Eine gute Frau.
Eine gute Frau. Was würden wir nur ohne sie tun?
Hans, und du gibst ihr nur zweitausend Euro im Monat.
Klara, wir haben ihr doch die Wohnung überschrieben.
Hans erhob sich mühsam vom Bett und schlurfte langsam ins Nebenzimmer. Im matten Licht der Nachttischlampe betrachtete er mit schwachem Blick seine Frau.
Er ließ sich neben ihr nieder und lauschte alles schien in Ordnung zu sein.
Langsam stand er auf, tappte in die Küche, öffnete den Kühlschrank und schenkte sich Kefir ein, dann ging er ins Bad und schließlich zurück in sein eigenes Zimmer.
Im Bett konnte er nicht schlafen:
Wir sind inzwischen beide neunzig, Klara und ich. Wie viel haben wir schon miteinander erlebt? Bald gehts wohl zu Gott, und um uns ist niemand mehr.
Die Töchter, Maria ist fort, noch keine sechzig war sie. Uwe gibt es auch nicht mehr. Ein wildes Leben hat er geführt Die Enkelin, Paulina, lebt seit zwanzig Jahren schon in Polen. An Oma und Opa denkt sie nicht, sicher sind ihre Kinder dort schon längst groß.
Irgendwann schlief er dann doch ein.
Er wurde von einer Hand auf seiner Schulter wach:
Hans, alles in Ordnung? flüsterte eine leise Stimme.
Er schlug die Augen auf. Klara beugte sich über ihn.
Was ist los, Klara?
Du liegst so still da, ich wollte sehen, ob alles gut ist.
Ich lebe noch! Geh schon schlafen!
Er lauschte ihren schlurfenden Schritten. Die Küche wurde hell; der Schalter klickte.
Klara trank Wasser, ging nochmal ins Bad, dann in ihr Zimmer und legte sich.
Eines Tages wache ich auf, und er ist nicht mehr da. Was mache ich dann? Vielleicht trifft es mich vorher.
Hans hat schon alles für unsere Beerdigung bestellt. Ich hätte nie gedacht, dass man so etwas im Voraus machen kann Aber andererseits, wer sonst würde das übernehmen?
Unsere Enkelin hat uns vergessen. Nur unsere Nachbarin Sabine kommt regelmäßig vorbei. Sie hat einen Schlüssel zu unserer Wohnung. Hans gibt ihr immer tausend Euro aus unserer Rente. Sie kauft dann Essen, sie bringt, was wir brauchen. Was sollten wir sonst mit dem Geld machen? Vom vierten Stock kommen wir ja schon nicht mehr allein runter.
Am Morgen blinzelte Hans in die Sonne, die durch das Fenster fiel. Draußen auf dem Balkon sah er die grünen Zweige des Vogelbeerbaumes. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht:
Na, wir haben es bis zum Sommer geschafft!
Er schaute nach Klara, die gedankenverloren auf dem Bett saß.
Komm, Klara, nicht mehr trübsinnig sein. Ich zeig dir was.
Hach, ich bin ganz erschöpft! ächzte die alte Frau, als sie sich mühsam erhob. Was hast du bloß wieder vor?
Komm schon!
Er stützte sie an den Schultern und brachte sie zum Balkon.
Sieh mal, wie grün der Vogelbeerbaum ist! Und du hast gesagt: Wir erleben den Sommer nicht mehr. Doch wir habens geschafft!
Ach, ja wirklich! Und die Sonne scheint!
Sie setzten sich auf die Bank am Balkon.
Weißt du noch, wie ich dich damals ins Kino eingeladen habe? Damals, da waren wir noch in der Schule. Auch an dem Tag war der Vogelbeerbaum grün.
Solche Tage vergisst man nie. Wie viele Jahre ist das her schon?
Über siebzig Fünfundsiebzig Jahre.
Lange saßen sie dort, erzählten von früher, als wären die Jahrzehnte nicht vergangen. Viel verblasst im Alter, manchmal schon, was man gestern machte aber die Jugend, die vergisst man nicht.
Ach, jetzt haben wir uns verplaudert! Klara erhob sich langsam. Frühstück hatten wir noch keines.
Mach uns doch einen schönen Tee, Klara! Ich kann diesen Kräutersud nicht mehr sehen.
Aber den dürfen wir doch nicht!
Mach ihn schwach, gib nur einen Löffelchen Zucker dazu.
Hans trank den leichten Tee, kaute auf seinem kleinen Käsebrot und dachte an die Zeit zurück, als der Tee noch stark und süß war, morgens zum Frühstück, mit frischen Brötchen oder Pfannkuchen.
Sabine, die Nachbarin, kam herein und lächelte:
Na, wie gehts euch heute so?
Wie gehts schon, in dem Alter? witzelte Hans.
Wenn du schon Witze machst, scheint alles in Ordnung. Was soll ich euch denn besorgen?
Sabine, kauf uns Fleisch! bat Hans höflich.
Ihr dürft doch kein Fleisch mehr essen.
Hähnchen geht!
Gut, das bring ich. Ich mach euch eine Hühnersuppe mit Nudeln!
Sabine räumte den Tisch ab, spülte das Geschirr und verabschiedete sich.
Komm, Klara, gehen wir nochmal raus auf den Balkon, schlug Hans vor. Lassen wir uns ein bisschen wärmen.
Gern!
Sabine brachte später Haferbrei, ging dann wieder in die Küche, um schon mit dem Mittagessen zu beginnen.
Eine gute Frau, sagte Hans und blickte ihr nach. Was würden wir ohne sie nur tun?
Und du gibst ihr nur zweitausend Euro im Monat.
Klara, wir haben ihr doch die Wohnung testamentarisch überlassen.
Sie weiß davon nichts.
Sie blieben bis zum Mittagessen auf dem Balkon. Es gab Hühnersuppe mit Makkaroni und Kartoffeln köstlich.
So habe ich sie immer Maria und Uwe gekocht, als sie klein waren, erinnerte sich Klara.
Und nun kochen uns fremde Menschen, seufzte Hans schwer.
Das ist wohl unser Schicksal, Hans. Wenn wir nicht mehr sind, weint vermutlich keiner um uns.
So, Klara, jetzt reichts mit den traurigen Gedanken. Lass uns ein bisschen schlafen.
Hans, man sagt nicht umsonst:
Klein und alt, das ist fast gleich.
Bei uns läuft alles wie bei Kindern ab: pürierte Suppe, Mittagschlaf, Nachmittagskaffee.
Hans döste etwas, fand aber keinen Schlaf. Vielleicht lag es am Wetter. Er ging in die Küche, wo Sabine zwei Gläser Saft auf den Tisch gestellt hatte, liebevoll vorbereitet.
Mit beiden Händen nahm er die Gläser und balancierte sie vorsichtig zu Klaras Zimmer. Sie saß am Bett und schaute verloren aus dem Fenster.
Was ist, Klara, bist du wieder traurig? versuchte Hans sie aufzuheitern. Hier, ein Schluck Saft!
Sie nahm einen kleinen Schluck.
Du kannst auch nicht schlafen, was?
Das Wetter
Ich fühle mich heute wieder schwach, Hans, sagte Klara und schüttelte traurig den Kopf. Ich glaube, meine Zeit ist bald gekommen. Du musst mich ordentlich beerdigen.
Klara, was redest du da. Wie soll ich ohne dich
Einer von uns wird immer der Erste sein.
Schluss jetzt! Lass uns rausgehen auf den Balkon!
Sie blieben bis zum Abend. Sabine brachte Quarkbällchen, später aßen sie gemeinsam und schalteten wie jeden Abend den Fernseher an. Die Handlung neuer Filme konnten sie kaum noch folgen, daher sahen sie alte Komödien, Märchen und Zeichentrickfilme.
Heute schafften sie nur einen Trickfilm. Klara stand langsam vom Sofa auf.
Ich geh schlafen. Ich bin heute so müde.
Dann gehe ich auch.
Warte Lass mich dich noch einmal richtig anschauen, bat Klara plötzlich.
Wozu das denn?
Nur so. Lass mich dich ansehen.
Sie blickten lange einander in die Augen, vielleicht dachten sie an die schöne gemeinsame Jugendzeit, als alles noch vor ihnen lag.
Ich begleite dich noch zum Bett.
Klara hakte sich unter und gemeinsam, Schritt für Schritt, gingen sie in ihr Zimmer. Behutsam deckte Hans sie mit der Decke zu und verließ das Zimmer.
Er konnte lange nicht einschlafen. Sein Herz war schwer.
Es fühlte sich an, als hätte er nicht geschlafen, doch der Radiowecker zeigte zwei Uhr nachts. Er stand auf und ging zu Klaras Zimmer.
Sie lag mit geöffneten Augen.
Klara! Er nahm ihre Hand. Klara, was ist Klara!
Plötzlich blieb ihm selbst die Luft weg. Er schleppte sich in sein Zimmer, legte die vorbereiteten Unterlagen auf den Tisch.
Dann ging er zurück zu Klara, schaute lange auf ihr friedliches Gesicht, legte sich zu ihr ins Bett und schloss die Augen.
Vor sich sah er seine Klara, jung, wunderschön wie vor fünfundsiebzig Jahren. Sie ging irgendwohin, dem Licht entgegen. Er lief ihr hinterher, nahm ihre Hand.
Am Morgen kam Sabine ins Schlafzimmer. Sie lagen nebeneinander. Auf beiden Gesichtern lag ein seliges, glückliches Lächeln.
Sabine rief schließlich den Notarzt.
Der Arzt, der kam, schüttelte erstaunt den Kopf:
Sie sind gemeinsam gegangen. Wahrscheinlich haben sie sich sehr geliebt
Die beiden wurden abgeholt. Kraftlos setzte sich Sabine an den Tisch. Dort sah sie die Unterlagen und das Testament auf ihren Namen ausgestellt.
Sie legte den Kopf auf die Hände und weinte
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