Das Leben nach eigenen Regeln. Eine Erzählung

Vor jedem Geburtstag von Liesel erinnerte sie sich daran, wie sie selbst zur Welt gekommen war, und schob die Schuld auf sich.

Liselotte fürchtete das Gebären; sie war erst neunzehn.

Ihre Mutter, die Großmutter aus Köln, bangte um das junge Paar: Ihr seid noch grün, Liesel, das ist viel zu früh! Und Maxim, dein Mann, ist kaum mehr als ein Bub.

Doch Liesel war eigensinnig, und so heirateten Liesel und Maxim in einem kleinen Fachwerkhaus in der Altstadt von München.

Beide studierten und arbeiteten, wurden eigenständig. Drei Jahre später hatten beide ihre Diplome in der Hand, bekamen Beförderungen, und plötzlich stellte Liesel fest, dass sie schwanger war.

Perfekt, wie bestellt, jubelte Maxim, Studium beendet, gutes Einkommen, ein Baby ist das Sahnehäubchen.

Liesel lächelte, spürte jedoch ein mulmiges Gefühl, das ihr Mann kaum bemerkte.

Freust du dich?, fragte er.

Natürlich, sagte sie, ich hoffe, unser Kleines sieht aus wie du. Doch ein Schatten lag in ihrem Herzen.

In ihrer Familie waren mehrere Frauen beim Entbinden ums Leben gekommen, darunter die ältere Schwester ihrer Mutter. Liesel wagte es nicht, Maxim zu sagen, dass sie Angst vor dem Gebären hatte.

Im Kreißsaal dröhnte die Hebamme: Strampel nicht, atme tief! Was machst du da, Kind? Wenn du nicht mitwirkst, erstickt es! Liesel fühlte sich von der Stimme gequält, als würde sie einen unsichtbaren Raben füttern.

Das Kind drehte sich im letzten Moment und kam fußwärts zur Welt.

Marlene, ihr Mädchen, kam schwach und mit einer unverheilbaren Verrenkung zur Welt. Mit fünf Jahren wankte sie in einer Schaukelkinderliege durch den Park, und die Passanten starrten, weil das große Mädchen kaum laufen konnte.

Maxim, ein gutherziger Mann und liebevoller Vater, kaufte ihr eine schwedische Spielwand, eine Schaukel und andere Gerätschaften, fest überzeugt, dass Marlene bald wieder laufen würde. Liesel jedoch vergrub sich in Selbstvorwürfen, weil sie das Kind nicht geboren hatte, weil sie Angst hatte.

Marlene jedoch war immer fröhlich. Sie lachte über die Zeichentrickfilme, aß die BreiMahlzeit ihrer Großmutter und freute sich über die Buntstifte, die ihr die Urgroßmutter schenkte.

Ein Jahr zuvor hatte Liesel ihr ModellierTon gekauft, und Marlene entwickelte eine Leidenschaft für das Töpfern. Maxim bemerkte, dass ihre Figuren fast lebendig wirkten.

Eines Tages fanden Marlene und die Großmutter beim Spaziergang ein Kätzchen mit einer verletzten Pfote. Marlene flehte: Mama, sieh nur, wie klein es ist, die Pfote tut weh, das Kätzchen wird sterben. Liesel gab nach, und Maxim, der immer ein Haustier wollte, ließ das Kätzchen, das sie Puschel nannten, bei sich.

Marlene begann, aus Knete Kätzchen zu formen, die Puschel ähnelten.

Du formst es falsch, die Pfote ist zusammengepresst, rief die Großmutter.

Marlene widersprach: Oma, ich mache das so, damit Puschel schneller heilt.

Je mehr Kätzchen sie modellierte, desto weniger hinkte Puschel. Nach einigen Tagen sprang er wieder wie ein junger Kater durch die Küche.

Deine Tochter hat ein Geschenk, flüsterte die Großmutter, ein seltenes Talent bei Kindern, die eine Geburtsverletzung überlebt haben. Beobachte sie, aber stör sie nicht.

Nachdem Puschel genesen war, formte Marlene die grantige Nachbarin Frau Vera, die stets finstere Blicke hatte und nie lächelte.

Sie sieht nicht wie die Vera aus, die du kennst, meinte die Großmutter.

Sie ist nicht böse, sie fühlt nur, dass niemand sie liebt, erklärte Marlene und modellierte Vera mit einem breiten Lächeln, das ihre Kätzchen fütterte.

Kurz darauf sah man Frau Vera am Treppenhaus, wie sie mit einer Schale Futter die Kätzchen streichelte und fröhlich lächelte.

Am selben Abend tauchte ihr Sohn Dieter zusammen mit seiner Frau Lena und dem kleinen Sascha auf, und die alte Fehde zwischen Mutter und Sohn verflog wie Morgennebel. Jetzt strahlte Vera stets, wurde von Gleichaltrigen umarmt und vergaß nie, ihren Sohn zu besuchen.

Liesel träumte, dass Marlene eines Tages gesunde Beine modellieren könnte. Sie flüsterte: Sag das Marlene nie, sonst verliert sie die Kraft. Ihr Wunsch wirkt nur im Verborgenen, ein Geheimnis der Inspiration.

Marlene schien tatsächlich einen eigenen Plan zu haben. Sie modellierte ein tanzendes Mädchen in einem funkelnden Kleid, ein Mädchen auf Skiern, ein Mädchen auf dem Fahrrad immer wieder spiegelte sie sich selbst. Liesel und Maxim beobachteten sie Tag für Tag, den Atem anhaltend.

Eines Abends, als sie von der Arbeit zurückkamen, stand die Großmutter mit einem rätselhaften Lächeln vor ihnen.

Leise, macht keinen Lärm und folgt mir, sagte sie.

Auf Zehenspitzen traten Liesel und Maxim ins Zimmer und sahen Marlene vor einem Spiegel stehen. Sie drehte sich zu ihren Eltern und strahlte:

Mama, Papa, könnt ihr mir ein Tanzkleid kaufen? Ich will tanzen.

Das Geschenk blieb ihr Geheimnis, aus Angst, das zarte Wunder zu vertreiben.

Marlene vergaß nie das Töpfern. Sie verbrachte Stunden damit, leise Figuren zu schaffen, und das, was sie formte, geschah im wahren Leben.

Die Ärzte erklärten, dass es nichts Wunderbares sei, dass Marlene nun laufen könne; sie sei einfach stärker geworden, wie eine Eiche nach dem Sturm.

Später modellierte sie eine kleine Schwester Katja, ein Gartenhaus am Rhein, einen Freund für das Leben und sich selbst in einem Hochzeitskleid.

Sie formte die Großmutter, die auf ihrer eigenen Hochzeit tanzte, und vieles mehr.

Heute gilt Marlene als bekannte Bildhauerin, geliebt und bewundert. Sie hat ihr Leben und das ihrer Lieben gemeißelt; um sie herum erwachen Blumen, Menschen und Träume zum Leben.

Dieses feine Talent schenkt Wärme und Sicherheit. Es scheint, als würde das Leben niemals enden, jedes Vorhaben gedeihen, und jeder Tag wäre erfüllt von Freude und Sinn.

Ich wünsche allen Kraft, Gesundheit und Lebensfreude, egal was geschieht. Und so wird alles gelingen.

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Homy
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