Cartoons
Illustration by the author. Created with the help of an AI
– Annika, beweg dich nicht! Bleib einfach stehen! rief ich so laut, dass Annika fast von der Leiter gefallen wäre.
– Christoph, was ist denn jetzt schon wieder? fragte sie mit einem Anflug von Panik in der Stimme und erschrak so sehr, dass sie sogar einen kleinen Schluckauf kriegte.
Annika kannte meine Vorliebe für Scherze, ob angebracht oder nicht, natürlich längst. Schon oft genug hatte ich sie mit meinen Späßen durchs Wohnzimmer springen lassen mal vor Schreck, mal vor Freude. Meistens allerdings aus Angst.
– Eine Spinne! Ich riss die Augen auf und suchte nach einem passenden Werkzeug, mit dem ich die achtbeinige Bedrohung bekämpfen könnte, während Annika auf der obersten Stufe der Leiter leise piepste und sich an die Gardine klammerte, die sie gerade aufhängen wollte.
– Groß? hauchte sie, die Stimme kaum hörbar.
– Ja, genau die Sorte, vor der du so einen Respekt hast.
In dem Moment dämmerte ihr, dass ich sie mal wieder auf den Arm nahm.
– Christoph, hast du nicht langsam genug? seufzte sie erschöpft und lockerte ihren Griff.
Ein Fehler!
Unser dicker, fauler Kater, der eben noch schnarchend auf dem Sofa lag, schoss plötzlich wie aus der Pistole geschossen hoch. Ich, mit meiner Spinnengeschichte noch voll beschäftigt, musste anerkennen, dass diese Aufgabe ab jetzt überflüssig war. Kater Gustav galoppierte an Annikas Beinen wie auf einer Absprungschanze hoch, schnappte die Spinne und verspeiste sie Annika, die nie im Leben solche Sportlichkeit beim alten Kater erwartet hätte, erschrak so, dass sie samt Leiter zu Boden krachte.
Der Lärm war so heftig, dass ich ohne nachzudenken rief:
– Annika, du solltest wirklich mehr Sport machen! Standfest kann man das ja nicht mehr nennen! Was sollen die Nachbarn denken?
Dass ich ihr aufhalf, bemerkte sie kaum. Die Worte trafen einen wunden Punkt, und diesmal weinte sie nicht wegen ihres schmerzenden Knies oder Hinterteils, sondern aus Verletztheit. Recht hat er ja, dachte sie, ich bin längst keine Prinzessin auf der Erbse mehr Das Gewicht ist zu viel, die Energie weniger geworden. Junge Jahre vorbei Fünfzehn Jahre verheiratet, zwei Kinder, gesundheitliche Baustellen. Und trotzdem macht er ständig Späße!
Zorn verdrängte die Enttäuschung und Annika stieß meine Hände fort.
– Lass mich! Ich schaffe das alleine!
– Annika, was ist los? verstand ich die Welt nicht mehr, denn sie wurde selten laut.
– Einfach alles nervt, begreifst du?! Deine blöden Witze gehen mir total auf die Nerven! Dein loses Mundwerk! Ich weiß manchmal nicht, ob du es ernst meinst oder mal wieder nur rumalberst! Nein, eigentlich weiß ich das nie! Ich komme mir schon vor wie so ein Clown. Wir zwei sind wie Max und Moritz oder Dick und Doof. Christoph, das geht so nicht, ich bin schließlich ein Mensch und keine Witzfigur. Ich bin einfach nur noch müde!
Sie schniefte, hielt aber die Tränen zurück. Dann schleuderte sie die frisch gebügelte Gardine aufs Sofa, ohne sich darum zu scheren, und verließ den Raum, ohne mich auch nur noch eines Blickes zu würdigen.
In ihr brodelte es. Sie schwankte zwischen Selbstmitleid und Wut. So zornig hatte ich sie noch nie erlebt.
Dabei war Annika immer das sanfte Herz, gutmütig und freundlich. Schon als Kind hatte sie alle und jeden gemocht sehr zur Verzweiflung ihrer Mutter.
– Annika, nicht alle Menschen sind gut, merk dir das endlich!
– Und wenn sie nicht gut sind… sind sie dann böse, Mama?
– Nicht direkt böse. Aber die meisten handeln doch nur für ihr eigenes Wohl.
– Und das heißt?
– Überleg doch: Du hast deine Lieblingspuppe gestern Sarah geschenkt, weil sie dich so lieb drum bat.
– Sie wollte sie aber so sehr…
– Ja, und du hast nachgegeben. Und was passiert heute? Du kommst aus dem Kindergarten und Sarah will nichts mehr mit dir zu tun haben.
– Sarah wollte mit mir nicht spielen! Sie meinte, sie sei jetzt mit Laura befreundet und nicht mehr mit mir!
– Siehste. Ihr ging’s nur um die Puppe. Das musst du noch lernen, Schatz.
So richtig gelernt hat Annika das nie. Sie schloss schnell Freundschaften, verstand aber nie, warum andere über sie kicherten.
– Was für ein Naivling! So etwas gibt es also wirklich… kratzte ich mir verwundert am Kopf, als ich Annika kennenlernte. Sind Sie aus dem Märchenbuch gefallen?
Kein Wunder eigentlich. Unser Kennenlernen hätte aus einem Krimi stammen können.
Es war ein wunderschöner Sommertag und Annika hetzte zur Arbeit. Sie studierte noch und jobbte in den Semesterferien in einem kleinen Café bei uns im Stadtteil. Sie ging immer etwas früher los, weil zum einen Hund Lotte an der Baustelle auf sie wartete und natürlich die süße Mieze Mimmi, die von allen im Viertel gefüttert wurde. Annika brachte den beiden regelmäßig Brotreste oder Würstchen mit.
Lotte begrüßte sie jedes Mal mit riesigem Gebell, Annika kraulte sie hinter den Ohren und holte den Frühstücksrest aus ihrer Tasche…
Und dann passierte es das, was ich später immer den Überfall des Jahrhunderts nannte.
Jemand stieß Annika von hinten, riss ihr die Tasche vom Arm und ehe sie sichs versah, war sie bestohlen. Die Tasche, alt und abgewetzt, war verkraftbar, aber im Portemonnaie lagen Monatsgehalt und ihr Stipendium angespart für ein Paar neue Schuhe.
Das war bitter! Also nichts wie hinterher, in der Hoffnung, das gute Stück doch wiederzubekommen.
Nur: Der Dieb war schneller. Annika wollte schon aufgeben, da stolperte der Kerl, raste auf den Asphalt und verlor beim Sturz die Tasche.
– Geschieht dir recht! rief sie und spurtrannte in Richtung Beute, ehe der Kerl wieder zu sich kam.
Doch es kam noch schlimmer!
Ein Komplize sprang aus dem Gebüsch, schnippte Annika schmerzhaft an die Nase und war im nächsten Moment mit ihrer Tasche über alle Berge.
Blut tropfte aus ihrer Nase und sie sackte auf das Trottoir. Kaum war ich zur Stelle, erschrak sie bei meiner Berührung so sehr, dass sie laut aufschrie.
– Mensch, hab ich dir das Ohr jetzt taub gebrüllt? fragte ich, und schüttelte lachend den Kopf In die Oper solltest du!
– Was willst du von mir? Hast du etwa auch damit zu tun? Mehr habe ich nicht!
– Beruhigen Sie sich, ich will helfen. Kopf nach hinten, so… Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause. Man weiß ja nie.
– Was weiß man nie? Annika rappelte sich an meinem Arm auf und merkte schnell, dass ich nichts mit den Dieben zu tun hatte.
– Na ja… Die Welt ist voller Schurken. Ich reichte ihr mein Stofftaschentuch Wer weiß, nicht dass sie nochmal in Schwierigkeiten geraten. Darf ich Sie was Verrücktes fragen?
– Na, versuchen Sies.
– Hat Ihr Opa Ihnen Karate beigebracht?
– Was soll das denn jetzt?
– Na ja, Sie sind ja dem Dieb nachgerannt wie ein Karateprofi. Dachte schon, Sie haben mindestens den schwarzen Gürtel…
– Sie sind wirklich seltsam Da musste sie lachen, hielt sich aber gleich den schmerzenden Nasenrücken.
– Keine Ahnung, was ich rede. Ich wollte Ihnen nur gefallen.
– Ist Ihnen gelungen.
– Klar, ich bin schließlich charmant.
– Und bescheiden, wie ich sehe.
– Jetzt machen Sie mich ganz verlegen! Sind Sie wirklich nicht aus einem Märchen?
– Nein!
Die Tasche blieb verschwunden dafür bekam Annika einen Christoph in ihr Leben.
Unsere Beziehung war nicht einfach. Ich gefiel Annika sehr, doch manchmal war sie unsicher, ob ich es ernst meine oder wieder nur blödel. Mein Humor half oft, aber manchmal benutzte ich ihn stellenweise etwas übertrieben.
– Annika, ich bin schon wieder arbeitslos! küsste ich sie zur Begrüßung.
– Ach du meine Güte, was war diesmal?
– Ich hab meinen Chef gefragt, warum es im Verbandskasten nur Baldrian und Vaseline gibt
– Christoph!!!
– Na, ist doch ein berechtigter Anlass zum Grübeln: Hab ich den richtigen Arbeitsplatz erwischt?
– Wahnsinn. Und was ist mit dem anstehenden Umzug?
Die Probleme wurden irgendwie immer gelöst. Ich fand neue Jobs, Annika lernte beim Einkaufen zu sparen wo es eben auch nur ging.
Als dann unsere Tochter geboren wurde, machten wir uns mehr Gedanken. Witze und Leichtigkeit sind ja schön, aber irgendwo muss auch mal Verlässlichkeit sein! Das Kind will schließlich regelmäßig essen und ein Vater, der mit dem Chef rumalbert, ist da nicht ideal.
Doch: Das Glück stand auf meiner Seite. Nach dem nächsten Rauswurf fand ich endlich einen Chef, der genauso verrückt war wie ich. Als er merkte, dass ich auch noch fachlich was draufhabe, machte er mich sogar zu seinem Stellvertreter. Annika war erleichtert.
– Christoph, bitte ein bisschen Ernst täte dir gut!
– Willst du, dass ich meinen Job gleich wieder verliere?
– Warum? erschrak Annika.
– Mein Chef liebt Humor der hat mich nur deshalb eingestellt!
– Überleg dir das mal… alles kann sich ändern, merk dir das!
– Ich weiß aber dann muss man halt noch cleverer kontern! Ich lachte, Annika runzelte die Stirn.
Mit der Zeit, als mein Humor öfter Annika direkt traf, wurde der Kreis unserer Freunde kleiner. Erst verschwanden Freunde, dann Bekannte, am Ende blieben fast nur noch meine Kollegen übrig.
– Christoph, niemand will uns mehr besuchen.
– Wie soll ich sie locken, Annika? Honig an die Tür schmieren? Aber dann kommen ja nur Wespen
– Lass doch diese Scherze! Die erträgt nicht jeder!
– Dir reichen sie? Mehr Mensch brauch ich doch nicht.
Bald war Annika Gastgeberin für die nächste Geliebte des Chefs und meine Kollegen und sie hatte jedes Mal Mühe, schnell in die Küche zu verduften, ehe sie selbst zum Ziel der nächsten Pointe wurde.
– Annika, erzählen Sie doch, wie Sie auf die Idee kamen, einen italienischen Abend zu veranstalten, wenn Sie doch noch nie in Italien waren Ihre Pizza ist klasse, nur mit Italien hat sie nichts zu tun! Der Chef küsste Annika auf die Hand und sie wünschte, sie könnte ihm die Vase überziehen, die er selbst geschenkt hatte.
Aber Annika war schwanger da schürt man keine Eskalation. Was, wenn ich auch noch meine Arbeit verliere, und das wegen ihr? Das wäre das Letzte…
Den Sohn brachte Annika im Februar zur Welt Schnee, Frost, Glatteis ich kam nicht rechtzeitig zum Abholen in die Frauenklinik.
– Annika, wir haben eine Schneewehe bis zur Hüfte! Solltest du nicht von mir entbunden haben, hast du noch Zeit, das Kind auszutauschen
Annika legte einfach auf. Und zum ersten Mal dachte sie, dass das Leben ohne meine Sprüche vielleicht entspannter wäre.
Aber sie bekam einen Sohn und es war klar, dass für den Jungen ein Vater besser als keiner ist. So scharfzüngig ich war, als Vater war ich ganz und gar verlässlich: Ich stand nachts zur Tochter auf, kochte magische Breie, spielte mehr mit den Kindern als so mancher Freund. Das wurde auch Annika klar: Ich bin nicht schlechter als andere Männer meines Alters, wenn es um Familie geht.
Unser Familienleben ging weiter, Annika sprach mehrfach mit mir und bat, mich ein wenig zurückzuhalten. Ich verstand sie wohl, reagierte aber nicht. Da änderte sie die Strategie, lud niemanden mehr ein, arbeitete per Homeoffice, damit das Zeitproblem nie so auffiel.
Ich half mehr im Haushalt, wusch ab, putzte das Bad und fegte mit der Tochter durch die Wohnung ein Riesenspaß, Annika schickte ich mit dem Sohn zum Spazieren, damit sie sich entspannen konnte.
Doch Annika merkte mit den Jahren, dass sie dünnhäutiger wurde, und die Reaktionen auf meine Witze wurden schärfer. Sie schimpfte ab und zu, an schlechten Tagen sogar ohne konkreten Anlass und meine Versuche, alles ins Lächerliche zu ziehen, halfen dann gar nichts.
Die Spinne war letztlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Scheidung.
Dieser Gedanke kreiste in Annikas Kopf, während sie Geschirr klappernd das Abendessen vorbereitete.
Scheidung!
Sie deckte den Tisch, sah unsere Tochter an der Küchentür stehen und nickte ihr nur kurz zu.
Scheidung…
Sie warf ihr Küchentuch auf die Anrichte da wurde sie plötzlich umarmt und meine Stimme, leise und gar nicht trocken und spöttisch, flüsterte:
– Annika, bist du böse? Tut mir leid! Ich wollte nicht Du bist meine Beste!
– Ach, nicht schon wieder sie stemmte sich gegen meine Arme, aber ich ließ sie nicht los.
– Nein, wirklich Annika, ich habe die Gardinen wieder aufgehängt und Gustav hat keine Spinnen mehr gefunden. Es tut mir leid, ich weiß, mit so einem Blödmann wie mir ist es nicht leicht. Meine Oma hat immer gesagt, ich habe ein loses Mundwerk, aber ein gutes Herz. Willst du das bestreiten?
– Christoph, von deinem guten Herzen habe ich wenig, wenn ich mich selber nicht mehr mag. Ich werde schon richtig bissig! Das geht so nicht. Humor ist wunderbar, aber nicht, wenn er alles andere ersetzt. Ich lade keine Freunde mehr ein, weil sie nicht ständig Zielscheibe für dich sein wollen. Ich schaue nicht mehr gerne in den Spiegel, weil ich weiß, dass du gleich wieder über mich herziehen wirst. Ich bin einfach müde, verstehst du? Ich möchte anders leben.
– Wie?
– Erinnerst du dich, wie du mal meintest, wir seien wie Tom und Jerry immer hintereinander her, mal gewinnt der eine, mal der andere, weil beide klug und witzig sind? Später nannten uns die Freunde nur noch Cartoons.
– Und?
– Ich will nicht mehr leben wie in einem Cartoon! Ich habe nicht so viele Sprüche wie du, und irgendwann gewinnt immer die Katze und die Maus bleibt am Ende allein in der Ecke und will nur noch, dass alles aufhört Wirklich alles, verstehst du?
– Annika…
– Lass es jetzt. Sag bitte nichts mehr. Denk einfach darüber nach.
– In Ordnung
Wenige Tage später, als Annika zum ersten Mal in ihrem Leben ihrer besten Freundin Julia ehrlich sagte, wie fertig sie ist, lachte die:
– Ach Annika, du übertreibst maßlos! Lasst doch den Humor nicht nur im Wohnzimmer ab Standup auf der Bühne ist besser!
– Was? Annika starrte sie mit offenem Mund an.
– Was du gehört hast! Wollt ich dir schon ewig raten: Die Talente deines Mannes sind doch zum Wegschmeißen. Lass ihn doch auftreten, dann kann er alle bespaßen und du kommst auch auf deine Kosten. Dafür sind Freundinnen doch da um ehrlich zu sein!
– Du klingst wie meine Mutter
– Und? Sie hat auch immer recht!
Julias Idee funktionierte: Seitdem stehe ich abends regelmäßig im Comedy-Club auf der Bühne und Annika schaut sich meine Auftritte manchmal mit Genuss an.
Denn zu sehen, wie mein Mann Witze über sich selbst macht, das ist wirklich eine besondere Freude! Darauf will Annika nicht mehr verzichten.
Vor allem hat Christoph endlich verstanden seit Jahren kommt kein einziger Spruch mehr gegen Annika oder die Kinder. Jetzt witzle ich nur noch über mich selbst mit großem Erfolg.
Und zu Hause ist Ruhe eingekehrt, Freunde und Verwandte kommen endlich wieder gern.
Manchmal reicht eben wenig, damit ein Ehemann endlich zuhört man muss nur zeigen, dass man selbst auch Humor hat, am besten schwarz oder ironisch.
Denn wenn schon, dann bleibt wenigstens der Scheidungswitz ein Witz!
Und Cartoons? Wer liebt sie nicht…




