Amalia ist von uns gegangen Die Söhne kamen aus der Stadt ins Dorf zur Trauerfeier.
Gut, dass sie wenigstens jetzt gekommen sind, tuschelten die Nachbarn. So haben sie die Mutter wenigstens auf ihrem letzten Weg begleitet.
Nach der Trauerfeier packten die Söhne mit ihren Familien, um heimzufahren. Plötzlich trat Tante Hannelore, Amalias Schwester, ein.
Tante Hanni, wir müssen uns auf den Weg machen, begann der älteste Sohn. Das Haus muss abgeschlossen werden. Sie sollten auch fahren.
Wie fahren?!, wunderte sich Amalias Schwester. Ich bin doch hier zu Hause! Für mich gibt es keinen Grund zu gehen.
Alle schauten überrascht zu Hannelore.
***
Rita und Dietmar hatten geheiratet und zogen zu Dietmars Mutter nach Hause.
Die Hochzeit war schlicht. Statt alles für eine Wohnung auszugeben, beschlossen sie, das Ersparte klüger zu verwenden.
Bis zur Hochzeit hatten sie getrennt gewohnt Dietmar mit seiner Mutter, Rita im Studentenwohnheim. Zu Hause hatte Rita nie gelebt, weil ihre Mutter dem Alkohol verfallen war
Von ihrem Vater wusste sie nichts.
Dietmars Mutter beschloss, den beiden etwas Zeit für sich zu geben, nahm Urlaub und fuhr zu ihrer Schwester Amalia aufs Land.
Dort verbrachte sie oft ihre freie Zeit. Amalia war allein: Ihr Mann war verstorben, die beiden Söhne besuchten die Mutter selten, auch Anrufe waren rar.
Einmal im Monat ein kurzer Anruf, falls die Mutter plötzlich Hilfe brauchte. Aber sie hatten ja alle Hände voll zu tun
Amalia war darüber enttäuscht. Warum konnte man seine Mutter nicht wenigstens anrufen?
Um Hilfe bat sie die Söhne ohnehin nicht. Sie machte viel allein, bat notfalls Nachbarn um Unterstützung, und manchmal kam auch der Neffe mit der Schwägerin vorbei.
Dietmar konnte alles. Früher hatte er oft seine Mutter mit der Schwester besucht, doch jetzt war er verheiratet. Wahrscheinlich würde er sich auch seltener melden, wie Amalias eigene Söhne. Die hatten nicht einmal ihre Frauen zur Mutter gebracht. Nur auf der Hochzeit hatte sie die Städterinnen gesehen. Enkel gab es keine hieß es doch, es sei zu früh.
Hanni, du bist da! Meine Schwester! Amalia freute sich herzlich.
Sie verstanden sich prächtig. Von Kindesbeinen an waren sie zusammen gewesen, aber Hannelore war in die Stadt gezogen und heiratete dort. Amalia blieb immer auf dem Dorf. Beide hatten ihre Männer im selben Jahr verloren und nie wieder geheiratet.
Hanni, führ hier den Haushalt ich habe erst in einer Woche Urlaub. Und warum ist Dietmar nicht gekommen? Sie hätten doch mit der jungen Frau zu mir aufs Land kommen können. Oder sind sie in die Flitterwochen ans Meer gefahren?
Nein, sie sparen. Die Hochzeit war schlicht, nur Standesamt, das wars. Ritas Familie gibt es kaum die Mutter ist allein, und das Verhältnis schlecht.
Und? Warum hast du sie nicht mitgenommen?
Ich wollte ihnen Ruhe lassen. Die beiden sollen sich aneinander gewöhnen. Und ich störe nicht. Sollen mal ohne mich einen Monat genießen. Ich hatte schon Angst, er würde gar nicht heiraten! Dreißig Jahre! Gott sei Dank, jetzt ist er unter der Haube. Sollen sie glücklich werden.
Sie haben sich schon gefunden. Was sollen sie jetzt Hochzeitsreise in der Stadt machen Sollen wenigstens mit der jungen Frau mal zu Tante fahren. Ruf an! Das Haus ist groß, alle haben Platz. Und weit zurück ist es ja auch nicht, falls es ihnen nicht gefällt.
Dietmar und Rita kamen dann einen Tag später. Die Tante freute sich. Ihre eigenen Söhne kamen nie.
Wie freue ich mich! Meine eigenen lassen sich ja nie blicken. Egal, wie oft man einlädt. Sie haben ‘Wichtiges zu tun seufzte Amalia.
Rita gefiel es auf dem Dorf. Sie erinnerte sich daran, wie sie früher bei ihrer Oma zu Besuch war. Die war gestorben, da war Rita 15. Danach stand sie auf eigenen Beinen.
Amalia ging arbeiten. Hannelore erholte sich und kochte für alle. Dietmar reparierte den Zaun an der Sauna und besserte das Dach am Schuppen aus. Rita half von früh bis spät im Garten.
Ach lass doch, Rita, den Garten ich habe ja bald Urlaub. Dann kümmer ich mich. Ihr sollt euch erholen.
Ich mache das gern, habe das schon als Kind bei Oma gemacht. Ich liebe die Arbeit draußen. Sie sollen sich erholen.
Der Urlaub verging im Flug. Die Gäste reisten heim, Amalia blieb allein. Es war alles erledigt. Ihr wurde langweilig, abends wurde sie sogar ein bisschen traurig. Sie rief ihren ältesten Sohn an.
Was ist passiert?
Nichts, ich wollte nur hören, wies euch geht. Vielleicht kommt ihr mal zu Besuch?
Nein, keine Zeit. Ruf doch den Jüngeren an, vielleicht ist er nicht doch ans Meer gefahren.
Dasselbe Gespräch mit dem jüngeren Sohn. Sie fuhren ans Meer, für ein paar Tage zur Mutter wollten sie nicht. Na gut. Dietmar hatte wenigstens versprochen, ab und an zu kommen
***
Es vergingen Jahre. Dietmar und Rita kauften sich eine Eigentumswohnung. Sie vergaßen die Tante nicht, kamen oft vorbei, halfen überall mit. Auch ihre Kinder brachten sie mit aufs Land. Manchmal verbrachten die Kinder den ganzen Sommer bei den beiden Omas: Amalia und Hannelore waren inzwischen in Rente.
Amalia durfte ihre eigenen Enkel nie erleben. Der jüngere Sohn hatte zwar einen Sohn, aber der war nicht sein leibliches Kind. Er hatte eine Frau mit Kind geheiratet. Beim älteren Sohn kam ständig die Karriere dazwischen, und irgendwann war es zu spät. So war das eben mit den Kindern. Zeit, die Mutter zu besuchen oder eine Familie zu gründen, hatten sie nie. Einmal in drei, vier Jahren kamen sie und Mütter sollen sich bitteschön freuen, dass sie nicht vergessen werden!
Zum Glück gab es Dietmar, Rita und die Schwester.
So lebten sie, bis Amalia krank wurde. Sie bekam Behandlungen, aber es wurden noch mehr Kosten fällig. Sie rief ihren jüngeren Sohn an und erklärte die ganze Lage.
Ach Mama, du warst dein ganzes Leben nie im Sanatorium, da brauchst du jetzt auch keins mehr! Daheim helfen die eigenen vier Wände am besten. Werd schnell gesund.
Die Kur bezahlten schließlich Dietmar und Rita.
Beide Schwestern wurden ins Sanatorium geschickt damit sich auch die zweite erholen konnte. Zusammen war es ihnen lustiger
Amalia starb vier Jahre später. Die Söhne kamen zur Beerdigung ins Dorf.
Gut, dass sie wenigstens jetzt gekommen sind, flüsterten die Nachbarn. So haben sie die Mutter noch auf ihrem letzten Weg begleitet.
Die Söhne wollten zurück in die Stadt fahren; im Haus waren Tante Hannelore und Dietmars Familie.
Tante Hanni wir müssten Also, wir müssen jetzt wirklich los, begann der ältere Sohn. Haus muss abgeschlossen werden. Sie sollten auch mitfahren.
Wie mitfahren?!, wunderte sich Hannelore. Wir sind doch hier zu Hause!
Alle starrten Hannelore entgeistert an.
Das ist unser Haus!, sagte der jüngere Sohn. Jetzt gehört es uns. Wir werden es verkaufen. Wenn Sie an etwas hängen nehmen Sie es ruhig als Andenken. Eine Vase vielleicht oder ein Service. Wir werfen sowieso alles weg.
Nehmt ihr euch lieber etwas von eurer Mutter. Das Haus hat mir meine Schwester geschenkt, als sie krank wurde. Direkt nach dem Sanatorium.
Sanatorium? Geschenkt? Aber wie? Wir sind doch ihre Söhne!
Jetzt kommt ihr damit? Und wo wart ihr, als Mama krank wurde? Kein einziges Mal wart ihr da. Söhne nennt ihr euch!
Die Söhne fuhren wortlos ab. Gar keine Rechtfertigungen mehr. Jetzt hatten sie niemanden mehr, bei dem sie anklopfen konnten niemanden, den sie noch anrufen konnten
Hannelore zog in Amalias Haus. Die eigene Wohnung vermietete sie und unterstützte die Familie ihres Sohnes. Die kamen regelmäßig und halfen ihr, eine richtige Familie, nur Amalia fehlte
Aber sie blieb immer bei ihnen. In ihrer ErinnerungUnd an langen Sommerabenden, wenn der Wind durchs alte Apfelspalier rauschte, setzte sich Hannelore auf die Bank vor dem Haus und blickte hinaus auf die Felder. Die Kinder von Dietmar und Rita spielten im Garten, lachten und liefen barfuß über das Gras, und manchmal hörte man leise Amalias Lieblingslied aus dem Radio.
Im Sonnenuntergang goss Hannelore die Blumen, die Amalia einst so geliebt hatte. Manchmal spürte sie fast, wie die Schwester neben ihr saß und mit ihr schwieg, vergnügt und still, wie früher, als sie noch klein gewesen waren.
Das Haus blieb erfüllt von Leben, Wärme und Erinnerung. Was einst verloren schien, hatte einen neuen Anfang gefunden und in jedem Lachen, in jeder helfenden Hand, in jedem freundlichen Wort lebte Amalia weiter.
So wurde ihr Haus nie leer; und wo Liebe bleibt, ist niemand wirklich fort.





