Glaub nicht jedem Klatsch und Tratsch

Glaube nicht jedem Gerücht

Annika trank gerade den letzten Schluck ihres Kaffees, als in der stillen Krankenhauskantine auf einmal lauter Stuhl auf den Fliesen kratzte. Marlene, die Putzkraft aus der Kardiologie, setzte sich neben sie, verschränkte die Arme und grinste auf eine Weise, die nichts Gutes verhieß.

Na, los, erzähl schon!, sagte Marlene mit leicht schief gelegtem Kopf.

Annika verschluckte sich fast. Sie hustete und hielt sich die Hand vor den Mund, während der bittere Rest im Hals brannte. Dann blickte sie Marlene fragend an. Ihr war klar: Das hier war mehr als bloße Neugier in Marlens Stimme mischte sich unverhohlener Neid, genauso wie damals auf dem Sommerfest, als Annika das beste Los gezogen hatte.

Ach, tu nicht so unwissend!, winkte Marlene ab. Ich hab gestern deinen Mann gesehen! Im Juwelierladen. Und ich bin auch rein war doch spannend! Bin nicht ganz nah, aber hab deutlich das kleine Schächtelchen gesehen. Komm schon, rück raus: Was hat er dir gekauft?

Annikas Magen zog sich zusammen. Sie ließ den Blick in ihre fast leere Tasse sinken, dann zu Marlene. Ihr war klar: Ihrer Kollegin ging es nicht um Mitfreude, sondern darum, Stoff für ihre Lästereien zu finden. Das sah sie jedes Mal, wenn es um irgendwen um sie herum ging.

Da liegst du falsch, sagte Annika mit bemüht gelassener Stimme. Michael war den ganzen Abend zu Hause.

Es war aber 18:20 Uhr!, beharrte Marlene, die sich über den Tisch beugte und die Augen zusammenkniff. Du willst mich wohl veräppeln? Das war hundertprozentig dein Mann, ich kenn den doch, seit er dich immer abholt. Diese schlaksige Art zu laufen, die gleiche Jacke komm schon! Ich lass mich doch nicht abspeisen. Zeig mal deine Überraschung!

Eine Hitze brannte plötzlich in Annikas Gesicht. Sie strich unruhig über ihren Kittel, der unangenehm am Rücken klebte. Marlene sah sie erwartungsvoll an. Ihr Blick war gierig, als hätte sie das Geschenk selbst schon in der Hand ein Geschenk, von dem sie überzeugt war, Annika zu beneiden.

Du irrst dich, wiederholte Annika bestimmt. Ich muss los. Die nächste Sprechstunde beginnt gleich, und meine kleinen Patienten samt besorgter Eltern warten.

Sie erhob sich so schnell, dass der Stuhl knarrte. Sie hatte sich diesen Moment extra genommen, um ein bisschen Stille zu genießen, bevor wieder das übliche Stimmengewirr losging. Aber Marlene hatte ihr den kostbaren Frieden gestohlen natürlich musste es wieder sie sein, die unbedingt Stoff für Tratsch brauchte.

Ach so ist das also, Marlene verzog die Lippen. Dein lieber Ehemann hat längst ne andere. Was für eine Sensation unsere perfekte Annika Baumann wird sitzen gelassen!

Annika spürte, wie ihr Herz schneller schlug, doch äußerlich blieb sie ruhig. Sie drehte sich langsam wieder um und sah Marlene kalt an.

Red keinen Unsinn!, schoss sie scharf zurück. Mein Mann liebt mich. Wir haben einen wunderbaren Sohn…

Der noch nicht mal deiner ist, unterbrach Marlene eiskalt und ließ sie nicht aus den Augen. Schlauer Kerl, dein Michael. Lässt dich mit dem Jungen hocken und ist ständig auf Geschäftsreisen wahrscheinlich hat er überall eine Affäre.

Annika packte den Rand des Tisches so fest, dass ihre Fingerspitzen weiß wurden. Innerlich tobte sie, aber sie hielt sich zusammen und atmete ruhig durch.

Du hast keine Ahnung von meiner Familie. Lass deine Gerüchte bitte für dich, sagte sie mit fester Stimme.

Marlene zog eine Augenbraue hoch, stand auf und meinte mit gespielt gönnerhaftem Tonfall: Mal sehen, was du in einer Woche sagst. Männer und ihre Treue, weißt ja!

Ihre Absätze klackten absichtlich laut auf dem Boden, als sie wegging. Annika blieb sitzen und starrte vor sich hin. Ihre Hände zitterten ein wenig; unter dem Tisch versteckte sie sie, aus Angst, entdeckt zu werden. Marlens Worte ratterten durch Annikas Kopf hartnäckig, wie ein Stachel, der nicht weichen wollte.

Plötzlich stand Annika auf, die Augen brannten vor Wut. Sie holte Marlene vor der Tür ein, blieb dicht vor ihr stehen und sagte laut und deutlich:

Noch ein Wort, und ich gehe direkt zum Chefarzt. Dann bist du schneller arbeitslos, als du gucken kannst. Keiner hier wird dich vermissen!

Ihre Stimme blieb ruhig, doch in ihren Augen lag eine Drohung, die bei Marlene Wirkung zeigte sie wich tatsächlich einen Schritt zurück. Marlene öffnete den Mund, doch Annika drehte sich bereits um und marschierte aus der Kantine.

Ich meins doch nur gut!, rief Marlene ihr noch nach, diesmal lauter, damit es auch wirklich jeder hörte. Lass ihn gehen, Annika! Der läuft doch nicht umsonst zum Juwelier und Floristen und ruft ständig jemanden an Du solltest aufwachen!

Die letzten Worte glitten in ein leises Murmeln, das Annika nicht mehr erreichte. Ihr Gang blieb aufrecht, Kopf hoch nichts sollte Marlene von ihrer Unsicherheit ahnen. Doch innerlich brodelte sie wie nie.

Marlene blieb noch ein Weilchen am selben Fleck stehen, nestelte nervös am Saum ihres Kittels, und kanalisierte ihre Wut ins Sortieren der Patientenakten. Der Drang, die Neuigkeit zu verbreiten, loderte in ihr, aber zugleich wusste sie: Mit Annika ist nicht zu spaßen. Die würde nicht zögern, sie bei der Chefin anschwärzen. Dann gute Nacht und auf Jobsuche gehen.

Wo bekommt man mit so ner Bezahlung wieder ne Stelle?, murmelte Marlene. Privatklinik, das ist schon was anderes…

Sie seufzte, setzte sich an ihren Schreibtisch, blickte auf die Uhr. Bis zur Pause war es noch lang die Stimmung aber im Eimer. Also lieber arbeiten, bevor sie wirklich noch rausfliegt.

****************

Annika quälten Zweifel. Vor anderen schaffte sie es, zuversichtlich zu wirken Lächeln, ruhiger Blick, sichere Stimme. Doch allein zu Hause holten die Worte von Marlene sie wieder ein, bohrten sich wie Späne in den Geist.

Michael war tatsächlich gestern erst gegen acht Uhr abends gekommen. Normal kam er spätestens um sechs. Unmengen Arbeit, hatte er gemurmelt, ohne sie anzusehen und war direkt ins Bad gestürzt, als müsste er etwas abwaschen, was Annika nicht sehen sollte. Sie hatte ihn damals nur stumm verfolgt, aber etwas hinterließ einen nagenden Schmerz. War es wirklich Zufall? Oder steckte da mehr hinter?

Annika schloss die Wohnungstür auf und rief gewohnt:

Ich bin daheim!

Antwort: Stille.

Sie lauschte; normalerweise stürmte als Erster Anton, ihr treuer Schäferhund, aus dem Flur aufgeregt, schwanzwedelnd und voller Energie, nur ihr uneingeschränkt ergeben. Kurz danach folgte Leon ihr Sonnenschein, ihr Achtjähriger. Immer präsentierte er ihr sein letztes Lego-Projekt oder eine neue Zeichnung.

Doch jetzt: Nichts. Nur das leise Ticken der Uhr.

Annika zog langsam die Schuhe aus, hängte ihre Jacke auf und ging in die Wohnung hinein.

Wo seid ihr?, rief sie nachdrücklich, zwang sich zu Normalität.

Kein Mucks.

Panik kroch in ihre Magengegend. Anton verließ Haus und Hof doch nie ohne sie, und Leon wusste genau, dass Mama das nicht mochte. Sie zückte ihr Handy, rief ihren Mann an Freizeichen, doch keiner hob ab. Noch einmal. Und noch einmal.

Totenstille.

Das Unbehagen in ihr wuchs. In der Küche standen halbvoller Teebecher, Leons Malbuch. Auf dem Boden lag ein Spielzeugauto. Alles ließ darauf schließen, dass die beiden eben noch hier gewesen waren.

Annika rang nach Luft, versuchte sich einzureden: Ganz ruhig. Nichts Schlimmes. Sie sind bestimmt gleich wieder da.

Aber leise, unerbittlich flüsterte es in ihr: Was, wenn Marlene recht hat? Was, wenn du es nur nicht erkennen wolltest?

Sie trat ans Fenster. Die untergehende Sonne tauchte den Innenhof in warmes Licht, spielende Kinder, ein paar Hundebesitzer aber kein Michael, kein Leon, kein Anton.

Annika setzte sich, verkrampfte die Hände an der Tischkante, während ihr Kopf von Fragen surrte: Wo sind sie? Warum gehen sie nicht ans Telefon? Was wäre, wenn Marlene mehr gesehen hatte als sie ahnte?

Da entdeckte sie auf dem Couchtisch einen großen Umschlag mitten auf dem Tisch teures, cremefarbenes Papier, mit markant geschwungener Schrift: Öffne mich.

Annika stoppt auf der Schwelle, unfähig, gleich zuzugreifen. Nach all den Tagen voller Anspielungen, sorgenvollen Gedanken, einer fast fühlbaren Kälte zwischen ihr und Michael da bekam schon ein Umschlag etwas Drohendes. Sie griff vorsichtig danach, als könne zu festes Berühren ihn auflösen.

Ihre Finger zitterten. Ein tiefer Atemzug, dann riss sie den Umschlag auf. Drinnen ein zusammengefalteter Zettel. Sie hielt inne, unfähig zu lesen, die schlimmsten Szenarien schossen ihr durch den Sinn: Trennung, Ich gehe Worte, die alles verändern.

Sie schluckte, faltete das Papier auseinander.

Sie erstarrte.

Nur eine Adresse stand darauf, vertraut bis in den letzten Buchstaben. Ein kleines Café in einer Altstadtstraße mit bunten Markisen und runden Holztischen. Wo Michael sie vor Jahren zum ersten Mal auf einen Milchkaffee eingeladen hatte. Wo er, nervös, auf ein Knie gefallen war und gefragt hatte: Willst du mich heiraten?

Annika lächelte unwillkürlich. Ihre Anspannung wich teilweise einer aufkeimenden Hoffnung. Sie betrachtete die Adresse länger, als nötig, als suche sie die eigentliche Botschaft darin.

Ist das ein gutes Zeichen?, dachte sie und presste den Zettel ans Herz…

********************

Sie stieg aus dem Taxi, atmete den kühlen Herbstabend, richtete ihr Wollmantel und ging die Kopfsteinpflasterstraße entlang. Alles wirkte vertraut, und doch lag eine neue Unruhe in der Luft. Sie öffnete die Glastür, der Klang des Türglöckchens erfüllte das Café. Drinnen roch es nach frischem Kaffee und Zimtschnecken. Annika blieb einen Moment im Eingang stehen.

Am Lieblingstisch, direkt vorm Buntglasfenster, warteten alle, die ihr Herz füllten: Michael in gebügeltem Hemd, mit einem zufriedenen Lächeln, Leon mit blitzenden Augen, strahlend, in seinem besten Pullover, und daneben Anton, dessen Ohren klatschten, als er Annika sah.

Alle sahen so glücklich aus, so festlich und dann sah sie das große silberne 5 an der Wand. Irritiert hielt sie inne: Fünf, warum fünf? Ihr Sohn war schon unterwegs auf sie zu.

Mama! Herzlichen Glückwunsch!, rief Leon und warf sich ihr in die Arme. Sie presste ihn an sich, seine Haare rochen nach Kind und Freiheit. In diesem Augenblick waren alle Zweifel vergessen.

Aber wozu denn?, fragte Annika leise. Wir sind erst vier Jahre verheiratet, und es ist Oktober

Leon grinste, nahm sie an der Hand und zog zu den anderen.

Du siehst gleich!, rief er.

Michael trat ihr entgegen, in der Hand ein großer Strauß weißer Rosen ihre Lieblingsblumen, von einer sanften Satinband-Schleife gehalten. Er sah sie an wie am ersten Tag, jung und glücklich.

Es ist kein Hochzeitstag, begann Michael und reichte ihr die Rosen, aber vor genau fünf Jahren haben wir uns das erste Mal getroffen. Dieser Tag hat alles verändert.

Annika lachte, strich Leon durchs Haar und sagte warm: Unser Wirbelwind hat uns zusammengebracht. Wer hat denn mit drei Jahren so wild gespielt, dass wir wegen einer Platzwunde ins Krankenhaus mussten?

Leon reckte stolz das Kinn: Ich!, rief er und alle lachten.

Das war wirklich Schicksal, betonte Michael, sah dabei Annika liebevoll an. Eigentlich war dein Arbeitstag vorbei, du warst schon aus der Klinik raus. Aber wegen deines vergessenen Handys bist du zurück und dann hast du zwei Stunden mit meinem Sohn verbracht.

Annika streichelte Leon über den Kopf. Dann nahm Michael eine kleine Schachtel aus der Tasche, umwickelt mit einer roten Schleife.

Annika hielt die Luft an, öffnete langsam das Böxchen. Darin lagen filigrane Ohrringe Silber, mit kleinen funkelnden Steinen, die perfekt zu ihrem Amulett passten.

Mir fehlen die Worte, hauchte Annika, Tränen glänzten in ihren Augen. Sie blickte zu Michael, dann zu Leon, der auf ihre Reaktion wartete. Danke. Euch beiden.

Sie nahm die Ohrringe hervor, betrachtete ihr Funkeln im Licht, drehte dann Michael zu: Sie sind wunderschön. Woher wusstest du, wie sehr ich mich darüber freuen würde?

Ich wollte dir etwas schenken, das dich immer an diesen Tag erinnert, antwortete er und nahm ihre Hand. Wie wir zusammengefunden haben.

Leon umarmte sie spontan, und Anton schob seine Schnauze an ihr Bein. Annika kraulte ihn, und der Hund schien förmlich zu grinsen.

Das Café war gefüllt mit warmem Licht und der Stimmung einer echten Familie. Annika spürte, wie alles zusammengehörte. Genau das war ihr Glück.

****************

Am nächsten Tag stand Marlene mit verschränkten Armen am Fenster und beobachtete Annika, die den Flur entlangging aufrecht, sicher, ungewöhnlich streng. Ihr Haar heute hochgesteckt, die feinen Ohrringe blitzten goldweiß im Sonnenlicht, die Wangen leuchteten.

Marlene ballte unwillkürlich die Fäuste. Na klar, jetzt glänzt sie wieder, dachte sie. Und gestern tat sie noch so, als stünde ihr Leben vor dem Zusammenbruch. Sie erinnerte sich an ihren eigenen Versuch, Zweifel zu streuen nun schien Annika nicht nur gefasst, sondern sogar richtig glücklich.

Das ärgerte Marlene noch mehr.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Glaub nicht jedem Klatsch und Tratsch
Er ging ins neue Jahr – und kam nie wieder zurück…