sich selbst zu finden.
Über den Lattenzaun rief Herr Walter:
Frau Lenz, ich habe Gurkensetzlinge. Wollen Sie welche?
Ja, danke!
Sein freundlicher Blick, seine Handgriffe, kleine Hilfen das alles wurde inzwischen selbstverständlich.
April brachte Arbeit: Beete, Kompost, Gewächshaus, Förderrad am Brunnen. Renate erschöpfte sich wohl, aber es tat ihr gut. Die Gedanken an die Wohnung kamen seltener. Nicht vergessen oder vergeben, aber der Schmerz verwandelte sich in eine Narbe, die nicht mehr schmerzt.
Markus rief im April wieder an, diesmal mit ruhigerer Stimme.
Mama, wie gehts dir?
Gut. Viel Arbeit.
Mama, ich wollte dir sagen ich denk viel an dich.
Renate schwieg kurz.
Markus, wie gehts Leni?
Sie war im Winter bei dir, jetzt sieht sie ihre Mutter öfter.
Kommst du klar?
So halbwegs. Sabine will das nicht
Alles gut, Markus. Wirklich.
***
Der Sommer war anders als je zuvor. Früher war der Garten Erholungsort, jetzt wurde er zur Heimat, jeder Topf, jedes Glas Marmelade ihr eigenes Werk.
Leni kam für die Ferien, Vicky die Exfrau von Markus brachte sie und fragte höflich, ob das in Ordnung sei.
Natürlich, sagte Renate. Ich freue mich.
Leni packte Bücher, ihr Tablet, ein Notizbuch für ihre Geschichten ein. Sie half tatkräftig, lernte Holz holen, Wasser holen, kochen und Tee mit Kräutern am Waldrand pflücken. Abends auf der Veranda redeten sie viel.
Herr Walter mochte Leni sofort sie lernte bei ihm Vögel, Brunnenbau und Wolken deuten. Leni sagte:
Er ist wie ein Opa.
Ein Freund und Nachbar, sagte Renate vorsichtiger.
Ein besonderer Opa eben.
Schon richtig, ja.
Oma, fühlst du dich mit ihm wohl?
Ja. Wir sind Freunde.
Nur Freunde?
Leni! lachte Renate. Träum weiter.
Im Juli rief Markus an und bat, zu Besuch kommen zu dürfen. Unsicher im Ton.
Von mir aus, sagte Renate.
Er kam allein, ohne Sabine. Sah sich das gepflegte Grundstück, die neuen Dielen und die Vorhänge im Fenster an. Leni sprang ihm entgegen, sie umarmten sich.
Beim Mittag erzählten Leni von Sommer, Garten und Herrn Walter. Markus war stiller, schien dünner und müder.
Später, im Gespräch, brachte er mühsam hervor:
Sabine will, dass Leni ins Internat geht. Sie sagt, sie stört Ich habe versucht mit ihr zu reden, aber
Renate schwieg und hörte zu.
Leni hat es mitbekommen und danach lange nicht geredet. Ich habe sie zu Vicky gebracht.
Das weiß ich, sagte Renate.
Sie hat dir das erzählt?
Sie hat nachts geweint und mich angerufen.
Mama, vergib mir.
Er meinte es ernst, nüchtern und frei von Dramatisierung.
Wofür?
Für alles. Die Wohnung, das Heim Ich habe auf Sabine gehört, nicht auf dich, weil ich zu schwach war.
Warum?
Sie dominiert. Ich fühle mich klein als ob ich falsch liege, mit allen Entscheidungen.
Liebst du sie?
Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht nicht. Oder nicht mehr.
Und was jetzt?
Ich verlasse sie. Habe eine kleine Wohnung gemietet. Ich erwarte kein Zurück von dir, Mama. Ich wollte nur
es sagen, half Renate leise.
Und fragen: Vergibst du mir?
Renate blickte aus dem Fenster. Draußen saß Leni am Brunnen mit ihrem Buch. Es war Sommerabend.
Ich habe dir schon lange vergeben, sagte Renate. Das heißt nicht, dass alles wieder wird wie früher. Aber du bist mein Sohn.
Markus saß wie ein schuldbewusster Junge, der wieder Luft schöpft.
Kann ich dich besuchen?
Natürlich. Der Garten war immer auch für dich und Leni.
***
Leni blieb im Sommer bei Renate. Es ergab sich einfach so. Im September besuchte sie die Dorfschule, zwei Kilometer entfernt. Renate begleitete sie am ersten Tag und dachte: Das Leben lenkt sich manchmal selbst.
Mit Markus telefonierte sie wöchentlich. Die Gespräche wurden ruhiger und ehrlicher, er erzählte von Alltag und übt Kochen.
Mama, vermisst du die Stadt?
Nein, wirklich nicht.
Schön. Dann bin ich froh.
Herr Walter fragte irgendwann, ob Renate vielleicht das Sorgerecht für Leni übernehmen wolle.
Ich denke drüber nach, sagte sie. Leni fühlt sich hier zu Hause.
Gut, das Kind ist klug.
Renate merkte: Sie hat sich verändert. Das Spätherbstlicht, die Felder, die neue Freiheit all das gab ihr eine neue Würde.
***
Anfang Oktober zog Kälte ein. Renate heizte den Ofen, alles ging ihr inzwischen leicht von der Hand. Nachmittags kam Leni von der Schule und machte Hausaufgaben am Tisch, während Renate Gemüsesuppe kochte.
Oma, wir sollen einen Aufsatz schreiben: Über jemanden, den wir bewundern.
Wen nimmst du?
Dich. Darf ich?
Aber keine Übertreibungen.
Nur die Wahrheit: Dass du so mutig warst und nicht gebrochen bist.
Renate rührte die Suppe.
Ich habe mich oft selbst bedauert.
Das heißt nur, dass du ehrlich bist. Selbsterbarmen ist still, das ist Stärke.
Wo hast du das gelernt?
Selber ausgedacht.
Dann schreib es rein. Das ist gut.
Draußen wurde es dunkel, Vögel riefen übers Feld. In der Küche Fotos: Martin, kleiner Markus, Leni mit dem Eimer.
Es polterte. Herr Walter kam mit einem Glas Sauerkraut.
Frau Lenz, Lust auf frisches Sauerkraut?
Perfekt zum Eintopf!
Ich bleibe gern zum Abendbrot.
Bleiben Sie, rief Leni aus der Tür. Es gibt warmen Suppentopf!
Renate hörte die beiden schwätzen, Herr Walters ruhige Stimme, Lenis Temperament und nervöse Aufregung. Sie probierte die Suppe, würzte nach. Ihr Topf, ihr Herd, ihr Haus.
Bald sollte Markus zu Besuch kommen. Sie würden dann zu dritt über Leni und die Zukunft sprechen. Leni wusste Bescheid und wartete gelassen wie jemand, der plötzlich weiß, dass alles weitergeht.
Renate wusste nicht, was kommt. Und das war in Ordnung. Sie lebte Tag für Tag.
Herr Walter stellte das Glas auf den Tisch.
Riecht köstlich.
Setzen Sie sich, gleich gibts was.
Leni deckte den Tisch, alle drei setzten sich.
Draußen wars schon ganz dunkel, drinnen spiegelten sich drei Leute im Fenster, der Schein der Küchenlampe, der Dampf aus dem Suppentopf. Ein verschwommenes, aber lebendiges Bild wie das Leben selbst.
Oma, fragte Leni beim Austeilen, Papa kommt doch wirklich nächstes Wochenende?
Er hats versprochen.
Gut. Ich will ihm zeigen, wie es im Sommer hier ist, nicht bloß im Winter.
Im Sommer war alles anders, sagte Renate.
Besser?
Renate sah Leni an, Herrn Walter, blickte auf die gefüllten Teller.
Ja, viel besser, Leni.
Dann soll Papa herkommen und es mit eigenen Augen sehen.
***
Heute weiß ich: Es ist nicht die Wohnung, die zählt, sondern der Platz, an dem man wieder atmet. Ich habe gelernt, dass auch nach einem Bruch ein neuer Anfang wartet. Wer zuhört, findet Freundschaft, und wer vergibt, bleibt nicht allein.





