Nina, wir müssen gehen. Wir können nicht bleiben. Nichts lässt sich ändern. Er hat ja nur kurz bei uns gewohnt. Sei nicht traurig, ich kaufe dir einen anderen Hund, der viel besser ist als dieser. Versprochen! – sagte Olaf, den Blick gesenkt.

Ich war gerade dabei, den letzten Feinschliff an einem Projekt zu erledigen, und blieb deshalb bis weit nach Feierabend im Büro. Die Zeit verflog wie im Flug, und als ich endlich den Schlüssel ins Schloss drehte, hüllte sich Berlin bereits in die dunkle Winterkälte, während leise Schneeflocken vom Himmel fielen. Müde von dem anstrengenden Tag räumte ich hastig den Haushalt auf und stellte mich ans Fenster meiner Wohnung im zweiten Stock, um die schneebedeckten Äste der nahegelegenen Bäume zu beäugen.

Ich habe den Winter schon immer geliebt, besonders diese stillen Abende, wenn der Schnee sanft und gleichmäßig niedergeht, wie weiße Federn, die vom Himmel schweben. Alles wirkt dann wie aus einem Märchenbuch.

Dezember die liebsten Weihnachtsfeste aus Kindertagen rücken immer näher, die Reisen, die Freude, die Schönheit dachte ich verträumt, lächelte leise vor mich hin. Mein Mann, Karl, schlief bereits tief, weil er früh aufstehen muss sein Job verlangt einen frühen Arbeitsbeginn. Ich ließ das Licht aus und kroch ins Bett, in der Hoffnung, wenigstens ein bisschen Kraft für den kommenden, wieder stressigen Tag zu tanken.

Als ich gerade ins Halbschlafgleiten fiel, riss ein lautes Signal meines Autos mich auf. Die Alarmanlage hatte ausgelöst. Ich griff nach dem Schlüsselanhänger, trat zum Fenster alles sah friedlich aus: mein VW stand still, daneben die Fahrzeuge der Nachbarn, kein Mensch zu sehen, nur der weiße Schnee. Ich schaltete die Alarmanlage aus, setzte mich einen Moment hin und ging zurück ins Bett. Doch nach kurzer Zeit ertönte das Signal erneut.

Voller Unruhe griff ich nach meinem Handy, dem Schlüsselanhänger, und zog über meinem Hausmantel eine dünne Jacke an, bevor ich nach unten eilte. Vor dem Auto war niemand, doch im frischen Schnee lag eine seltsame, tiefe Furche, als hätte jemand etwas Schweres hinter sich hergezogen, und daneben waren deutliche Pfotenspuren zu sehen.

Die Spur führte direkt unter das Fahrzeug. Ich deaktivierte erneut die Alarmanlage. Aus den Wohnungen der Nachbarn drängten sich nun neugierige Köpfe an die Fenster. Mein Handy vibrierte es war Karl, der gerade aufgewacht war und aus seinem Fenster rief: Was ist los? Ich komme sofort runter!

Karl sprintete zur Autoscheibe, ich zeigte ihm die Spuren. Er setzte sich, schaltete das Licht seines Handys ein und leuchtete unter die Motorhaube. Da ist etwas, vielleicht ein Tier, die Augen glänzen. Der Motor ist noch warm, es scheint zu sich zu wärmen. Ich brauch Handschuhe, um es rauszuholen. Er zog schnell Handschuhe an und verschwand wieder nach oben.

Kurz darauf kehrte er mit Handschuhen und einem Stück gebratener Leber zurück. Er versuchte, das ungebetene Gast zu locken, doch das Wesen zog sich zaghaft zurück, wollte nicht herauskommen. Ich zog mir einen warmen Mantel über und half ihm. Ich kniete in den Schnee, hielt die Leber in die Hand und rief sanft: Komm her, Kleines gut komm zu mir.

Unter dem Auto hörte man ein schwaches Winseln. Es wurde klar: ein Hund hatte sich dort versteckt. Nach und nach kroch er näher, bis er schließlich komplett sichtbar war ein kleiner, klatschnasser, zitternder Hund, dessen Fell zu einem schwer zu entwirrenden Knäuel zusammengeballt war.

Ohne zu zögern nahm ich ihn in die Arme. Es war sofort ersichtlich, dass er ein herrenloser Streuner war. Das Fell war schmutzig und zu dicken Strähnen verdutzt, die Augen fast geschlossen vor Erschöpfung. Als ich in diese bittenden Blicke sah, wusste ich sofort, was zu tun war.

Karl versuchte, mich aufzuhalten: Wir sind den ganzen Tag nicht zu Hause, Liesel! Wir schaffen das nicht Und hast du vergessen, wir fahren zu Weihnachten nach Salzburg? Wir haben alles bezahlt die Tickets, das Hotel Er redete weiter, doch ich blieb bei meiner Entscheidung.

Ich habe immer von einem Hund geträumt. Und ich lasse ihn jetzt nicht im Stich, ob du willst oder nicht!

Der kleine Vierbeiner erwies sich als lebenslustig und freundlich. Nach einer gründlichen Fellpflege, einem Bad und einer ordentlichen Mahlzeit war er ein hübscher, gepflegter Familienhund. Ich nannte ihn Fritz, kurz Fritzi. Sein Verhalten zeigte, dass er früher einmal ein Heim gehabt hatte er kannte Kommandos, fand immer wieder zu den Zimmern zurück, setzte sich, legte sich, kam zu mir, und stellte sogar beide Pfoten gleichzeitig auf, bevor er wie ein Hase sprang.

Als die Reisezeit näher rückte, war niemand da, der Fritzi zurücklassen könnte. Ich organisierte alle nötigen Papiere, kaufte das nötige Zubehör und brachte den kleinen Weltenbummler mit. Der Zug nach Salzburg fuhr pünktlich, die Abteile waren von Fröhlichkeit erfüllt Karl und ich machten uns endlich auf den wohlverdienten Urlaub, und Fritzi strahlte, weil er bei uns war.

Nach einer Nacht im Zug erreichten wir Österreich, bezogen ein gemütliches Zimmer und gingen nach dem Einchecken sofort essen, bevor wir Fritzi noch etwas zu fressen gaben. Der Hund war begeistert alles war neu: die Stadt, die Gerüche, die Sprache, die riesigen Tannen mit Lichtern und Schmuck. Er war erst ein wenig ängstlich, dann aber voller Aufregung.

Die Festtage vergingen wie im Fluge: lange Spaziergänge durch die festlich erleuchteten Gassen, leckere Schmankerl, Besichtigungen und ruhige Abende im Hotel fast wie ein Märchen. Am nächsten Tag stand die Rückfahrt nach Hause an. Wir packten die Koffer, gingen abends noch einmal mit Fritzi spazieren, der fröhlich an der langen Leine zog. Auf unserem Weg passierten wir zwei Polizisten zu Pferd, die auf prachtvollen Friesenpferden ritten. Plötzlich wieherte ein Pferd laut, hob den Kopf.

Fritzi, noch nie zuvor so große Tiere gesehen, erschrak bis ins Mark und rannte davon. Die Leine glitt aus meiner Hand, das Halsband löste sich, und er verschwand im Schnee.

Wir suchten ihn bis spät in die Nacht in Parks, Straßen und Innenhöfen. Ich schluchzte: Ich bin schuld! Ich hätte ihn besser sichern müssen, ein Halfter anlegen! Er hat Angst gehabt Fritzi

Zurück im Hotel saßen wir schweigend. Karl flüsterte: Wir müssen abreisen, wir haben keine Wahl. Er war nur kurz bei uns Ich kaufe dir einen anderen Hund, sogar einen besseren Ich verspreche es. Ich blickte aus dem Fenster, die Augen rot vom Weinen, und sagte: Ich lasse ihn nicht zurück. Ich bleibe hier und suche Fritzi. Einen anderen Hund brauche ich nicht!

Karl erwiderte: Sieh die Lage nüchtern: Wir sind fast pleite, das Geld ist für die Baustelle in der Vorstadt, das neue Auto und die anstehenden Visa abgeflossen. Der Zug fährt früh, dann direkt die Arbeit. Bitte überleg es dir, Liesel! Ich rufe den Chef an, nehme Urlaub, beantrage einen Vorschuss das Geld kommt schnell. Ich buche ein günstiges Einzelzimmer hier im Hotel und warte. Vielleicht kommt er zurück zum Hotel? Du gehst allein, ich lasse ihn nicht zurück, Punkt!

Ich zog meine Jacke fester, stand auf und sagte: Ich mache weiter.

An der Rezeption stand nun eine neue Angestellte, eine junge Deutsche namens Marlene. Sie sah meine geröteten Augen und fragte behutsam, was passiert sei.

Karl erklärte die Situation, während ich kaum ein Wort herausbrachte die Erschöpfung hatte meine Stimme genommen. Marlene hörte aufmerksam zu, stellte gelegentlich Nachfragen.

Wir sollten Tierheime und Rettungsorganisationen anrufen. Hier gibt es keine herrenlosen Hunde, sagte sie und griff nach einem dicken Telefonbuch, wählte Zahlen. Ich stand daneben, atmete schwer, hörte fremde finnische Worte am Apparat. Meine einzige Stütze war Marlene, deren Blick mir Hoffnung schenkte.

Nach einem weiteren Anruf änderte sich ihr Ton. Das Gespräch dauerte länger als üblich, war lebhafter. Schließlich legte sie auf und sagte: Wir haben einen Hund gefunden, der Ihrer Beschreibung entspricht. Er kam gestern Abend um halb elf in ein Tierheim, das etwa siebzig Kilometer von hier liegt. Der Zug dort fährt in weniger als vier Stunden. Ich bezweifle, dass Sie es rechtzeitig schaffen.

Wir riefen ein Taxi, entschieden sofort: Ich fuhr zum Tierheim, Karl blieb mit den Koffern am Bahnhof warten.

Im Taxi fuhr ich gedanklich ein Gebet: Bitte, lass es klappen egal, was mit dem Zug passiert

Am Eingang des Tierheims zahlte ich zehn Euro und folgte dem Mitarbeiter hinein. Er führte mich in einen kleinen Raum, dessen Tür einen Spalt offen stand. Drinnen, in einer engen Box, saß Fritzi, zusammengerollt. Mein Herz pochte, als wollte es gleich herausbrechen.

Fritzi! schrie ich.

Der Hund sprang sofort aus der Box, jaulte vor Freude und sprang in meine Arme. Er drückte sich fest an mich, wimmerte vor Glück und Erleichterung.

Was danach geschah, wirkte wie ein Traum: Ich unterschrieb Formulare, erklärte die Umstände, zeigte das Halsband mit dem Adressanhänger, ließ den zitternden Vierbeiner nicht los.

Beim Verlassen des Heims kam eine ältere österreichische Dame mit strengem Gesicht herüber, lächelte plötzlich warm und drohte Fritzi mit dem Finger: Nicht rüberlaufen, Fritzi! sagte sie in gebrochenem Deutsch.

Von der Tierheimszeile bis zum Taxi, vom Zug zurück ins Taxi Fritzi ließ mich nicht los, er klebte an meiner Hand, drückte seinen kleinen Körper an mich. Ich werde dich nie wieder allein lassen, versprochen, flüsterte ich ihm zu, während ich sein Fell nach dem Duft von Reinigungsmitteln riechte.

Zuhause sprang Fritzi vorsichtig auf den Boden, trottete zur Küche und trank wie ein richtiger Herr sein Wasser.

Die Zeit verging, wir bauten ein geräumiges Haus am Stadtrand, und dort leben wir bis heute glücklich und warm: Karl, ich und unser treuer Fritzi, der endlich ein richtiges Zuhause gefunden hat.

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Homy
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Nina, wir müssen gehen. Wir können nicht bleiben. Nichts lässt sich ändern. Er hat ja nur kurz bei uns gewohnt. Sei nicht traurig, ich kaufe dir einen anderen Hund, der viel besser ist als dieser. Versprochen! – sagte Olaf, den Blick gesenkt.
Die Rollen getauscht: Ein unerwarteter Perspektivwechsel