Meine Ehe mit David begann vor achtzehn Jahren, in den Schatten des Unmöglichen. Davids ehemalige Frau, Lorelei, verließ ihn und ihre Kinder, um mit einem anderen Mann zu entfliehen. Lorelei und David hatten zwei wundervolle Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Damals waren die Kinder erst drei und vier Jahre alt, als David plötzlich seinen Job verlor. Die Welt in unserer Straße in Hamburg schien sich im Nebel zu verlieren. Lorelei rannte von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch, während David Trost in Bier und Selbstmitleid suchte, von Kneipe zu Kneipe trabte und sein Leid seinen alten Freunden aus Schulzeiten klagte.
In dieser trüben Zeit begann Davids Mann, als ob aus einem Märchen geschrieben, seiner Frau hinterherzuspionieren. Und Lorelei, von Eurosorgen bedrückt und von emotionalen Stürmen erfasst, entschied sich schließlich, Mann und Kinder zurückzulassen, um mit ihrem neuen Partner zusammenzuleben. Die Kinder blieben wie kleine Gestalten, die zwischen Staubwolken im Flur wandern, zurück in einer Wohnung, die von Einsamkeit heimgesucht wurde. Unsere Nachbarn, darunter Frau Schmitt und Herr Schneider, traten aus dem Regen hervor, brachten Brötchen und Suppe, teilten Trost und Wärme.
David aber, gefangen in einem traumhaften Nebel, bemerkte gar nicht, wie seine Welt zerfiel. Erst als die Stimmen der Kinder durch die leere Wohnung hallten, wurde ihm klar, dass Lorelei fort war. Doch es war zu spät die Kinder wurden in ein Kinderheim gebracht, ein altmodisches Gebäude mit Eichenbäumen, wo Träume ein anderes Licht bekamen.
Ich begegnete David als verspielte Gestalt auf einer Hochzeit unseres gemeinsamen Freundes Paul in München. Seine Geschichte griff nach meinem Herz, als hätte jemand einen Schatz im Bayerwald entdeckt. Ich fühlte mich zu ihm gezogen wie zu einem Musikstück aus Kindertagen. Schon bald nach der Feier bot ich an, seine Kinder aus dem Heim zu holen. Obwohl ich selbst nicht Mutter werden konnte, empfand ich für die Kinder eine Liebe, die tief aus einer anderen Welt zu stammen schien. Sie nannten mich Mama Gerlinde, manchmal liebe Mütterchen, und ihre Liebe war wie ein Frühlingstag am Rhein.
Achtzehn Jahre lang ahnten die Kinder nicht, dass ich nicht ihre leibliche Mutter war. Dann tauchte Lorelei auf, aus dem Dunst der Vergangenheit, bereit, ihre Kinder wiederzufinden und ihnen offenbaren, wer sie ist. Der Sohn, Ludwig, nahm die Nachricht auf wie ein stilles Gewässer; für ihn war ich und bin ich die einzige Mutter, ohne Zweifel. Die Tochter, Anneliese, sprühte heller, offener, und entschied sich, Lorelei zu vergeben. Anfangs zögerte ich die Narben vergangener Jahre schienen noch zu bluten. Trotzdem sah ich, dass Lorelei von Schuldgefühlen verfolgt wurde und nun die Brücke zu ihren Kindern wiederaufbauen wollte.
Am Ende begriff ich, dass zwei liebende Mütter wie zwei Sonnen sind, die den Tag erhellen. Ich unterstützte Lorelei dabei, sich mit ihren Kindern zu versöhnen. Muttersein bedeutet nicht nur das Gebären, sondern auch das Aufziehen und das Teilen von Liebe, als sei das Leben selbst ein träumerisches Märchen in der deutschen Nacht.





