Du, ich muss dir echt was erzählen. Es ist so eine Geschichte von mir, und ich habe da in letzter Zeit viel drüber nachgedacht. Erinnerst du dich noch an meinen alten Kumpel Boris? Eigentlich heißt er jetzt natürlich Bernd, also Bernd Kröger. Der Name passt einfach besser zu der Story hier in Deutschland, weißt du?
Also, Bernd arbeitet in so einem kleinen Maschinenbaubetrieb irgendwo in der Nähe von Bremerhaven, in so einem typischen norddeutschen Ort, und eines Tages muss er seinen Kollegen am Telefondienst vertreten, weil der Kollege ganz plötzlich wegen Familienkram wegmuss. In diesem kleinen Ort gabs zwar Telefone, Post und so alles Nötige, aber Bernd saß jetzt mal allein am Schaltpult mit einem grünlichen Telefon für Ferngespräche, so ganz altmodisch und er zögert erst, daheim anzurufen.
Weißt du, Bernd war schon lange irgendwie beleidigt auf seine Familie. Vor Jahren ist er aus Oldenburg weggegangen, nach einem richtig heftigen Streit mit seinem großen Bruder Alexander. Mit dem konnte er eh nie, und dann war da noch die Schwester Lena, damals war sie noch Schülerin, was sollte er von ihr erwarten? Die älteste, Franziska, hat natürlich auch zu Alexander gehalten damals.
Seine Mutter, Renate, hat ihn immer verwöhnt, immer geholfen, wenn Not am Mann war, hat sich von Alex und Franziska Geld geliehen, aber Bernd dachte stetig, er hat nur bisschen Pech, bald gehts aufwärts und dann zeigt ers allen. Aber du weißt ja, wie das manchmal so läuft das zieht sich dann.
Mit 35 kracht er endgültig mit Alexander zusammen, und Bernd macht Nägel mit Köpfen, zieht nach Norddeutschland ans andere Ende, nach Wilhelmshaven. Seinen Abschluss als Maschinenschlosser hat er nie fertiggemacht, aber immerhin das, was er konnte, hat gereicht, und er hangelte sich in den letzten zehn Jahren von einem Job zum anderen.
Erst hat er seiner Mutter noch geschrieben, aber die Wut blieb, und schließlich ließ er selbst das. Gleichzeitig hat er sie schrecklich vermisst. Renate war für ihn immer so was wie das Zentrum zu ihr wollte er jetzt plötzlich Kontakt, ebenso zur Franziska. Lena blieb in Gedanken immer die Kleine mit den Zöpfen. Um ehrlich zu sein, was zu erzählen hatte er nicht wirklich. Er lebte mit einer Frau, Sabine, in einer Art lockerer Beziehung eher WG-Style, und das in einer kleinen Bude, so typisch Plattenbau-mäßig im Norden.
Geld hatte er schon, aber nie genug, um sich wirklich was Eigenes zu kaufen nicht mal im hohen Norden, und in Wilhelmshaven wollte er eh nie bleiben. Sabine hat das gespürt, die Beziehung lief mehr so in Wellen.
Ihr Sohn war beim Bund und sie selbst nur wegen des Jobs hier. Sabine war immer ehrlich zu ihm: Bernd, du bist ein bisschen kindisch. Es ist schwer mit dir. Er meinte, Wieso das denn? Und sie: Du hast Angst vor Verantwortung. 45 bist du jetzt und hasts immer noch nicht so richtig in den Griff bekommen. Er fängt zwar immer Diskussionen an, weiß aber, dass sie recht hat. Hochzeit? Kinder? Nicht mit Bernd. Auch auf der Arbeit mitziehen ja, aber bloß keinen Extra-Stress.
Jetzt saß er also da, mit dem grünen Fernsprecher vor der Nase. Schiebt Zucker im Tee, ringt sich durch, wählt die vertraute Oldenburger Nummer. Da hebt ein fremder Mann ab.
Hallo?
Guten Tag, äh Wer ist denn da?
Na, wer sind Sie?
Ich hätte gern Frau Renate Kröger gesprochen
Die wohnt hier nicht mehr.
Wie bitte, wo ist sie denn?
Wer sind Sie eigentlich?
Ich bin Bernd, ihr Sohn.
Bernd? Moment mal Stille, dann eine Frauenstimme.
Hi?
Hallo, ich hätte gern Frau Kröger, Renate?
Bernd, bist dus?
Franzi?
Nee, Lena hier.
Lena?! Mensch, hast du dich verändert. Und der Mann eben?
Das ist mein Mann, Klaus.
Du bist jetzt verheiratet?
Klar, und sogar Mama geworden. Und du lebst also noch?
Na klar. Was sollte mir passieren?
Warum hast du nie geschrieben? Wir haben nach dir gesucht, besonders Alex. Mama hat sich irre Sorgen gemacht.
Und ich dachte ach, was schreibt man schon?
Mama hat richtig gelitten, sagt Lena leise.
Und, wo ist sie?
Stille. Bernd spürt sein Herz stolpern. Ist sie tot?
Lebt sie noch, Lena? Sag doch.
Ja, sie lebt. Aber nicht mehr hier Sie ist im Pflegeheim, das St. Michael in Bremen.
Was, Pflegeheim? Ihr habt sie im Heim?
Lena schweigt.
Wieso sagst du nichts? Er ballt Fäuste.
Ich will nicht darüber am Telefon streiten.
Und Alex und Franziska?
Soll ich dir Alexanders Nummer geben?
Nee, ich ruf lieber Franziska an.
Er spürt diese Wut in sich Alex hat immer so getan, als würde er alles für die Familie tun, und am Ende landete die Mutter im Heim.
Bernd ruft Franziska bei der Arbeit an. Er sucht einen ruhigen Moment, im Büro sitzen Frauen, aber er fragt durch.
Franzi, ich bins, Bernd.
Na endlich. Mama hat dich so vermisst. Warum hast du nie geschrieben?
Lief nicht, Franzi Sag mal, warum habt ihr Mama ins Heim gebracht?
Sie war lange krank. Außerdem ist Lena jetzt Mama, Klaus arbeitet viel, und Alex wohnt ja gar nicht mehr in Oldenburg. Wir fahren sie aber regelmäßig besuchen.
Das konntet ihr Mama nicht zuhause lassen?
Hättest du dich drum gekümmert?
Franziskas Ton wird eiskalt: Du willst uns vorschreiben, was richtig ist? Dann komm und hol sie doch ab, Bernd! Kriegst du das auf die Reihe?
Mach ich!, sagt er im Affekt, legt auf und sitzt erstmal da Herz rast.
In der Wohnung sagt er zu Sabine:
Ruf mal den Hausverwalter an, ich nehm die zweite Wohnung. Ich hol meine Mutter hierher.
Sabine so: Aha, du willst plötzlich Verantwortung übernehmen?
Ich hab die Schnauze voll, dass meine Familie sie im Heim gelassen hat. Das geht so nicht.
Sabine trägt still ihr Geschirr in die Küche, sagt nichts.
Hast du was dagegen?
Nein, aber du weißt, was das heißt. Du musst dich um alles kümmern, ich helfe dir nicht. Das ist deine Entscheidung.
Okay, kannst du wenigstens beim Kauf helfen?
Sie nickt wenigstens das.
Drei Monate später hat Bernd einen Kredit bei der Sparkasse bekommen, die zweite Wohnung gekauft, renoviert und alles vorbereitet. Das erste Mal eine eigene Wohnung! Er kommt sich auf einmal richtig erwachsen vor. Er plant den Umzug der Mutter, bucht Zug und Bus nach Bremen das Herz schlägt bis zum Hals.
Die Reise läuft erstaunlich gut, er schläft viel, ist irgendwie aufgeregt. Morgens in Bremen angekommen, lässt er Koffer im Schließfach, nimmt nur das neue Aktenköfferchen mit, will souverän wirken italienische Lederschuhe, helles Mantel, Mütze. Vor dem St. Michael ist alles sauber, ordentlich. Da drin riecht es trotzdem irgendwie nach Einsamkeit.
Alte Männer kommen gleich ins Gespräch, jeder sucht Anschluss. Hier ist es ganz nett, sagt einer, aber Bernd merkt, dass der Mann sich einsam redet.
Mit einem Klopfen zum Empfang, wird er gebeten, die Schuhe auszuziehen die Pantoffeln, die er bekommt, sind alt und abgelaufen. Bernd wartet auf seine Mutter. Er stellt sich das große Wiedersehen vor sie wird weinen vor Freude, er nimmt sie mit. Dann führen sie ihn ins Zimmer. Renate sitzt, den Blick ins Fenster, ganz ruhig.
Als sie sich umdreht, erkennt sie ihn nicht gleich. Blass, faltig, viel älter geworden.
Mama, sagt er leise, setzt sich zu ihr.
Sie schaut lange.
Ich hab schon gegessen, sagt sie plötzlich.
Er lacht, kramt im Beutel, gibt ihr Marzipan aus Bremen.
Sie nimmt es, sieht es gleichgültig an.
Kennst du mich denn gar nicht? Ich bin es, Bernd, dein Sohn.
Sie reagiert kaum, sagt nur: Ich erinnere mich sehr gut.
Er merkt, sie weiß es nicht mehr. Und fängt an zu erzählen von Wilhelmshaven, von seinem Job, von Sabine. Er redet einfach, hält ihre Hand, die so zittrig ist.
Er fragt: Mama, willst du mitkommen? Ich nehm dich mit, alles ist vorbereitet. Sie nickt, sagt irgendwas von Balkon und Mittagessen und bleibt so fern. Dann versucht sie das Marzipan, muss husten, verschluckt sich. Die Schwester kommt, schimpft: Sie darf das nicht essen, sie wird sonst krank.
Bernd erklärt, er wusste von all dem nichts. Die Schwester sagt, alles Nötige sei da Pflege, Nahrung, Maschinen, sie ist schwer krank, das regelt die Familie.
Eine andere Bewohnerin, Frau Claudia, sagt zu ihm: Sie erinnert sich an Sie, manchmal. Sehr liebevoll spricht sie von den vier Kindern, und über Sie spricht sie besonders oft, Herr Kröger. Bernd gehen trotzdem Zweifel durch den Kopf.
In dem Moment merkt er: Es wird nicht funktionieren. Nicht, weil sie ihn nicht mitnehmen lässt, sondern weil er psychisch und praktisch überfordert wäre.
Mama, ich komm morgen nochmal. Beim Hinausgehen hebt Renate plötzlich den Blick: Bernd? Bist du zurückgekommen?
Er fällt auf die Knie, hält ihre Hand.
Ja, Mama. Ich bins. Ich bin wieder da.
Sie tätschelt ihm den Kopf wie früher, und Bernd spürt das alte Geborgensein.
Er bleibt im Heim, wandert durch die Gänge, sieht die anderen alten Leute, und denkt an Mamas ehemaligen Apfelkuchen, an Weihnachten, an Osterfeuer. Ein bisschen zerreißt es sein Herz. Er denkt an die alten Zeiten, als der ganze Mai noch voller Leben und Familienglück war.
Beim zweiten Besuch erkennt sie ihn schon nicht mehr, sitzt in ihrer Welt und lächelt den Mitbewohner an, sagt zu Lena Daria, in welche Klasse gehst du denn?, verwechselt Enkel und Tochter.
Er packt seine Sachen, geht zum Bus, der ihn zum Bahnhof bringt. Bremen wirkt jetzt ganz anders voll, grau, nass, die alten Straßen nicht wiederzuerkennen. In Gedanken verabschiedet er sich von der Stadt, als sein Zug nach Oldenburg fährt.
Am Bahnsteig sieht er plötzlich Franziska. Sie hat sich verändert, steht ohne Mütze im Wind, atmet schwer.
Bernd, warum bist du nicht kurz vorbeigekommen? Lena hat schon von deiner Abfahrt gehört.
Der Zug fährt ein, Franziska nimmt seine Hand: Komm mit uns, bleib noch, sagt sie leise. Alle wollen dich sehen.
Bernd nickt nur. Im Auto sitzt Alex. Auch er ist gealtert, hat Bauch bekommen, begrüßt ihn mit kräftigem Händedruck. Das Eis bricht, sie nehmen ihn auf wie früher.
Bei Franziska zu Hause vergehen die Abende mit Gesprächen. Die Enkel wuseln durchs Haus, es riecht nach Apfel und Zimt im Gästezimmer, Bernd schläft wie ein Stein. Mit Alex repariert er noch am nächsten Morgen das Gartenhäuschen, hilft Lena im Haushalt. Sie gehen alle als Großfamilie am Samstag zur Mutter, und Renate lächelt sie an, mal mehr, mal weniger klar.
Als sie zurück zum Heim gebracht wird und am Fenster steht, hebt sie die Hand, schaut ganz bewusst ein Blick mit Tiefe. Alex sagt: Klar erkennt sie uns. Sie ist schließlich unsere Mutter. Und Bernd weiß, tief drinnen, dass das so stimmt.
Im Zug zurück, Richtung Wilhelmshaven, denkt Bernd: Es war richtig, doch zu kommen. Verantwortung kann er nicht abgeben, und vielleicht ist jetzt ja, wirklich jetzt der Moment, sein Leben anders zu machen.
Du merkst schon, ich hab da viel mitgenommen und ich hoffe, Bernd schaffts auch mit Sabine!




