Der letzte Fahrgast im Linienbus

Der letzte Fahrgast

Die Taschenlampe war klein, kaum größer als ein Zeigefinger, an einer Schnur geflochten. Bemerkt hatte ich sie nicht sofort. Zuerst fiel mir der Mensch auf.

Märznacht, Linie 11, Endhaltestelle Werkstraße und zurück. Leerer Bus, draußen Straßenlaternen, der Geruch von Diesel, Gummi und ein Hauch von Kaffee aus meiner Thermoskanne. Ich war im vierten Jahr auf dieser Strecke. Und vier Jahre lang gefiel mir die Nacht besser als der Tag.

Nachts war im Bus fast nie jemand. Die Betrunkenen aus dem Club an der Lindenallee immer als Rudel, laut, ließen Flaschen fallen, stiegen zwei Haltestellen später wieder aus. Krankenschwestern vom zweiten Dienst stiegen leise ein, schlossen die Augen und schliefen bis zu ihrer Haltestelle. Wachmänner. Taxifahrer, deren Wagen verreckt war. Alle kamen, gingen und blieben unbemerkt.

Aber der eine blieb im Gedächtnis.

Mann über sechzig. Nicht groß, kräftig, dunkle Jacke mit Kapuze. Setzte den rechten Fuß immer etwas weiter als den linken, als sei er an unebenen Boden gewöhnt. Saß immer auf demselben Platz dritte Reihe rechts am Fenster. Bezahlt hat er bar, nie Wechselgeld verlangt. Fuhr bis zur Endhaltestelle. Und zurück. Ging nie raus.

Zum ersten Mal fiel er mir Anfang März auf. Der Märzhimmel hing tief, die Stadt vor dem Fenster grau selbst bei Nacht. Aber da saß er, wie ein gelber Fleck im grauen Bild, und drehte etwas in der Hand.

Dann fing ich an zu zählen. Fünf Nächte hintereinander. Zwei ohne ihn. Wieder fünf. Wie im Fahrplan. Fast so, als wäre Nachtsbusfahren sein Job.

Er schlief nicht, las nicht, starrte nicht aufs Handy. Keine Kopfhörer, keine Zeitung, nichts. Einfach sitzen, nach draußen schauen, etwas Kleines drehen in der Hand. Im Rückspiegel sah ich das matte Leuchten, gelb glimmte, erlosch, glimmte erneut. Wie ein Irrlicht, gefangen im Bus, das den Ausgang nicht findet.

Ich war vierundvierzig. Noch nicht fünfundvierzig, aber man fragte mich eh nicht mehr, wie alt ich war man schaute mich an und wusste Bescheid. Breite Hände, von der Arbeit am Lenkrad rau, Fingernägel kurz, rund geschnitten. Rücken leicht nach rechts geneigt Gewohnheit, ständig nach dem Türknopf zu greifen. Berufskrankheit. Selbst daheim ertappte ich mich manchmal dabei, dass die rechte Schulter tiefer hing.

Zwölf Jahre allein. Mein Sohn Felix, zweiundzwanzig, wohnt jetzt mit einer Freundin quer durch die Stadt. Ruft sonntags an, wenn ers nicht vergisst. Ich erinnere ihn nicht dran. Nicht, weil ich nicht will nur weil, wenn ich von mir aus anrufe, sagt Felix nur: Mama, was ist passiert? und der Ton verrät Sorge, keine Freude. Heißt, wenn Mama anruft = irgendwas ist. Einfach so anzurufen, hat sich abgeschliffen. Wir habens verlernt.

Mein Ex verschwand, als Felix zehn war. Zog zu Claudia aus der Buchhaltung, nahm die Jacke aus dem Flur und warum auch immer den Wasserkocher mit. Die Wohnung teilten wir: Er die Zweizimmerwohnung, ich in die Einzimmerwohnung in der Goethestraße, dritter Stock. Ich dachte damals: Ist schon gut. Das schaffst du. Später merkte ich, dass ich gar nichts schaffen musste, weil ohne ihn war es nicht schlechter. Nur ruhiger. Und diese Stille zog sich durch zwölf Jahre.

Seitdem löste das Wort Liebe bei mir ähnliche Gefühle aus wie Einhorn. Schön, aber ausgedacht. Freundinnen erzählten von Ehemännern ich hörte zu und nickte. Liebesfilme schaltete ich auf halber Strecke aus. Kein Groll, einfach Unglaube. Wie der Glaube an den Weihnachtsmann als Kind lässt du dich mitreißen, dann siehst du Papa mit Wattebart im Bademantel und weißt: Ach so ist das wirklich.

Die Nachtschicht war perfekt für mich. Nachts gabs kein Lächel-Zwang, keine Omas mit Rollatoren, keine Schüler mit überdimensionalen Rucksäcken im Gang. Niemand, der schimpfend ins Handy brüllt oder Döner auf dem Rücksitz verspeist. Nachts nur die Straße und die Stille. Und die passten mir. Wie eine maßgeschneiderte Jacke drückt nicht, flattert nicht.

Nur dieser Fahrgast störte die Stille. Nicht durch Krach. Durch bloße Anwesenheit. Wie ein Kiesel im Schuh winzig, aber vergisst du nicht.

Zwei Wochen beobachtete ich nur. Gewöhnt man sich an ihn wie an eine Ampel auf der Strecke. Parkstraße er steigt ein. Werkstraße er sitzt. Zurück zur Parkstraße er steigt aus. Nickt zum Gruß. Ich nicke zurück.

Jede Nacht das kleine Licht, gelb, matt, in seiner Hand.

Ute, meinst du, der ist obdachlos? fragte mich Marion vom Fahrdienst vor der Schicht.

Marion war seit acht Jahren Leiterin der Leitstelle. Kräftig, kupferrote Haare, meist zum Dutt mit einem Kugelschreiber gesteckt. Wusste über alle Fahrer alles wer sich trennt, wer trinkt, wer bald trinken wird. Ich vertraute ihr.

Obdachlose zahlen nicht, sagte ich. Der zahlt jedes Mal. Münzen. Nie Wechselgeld.

Vielleicht durchgeknallt?

Unauffällig. Schaut raus. Tut keinem was. Wippt nicht, redet nicht mit sich selbst. Normaler Typ. Fährt nur.

Marion überlegte. Goss mir Tee aus ihrer Thermoskanne ein Zitrone und Minze, wie immer.

Vielleicht hat ihn seine Frau rausgeschmissen? Kommt schon vor. Krach zu Hause, Frau brüllt: Hau ab!, dann setzt er sich in den Nachtbus, um abzuwarten.

Jede Nacht? Ein Monat? Das wär schon mehr als Krach, das wäre Scheidung.

Marion zuckte die Schultern.

Weißt du, Ute Liebe ist, wenn dich jemand mit dem Wasserkocher erwartet. Alles andere ist Romantik plus Nachtbus.

Ich grinste. Auf mich wartete keiner mit einem Wasserkocher. Zuhause wartete Kater Leopold rotgetigert, dick, die Miene überheblich. Und das auch nur wegen Futter.

Und dennoch bohrte die Frage: Wohin fährt der Mann? Endhaltestelle und zurück, fünf Nächte die Woche, seit einem Monat. Wer macht so was? Und warum überhaupt?

Vielleicht hat er Schlafprobleme. Oder Gedächtnislücken. Vielleicht ist es Gewohnheit aus alten Zeiten Nachtschichtpendler, kriegt den Rhythmus nicht raus.

Alles logisch. Aber alles daneben. Ich sah ihm in die Augen im Spiegel klar, ruhig, konzentriert. Jemand, der genau weiß, wohin er will.

Ich beschloss zu fragen.

***

Es dauerte drei Tage Anlauf. Bescheuert eigentlich fahre jede Nacht denselben Mann, traue mich aber nicht, eine Frage zu stellen. Aber so läuft das bei uns: nah beieinander, aber nicht miteinander. Misch dich nicht ein, frag nicht, bleib außen vor. Grenzen. Ich hielt seit vier Jahren meine Abstände, und das war einfach, alles andere interessierte mich nicht.

Aber bei diesem Mann machte ich eine Ausnahme. Und war sauer auf mich dafür.

Er stieg ein wie immer Parkstraße, zwanzig vor eins. Münzen in die Kasse. Nach hinten, dritte Reihe rechts, Fensterplatz. Kramte was am Band hervor, hielt es in der Hand.

Wir fuhren still durch die Nacht. Draußen Laternen, geschlossene Schaufenster, verlassene Haltestellen. Die Stadt wie ein Bühnenbild nach dem Stopp. Nur wir zwei Statisten, die nicht gegangen sind.

An der Werkstraße, Endstation, drei Minuten Pause. Licht im Bus runter, nur Notbeleuchtung. Gelbes Halbdunkel. Ich stand auf, kam raus.

Er saß auf seinem Platz. Bewegte sich nicht. In der Hand das Ding am Band.

Verzeihung, sagte ich. Darf ich Sie was fragen?

Er hob den Kopf. Seine Stimme war tief, etwas kratzig, als hätte er ein Brötchenstück im Hals.

Nur zu.

Sie fahren jede Nacht. Fällt mir auf schon seit einem Monat. Immer bis zur Endhaltestelle und zurück. Wohin eigentlich?

Er schwieg erst. Schaute mir ins Gesicht ohne Angst, ohne Ärger. Überlegte nur, ob sich’s lohnt zu antworten.

Dann sagte er:

Zu meiner Frau.

Das verstand ich nicht. Die Uhr zwanzig nach eins.

Zu Ihrer Frau? Jetzt?

Rosi hat Nachtschicht. Im Siemens-Werk, Qualitätskontrolle. Und ich fahr mit. Also nicht mit ihr, aber sozusagen in ihrer Nähe. Der Bus fährt am Werk vorbei ich blinke ihr durchs Fenster.

Er hob die Hand. Darauf die kleine Taschenlampe am Band. Gelbes Licht, das Gehäuse abgenutzt, das Plastik an manchen Stellen weiß da, wo er es jede Nacht seit einem Jahr drückte.

Mit der hier, erklärte er.

Ich setzte mich auf den Sitz gegenüber. Beine schwer von sechs Stunden am Steuer.

Sie steigen also jede Nacht ein, fahren bis zum Werk, blinken Ihrer Frau ins Fenster und fahren zurück?

Genau.

Jede Nacht?

Fünf Nächte. Sie hat Fünf-Tage-Schicht, dann zwei frei. An beiden freien sind wir zu Hause. Aber wenn sie arbeitet bin ich hier.

Ich schwieg. Er auch. Draußen leuchtete das Siemens-Werk dreistöckiger Kasten, gebaut irgendwann zu Kohls Zeiten. Putz abgeblättert, an der Mauer rostige Rohre. Aber im dritten Stock brannten gelbe Fenster. Nachtschicht.

Warum? fragte ich.

Er schaute mich an, als hätte ich gefragt, warum man eigentlich atmet.

Würden Sie nicht?

Nein. Würde ich nicht. Mein Ex stand nie von der Couch auf, um mir die Türe aufzumachen. Wenn ich mit Tüten von Edeka kam zwei in der Hand, eine zwischen den Zähnen, weil ich die Schlüssel rauskramen musste. Türklingel. Er öffnete, sah mich an: Was dauert das denn so lange? Nahm mir keine Tüten ab. Trat nicht zur Seite. Fragte nur verschwand zurück zum Fernseher.

Und dieser Mann fährt jede Nacht quer durch die Stadt, nur um seiner Frau ein Lichtzeichen zu geben.

Ich heiße übrigens Gerhard, sagte er. Gerhard Paul. Aber alle sagen Paule.

Ute, stellte ich mich vor.

Er nickte, sah zum Werk.

Rosi und ich sind fünfundzwanzig Jahre zusammen. Geheiratet 2001, sie war 33, ich 36. Spät, klar. Vorher ist es bei uns beiden nicht geklappt. Ich war Werkzeugmacher, sie macht Qualitätssicherung im selben Werk. So haben wir uns kennengelernt. Ich seit vier Jahren in Rente Frührente, Arbeitsbedingungen eben. Sie ist geblieben. Drei Jahre hat sie jetzt Nachtschicht 40% Zuschlag, wir sparen aufs Wochenendhäuschen. Fünfhundert Quadratmeter, in Obertal, mit Zaun, Apfelbaum. Rosis Traum: Erdbeeren im Garten.

Er erzählte das ziemlich nüchtern. Kein Eigenmitleid, kein Schmonz. Einfach wie Wetter oder Bahnfahrplan.

Den ersten Monat kam ich kaum zum Schlafen, wenn sie weg war. Liege im Bett, starre die Decke an, frage mich wie wohl jetzt, draußen so dunkel und kalt, läuft sie da alleine zum Werk, zweihundert Meter von der Bushaltestelle. Wenn sie ausrutscht? Wenn jemand sie anspricht? Aber anrufen kann ich nicht am Arbeitsplatz sind Handys tabu.

Er schwieg, rieb sich das Knie.

Dann fiel mir ein: Es gibt doch die Linie 11. Fährt am Werk vorbei. Ich steig ein fahre mit. Sie sieht dann ich bin da. Nicht wirklich. Aber sie weißs.

Und sie hat es wirklich gesehen?

Nicht sofort. Eine Woche bin ich mitgefahren, hab geblinkt. Sie ahnte nichts. Licht im Bus, spiegelt eh alles. Zuhause hab ich’s ihr gesagt: Rosi, ich blinke dir jeden Abend ausm Bus. Guck doch mal, wenn der 11er am Werk vorbei fährt. Sie hat gekuckt. Und morgens angerufen: Paule, warst du das mit der Lampe? Ich sagte ja. Sie hat geweint. Blink weiter, sagte sie.

Mir schnürtes die Kehle ab. Fast wie ein Krümel Brötchen verschluckt. Komisches Bild, aber so fühlte es sich an.

Und zurück?

Wohin denn sonst um nachts halb zwei, Werkstraße? Nur Industriegebiet hier, Zäune, Asphalt, jede zweite Laterne kaputt. Ich fahre zurück, lege mich ins Bett. Um sechs aufstehen sie erwarten.

Von der Arbeit?

Von der Arbeit. Ich mach Frühstück, Haferbrei mit Sultaninen, mag sie besonders. Und Tee. Minze vom Balkon, im Winter getrocknet. Im Sommer frisch.

Ich dachte an Marions Wasserkocher: Liebe ist, wenn jemand mit dem Wasserkocher auf dich wartet. Aber das hier war mehr. Hier gab es eine Taschenlampe, Nachtbus und Haferbrei. Fünfundzwanzig Jahre und Balkonminze. Und ein Gartengrundstück, für das beide zusammen sparsam bleiben.

Die drei Minuten Pause waren um. Ich kehrte zurück ans Steuer, fuhr los. Gerhard Paul saß auf seinem fest angestammten Platz. Die Lampe auf dem Knie.

Ich lenkte den Bus zurück durch die leeren Straßen und dachte nach. Zwölf Jahre allein, nie niemandem geblinkt. Und keiner blinkte mir je. Der Ex nahm den Wasserkocher ich blieb mit Katze und Nachtschicht. Pardon, mit Kater Leopold, der sich nie über mich, nur übers Futter freut.

Aber ich war nicht gekränkt. Ich war erstaunt. So was gibts also wirklich. Nicht im Film, im Buch im Bus Nummer 11, Strecke Parkstraße Werkstraße. Ein ganz realer Mann mit einer abgewetzten Taschenlampe fährt durch die Nacht, nur damit die Frau kurz Licht sieht.

An der Parkstraße stieg er aus. Nicken wie gehabt.

Ich schaute ihm hinterher gemächliches Gehen, rechter Fuß weiter als links, dunkle Jacke. Ein typischer Rentner. Und ein ganz besonderer.

***

Die nächste Nacht bremste ich absichtlich etwas länger vorm Werk. Nicht an der Haltestelle ein Stück weiter, wo die Straße direkt unter den Fenstern vom dritten Stock entlangführt. Fahrplanverstoß, aber wer kontrolliert schon um zwei Uhr?

Gerhard Paul zog die Lampe hervor. Drei kurze Blitze, drei lange, wieder drei kurze. Routinierte Finger, präzise Taktung, Gewohnheit eines Werkzeugmachers, der Kleinarbeit gewohnt ist.

Ich schaute in den Rückspiegel. Dann nach vorn. Im linken Eckfenster, dritter Stock, blitzte Licht. Klein, schwach, kaum zu sehen. Auch: dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz.

Eine Antwort.

Mir stockte der Atem. Ich saß und starrte auf zwei Lichter eins im Bus, eins im Werk. Hundert Meter Finsternis dazwischen. Ziegel, Glas, Märznacht. Und quer über alles zwei kleine gelbe Strahlen, die sich finden.

Nur eine Taschenlampe. Nur ein Fenster. Zwei Menschen, die sich nachts Lichtzeichen geben. Da kapierte ich sofort: Das ist echt. Nicht das, was im Fernsehen läuft, wo man umschaltet. Echt. Da drückts in der Nase, man will wegsehen, weil man sich beim Gucken ertappt fühlt.

An der Endhaltestelle stieg ich aus.

Das ist Ihr Code? fragte ich.

Gerhard Paul stand an der Bustür, steckte die Lampe ein.

Unserer, antwortete er. Keine Morsezeichen, ich bin kein Funker. Habe es einfach so ausgedacht. Drei kurze wie Herzschläge. Drei lange wie Umarmung. Und wieder drei kurze loslassen. Rosi lachte erst, als ichs ihr zeigte. Du bist Romantiker, meinte sie. Ich bin keiner, ehrlich. Ich vermiss sie nur. Auch wenn sie direkt hinter der Wand ist. Sie hat den Code sofort gelernt. Jetzt blinkt sie jede Nacht zurück.

Und wie lange schon?

Ein Jahr. Bei jedem Wetter. Letzten Januar minus zwanzig, Sie erinnern sich? Bus hatte Verspätung. Stand vierzig Minuten in der Kälte, Füße erfroren. Aber geblinkt hab ich trotzdem. Sie morgends: Hab dich gesehen. Sieben Minuten warst du zu spät. Ich hab gezählt.

Ein Jahr. Fünf Nächte die Woche. Über zweihundertfünfzig Fahrten. Für ein paar Sekunden Lichtzeichen.

Früher hätte ich gedacht: total verrückt. Einer, dem langweilig ist. Jetzt schwieg ich. Denn alles, was ich hätte sagen können, war blass gegen dieses Licht.

Ich nahm meinen Platz ein. Fuhr los. Im Spiegel: Gerhard Paul, entspannt, vielleicht sogar stolz. Er machte jede Nacht dasselbe und es reicht ihm.

In den nächsten Nächten beobachtete ich genau. Wollte wissen, obs nicht Selbsttäuschung war. Vielleicht tut nur er so, als ob. Vielleicht blickt Rosi gar nicht mehr raus, vielleicht sieht sie nur Gespenster. Vielleicht Routine statt Liebe. Ein Ritual ohne Grund.

Doch an Nacht vier sah ich beim Vorbeifahren: Am dritten Stock stand eine Frau am Fenster, kastanienbraune Haare, Zopf. Und eine Lampe. Klein, gelb. Wie seine.

Sie wartet. Ganz wirklich und jede Nacht. Steht am Fenster und wartet auf das Zeichen.

Eine Woche später war der Bus kaputt. Kompressor oder anderes an der Bremse keine Ahnung, Werkstatt angerufen. Ersatz-Pendelbus kam klein, klapprig, mit einer Heizung, die nur den Fahrersitz wärmt.

Gerhard Paul kam wie immer. Er sah das Ersatzvehikel, zögerte doch eine Sekunde, stieg trotzdem ein. Saß vorn bei mir, alle anderen Plätze voller Werkzeug und Ersatzteile.

Die Fahrt im Ersatzbus war unbequem: Motor röhrte, Karosse vibrierte, die Federung knallte in jedem Schlagloch. Aber Gerhard Paul hielt die Lampe fest wie im Salonwagen.

An der Endstation stiegen wir beide an die frische Luft. Aprilnacht, kalt, Atem sichtbar. Am Werk leuchteten die Lichter im dritten Stock.

Er blinkte. Sie antwortete. Wie immer.

Gerhard Paul, sagte ich. Fünfundzwanzig Jahre, das ist ein Leben. Wird das nie zu viel?

Er nahms nicht übel. Lächelte sogar, rieb seine roten Finger.

Na klar ist das anstrengend. Bin ja kein Jungspund. Sie wird sechzig, ich bin’s schon. Die Gelenke ui, reden Sie mir davon. Aber das hier das ist ein anderes anstrengend. Gewöhnt halt.

Also eigentlich Gewohnheit, kein Muss?

Nein. Diese Art von Gewohnheit will man nicht loswerden. Rauchen hab ich abgewöhnt, das war schwer, drei Monate gelitten. Aber Rosi die will ich nicht loswerden. Wissen Sie es gibt Gewohnheiten, die machen dich fertig. Und welche, die halten dich. Sie hält mich.

Und halten Sie sie?

Hoffentlich, sagte er. Ich weiß nicht sicher. Sie sagt nicht: Paule, du bist mein Rückgrat. Sie sagt: Paule, lass das Fenster zu. Oder: Hol Brot. Aber ich hör’s. Atmet ruhiger, wenn ich da bin. Ist nervös, wenn ich geh. Hebt den Schutzschild, sozusagen.

Ich schwieg. Hörte zu. Über uns summte eine der letzten Straßenlampen. Die meisten im Industriegebiet waren längst ausgebrannt.

Liebe ist nicht, wenn das Herz hüpft, sagte er. Liebe ist, wenn es weiß, wohin. Ohne Kopf. Die Beine machen schon. Ich steige jede Nacht in den Bus, denke nicht nach, warum. Ich könnte genauso wenig nicht fahren wie nicht atmen. Probieren Sie mal nicht zu atmen geht nicht. Also geht für mich auch nicht, nicht zu fahren.

Was, wenn Sie krank werden? Oder der Bus fällt aus?

Dann Taxi. Habs auf die Seite gelegt, einhundert Euro im Umschlag, hinterm Spiegel. Fällt der Bus aus gehe ich zu Fuß. Vier Kilometer, eine Stunde. Habs einmal schon gemacht, im November. Bus fiel aus, Technik. Bin losmarschiert. Rosi fragte am nächsten Morgen: Warum bist du gehumpelt? Ich: Ich hab nicht gehumpelt. War nur müde.

Er lachte ein kehliges Lachen. Da wusste ich: Da sitzt einer, der genau weiß, warum er lebt. Nicht im philosophischen Sinn sondern da, wo Lampen, Bus und Porridge mit Rosinen zählen. Wo es zählt, Brot zu besorgen und Fenster zuzumachen. Und ich war ein bisschen neidisch. Nicht auf seine Frau, nicht auf ihre Liebe auf seine Gewissheit.

Ich dachte immer: Liebe sei was Riesiges. Grosse Gesten, Opfer, perfekte Worte zum Sonnenuntergang. Und jetzt eine kleine abgenutzte Taschenlampe an Band, ein stiller Mensch im Nachtbus. Und das ist mehr als alles, was ich in vierundvierzig Jahren erlebt habe.

Wir kletterten zurück in den Bus. Ich startete. Die Heizung pustete warme Luft aufs Glas. Gerhard Paul steckte die Lampe ein, drückte die Hand ans Herz ich sah es im Rückspiegel.

Wir fuhren schweigend. An der Parkstraße stieg er aus, nickte. Ich schaute ihm noch lange nach. Rechter Fuß weiter als links, gemessen, Hände in der Tasche. Normaler Rentner. Und doch…

Zuhause stieg ich aus, fütterte Leopold, legte mich hin. Holte mein Handy. Suchte Felix in den Kontakten. Schaute aufs Display. Fünf vor vier morgens. Zu früh. Aber die Nummer leuchtete auf dem dunklen Bildschirm und ich schlief mit dem Handy in der Hand ein.

***

Nächster Tag, zwei Uhr nachmittags rief ich an. Felix war überrascht.

Mama, was ist los?

Nichts. Einfach so.

Pause. Ich hörte ihn nachdenken: Mama ruft ohne Grund an? Die Mama, die ein halbes Jahr nicht zuerst anrief?

Mama, alles okay mit dir?

Alles bestens. Und dir? Wie läuft es mit Lena?

Läuft. Arbeit, wie immer. Was los?

Felix sagte ich. Wollts dir nur sagen. Du bist mir wichtig. Einfach so. Damit dus weißt.

Pause. Lange. Ich sah ihn innerlich am Küchentisch da antwortet er immer und weiß mit seiner zweiten Hand nichts anzufangen.

Du mir auch, Mama.

Kurz. Etwas holprig. So sind sie in unserer Familie schon mein Vater, mein Opa. Gefühl war Mundverbot. Mir reichte das. Ich legte auf und lächelte.

Dann ging ich zum Bastelladen an der Ecke. Nennt sich Alles für Heim und Garten, es riecht nach UHU, Waschpulver und Plastik. Die Taschenlampenabteilung: zwanzig Stück, von Knüppellänge bis Schlüsselanhängergröße.

Ich nahm die kleinste. Mit gelbem Licht. Kaum größer als ein Finger. Ohne Band das kümmere ich mich. Aus Packband, wie bei Gerhard Paul. Die Kassiererin, stattlich in blauem Kittel, fragte:

Batterien dazu?

Ja, bitte.

Zuhause drückte ich probierend auf den Knopf. Gelber Lichtkegel an der Decke. Leopold sprang verschreckt runter und rollte sich unters Bett. Ich leuchtete gegen die Wand. Kleiner, runder, warmer Kreis Licht. So wie im Bus.

Probiert: Drei kurz, drei lang, drei kurz. Klappte nicht sofort Finger hakten, Knopf schwergängig. Beim zweiten Versuch dauerte lang zu lang. Beim dritten Versuch wurden es vier kurz. Beim vierten Mal passte es. Herzschlag. Umarmung. Loslassen.

Ich weiß nicht, wem ich jetzt leuchten werde. Vielleicht dem Sohn. Vielleicht mir selbst. Vielleicht einfach in die Dunkelheit, wie Gerhard Paul, als Rosi noch nicht wusste, dass das Licht er ist. Eine Woche hat er geblinkt, ohne jede Erwartung. Einfach, weil er nicht anders konnte.

Die Taschenlampe wanderte in die Jackentasche. Und ich war ruhiger. Als wüsste ich jetzt auch einen geheimen Code. Nicht den von anderen meinen eigenen.

Abends zur Schicht. Marion schenkte Tee ein Zitrone, Minze, wie immer.

Und, dein Fahrgast? Fährt er noch?

Fährt, sagte ich.

Weißt du jetzt, warum?

Weiß ich.

Na und? Dreh nicht durch, los, erzähl!

Marion, sagte ich. Da lagst du falsch. Liebe ist nicht, wenn dich einer mit dem Wasserkocher erwartet. Liebe ist, wenn einer jede Nacht mit einer Lampe durch die Stadt fährt. Ein Jahr. Bei minus zwanzig. Ohne Klagen.

Marion sah mich an, als hätte ich einen Sonnenstich. Mund auf, zu. Dann:

Ute, bist du verliebt in deinen Fahrgast?

Nein, antwortete ich. Verliebt nicht. Gesehen habe ichs.

Sie hat es nicht verstanden. Ich versuchte auch nicht, es zu erklären. Das muss man nachts selbst erleben, im Bus, wenn die Stadt schläft und zwei Menschen sich mit Lichtzeichen begegnen, hundert Meter durch die Dunkelheit.

Nacht. Schicht. Der Bus lief wieder alt, vertraut, mit Dieselgeruch, Gummi, Kaffee. Ich startete, Drehzahlmesser zuckte, Motor brummte.

An der Parkstraße, zwanzig vor eins, kam Gerhard Paul. Münzen klirrten. Dritte Reihe, rechts, Fenster. Lampe am Band in der Hand. Alles wie immer.

Ich lenkte durch leere Straßen. Ampeln blinkten gelb Nachtmodus. Keine Autos, keine Fußgänger. Die Stadt im Schlaf. Unser Bus fuhr.

An der Werkstraße hielt ich etwas weiter, nah an den Fenstern vom Werk.

Gerhard Paul zog die Taschenlampe. Drei kurz, drei lang, drei kurz.

Ich blickte aufs Fenster. Eine, zwei, drei Sekunden.

Blitzen. Mattes Licht im dritten Stock, antwortend. Drei kurz, drei lang, drei kurz.

Rosi antwortete.

Gerhard Paul steckte die Lampe ein. Lehnte sich zurück. Im Spiegel sah ich er lächelte. Da bewegte sich auch bei mir etwas in der Brust. Nicht Traurigkeit, nicht Neid. Eher Trost, weil ich in der Nähe von echtem Leben war.

Ich griff in die Jackentasche. Die kleine Lampe, warm vom Körper. Umklammert in der Faust.

Dann zog ich sie raus. Sah zum Werkfenster, wo das Licht schon wieder weg war. Rosi bei der Arbeit. Sah raus auf die dunkle Straße, die Lichter, den nassen Asphalt, den aprillauen Himmel ohne Sterne.

Knopfdruck.

Drei kurz. Drei lang. Drei kurz.

Ein gelber Kreis auf der Windschutzscheibe, verloren auf der feuchten Straße. Niemand antwortete. Aber das war egal. Ich leuchtete und mir wurde wärmer. Als würde doch jemand sehen. Irgendwo. Jemand.

Im Rückspiegel schaute Gerhard Paul mich an. Und nickte. Sagte nichts. Nickte einfach.

Ich steckte die Lampe ein. Startete. Fuhr ihn zurück nach Hause, zum Frühstücksbrei, Balkonminze, zu Rosi, die um sechs Uhr reinkommt und sagt: Paule, ich hab dich gesehen. Heute hast du zwei Sekunden früher angefangen zu blinken.

Im März glaubte ich nicht an Liebe. Im April hatte ich eine Taschenlampe in der Jacke.

Und jede Nacht, an der Endstation Werkstraße, blinkte ich in die Dunkelheit. Drei kurz das Herz klopft. Drei lang ich halte dich. Drei kurz ich lass dich wieder los.

Der Geruch von Diesel, Gummi und vielleicht ein bisschen Hoffnung.

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Homy
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