Verbotenes Alter
Mama, weißt du eigentlich, wie das von außen aussieht? fragte Annika, und sie musste gar nicht laut werden ihre ruhige Stimme kam viel schärfer an als ein Schreien. Sie saß der Mutter am Küchentisch gegenüber, beide Hände um ihre Kaffeetasse, und ihr Blick war einer, den man sonst nur Fremden zuwirft, die sich öffentlich blamieren. Die Leute im Café haben euch gesehen. Mir hat eben Sabine Koch angerufen und gefragt, ob bei dir psychisch alles im Lot ist.
Mit meinem Verstand ist alles bestens, sagte Renate Berger und stellte ihre Tasse ab. Das feine Porzellan klirrte auf dem Unterteller.
Er ist dreißig, Mama. Dreißig. Weißt du überhaupt, was er von dir will? Deinen Blumenladen, die Wohnung in Winterhude, eine Witwe mit viel Herz aber ohne weitere Verpflichtungen.
Annika
Nein, hör mir einfach mal zu. Ich will nicht, dass du ausgenutzt wirst. Du bist ein guter Mensch, du vertraust zu leicht, und du bist seit Jahren allein. Gerade das macht dich angreifbar.
Renate schaute aus dem Fenster. November in Hamburg, alles in Nebelmilch getaucht, die Straßenlaternen an der Alster leuchteten matt und widerwillig, so als hätte die Stadt versucht, sich vor der eigenen Schönheit zu verstecken. Sie dachte daran, was Paul jetzt wohl sagen würde er schrieb immer irgendwas über Licht. Es ging immer ums Licht.
Er ist kein Gigolo, sagte sie leise.
Das sagst du nur, weil du verliebt bist. Menschen in deinem Zustand denken nie klar in keinem Alter.
Dieses in keinem Alter klang weich, fast zärtlich, aber Renate verstand genau, was Annika meinte: Besonders in deinem.
Sie antwortete nicht. Nippte an ihrem längst kalten Kaffee und ließ den Nebel draußen langsam ihre Gedanken füllen.
Kennengelernt hatten sie sich Anfang November, an einem dieser Tage, an denen Hamburg wie Hamburg schmeckte nicht wie die Stadt auf den Werbeplakaten, sondern wie echtes, matschiges Laub, feuchter Asphalt, Bleihimmel. Renate hatte um acht Uhr morgens ihren Blumenladen Erstes Blatt aufgeschlossen das hatte Paul so genannt, vor sieben Jahren, als alles begann. Paul war jetzt drei Jahre tot, aber dem Namen blieb Renate treu, auch wenn sie sich manchmal fragte, ob ein neuer nicht einfacher wäre.
Ben trat gegen Mittag ein groß, dunkelgrauer Mantel, Zeichenrolle unter dem Arm, Skizzenblock geschultert. Sein Blick sagte: Falsches Ziel, aber besser als erwartet.
Guten Tag, sagte er. Ich brauche einen Strauß, habe aber keine Ahnung, welchen. Er ist für eine Villa an der Alster. Wir restaurieren gerade am Freitag kommt der Investor. Im Foyer brauche ich etwas Lebendiges. Etwas Echtes.
Echtes ist nicht: weiße Lilien in Plastikfolie, sagte Renate.
Genau.
Was für eine Villa?
Mitte 19. Jahrhundert. Eklektizismus, italienisch inspiriert. Wir richten Fliesen und Stuck wieder her, halbes Jahr dran gearbeitet. Wärme, Ockertöne, da passt alles, was lange bleibt und keinen Auftritt braucht.
Renate dachte, selten hat jemand so lebendig über Räume gesprochen. Sie streckte die Hand aus, nahm Eukalyptus, entschied sich für Amaranten in Bordeaux und Ocker, fügte etwas Lavendel dazu.
Das hier, sagte sie schließlich. Lavendel. Bleibt lange frisch, duftet wie alte Häuser es brauchen.
Er schaute ihr zu, so, wie man jemandem zusieht, der ein Rätsel löst.
Kennen Sie sich mit Architektur aus? fragte er schließlich.
Nein. Aber mein Mann war Bauingenieur. Etwas ist hängen geblieben.
Warum sie von Paul sprach, wusste sie selbst nicht. Es passierte einfach.
Verstehe, sagte Ben, und maß sie dabei nicht mit dem mitleidigen Blick, den andere in solchen Momenten draufhaben. Auch das war angenehm.
Er zahlte, verbeugte sich mit einem Nicken und verschwand. Renate beobachtete ihn durch das Schaufenster, dann widmete sie sich wieder den Tulpenlieferungen. Ihre Mitarbeiterin Ute faselte etwas von Montagsblumen der Alltag hatte sie zurück.
Am nächsten Tag stand er wieder da.
Der Investor fand den Strauß das Beste an der ganzen Präsentation, verkündete er trocken, aber in seinen Augen glitzerte etwas.
Gute Baukunst und guter Lavendel unschlagbar, entgegnete sie.
Ich brauch noch einen. Für den Besprechungsraum. Anderes Licht, andere Stimmung.
Wieder diskutierten sie über Farben und Formen; diesmal ging Ben mit weißer Eustoma und Baumwollzweigen. Er kam übermorgen wieder. Und dann noch einmal. Immer neue Anlässe.
Am fünften Tag fragte er, wo es gutes Café in der Nähe gibt. Renate empfahl eins an der Jarrestraße guter Kaffee, immer Platz. Ob sie mitkommt, fragte er lachend. Sie überlegte kurz und sagte, dass Ute gut allein klar kommt.
Im Café war es warm, es duftete nach Kardamom. Sie saßen am Fenster, draußen rieselte der erste Schnee nicht ernstzunehmender Hamburger Schnee, sondern Versuchsschnee. Ben erzählte von restaurierten Fliesen und der verzweifelten Suche nach Fliesenlegern, die diese noch beherrschen. Renate berichtete von ihren Blumen afrikanische Proteas, die sich im Norden erstaunlich heimisch fühlten. Sie sprachen über Wim Wenders, beide mochten Der Himmel über Berlin, und keiner konnte erklären, warum. Sie sprachen über Erich Kästner und wie Gedichte eigentlich laut gelesen werden müssen.
Eine halbe Stunde wurde zu zweien.
Im Laden schaute Ute sie später mit so einem Gesicht an, das schon alles sagte. Renate bemerkte, dass sie beim Ablegen des Mantels lächelte fast peinlich, als hätte man sie beim Naschen erwischt.
Sie war fünfundfünfzig. Ihr dunkles Haar kaschierte sie gewissenhaft, doch die grauen Schläfen traten sieghaft hervor. Die Hände Floristenhände: ein bisschen Erde, angeknackste Nägel, Kratzer, für Maniküre keine Zeit. Sie schaute schon lange nicht mehr nach sich im Spiegel wie mit dreißig. Damals suchte sie ihr eigenes Gesicht, heute prüfte sie nur, ob alles saß.
Paul hatte sie geliebt und sie ihn. Liebe zwischen Erwachsenen stillschweigend, verlässlich. Als Paul starb, trauerte sie ausgiebig, dann gewöhnte sie sich an die neue Stille. Sie war nicht beängstigend, nur still: Abende mit Buch, Sonntage unter Blumen, ohne Eile.
Und dann dieser November. Und dieser Mann, der ihr so aufmerksam zuhörte wie lange niemand mehr.
Sie verbot sich, das berühmte Was-wäre-wenn zu denken. Sagte sich: netter Mensch. Angenehme Gesellschaft. Einfach nur November, in dem alle das Bedürfnis nach Wärme verspüren.
Ben Albrecht. Einunddreißig. Architekt für Denkmalschutz. Gebürtig aus Kiel, seit Uni-Zeit in Hamburg, nie mehr weg. Sagte, hier verstehe er, wozu seine Arbeit gut sei: Jedes Altbauhaus ist eine Aufgabe von vor hundertfünfzig Jahren. Er wohnte allein in einem Altbau in Altona, mit fünf Meter hohen Decken und stets kaputtem Fahrstuhl. Über Privates redete er wenig, und Renate fragte nicht nach.
Ben tauchte fast täglich auf mal kaufte er Blumen, mal nur ein Gespräch. Ute beobachtete schweigend, mit dem Gesichtsausdruck einer Frau, die den Plot schon kennt. Renate tat, als merkte sie nichts.
Mitte November lud er sie zur Ausstellung ein ein junger Hamburger Architekt stellte Entwürfe zum Umbau alter Fabriken vor. Ben kommentierte leise, bewertete ehrlich, ohne zu verletzen oder zu schmeicheln. Renate wusste: Nur wer viel mit Material gearbeitet hat, verliert die Angst vorm Irrtum.
Später spazierten sie an der Elbe; sie hatte den Mantel bis zum Kinn zugezogen, er deutete auf Gebäude am anderen Ufer, dabei streifte seine Hand ab und zu ihren Ellenbogen. Keine große Geste aber genau das erzeugte einen warmen Stich in ihr.
Bist du nicht gelangweilt mit mir? fragte sie plötzlich.
Er blieb stehen, sah sie direkt an.
Nein. Und mit mir?
Nein, sagte sie ehrlich.
Er nickte als sei das die einzig wichtige Antwort. Die Elbe lag ruhig und schwer da, das Licht spiegelte sich im Wasser. Es roch nach feuchtem Laub und einem Anflug Schnee.
Renate kam erst gegen elf heim. Ihre Wohnung empfing sie mit Ruhe und dem Geruch von poliertem Holz. Sie trank still ein Glas Wasser, stand lange am Küchenfenster und blickte auf die leeren Straßen. In ihr war etwas Neues kein Glück, keine Sorge, sondern: ein milder, leiser Luftzug, sommerlich, obwohl draußen November wütete.
Sie dachte: Wie lächerlich eigentlich. Dreiunddreißig trifft sechsundfünfzig. Zwei Jahrzehnte und noch ein bisschen ein ganzes, anderes Leben. So etwas gibt es eigentlich gar nicht.
Trotzdem. Da war was. Und sie war ehrlich genug, es nicht zu leugnen.
Ende November gestand er es ihr. Sagte es geradeheraus, mit schlichten Worten: Ich denke viel an Sie. Und es fühlt sich gut an. Sie schwieg lange. Sie saßen im selben Café, diesmal lag draußen Schnee, echt und weiß, noch unberührt.
Ben, sagte sie schließlich.
Ich weiß, was Sie sagen möchten.
Was denn?
Dass das unmöglich ist. Dass ich zu jung bin. Was die Leute sagen. Dass Sie sich fürchten.
Ich habe keine Angst, stellte sie überrascht fest. Und es stimmte sogar.
Was dann?
Sie betrachtete sein noch faltenloses Gesicht, seine Hände ohne Altersflecken, diese beiläufige Jugend, die keineswegs als Angebot gemeint war ja nicht einmal zur Schau gestellt wurde.
Ich weiß es nicht, antwortete sie.
Das auch war ehrlich.
Sie begannen sich zu treffen. Leise, ohne Theater. Kino, Tapas-Bars in Winterhude, Spaziergänge. Er erzählte von seiner Arbeit, sie von ihren eigenwilligen Kunden, zum Beispiel dem, der jeden Freitag eine einzige weiße Rose holt und nie erklärt, für wen. Sie lachten viel. Schweigen konnten sie auch gemeinsam eine seltene Gabe.
Sie fühlte sich seit Ewigkeiten zum ersten Mal lebendig. Nicht, weil ständig etwas passierte, sondern weil sich im Inneren etwas verschob.
Anfangs schwieg Renate vor Annika. Erst aus Hoffnung, dass sich das alles von allein erledigen würde. Dann wusste sie, Annika könnte es nicht begreifen. Später war es ohnehin zu spät, noch zu vertuschen.
Sabine Koch hatte sie dann im Café am Jungfernstieg erwischt. Wie sie am Fenster saßen, miteinander redeten, Ben irgendwas auf dem Handy zeigte vielleicht Pläne, vielleicht Urlaubsfotos nichts Besonderes. Zwei Menschen im Café.
Sabine informierte Annika noch am selben Abend.
Mama, weißt du eigentlich, wie das von außen aussieht?
Dieser Küchentisch-Talk war nicht der erste. Es folgten noch härtere. Annika malte das typische Schreckensbild: Männer in dem Alter suchen ältere Frauen nur aus Schwäche oder Berechnung; bald holt ihn die Sehnsucht nach Gleichaltrigen, Kindern, neuer Familie ein. Und Renate? Bleibt zurück. Nur mit Schmerz und Scham.
Ich will einfach nicht, dass du wieder leidest, sagte Annika, ehrlich bewegt. Genug durchgemacht hast du eh schon.
Annika, entgegnete Renate damals ruhig. Ich leide diesmal nicht. Zum ersten Mal seit über drei Jahren nicht.
Auch das geht vorbei.
Kann sein.
Aber Annikas Sätze blieben. Nicht als Wahrheit, sondern als winzige Splitter. Wie ein Fremdkörper, still und dauerhaft spürbar. Renate ertappte sich dabei, dass sie Ben kritischer betrachtete, überall Beweise oder Warnzeichen suchte. Das war nicht gut und veränderte ihre Beziehung.
Sie erwischte sich oft am Spiegel, plötzlich registrierte sie Fältchen, altersfleckige Hände, ihren Hals. Sie schlief schlecht, lag stundenlang wach: Was, wenn Annika doch recht hat? Nicht, weil er schlecht wäre. Sondern wegen Zeit. In zehn Jahren sie 66, er 41. In zwanzig: sie 76, er 51. Das ist keine Ungerechtigkeit, das ist Mathematik, gegen die kein Blumengutschein der Welt hilft.
Die Angst vor dem Älterwerden bei Frauen ist sie kein Gedanke, sondern eher wie ein Zug, der durchs geschlossene Fenster pfeift. Das Fenster ist dicht, und doch zieht es.
Anfang Dezember machte sie Schluss. Ein Anruf, kurz und schmerzhaft: Ich habe nachgedacht. Es ist besser, wenn wir das lassen. Er schwieg, fragte dann nur:
Warum?
Es ist richtig so.
Für wen richtig?
Sie antwortete nicht. Er sagte nur:
Renate, bitte, tun Sie das nicht nicht aus Kummer, sondern weil Sie selbst nicht daran glauben, was Sie sagen.
Ben.
Schon gut. Ich habe verstanden.
Danach meldete er sich nicht mehr. Kein Besuch im Laden. Jeden Morgen horchte Renate vergeblich auf die knarrende Ladentür. Ute wusste längst Bescheid, gab aber keine Kommentare ab. Die Chrysanthemen hingen in ihren Eimern. November war vorbei, Dezember kam. Dann Januar.
Januar in Hamburg: das sind sechs Stunden irgendwie zwischen Tag und Nacht, das Licht ein halbes Zwielicht. Renate arbeitete, las, unterhielt sich mit Ute über Blumenzulieferungen, fuhr jeden Sonntag zu Annika, spielte mit Kater Klaus, trank Tee, hörte sich an, was Schwiegersohn Martin so arbeitete. Alles lief rund. Korrekt.
Nur ihre Sträuße, bemerkte sie, waren anders geworden. Es fehlte etwas. Ute brachte es vorsichtig zur Sprache.
Frau Berger, in letzter Zeit ist alles so zurückhaltend bei Ihnen. Den Leuten gefällts, aber irgendwas fehlt.
Renate betrachtete den Strauß: weißes Eustoma, viel Grün. Schön. Korrekt. Aber wirklich da fehlte was.
Sie musste an ihn denken. Nicht ständig, aber öfter als gewollt. Die Art, wie er über Räume sprach, wie er zuhörte, bei völlig Belanglosem, und wie er manchmal beim Gehen leicht ihren Arm streifte solcher Kleinkram, aber einfach vollkommen.
Annika fragte sie im Januar einmal:
Und, wie gehts?
Gut.
Der Typ von damals, kommt der noch vorbei?
Nein.
Annika nickte mit deutlich sichtbarem Aufatmen. Renate sah sie lange an. Sie war schön, klug und einfühlsam sie meinte es wirklich nur gut. Nur: Das Glück, das Annika ihr gönnte, hatte eine andere Form als Renates eigenes.
Der Februar kroch langsam vorbei. In diesen Wochen las Renate Doktor Schiwago noch einmal. Nicht, weil es passte, sondern einfach so. Sie saß abends stundenlang im Sessel früher Pauls Lieblingsplatz , las, legte es weg, dachte dabei nicht an Schiwago oder Lara, sondern vielmehr, was passiert, wenn man das Richtige statt das Eigentliche wählt.
Mitte Februar kam Ute ins Geschäft.
Frau Berger, ich hab was für Sie. Ein großes Paket stand heute vor der Tür.
Renate eilte in den Laden. Draußen stand eine lange, schmale Holzkiste. In Sägespänen lagen Zweige weißer Forsythien, noch ungeblüht. Daneben eine kleine Karte: Sie blüht, bevor die Blätter kommen. Sie fragt nicht um Erlaubnis.
Ute betrachtete sie abwartend. Renate schnaubte:
Guck nicht so.
Ich sag doch nichts, murmelte Ute.
Renate stellte die Forsythie in eine Vase am Eingang. Drei Tage später waren die Zweige voller kleiner gelber Blütchen. Der Laden wurde schlagartig ein anderer. Mehrere Kunden blieben am Eingang stehen, wollten wissen, was das ist und ob sie es kaufen dürfen.
März. Der Schnee taute so widerwillig, wie ein Berliner, der keinen Abschied nehmen will. Renate dachte über die Forsythie nach, über die Karte, über einen Menschen, der weiß, wie Räume sprechen.
Sie rief nicht an. Aber sie dachte daran.
Ihr Geburtstag fiel wie jedes Jahr auf den 8. März. Peinliches Datum: Zwischen Frühlingsblumen und Gratulationskarten versickerte der eigene Ehrentag fast ganz. Sie wurde sechsundfünfzig. Annika kam mit Martin, brachte Kuchen und Sekt. Man saß, man redete. Annika wirkte schuldig, versuchte aber zu kaschieren. Martin schwärmte vom Angeln, Kater Klaus posierte auf dem Fensterbrett und gab den Unbeteiligten.
Renate blickte auf den Tisch, sah den Tortenkranz mit den rosa Rosen, die Sektgläser. Dachte: Das ist also Leben. Solides, nettes, korrektes Leben. Tochter da, Schwiegersohn auch okay, warme Wohnung, Laden läuft. Was fehlt?
Sie wusste es ganz genau, traute sich aber nicht, es auszusprechen.
Als Annika und Martin abfuhren, blieb sie mit Sektglas am Fenster zurück. Es dämmerte schon wieder. Hamburg im März, das ist der Monat, der mittags auf Frühling macht, abends aber doch Winter bleibt. Draußen war nichts los. Renate dachte an die Forsythie, an die Blumenlieferung morgen zum Frauentag, und an die absurde Tatsache, dass sie jetzt als Sechsundfünfzigjährige mit einem Glas Sekt an einen Mann denkt, der gerade mal Einunddreißig ist.
Da klingelte es.
Sie öffnete ohne nachzudenken Nachbarin vielleicht, oder Annika hat was vergessen. An der Tür stand Ben. Selber Mantel, selbe Zeichenrolle. Keine Blumen, einfach er selbst.
Alles Gute zum Geburtstag, sagte er.
Woher wissen Sie?
Ute hats mir verraten.
Ute, wiederholte sie trocken.
Ich hab sie um die Information angefleht. Darf ich reinkommen?
Sie gab Platz. Er streifte den Mantel ab, betrat das Wohnzimmer, legte die Rolle auf den Tisch.
Was ist das? fragte sie.
Pläne. Haus in Wedel. Grund gekauft im Oktober. Baubeginn ab November.
Sie starrte ihn an.
Seit November, wiederholte sie langsam.
Seit November, ja. Es gibt einen Wintergarten. Genau hier. Er rollte den Plan aus, deutete. Mit ordentlicher Belichtung, Wasser, Belüftung. Für Blumen. Für Ihre Blumen.
Renate betrachtete den Bauplan, ihre Hände waren plötzlich eiskalt.
Ben.
Ich weiß, was Sie sagen möchten. Aber bitte, hören Sie kurz zu.
Er rollte den Plan zusammen, setzte sich aufs Sofa. Nicht eingeladen, sondern wie jemand, der weiß, dass dieses Gespräch dauert.
Ich hab das Haus gebaut die ganze Zeit, seit wir kein Wort gewechselt haben. Jeden Tag, während Sie über richtig und falsch gegrübelt haben, war ich in Wedel und hab gebaut. Nicht aus Trotz, nicht aus Verzweiflung. Einfach, weil ich sicher war. Und ich bin heute nicht hergekommen, um zu überreden oder dramatisch zu erklären. Ich wollte nur eins sagen: Heiraten Sie mich.
Im Wohnzimmer war es still. Von draußen fuhr irgendwo ein Auto los.
Wissen Sie, was Sie da sagen?
Ja.
Ich bin sechsundfünfzig. Sie einunddreißig.
Zahlen sind nicht mein Problem.
Es wird wohl keine Kinder geben.
Er sah sie ruhig an.
Und wenn nicht, dann adoptieren wir. Darüber hab ich nachgedacht. Ich brauch kein Kind als Liebesbeweis. Ich will Sie. Keine vergeudeten Tage wegen eines Geburtsdatums. Kein einziger.
Renate spürte, dass ihr schwindelte nicht vor Angst, sondern vor etwas ganz anderem. Wie nach langem Gegenwind, wenn man plötzlich abbiegt.
Und Annika? hakte sie nach.
Annika ist Ihre Tochter, nicht Ihre Mutter.
Das klang nicht hart. Einfach richtig.
Sie schwieg lange, blickte auf den Wintergarten im Plan, auf diese große Südfassade. Dachte an die Forsythie, die Blühen vor den Blättern verkündet. Dachte, dass Angst vor der Meinung anderer kein Schutz ist, sondern nur ein anderes Wort für Angst und sie hatte genug davon.
Gut, sagte sie schließlich leise.
Ben fiel ihr nicht um den Hals und drückte auch kein dramatisches Händchen. Er atmete bloß tief durch, wie einer, der eine schwere Tasche absetzt.
Gut, wiederholte er.
Annika erfuhr es eine Woche später. Renate kam selbst vorbei, setzte sich Kater Klaus auf den Schoß, wartete, bis Martin höflich aus dem Zimmer ging, dann verkündete sie:
Annika, ich heirate Ben.
Annika schwieg sehr lange. Klaus schnurrte auf ihren Knien, draußen prasselte Aprilregen.
Mama.
Ja.
Das steht jetzt fest?
Ja.
Du weißt, dass ich das nicht okay finden kann?
Weiß ich. Ich bitte dich aber nicht um Zustimmung. Nur darum, nicht zu verschwinden.
Annika stand auf, trat zum Fenster, kehrte nach gefühlten Jahren um. Ihre Augen waren rot.
Bist du glücklich mit ihm?
Ja, sagte Renate.
Wirklich?
Wirklich.
Annika brauchte eine Weile.
Ich verstehe das nicht, gab sie schließlich auf. Aber also gut, Mama.
Es war keine Zustimmung. Aber ein Waffenstillstand, und für Renate war das genug.
Sie heirateten im Mai, leise. Standesamt an der Rothenbaumchaussee, kleines Abendessen zuhause. Annika kam, leicht reserviert, aber sie war da. Martin hielt eine Rede und versuchte, keine Deckenlampen anzustarren. Ute brachte einen Strauß Forsythie und weiße Pfingstrosen. Ben hielt Renates Hand und manchmal sah er sie so an, dass sie weggucken wollte nicht aus Scham, sondern etwas, wofür sie das Wort noch suchte.
Das Haus in Wedel war im Juli fertig. Zwei Etagen, heller Backstein, große Fenster. Und der Wintergarten. Im Hochsommer betrat Renate ihr neues Blumenreich das erste Mal, als alles fertig war: Es roch nach Erde, Holz und Licht fiel schräg durch Dachglas. Da war es das eigens für sie erdachte Reich.
Sie brachte Ableger mit: Monstera, Ficus, Orchideen, die den Hamburger Winter ebenfalls tapfer überstanden. Lavendel probierte sie zum ersten Mal. Am Wochenende kamen sie und Ben nach Wedel raus er arbeitete oben im Büro, sie gärtnerten im Wintergarten, und beim Essen trafen sie sich wieder. Der Alltag war eigenartig schön weil er einfach war, nicht sensationell.
Ein Jahr später entdeckten sie Beata. Ein kleines Mädchen, eineinhalb Jahre, rotblond, mit ernsten braunen Augen und Stirnrunzeln beim Nachdenken. Sie saß im Kinderheim erst skeptisch da, dann griff sie Renates Finger und Renate war sofort klar, dass sie das niemals aussprechen könnte, ohne dass ihr die Stimme bricht.
Annika erfuhr von Beata und kam am nächsten Wochenende nach Wedel. Sie beobachtete das Kind, nahm sie irgendwann auf den Arm. Beata ließ sich tragen, begutachtete Annikas Ohrringe. Annika musste lachen, kurz, etwas verlegen, aber ehrlich.
An diesem Tag veränderte sich etwas zwischen ihnen. Nicht alles Annika schlug keine Purzelbäume vor Begeisterung, aber die Grate zwischen ihnen wurden weicher. Beata war einfach da; ihr Ernst, ihre roten Haare, das genügte.
Es vergingen Monate. Beata gewöhnte sich an das Haus, den Wintergarten, den erdigen Geruch. Ben las ihr abends vor, mal witzig, mal konzentriert. Renate beobachtete das aus dem Türrahmen und dachte, dass Leben immer Überraschungen bringt, auch wenn man alles plant, verpackt und doppelt versichert. Man muss nur ja oder nein sagen sie hatte ja gesagt.
Der Blumenladen Erstes Blatt in Winterhude lief weiter. Ute übernahm jetzt die Wochentage, Renate schaute für besondere Sträuße rein. Sie erfand neue saisonale Straußlinien und nannte sie Ohne Anlass weil, wie sie fand, die besten Blumen ohne Grund verschenkt werden.
Der Oktober war in jenem Jahr warm; das Laub hielt ungewöhnlich lang, Ahorne standen noch golden und rot, im Wintergarten fiel ein ganz anderes Licht als im Sommer weich, wie alte Wolle. Licht, bei dem alles echt aussieht.
An einem Samstag tauchte Annika in Wedel auf ungeplant, wie eigentlich nie. Sie rief nur kurz am Tor an. Renate öffnete, war erstaunt. Annika trat ein, sah Beata auf ihrer kleinen Bank im Wintergarten, vertieft ins Einpflanzen.
Was setzt du da ein? fragte Annika und kniete sich dazu.
Lavendel, antwortete Beata todernst.
Und warum?
Damit es gut riecht.
Annika lachte. Ben brachte auf einem Tablett Tee, platzierte alles auf dem kleinen Tisch im Wintergarten, sagte: Schön, dich zu sehen, Annika. Und Annika erwiderte: Ebenso. Kein Drama, kein Frost.
Renate stand bei den Stecklingen, hörte, wie Beata Annika lehrte, dass Lavendel immer ans Fenster muss, weil er Sonne mag. Keiner wusste, woher das Kind das hatte sie hatte es einfach aufgenommen.
Ben trat zu Renate, stellte sich wortlos an ihre Seite. Draußen über dem Glasdach spannte sich der weite, klare Oktoberhimmel. Es roch nach Erde, Lavendel und noch ein bisschen nach frisch gehobeltem Holz von den Regalen.
Wird ihr nicht kalt hier? fragte Annika und deutete auf Beata.
Nein, erwiderte Renate. Hier ist es warm.
Sieht so aus, sagte Annika. Mama, ich wollte dir noch was sagen
Sags nicht, unterbrach Renate leise.
Doch, lass mich. Ich wollte sagen, dass ich falsch lag. Nicht in allem, aber doch. Ich hatte Angst um dich, das stimmt Aber ich hab auf das Falsche geschaut.
Annika
Lass mich. Ich hab nur auf das Alter gestarrt. Dabei hätte ich auf dich schauen sollen.
Renate blickte ihre Tochter an. Annika hatte das gleiche Gesicht wie früher, wenn sie sich für etwas entschuldigen wollte, aber nicht wusste wie.
Schaust du jetzt auf mich? fragte Renate sanft.
Ja.
Und was siehst du?
Annika schwieg kurz. Beata schnaufte nebenbei über ihren Lavendel. Draußen zuckte ein letzter goldener Apfelbaumzweig im Herbstwind.
Ich sehe, dass es dir gut geht, sagte Annika. Mehr will ich gar nicht.
Beata hob den Kopf, wollte Annika mit Erde beklecksen.
Tante Annika, sagte sie. Willst du auch was pflanzen?
Gerne, lachte Annika. Zeigst du mir wie?
Aber logisch, sagte Beata mit der Ernsthaftigkeit einer kleinen Botanikerin.
Ben schmunzelte leise. Und Renate spürte seine Hand sacht an ihrer. Genau wie an der Elbe damals, beim ersten Spaziergang. Sie zog sie nicht weg.
Über dem Glasdach spannte sich der endlose, friedliche Oktoberhimmel. Fein und weit und voller Licht.





