Sie nahm ein fremdes Kind aus der Geburtsklinik mit, um es zu retten und achtzehn Jahre später klopfte jemand an ihre Tür, der aus der Dunkelheit der Vergangenheit zurückkehrte und ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte.
Tagebuch, 17. November 1941
Der kalte Wind peitschte im nebligen November und ließ die nackten Äste des Eichenwaldes um unser Dortmunder Dorf noch finsterer knarren. Die Landstraße, ein einziger Sumpf aus Matsch und gefrorenem Wasser, setzte den alten Wagenrädern zu, während mein angeschlagenes Pferd kaum noch Kraft besaß, weiter zu trotten.
Wir schaffen es so niemals zur Klinik nach Bochum, schluchzte meine Frau Martha, Tränen rollten über ihre geröteten Wangen.
Wir halten durch, Reselchen, gib nicht auf, antwortete ich, hob die klammen Zügel und redete dem Ross gut zu. Meine Hände waren fast eingefroren.
Auf dem Wagen lag meine Tochter Magdalene bleich, von Wehen und Schmerz gezeichnet. Sie flüsterte leise, sie wolle einfach dass alles vorbei sei und das Leiden ein Ende finde. Unsere vertraute Hebamme war mit gebrochenem Bein ausgefallen, und der Landarzt aus Herne war zu einem kranken Kind gerufen worden.
Denk an das Kind, an Ernst, an deinen Mann, redete Martha ihr zu und streichelte Magdalenes Bauch.
Ich denke immer an sie, hauchte Magda.
Wie wird das Baby heißen?, fragte Martha, um sie abzulenken.
Ernst meinte, ein Mädchen soll Ilse heißen, ein Junge Johann.
Wunderbar, mein Kind. Wir schaffen das, versuchte Martha, mit brüchiger Stimme Hoffnung zu schenken. In der Ferne waren schon die Schlote der Zeche zu sehen, das Zeichen, dass Bochum nicht mehr fern war.
Kaum hatten wir die Klinik erreicht, setzten bei Magdalene heftige Wehen ein. Bald darauf wurde eine zarte, winzige Tochter geboren. Ihr Schrei hallte durch den Kreißsaal und als Magdalene sie auf dem Arm hielt, lächelte sie trotz ihrer Erschöpfung und Tränen voller Glück. Die Schmerzen waren vergessen, überwältigt von Liebe.
Ilse. So hat dich dein Vater genannt. Er wird zurückkommen, und wir werden eines Tages zu dritt am Tisch sitzen
Magdalene bat nach kurzer Zeit, einen Brief an Ernst zu schreiben. Die Schwester versprach ihr Block und Bleistift zu bringen.
Doch die Schwester, Frau Krüger, war sichtlich genervt, warf Unterlagen auf den Tisch und nörgelte.
Ist etwas passiert?, fragte Magdalene zaghaft.
Gehen Sie, ich habe zu tun!, fauchte Frau Krüger.
Im Zimmer packte eine andere junge Frau, Leni, wortlos ihre Habseligkeiten.
Gehen Sie schon nach Hause?, fragte Magdalene überrascht.
Ja, ich werd entlassen, hauchte die junge Frau. In ihren Augen lag ein tiefer, bodenloser Schmerz. Schwerfällig schleppte sie ihren Beutel hinaus als ließe sie dabei ihr ganzes Leben zurück.
Nach zehn Minuten kehrte die Schwester zurück, schob Magdalene Block und Stift zu und verließ missmutig den Raum.
Die hat man so früh rausgelassen? Ich soll ja noch Tage hier bleiben, murmelte Magdalene.
Die ist von selbst gegangen. Hat das Kind dagelassen gab an, sie wisse nicht, wohin damit. Kommt vor, so was, warf die Schwester hin.
Was hat sie bekommen?, flüsterte Magdalene. Sie konnte es kaum fassen wie konnte man das eigene Kind einfach verlassen?
Ein Mädchen. Eine Kräftige, rosige Kleine.
Die Gedanken daran ließen Magdalene nicht mehr los. In der Nacht konnte sie kaum schlafen.
Früh am nächsten Morgen, auf dem Weg in den Speisesaal, hörte sie wieder dieses leise, hilflose Weinen. Sie fragte zögerlich die Schwester, ob sie das Waisenkind stillen dürfte.
Wozu denn? Wir bringen es später ins Heim. Würde sich ohnehin zu sehr an Menschen gewöhnen, rüffelte die Schwester.
Doch als Magdalene zum Chefarzt, Dr. Albrecht, ging und um Erlaubnis bat, das Baby mit aufnehmen zu dürfen, blickte er sie einen Moment intensiv an und nickte dann. Gut, sagte er knapp.
Mit Freude und klopfendem Herzen ging Magdalene ins Kinderzimmer, hob die kleine, verlassene Tochter und nahm sie an ihre Brust. Sie war so zart, so hilfesuchend und Magdalene spürte die gleiche Liebe wie zu ihrer neugeborenen Ilse.
Es wird alles gut, mein Schatz. Ich nenn dich Luise. Nun habe ich zwei Töchter: Ilse und Luise. Das ist mein Glück
Die Heimkehr nach Hause nach Dortmund war voller Freude und staunender Blicke.
Zwei Mädchen, Magdalena?, rief Martha verblüfft. Warum sehen sie sich gar nicht ähnlich?
Es sind Zwillinge, aber zweieiig, log Magdalene, um unangenehme Fragen zu vermeiden.
Mein Vater nahm Luise auf den Arm, lächelte gerührt. Die will ich verwöhnen, das sag ich dir
Mach das nur nicht, Mädchen gehören nicht verhätschelt! tadelte Martha, aber ihr Blick war liebevoll.
Fünf Jahre gingen ins Land. Die Mädchen wurden größer und liebenswürdig, kaum voneinander zu unterscheiden. Für Magdalene war längst unwichtig, dass sie nur eine davon geboren hatte. Beide waren Töchter ihres Herzens, beide hatte sie mit Muttermilch und Liebe groß gezogen.
Ernst, mein Schwiegersohn, kehrte nach vielen Jahren Kriegsdienst zurück. Es gab kein größeres Glück, als seinen Schritt am Gartenweg zu hören und seine Mädchen jubelnd Papa! rufen zu sehen. Die Familie wuchs im Schatten des großen Apfelgartens, den meine Eltern einst gepflanzt hatten.
Die Jahre zogen vorbei. Magdalene und Ernst arbeiteten, halfen, wie es ging. Die Mädchen, Ilse und Luise, waren jetzt achtzehn. Sie blieben nach der Schule im Dorf, pflegten das Erbe meines Vaters den alten Apfelgarten, den sie nun liebten wie wir alle.
Doch eines Tages ich werde es nie vergessen stand eine Frau im feinen Berliner Kostüm am Gartentor.
Sie sind Magdalene Behrens?
Ja Sie sind?
Mein Name ist Johanna Herzog. Ich ich war damals mit Ihnen auf der Station in Bochum. Im November 1941
Mir wurde schwindlig. Sie fuhr fort: Ich will meine Tochter sehen.
Ernst tobte: Sie haben damals Ihr Kind hiergelassen! Wir haben sie aufgezogen, genährt, geliebt. Jetzt wollen Sie sie holen? Nach achtzehn Jahren?
Die Mädchen, erschrocken, hatten alles mitangehört. Ilse fragte, bleich: Mutter Wer von uns?
Magdalene schluchzte: Luise.
Als Luise dies hörte, stürmte sie weinend aus dem Haus. Wo war ihr Platz? Wer waren ihre Eltern? Johanna fuhr zurück nach Berlin, hinterließ Unsicherheit und Schmerz.
Wochen später: Ich saß im Apfelgarten. Magdalene weinte. Ernst schwieg, und der junge Paul, Luises Freund, ging wie ein Schatten durchs Dorf. Dann, eines spätsommerlichen Nachmittags, kam Luise zwischen die Bäume zurück.
Mama, Papa, verzeiht Ich habe es versucht bei ihr. Es klappt nicht. Sie ist fremd. Ihr seid Familie. Ilse, Paul, der Garten das ist Heimat.
Tränen, Erleichterung, Freude. Kurze Zeit später feierten wir im Apfelgarten eine Doppelhochzeit: Ilse und Franz, Luise und Paul. Weiße Kleider vor rotbackigen Äpfeln, Lachen, Musik, das Glück unserer Familie. Johanna kehrte nie zurück.
Heute weiß ich: Familie besteht nicht nur aus Blutverwandtschaft. Es ist das Stillen bei Nacht, die Hoffnung, die Fürsorge, das Teilen von Schmerz und Freude. Liebe kennt keine Herkunft und das treibt mich an, diese Zeilen niederzuschreiben.





