Meine Nachbarin klaute nachts sackweise meinen Kompost – gestern habe ich großzügig Hefe daruntergemischt

Tagebucheintrag

Meine Nachbarin hat nächtelang meinen Kompost in Säcken gestohlen. Gestern habe ich großzügig ein ganzes Päckchen Trockenhefe daruntergemischt.

Du warst schon wieder an meinem Haufen mit Eimern unterwegs, stimmts? Das war kein Frage es war eine Feststellung.

Sabine, meine Nachbarin vom anderen Gartenzaun, verzog dabei keine Miene. Sie stand mit verschränkten Armen an ihrem Spaten zwischen den Beeten und sah mich an, als hätte ich sie grundlos beschuldigt.

Mensch, Anneliese, reg dich doch nicht gleich so auf! Du hast doch mehr als genug da liegen als würde es dir wehtun, wenn deine alte Kindheitsfreundin auch mal ein bisschen was abbekommt!

Das ist kein bisschen was, Sabine. Das sind zweihundert Euro für die Lieferung, plus Kranwagen, ich deutete auf den sichtbar dezimierten Berg auf meinem hinteren Grundstück. Und es gehört halt mir.

Ach komm, sei doch nicht so geizig!, sie verdrehte dramatisch die Augen. Du merkst doch gar nicht, wenn ich ab und zu ein paar Eimer nehme für meine Gurken. Ich bekomme eine kleine Rente, ich kann nicht wie du jede Woche Kompostwagen kommen lassen.

Sie wusste ganz genau, welche Knöpfe sie drücken musste. Sabine spielte gern das Opfer: mal ist die Regierung schuld, dann das Wetter, oder die Sonne und zu guter Letzt ich, weil meine Tomaten früher rot wurden als ihre.

Zurück im Haus spürte ich, wie der Ärger mir im Hals stecken blieb. Es ging mir nicht um den Wert einiger Eimer oder ums Geld es war die Dreistigkeit, die mich wurmte, dieses Gefühl, für dumm gehalten zu werden.

Jede Nacht, meist gegen zwei Uhr, hörte ich das charakteristische Rascheln. Das war kein kleines Eimerchen Sabine arbeitete systematisch: Sie füllte stabile Bau-Müllsäcke bis obenhin und schleppte sie unter dem Deckmantel der Dunkelheit in ihren Garten, als würde sie Vorräte für eine Katastrophe anlegen.

Bernd saß in der Küche, kaute gemächlich sein Käsebrot und löste Kreuzworträtsel.
Wieder was geklaut?, fragte er ohne aufzuschauen.
Schon wieder. Und mich dabei als geizig bezeichnet.
Stell ihr doch ne Falle.
Klar, und am nächsten Tag laufe ich dem Dorfpolizisten über den Weg, weil meine Nachbarin plötzlich hinkt. Nein, da brauchts Köpfchen statt Fallen.

Ich stellte mich ans Fenster und blickte hinüber zu ihrem eigenen kleinen Paradies aus Folientunneln. Sabine prahlte bei jedem Dorffest mit ihrem einmaligen Händchen für Zucchini. Ihr Händchen war wirklich leicht vor allem bei fremdem Kompost.

Die Nacht darauf lag ich wach und lauschte. Irgendwo bellte ein Hund, Grillen zirpten. Und dann wieder: scharr-scharr. Die Schaufel fuhr durch meinen liebevoll gepflegten Haufen, den ich immer mit Folie bedeckt und sogar bei Regen geschützt hatte. Sabine kam einfach und nahm, als ob alles ihr gehöre.

Am Morgen trat ich auf die Terrasse Sabine wuselte schon zwischen den Beeten herum.
Guten Morgen, Anneli! Deine Zucchini sehen ein wenig gelb aus, ist alles in Ordnung?

Sie strahlte über das ganze Gesicht. Im Tau auf dem Gras sah ich die Schleifspuren mindestens drei Säcke hatte sie letzte Nacht mitgenommen.
Morgen, Sabine. Rechne nicht damit, dass das ewig so weitergeht.

Ich ging zum Geräteschuppen, und mein Blick blieb an dem Regal mit den Gartenzutaten hängen: Saatgut, Dünger, eine große gelbe Tüte Trockenhefe, die ich eigentlich für die Erdbeeren gekauft hatte. Da kam mir eine Idee.

Sabine lagerte ihre fette Beute in riesigen, zugeknoteten Müllsäcken in ihrem warmen, feuchten Gewächshaus. Was sie nicht wusste: Gerade dort gärt es besonders gut.

Ich nahm ein Eimer warmes Wasser, schüttete den Zuckerrest aus der Küchenschublade dazu und dann die gesamte Tüte Hefe hinterher. Es schäumte sofort, Bläschen stiegen auf und in mir kam ein schönes, warmes Gefühl der Gerechtigkeit hoch.

Als es dämmerte, schlich ich einmal ums Haus, wo Sabine immer durch die Lücke im Zaun rutschte. Genau dort goss ich die Gärlösung sorgfältig über den Haufen, mischte alles oben flach ein als kleine Dreingabe von Herzen.

Ich wusch mir gründlich die Hände und schlief besser als seit Wochen.
Warum grinst du so?, brummelte Bernd im Halbschlaf.
Ich träume bestimmt was Schönes, sagte ich und zog die Decke bis zum Kinn.

Die Nacht blieb ruhig kein bekanntes Rascheln störte mich. Anscheinend war Sabine dieses Mal besonders lautlos.

Dafür platzte der Morgen mit einem Knall in den Tag, als hätte jemand einen Wildschweinfrischling im Garten gefangen.

Bernd sprang gleichzeitig mit mir auf. Er, nur in Unterhose, hastete ans Fenster.
Was ist denn nun los?!, rief er mit verschlafener Stimme.

Ich warf mir den Morgenmantel über und trat hinaus. Die kühle Luft war durchzogen von einem bemerkenswert säuerlichen Geruch. Sabine stand fassungslos vor ihrem neuen Kunststoff-Gewächshaus mit weit offen stehenden Türen.

Sie war von oben bis unten mit braunen Spritzern übersät, als hätte sie jemand mit dem Pinsel dekoriert. Ich ging zum Zaun und setzte einen möglichst laienhaften Gesichtsausdruck auf.

Sabine, was ist denn passiert? Hats eine Wasserleitung bei dir zerlegt?

Sie drehte sich langsam zu mir um, das Grauen ins Gesicht geschrieben und auch sonst überall.
Das das hat explodiert, Anneliese! Es lebt! krächzte sie.

Ich warf einen spöttischen Blick ins Innere. Drinnen wirkte es, als hätte ein Bombenanschlag die bestellten Reihen zerfetzt. Vorher säuberlich gestapelte Säcke waren aufgerissen, die bräunliche Masse über alles verteilt; Wände, Decke, ja selbst die zarten Paprika keimten nun im Versuchslabor.

Die Hefe hatte in der warmen, feuchten Umgebung Gas entwickelt und die dicht zugeknoteten Plastikbeutel aufgebläht, bis sie zack! platzten. Die Physik hatte ihr Werk getan.

Zu was kams da bei dir?, fragte ich mit bewundernder Gleichgültigkeit.

Die Beutel!, keuchte sie. Kaum hab ich die Tür auf, sind die Dinger geplatzt! Anneliese, was hast du da reingemischt?!

Ich?, fragte ich mit vollstem Ernst. Das ist mein Kompost da kommt nur rein, was meine Kuh produziert hat.

Wie aber der Haufen nun so fein aufgeteilt als Gärmasse in ihrer Folienhütte gelandet war ja, das war eine noch viel spannendere Frage.

Sabine wusste kurz nicht, wie sie reagieren sollte; ihre Gedanken ratterten. Gibst du zu, es ist mein Kompost, gestehst du den Diebstahl ein. Behauptest du, es sei deiner, dann bist du für die Schweinerei verantwortlich. Sie stand wie bestellt und nicht abgeholt und tropfte wortwörtlich und im übertragenen Sinne.

Das ist Sabotage!, krächzte sie nach einer Weile. Du wolltest, dass das explodiert!

Womit? Mit Naturdünger? Vielleicht stimmt einfach was mit der Atmosphäre im Gewächshaus nicht. Oder einer hat dich verhext? Du hast doch immer gesagt, du hast das klassische Händchen für Pflanzen.

Bernd schüttelte nur den Kopf und verschwand, damit man sein heimliches Grinsen nicht hörte. Sabine griff hektisch zum Wasserschlauch und begann, sich mühsam von oben bis unten zu reinigen. Der Geruch aber der hielt mehr aus als ihr Bademantel.

Das ganze Dorf tuschelte an dem Tag über die Explosion bei Sabine. Die einen hielten es für einen geplatzten Melonenversuch, andere für einen verirrten Meteorit. Sabine selbst schwieg eisern und schrubbte stundenlang Scheibe und Beete.

Sie musste ihre komplette Anzucht ins Freie schleppen und den Oberboden tauschen selbst ihre robustesten Tomaten vertrugen die Super-Düngung nicht. Am Abend blieb ihr Platz beim üblichen Nachbarschaftskaffee leer.

Eine Woche später bestellte ich wieder eine Ladung Kompost, alles wie immer. Doch die Nächte blieben still. Kein Rascheln, kein Spatenkratzen, kein Schieben von schweren Säcken.

Ich ging hinaus: Der Mond beleuchtete einen unberührten Komposthaufen.

Am nächsten Morgen ging Sabine mit gesenktem Blick am Zaun vorbei, Hüte tief ins Gesicht, Einkaufstasche in der Hand voller Industriefertigdünger aus dem Raiffeisenmarkt.

Morgen, Nachbarin!, rief ich ihr zu. Wie wachsen die Paprika?

Sie blieb kurz stehen, schaute mir in die Augen keine Spur von Reue, aber eine ordentliche Portion Angst vor den Tücken der Chemie.

Die wachsen, murmelte sie schließlich. Ich komme jetzt selbst klar ganz ohne deine Gaben.

Fein. Falls du trotzdem noch mal ein Spezialrezept brauchst du weißt ja jetzt, wies geht.

Sie spuckte verächtlich aus und marschierte schnellen Schrittes nach Hause. Ich ging in die Küche und kochte mir einen kräftigen schwarzen Tee.

In mir war alles ruhig, nichts von Schadenfreude und Triumph. Die Dinge lagen wieder an ihrem Platz. Meins blieb bei mir, und keiner griff mehr zu.

Grenzen werden nicht am Zaun gezogen, sondern mit klaren Lektionen gesetzt. Wer sich an fremde Haufen wagt, muss mit den Konsequenzen rechnen.

Und ein Paket Trockenhefe liegt nun oben im Regal für den Fall, dass mich noch mal ein ganz besonderer Maikäfer auf die Probe stellt. Ein Rezept für das Miteinander hat eben jeder Nachbar verdient aber es ist immer eine Frage des Timings.

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Homy
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Der letzte Fahrgast im Linienbus