Opa ist nicht mehr bei uns

Opa ist nicht mehr da

Anna kehrte gerade von einer weiteren Dienstreise zurück, die schweren Kofferräder rollten skurril über das Parkett ihres Berliner Altbaus. Bevor sie überhaupt den Mantel abstreifen konnte, vibrierte schon das Handy in ihrer Jackentasche ein Anruf von ihrer Mutter.

Der Stimme von Brigitte Schulze haftete Nervosität an, aber Anna schenkte ihr kaum Aufmerksamkeit. Die Müdigkeit war wie Blei.

Annchen, mein Schatz, bist du schon wieder zurück?
Hallo Mama. Ja, bin endlich da. Stehe gerade noch in der Diele. Warum rufst du an, alles in Ordnung?
Gut. Schön, dass du zu Hause bist.

Etwas lag schwer in der Luft Anna spürte, dass ihre Mutter etwas auf dem Herzen hatte, zog es aber in die Länge, als würde sie endlos in einem Traum an einer Straßenlaterne entlanggleiten.

Wahrscheinlich hat sie wieder den ganzen Kiez durchtelefoniert und will mir die neuesten Geschichten erzählen dachte Anna lakonisch. Doch jetzt war nicht die Zeit. Ihr einziger Wunsch war, sich ins Bett zu legen und den klebrigen Zugschlaf nachzuholen.

Im Nebenabteil der Bahn hatte eine Clique junger Kerle die ganze Nacht durchgesungen surreale Lieder, deren Melodien wie Fratzen durch die Pappwände krochen.

Und sie sangen sogar über sie:
Im Frühtau zu Berge wir ziehen, fallera
Die Worte waberten geisterhaft durch ihr Kopfkissen. Wäre Anna nicht so ausgelaugt gewesen, hätte sie vielleicht gelächelt, jetzt aber wünschte sie sich nur, dass die Saiten der Gitarre reißen würden.

Mama, ich leg mich erst mal hin. Ich brauch dringend etwas Ruhe nach der Reise.
Ich fürchte, das wird schwierig ihre Mutter seufzte eigenartig druckvoll.
Wieso denn? Ich habe diese Reise hinter mir und will nur schlafen. Ich erwarte niemanden, gehe nirgends hin. Oder weiß ich etwas nicht? Sag bitte, du stehst nicht gleich unangekündigt vor meiner Tür.
Annchen Opa ist nicht mehr da.

Die Wörter fielen leise, rund und schwer wie Kiesel in einen Brunnen. Anna ließ sich, das Handy ans Ohr gedrückt, langsam auf das Sofa sinken.

Seine Nachbarin, Frau Krüger, hat heute früh angerufen. Sie wollte ihm Milch bringen, aber Friedrich Hagedorn lag schon im Flur, die Hand aufs Herz gepresst, und atmete nicht mehr. Wahrscheinlich lag er die ganze Nacht dort. Wir müssen raus aufs Dorf, ihn beerdigen. Die Nachbarn helfen, wenn es nötig ist. Annchen, hörst du mich?

Anna schluckte. Ihr Kopf war ein schwimmerndes Meer aus Geräuschen und Farben. Ein gehauchtes Ja rutschte hervor.

Die Krüger hat die Verwandten informiert, aber die reisen nicht an. Sie sagten ihr offen: Wenn er uns ein Erbe hinterlassen hätte, würden wir vielleicht kommen. Aber so, wozu Zeit und Geld verschwenden? Du weißt doch, das alte Bauernhaus Will sowieso niemand. Brigitte machte eine Pause.
Und ehrlich gesagt, habe ich auch keine Lust, raus aufs Land zu fahren. Friedrich hat mich selbst gebeten, nie wieder seinen Hof zu betreten auch nicht zur Beerdigung. Und ich hielt mein Wort. Bleibt nur noch du, Annchen. Wagst du es, dem alten Mann das letzte Geleit zu geben?

Stille. Anna blickte ziellos auf das Sideboard, wo noch immer ein Brief von Opa lag, das letzte Schreiben, abgestempelt vor über einem Monat. Sie hatte es nicht gleich öffnen können sie war ja ständig unterwegs.

Drei Dienstreisen in sechs Monaten, und kein Ende in Sicht. Die Firma, für die sie arbeitete, hatte gerade ein neues Büro in Bremen eröffnet, alles musste organisiert werden und die Kollegen gesundheitliche Probleme, Kinder, Familie. Nur Anna blieb übrig, als sei sie ein Kind ohne Sorgen.

Annchen? Der Lautsprecher knackte, Brigittes Stimme tastete sich vorsichtig vor. Es wäre nicht schön, wenn die Nachbarn denken, wir hätten ihn vergessen. Er war schwierig, aber trotzdem ein Mensch. Du hattest doch immer ein gutes Verhältnis zu ihm. Also, was sag ich Frau Krüger? Kommst du aufs Dorf?

Ja, Mama. Natürlich komme ich. Nur

Anna trat ans Sideboard, nahm erneut das Briefkuvert in die Hand und legte es dann wieder zurück.

Mama, ich ich versteh das alles nicht. Opa war doch noch fit, als ich zu Neujahr da war. Nicht mal müde wirkte er.

Kind was weiß ich denn schon. Er war ja nicht mehr der Jüngste. Heute schaffen es viele nicht mal bis zur Rente, und dein Opa hat sein achtes Jahrzehnt erreicht. Wir sollten dankbar sein. Möge die Erde ihm leicht sein.

Anna war Augenblicke lang wie gelähmt. Sie liebte ihren Großvater war vielleicht die Einzige, die noch mit ihm Kontakt hielt. Der Rest der Familie Hagedorn war abgetaucht.

Zwischen Friedrich Hagedorn und Brigitte Schulze herrschte eine alte Fehde. Der Tod von Andreas, Annas Vater, hatte einen langen Schatten geworfen Friedrich hatte seiner Schwiegertochter nie verziehen und gab ihr die Schuld, dass er seinen einzigen Sohn verlor.

Brigitte hatte ihren Mann überredet, seinen Bildungsjob als Lehrer aufzugeben und für mehr Geld auf Montage zu gehen neue Wohnung, Datscha, schicke Reisen. Also schuftete Andreas monatelang fern der Heimat, schickte Geldpräsente und Geschenke, bis das Herz aufgab.

Bei der Beerdigung heulte Opa wie ein Wolf, und niemand in der Kirche vergaß dieses Bild. Eltern sollten ihre Kinder nicht begraben, murmelten die Dorfbewohner.

Seitdem sprach Friedrich kein Wort mehr mit Brigitte und immer öfter nur mit Anna. Enkelin und Großvater schrieben sich Briefe, so altmodisch wie ein Schwarzweißfilm in Dauerwellen, denn Opa Hagedorn hielt nichts von Smartphones oder Rechnern. Deswegen hielten ihn viele für ein bisschen verrückt.

Der hat einfach seinen Verstand verloren, murmelten die alten Damen auf ihren Bänken, Erst die Frau gestorben, dann der Sohn. Kein Wunder, dass er jetzt mit der Katze spricht.

In den letzten Wochen meinte sogar Frau Krüger, Opa hätte Wahnvorstellungen: Er redete ständig mit einem Kater. Komisch war nur gesehen hatte das Tier niemand.

Nach dem Telefonat ließ Anna das Handy aufs Bett plumpsen, starrte stundenlang ins Nichts, dann liefen ihr Tränen übers Gesicht. Sie wollte zu Opa fahren, im Frühjahr, wenn alles blühte. Aber die Dienstreisen, immer neue Verschiebungen, neue Termine. Und ihr Chef wurde immer seltsamer, winkte lächelnd ab, wenn sie um eine Pause bat:

Nach Recht und Gesetz, Frau Schulze, darf ich Sie schicken. Und wenn Ihnen das nicht passt, können Sie ja kündigen. Wo finden Sie sonst so ein Gehalt?

Das Gehalt war wirklich nicht schlecht also schluckte Anna.

Der Alltag würde irgendwann zurückkehren, redete sie sich ein. Aber ein schaler Geschmack blieb. Menschen sollten wie Menschen behandelt werden. Und sie hatte auch ein Leben, auch wenn es im Moment hauptsächlich aus Dienstreisen bestand.

*****

Auf dem Friedhof herrschte gespenstische Routine: Nach einer Minute Schweigen und dem letzten Hammerschlag auf den dunklen, mit bordeauxfarbenem Stoff verkleideten Sargdeckel, senkten Männer mit dicken Seilen den Sarg langsam ins Grab. Kalter Wind strich über Annas Stirn, Erde rieselte dumpf auf Holz.

Frische Blumen, Kränze. Die letzte Ruhestätte. War er wirklich da, und nun ist er einfach weg? Sie konnte es kaum fassen.

Später gab es noch ein sogenanntes Leichenschmaus viel Korn, viel Reden, Erinnerungen an den Verstorbenen. Staubige Momente, die Friedrich Hagedorn ein bisschen weiterleben ließen nun nur noch als Geschichte, als Tonband im Kopf der Anwesenden.

Als die letzten Flaschen leer und die Worte verhallt waren, blieben Anna und das Echo alleine zurück. Ich hab es nicht mehr geschafft zu spät schüttelte sie innerlich den Kopf.

Um sich abzulenken, begann sie, das Haus in Ordnung zu bringen allein, als wäre sie eine Traumwandlerin in einer fremden Kulisse. Sie öffnete die Fenster weit, schrubbte das alte Dielenparkett, wischte Staub, kehrte Spinnweben von den Balken, legte Reste vom Tisch in den Kühlschrank. Die Stille war dabei weniger schwer.

Das geräumige Haus hatte einen ländlichen, fast asketischen Charme. Im Garten blühten Apfelbäume, Johannisbeer- und Himbeersträucher. Opa hatte nie zugelassen, dass das Land verfiel; so ordentlich war alles, als wollte der Traum selbst die Beete geradeziehen.

Wer kümmert sich jetzt um alles? dachte Anna.

Unter einer Apfelbaumkrone rief sie die Mutter an:

Gut hast du das gemacht, Annchen.
Opa war einfach, wie er war. Er hat so viel Leid gesehen. Sei nicht böse auf ihn, Mama.
Schon gut, Annchen Ich bin nicht böse. Sag mal, wann kommst du wieder nach Hause? Ist doch bestimmt seltsam so ganz allein da?
Nein, ich bleibe noch. Ich habe ein paar freie Tage, will ein bisschen Landluft schnuppern. Außerdem sind bald die Neun-Tage-Gedenktage. Vielleicht kommst du mich besuchen?
Dazu ist der Weg mir zu weit Außerdem, weißt du doch, ist gerade Hochsaison im Schrebergarten.
Schon klar. Aber vergiss nicht: Hier liegt auch das Grab von Papa. Du warst seit der Beerdigung nie wieder da.
Ich hab ja damals gesagt, er sollte in die Stadt und nicht aufs Dorf aber Opa Du Annchen, mein Lieblingskrimi beginnt jetzt. Ich muss los! Ruf mich an, ja?

Anna lächelte. Immer wenn es unangenehm wurde, flüchtete ihre Mutter in einen plötzlichen Programmpunkt. Anna kochte sich Tee aus Opas getrockneter Pfefferminze und Johannisbeerblättern, trank und ging schlafen.

Vorher holte sie den Brief von Opa hervor das Schreiben, das sie inzwischen auswendig kannte. Der Ton war seltsam verschoben:

Opa schrieb nur von einem Kater. Schwarzer Kater Moritz. Sie konnte sich nicht entsinnen, dass Opa je ein Haustier hatte.

Im Traum blätterte Anna den Brief wortlos durch:
Stell dir vor, mein Moritz mag Milch, obwohl alle sagen, erwachsenen Katzen bekommt das nicht Gestern hat er fast einen halben Liter geschlabbert, jetzt muss ich Frau Krüger wieder bitten, neue Milch zu bringen. Sie wird staunen sonst reicht die Drei-Liter-Flasche für eine Woche. Aber Moritz frisst wie ein Scheunendrescher Und ich habe ihn bislang kaum gesehen, nur ein schwarzer Schatten huschte zum Schuppen. Ich spüre immer seinen Blick im Rücken, diesen Katzenblick. Ich hoffe, du kommst bald, Annchen, dann fangen wir ihn gemeinsam vielleicht. Ich glaube, die Menschen haben ihm oft wehgetan, darum meidet er sie.

Ein komisches Gefühl. Kein Kater war weit und breit zu entdecken, nicht im Haus, nicht im Garten, obwohl Anna schon Tage dort war.

Und doch hatte sie heute genau diesen seltsamen Blick im Nacken gespürt. Sie drehte sich mehrfach um nichts.

Morgen frage ich Frau Krüger nach dem Kater Moritz

*****

Sie wachte im Zwielicht auf, als die ersten Sonnenstrahlen durch die Gardinen tasteten. Spatzen zwitscherten draußen, Hähne krähnten, wildes Konzert auf den Dorfhöfen.

Anna schlug das Fenster auf. Der Geruch nach frischem Gras und Bienenwachs mischte sich mit ihrer Erinnerung an die Kindheit: Sommerferien bei Opa, Nistkästen bauen, Streuselkuchen in der Nachmittagssonne. Und da war ja noch die Frage nach dem Kater.

Welcher Kater? Frau Krüger war verdutzt.
Ich weiß es selbst nicht Moritz eben. In den älteren Briefen kein Wort, und jetzt ist er plötzlich die Hauptfigur.
Ach so Frau Krüger schlug sich die Hand an den Kopf. Ja, das war komisch. Vor etwa einem Monat sprach Friedrich plötzlich ständig mit einem Kater. Ich hab ihn mal dabei erwischt und dachte: jetzt hat er endgültig den Verstand verloren. Man sah nie eine Katze, aber Opa schwafelte und redete mit seinem unsichtbaren Freund. Moritz nannte er ihn, das hörte man über den Zaun. Aber du glaubst mir: gesehen hat niemand jemals eine Katze auf seinem Gelände. Und im Haus sowieso nicht. Ich kam oft vorbei, brachte Milch, Kuchen, Tee Immer das gleiche: Wenn ich ihn mal einfange, zeig ich ihn dir. Ich glaube, er hatte am Ende einfach zu viel allein gesessen, der Kopf dreht dann schon mal durch Meinst du nicht?

Vielleicht Anna überlegte. Aber eigentlich war Opa noch klar. Irgendwas entgeht uns da, vielleicht hat sich Moritz so gut versteckt, dass ihn niemand sah. Sind mal Katzen verschwunden im Dorf?
Nein, und schwarze Kater gibts bei uns auch keine

Mit diesen Gedanken kehrte Anna zurück in ihr Reich, sortierte weiter, werkelte im Garten. Immer wieder wanderte der Blick umher und ob sie wollte oder nicht, dauernd dachte sie an Moritz. Wäre er da, wohin war er verschwunden?

Tatsächlich: In sicherer Entfernung, verborgen zwischen Brennnesseln, beobachtete sie ein schwarzer Kater. Er war schon vorher dagewesen, hatte Anna begutachtet und auch alle anderen, die auf Opas Grundstück herumstapften. Aber nur zu Anna fühlte er sich hingezogen. In ihren Bewegungen war etwas Vertrautes, als würde eine Erinnerung an Opa durch die Gummistiefel gleiten.

Moritz getraute sich nicht in die Nähe die Angst vor Menschen war zu groß. Zu oft hatten sie ihn im Leben verletzt. Trotzdem saugte er jede Stimme, jedes Wort, jedes Händereiben auf.

Friedrich Hagedorn war anders gewesen, das hatte Moritz schon an dessen Augen gesehen freundlich, warm, geduldig. Nach seinem Tod lag der Duft von Abschied in der Luft, bitter wie Cinchona. Da war die Haustür verschlossen, und Moritz schlich rastlos um das Haus, jammerte leise ins Dunkel.

Jetzt, mit Anna im Garten, wuchs Neugier neben Skepsis. Manchmal vergaß Moritz jegliche Vorsicht, bis Anna sich abrupt umdrehte und ihn entdeckte es geschah am neunten Tag.

Vielleicht sollte es so sein An jenem Tag waren noch viele Menschen da, dann verging das Treiben. Moritz war leichtsinnig geworden und Anna sah ihn endlich richtig.

Ach, du bist der berühmte Moritz! Also hat Opa wirklich nicht geflunkert
Lächelnd, mit ausgestreckter Hand, wollte Anna den Kater locken. Aber Moritz Puff! verschwunden im Dickicht.

Ach Moritz, warum so scheu Morgen muss ich schon abreisen, und du versteckst dich immer noch. Ich tu dir nichts, ehrlich! Ich möchte dich wirklich kennenlernen

Frau Krüger, die Anna gerade frische Brötchen bringen wollte, stand am Zaun und starrte perplex aufs Grundstück. Anna sprach mit ja, mit wem eigentlich? Einen Kater sah sie nicht.

Das gibts doch nicht Erst Friedrich, jetzt das Enkelkind… Spinnt hier schon die ganze Familie? dachte sie kopfschüttelnd.

***

Am Nachmittag zogen sich tiefblaue Wolken zusammen; ein Unwetter kündigte sich an. Die Hühner bei Frau Krüger gluckerten ängstlich, irgendwo knurrte schon der Donner.

Das gibt heute noch ein richtiges Gewitter murmelte Anna, während der Wind durch die Apfelblüte brauste.

Gerade gedacht, kam der erste schwere Tropfen. Anna rief noch einmal nach Moritz, lud ihn ein, sich im Haus zu trocknen, aber keine Spur.

Moritz hatte sich in seinem Unterschlupf verkrochen, flach an die Erde gedrückt, jedes Donnergrollen jagte durch sein Fell. Seine Angst vor Menschen war groß, aber die Angst vor Gewittern noch größer

***

Stunden trommelte der Regen aufs Dach, manchmal leise, manchmal wie Trommelfeuer. Anna drehte sich unruhig im Bett. Dann, wie aus dem Nichts: ein Donnerschlag, dass selbst der Schlaf erstarrte. Weiße Blitze zuckten um die Gardinen wie Spuren auf einem Fotofilm.

In eine Gewitterpause hinein klirrte plötzlich das Fenster. Zwei glühende Katzenaugen starrten Anna entgegen.

Heilige Maria! rief sie, zog sich die Decke bis zur Nase.

Etwas dunkles, nasses fegte wie ein Schatten durch das Zimmer, schoss unter das Bett.

Anna lugte nach. Tatsächlich: Unter dem Bett hockte Moritz, bebte und tropfte. Sie lockte, er zögerte, aber schließlich ließ er sich hervorziehen.

Sie rubbelte ihn mit einem Handtuch trocken und nahm ihn mit ins Bett. Draußen jagte das Unwetter weiter, aber im Haus war es warm und sicher.

Zum ersten Mal seit Tagen konnte Anna einschlafen. Die merkwürdige Angst draußen war nur noch wie ein ferner Rest.

***

Sie wurde von Kratzen an der Fensterbank geweckt. Moritz wollte hinaus, sonnenbeschienen.

Wohin so früh, mein Freund? Anna lächelte dem Kater zu, der schon auf der Fensterbank scharrte.

Moritz schwieg, drehte sich um, als wollte er sich entschuldigen.

Ein zartes Miau und ein Blick zur Tür, ein Stupsen gegen die Scheibe er wollte hinaus.

Nicht ohne Frühstück, Moritz. Und dann tja, dann darfst du entscheiden: Hierbleiben oder mit mir kommen. Ich glaube, Opa hätte gewollt, dass wir zusammen sind. Ich jedenfalls auch. Aber es ist deine Wahl.

Nachdem Moritz genüsslich gefräst hatte, öffnete Anna ihm die Tür nach draußen, packte ihren Koffer.

Als sie wenig später das Haus verließ, saß Moritz schon auf der Treppe und wartete. Er stellte sich auf alle vier Beine, rieb sich schnurrend an ihren Füßen.

Er hatte seine Entscheidung getroffen. Mit Anna in die Stadt raus aus dem Schatten, endlich ein Zuhause, keine Angst mehr vor Menschen, vor Donner, vor der Vergangenheit.

Das wusste ich doch Anna streichelte ihn dass du es so machst.

Als sie Frau Krüger den Hausschlüssel vorbei brachte, starrte die Nachbarin ungläubig auf die Szene.

Der Kater? Der Kater? Das ist der Kater!

Genau der, bekräftigte Anna. Opa war also nicht verrückt. Nur Moritz war sehr scheu. Aber jetzt sind wir zusammen.

Das ist schön. Ich halte hier alles im Blick. Besuchst du uns wieder?
Natürlich! Moritz und ich kommen bestimmt zurück.

Dann nimm das mit für unterwegs Frau Krüger drückte ihr einen Beutel mit Brötchen in die Hand.
Vielen Dank, Frau Krüger. Für alles!

Im Bus nach Berlin, Anna am Fenster mit dem Kater auf dem Schoß, schaukelte der Himmel vorbei. Einmal war das Opas Gesicht als Wolke? meinte sie, ein Auge blinzele ihnen zu. Auch Moritz schnurrte, drückte sich fest ans Glas.

Vielleicht war es nur ein Traum. Vielleicht auch mehr.

Aber Anna wusste: Opa ist nicht einfach verschwunden. Er lebt in ihren Erinnerungen weiter. Und irgendwo im Herzen von Berlin wird nun ein schwarzer Kater namens Moritz zu Hause sein.

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Homy
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