Zwischen Wahrheit und Traum
Annika kuschelte sich in einen dicken Wollplaid, während draußen in Berlin der Schnee tanzte, Kreise auf den Fensterbänken zog und die Nacht in einen stummen, weißen Reigen hüllte. Ihr Apartment wirkte seltsam entrückt, als hätte es sich aus dem Rest der Welt gelöst. Gerade erst war sie von der Anprobe ihres Brautkleides zurückgekehrt ein Termin, auf den sie voller Herzklopfen gewartet hatte. Noch hielt sie eine Tüte mit Accessoires in den Händen: schlichte Perlenohrringe, ein feines Diadem, ein paar Kleinigkeiten, die ihr Hochzeitsoutfit vollenden sollten. Ihre Gedanken waren wie lose Bänder flatterten im winterlichen Wind durch das zukünftige Fest, die Vorstellung, wie sie im Spiegel erscheinen würde, wie das Licht in den Schmuckstücken flackern würde, wie ihre Gäste sie mit staunenden Blicken mustern…
Ein Schrillen an der Tür durchbrach die Stille. Annika fuhr zusammen, umklammerte unbewusst die Fransen ihres Plaids. Wer konnte um diese Zeit zehn vor sieben noch klingeln? Vielleicht ein vergessener Paketbote, vielleicht die Nachbarin von nebenan, die schnell ein Ei borgen wollte?
Sie näherte sich der Tür, der Flur wurde länger, die Schatten seltsamer, als hätte sich ein Märchen eingeschlichen. Durch den Türspion sah sie Konturen, schemenhaft: ein hoher Mann, gesichtslos im Milchglas.
Wer ist da? Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte.
Ich bins, Volker. Es ist wichtig. Bitte.
Annika zögerte. Sie hatte keine Lust auf Volker, nicht jetzt. Aber was, wenn mit Johanna, ihrer Freundin, etwas vorgefallen war? Mit vorsichtiger Geste öffnete sie.
Da stand Volker, Schnee schmolz bereits auf seinen Schultern, bildete dunkle Flecke auf dem teuren Mantel. Seine Augen glühten wie kleine Irrlichter, das Gesicht bleich und starr als wäre er aus dem Traumland zwischen den U-Bahnhöfen herübergetreten. Für einen Moment fragte sie sich, ob sie den Schlüssel besser nicht umgedreht hätte.
Komm rein, murmelte sie. Was blieb ihr anderes übrig? Ihm vor der Tür das Gesicht zuschlagen? Dumm wäre das.
Volker trat ein, schob die Stiefel achtlos auf den Parkett, zog Spuren aus Schneematsch hinter sich her und ließ seinen Blick ins Leere schweifen, als gäbe es etwas, das nur er sehen konnte. Die Uhr tickte lauter. Die Wohnung schien enger, fast schon klebrig von schwerer Luft.
Annika. Er drehte sich zu ihr, wühlte die Lederhandschuhe zwischen den Fingern. Ich halt das nicht mehr aus. Ich liebe dich.
Die Worte brachen wie Eis auf der Spree laut, unerwartet, surreal.
Du…? Annika öffnete den Mund, Stimme brüchig, abgerissen wie ein Briefanfang.
Aber Volker wollte sie nicht ausreden lassen. Er machte einen Schritt auf sie zu:
Ich weiß, du heiratest. Es ist verrückt! Aber ich schweige schon zu lange. Ich hab versucht, dich zu vergessen es klappt nicht. Weißt du, warum ich überhaupt mit Johanna zusammen bin? Um dir nah zu sein. Ich habe sie nie geliebt. Nie!
Annika spürte ein fahles Kältegefühl im Bauch. Hatte Volker mit ihrer Freundin aus Eigennutz angebandelt? Johanna, die doch wirklich verliebt war! Automatisch legte Annika das Plaid über den Stuhl zurück als könnte sie so in die Gegenwart zurückspringen.
Verstehst du überhaupt, was du sagst? Sie rang nach Worten. Ich bin verlobt. Mit Sebastian. Ich liebe ihn! Das mit uns ist kein Spiel.
Volker nickte kaum sichtbar, die Wangen brannten vor Anstrengung.
Ich weiß Doch bald gehörst du jemand anders. Ich wollte wenigstens einmal alles sagen. Johanna war nur ein Vorwand. Ich hoffte, du würdest irgendwann sehen, wie viel ich für dich empfinde.
Er ließ sich, beinahe zerbrechlich, auf ein Knie nieder, holte ein kleines, verschnörkeltes Ringetui aus der Manteltasche, ein filigraner Goldring funkelte auf gelber Einlage im Lampenschein.
Mach Schluss mit ihm. Mit allem, was war. Sei bei mir. Ich geb dir alles
Sie sah ihn an, wie durch einen Wasserschleier aus Erinnerungen: Volker lachte mit Johanna auf Partys; hielt ihre Hand, als wäre sie aus Porzellan; bei flackerndem Innenhoflicht blickten seine Augen weich damals hatte Annika geglaubt, ihre Freundin sein Glück gefunden. War das alles ein Trugbild gewesen?
Steh auf, flüsterte sie. Der Teppich unter ihren Füßen schien wellig, als schwämme sie in Milch.
Volker kam gehorsam hoch, der Hoffnung schon beraubt.
Du glaubst mir nicht?
Doch, antwortete sie bestimmt. Es ändert nichts.
Sie trat einen Schritt zurück, baute Raum zwischen sie und ihn.
Du bist mein Freund, Volker. Aber ich liebe einen anderen. Für mich gibt es keine Alternative.
Sein Blick senkte sich, die Faust schloss sich um das nutzlose Ringetui.
Und wenn ich früher den Mut gehabt hätte?
Annika dachte nach, dann hob sie knapp die Schultern: Es hätte nichts geändert. Ich habe dich nie als meinen Partner gesehen.
Verzweifelt suchte Volker das lähmende Schweigen zu vertreiben, näherte sich noch einmal, als würde der Traum Raum und Zeit durchlöchern:
Du hast mich doch auch mal so angesehen.
Annika wich ein Stück zur Flurtür zurück er wurde ihr unheimlich, sein Blick rief Schattenwesen wach.
Zwischen uns ist nichts, Volker. Was du fühlst, ist keine Liebe, sondern eine besessene Idee. Du hast dir ein Bild zusammengereimt. Bitte, lass es gut sein.
Volkers Hände zitterten, nicht aus Wut, sondern hilflosem Trotz.
Du täuschst dich. Noch nie hab ich jemand so geliebt!
Annika biss sich auf die Lippen, behielt mit Mühe die Fassung. Konnte Volker ihr gefährlich werden, wenn sie ihn zu schroff abstieß? Sie zwang sich, klarer zu werden.
Und Johanna? Weißt du überhaupt, welchen Schmerz du ihr zufügst? Du hast sie benutzt.
Volker schluckte, presste die Stimme hinter zusammengezogenen Lippen hervor: Ich habs ihr nie vorgemacht Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte ich würde alles wieder genauso machen.
Man kann kein Glück auf Kosten anderer bauen, sagte Annika und warf einen Blick zum Smartphone. Sie musste ihn rausschieben, war aber gleichzeitig besorgt um Johanna. Und du solltest mit ihr reden. Ihr die Wahrheit sagen.
Warum? Sie ist mir egal Aber du Volker blickte auf, und für einen winzigen Moment berührte sie Mitleid.
Mit mir gibt es nichts, Volker. Ebenso wenig wie mit Johanna. Glaubst du etwa, ich sage nichts?
Er musterte sie noch einen letzten Moment mit fiebriger Intensität, dann wandte er sich zur Tür.
Ich gehe. Aber ich gebe nicht auf. Irgendwann wirst du mich verstehen.
Tus nicht, murmelte Annika. Such dir dein eigenes Leben. Finde jemanden, der dich wirklich liebt. Jetzt geh bitte.
Langsam, mit schleppenden Schritten, bewegte sich Volker aus der Wohnung. An der Tür blieb er stehen, drehte sich noch einmal um.
Danke, dass du ehrlich bist. Aber ich verabschiede mich nicht für immer.
Und er verschwand, die Tür fiel leise ins Schloss. Die Stille tropfte nach. Annika ging zum Fenster, sah, wie Volker sich in den Berliner Schneeregen mischte, klein und gebeugt zwischen Altbauhöfen.
Als er außer Sicht war, griff sie zum Handy. Eine neue Dringlichkeit griff nach ihrem Herzen was, wenn Volker sich etwas ausdachte? Johanna musste wissen, was geschehen war.
Johanna? Wir müssen reden. Es ist wichtig.
Auf der anderen Seite rauschte Papier, dann Johannas vertraute Stimme, ein Hauch von Sorge darin:
Was ist passiert? Du klingst aufgewühlt.
Annika holte tief Luft und erzählte tastend, aber deutlich: Volker war gerade bei mir. Er… Er hat gesagt, du warst nur ein Vorwand.
Langes Schweigen, das in den Wohnungen hallte, als würden all die Berliner Mauern die Stille verstärken.
Und was jetzt? Johanna klang, als wäre ihr Herz ein gefrorener Teich.
Er wird sicher zu dir kommen. Pass auf dich auf. Ich mag nicht, wie er sich verhält.
Danke, Annika. Es tut zwar weh aber besser jetzt als nie.
Sie legten auf. Annika blieb einen Moment reglos stehen, dann lehnte sie die Stirn ans Fensterglas. Schneeflocken jagten im Laternenlicht wie träumende Geister.
***************
Während der Abend im Schwarzweiß der Straßenlaternen versank, saß Johanna mit kalten Händen am Küchentisch. Der Tee war längst erkaltet, die Gedanken flockten langsam wie Schnee über den Kudamm.
Alles drehte sich um Volkers Geständnis, Annika, das was gewesen war oder eben nicht war. Sie versuchte, die Scherben der letzten Monate aufzusammeln, aber die Geschichte ließ sich nicht wieder zusammensetzen.
Ein Klingeln an der Tür ließ sie aufschrecken. Wieder Volker? Sie schob sich wie im Nebel an die Tür. Da stand er, verwaschen im Schneefall, Stimme dumpf:
Ich wollte noch was sagen. Es tut mir leid, Johanna. Für alles.
Annika hat mir schon alles erzählt, unterbrach sie. Noch ein Satz von ihm hätte sie zerbrechen lassen.
Volker hielt inne, sah auf den Boden, dann vorsichtig zu ihr.
Ich ich wusste nicht mehr weiter. Sie wird bald heiraten, und ich Verzeih Ich wollte nur noch dieses hier abgeben. Er reichte ihr den Ring, der Annika zugedacht war.
Johanna betrachtete das kleine Goldstück, als wäre es ein Relikt aus einer anderen Zeit. Behalte ihn.
Volker kämpfte sichtbar mit den Tränen, dann nahm er die Schatulle zurück.
Wie soll ich das je wieder gutmachen…
Johanna lachte leise, aber bitter ein Winterwind im Treppenhaus. Gar nicht. Man kann nicht zurück. Ich will dich jetzt nicht mehr sehen. Geh, Volker.
Er hob abwehrend die Hände, kehrte um.
Das Klopfen an der Tür kam diesmal wie aus einer anderen Welt. Annika? Nein vor ihr stand Sebastian, Annikas Verlobter. Schwarzhaarig, makellos, die Kälte Berlins spiegelte sich in seinem prüfenden Blick.
Kann ich kurz rein? Seine Stimme kam wie ein Echo aus einem fernen Raum.
Wortlos ließ sie ihn eintreten. Volker wich zurück, wurde blass. Sebastian fixierte ihn mit ruhigem, aber glasklarem Blick:
Ich weiß alles. Du hast beide zum Narren gehalten. Dafür gibts Konsequenzen.
Volker wich zurück. Sebastian löste mit wenigen Schritten alle Abstände auf, hob die Faust.
Bitte, lass ihn, wollte Johanna dazwischengehen, aber Sebastian bleckte nur knapp die Lippen.
Die Szene wurde seltsam versponnen, Geräusche verschwammen: ein gezielter Schlag, Volker sank auf den Teppich. Blut auf dem Perserteppich. Stille.
Das ist deine letzte Warnung. Lass Annika und Johanna in Ruhe, sprach Sebastian mit eiskalter Bestimmtheit.
Volker schlich, klein und blutig, hinaus, verschwand im Märchenschnee, als wäre er nie ein Teil dieser Welt gewesen.
Sebastian wandte sich an Johanna, sein Ton wurde milder: Sorry. Das musste er wissen. Annika macht sich Sorgen um dich.
Johanna nickte, in ihrer Brust ein leiser Widerhall von Dankbarkeit.
Vielleicht war das nötig… Danke. Sie spürte, dass es nicht Hass war, der Sebastians Hand geführt hatte, sondern ein Wille zu schützen, wie ein Ritter aus einem seltsamen Berliner Traum.
Sebastian verabschiedete sich. Johanna versank in ihrem Sofa, Blick auf das Muster des Teppichs gerichtet.
Alles vorbei, dachte sie, spürte Traurigkeit, aber auch Leichtigkeit. In ihrem Herzen schwang der Klang eines Neubeginns, als müsste sie alles wieder neu lernen das Vertrauen, das Träumen, vielleicht eines Tages das Lieben.
******************
Volker wanderte durch das winterliche Berlin. Die Straßenlampen warfen gespenstische Muster auf das Kopfsteinpflaster. Er fühlte die Kälte kaum, die geschwollene Lippe pochte, aber schlimmer war das brennende Loch in seiner Brust.
Nach Tagen stand er mit gepacktem Koffer zwischen Umzugskartons, ließ sich nach Dresden versetzen. Die Großstadt und die Erinnerungen daran sie waren wie Filmrisse, schwarzweiß und rauschend. Das Rückgabegeld für den Ring überwies er Johanna mit einer knappen Zeile: Entschuldige. Es gehört dir.
Am Tag seines Aufbruchs stand er am Bahnhof Friedrichstraße, der Schnee legte sich sanft, als wolle er alles Geschehene zudecken. Volker stieg in das Taxi, sah hinaus, als würde sich die Wirklichkeit im spiegelnden Schnee auflösen.
Ich habe alles zerstört, murmelte er. Nicht als Klage, sondern als Feststellung. Dann fuhr das Taxi los. Die Geschichte lag hinter ihm, verschwand wie ein Haus hinter einer Schneeverwehung.
In einem Café am Savignyplatz saß Annika in den blauen Dämmerkorn einer Berliner Nachmittagssonne. Neben ihr Johanna, Sebastian ihnen gegenüber. Drei Tassen heiße Schokolade standen zwischen ihnen, der Duft verband sie wie ein unsichtbarer Schleier.
Sie unterhielten sich über das, was vor ihnen lag: die Hochzeit, neue Wege, einen Frühling, der sicher irgendwann kommen würde.
Johanna blickte aus dem Fenster und sagte leise: Ich bin nicht mehr wütend. Nur traurig, dass es so laufen musste.
Annika legte die Hand auf ihre, lächelte sanft.
Du hast etwas Besseres verdient. Ehrlichkeit, nicht Träume aus Nebel.
Johanna nickte. Ich finde es. Irgendwann.
Durch das Caféfenster wirbelten Schneeflocken, als wollten sie die Vergangenheit begraben. In der zarten Wärme, mitten im Winter, schien für einen Moment alles zu stimmen Wahrheit und Traum verschmolzen, die Zeit hielt kurz inne und ließ los.
Und irgendwo draußen, in den verschneiten Straßen von Berlin, begann ein neuer Tag.




