Er ging ins neue Jahr – und kam nie wieder zurück…

Er ist zu Silvester gegangen und nie wiedergekommen…

Das Kalenderblatt hielt sich hartnäckig, als wolle es das scheidende Jahr nicht loslassen. Ich griff nach der Ecke und riss es ab. Dabei rauschte das Papier leise zwischen meinen Fingern.

31. Dezember, Dienstag.

Ich zerknüllte das Blatt mit einer gewissen Wut, die sich sofort in Traurigkeit verwandelte. Das Jahr geht zu Ende. Das erste Jahr ohne ihn…

Den kleinen Papierknäuel warf ich in den alten Blecheimer neben dem Kachelofen. Am Boden lag schon ein ganzer Haufen solcher zerknüllten Blätter Tage, Wochen, Monate, mein ganzes einsames Leben.

Die Stille im Haus war nicht einfach die Abwesenheit von Geräuschen; sie war dicht, fast greifbar, hing wie winterlicher Nebel in der Luft und kroch in jede Ritze. Mein Elternhaus, von Ottos Vater einst aus uralten Fichtenstämmen gebaut, stand da wie eine leere Schale. Die Wände, die früher das Lachen der Kinder, Ottos schwere Schritte, sein leises, tiefes Lachen aufgenommen hatten, bewahrten nun nur noch die Kälte und die Erinnerung.

Manchmal konnte ich nicht anders, als vor dem alten, dunklen Buffet stehen zu bleiben, über welches die Fotos unseres Lebens hingen. Ein ganzes Album unseres Daseins. Da sind wir, gerade zwanzig, fast noch Kinder. 1972 unsere Hochzeit. Ich im weißen Kleid, das meine Mutter nach einer Anleitung aus der “Brigitte” genäht hatte, Otto im schwarzen, etwas zu großen Anzug vom großen Bruder. Wie hingebungsvoll er sich damals mühte, aufrecht zu stehen!

Ich sehe uns nach der standesamtlichen Trauung daheim: Otto zieht das Jackett aus, öffnet erleichtert den Hemdkragen und murmelt mir zu, schüchtern und doch bestimmt: Jetzt sind wir Mann und Frau. Anna, gemeinsam durchs Leben, bis zum Schluss.

Und ich, verlegen und glücklich, stotterte: Gemeinsam, Otto… Aber deine Mutter wartet doch schon mit dem Abendessen…

Auf dem nächsten Foto: Wir mit den Kindern. Stefan sitzt, etwa zwei Jahre alt, auf meinem Schoß. Marie kaum mehr als ein Bündel liegt liebevoll gehalten in Ottos großen Händen. Er war immer so vorsichtig, als könne er mit seiner Bartstoppeln die zarte Haut der Tochter erschrecken.

Meine Prinzessin, schau, wie sie meinen Finger festhält, sagte er.

Ich erinnere mich an dieses Glück so bodenständig, so warm, dass ich dachte, es müsse einfach ewig halten.

Später kommen die Enkel die Fotos jetzt farbig ausgedruckt, nicht mehr in Schwarzweiß. Lena mit bunter Mütze, Max mit einer riesigen Plastikbagger. Ihre Stimmen höre ich öfter übers Telefon als in echt.

Heute morgen rief Marie per Videotelefonie an. Ihr Gesicht auf dem Handybildschirm fröhlich und abgelenkt zugleich.

Mama, frohes neues Jahr! Max, sag der Oma deinen Spruch!

Der Kleine nuschelte was durcheinander, während im Hintergrund ihr Mann schon rief: Marie, los jetzt, wir sind spät dran!

Mama, wir rufen später nochmal an! Drück dich! und der Bildschirm wurde dunkel.

Stefan aus Hamburg schickte eine kurze Sprachnachricht, im Hintergrund Wind und Kälte: Moin, Mutter. Wie gehts? Ich hab Nachtdienst, wir feiern hier auf Schicht. Keine Sorgen. Guten Rutsch. Krächzender, abgekämpfter Ton. Ich hörte sie mir mehrmals hintereinander an suchte Ottos Klang darin. Etwas war da, aber wie der Geruch von Regen oder Wäldern nie ganz zu fassen.

Ich hatte sie gebeten: Schickt mir wieder so richtige Abreißkalender, große, wie früher. Damit ich Blatt für Blatt loslassen kann. Die Kinder lachten darüber, hielten sich aber daran. Stefan schickte welche mit Hamburger Hafenszenen, Marie bevorzugte Kalender mit lustigen Katzen. Ich hängte beide an meinen Haken beim Ofen und feierte jeden Morgen mein stilles Ritual: Tasse Tee, dann ein Blatt abreißen. Tag für Tag, ohne meinen Mann. Jetzt war das letzte Blatt dran.

Vor genau einem Jahr ist Otto gegangen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag; wie einen endlosen Film, den ich im Kopf immer wieder zurückspule in der Hoffnung, vielleicht einen Moment zu entdecken, der alles hätte wenden können.

Morgenstille, frostklar, leicht sonnig. Wir frühstückten zusammen.

Ich geh zum Forellenbach, sagte Otto, tunkte sein Brötchen in Honig. Nehm das Zelt mit, übernachte wohl dort.

Otto, du bist doch kein Zwanzig mehr, und der Bach ist zehn Kilometer entfernt! Ich goss ihm heißen Tee nach und schüttelte den Kopf.

Ach, Anna, du unterschätzt mich. Die Strecke kenn ich doch. Erst über die Bundesstraße, dann den Waldweg direkt zur Brücke.

Sei vorsichtig, bitte. Er hatte seine alte, abgewetzte Anglertasche schon abends gepackt; ich reichte sie ihm, wie immer, an der Tür.

Er zog seinen wattierten Janker an, stülpte die Mütze tief aufs Gesicht. Die Haut sonnen- und wettergegerbt, voller vertrauter Falten so sehr mein Otto. An der Garderobe drehte er sich noch einmal um.

Machs gut. Nicht traurig sein.

Bis später, Otto.

Klarer, sicherer Schritt, wie immer. Ich schaute ihm nach, bis er am Dorfbrunnen hinter der Ecke verschwand. Das war das Letzte, was ich von ihm sah.

Wie ich gesucht habe! Zuerst wartete ich zwei Tage vielleicht hat er die Zeit vergessen, will noch eine Nacht angeln. Am dritten Tag, als die Angst eiskalt wurde, ging ich zu unserem alten Nachbarn, Herrn Schwarz, dem Letzten hier mit einem alten Golf. Der fuhr mit mir Richtung Forellenbach. Kurz vor dem Waldweg querten wir die Landstraße Richtung Ortskern. Dort fanden wir nicht ihn, aber seine dicke Mütze. Schlammig, zertreten, halb im Schnee. Daneben ein dunkler, erschreckend großer Fleck. Der Schnee verdeckte ihn nicht vollständig.

Dann alles verschwommen: Polizei, Dorfpolizist, Ermittler aus der Kreisstadt. Immer die gleichen Fragen.

Wann ist er gegangen? Wie sah er aus? War er niedergeschlagen, aufgebracht? Am Ende der kühle Tenor: Wahrscheinlich ein Unfall. Nachts, bei Glätte, auf der Straße. Fahrerflucht. Zeichen von Reifen, viel Zeit vergangen. Der Körper könnte im Graben liegen, vom Schnee bedeckt, vielleicht haben Tiere Frau, das kommt vor.

Ich habe es nicht verstanden. Wie konnte mein Otto, ganz, lebendig, mit warmen Händen, einfach verschwinden? Nicht weit, auf der bekannten Strecke, fünf Kilometer vom Haus entfernt. Ich bin die Straßenabschnitte zu Fuß abgelaufen, Kilometer für Kilometer, in beide Richtungen, bis meine Stimme heiser wurde vom Rufen. Ich ging bis zum Bach selbst, als könnte ich ihn dort finden, an seiner Lieblingsstelle unter der Weide. Doch der Bach schwieg unter Schnee und Eis.

Ein Jahr ist vergangen.
Ein Jahr im Zustand unaufhörlichen Wartens. Jedes Mal, wenn es an der Tür klopfte, pochte mein Herz wie wild. Doch niemand kam. Die Stille wurde dichter, klebrig wie Nebel.

Und nun: der Silvesterabend. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren würde ich das neue Jahr ganz allein begrüßen. Die Kinder fern, die Freunde tot oder in die Städte gezogen. Selbst im Dorf regte sich kaum noch etwas. Neben mir, wo früher baufällige Häuser standen, wachsen nun reiche Ferienhäuser wie Pilze aus dem Boden.

Von der Nachbar-Parzelle, abgetrennt durch einen modernen Holzzaun, schallte Stimmengewirr und Kinderlachen. Dort war eine junge Familie eingezogen mit Kindern, viel Trubel, Rodeln und Schneeballschlachten. Jeder ihrer Freudenschreie war mir wie ein kleiner, scharfer Stich im Herzen. Ich saß am Fenster, beobachtete, wie unter der Straßenlaterne die Schneeflocken wirbelten, und merkte, wie mich die Sehnsucht fast zum Ersticken brachte.

Als der Abend tiefdunkel wurde und am klaren Himmel die ersten Sterne funkelten kalt, einsam, gleichgültig , hielt ich es nicht mehr aus. Ich zog Ottos alten Steppmantel über, der noch immer nach ihm duftete, und band mir das Wolltuch um den Kopf. Draußen kniff der Frost, der Atem stieg wie kleine Wolken in die Dunkelheit. Mein Blick suchte den Polarstern, der, das wusste ich noch von Ottos Erzählungen für die Enkel, immer nach Norden zeigt. Da, im Wind, hörte ich plötzlich ein heiseres, jammerndes Fiepen.

Der Laut kam vom Zaun. Ohne zu überlegen stapfte ich im Schnee los. Direkt an den Brettern saß ein kleiner Welpe, winzig, bibbernd, voller Raureif, mit schlafmützengroßen Lappenohren und Augen, in denen sich, so schien es mir, der ganze Jammer der Welt spiegelte. Er versuchte, sich hochzuziehen, sank aber gleich wieder ins kalte Weiß. Ein Hund, offensichtlich ausgesetzt.

Um Gottes Willen! Du Ärmster Wie bist du denn hierhergekommen?

Ich öffnete instinktiv meinen Mantel, hob den kleinen Wicht hoch und schob ihn zu mir unter die Jacke. Der Welpe verstummte sofort, kuschelte sich fest an mich; er war so klein und hilflos, dass mir beinahe die Tränen kamen.

Ist ja gut, Kleiner. Du bist jetzt in Sicherheit.

Auf dem Weg zum hell erleuchteten Nachbarhaus wurde mir bewusst, wie fremd es war und doch freundlich. Ich klingelte zaghaft. Eine Frau um die Mitte dreißig, mit verschmitztem Gesicht und mehlbestäubter Schürze, öffnete.

Guten Abend… Entschuldigung, dass ich störe. Gehört dieser Welpe vielleicht Ihnen?

Ich öffnete vorsichtig die Jacke. Die Frau schlug die Hand vor den Mund.

Maxl! Oh mein Gott, wo warst du denn? Die Kinder weinen schon, mein Mann sucht dich überall! Kommen Sie rein, bitte! Sie sind doch ganz durchgefroren!

Ich wurde fast ins Haus gezerrt, von einer Wärme empfangen, wie ich sie seit Monaten nicht gefühlt hatte. Kachelofen, Lichterbaum bis an die Decke, der Duft von Plätzchen, Mandarinen und Braten ich fühlte mich schwindelig wie im Traum. Am Weihnachtsbaum kauerte ein Junge von acht, daneben ein Mädchen, etwas jünger, beide verweint und beide stürzten gleichzeitig auf den Hund zu, als sie ihn sahen.

Maxl! Du bist wieder da!

Ja, unsere Nachbarin hat ihn gefunden! Die Mutter drückte den kleinen Hund an sich; die Kinder umarmten sie, wie in einer Kinderbibel.

Da polterte der Vater herein, schneebedeckt, aufgelöst. Rannte in die Szene, sah Maxl und strahlte vor Erleichterung.

Endlich! Marie, du hast ihn. Wo war er?

Im Garten der Nachbarin, direkt am Zaun.

Der Vater, Herr Baumann, schüttelte mir kräftig die Hand.

Wirklich, danke! Sie retten unser Silvester. Wir bestehen darauf: Sie feiern mit uns!

Meine Einwände gingen im Jubel der Kinder unter, ich wurde in die Küche geführt, zum Tee und Keksen. Die Herzlichkeit dieser fast fremden Menschen war überwältigend. So saß ich am Tisch, umgeben von Leben, und während wir im Fernseher den Countdown in Berlin verfolgten, die Sektgläser klirrten, wurde mir plötzlich klar: Ich war nicht allein. Das Leben zieht an mir vorbei, aber es bleibt nicht stehen, nur weil ich trauere.

Später, die Kinder im Bett, Maxl friedlich neben dem Ofen, redeten wir leiser. Frau Baumann Julia stellte Tee hin, Herr Baumann goss einen Schluck Weinbrand ein gegen die Kälte, für die Seele. Und dann, von der Wärme und dem Wein gelöst, begann ich zu erzählen. Erst von Otto, dem Menschen: Ruhig, mit trockenem Humor, handwerklich begnadet, mit Goldhänden. Von seiner Liebe zum Angeln, den Stunden mit den Enkeln im Garten. Mein Ton ruhig, manchmal sogar mit Lächeln. Erst am Ende wurde meine Stimme brüchig: Vor einem Jahr ist er los zum Forellenbach. Über die Straße. Nicht zurückgekehrt. Gefunden: nur seine Mütze. Und Spuren… Spuren eines Unfalls. Sonst nichts.

Stille. Herr Baumann saß nach vorne gebeugt, sein Gesicht ernst. Endlich sagte er leise:

Frau Berger… Verzeihen Sie. Ich bin Unfallchirurg am Kreiskrankenhaus. Ganz zufällig: Genau vor einem Jahr, Anfang Januar, wurde bei uns ein Mann eingeliefert nach einem Unfall, gefunden an der Bundesstraße, Richtung Forellenbach. Fahrer geflohen. Schwer verletzt. Er hatte keine Papiere, normale Kleidung, schwere Schädelverletzung, Becken- und Rippenbrüche Es war sehr kritisch.

Ich hielt den Atem an, jeder Muskel gespannt.

Wir haben ihn operiert, physisch hat er sich halbwegs erholt. Aber… Baumann sah mich eindringlich an komplett ohne Erinnerung. Totale Amnesie. Er wusste nicht, wer er war, nicht einmal seinen Namen.

Wie sieht er aus? flüsterte ich.

Groß, kräftig, schlank. Dichte, fast weiße Haare, Narben vom Unfall vor allem eine an der linken Wange. Blaue Augen.

Mein Stuhl fiel scheppernd um, so schnell sprang ich auf. Die Hände preßten sich an meinen Mund, sonst hätte ich vielleicht geschrien. Ich spürte, wie Julia mich stützte, Herr Baumann brachte Wasser.

Das ist er Otto Ist er… lebt er?

Ja, sagte Herr Baumann fest. Aber bitte, machen Sie sich nichts vor. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, und doch dürfen wir nicht zu vorschnell hoffen. Und selbst wenn: Er wird Sie vielleicht nicht wiedererkennen.

Ich weiß, es ist er. Sagen Sie mir, wo finde ich ihn?

Herr Baumann schwieg einen Moment, ging im Zimmer auf und ab.

Das ist die Schwierigkeit. Patienten mit Ihrer Geschichte werden nach der Entlassung in Einrichtungen untergebracht, für Pflegebedürftige oder Demenzkranke. Es gibt mehrere im Umkreis. Ich weiß nur die Krankengeschichte-Nummer.

Wieder das Gefühl: Gerade war er zum Greifen nah, droht wieder zu entgleiten im Behördenlabyrinth.

Aber wir finden ihn, sagte Julia leise und legte mir sanft die Hand auf die Schulter. Ludwig, du wirst jemanden kennen…

Natürlich. Ich frage nach. Aber jetzt ist Silvester, es wird nicht einfach. Ab morgen probieren wir alles!

Die Nacht verbrachte ich schlaflos. Immer wieder spulte mein Kopf: Er lebt. Otto lebt.

Am nächsten Tag suchte Herr Baumann in seinem Arbeitszimmer fieberhaft nach Kontakten, telefonierte sich die Finger wund. Ich saß in der Küche mit Julia, der Löffel klapperte im Tassenrand, die Hände zitterten. Gesprächsfetzen drangen zu mir: Ja, Frohes Neues! Sorry, es ist dringend… Ohne Namen, nur die Beschreibung Ja, war bei uns eingeliefert Wissen Sie, wo er jetzt ist? Danke.

Am Abend hatte Herr Baumann eine Liste mit möglichen Heimen zusammengestellt. Wir entschieden: Morgen fahren wir nach Münster, zu ihrer Stadtwohnung, telefonieren und besuchen ein Heim nach dem anderen.

Der Tag in Münster war zäh und nervenaufreibend. Eine telefonische Absage nach der anderen. Doch am späten Nachmittag endlich ein Treffer: Das Pflegeheim Birkenhain, sechzig Kilometer entfernt, Richtung Kreisstadt, glaubt, unseren Mann zu betreuen.

Erleichterung, dann wieder Angst. Und wieder das ernste Gesicht des Arztes:

Sie ist unsicher, er ist sehr verschlossen. Erkennt niemanden. Sie müssen auf alles gefasst sein.

Ich war bereit. Wenig Schlaf in dieser Nacht. Immer wieder die Frage: Erkennt er mich? Und das Entsetzen, dass es jemand anders sein könnte.

Am dritten Januar fuhren wir los. Die Landschaft flog vorbei, war mir egal ich hielt nur das alte Hochzeitsfoto mit Otto in der Hand.

Birkenhain lag gepflegt, fast freundlich, Backsteinhäuser unter verschneiten Birken. Die Heimleiterin, eine resolute, aber freundliche Frau, empfing uns.

Sie sind Anna Berger? Er ist im Zimmer sieben. Bitte, seien Sie vorsichtig. Sein Zustand sehr zurückgezogen.

Wir gingen durch den langen Gang, vorbei an stillen Zimmern, immer wieder hörte ich Fernseher oder Stimmen. Mir war schwindlig. Am Ende ein Schild: Zimmer 7. Die Leiterin klopfte, öffnete und bat mich hinein.

Am Fenster in einem Sessel saß ein Mann, die breiten Schultern in einen grauen Hausmantel gehüllt, die Haltung etwas gebeugt. Ich erstarrte. Ich kannte diesen Nacken, den Schwung der Schultern. Mein Otto.

Keine Regung auf das Geräusch. Ich trat näher. Umrundete ihn, kniete mich vorsichtig hin.

Das Gesicht halb vertraut, halb fremd: dieselben Züge, aber wächsern und verloren. Nur die Augen tot, wie zwei blasse Splitter Winterhimmel. Sie sahen durch mich hindurch.

Verzweiflung ergriff mich, aber ich konnte nicht zurückweichen. Legte ganz behutsam meine Hand über seine Hand.

Otto… Es ist Anna. Deine Anna. Schau mich an.

Langsam, als koste jede Bewegung unendliche Kraft, wandte er langsam den Kopf. Blickte auf meine Hand, meinen Ärmel, mein Gesicht. Endlose Sekunden.

Dann, ganz tief in seinen Augen, zuckte etwas. Ein Funke hinter grauem Dunst. Die Pupillen zogen sich zusammen, als müsse er scharfstellen.

Du… hauchte er, als käme das Wort aus großer Tiefe. Du… schon wieder

Meine Hand drückte seine fester.

Nicht schon wieder. Es ist kein Traum, Otto. Ich bin da. Nach einem Jahr Suche.

Er schüttelte langsam den Kopf, sichtlich erschöpft.

Immer… im Traum kommst du. Wenn alles leer ist. Dann sitzt du da. Ich seh nur dein Gesicht, nie deine Stimme.

Viele, viele Tränen liefen mir jetzt über das Gesicht und fielen auf unsere Hände. Ich merkte, wie auch ihm das auffiel.

Nicht weinen… flüsterte er, und auf einmal war wieder dieser Ton von früher zu hören. Nicht weinen.

Dann hob er, zögerlich, aber wie vor Jahrzehnten, seine Finger, fuhr mit dem Daumen über meine Wange, wischte eine Träne weg. Dieselbe Geste wie früher, grob und gleichzeitig endlos zärtlich.

Für mich war das das Zeichen. Ich umklammerte seine Hand fest, drückte mein Gesicht daran, weinte, diesmal laut, hemmungslos, wie all die Nächte zuvor nie.

Da geschah ein Wunder. Die Leere in seinen Augen wich, als fiele ein schwerer Vorhang. Er zuckte zusammen, hielt meine Hand so fest, dass es fast schmerzte.

Anna? rief er lauter. Anna, meine Anna! Ist das… wahr?

Er sprach meinen Namen aus, als zöge er ihn aus der tiefsten, verborgensten Höhle seines Innern hervor das Wertvollste, das seine Identität noch rettete.

Ja! Ja, Otto, ich bin es! Wirklich ich!

Mühsam erhob er sich, stützte sich auf den Sessel. Ich sprang auf, wir fielen uns in die Arme, wie früher, doch neu und unendlich zerbrechlich. Er klammerte sich an mich. Er roch noch immer nach Holz und Wind; das Herz schlug wild.

Anna Anna schluchzte er. Ich dachte, ich bin verrückt geworden. Immer nur du, nur dein Gesicht, Tag für Tag. Wenn es verschwand, hatte ich Angst, dass auch ich verschwinden würde.

Wir blieben so stehen, alles andere um uns herum bekamen wir nicht mehr mit. Der glückliche Moment war alles. Julia und Herr Baumann verließen, leise lächelnd, das Zimmer.

Später setzten wir uns ans Fenster. Otto hielt meine Hand, als könne er mich so im Leben festhalten.

Erzähl, bat er. Wer bin ich? Wo ist mein Zuhause? Ich weiß nichts, Anna, nur dich.

Also erzählte ich. Von uns beiden an der Dorfdisco, wie er mir damals schüchtern eine Tafel Schokolade überreichte, vom ersten Kinderlachen, von seinen frühen Angeltouren, vom Haus, das sein Vater baute. Ich zeigte ihm unser altes Foto, fuhr mit seinem Zeigefinger über unsere jungen Gesichter.

Und weißt du, was das Allerverrückteste ist? schluchzte ich und lachte beinahe. Ich habe dich gefunden, weil mir ein Welpe zugelaufen ist. In der Silvesternacht. Maxl hieß er. Er hat mich raus in die Kälte, ins richtige Haus geführt. Wäre er nicht gewesen… Ich hätte nie von Herrn Baumann erfahren. Dieser kleine Hund, er war unser Glücksbringer.

Otto schüttelte langsam und ungläubig den Kopf, doch ein leichtes Lächeln zuckte über sein müdes Gesicht.

Ein Hund? An Silvester? Ein Silvesterwunder?

Ja, sagte ich. Unser Silvesterwunder. Mit langen Ohren und traurigen Augen.

So saßen wir lange da, dicht nebeneinander, während draußen unaufhörlich der Schnee wirbelte. Vor uns lagen noch ein Berg an Formalitäten, ein langer, mühsamer Weg zurück ins Leben und vielleicht nicht einmal die alte Erinnerung. Aber der wichtigste Schritt war getan. Wir hatten einander gefunden durch Schmerz, durch Kälte, durch ein Jahr voller Dunkelheit. Und alles begann mit einem Hund einem Wunder auf vier Pfoten.

Eure AnnaAls ich später zurück ins verschneite Dorf kam, lag über allem eine eigenartige, hoffnungsvolle Stille, als halte selbst die Kälte den Atem an. Ich ging noch einmal die wenigen Schritte am Zaun entlang, wo ich Maxl gefunden hatte mein kleiner, unbeabsichtigter Schutzengel. Aus den Fenstern der Baumanns fiel goldenes Licht, leise Stimmen und Kinderlachen drangen hinaus. Ich fror nicht mehr.

In meiner Tasche das alte Fotoalbum, Ottos warme Hand in meiner. Wir würden nicht zurück ins Gestern können, das wusste ich nun. Aber vielleicht ins Heute, vorsichtig und neu. Vielleicht auch mit dem einen oder anderen Besuch bei unseren Nachbarn, Geschichten am Küchentisch, draußen ein Welpe, der im Schnee mit den Kindern tobt.

Und plötzlich wurde mir klar: Das Leben bringt uns nicht immer dahin zurück, wo wir waren aber manchmal dahin, wo wir hingehören. Und manchmal reicht ein winziger Funke, ein kleines, zitterndes Wesen an einem eisigen Silvesterabend, damit aller wieder beginnt.

Ich blickte zu Otto, der im Mantel neben mir ging. Seine Schritte waren unsicher, doch sein Blick suchte meinen. Ich nahm seine Hand, fest, als hielte ich das ganze neue Jahr darin.

Wir gingen weiter, nebeneinander, in die frische Stille hinein nicht zurück in die Vergangenheit, sondern vorwärts, Schritt für Schritt, ins sanfte, dunkle Licht eines neuen Anfangs.

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Homy
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