Fass meine Tasche nicht an – das ist meine Privatsache!

Fass meine Tasche nicht an

Katharina rief an Anfang Dezember, genau in dem Moment, als ich nach dem Einkaufsbummel die Tüten im Flur sortierte. Die Einkaufstaschen standen direkt auf dem Parkett; aus der einen ragte die Ecke eines neuen Stiefelkartons, aus der anderen lugte ein Schal hervor, den ich eigentlich nicht hatte kaufen wollen, aber er passte einfach so gut zum Mantel.

Sebastian, ich wollte mal fragen, begann meine Schwägerin Katrin mit ihrer typischen, immer etwas entschuldigenden Stimme. Seid ihr Silvester bei uns oder kommen wir zu euch?

Natürlich zu uns, antwortete ich, ohne meinen Blick von den neuen Stiefeln zu wenden. Im Kopf probierte ich sie schon zum Mantel an. Wo denn sonst? Wir haben doch mehr Platz und alles.

Ja, das stimmt, sagte Katrin. Aber Mama meinte, sie wolle euch nicht zur Last fallen.

Katrin, das diskutieren wir doch jedes Jahr aufs Neue. Sag Mama, am 31. um sieben, und damit hat sich das. Sie soll sich keinen Kopf machen.

Ich legte auf und stellte die Stiefel ins Regal. Gute Stiefel. Echt Leder, keine rutschige Sohle, angenehmer Absatz. Genau richtig. Nicht so wie bei Katrin, die seit Jahren mit denselben Markenschuhen aus dem Discounter rumläuft und noch stolz darauf ist, weil sie so bequem seien.

Ich hielt mich nie für einen schlechten Menschen. Das redete ich mir ein, und im Großen und Ganzen entsprach es der Wahrheit. Ich gönnte niemandem etwas Schlechtes, half, wenn man mich bat, schenkte zu Geburtstagen immer etwas Schönes. Aber ich sah die Dinge halt so, wie sie wirklich waren, ohne unnötige Schnörkel. Ich sah zum Beispiel auch genau, dass Katrin mit all ihrer Stolz in einer kleinen Plattenbauwohnung wohnte, zu zweit mit ihrer Tochter, und nie einfach mal um Hilfe bat stattdessen lief sie dann mit einem Märtyrerblick herum. Oder Schwiegermutter Frau Hartwig, pensionierte Lehrerin, die sich bei jeder Gelegenheit als die Leidtragende inszenierte, dabei hatte sie eine anständige Rente und mein Bruder überwies ihr jeden Monat.

Meine Frau, Johanna, war Leiterin eines großen IT-Teams und ständig auf Achse. Ihre Firma hatte Filialen in ganz Deutschland, und sie war so oft beschäftigt, dass ich sie manchmal nur morgens und abends kurz sah. Dafür ging es uns auch gut. Sehr gut, ehrlich gesagt. Die Wohnung im Hochhaus, dreiundzwanzigster Stock mit Blick auf die Elbe, drei Schlafzimmer, eine große Küche mit Insel, Parkett aus Eiche. Unser achtjähriger Max lebte beinahe wie im Schlaraffenland. Lego, Fahrrad, iPad, Programmierkurse samstags. Ich kümmerte mich darum, dass es ihm an nichts fehlte eher im Gegenteil.

Ich hatte keine feste Arbeit. Nicht, weil ich nicht konnte, sondern weil wir das so entschieden hatten. Johanna meinte: Wozu willst du arbeiten gehen, ich verdiene doch genug. Ich fand, sie hatte recht. Haushalt und Max brauchten Aufmerksamkeit, und wer möchte schon freiwillig jeden Morgen ins Büro fahren, wenn es auch anders geht? Ich machte den Haushalt, ging zum Pilates, las, fuhr Max zu seinen Kursen, traf mich mit Freunden. Das Leben war gut geordnet und schön.

Nur eine Sache störte mich wirklich, und die hatte mit der Familie von Johanna zu tun. Nicht, dass es schlechte Menschen wären. Nein. Sie waren einfach anders. Ihr Stolz, ihr Unvermögen, Hilfe ganz normal anzunehmen. Mehrmals hatte ich Katrin gute, fast neue Kleidung angeboten. Jacken, Pullis, einmal sogar kaum getragene Schuhe. Katrin lehnte immer mit einer Miene ab, als würde ich ihr Almosen anbieten. Schwiegermutter genauso. Einmal kaufte ich ihr eine französische Gesichtscreme, richtig teuer. Nach zwei Wochen sah ich sie zufällig unangetastet im Badregal stehen. Zu gut vielleicht, um sie zu benutzen. Oder Prinzipien.

Was mich am meisten wurmte, war das hier: Wenn Frau Hartwig ab und an zu Besuch kam zwei, dreimal im Jahr , fiel mir auf, wie sie Max ansah und wie sie Eva ansah, Katrins Tochter. Da war ein großer Unterschied. Zu Max war sie freundlich, aber leicht distanziert. Zu Eva, einem neunjährigen Mädchen mit Zöpfen und ständig staunenden Augen, ganz anders. Wärmer, leiser. Sie konnte eine Ewigkeit mit ihr sitzen und ihr vorlesen, sie streichelte ihr den Kopf so, dass ich beim Zuschauen regelrecht ein stechendes Gefühl bekam.

Ich sprach Johanna einmal darauf an.

Ist dir aufgefallen, wie deine Mutter Max ansieht?, fragte ich abends, als Max schon schlief.

Wie sie ihn ansieht? Ganz normal, sagte Johanna, ohne vom Laptop aufzuschauen.

Nein, eben nicht ganz normal. Zu Eva schaut sie viel liebevoller. Fast, als wäre Eva ihr wichtiger.

Johanna klappte den Computer zu und schaute mich an.

Sebastian, das meinst du doch nicht ernst?

Doch, völlig ernst.

Eva hat es schwerer. Ihr Vater ist nicht da, Katrin stemmt alles allein, Mama sieht das. Das heißt nicht, dass sie Max weniger liebt.

Ich mags nicht, wenn mein Sohn bloß eine Randfigur ist.

So ein Quatsch, meinte Johanna und öffnete den Laptop wieder. Du bildest dir was ein.

Ich ließ die Diskussion auf sich beruhen. Aber ich blieb bei meinem Gefühl. Ich war gut im Warten und im Erinnern.

Der Dezember zog vorbei, draußen wurde es früh dunkel, Max übte Gedichte fürs Schulfest, Johanna war selten zuhause. Ich schmückte die Wohnung für Silvester. Großartige Inspiration hatte ich nicht, schließlich machte ich das jedes Jahr allein und kannte jede Girlande auswendig. Eine Nordmanntanne im Topf in der Ecke, Lichterketten an den Fenstern, nur weiß-goldene Kugeln. In der Küche lag mein Kalender mit dem Menüplan für die Feiertage alles durchgetaktet. Alles sollte am 31. perfekt sein.

Katrin rief nochmal etwa eine Woche vor Silvester an.

Sebastian, kann ich irgendwas mitbringen? Einen Salat vielleicht?

Nicht nötig, sagte ich. Alles eingekauft und vorbereitet.

Aber irgendwas doch Mir ists unangenehm mit leeren Händen.

Bring einfach Eva mit. Mehr brauchen wir nicht.

Am anderen Ende eine kurze Pause.

Gut, sagte Katrin leise. Danke dir.

Am Silvesterabend strahlte unsere Wohnung. Der Tisch war festlich gedeckt mit Leinen, Silberbesteck, Kerzen in den Haltern. Aus dem Ofen duftete der Lachs, im Kühlschrank wartete die Käseplatte, überall kleine Schälchen mit Häppchen. Max flitzte seit dem Frühstück in seinem neuen Ringelpyjama durch die Zimmer und fragte alle zehn Minuten, wann Oma und Tante Katrin endlich kämen.

Um sieben, erklärte ich mit Engelsgeduld. Bis dahin gibts keine Geschenke.

Und wenn sie zu früh kommen?

Sie fahren mit der S-Bahn und müssen zweimal umsteigen. Vor sieben sind sie nie da.

Auch das gehörte für mich zu dem Bild, das ich von uns hatte: Wir wohnten zentral im Hamburger Grindelviertel, in einer neuen Anlage. Frau Hartwig lebte draußen in Horn, im alten Fünfzigerjahre-Block ohne Aufzug, wo es im Treppenhaus nach Katzen roch. Ich war einmal da, nach unserer Hochzeit, danach nie wieder. Katrin wohnte näher dran, aber immer noch weit genug entfernt, dass sie über eine Stunde brauchte.

Johanna war den ganzen Tag unterwegs, kam erst um fünf zurück, gab mir einen Kuss auf die Wange, sagte sieht großartig aus, und verschwand zum Umziehen. Ich stand am Herd und dachte, dass sieht großartig aus nicht unbedingt das ist, was man am Silvesterabend von seiner Frau hören möchte, wenn man seit acht Uhr in der Küche steht. Aber so war Johanna eben nicht böse, nicht kalt, nur immer auf dem Sprung, und die Worte reichten bei ihr ohnehin meist nur fürs Büro.

Punkt sieben Uhr fünfzehn kamen sie an. Eva kam zuerst herein, in einem viel zu dünnen, grauen Mantel, mit roten Wangen und einer Mütze, die ihr leicht zu groß war. Max zog sie gleich ins Wohnzimmer zu den Spielsachen. Katrin schleppte die große karierte Tasche, Frau Hartwig folgte ihr in dem braunen Wollmantel, den ich von vor zwei Jahren kannte.

Herein, herein, sagte ich und hängte die Mäntel auf. Hände waschen, dann setzen wir uns.

Sebastian, es ist so schön bei euch, sagte Katrin und sah sich staunend im Wohnzimmer um. Jedes Jahr wieder beeindruckend.

Wir geben uns Mühe, antwortete ich betont sachlich. Komplimente zum Haus von einer Frau, der ich oft schon aus Mitleid geholfen hatte, wirkten auf mich immer leicht gönnerhaft jedenfalls kam es mir so vor.

Frau Hartwig umarmte ihre Tochter, tätschelte Johanna die Schulter, und verschwand gleich ins Kinderzimmer, wo die Kinderstimmen schon zu hören waren. Ich hörte sie leise: Zeig dich mal, Maximilian. Dann etwas Flüsterndes, das ich nicht verstand.

Das Abendessen verlief harmonisch. Johanna öffnete den Weißwein, schenkte allen ein, auch Katrin, obwohl die sonst nie trinkt. Die Gespräche waren entspannt: Maxens Weihnachtsfeier, Evas dritte Klasse, ein paar Nachrichten, die keiner verfolgte. Frau Hartwig saß aufrecht, aß mit Bedacht, lobte den Fisch. Eva benahm sich erstaunlich höflich am Tisch, keine Ellbogen, griff nicht über die Teller.

Eva, das machst du gut, sagte Johanna. Du bist eine kleine Dame.

Wir geben uns Mühe, antwortete Katrin mit einem Lachen. Ich bemerkte, dass sie meine Worte wiederholte, sagte aber nichts.

Nach dem Essen verlangte Max seine Geschenke das war wie immer ein Ritual: Alle saßen bei der Tanne, die Geschenke wurden einzeln übergeben, nie alles auf einmal. Johanna holte ihre Pakete unter dem Baum hervor, ich meine. Frau Hartwig brachte die karierte Tasche aus dem Flur und stellte sie an den Weihnachtsbaum.

Max zuerst, sagte sie. Er ist hier zuhause.

Max nahm das Geschenk von Oma, zerriss das Papier (trotz meiner Bitte, es ordentlich aufzumachen) und hielt inne. Ein großer Lego-Technik-Kasten, genau die Serie, die er immer anschwärmen sah, und die ich ihm oft verwehrte, weil er schon mehr als genug hatte. Max schaute Oma an.

Danke, sagte er sehr ernst.

Gern, mein Schatz, sagte Frau Hartwig. Da sind 500 Teile drin, da wirst du lange bauen.

Ich kalkulierte automatisch mit. Eine ordentliche Kiste, nicht billig. Frau Hartwig wusste, was sie da kaufte.

Dann kam Eva dran. Sie holte vorsichtig ein weiches, in Geschenkpapier gewickeltes Paket heraus. Gemächlich wickelte sie es auf, darin war eine Winterjacke. Türkis, Daunen, Kapuze mit Fellbesatz. Dazu, im Beutel, Wildlederstiefel, genau im gleichen Farbton, gefüttert. Echt Wildleder, das sah ich sofort.

Eva hielt die Jacke vor sich, schaute sie an, dann Oma.

Oma, ist das wirklich für mich?

Natürlich, Schatz, sagte Frau Hartwig, strich ihr sanft über die Haare. Probiers mal an.

Eva zog die Jacke an, direkt über das Kleid. Sie passte perfekt. Katrin murmelte etwas, ich verstand es nicht sah aber, dass ihre Augen glänzten.

Wunderschön, flüsterte Eva.

Wunderschön, bekräftigte Frau Hartwig.

Ich stand beim Baum und lächelte. Äußerlich jedenfalls. Innen drin aber sammelte sich ein schwerer Kloß. Die Jacke war richtig gut. Solche Jacken kosten. Und die Stiefel aus echtem Wildleder kosten auch. Mein Kopf rechnete die Summen, ohne dass ich es wollte, wie von allein.

Sehr schöne Geschenke, Frau Hartwig, sagte ich, ehrlich gemeint.

Es freut mich, wenn sie gefallen, antwortete die Schwiegermutter und lächelte Eva an, die ihre Jacke nicht mehr ausziehen wollte.

Danach kamen unsere Geschenke, die Kinder tobten wieder los, dann schlug Johanna Tee vor und Katrin half mir in der Küche. Frau Hartwig blieb im Wohnzimmer, setzte sich erkennbar müde aufs Sofa.

Ich bereitete Tee, richtete die Pralinen an, schnitt den Kuchen. Alles richtig, alles gewohnte Wege. Aber der Gedanke an den Unterschied mit Jacke und Lego wollte nicht verschwinden. Ich dachte darüber nach: Der Lego-Kasten war super, keine Frage, aber Jacke und Stiefel waren eine ganz andere Liga. Preislich und überhaupt.

Katrin schnitt neben mir Zitrone.

Danke dir für alles, sagte sie. Das Essen, die Stimmung einfach toll.

Ist doch selbstverständlich, sagte ich, zögerte. Dann platzte es aus mir heraus: Sag mal, weißt du eigentlich, wie viel die Jacke Mama gekostet hat?

Katrin sah mich an.

Nein, ich hab nicht gefragt. Das hat sie allein entschieden.

Aber ungefähr? Eine Jacke in der Qualität, echte Lederstiefel das ist ganz schön viel.

Sebastian. Sie legte das Messer weg. Warum willst du das wissen?

Es interessiert mich einfach. Max bekommt Lego, Eva bekommt das Doppelte oder Dreifache findest du das nicht ein bisschen schief?

Katrin schaute mich lange still an, dann nahm sie die Zitrone und ging ohne ein Wort zurück ins Wohnzimmer.

Ich blieb allein in der Küche. Der Wasserkocher pfiff. Aus dem Wohnzimmer hörte man Kindergelächter, aus dem Esszimmer Johannas Stimme, leise und ruhig wie immer. Die karierte Tasche der Schwiegermutter stand fast leer im Flur. Fast.

Ich wusste selbst nicht ganz, warum ich es tat. Vielleicht, weil ich wissen wollte, wie es tatsächlich ist ich wollte die Zahlen kennen. Vielleicht auch etwas anderes. Ich nahm den Wasserkocher mit ins Wohnzimmer, stellte ihn ab, holte Kuchen aus der Küche. Als ich am Flur vorbeiging, blieb ich stehen.

Die Tasche stand offen an der Wand.

Ich hörte die Stimmen aus dem Wohnzimmer. Von der Küche aus war nichts zu sehen.

Ich öffnete die Tasche. Drin war ein Portemonnaie, einige Zettel, ein alter Notizblock. In der Seitentasche, gefaltet, zwei Bons vom Einkauf. Ich nahm sie heraus. Einer für den Lego-Kasten der Betrag war wie erwartet. Den anderen entfaltete ich. Schaute auf die Summe.

Ich blieb stehen, Bon in der Hand.

Der Betrag war mehr als dreimal so hoch.

Dreimal so viel, für Jacke und Stiefel. Ich hatte mir gedacht, dass es teuer war, aber so? Frau Hartwig hatte für Eva deutlich mehr ausgegeben als für Max. Für das andere Enkelkind, wenn man ganz ehrlich ist. Aber Max war doch auch ihr Enkel.

Ich steckte die Bons in meine Strickjacke und ging in die Küche, holte den Kuchen, brachte ihn herein.

Alle saßen am Tisch. Frau Hartwig trank Tee, sprach leise mit Johanna. Katrin half Eva endlich in der Garderobe, Max kam vorbei und fragte nach Kuchen.

Ich verteilte Kuchen. Meine Hände funktionierten, mein Kopf arbeitete auf Autopilot.

Die Bons in der Strickjacke.

Ich hätte schweigen können. Sie verstauen, später wegwerfen, vergessen. Erwachsener Mensch, Festtag, lachende Kinder. Es wäre möglich gewesen.

Aber da war dieses Gefühl. Nicht Wut, eher so wie wenn ein Stein im Schuh drückt man will ihn endlich entfernen.

Frau Hartwig?, begann ich ganz ruhig. Ich habe da mal eine Frage.

Sie schaute auf.

Na, dann frag.

Sie haben für Evas Geschenke dreimal so viel ausgegeben wie für Maxens. Ich legte die Bons auf den Tisch, sorgfältig, nicht als Vorwurf, mehr als Tatsache. Ich habe sie in ihrer Tasche gefunden. Hier.

Stille. Weit weg explodierte schon der erste Böller.

Johanna schaute auf die Bons, dann auf mich. Katrin starrte auf ihren Teller. Frau Hartwig blickte ruhig, vielleicht einen Moment traurig.

Ich würde gern wissen, fuhr ich fort, immer noch ruhig, finden Sie das gerecht? Es sind doch beide ihre Enkelkinder.

Papa, sagte Johanna.

Lass mich, Johanna, sagte Frau Hartwig. Sie schaute mich an, ruhig, ohne Wut, einfach klar. Du hast in meiner Tasche gewühlt?

Ich sie war offen.

Aha. Sie nickte. Sie war offen.

Ich will nur, dass es gerecht ist.

Gerecht. Sie stellte ihre Tasse ab. Weißt du was? Max hat Lego bekommen, weil er alles hat, was ein Kind sich wünschen kann. Ich kenn sein Zimmer. Regale voll mit Spielzeug. Was ich auch bringe, ist nur noch ein weiteres Teil in der Sammlung. Ich hab ihm geholt, was er mag und noch nicht besitzt.

Aber das erklärt doch nicht

Und Eva?, fuhr sie ruhig fort. Sie ist hier angekommen in einem Mantel, den sie seit Oktober trägt. Selbst im November. Heute waren es minus zehn Grad und sie hatte denselben an. Katrin würde nie sagen, dass das Geld fehlt du kennst sie. Stolz. Ich habes gesehen und selbst entschieden. Für diese Jacke hab ich ab Juni gespart. Sie sagte es knapp, ohne Tränen. Für meine Tabletten hab ich nicht alles gekauft, was der Arzt für den Blutdruck sagte. Dachte, ich kann etwas warten. So hab ich das Geld zusammenbekommen.

Etwas in mir geriet ins Wanken. Nicht gekippt, nicht gefallen nur verschoben, wie wenn man unter den Füßen Boden verliert.

Für die Medikamente gespart, sagte ich.

Ja. Ich bin eine alte Frau mit Rente, deren Tochter ihr Kind alleine großzieht. Euch Johanna und dir geht es bestens. Max hat alles, was ich ihm geben kann und noch mehr. Was Eva braucht, konnte ich schenken. Das ist keine Frage von Liebe; meine Liebe reicht für beide. Ich frage mich nur, wo ich gebraucht werde.

Katrin saß mit roten Wangen da, ohne den Blick zu heben.

Johanna schob den Teller weg, stand auf, schaute zum Fenster, dann zurück.

Sebastian, sagte sie leise. Etwas in ihrer Stimme ließ Max sofort erstarren.

Johanna, ich wollte doch nur verstehen

Du hast in Mamas Tasche gewühlt.

Sie stand offen.

Du hast ihre Bons genommen. Sie sprach langsam, jedes Wort bedacht. Und du bringst sie heute Abend auf den Tisch. Am Silvesterabend, vor den Kindern.

Die Kinder sind doch nicht hier

Max ist hier. Sie nickte zu unserem Sohn. Ich frage dich: Weißt du, was du getan hast?

Ich wollte Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit. Das Wort klang völlig anders aus ihrem Mund. Du, der du seit fünf Jahren nicht arbeitest, dessen Frau alles zahlt, kaufst dir jeden Monat neue Schuhe, weil sie eben passen. Du holst die Bons meiner Mutter und belehrst sie über Gerechtigkeit.

Das ist was anderes, Johanna.

Ja, etwas anderes aber du weißt schon, in welche Richtung. Sie schwieg. Weißt du, wie es ist, an Medikamenten zu sparen? Hast du je etwas, das du wolltest, nicht gekauft, weil das Geld fehlte?

Ich schwieg.

Mama spart ein halbes Jahr. Katrin arbeitet doppelt, damit es für Eva reicht. Und du erklärst ihnen, was gerecht ist. Je leiser sie sprach, desto schwerer wurde es. Billiger gehts nicht.

Sag das nicht

Das ist die Wahrheit. Sie schaute mich an. Du hast ihr ihren Moment gestohlen. Sechs Monate Vorfreude. Das hast du vor uns allen bloßgestellt. Und wofür? Damit Vaters Jacke weniger kostet als deine neuen Stiefel?

Mir fehlten die Worte. Ich rang, fand keine.

Johanna, nicht vor Mama, bat Katrin leise.

Doch, sagte sie. Gerade jetzt. Sie blickte zur Schwiegermutter. Mama, entschuldige.

Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, antwortete Frau Hartwig. Das ist deine Familie.

Nein das ist unsere Sache. Johanna ging zu ihrer Mutter, nahm ihre Hand, schaute Katrin an. Kommt, ich bestelle ein Taxi. Ihr bleibt heute Nacht bei uns, ich schlafe auf dem Sofa.

Johanna, wollte ich einwerfen.

Doch. Max, komm her zur Mama. Oma geht jetzt, gib ihr noch einen Kuss.

Max, völlig verwirrt, kam zur Oma. Sie drückte ihn ein letztes Mal, griff nach ihrer karierten Tasche. Katrin zog Eva an; das Mädchen spürte die seltsame Stimmung und fragte nichts.

Frau Hartwig, setzte ich im Flur an.

Sebastian, unterbrach sie mich ruhig. Keine Wut, nur Müdigkeit in der Stimme. Du bist klug, du hast ein schönes Zuhause. Ich wünsche dir ein gutes neues Jahr.

Die Tür fiel zu.

Ich stand allein im Flur. Max hielt meine Hand und sagte nichts. Draußen explodierten vereinzelt die ersten Raketen am Horizont.

Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück. Der Tisch war noch gedeckt, Kerzen brannten, der Kuchen war angeschnitten, Wein schimmerte im Glas. Auf der Tischdecke zwei Bons, die ich hingelegt hatte. Ich nahm sie, zerknüllte sie und warf sie in den Mülleimer. Dann blieb ich stehen.

Papa, rief Max. Gehen wir jetzt an die Tanne?

Natürlich, antwortete ich.

Ich setzte mich zu ihm. Max spielte still mit einer Christbaumkugel. Ich goß mir kalten Tee ein, trank ihn so. Vom Kuchen nahm ich nichts.

Das Handy blieb stumm. Keine Nachricht von Johanna.

Ich wartete ein wenig, dann brachte ich Max ins Bett, es war fast elf. Er wehrte sich kaum, seltsam für ihn. Vielleicht spürte auch er die Stimmung.

Ich saß bei ihm, bis er eingeschlafen war. Dann ging ich ins Wohnzimmer, schaute die immer noch brennenden Kerzen an.

Silvester. Kurz vor Mitternacht. Im Kühlschrank stand der Cremant, den Johanna und ich jedes Jahr pünktlich um zwölf öffneten. Ich setzte mich ins Sessel: die Lichter am Baum flackerten.

In meinem Kopf drehte sich nur ein Wort: Gespart seit Juni. Medikamente aufgeschoben.

Ich dachte daran, wie Frau Hartwig mit der S-Bahn, zweimal umsteigen, hergekommen war. Dass Eva drei Monate im dünnen Mantel durch den Winter lief. Dass Katrin nicht um Hilfe gebeten hatte, weil sie eben so ist. Und dass Frau Hartwig von sich aus nichts sagte, nicht einmal andeutete, bis ich sie dazu zwang indem ich die Bons auf den Tisch legte, ganz als ob mir jemand etwas schuldig sei.

Ich dachte an meine Stiefel im Flur. Echt Leder. Gekauft vor einem Monat, weil sie einfach passten zum Mantel. Gleiches Modell wie Evas Stiefel, nur eine andere Farbe.

Das Handy piepte. Jemand von den alten Freunden Glückwunsch und Sprachnachricht, Gelächter, Hintergrundmusik, Partygeräusche.

Von Johanna nichts.

Ich legte das Handy hin. Die Uhr zeigte vier vor zwölf. Das Geknalle draußen nahm zu, als wäre da eine andere Welt.

Ich holte den Cremant aus dem Kühlschrank, öffnete alleine, so wie ichs kann, mit einem Geschirrtuch, damit der Korken nicht durch die Gegend flog. Goss mir ein Glas ein, stellte die Flasche auf den Tisch.

Ein Glas, nur für mich.

Ich stand am Fenster, blickte über die Elbe auf die funkelnden Lichter, auf die Raketen aus verschiedenen Stadtteilen.

Mitternacht. Neues Jahr.

Ich probierte vom Cremant. Wirklich gut. Teuer, wie alles hier. Ich hatte alles sorgsam ausgewählt. Den Parkett, den Baum im Topf, das Leinentuch, das Silberbesteck. Ich konnte Dinge aussuchen, konnte Wohnung schön machen.

Aber Johanna stand wahrscheinlich gerade in der alten Wohnung ihrer Mutter, irgendwo am Stadtrand bei den Katzen, und sah ebenfalls aus dem Fenster. Oder schlief schon auf der Couch.

Ich leerte mein Glas, stellte es auf das Fensterbrett.

Im Kopf nur dieser unangenehme, drückende Gedanke wie ein kleiner Stein, den man endlich herausnimmt. Doch die Schmerzen waren nicht weg, sie sind nur klarer geworden.

Ich griff zum Handy, schrieb Johanna nur ein Wort: Entschuldige.

Ich wartete.

Nichts.

Draußen leuchtete Hamburg. Max schlief im Zimmer, umgeben von Spielzeug bis unter die Decke. Irgendwo anders schlief Eva bestimmt in ihrer neuen Jacke am Bett und wusste nichts von den Bons und den Worten am Kaffeetisch. Sie schlief, wie ein neunjähriges Kind schläft, das endlich nicht mehr friert.

Ich stand im Schatten. Die letzten Kerzen erloschen am Baum, nur das Lichterkettenspiel zuckte noch im Raum.

Ich dachte an das einzig wichtige Wort, das ich geschrieben hatte. Entschuldige. War das genug? Reicht ein einzelnes Wort, wenn man den stillen Moment eines anderen gestohlen hat?

Ich konnte die Frage nicht beantworten. Ich konnte Zahlen vergleichen, aber nicht das, was von einem aufgedeckten Geheimnis bleibt, das nie mehr zurückgenommen werden kann.

Das Handy blieb still.

Ich räumte ab. Spülte das Geschirr, packte Reste in Boxen, schaltete das Licht aus. Ging ins Schlafzimmer, legte mich auf meine Seite. Die andere Seite war leer, kühl.

Draußen krachte es immer noch, doch langsam wurde es ruhiger wie Gespräche, wenn genügend gesagt wurde.

Ich lag da, dachte daran, dass morgen der 1. Januar war. Irgendwie musste man da ansetzen, was jetzt war nicht Wohnung, nicht Kühlschrank, sondern das, was man getan und gesagt hatte, wie Johanna mich nun sah, und dass ich so lange nur darauf achtete, wie es von außen aussieht.

Das Handy leuchtete. Ich griff zu, hielt die Luft an.

Johanna schrieb zwei Worte: Schlaf erstmal.

Kein Ich verzeihe. Kein Ich hab dich lieb. Kein Komm bald nach Hause.

Schlaf erstmal.

Ich legte das Handy weg. Schloß die Augen.

Schlaf erstmal. Das konnte alles bedeuten. Oder nichts. Ich wusste es nicht. Offenbar wusste ich vieles nicht. Zum Beispiel, dass Frau Hartwig ein halbes Jahr an Medikamenten sparte. Oder dass Katrin nie bat, weil sie das einfach nicht kann und niemandem etwas schuldig sein möchte. Und dass Johanna alles wusste und schwieg, solange es möglich war.

Ich dachte daran, schlief aber nicht ein.

Hamburg war draußen zur Ruhe gekommen. Das neue Jahr hatte begonnen. Es war draußen, kalt und echt, und ich musste mich darin erst zurechtfinden.

Vorerst lag ich da, in der dunklen Wohnung, im schönen Haus und dachte an zwei Bons, die längst zerknüllt im Müll lagen, aber mich nicht losließen, als könnte Papier das bewahren, was man selbst lieber vergessen würde.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Fass meine Tasche nicht an – das ist meine Privatsache!
— Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Als Alla Stepanowna den eingestürzten Zaun sah, liefen ihr bittere Tränen übers Gesicht. Schon oft hatte sie ihn mit Brettern gestützt und morsche Pfosten repariert, immer hoffend, dass die Einfriedung hält, bis sie von ihrer kleinen Rente genug gespart hatte. Aber das Schicksal wollte es anders – der Zaun gab nach. Zehn Jahre stemmte Alla das Gehöft alleine, seit ihr geliebter Mann Peter Andreas verstorben war. Peter war ein Mann mit goldenen Händen, ein Alleskönner und Meister seines Fachs. Solange er lebte, musste Oma Alla sich um nichts sorgen. Im Dorf schätzten ihn alle für seine Güte und Arbeitseifer. Ihr gemeinsames Glück dauerte 40 erlebnisreiche Jahre, nur einen Tag fehlte zum Jubiläum. Ein gepflegtes Haus, üppige Ernte im Garten, ordentliches Vieh – all das war das Resultat gemeinsamer Mühe. Die beiden hatten nur einen Sohn – Egor, ihr Stolz und ihre Freude. Von klein auf war er fleißig und musste nie zum Helfen gedrängt werden. Kam die Mutter erschöpft vom Hof zurück, hatte Egor bereits Holz geholt, Wasser getragen, die Stube geheizt und das Vieh versorgt. Wenn Peter von der Arbeit kam, wusch er sich und rauchte auf der Veranda, während seine Frau das Abendessen kochte. Abends saß die Familie zusammen, tauschte Neuigkeiten aus – sie waren glücklich. Die Zeit verging, Erinnerungen blieben. Egor wurde groß, verließ die Eltern, zog in die große Stadt, machte Karriere, heiratete die Stadtpflanze Ludmilla. Das Paar ließ sich in Berlin nieder. Anfangs kam Egor im Urlaub zu Besuch, später überredete ihn seine Frau, die Ferien im Ausland zu verbringen – so wurde es Tradition. Peter verstand das nie und war enttäuscht: — Wo ist Egor denn so erschöpft? Ludmilla macht ihm den Kopf weich. Wozu diese Reisen? Vater war traurig, Mutter sehnte sich, aber was blieb ihnen außer Warten auf ein Lebenszeichen? Schließlich erkrankte Peter schwer. Er verweigerte das Essen, wurde zusehends schwächer. Die Ärzte verschrieben Medikamente, schickten ihn dann aber nach Hause. Im Frühjahr, als der Wald lebendig wurde und die Nachtigallen sangen, ist Peter eingeschlafen. Egor kam zur Beerdigung, weinte heftig und machte sich Vorwürfe. Er verbrachte eine Woche im Elternhaus, dann fuhr er zurück. In zehn Jahren schrieb er nur dreimal Briefe an seine Mutter. Alla blieb allein zurück und verkaufte Kuh und Schafe an die Nachbarn. Wozu noch Vieh? Die Kuh stand lange am Hof und hörte, wie die alte Bäuerin herzzerreißend weinte. Alla schloss sich in die hinterste Kammer ein, hielt sich die Ohren zu und weinte. Ohne Männerhände verfiel das Anwesen langsam. Das Dach leckte, das Holz auf der Veranda war morsch, der Keller wurde überschwemmt. Oma Alla tat ihr Bestes und sparte von der Rente für Handwerker, manchmal schaffte sie es sogar selbst – sie war auf dem Land aufgewachsen. So lebte sie, kämpfte ums Überleben, bis neues Unglück hereinbrach: Ihre Sehkraft verschlechterte sich rapide. Im Dorfladen erkannte sie die Preisschilder kaum. Nach ein paar Monaten sah sie das Geschäftsschild gar nicht mehr. Die Gemeindeschwester bestand auf einem Klinikbesuch. — Frau Alla, wollen Sie erblinden? Nach einer OP kommt Ihr Augenlicht zurück! Doch die alte Frau fürchtete einen Eingriff und lehnte ab. Nach einem Jahr war sie fast blind – sie störte sich kaum daran. — Wozu brauche ich Licht? Fernsehen kann ich eh nur noch hören. Die Nachrichten versteh ich auch so. Zuhause erledige ich alles aus dem Gedächtnis. Manchmal sorgte sie sich aber: Im Dorf waren fragwürdige Leute unterwegs, Diebe drangen in leerstehende Häuser ein, stahlen was sie fanden. Alla hätte gern einen guten Hund gehabt, der unerwünschte Gäste abschreckt. Sie fragte den Jäger Simon: — Simon, weißt du, ob der Förster Welpen hat? Nur ein kleines – ich zieh es groß! Simon, der lokale Jäger, blickte sie neugierig an: — Oma Alla, wozu einen Welpen vom Husky? Die sind für den Wald! Ich bringe Ihnen eine echte Schäferhündin aus der Stadt! — Die ist bestimmt teuer … — Nicht teurer als Ihr Geld, Oma Alla. — Na gut, bring’s mit. Alla zählte ihre Spargroschen, glaubte, es reicht für einen guten Hund. Doch Simon war unzuverlässig, schob seine Zusage immer weiter hinaus. Oma Alla schimpfte auf seine leeren Worte, aber tief drin tat er ihr leid. Er war ein armes Luder – ohne Familie, ohne Kinder. Alkohol war sein einziger Trost. Simon, im gleichen Alter wie Egor, blieb im Dorf. Er fühlte sich in der Stadt nicht wohl. Seine große Leidenschaft war die Jagd, für die er tagelang in die Wälder zog. Außerhalb der Saison übernahm Simon verschiedene Arbeiten – Gärten umgraben, Holzarbeiten, Technik reparieren. Was er bei den alten Damen verdiente, trank er sofort weg. Nach jedem Saufgelage verschwand Simon im Wald – angeschwollen, krank und reumütig. Nach ein paar Tagen kam er mit reichen Fundstücken zurück: Pilze, Beeren, Fisch, Pinienzapfen. Er verkaufte alles für ein paar Euro und versoff den Rest wieder. Der Trinker half auch Oma Alla für Lohn im Haushalt. Und jetzt, da der Zaun eingestürzt war, musste sie ihn wieder fragen. — Mit dem Hund wird es wohl noch dauern, — seufzte Alla. — Das Geld kommt erstmal für den Zaun drauf. Simon kam nicht mit leeren Händen. Neben Werkzeug bewegte sich etwas im Rucksack. Er lächelte und rief Oma Alla: — Schauen Sie mal, was ich mitgebracht habe! — Er öffnete den Rucksack. Die alte Frau tastete eine flauschige, kleine Kopf. — Simon, echt, ein Welpe? — staunte sie. — Der Beste vom Besten! Voller Schäferhund, Oma. Das Kleine quiekte und wollte aus dem Rucksack. Alla bekam Panik: — Ich habe ja gar nicht genug Geld! Nur für den Zaun! — Zurückbringen kann ich ihn nicht mehr, Oma Alla! — Simon widersprach. — Wissen Sie, wie viel Tausend ich für den Hund bezahlt habe? Was tun? Alla lief zum Laden, die Verkäuferin gab ihr fünf Flaschen Korn auf Kredit und schrieb ihren Namen ins Schuldbuch. Bis zum Abend war der Zaun fertig. Oma Alla kochte ein ordentliches Mittagessen, schenkte Simon ein Schnäpschen ein. Angeschickert sinnierte der Trinker am Küchentisch, während das Welpenbündel sich neben dem Ofen zusammenrollte. — Zweimal täglich füttern, einen starken Strick besorgen – dann wird er kräftig und gesund. Ich kenn mich aus mit Hunden. So bekam Alla einen Mitbewohner: Tasso. Die alte Frau mochte ihn und er war ihr treu. Jedes Mal, wenn Alla in den Garten ging, sprang Tasso begeistert herum, wollte ihr das Gesicht ablecken. Nur eins sorgte für Zweifel – der Hund wuchs zu einer Größe wie ein Kalb, aber lernte nicht zu bellen. Das enttäuschte Alla. — Ach, Simon! Ach, du Schlawiner! Was hast du mir da für einen Taugenichts verkauft? Aber was tun, so ein gutherziges Tier konnte man nicht wegjagen. Er musste nicht bellen. Die Nachbarshunde trauten sich nicht zu bellen bei Tasso, der in drei Monaten bis zur Taille von der Herrin reichte. Eines Tages kam Matthias, der Jäger, ins Dorf, um Vorräte einzukaufen. Bald begann wieder die Jagdsaison, wo die Männer Wochen im Wald verschwanden. Als er an Allas Haus vorbeilief, blieb er plötzlich stehen, als er Tasso sah. — Oma, Hallo! — rief Matthias. — Wer hat Ihnen erlaubt, einen Wolf im Dorf zu halten? Alla legte erschrocken die Hände an die Brust. — Herrje! Wie dumm war ich! Dieser Simon hat mich betrogen! Ein reinrassiger Schäferhund, hat er gesagt … Matthias sprach ernst: — Oma, den müssen Sie in den Wald lassen. Sonst passiert noch ein Unglück. Der Greisin traten Tränen in die Augen. Wie weh tat es, sich von Tasso zu trennen! Ein lieber, sanfter Kerl, und doch ein Wolf. In letzter Zeit war er unruhig, zerrte an der Kette, wollte in die Freiheit. Die Dorfbewohner fürchteten ihn. Es blieb keine Wahl. Matthias brachte den Wolf in die Wälder. Tasso wedelte mit dem Schwanz und verschwand zwischen den Bäumen. Niemand sah ihn je wieder. Alla trauerte um ihren Liebling und verfluchte den hinterlistigen Simon. Auch Simon bereute es, denn er hatte Gutes im Sinn. Bei einem Waldgang war er auf Bärenspuren gestoßen, hörte Winseln. Erst wollte er weiter, denn wo Bärenkinder sind, ist auch die Bärenmutter. Doch das Geräusch passte nicht zu einem Bär. Im Unterholz lag eine tote Wölfin, umher – ihre gerissene Welpen. Ein Bär hatte das Lager überfallen. Nur ein kleiner blieb, versteckt im Bau. Simon bekam Mitleid und nahm das Waisenkind mit. Dann übergab er ihn an Alla, in der Hoffnung, der Wolf würde später in den Wald zurückkehren und er fände einen richtigen Hund für sie. Doch Matthias machte alles zunichte. Mehrere Tage tigerte Simon um das Haus, traute sich nicht hinein. Es war mitten im Winter, Alla heizte den Ofen um nachts nicht zu erfrieren. Plötzlich klopfte es. Die alte Frau eilte zur Tür. Ein Mann stand draußen. — Guten Abend, Oma. Darf ich übernachten? Ich wollte ins Nachbardorf und habe mich verirrt. — Wie heißt du, Schatz? Ich sehe schlecht. — Boris. Alla runzelte die Stirn. — Bei uns gibt’s keinen Boris … — Ich bin nicht von hier, Oma. Habe erst neulich ein Haus gekauft, wollte es anschauen, aber das Auto ist steckengeblieben. Musste zu Fuß gehen, jetzt der Schneesturm! — Hast du das Haus vom verstorbenen Daniel gekauft? Der Mann nickte. — Genau. Alla ließ den Fremden herein, stellte den Wasserkocher auf. Sie bemerkte nicht, wie er gierig den alten Küchenschrank musterte, wo Dörfler Geld und Schmuck aufbewahren. Als die Oma am Herd beschäftigt war, begann der Besucher zu stöbern. Sie hörte das Knarren der Schranktür. — Was suchst du da, Boris? — Da war doch die Währungsreform! Ich helfe, alte Geldscheine zu entsorgen. Die Greisin runzelte die Stirn. — Unsinn! Es gab keine Reform! Wer bist du?! Der Mann zog ein Messer und hielt es ihr ans Kinn. — Ruhe, Oma! Her mit Geld, Gold, Essen! Alla packte das Entsetzen. Vor ihr stand ein Verbrecher, der vor der Polizei floh. Ihr Schicksal schien besiegelt… In diesem Moment sprang die Tür auf. Ein riesiger Wolf stürzte herein und fiel den Räuber an. Der schrie, doch ein dicker Schal rettete ihn vor dem Biss. Mit dem Messer verletzte er den Wolf an der Schulter. Tasso wich zur Seite, was dem Dieb die Flucht ermöglichte. Gerade ging Simon vorbei, wollte sich bei Alla entschuldigen. Am heimischen Zaun sah er, wie ein Mann mit Messer fluchend davonrannte. Simon stürmte zu Alla, fand dort den blutenden Tasso. Er begriff sofort und rannte zum Dorfpolizisten. Der Räuber wurde gefasst und kam erneut ins Gefängnis. Tasso wurde zum Dorfhelden. Die Leute brachten ihm Futter und grüßten ihn. Der Wolf war nicht mehr angebunden, durfte frei leben. Aber er kehrte immer zurück zu Oma Alla, kam mit Simon von den Jagdausflügen heim. Eines Tages sahen sie einen schwarzen SUV vorm Haus. Im Hof hackte jemand Holz – es war Allas Sohn Egor. Als er den alten Freund erblickte, breitete er die Arme aus. Abends saßen alle am Tisch, Alla strahlte vor Glück. Egor überredete sie, für die Augenoperation in die Stadt zu kommen. — Na gut, — seufzte die alte Frau, — im Sommer kommt der Enkel, den will ich sehen. Simon, kümmer dich um Haus und Tasso, ja? Simon nickte. Tasso legte sich zufrieden am Ofen nieder, sein Platz war bei den Freunden. Abonniert unsere Seite, damit ihr keine neuen spannenden Geschichten verpasst! Lasst eure Meinungen und Emotionen in den Kommentaren, unterstützt uns mit Likes.