Glück nach eigenen Vorstellungen – Das Leben auf den eigenen Wegen genießen

Glück zu eigenen Bedingungen

Ich werde heiraten, flüsterte Anneli, und ihr Blick glitt an den schrägen Mustern der Wohnzimmerdecke entlang. Über den Tisch hinweg, an dem ihre Eltern wie aus Stein geschnitzt saßen, zuckte das Licht einer altmodischen Stehlampe, als müsse es gleich erlöschen. Keine große Feier, nur im engen Familienkreis, und ich habe schon alles entschieden. Ich informiere euch bloß, eure Meinung ist… nicht gefragt.

Ihre Eltern bewegten sich nicht, als hätte man sie mit feinem, regennassem Ton modelliert. Wie konnte es so weit kommen? Anneli, ihre stets richtige, brave Tochter, die doch nie auffällig gewesen war, traf einfach so milde gesagt eine törichte Entscheidung. In den Augen der Mutter schwammen Sorgen, schwer und bitter wie Blei, gemischt mit einem Anflug von tiefer Enttäuschung. Die Frau suchte nach dem Riss, der in den letzten achtzehn Jahren durch ihre Erziehung ging war es die falsche Uhrzeit für Gute-Nacht-Geschichten gewesen, oder vielleicht die Wahl des Gymnasiums…?

Weißt du überhaupt, was du tust? grollte der Vater endlich, die Stimme dumpf und entfernt, als käme sie durch eine Wasserleitung aus dem Keller. Du bist gerade mal achtzehn, Anneli! Erst im ersten Semester an der Hochschule…

Annelis Augen waren groß und klar. Sie wusste, dieser Moment käme, war bereit, keine Sekunde würde sie weichen oder schluchzend bitten. Sie war erwachsen, durfte wählen, war doch schon so manches Mal nachts allein durch München gegangen.

Ich liebe ihn, Papa, die Kehle kratzte, die Brust war ein einziger gelber Knoten. Es ist kein flüchtiges Gefühl. Ich bin mir ganz sicher!

Liebe, mein Schatz, begann die Mutter leise, aber ihre Stimme gewann an Klarheit, wie ein Löffel, der Ringe in eine Tasse schlägt. Liebe baut keinen Dachstuhl und kocht kein Abendessen. Liebe zahlt keine Stromrechnung und kauft keinen Frieden. Du weißt nicht, wie das Leben außerhalb dieser Wohnung wirklich aussieht.

Anneli schluckte, spürte, wie ein Sturm in ihr aufstieg, den sie nur mühsam bändigen konnte. Sie wusste, ihre Mutter sprach aus Sorge, nicht aus Bosheit, trotzdem brannten ihre Worte wie scharfes Senföl auf der Haut.

Das werde ich alles schon rausfinden. Zusammen, Schritt für Schritt.

Der Vater lächelte schief, ohne jede Wärme.

Zusammen, murmelte er, und in diesem Wort lag so viel Ironie wie in den großen Uhren der Bahnhöfe, die nie richtig gehen. Hast du gesehen, wie er dich anschaut? Wie ein Junge aufs Märklin-Modellhaus. Erst will er’s haben, dann bleibt’s in der Ecke liegen.

In Anneli kochte Wut und Kränkung auf wie Milch, die zu lange auf der Herdplatte stand.

Du kennst ihn nicht! ihre Stimme zitterte. Ihr wollt mich nicht verstehen.

Ihre Mutter stand langsam auf, trat leise näher und legte Anneli behutsam die Hand auf die Schulter. Das Gefühl war wie das von frischer, warmer Butter auf einem Sonntagsbrötchen. Plötzlich war alles leichter; für diesen Moment schien alles gut.

Wir wollen dich beschützen, sagte die Mutter eindringlich. Für später, für das, was kommt. In einem Jahr, in fünf… Bist du bereit?

Annelis Finger krallten sich in ihre Handflächen. Der Schmerz, so real wie der Beton am Isarufer, half ihr, klar zu bleiben.

Ich bin bereit, murmelte sie, blickte ihrer Mutter in die Augen. Es gibt kein Zurück.

***

Die Hochzeit war leise, unsichtbar fast, im Februarregen tanzten die Tropfen auf dem Fensterbrett. Aber im Morgengrau fuhren drei Postautos vor. Ein Strauß weißer Lilien, noch von silbrigen Tautropfen befeuchtet, wurden gebracht und ein Umschlag darin eine Karte: Sei glücklich. Wir sind da, wenn du uns brauchst. Und dazu lag eine girocard, aufgeladen mit einer für Anneli unvorstellbar großen Summe in Euro. Sie hielt den Zettel lange in den Händen, die Fingerspitzen wurden kalt und warm zugleich. Irgendwann legte sie den Brief zu den Kinobons, alten Fotos und Kindheitserinnerungen in Omas Spanschachtel zwischen bunte Wachsmalereien und die ersten Briefe von Moritz, dem, den sie nun geheiratet hatte. Nächte kam sie manchmal, holte den Zettel hervor, las die vertraute Handschrift und fühlte sich geschützt, als würde ein warmer Mantel um sie gelegt.

Anfangs war ihr Leben ein Glückstraum seltsam und bunt, alles zerfloß und flatterte, wie Seidenbänder im Wind. Moritz kam immer mit Wildblumen von der Donauwiese, überraschte Anneli mit kleinen Botschaften, Zimtschnecken oder Kaffee. Am Morgen kitzelte er sie wach, abends kochten sie zusammen Linseneintopf oder Pellkartoffeln, tanzten barfuß durch die winzige Wohnung, deren Wände vom Duft gemeinsamer Geschichten durchdrungen waren. Überall im Raum standen Erinnerungen: Kinokarten, ein schiefes Regal, das bei jedem Windstoß leise wackelte, die Quittungen vom Möbelhaus, über die sie sich totgelacht hatten. Anneli fühlte sich erwachsen, berauscht vom Gefühl der eigenen Entscheidungsfreiheit, wie nach zwei Gläsern Frankenwein.

Um zu beweisen, dass sie unabhängig war, schmiss sie das Studium und ließ sich in einer Boutique am Marienplatz anstellen. Lange Schichten, nervige Kunden, ständiges Lächeln trotz müder Beine Anneli sparte jeden Cent, suchte die besten Angebote und freute sich, wenn sie Moritz mit neuen bunten Socken oder einem Hemd zum Geburtstag überraschen konnte.

Wie ein surreales Spinnennetz begannen die Schatten des Alltags langsam über ihre Wohnung zu kriechen: Stromrechnungen, Mietschulden, das ewige Karussell um saubere Wäsche und leere Kühlschränke. Moritz Lächeln wurde flüchtig wie der verschwimmende Rand von Traumfiguren seine Witze endeten in kurz angebundenem Schweigen. Abende waren nun graue Fernsehstunden zwischen Krimiserien und piependen Werbeunterbrechungen.

Und dann, fast wie aus Nebeldunst, kam Johannes zur Welt. Winzig und runzlig, mit geballten Fäustchen, die manchmal etwas Unsichtbares im Raum zu greifen versuchten den Wind, das Licht, ihre Träume. Als Anneli ihr Söhnchen das erste Mal hielt, wurde ihr Herz so voll, dass sie atmen musste wie nach einem Marathon. Jeder Blick auf die kleinen Zehen, das faltige Stupsnäschen, der geöffnete Mund war wie der erste sanfte Schnee im Spätherbst: neu, schön und fremd zugleich.

Moritz erfuhr von der Schwangerschaft und reagierte wie ein Mann, dessen Gedanken unhörbar wurden: ein leises, hasenhaftes Nicken, als wäre er nur Zaungast der Szene. Die ersten Wochen nach der Geburt verhielt er sich wie ein Zauberlehrling, der Angst hat, die Kreide zu zerbrechen. Er nahm Johannes selten auf den Arm, lächelte mechanisch. Anneli redete sich ein, dass Männer einfach ungeschickte Väter seien dass alles besser werden würde, wenn sie nur Geduld hätte.

Doch die Zeit veränderte nichts. Moritz blieb fern, half weder beim Windelwechsel noch beim Einschläfern. Sein Blick auf Anneli und Johannes war ab und an wie ein plötzliches Sommergewitter: in den tieferen Schichten seiner Augen blitzte etwas auf, was Anneli nicht einordnen konnte. Wut, Langeweile, Unsicherheit sie wusste es nicht.

Eines Abends, der Fernseher glühte matt im Hintergrund, schlief Johannes endlich, Moritz stand schweigend an der Wiege, betrachtete den Jungen so lange, bis sich die Minuten zu dehnen begannen.

Er sieht dir ähnlich, murmelte Moritz schließlich, ohne sich umzudrehen. Augen, Nase, die Grübchen von mir nichts.

Anneli lächelte, ließ ihre Hand durch die feinen Babyhaare gleiten.

Natürlich. Wir sind eine Familie, sagte sie. Doch Moritz schwieg, starrte aus dem Fenster. Draußen verschwammen die Münchner Lichter im Regen, irgendwo war ein Hund zu hören, aber keiner griff ein.

Immer eintöniger wurde ihr Alltag. Moritz, der sich in einer Handelsfirma durch die mittleren Ebenen kämpfte, stand jeden Morgen im Zwielicht auf, kam spät, sprach kaum noch. Beim Abendessen wechselten sie leise Sätze wie Grußformeln, und nach dem Essen zog er sich vor den flimmernden Fernseher zurück, wo er oft einschlief. Anneli wurschtelte zwischen Job und Kind hin und her, holte Johannes bei der Nachbarin ab Frau Hilde, nebenan, die noch zwei Enkel bei sich hatte und Johanns freundlicherweise beaufsichtigte , machte Essen, wusch Wäsche, räumte auf. Manchmal blieb abends keine Kraft mehr, selbst zu duschen; der Schlaf holte sie wie ein plötzliches Versinken in eine andere Welt.

Trotzdem jammerte Anneli nicht. Irgendwo hielt sie sich an die Hoffnung, bald würde wieder alles werden wie zu Beginn dass Moritz sie wieder neckte und Blumen brachte, dass ihr kleines Glücksreich bestehen bliebe.

Eines Abends kamen Moritz Freunde, vier Männer aus der Nachbarschaft, laut, lachend, mit Bier und Chips. Anneli mochte solche Abende nicht: Im Nu war die kleine Wohnung laut, eng anderen Stimmen, fremdes Lachen, Gespräche, die ihren Kosmos störten. Sie zog sich ins Schlafzimmer zurück, schloss die Tür fast ganz. Müdigkeit drehte sich durch ihre Gedanken wie ein Kreisel, Durst kratzte im Hals. Nach einer Weile schlich sie Richtung Küche. Kein Geräusch sollte sie verraten.

Im Wohnzimmer wurde gelacht, Gläser klirrten. Anneli goß sich Wasser ein doch ein Wort ließ sie am Türrahmen verharren.

und dann merkt er, dass das Kind gar nicht seins ist, sondern von ihrem Ex, erzählte Alex, Moritz Kollege, seine Glatze glänzte im Halbdunkel.

Annelis Rücken wurde eisig.

Und? fragte jemand.

Klar, Scheidung! Wer will so ein Theater? Alex Ton war fest, fast zynisch.

Da war Moritz Stimme, überraschend ruhig, fast als spreche er über Briefmarken:

Ich hab nach der Geburt einen DNA-Test gemacht. Habs genau wissen wollen.

Anneli spürte, wie Nebel durch ihren Brustkorb kroch. Die Wände schienen näher zu rücken.

Echt? machte Alex. Und? Was kam raus?

Johannes ist meiner, knurrte Moritz. War aber auch kein Grund zur Freude. Ein Kind ist kein Matchbox-Auto. Es schreit, kostet Geld… Und meine Frau? Die nervt. Aber die Wohnung die geb ich nicht her. Also ertrage ichs halt…

Jeder Satz von Moritz war ein neuer Schnitt in ihre Haut. Fliehen, alles vergessen … doch ihre Füße waren wie festgeklebt.

Dann mach Schluss, was will sie denn beweisen? höhnte jemand.

Mal sehen, Moritz sprach weiter wie ein Bürohengst, der das nächste Projekt verwaltet. Da ist eine Neue im Büro, die hat mehr Pep. Wenn ichs klug anstelle, geht Anneli leer aus. Sie hat eh wenig verdient, alles hab ich bezahlt.

Anneli schloss für einen Moment die Augen, tastete geistesabwesend nach ihrem Handy und schob eine Aufnahme im Hintergrund mit besser Beweise als nur Verdacht.

… und sie ist so korrekt, stichelte plötzlich Moritz. Alles ordentlich, alles geplant … Langweilig. Die Kollegin ist lebendig, lustig. Da passiert wenigstens was.

Lachen, Flaschenklirren, dann bröckelten die Stimmen.

Anneli ließ langsam die Tür zufallen, stoppte die Aufnahme. Ihr Herz raste, der Schädel glühte. Die Worte überschlugen sich: DNA-Test… Leid… Neue Kollegin… Mit der ruhigen Klarheit des Erwachens nach einem Regen im Traum stand sie auf, packte eine Tasche mit dem Notigsten.

Annelis Blick streifte nochmals das schlafende Kind, spürte Zärtlichkeit, aber auch den wilden Schmerz einer frischen Wunde. Sie küsste Johannes Stirn, atmete den Duft seiner Haare ein.

Wir schaffen das, Kleiner, raunte sie und fühlte einen Rest von Mut, der sie zusammenschweißte.

Sie wickelte Johannes in eine Wolldecke, er murmelte leise, aber wachte nicht auf, und schlüpfte aus der Wohnung. Die Tür fiel hinter ihr zu wie das Klicken einer alten Standuhr, die ein Kapitel beendet. Draußen regnete es genau wie an jenem Oktobertag damals, als sie ihre Eltern von der Hochzeit unterrichtete. Es war ein Kreis, der sich schloss.

Sie zog das Handy aus der Tasche und wählte Mamas Nummer.

Mama… darf ich bei euch bleiben? Ihre Stimme brach fast, aber sie hielt sich zurück, wollte nicht weinen.

Natürlich, mein Schatz. Komm heim, erwiderte die Mutter sofort, kein Hauch Irritation, als hätte sie längst auf diesen Anruf gewartet.

Ihr Vater brachte wortlos eine verklebte Kiste aus dem Keller alte Spielsachen von Anneli. Die Mutter hatte längst frische Bettwäsche in das ehemalige Kinderzimmer gelegt, stellte Tee und Butterkekse bereit wie früher, als Anneli weinend von der Schule nach Hause kam.

Sie saß am Esstisch, die Hände um die warme Tasse Europas gedrückt, und ließ die Tränen einfach laufen. Sie wollte sie nicht stoppen, war erleichtert, dass jemand sie ansah und wusste, wie man Trost verteilt.

Ich war so dumm, hauchte sie, betrachtete dämpfenden Tee.

Nein, ihre Mutter griff nach ihrer Schulter. Du warst verliebt. Das ist noch mal was anderes.

***

Bald darauf ging Anneli zu einer Anwältin. Sie hatte alles bereitgelegt: Kontoauszüge, die bewiesen, dass das meiste Geld ihres war, den Nachweis ihrer Arbeitsstunden, und die Audiodatei des Abends. Die Anwältin hörte aufmerksam zu, nickte. Sehr gutes Material. Wir holen, was Ihnen zusteht. Sie haben Anspruch auf Unterhalt, Anteil an der Wohnung und vielleicht eine Entschädigung.

Wenige Tage später rief Moritz an seine Stimme klang angespannt, fassungslos, als habe Anneli eine neue Schachregel erfunden.

Was soll das? Komm zurück, das ist doch Unsinn.

Kein Unsinn, sagte sie ruhig, während sie tief Luft holte. Ich weiß, was du gesagt hast. Das ist nicht mehr meine Welt.

Ach, das war doch im Affekt, so redet man doch unter Freunden…

Ich habe genug gehört.

Es wurde still.

Na warte! Dann halt Gericht. Du kriegst nichts!

Wir werden sehen, sagte sie und legte auf.

Der Regen sang auf den Scheiben. Diesmal aber war Anneli nicht traurig der Regen war wie ein Reinigungsritual. In ihr wuchs neue Sicherheit.

Das Verfahren zog sich über drei Monate. Moritz kämpfte um jeden Punkt Unterhaltszahlungen, Eigentum, alles wurde zerpflückt. Er brachte Zeugen, wollte Anneli als schlechte Mutter darstellen, jammerte über finanzielle Sorgen. Doch die Aufnahme, abgespeichert in ihrem Handy, veränderte alles. Sie wurde im Sitzungssaal wiederholt abgespielt für einen Moment war es totenstill, als hätten selbst Aktenordner das Zuhören gelernt.

Die Richterin, eine ältere Frau mit müden, klugen Augen und monotoner Stimme, stellte gezielte Fragen. Sie überprüfte Dokumente, ließ die Zeugen noch einmal vorsprechen und lief sogar ein zweites Mal durch die Aufnahme.

Sie sagen, das Kind ist Ihres, aber Sie wollen keine Verantwortung übernehmen? fragte sie Moritz, leicht den Kopf neigend. Sie sagten auch, Sie wollten Ihre Frau leer ausgehen lassen?

Moritz schien plötzlich kleiner geworden, suchte in den Schlitzen seiner Bügelfalten nach Worten.

Ich… Ich meinte das nicht so, nuschelte er. Das war ein blödes Gespräch unter Männern.

Am Ende sprach die Richterin das Urteil: Moritz musste Unterhalt zahlen, die Wohnung wurde zugunsten Annelis aufgeteilt 80 Prozent des Kapitals war nachweislich ihr.

Vor der Tür rief Moritz: Dafür wirst du zahlen!

Anneli blieb stehen, sah ihn nur kurz an.

Ich zahle schon lange genug, sagte sie leise.

***

Anneli und Johannes starteten langsam neu in dieses seltsame Traumleben. Johannes lernte laufen, zählte bis zwanzig, erzählte Geschichten aus dem Kindergarten, sang bayerische Volkslieder und warf sich morgens in Annelis Arme: Mama, ich hab dich lieb! Diese drei Worte wurden Annelis tägliche Vitaminspritze gegen Zweifel.

Sie arbeitete viel, wurde abends erschöpft, besuchte abends einen Kurs für Rechnungswesen und übte, bis sie die Zeilen nicht mehr auseinanderhalten konnte. Nach einem Jahr bekam sie eine gute Stelle in einer Steuerkanzlei das Team freundlich, das Gehalt solide. Sie lernte, Budgets zu machen, sparte auf Vorräte und baute eine neue Stabilität auf.

Zwei Jahre nach dem Scheidungstraum traf sie Moritz zwischen Mehl und Bio-Pasta im Supermarkt. Er war gealtert, Falten zeichneten sein Gesicht, seine Schultern hingen müde über dem Einkaufswagen.

Hallo, sagte er, trat einen unsicheren Schritt näher.

Hallo, Anneli packte Spaghetti, bog um die Ecke zur Kasse.

Er folgte ihr, die Stimme vorsichtig:

Wie geht es Johannes?

Gut. Er ist glücklich. Schwimmt im Kurs, lernt lesen.

Moritz rang um Worte:

Darf ich… ihn sehen? Ich meine, ich weiß, ich habe Fehler gemacht, aber ich… es ist mein Sohn. Vielleicht… könnte ich…

Nach zwei Jahren? Anneli blickte ihn an. Es geht, aber es sind meine Regeln.

Moritz nickte, schaute Anneli nun zum ersten Mal direkt an.

Ich bin bereit, und diesmal klang seine Stimme leiser, ernster.

Willst du wirklich ein Vater für ihn sein, mehr als ein Foto einmal im Monat?

Ich dachte zuerst, ich müsste dir und mir etwas beweisen. Aber… Johannes kann nichts für unsere Geschichte. Er verdient es, einen echten Vater zu haben.

Anneli sah ihn lange an. Sie dachte an die Stille, die Johannes nie nach seinem Vater hatte fragen lassen wie sehr sich in der neuen Welt alles um eigene Entscheidungen drehte. Nun stand da ein anderer Moritz, aus einem anderen Traum.

Ich werde dir nichts verbieten. Aber nur, wenn du es ernst meinst. Wenn du verschwindest, schließt sich diese Tür für immer.

Ich weiß. Gib mir die Chance, Anneli. Ich will es versuchen.

Sie vereinbarten einen Park-Termin. Anneli redete am Abend mit Johannes:

Du hast mal nach deinem Papa gefragt…

Johannes spielte mit seinem Holzflugzeug.

Wieso ist er nicht gekommen?

Anneli zögerte, fand aber Worte: Erwachsene sind manchmal unsicher und brauchen Zeit. Doch jetzt möchte er es versuchen.

Johannes kaute auf seinen Lippen.

Was, wenn er weggeht?

Anneli nahm beide seine Hände. Dann bleiben wir zusammen. Aber wollen wir ihm eine Chance geben damit wir später nicht bereuen es nicht versucht zu haben?

Johannes nickte langsam.

***

Am Tag darauf kamen sie vor Moritz im Park an. Johannes hielt Annelis Hand, blinzelte ins Licht, als könne er gleich wegfliegen. Moritz kam, blieb stehen, beugte sich hinunter.

Hallo, sagte er. Ich bin dein Papa.

Johannes sprach nicht, aber als Anneli lächelte, lockerte sich etwas in seinem Gesicht.

Schau, mein Flugzeug! sagte Johannes plötzlich, reichte Moritz das Holzspielzeug. Der versuchte, es starten zu lassen, aber es klappte nicht sie lachten. Die Barriere begann zu schmelzen.

Ich mochte auch Flugzeuge, grinste Moritz. Ich hab immer gesucht, wo sie landen.

Ich kann bis fünfzehn zählen! Soll ich?

Bitte!

Im Park rollte das Leben. Auf der Wiese, im Karussell, mit Eis und Geschichten. Johannes wurde offener Kannst du Sandburgen bauen? Kommst du auf den Spielplatz? Ja, das konnte und wollte Moritz.

Mit jeder Woche wurde ihre Routine echter. Mal im Park, mal zu Hause. Sie bauten Lego, aßen Schokoladeneis. Anneli hörte zu, spürte, dass zwischen Vater und Sohn eine neue, helle Linie durch ihr Traumleben zog.

***

Nach einem Monat rief Moritz an, die Stimme ungewohnt:

Danke. Es ist wichtiger als ich dachte.

Für Johannes auf jeden Fall, sagte Anneli. Und für dich?

Für mich auch. Ich dachte, ich brauche das nicht aber… doch.

Anneli glaubte ihm nicht blind. Doch Johannes veränderte sich. Er sprühte vor Geschichten Papa sagt, wir gehen in den Zoo!, Papa bringt mir das Fahrradfahren bei. Lachen und Sicherheit breiteten sich langsam in der Wohnung aus.

Eines Abends fragte Anneli beim Ins-Bett-Bringen:

Magst du die Zeit mit Papa?

Ja! Er ist lustig und hat mir das Bindeband gezeigt.

Bist du glücklich?

Ja! Und du?

Anneli zögerte, sah auf das Bild neben Johanns Bett: Ein Haus, Sonne, drei Figuren schlicht, aber voll Wärme.

Ja, ich bin glücklich.

Das Glück, das man sich nicht aussucht, kommt oft auf schrägen Wegen.

***

Ein halbes Jahr ging vorbei. Moritz rief regelmäßig an, war zuverlässig. Ihre Beziehung blieb freundlich, aber zurückhaltend jeder hatte seine Rolle gefunden. Eines Tages schlug Moritz einen Restaurantbesuch vor Anneli zögerte, aber Johannes Strahlen ließ sie zustimmen.

Im Lokal war Moritz ganz fürsorglich, erzählte Geschichten, orderte Pizza und Schokomousse, und Johannes lachte lauter als je zuvor. Auf der Rückfahrt schlief Johannes im Auto ein, und Moritz sagte zu Anneli:

Ich habe viel nachgedacht. Über dich, uns. Ich weiß, ich habe Fehler gemacht… Danke, dass du mich Vater sein lässt. Ich… ich bereue alles, was damals war.

Die Vergangenheit ist Schnee von gestern, lächelte Anneli, blickte Johannes an. Zählen wir das, was jetzt ist.

Moritz nickte, tief dankbar. Sie wurden kein Paar mehr. Aber sie fanden ihren Umgang, als Freunde und Eltern. Johannes wurde größer, ging zur Schule, Anneli baute ihre Karriere auf. Moritz spielte weiter die Vaterrolle, und an stillen Abenden, wenn Johannes schlief, wusste Anneli: Glück taucht oft da auf, wo der Plan längst in Stücke gegangen ist. Echtes Glück hat viele Formen und wenn es Wurzeln schlägt, hält es Stürme aus.

Und genau das war ihr Glück. Ganz eigen, ein bisschen seltsam und wunderschön.

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Homy
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