Brigitte wählt die Nummer ihres Mannes, während sie auf der harten Holzbank im Wartebereich der Gemeinschaftspraxis sitzt. Draußen tropft der Oktoberregen an das Fenster, und sie spürt, wie ihr Rücken nach dem langen Warten beim Kardiologen schmerzt.
Klaus, holst du mich ab? Ich bin gleich durch, fragt sie mit engem Griff um das Handy.
Eine zu lange Pause durchzieht das Gespräch.
Äh Brigitte… Es geht gerade nicht. Das Auto ist in der Werkstatt. Ging plötzlich nicht mehr, stell dir vor. Musste ganz spontan in die AutoSchmiede bringen.
Wie, kaputt? wundert sich Brigitte. Gestern lief doch noch alles.
Keine Ahnung, irgendein Problem am Motor. Komm doch bitte mit dem Taxi, ich überweise dir das Geld.
In dem Moment hört Brigitte etwas im Hintergrund. Ein helles Lachen, jugendlich, unbeschwert. So lachen nur Mädchen, noch nicht mal dreißig.
Klaus, sie spricht langsam, wer lacht da bei dir?
Was? Ich hör nichts. Verbindung ist wohl schlecht. Ich ruf später zurück!
Er beendet das Gespräch abrupt, als hätte der Hörer ihn verbrannt.
Brigitte sitzt da, starrt auf das dunkle Display. Kälte breitet sich in ihrem Inneren aus. Irgendwas stimmt nicht. Sie ahnt es seit Wochen, schiebt die Gedanken immer weg, fühlt sich lächerlich misstrauisch.
Nach Hause fährt sie mit dem Bus. Auf dem Schoß die Tüte mit Medikamenten. Sechsundvierzig Jahre verheiratet. Sechsundvierzig Jahre macht sie morgens Kaffee, bügelt Hemden, bringt Kinder zur Welt, teilt Armut, Krankheiten, den Tod der Eltern. Kann man mit achtundsechzig plötzlich den Menschen neben sich nicht mehr verstehen?
Am Abend kommt Klaus spät. Er riecht nach fremdem Parfüm. Brigitte nimmt den süßlichen Duft sofort wahr, als er sie, wie immer, zum Gruß auf die Stirn küsst aus Gewohnheit, ohne nachzudenken.
Und? Ist das Auto wieder ganz? fragt sie beim Abendessen.
Ja, ja, alles gut. War nichts Großes, winkt er ab und meidet ihren Blick.
Brigitte stellt ihm einen Teller mit Frikadellen hin, setzt sich ihm gegenüber. Sie schaut, wie er isst, die Serviette benutzt, das Gesicht verzieht die alten Kronen schmerzen. Siebzig ist er im März geworden. Gefeiert wurde im kleinen Familienkreis. Die Kinder hatten einen Aufenthalt in Bad Kissingen geschenkt. Genutzt haben sie ihn nie, Klaus fand immer eine Ausrede.
Und, war die Reparatur teuer? fragt sie scheinbar beiläufig.
Nicht viel. Kleinigkeiten, brummt er, dann schnell: Brigitte, lass uns das Thema Auto lassen. Ich bin müde.
Er verschwindet im Wohnzimmer, schaltet den Fernseher an. Brigitte bleibt allein in der Küche, räumt wie in Trance. In ihrem Kopf nur ein Gedanke: Er lügt. Klaus lügt sie an, das spürt sie bis in die Knochen.
In der Nacht liegt sie wach, lauscht seinem Schnarchen nebenan. Er ist irgendwie fremd geworden. Nervös, gereizt, das Handy verschwindet neuerdings ständig in der Hosentasche, wie bei einem Schuljungen. Manchmal bleibt er ewig weg, angeblich trifft er Freunde. Erst vor Kurzem kaufte er sich eine neue, modische Jacke. Sie wunderte sich, schwieg aber. Vielleicht will er einfach jünger wirken. Spätzünder-Krise, wie die Magazine für Frauen schreiben, die sie im Wartezimmer durchblättert.
Am nächsten Vormittag, als Klaus aus dem Haus ist, öffnet Brigitte die Garage. Der beige Mercedes, den die Kinder ihnen zum vierzigsten Hochzeitstag schenkten, steht da. Damals weinte sie vor Glück. Sie und Klaus träumten ein Leben lang von einem richtigen Auto.
Sie setzt sich ans Steuer, fährt mit der Hand über das Armaturenbrett. Ihr fällt der Kilometerstand auf. Grummelnd stellt sie fest: Letzte gemeinsame Fahrt 123.000 Kilometer. Jetzt zeigt er 128.000. Fünftausend in zwei Wochen? Sie waren doch kaum unterwegs.
Sie öffnet das Handschuhfach. Zwischen Unterlagen findet sie eine Kaugummiverpackung, die keiner von ihnen benutzt. Auf dem Rücksitz entdeckt sie mehrere lange, helle Haare und Hundehaare rotbraun. Sie hatten nie einen Hund.
Angst schnürt ihr die Kehle zu. Brigitte schließt mit zitternden Fingern ab, geht ins Haus und trinkt hastig Wasser. Nein, sie ist nicht verrückt. Das hier ist real. Irgendetwas ist ganz und gar schief.
Abends spricht sie es an.
Klaus, warum hat unser Auto plötzlich so viele Kilometer? Wir sind doch kaum gefahren!
Er hebt nicht einmal den Blick.
Du bildest dir das ein. Wenn man Zeit hat, denkt man sich Sachen aus.
Ich bilde mir nichts ein! Da sind fremde Sachen, Haare, Hundehaare
Brigitte, jetzt übertreib mal nicht, schneidet er ihr scharf das Wort ab. Letzte Woche waren wir bei Annette, erinnerst du? Die hat doch einen Hund, daher die Haare.
Sie verstummt. Ja, bei Annette waren sie. Aber ihr Hund ist schwarz, die Haare waren rotbraun. Brigitte schweigt, sie erkennt wütende Anspannung in seinem Blick. So hat er sie nie angesehen.
Am nächsten Tag ruft Brigitte in der AutoSchmiede an.
Guten Tag, sie bemüht sich um Ruhe, mein Mann war kürzlich zur Reparatur mit einem beigefarbenen Mercedes, Kennzeichen…
Moment, ich schau mal. Wann genau war das?
Vorgestern.
Hm. Haben wir nicht im System. Sicher, dass Sie bei uns waren?
Sie legt auf. Es wird ihr schwarz vor Augen, sie muss sich setzen. Auch das war gelogen mit einer Leichtigkeit, als wäre es Routine.
Klaus steckt das Geld in eine junge Geliebte, durchzuckt es sie. Sie weist den Gedanken erschrocken ab. Er ist doch alt. Siebzig. Eine Geliebte?
Der weibliche Lacher am Telefon, das Parfüm, die Lügen… Ein unerträgliches Bild entsteht.
Am Abend ruft Brigitte ihre Freundin Ingrid an. Seit Gymnasiumszeiten sind sie unzertrennlich.
Ingrid, ich glaube, Klaus betrügt mich, sagt sie leise. Kaum ausgesprochen, laufen Tränen übers Gesicht.
Was?! schnappt Ingrid nach Luft. Brigitte, bist du sicher? Wie kommst du darauf?
Brigitte berichtet alles: die Kilometer, das Haar, das Lachen. Die Lügen.
Kann es sein, überlegt Ingrid nach einer Pause, dass er das Auto heimlich vermietet? Viele machen das, weil sie zusätzlich Geld brauchen.
Brigitte hält inne.
Heimlich vermietet?
Vielleicht dachte er, du erlaubst es nicht. Männer sind wie Kinder.
Oder braucht er das Geld für eine junge Geliebte? Ihr kommen Zeilen aus einem Ratgeber für Ehekrisen im Alter in den Kopf, den sie unlängst gelesen hat.
Ingrid, hilfst du mir, es herauszufinden?
Klar, Brigitte. Zusammen kriegen wir das hin!
Tags darauf bittet sie ihren Enkel Julian vorbei. Der Sechzehnjährige ist technisch begabt.
Julian, sie setzt Tee auf, installierst du mir einen Tracker am Auto? Damit ich sehen kann, wo es steht
Er schaut erstaunt.
Oma, warum?
Ach, ich will das Auto überwachen. Sicher ist sicher.
Er zuckt die Schultern.
Kein Problem! Gibt eine App, da brauchen wir nicht mal extra Hardware.
Eine halbe Stunde später kann Brigitte per Smartphone nicht nur den Standort, sondern auch die letzten Strecken sehen.
Guck, Oma, zeigt Julian, hier sind die Routen eingefärbt. So ist das Auto gestern und vorgestern gefahren.
Brigitte beobachtet die Karte, ihr Herz wird immer schwerer. Überall in der Stadt fährt das Auto herum. Einkaufszentrum, Bahnhof, zur Uni typische Taxistrecken.
Danke, Julian, sie flüstert es kaum hörbar. Danke, mein Junge.
Als er weg ist, sitzt Brigitte mit dem Handy am Fenster. Die Tränen laufen einfach.
Er hat also tatsächlich das Auto heimlich vermietet. Das Geschenk der Kinder, Symbol von vierzig Jahren Ehe, Komplizin seiner Lügen.
Und das Geld? Ging ganz sicher nicht aufs Haushaltskonto. Klaus klagte erst letzte Woche: knapp bei Kasse, Rente reicht hinten und vorn nicht. Aber heimlich vermieten?
Am Abend fährt das Auto wieder los, Ziel: das Café Limonade im neuen Stadtviertel.
Brigitte ruft Ingrid an.
Klaus ist beim Café Limonade. Wollen wir nachsehen?
Zwanzig Minuten später beobachten sie, im Auto geparkt in der Nähe, wie eine junge Frau das Café verlässt. Kaum über zwanzig, Minirock, Lederjacke, lange blonde Haare. Sie steigt in Brigittes Mercedes.
Meine Güte, murmelt Ingrid. Wer mag das sein?
Brigitte bleibt stumm. Sie sieht, wie sich Klaus nähert, einen Blumenstrauß und eine Packung Pralinen in der Hand. Er gibt der Frau die Geschenke, überreicht ihr Geld, küsst sie auf die Wange. Ihr Lachen ist genau das, das Brigitte am Telefon gehört hat.
Komm, lass uns fahren, sagt Ingrid bedrückt. Du musst das nicht sehen.
Doch Brigitte steigt aus, geht direkt auf Klaus zu. Ihr wird schwindlig, doch sie geht weiter. Klaus dreht sich um, sieht sie und wird kreidebleich. Die Frau im Auto starrt sie an, fährt eilig davon. Nun stehen Brigitte und Klaus allein auf dem Parkplatz.
Brigitte… beginnt er.
Nach Hause, sagt sie nur.
Zuhause sitzen sie schweigend im Wohnzimmer. Ingrid ist gegangen.
Brigitte kippt Baldriantropfen. Klaus sitzt zerknittert auf dem Sofa.
Also du vermietest seit wie lange? ihre Stimme bleibt ruhig.
Drei Monate, murmelt er.
Und das Geld?
Er schweigt.
Klaus, wofür? Sie wird lauter.
Na, Kleinigkeiten stammelt er.
Kleinigkeiten? Rosensträuße, Pralinen, Parfüm?
Brigitte, du verstehst das nicht
Nein! Du verstehst es nicht! Du hast UNSER Auto vermietet! Ein Geschenk der Kinder! Heimlich, hinter meinem Rücken für deine deine Junge da!
Sie heißt Lisa! Sie ist 22. Studentin. Sie versteht mich!
Brigitte erstarrt. Dicke Stille breitet sich aus.
Sie versteht und ich, nach 46 Jahren, verstehe nichts?
Du verstehst mich nicht! Ich bin siebzig! Mein Leben ist vorbei, und ich habs verpasst! Immer nur Arbeit, Familie Wo bleibe ich?
Seine Tränen laufen, Brigitte sieht ihn an, als wäre er ein fremder Mann.
Und das gibt dir das Recht, mich zu betrügen? Ihr Blick ist kalt. Schlafst du mit ihr?
Er nickt.
Brigitte schlägt die Hände vors Gesicht. Zorn, Verzweiflung, alles gleichzeitig.
Ich hatte Angst vor dem Altwerden, gesteht Klaus leise. Vor Krankheit, Abhängigkeit. Mit Lisa fühl ich mich lebendig. Ich habe das Auto vermietet, damit ich sie einladen und beschenken kann. Junge Frauen wollen Geschenke.
Ich verstehe. Dass du ein Egoist bist, verstehe ich jetzt. Ich habe meine besten Jahre dir gegeben: Kinder, Notzeiten, Sorgen, Suppe aus Resten gekocht, Hemden gebügelt, Nacht für Nacht. Ich war immer da für dich. Und du? Du gibst unser Geschenk für eine, die unsere Enkelin sein könnte, her. Du betrügst nicht nur mich du bestiehlst deine Familie.
Sie steht am Fenster, draußen geht die Laterne an, der Regen beginnt wieder.
Ich dachte, Untreue im Alter gibt es nicht. Ich dachte, unsere Ehe ist fest. Nun weiß ich: Trennung im Alter ist möglich. Und Betrug innerhalb der Familie. All das, wovon ich nie glaubte, dass es uns betrifft jetzt ist es da.
Brigitte, bitte verzeih fleht Klaus.
Sie sieht ihn an, so gebrochen wie nie.
Wie lebt man nach solch einem Verrat? Ich habe lange darüber nachgedacht weißt du, was ich herausfand? Man lebt nicht mehr wie zuvor. Der Klaus, den ich liebte, ist fort. Vor mir sitzt ein anderer: ein alter Mann, der vor dem Sterben flieht, in die Arme eines Mädchens.
Klaus weint, verbirgt das Gesicht.
Ich kann nicht ohne dich, schluchzt er. Bitte, geh nicht. Ich beende alles das schwöre ich.
Schwör nichts. Ich glaub dir nichts mehr.
Sie holt Kissen, Decke aus dem Schlafzimmer.
Ich schlafe auf dem Sofa. Morgen sprechen wir mit den Kindern. Vielleicht teilen wir die Wohnung. Vielleicht gehe ich zu Annette. Ich muss nachdenken.
Die Nacht zieht sich wie Kaugummi. Brigitte liegt auf dem Sofa, starrt die Decke an. Gedanken drehen sich im Kreis. Beziehungen im Alter sind nicht nur Behaglichkeit und Enkel sondern Schmerz, Verrat, Zuwenig-Rente, Untreue.
Am Morgen ist sie vor Klaus wach, macht Kaffee, richtet sich ordentlich. Im Spiegel: eine alte Frau, mit Falten und grauen Haaren. Sie ist älter geworden, aber noch lebendig. Um den Kummer will sie nicht sterben.
Als Klaus in die Küche kommt, sitzt Brigitte schon am Tisch.
Guten Morgen, sagt er verhalten.
Sie nickt.
Annette kommt heute Abend.
Brigitte
Sag nichts. Einfach schweigen.
Der Tag schleicht dahin. Sie sprechen wenig. Am Abend kommt Annette, die älteste Tochter, streng, dem Vater ähnlich.
Was ist los? Annette schaut beide an.
Brigitte erzählt alles: vom Auto, von Lisa, vom Geld. Annette erstarrt.
Papa, sagt sie mit harter Stimme, ich erkenne dich nicht wieder. Wie kannst du nur?
Annette, ich
Halt. Du hast Mama bestohlen, hintergangen. Das Geschenk der Kinder verscherbelt, für irgendeine Schlampe.
Nenn sie nicht so! fährt Klaus auf.
Ich nenne sie, wie ich will! Du bist siebzig, keine vierzig! Guck dich an!
Annette, genug, bremst Brigitte sie. Das reicht für heute. Ich habe dich nicht zum Streiten gerufen. Ich muss wissen, wie es weitergeht.
Du musst dich scheiden lassen, sagt Annette energisch. Wir unterstützen dich, Brigitte. Du kannst bei mir wohnen. Papa bleibt allein, soll über alles nachdenken.
Brigitte schweigt. Scheidung mit achtundsechzig nach 46 Jahren Es kommt ihr vor wie ein Albtraum.
Ich weiß noch nicht, sagt sie schließlich.
Annette geht spät, lässt die beiden zurück. Brigitte sitzt im Wohnzimmer, Klaus setzt sich ihr gegenüber, berührt sie nicht.
Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, sagt er leise. Ich lernte sie im Park beim Gassi kennen, wir kamen ins Gespräch. Sie war so unkompliziert. Mit ihr musste ich nicht an Krankheit, Tod, Alter denken. Ich fühlte mich jung. Das hielt mich fest. Ich wusste, es ist falsch. Aber ich konnte nicht aufhören.
Brigitte hört ihn. In ihr zerbricht etwas.
Du hast Angst vor dem Sterben und zerstörst alles dafür.
Ich wollte doch nichts zerstören. Ich dachte, du merkst nichts.
Und jetzt? Wo stehen wir?
Er schweigt. Dann legt er ihr wie früher den Kopf ins Schoß.
Es tut mir so leid. Ich bin ein alter Narr. Ich habe Angst, hilflos zu werden, Angst, dass du mich nicht mehr willst, wenn ich gebrechlich werde.
Brigitte legt ihre Hand auf seinen Kopf. Weißes, schütteres Haar. Ihr alter Mann, aber nicht mehr ganz ihrer.
Ich hätte dich nicht verlassen. Trotzdem. Aber jetzt Ich weiß es nicht, Klaus.
Lange sitzen sie so, schweigend. Schließlich rückt sie weg, und er spürt: Sie wird nicht verzeihen zumindest nicht jetzt.
Eine schwere Woche vergeht. Sie leben wie Nachbarn. Brigitte schläft auf dem Sofa, Klaus allein im Schlafzimmer. Sie kocht, stellt Essen extra hin, sitzt nicht mit ihm am Tisch. Er versucht zu reden, sie blockt ab.
Das Auto bleibt stehen. Weder Klaus noch Brigitte fährt es, es ist zum Symbol des Zerbrechens geworden.
Eines Morgens ruft ihr Sohn Thomas an, lebt weiter weg.
Mama, Annette hat mir alles erzählt. Wie gehts dir?
Ich halte durch, sagt Brigitte knapp.
Wenn du willst, komm zu uns. Wir haben Platz.
Danke, mein Sohn. Ich überlege noch.
Überlegen, das tut sie die ganze Zeit. Weggehen zugeben, dass alles vorbei ist? Bleiben wie, nach all der Kälte?
Ingrid ruft jeden Tag an.
Brigitte, wie gehts?
Es geht.
Ach was, geht Du machst dich nur kaputt. Vielleicht solltest du dich wirklich trennen?
Ingrid, 46 Jahre zusammen, das lässt man nicht einfach los.
Aber es ist innerlich vorbei. Der Mann hat dich verraten. Du bist noch jung genug für einen Neuanfang!
Neuanfang mit achtundsechzig klingt wie Hohn.
Eines Abends sortiert sie alte Quittungen. Da findet sie einen aus der Apotheke: Klaus Herztabletten, teuer. Sie hat am eigenen Bedarf gespart, um ihm die guten zu kaufen.
Da überkommt sie eine große Wut. Sie marschiert ins Wohnzimmer.
Weißt du, was deine Tabletten kosten? Dreißig Euro das Päckchen. Ich hab mir alles verkniffen, dass du die besten hast. Und du? Du bringst deiner Lisa Blumen für mein Geld!
Er hebt den Kopf, seine Verzweiflung steht offen da, nur einen Moment lang hat sie Mitleid.
Ich habe das Auto verkauft, sagt er plötzlich.
Brigitte erstarrt.
Was?
Heute verkauft. Morgen macht der Käufer alles klar. Das Geld kriegst du. Jeden Cent.
Du hast UNSER Auto verkauft? Ohne meine Einwilligung?
Ich bin Miteigentümer. Ich halte das nicht mehr aus. Das Auto ist zum Mahnmal geworden.
Brigitte sinkt auf einen Stuhl. Er nimmt ihr einfach alles, Stück für Stück die Ehe, ihr Symbol, das Geschenk der Kinder.
Du bist unmöglich, flüstert sie. Erst heimlich vermieten dann verkaufen. Für dich bin ich wohl gar kein Mensch mehr.
Ich wollte doch das Richtige tun
Halt den Mund. Einfach still sein.
Sie verlässt den Raum, legt sich ohne Geräusch zu weinen.
Am nächsten Morgen kommt der Käufer, ein junger Mann, Klaus erklärt ihm alles. Brigitte hält sich versteckt.
Abends legt Klaus einen Umschlag auf den Tisch.
Hier ist das Geld. Alles für dich.
Ich will es nicht, sagt sie. Es ist befleckt, wie alles, was du angerichtet hast.
Brigitte, bitte
Gibs deiner Lisa, kauf ihr Blumen.
Sie steht auf und verschwindet auf den Balkon. Es ist November, kalt, Lichter brennen unter ihr. Drinnen läuft das Leben weiter, draußen ist ihr Winter.
Klaus kommt auf den Balkon, stellt sich neben sie.
Ich habe Schluss gemacht, sagt er leise. Schon vor einer Woche. Sie fands nicht mal schlimm, lachte nur und legte auf. Sie hat mich nie geliebt, nur aus Spaß getroffen. Ich war der Dumme mit ein bisschen Geld.
Brigitte schweigt.
Und ich habe wegen ihr alles verloren. Deine Liebe, dein Vertrauen alles. Noch immer fürchte ich mich vorm Sterben. Glaubte, Lisa kann mich das vergessen lassen. Aber jetzt Jetzt fürchte ich mich noch mehr, weil ich jetzt auch einsam bin.
Das hast du so gewollt, sagt Brigitte ruhig.
Ich weiß. Ich bitte dich nicht um Verzeihung. Ich wollte nur, dass du weißt: Ich verstehe jetzt, was ich verloren habe.
Sie sieht ihn an: Das Gesicht ein Schatten, zehn Jahre älter seit letzter Woche.
Klaus, sagt sie langsam, ich weiß nicht, ob ich dir je wieder vertrauen kann. Du hast etwas in mir zerbrochen. Ich bin mir nicht sicher, ob das wieder zu heilen ist.
Ich verstehe.
Ich habe auch Angst, bekennt sie. Angst, allein zu sein. Angst vor dem Neuanfang. Angst, dass ich es nicht schaffe.
Sie stehen nebeneinander, auf dem kalten Balkon, jeder in seinem Gedanken. Über Angst, Schmerz, 46 gemeinsame Jahre und die Kluft, die sich zwischen ihnen auftat.
Vielleicht könnten wir es vorsichtig nochmal probieren? fragt Klaus.
Versprich nichts, unterbricht sie. Ich glaube nicht mehr an Versprechen. Nur an Taten.
Dann werde ich jeden Tag etwas tun, ändern.
Brigitte seufzt. Vielleicht ändert er sich. Vielleicht auch nicht. Selbst sie weiß nicht, was sie will gehen, bleiben, vergeben?
Ich weiß nicht, was kommt, sagt sie. Das ist die Wahrheit.
Ich auch nicht.
Sie gehen zurück ins Wohnzimmer, jeder in seinen Teil der Wohnung.
Vier Wochen vergehen. Im Dezember fällt der erste Schnee. Alltagsdinge verändern sich zaghaft: Klaus bringt ihr einen neuen Wollplaid, wenn sie friert, kocht Tee, repariert endlich das wacklige Schubfach. Kleinigkeiten, die Brigitte bemerkt, ob sie will oder nicht.
Eines Abends bringt er ihr eine Kiste.
Schau, was ich beim Aufräumen fand.
Brigitte öffnet sie. Da liegen alte Liebesbriefe von Klaus aus der Bundeswehrzeit, als sie jung waren. Sie hatte sie längst vergessen.
Abends liest Brigitte die Briefe, weint. Er schrieb damals: Brigitte, meine liebste, ich zähle die Tage. Wenn ich zurück bin, heirate ich dich, und mache dich glücklich. Oder: Du bist mein Universum.
War das derselbe Mensch?
Klaus steht in der Tür.
Ich weiß noch jedes Wort, sagt er leise. Alles war ernst gemeint. Du warst meine Welt. Bist es noch immer. Ich hab es nur vergessen, unterwegs in der Angst. Verwirrt, dumm. Aber du warst das Wichtigste.
Brigitte schließt die Kiste.
Die Briefe hat ein anderer Klaus geschrieben. Ein junger, ehrlicher, liebender. Du bist heute nicht mehr derselbe.
Kommt man zurück ins Damals? fragt Klaus.
Nein. Die Zeit läuft nur vorwärts.
Silvester. Die Kinder laden ein, Brigitte will nicht. Sie möchte ihren Enkeln nichts vorspielen. Zu zweit essen sie Buletten mit Kartoffelsalat, stumm, die Blicke meiden sich.
Frohes neues Jahr, sagt Klaus.
Dir auch.
Nach Mitternacht, sie will gerade gehen, hält er sie auf.
Brigitte, ich hab das Auto auch deswegen verkauft, weil ich es nicht mehr ansehen konnte. Es war das Symbol für meinen Betrug. Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen.
Brigitte stockt.
Und als du mit deiner Freundin herumgefahren bist, schämtest du dich nicht?
Doch. Aber ich verdrängte es. Redete mir ein, ich hätte ein Recht auf etwas Freude. Dass du nichts merkst. Ich war ein Narr.
Sie seufzt, setzt sich wieder.
Weißt du, was mich mehr schmerzt als der Betrug? Dass du einfach immer und immer wieder gelogen hast. Direkt in meine Augen. Das kann ich nicht verzeihen.
Ich lüge nie wieder, sagt Klaus.
Sei einfach still. Tu was.
Sie sitzen, während draußen das Feuerwerk verpufft. Zwei Menschen, die mal innig waren, nun fremd.
Wochen kommen und gehen. Brigitte schläft weiter im Wohnzimmer, aber manchmal sprechen sie. Über Alltägliches. Ganz vorsichtig.
Eines Abends ruft Annette an.
Mama, hast du dich entschieden?
Ich weiß es nicht, Kind.
Mama, zieh einen Schlussstrich. Entweder vergeben, oder loslassen.
Ich kann weder vergeben, noch gehen, Annette. Nicht jetzt.
Willst du dich weiter quälen?
Vielleicht.
Danach sitzt Brigitte am Fenster. In dicken Flocken schneit es. Sie denkt an den jungen Klaus, wie er mit den Kindern im Winter spielte, wie sie lachten. Alles war so echt aber ist das genug für die Zukunft?
Beim Abendessen redet Klaus plötzlich:
Brigitte, ich habe Hilfe gesucht. Einen Therapeuten. Für mich, für diese Alterskrise. Ich will verstehen, warum ich so wurde. Und mich ändern.
Brigitte sieht ihn an. Da ist keine Ausrede, kein Trick.
Gut, sagt sie. Geh dahin. Vielleicht hilft es.
Du solltest vielleicht auch jemanden suchen. Damit du das irgendwie verarbeiten kannst.
Vielleicht.
Ein Hauch von Hoffnung, oder nur der Wunsch nach Erleichterung?
So vergeht ein langer Winter. Sie leben nebeneinander her. Manchmal vermisst Brigitte den alten Klaus, die Wärme, das Vertraute doch der ist fort, mit dem Eheglück, mit dem Vertrauen.
Frühling rückt näher, mit Sonne und offenem Fenster. Brigitte blinzelt in den Märzmorgen das Leben geht weiter. Trotz allem.
Am Abend sitzt sie auf dem Sofa, Klaus setzt sich dazu, schweigt lange.
Brigitte, ich bitte nicht um Verzeihung und nicht darum, dass du zurückkommst. Ich will nur, dass du weißt: Ich habe verstanden, wie schlimm es war. Zerstört, was wir aufgebaut haben aus Angst, aus Dummheit. Das ist mein Lohn.
Sie sieht ihn wortlos an.
Wenn du irgendwann einen neuen Anfang willst, sag mir Bescheid. Ich tue alles dafür. Wenn nicht: Ich versteh’s.
Stille. Endlich sagt Brigitte:
Ich weiß es nicht, Klaus. Mein ganzes Leben habe ich mit dir geteilt, und doch war es nicht genug. Es kann jederzeit alles verloren gehen. Ich weiß nicht, wie ich damit lebe.
Gemeinsam oder getrennt? fragt Klaus leise.
Ich weiß es nicht.
In diesem Ich weiß nicht liegt aller Schmerz, Ratlosigkeit und Angst vor einer völlig ungewissen Zukunft.
Still sitzen sie nebeneinander. Fast fünfzig Jahre gemeinsam und plötzlich wie Fremde. Zwischen ihnen ein Graben aus Misstrauen, vielleicht für immer unüberwindlich.
Draußen taucht die Sonne unter, Dunkelheit hüllt das Zimmer ein. Niemand steht auf, das Licht einzuschalten.





