Die brütenden Hennen

Tagebucheintrag

Sie sind unerträglich, Lieselotte! Mit Ihnen kann man sich einfach nicht vernünftig unterhalten! Das sind doch wirklich ganz einfache Dinge, und trotzdem verstehen Sie nicht einmal das! Ihre Denkweise erinnert mich an eine Glucke! Wie soll das gut ausgehen?!

Und Sie Sie!

Hildegard drückte ihren Geldbeutel fester in der Hand und runzelte die Stirn. Viel weiter kam sie allerdings nicht, denn obwohl sie Tränen in so einem Moment oder gar gegenüber Lieselotte auf keinen Fall zulassen wollte gesellten sie sich dennoch dazu. Hastig drehte sie sich weg, in der Hoffnung, dass ihre zukünftige Schwippschwägerin ihren plötzlichen Gefühlsausbruch nicht bemerken würde. Doch Lieselotte hatte die Schwäche längst registriert und triumphierte spitz:

Aha, da sieht man es! Ich hatte recht! Sonst würden Sie doch jetzt nicht weinen! Ach, Hilde, wozu das alles? Unsere Kinder schenken uns bald das größte Glück!

Der schneeweiße Kinderwagen, an dessen Griff Lieselotte sich festklammerte, war tatsächlich wunderschön. Auch Hildegard gefiel das Schmuckstück mit den glänzenden Rädern anfangs sehr. Doch ihre Tochter bat sie darum, auf die Praxistauglichkeit zu achten und in Anbetracht der milden Winter und der ständigen Matschzeit in München, passte Lieselottes bevorzugtes Modell absolut nicht zu den Gegebenheiten. Praktisch war dieser Traum in Weiß jedenfalls nicht.

Was weinen Sie jetzt wieder? Lieselotte ließ genervte Töne durchklingen. Es ist doch bloß ein Kinderwagen! Wenn wir mal darüber entscheiden müssen, ob unsere Enkelin in einen Tanzkurs oder zur Musikschule soll, dann könnnen wir wirklich diskutieren! Mein Gott, Hilde, wie kann man denn so empfindlich sein? Und Ihre Tochter ist auch so das sag ich Ihnen! Mein Paul hat es nicht leicht. Die hat ihre ganze Schwangerschaft lang geheult, vielleicht kommen daher all die Probleme! Ich hab in meiner Zeit nicht so geweint, als ich mit meinem Sohn schwanger war!

Lieselotte stockte, als sie die Tränen in Hildegards Augen sah. Doch Hilde wischte sich die Tropfen weg, atmete tief durch und sah ihrer Gegenüber fest in die Augen.

Jetzt reicht es! fauchte sie Lieselotte direkt an. Genug! Sie haben uns alle lang genug verrückt gemacht. Machen Sie Platz! Hildegard schob demonstrativ den Kinderwagen beiseite. Jule wird schon wissen, welchen Wagen sie braucht. Ich zahle das und Sie brauchen gar nicht erst gefragt werden! Eine Glucke? Meinetwegen! Aber Sie… Sie sind keine richtige Frau sondern eine Furie!

Mit schnellen Schritten ging Hildegard zur Tür des Babyfachhandels und drehte sich dort noch einmal um:

Macht dich das nicht selbst krank, Lieselotte? Immer diese Überzeugung, dass nur du weißt, was richtig ist? Du bist wie ein Panzer, der alles niederwalzt, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Ruf mich nicht mehr an! Meine Nerven halten das nicht mehr aus. Es reicht!

Hildegard stieß die Tür auf und wäre auf den schlüpfrigen Stufen fast ausgerutscht.

Verdammt nochmal! fluchte sie vor sich hin, nicht sicher, ob sie damit nun den bayerischen Winter, der entgegen allen Prognosen ausgerechnet jetzt seinen Anspruch durchsetzte, oder doch Lieselotte meinte.

Das nagende Gefühl, vielleicht zu heftig reagiert zu haben, war Hildegard mehr als vertraut. Auf dem Parkplatz stand sie bereits kurz davor, umzudrehen, um sich zu entschuldigen und die kaputte Beziehung irgendwie zu kitten doch sie hielt sich zurück.

Wie oft schon? Fast drei Jahre kannten sie sich jetzt und seitdem fühlte sie sich permanent schuldig weswegen eigentlich? Sie sprach nicht richtig, sie sah nicht richtig, sie benahm sich falsch bei Tisch oder unter Leuten, sie hatte ihre Tochter nicht passend erzogen Hildegard hatte viel ertragen, immer im Wissen, dass sie Lieselotte nicht ändern würde. Charakter wandelt man nicht das weiß jeder. Und ändern kann sich nur der, der das will. Doch Lieselotte hatte zu keinem Zeitpunkt vor, sich zu ändern. Sie war zufrieden mit allem und lebte, wie sie es für richtig hielt. Manchmal, ganz heimlich, beneidete Hildegard sie ein bisschen darum. Einfach zu leben, ohne täglich darüber nachzudenken, was andere wohl denken könnten und in dem Glauben, dass die Welt sich um sie drehe das konnte Hilde selbst nie.

Sie hatte ihre Tochter allein großgezogen. Ihr Mann, Thomas, war ein wundervoller Mensch gewesen, und jedes Mal wenn sie an ihn dachte, verboten ihre Gedanken ihr, sich auszumalen, was hätte sein können, wäre er noch am Leben.

Dass Thomas ein Herzleiden hatte, war Hildegard längst klar gewesen. Er hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, schon seit dem ersten Semester an der LMU München. Die ruhige, zurückhaltende Hilla wie sie damals genannt wurde war für den ganzen Jahrgang eine Art gute Seele. Und zwar recht unauffällig. Thomas mochte sie sofort, wagte sich aber nie an sie heran, weil er sie regelmäßig in Begleitung eines großen, schönen jungen Mannes sah, der sie bis zur Uni brachte. Dass das ihr Cousin war, den die Familie gebeten hatte, auf sie aufzupassen, wusste Thomas nicht. Eines Tages, als er ebendiesen Verehrer mit einer anderen Frau sah, wurde ihm heiß und kalt und er stellte ihn mutig zur Rede:

Was machst du da? Und was ist mit Hilla? Ist das fair gegenüber ihr?

Markus, Hildas Cousin, verstand anfangs gar nicht, was das sollte. Aber dann lachte er:

Ach, jetzt verstehe ich! Du bist ein Romantiker! Hättest du längst fragen können, wer ich für Hilla bin. Sie ist wie eine Schwester, und unsere Mütter sind ebenfalls Schwestern. Sie wohnt bei uns, damit jemand auf sie aufpassen kann. Gefällt sie dir?

Sehr! gab Thomas ehrlich zu.

Dann sag es ihr doch! Was wartest du?

Ist das so einfach?

Warum kompliziert? Das Leben ist sowieso zu kurz.

Ob er das scherzhaft meinte oder nicht, seine Worte waren prophetisch. Für Hildegard und Thomas gab das Glück nur sechs gemeinsame Jahre…

In dieser Zeit heirateten sie, bekamen eine Tochter und wurden ein Herz und eine Seele. Als das Schicksal Hildegards bessere Hälfte nahm, wusste sie: Jetzt würde sie nur noch halb leben ein Teil ihrer Seele ging mit Thomas. Sie konnte sich nie vorstellen, dass jemand anderes in ihr Leben treten würde. Sie widmete sich ganz der Tochter. Jule war für sie der Lichtblick, der ihr das Weitergehen ermöglichte. Hilde hatte kein Recht, aus Trauer stehenzubleiben. Sie kümmerte sich rührend um ihre Schwiegereltern, die nach dem Verlust ihres einzigen Sohnes rasch abbauten, und setzte alles daran, dass Jule ein glückliches, geliebtes Kind wurde.

Mein Papa ist ein Engel! Aber ich habe zwei Omas, zwei Opas und Mama! Ich bin glücklich! tönte die kleine Jule stolz im Kindergarten.

Später, als sie älter wurde, sprach sie nicht mehr vom Vater als Engel, aber sie war sich sicher, dass er über sie wachte.

Natürlich ist er bei dir nickte Hildegard jedes Mal. Er hat dich doch über alles geliebt

Jule wuchs mit der Überzeugung auf Liebe regiert die Welt! Was denn sonst? Wer geliebt wird, atmet tiefer und die Welt ist bunter. Wird man mit bösem Blick angesehen oder schlecht behandelt, bleichen die Farben, das Leben verfärbt sich ins Graue, die Freude schwindet und das Gemüt leidet. Jule, wie ihre Mutter, wollte nie zurückschlagen. Nicht aus Unvermögen, sondern aus echtem Glauben daran, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckt und man dieses nur finden muss, um das Gegenüber von einer neuen, freundlichen Seite zu entdecken. Diese Theorie testete sie unermüdlich, und jedes Mal war sie überrascht. Die nörgelnde Nachbarin erzählte fröhlich von ihrem Dackel, sobald Jule sie anlächelte. Der Straßenkehrer, der scheinbar alle hasste, brummte: Grüß Gott!, und begrüßte bald auch andere Passanten. Und selbst Jules Mitstudenten, zumeist nur auf ihr Handy konzentriert, hielten bei ihrem freundlichen Hallo! kurz inne.

Deshalb stand für sie auch nie zur Debatte, was sie einmal werden wollte natürlich Psychologin! Sie besaß einen natürlichen Zugang zu Menschen und hörte wirklich zu, weil sie interessiert war ein unschätzbarer Vorteil.

Schon während des Studiums engagierte sie sich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge und fand schließlich ihre Berufung sie wurde Notfallseelsorgerin.

Ihren Mann, Paul, lernte Jule bei einem Einsatz kennen. Während sie am Rettungswagen wartete, legte ihr ein junger Mann der einfach vorbeiging spontan seine Jacke um.

Ach, das ist doch nicht nötig! Sonst frieren Sie noch! meinte Jule verlegentlich.

Mich hat meine Mutter abgehärtet. Und ihre Nase ist schon ganz blau, so kalt ist es! scherzte er. Bleiben Sie hier, ich bin gleich zurück!

Paul war schneller wieder da, als Jule Zeit hatte, seinen Namen zu erfragen. Er drückte ihr einen Kaffeebecher in die Hand, nahm die Jacke zurück und bat völlig offen:

Darf ich Ihre Nummer haben?

Mit einem Filzstift schrieb Jule sie ihm kurzerhand auf die Handfläche.

Wir sehen uns!

Nach einem halben Jahr war beiden klar: Sie können nicht mehr ohneeinander. Paul stellte seine Jule seiner Mutter vor.

Das erste Treffen mit Lieselotte war beeindruckend. Wochenlang hatte sie sich auf das Kennenlernen vorbereitet. Sie hatte alle Phasen durch Leugnen, Feilschen, Akzeptieren und doch akzeptierte sie innerlich nicht, dass ihr geliebter Paul plötzlich erwachsen war und nun heiraten wollte!

Am Tag vor dem Treffen war Lieselotte beim Friseur, bei der Maniküre, und die halbe Stadt wusste Bescheid immerhin war Paul ihr einziger Sohn!

Muss man sich da wirklich einmischen? fragte die Nageltante Rita, während sie ihr die Nägel lackierte.

Rita, verschone mich und meine Nerven! schnaubte Lieselotte. Dein Fritz ist dreimal verheiratet und alle Schwiegertöchter findest du furchtbar! Das muss ich mir doch nicht antun! Soll ich diese Dirne etwa mit offenen Armen empfangen? Ich kenne sie doch gar nicht!

Lerne sie erst einmal kennen… murmelte Rita beleidigt.

Doch Lieselotte war überzeugt: Diese Schwiegertochter würde sie nicht mögen.

Vermutlich deshalb lehnte sie Pauls Vorschlag ab, in ein Restaurant zu gehen.

Nein, Paul! Nur bei uns zu Hause. Sie soll gleich sehen, welche Familie sie erwartet!

Lieselotte hatte allen Grund, sich zu präsentieren: der Opa Professor, die Großmutter Museendirektorin und der Vater Regisseur eines renommierten Münchner Theaters.

Der Tisch war prachtvoll gedeckt. Lieselotte verstand zu kochen und war Meisterin im Servieren.

Doch wie groß war ihre Überraschung, als Jule ganz selbstverständlich mit dem Besteck umging, und jedes ihrer Gerichte charmant würdigte.

Großartig! Es schmeckt fantastisch! Sie kochen sehr gut! lächelte Jule, und Lieselotte wusste nicht, ob sie sich über diese Gelassenheit bewundern oder ärgern solle.

Warum ist dieses Mädchen nicht schüchtern? Wieso sitzt sie da mit solcher Selbstverständlichkeit und verwechselt nicht mal das Fischmesser mit dem Vorspeisenmesser?

Jule, von wem wurden Sie eigentlich erzogen?

Von meiner Mutter.

Die hat sicher ihr Leben dafür geopfert, oder?

Ja, so könnte man sagen. Sie hat sehr viel gearbeitet, aber jede freie Minute mit mir verbracht.

Was macht Ihre Mutter beruflich?

Zahnärztin.

Verstehe. Na, das ist ein ehrenwerter Beruf.

Lieselotte konnte Ärzte ohnehin nicht leiden und begegnete ihnen nur im Notfall.

Den Rest des Abends versuchte sie mit aller Macht, Jule zu provozieren aber ohne Erfolg.

Am Abend, nachdem das junge Paar gegangen war, klagte sie ihrem Mann:

Die ist wie eine Statue! Kein Stück von uns! Wo hat Paul die bloß gefunden?

Was regst du dich so auf? Sie haben dich einfach vor vollendete Tatsachen gestellt, verstehst du?

Und was soll ich jetzt machen? Muss ich jetzt wirklich damit leben?

Genau so, mein Schatz. Und hör auf, dich wie eine Glucke zu benehmen. Unser Sohn braucht dich nicht mehr rund um die Uhr. Erinnerst du dich an den Hund, den er aus dem Tierheim mitgebracht hat? Du hast ihn gelassen, aber nie Putzlappen oder Hundeleine in die Hand genommen. Seine Verantwortung. Und beim Heiraten ist es auch so. Lass die Jungen machen. Die sind vernünftig.

Lieselotte wusste selbst nicht, wieso sie Jule so misstraute. Doch das Herz tat weh, und der Gedanke, dass ihr Paul bald endgültig in sein eigenes Leben segeln würde, war schwer zu verkraften.

Bei der Hochzeit gab sie sich alle Mühe Make-up, Frisur, neues Kleid und Schuhe, selbstverständlich dem Anlass entsprechend. Aber ihre Laune war auf dem Nullpunkt. Heimlich vergoss sie ein paar Tränen, ohne den Traum ihres Visagisten zu ruinieren. Ihr Mann sah es und nahm sie in den Arm:

Ach komm, sieh es doch mal so: Wie haben mich meine Eltern damals aufgenommen?

Diese Erinnerung half ihr, sich ein wenig zu beruhigen. Hilfsbereite Schwiegereltern gaben ihr das Gefühl von Familie, nachdem Lieselotte ihr erstes Kind durch einen tragischen Sturz im Winter verloren hatte. Damals halfen ihr die Schwiegereltern sehr und unterstützten sie, ohne Vorwurf.

Mit Paul wurde alles gut. Und Oma war eine verlässliche Stütze.

Vielleicht waren es genau diese Erinnerungen, die Lieselotte schließlich etwas milder werden ließen. Gegenüber der Schwiegertochter war sie toleranter ihre überschüssige Energie richtete sich nun aber gegen Hildegard. Die wiederum brachte sie mit ihrer Gelassenheit immer wieder auf die Palme. Beide spielten ein komisches, unausgesprochenes Wettspiel miteinander; Lieselotte um Überlegenheit bemüht, Hilde um Harmonie. Hilde blieb das Glück ihrer Tochter weiterhin das Wichtigste.

Jule hingegen war glücklich verheiratet. Hildegard tat alles, um Lieselottes Einmischung in die Ehe ihrer Kinder abzufangen und sich mit der schwierigen Schwippschwägerin auseinanderzusetzen, damit Jule und Paul ihre Ruhe hatten.

So hätte es ewig weitergehen können, wäre da nicht die Nachricht gewesen, die Jule und Paul eines Tages strahlend verkündeten.

Ich werde Oma? Paul, ist das wahr? Lieselotte war wie erstarrt. Dann rollte ein missgünstiger Blick zu Hildegard, die ihre Tränen vor Glück gar nicht zurückhalten konnte und Jule umarmte.

Mama, das ist kein Spaß! Wir bekommen ein Baby.

Von nun an wurde das Leben der beiden Schwiegermütter zu einem munteren Wettstreit. Sie versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen und kümmerten sich voller Eifer um die Vorbereitungen zur Ankunft des Enkels.

Ich habe heute so süße Strampler gekauft! Ganz weich! Als Jule klein war, habe ich ihr solche Sachen selbst genäht! In den Achtzigern gab es ja plötzlich so viele tolle Stoffe und es hat mir immer Freude gemacht, etwas für sie zu basteln! Hildegard zeigte die Babykleidung.

Ist das nicht unglückbringend, alles vorher zu kaufen? murrte Lieselotte.

Ach, ich bin nicht abergläubisch. Jule auch nicht. Und nachher hat doch keiner Zeit, Paul ist ständig unterwegs…

Vielleicht haben Sie ja recht schnaufte Lieselotte, und auch ihr Enkelin-Garderobe platzte bald aus allen Nähten. Jule bat schließlich beide, sich etwas zu bremsen.

Leute! Es reicht langsam! lachte sie. Bald haben wir keinen Platz mehr!

Bis eines Tages die Frage nach dem Kinderwagen aufkam. Jule wälzte Kataloge, konnte sich aber nicht entscheiden. Als ihre Gesundheit gegen Ende der Schwangerschaft nachließ, überließ sie die Wahl den Müttern.

Ihr habt das schon erlebt, beide! Nur eine Bitte: Der Wagen muss leicht und einfach zu schieben sein. Paul ist oft auf Dienstreise, ich muss allein rausgehen können.

Ausgerechnet der Kinderwagen wurde schließlich zum letzten Strohhalm in der Beziehung von Hildegard und Lieselotte.

Während sie darauf wartete, dass der Motor ansprang, starrte Hildegard grimmig vor sich hin und schimpfte im Flüsterton auf Lieselotte. Sie wusste selbst nicht, warum sie flüsterte; sie war Streitereien nicht gewohnt und versuchte immer, die Balance in ihren Beziehungen zu halten. Aber Lieselotte war eben ein Trigger, der in ihr die Gefühle zum Überlaufen brachte.

Langsam wandelte sich die erste Wut in Selbstkritik. Was war sie eigentlich für eine Psychologin, wenn sie ihre eigenen Emotionen nicht im Griff hatte? Sie wusste ganz genau, wie Lieselotte tickte da hätte sie souverän bleiben müssen. Wie hatte Thomas immer gesagt? Einen Kopf kann man dem anderen nicht aufsetzen Das hatte sie heute vergessen

Plötzlich klopfte es ans vereiste Autofenster. Draußen stand eine aufgeregte Lieselotte.

Was ist jetzt schon wieder? Hildegard machte keinen Hehl aus ihrer Gereiztheit.

Hilde, Jule bekommt Wehen… keuchte Lieselotte. Paul hat dich nicht erreicht. Hast du das Handy aus?

Hildegard fluchte, kramte in der Tasche und realisierte erst da, welche Nachricht Lieselotte ihr da überbrachte.

Worauf wartest du?! Steig ein!

Komischerweise gehorchte Lieselotte sofort und ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder.

Worauf wartest du?! Fahr los!

Hildegard ließ die Reifen quietschen und verließ mit quietschenden Bremsen den Parkplatz, was Lieselotte erst die Augen zudrücken ließ dann fragte sie:

Sag mal, sind wir eigentlich bescheuert? Sind doch erst die ersten Wehen!

Oh, keine Ahnung! Ich bin so aufgeregt! Hildegard fuhr etwas langsamer, konzentrierte sich auf die Straße. Hoffentlich geht alles gut!

Nicht schwarzmalen! Es wird schon! Lieselotte schloss die Augen, als Hildegard einen Taxifahrer überholte, der ihr missbilligend nachblickte.

Oh Gott, Hilde! Stell dir vor: Wir werden Omas!

Das kleine Mädchen, das einen Tag später das Licht der Welt erblickte, wird von diesen beiden Omas umgarnt und verwöhnt werden. Alles Gute und alle Sturheit ihrer Vorfahrinnen werden sich in ihr vereinen. Sie wird in Liebe baden, beim Spazierengehen in Omas Händen am Isarufer.

Und nur Jule wird ein wissendes Lächeln nicht verbergen können, wenn sie ihrer Tochter zuschaut. Sie kennt die Kraft der Liebe, die aus Streit Versöhnung machen kann und Hoffnung für die Zukunft gibt.

Jule wird mit den Fingern über ihren eigenen Bauch streichen, kurz überlegen, ob sie die nächste Nachricht schon verraten soll, und dann ihrer fröhlichen Truppe nachrufen:

Omas! Nicht zu viel Eis! Und verwöhnt sie nicht zu sehr ich kenne euch doch! Ihr Hühner, ihr Glucken…

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Homy
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