Der späte Aufstand

Später Aufbruch

– Weißt du eigentlich, was du da machst? Klaras Stimme war ruhig, fast tonlos, und genau diese Ruhe wirkte bedrohlicher als jede Lautstärke. Ist dir klar, was das für uns alle bedeutet?

Helga stand am Fenster und blickte hinaus auf die Straße. Ein feiner, kalter Herbstregen nieselte, die Menschen hasteten aneinander vorbei, Regenschirme aufgespannt, ohne einander zu beachten.

– Ich weiß, was es für mich bedeutet, sagte sie schließlich.

– Für dich. Klara wiederholte das Wort, als würde sie es abwiegen. Immer nur du. Und wir?

– Ihr seid erwachsene Menschen.

– Mama, du bist einundsechzig.

– Ich kenne mein Alter.

Klara ließ sich seufzend auf das alte, speckige Sofa fallen, das noch aus der alten Münchner Wohnung stammte, aus einem anderen Leben. Helga sah es an und dachte: Wie oft hatte sie sich vorgenommen, es endlich zu entsorgen und jedes Mal blieb es doch. Aus Gewohnheit. Aus Mitleid. Weil es sich anfühlte, als würde man etwas Lebendiges wegwerfen.

– Hast du überhaupt daran gedacht, was die Leute sagen werden? fragte Klara.

– Nein, antwortete Helga knapp. Habe ich nicht.

Und das stimmte.

***

Alles begann im März, als Helga Berghaus, ehemalige Deutschlehrerin, mittlerweile Rentnerin mit kleiner Nebenbeschäftigung in der Kinderlesegruppe der Stadtbibliothek, übers Wochenende zu ihrer Freundin nach Rothenburg ob der Tauber fuhr.

Ihre Freundin, Margarete Seifert, lebte dort seit acht Jahren. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie ein kleines Häuschen am Rand der Stadt gekauft, einen Gemüsegarten angelegt und, wie sie sagte, endlich wieder durchgeatmet. Helga besuchte sie meistens im Sommer, doch diesmal hatte sie das Gefühl, jetzt fahren zu müssen nicht später, sondern sofort.

März in Rothenburg war nasskalt und still. In den Senken lag noch Schnee, auf den Hügeln schimmerte schon schwarzer Boden. Die Fachwerkhäuser standen grau gegen den blassen Himmel. Helga schlenderte durch die engen Gassen und fühlte eine Ruhe, wie sie sie lange nicht mehr empfunden hatte keine Leere, sondern wirkliche Stille. Erst hier merkte sie den Unterschied, begriff sie ansatzweise.

Margarete empfing sie auf der Türschwelle, in Filzpantoffeln und einem alten, abgetragenen Mantel.

– Endlich bist du da, sagte sie lächelnd. Ich habe schon Frikadellen warmgemacht.

Sie saßen in der kleinen Küche, tranken Tee, Margarete erzählte von ihren Nachbarn, vom Garten, dass sie sich nun doch eine Ziege anschaffen wolle.

– Eine Ziege? Helga hob ungläubig die Augenbrauen.

– Und warum nicht? Eigene Milch, Käse, das stelle ich mir schön vor. Ich hab gelesen, das geht ganz einfach.

– Margarete, du hast in deinem Leben noch nie eine Ziege aus der Nähe gesehen.

– Dann wirds Zeit, lachte Margarete und legte nach. Und wie gehts dir? Du bist so blass geworden. Das meine ich nicht böse.

Helga betrachtete ihre Hände gewöhnliche, ältere Hände, Adern leicht erhaben, die Haut dünner geworden.

– Mir gehts schon gut.

– Das ist keine Antwort. Ist irgendetwas passiert?

– Nichts Besonderes. Alles wie immer.

– Genau das ist das Problem, beschloss Margarete. Wenn alles wie immer ist, ist das am ehesten die Schwierigkeit.

Helga schwieg. Draußen fiel die frühe Dämmerung, das erste Licht ging am Straßenende an.

Am nächsten Tag schleppte Margarete sie auf den Wochenmarkt. Kein Supermarkt, sondern ein richtiger kleiner Markt, mit alten Frauen, die Sauerkraut und selbstgestrickte Socken feilboten. Dort, zwischen den Pilzen, sah Helga ihn Karl.

Zuerst erkannte sie ihn nicht. Über fünfunddreißig Jahre war es her, er hatte sich verändert. Aber etwas an der Haltung, an der Art, wie er die Hände in die Taschen steckte, blieb gleich. Sie blieb stehen.

Auch er stoppte.

– Helga? fragte er unsicher.

– Karl.

Mehr sagten sie im ersten Moment nicht. Margarete machte sich diskret davon. Sie standen zwischen Pilzen, in der Luft der Geruch nach Erde und Kälte.

– Wohnst du hier? fragte Helga.

– Seit zwei Jahren. Und du?

– Bin auf Besuch.

– Ach so.

Wieder Pause keine peinliche, sondern eine, in der das Tempo verschwand, als hätten beide Zeit genug.

– Du hast dich kaum verändert, sagte er.

– Unsinn.

– Na ja, ein wenig. Das meiste ist gleich.

Helga lachte und wunderte sich über sich selbst.

***

Karl Brenner war ihr Kommilitone gewesen. Kein Geliebter, kein enger Freund, einfach der Mann aus der gemeinsamen Zeit an der Pädagogischen Hochschule. Fünf Jahre in einer Gruppe, dann gingen ihre Wege auseinander. Er zog fort, sie blieb, heiratete, bekam Kinder. Über Bekannte hatte sie mal gehört, dass er auch eine Tochter hatte. Mehr nicht.

Und jetzt stand er in Rothenburg zwischen Pilzen vor ihr.

Sie verabredeten sich für den Abend, im kleinen Café an der Hauptstraße. Margarete sah das gelassen.

– Geh ruhig, winkte sie ab. Ich will eh meinen Krimi schauen. Keine Sorge, ich mache keine Pläne für dich.

– Das hoffe ich.

Das Café war fast leer, Holztische, schummrige Lampen, Fotos vom alten Rothenburg an den Wänden. Sie tranken Tee, aßen Apfelkuchen, kramten Erinnerungen hervor, lachten über Albernheiten von damals.

Später sagte er:

– Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben.

– Das tut mir leid, sagte Helga.

– Es geht irgendwie. Man lebt halt weiter, vielleicht anders.

– Ich verstehe dich.

– Und du?

Helga überlegte. Ihr Mann, Reinhard, hatte sie vor neun Jahren verlassen, war zu einer anderen gezogen. Einfach so, ohne viel Erklärung. Sie hatte damals alles hinterfragt, die Jahre gezählt, Schuld gesucht. Irgendwann hörte sie auf, einfach aus Erschöpfung. Kinder, Enkelkinder, die Lesestunde in der Bibliothek, Margarete in Rothenburg im Sommer der Alltag lief weiter.

– Mal so, mal so, sagte sie.

Er nickte, fragte nicht nach. Auch das tat gut.

***

Wieder zurück in München hielt Helga ihr Treffen für Zufall, nette Erinnerung. Doch nach einer Woche meldete sich Karl über WhatsApp. Er hatte ihre Nummer von Margarete bekommen. Hallo, bist du gut angekommen?

Sie antwortete zaghaft erst, dann täglich. Das war neu für Helga. Ihre Tochter Klara tadelte sie sonst, dass sie Nachrichten oft erst nach Stunden oder Tagen beantwortete. Nun erwischte sie sich selbst beim Warten.

Karl schrieb unkompliziert. Über seine Arbeit im Bereich Restaurierung, über seine Arbeit an alten Kirchen, über die Streifzüge durch Rothenburg. Fragte nach ihrem Lesekreis, nach den Kindern. Ab und zu kam ein Foto: Schneebedeckte Kirche, Katze auf der Fensterbank, Tee im Glas auf einem alten Tisch.

Im April schrieb Karl, er müsse nach München, einen alten Altar begutachten.

Falls du Lust hast, treffen wir uns?

Helga musste bei dieser vorsichtigen Formulierung schmunzeln.

– Komm ruhig, schrieb sie.

Sie trafen sich an der Isar, wo sie in München breit und ruhig fließt. Es war windig, aber die Sonne machte alles leicht. Helga hatte den guten grauen Mantel angezogen, den sie nur selten trug.

Er wartete bereits, beide Hände in den Taschen, wie auf dem Markt.

– Hallo, sagte er.

– Hallo.

Sie schlenderten an der Isar entlang, sprachen über Restaurierung, Lesekreis. Helga erzählte von einem achtjährigen Jungen, der schrieb, Bücher seien wie Fenster, aber andersrum, man blicke hinein statt hinaus. Karl blieb stehen.

– Sehr schön, sagte er. Acht Jahre alt?

– Acht. Sehr kluges Kind.

– Du kannst was mit Kindern. Das merkt man.

– Wieso, du hast mich nie erlebt.

– Die Art, wie du erzählst, zeigt, dass es dir etwas bedeutet.

Helga spürte, wie sie errötete. Das war ein schönes, fast vergessenes Gefühl.

Im Café tranken sie Kaffee, plauderten lange, entspannt. Beim Abschied sagte er:

– Ich würde gern wiederkommen. Wenns dir recht ist.

– Das kannst du.

***

Klara bekam das im Mai mit. Nicht, weil Helga erzählte einfach, weil sie Helga einmal nicht erreichte und Unruhe spürte.

– Wo warst du?

– Spazieren.

– Allein?

Die Pause war kurz, Klara fiel sie aber sofort auf.

– Nein.

Nun flogen die Fragen. Wer er sei, ob das, was Helga tue, ihr ernst sei und für wen das sei. Ihr Sohn Thomas, Vater von zwei Kindern, lebte in Berlin, telefonierte seltener, aber als Helga es ihm erzählte, fragte er nur:

– Guter Typ?

– Ein ganz normaler.

– Dann passts.

Nicht einmal halb so kompliziert wie Klara.

***

Der Sommer bekam einen neuen Rhythmus. Karl reiste nach München, sie fuhr nach Rothenburg. Auf Märkten, in Museen, in gemütlichen Wirtshäusern. Einmal zeigte er ihr seine kleine Werkstatt, ein Raum voll Holz und Leinölgeruch, an den Wänden dunkle, zum Teil restaurierte Ikonen.

– Keine Angst, so etwas Altes zu berühren? fragte Helga.

– Nein, im Gegenteil. Es ist schön, mit Dingen zu arbeiten, die lange überdauern.

– Glaubst du an das Ganze?

Er überlegte.

– Ich nenne es eher Respekt. Eigene Bedeutung. Nicht, weil es jemand vorgibt.

Sie blickte auf ein fast fertiggestelltes Heiligenbild.

– Mein Mann meinte immer, meine Lesestunde sei Zeitverschwendung, sagte Helga. Für das Geld.

– Und, war er im Recht?

– Ich dachte lange ja. Bis zur Rente fast.

– Aber jetzt?

Karl sah sie nur an. Das genügte als Antwort.

Der Kontakt zu Klara wurde frostiger. Eine vorwurfsvolle, laute Stille. Enkelin Emma fragte einmal am Telefon ganz offen: Oma, wann kommst du wieder heim? Da war ein Stich in Helgas Herz. Doch an Karls Küchentisch verflog das Schuldgefühl nicht weg, aber kleiner.

– Würdest du überhaupt umziehen? fragte Karl an einem Abend.

– Wohin?

– Zu mir, nach Rothenburg. Oder überhaupt, irgendwohin.

Er hielt den Blick gesenkt und rührte in seinem Tee.

– Ist das ein Angebot?

– Nein. Nur eine Frage.

– Ich habe es nicht ernsthaft bedacht. Früher mal, aber das war immer unmöglich.

– Wegen der Kinder, Enkel, Wohnung.

– Genau.

– Die sind erwachsen.

– Das ändert nichts.

Er nickte.

– Wollte es nur wissen.

Diese Frage blieb nagend und nie wieder ganz verschwunden.

***

Im August kam Klara nach München, kein Anlass, einfach so. Sie tranken Tee, Klara starrte in den grauen Himmel.

– Ist dir das ernst? fragte sie.

– Womit?

– Mit ihm. Mit allem.

– Ich weiß es selbst nicht.

– Mama, findest du nicht, das ist etwas seltsam? In unserem Alter?

– In deinem oder meinem?

– In unserem für unsere Familie. Papa lebt ja noch

– Seit neun Jahren mit einer anderen Frau, Klara.

– Ihr wart dreißig Jahre verheiratet.

– Das spielt schon eine Rolle.

Klara schob ihre Tasse mit Nachdruck weg.

– Glaubst du, Emma wird das verstehen?

– Emma ist acht.

– Gerade deshalb. Sie kriegt alles mit.

– Sie wird verstehen, was wir ihr erklären.

– Und was erklärst du?

Helga sah sie an. Früher fand sie es schön, dass Klara so sehr dem Vater ähnelte. Heute erkannte sie darin etwas Hartes, Unbewegliches.

– Dass Oma einen guten Menschen kennengelernt hat, erwiderte sie. Das reicht erst mal.

– Und weiter?

– Das sehen wir dann.

– Typisch, Klara ging zum Fenster. Das sagst du immer, wenn du nicht reden willst.

– Nein, ich sage es, wenn ich es ehrlich meine und nicht weiter weiß.

Klara schwieg lange.

– Ich habe Angst, dass du es bereust.

– Ich kann auch bereuen, was ich nicht tue.

– Philosophie Klara zuckte die Schultern.

– Auch Philosophie hilft nicht immer, erwiderte Helga. Aber ich lebe damit.

Klara fuhr noch am selben Abend ab. Beim Abschied drückten sie sich fest. In dieser Umarmung lag alles Nähe und Spannung zugleich. Als müssten beide etwas aushalten.

***

Der September kam kalt und scharf. Helga war seit sechs Jahren offiziell Rentnerin, aber die Lesestunde hielt sie im Rhythmus. Dienstags und freitags kamen die Kinder, sie malten, lasen, spielten Theater. Ein kleiner, niedriger Raum, Sitzkissen, Bücherregale.

Leiterin der Bibliothek war Frau Schuster, fünfundsechzig, sie wusste über Helgas neues Glück Bescheid, erkannte es einfach an Helgas verändertem Auftreten.

– Bei dir passiert was, stellte Frau Schuster fest.

– Ja.

– Was Gutes?

– Noch unklar.

– Hauptsache, es passiert was, schmunzelte Frau Schuster. Sonst treiben wir wie Flüsse, ohne Richtung.

Im September fragte Karl, ob sie mit nach Regensburg fahren wolle, zu einer alten Handschriftenausstellung. Sie nahmen sich zwei Einzelzimmer, besuchten Museen und Restaurants. Eines Abends, in einer kleinen Weinstube am Donauufer, kam das Gespräch.

– Ich setze dich nicht unter Druck, sagte Karl sanft. Nur, dass du das weißt. Ich will nichts erzwingen. Es macht mich einfach glücklich, dass es dich gibt.

Helga wusste eine Zeit lang nicht, was antworten. Draußen glänzte die Donau in Dunkelheit.

– Es ist nicht einfach für mich zuzulassen, flüsterte sie.

– Warum?

– Weil ich gewöhnt bin, dass hinter Worten immer Erwartungen stehen.

– Hier gibt es keine.

Sie gingen später schweigend zurück. Der Wind war schneidend, Helga zog den Mantelkragen hoch. Karl lief neben ihr nicht einhakend, nur begleitend. Das fühlte sich richtig an.

***

Im Oktober führte Helga das längst fällige Gespräch.

Sie rief Klara an, ließ ihr keine Zeit zum Fragen.

– Ich will dir etwas sagen. Karl hat vorgeschlagen, dass ich zu ihm ziehe. Ich denke darüber nach.

Stille.

– Du meinst das ernst.

– Ja.

– Ihr kennt euch sieben Monate.

– Acht.

– Acht Monate! Weißt du, was das bedeutet?

– Es bedeutet genau das: Acht Monate.

– Das ist nichts! Du kennst ihn kaum!

– Ich weiß genug.

– Was denn? Dass er dir gefällt? Menschen ändern sich, Mama. Alles ändert sich!

– Klara.

– Ja?

– Dein Vater hat sich auch geändert. Nach dreißig Jahren.

Stille.

– Das ist unfair, klang Klaras Stimme leise.

– Ich will einfach ehrlich sein. Dir und mir selbst gegenüber.

Thomas rief abends auch an; Klara hatte vorgewarnt.

– Willst du wirklich umziehen?

– Ich überlege.

– Wie wohnt er? Ist er in Ordnung?

– Bodenständig, zuverlässig, ordentlich. Kleines Haus, aber gemütlich.

– Die Wohnung verkaufst du?

– Nein, ich vermiete sie.

– Und wenn das schiefgeht?

– Thomas Sag nicht gleich wenn. Lass mich mal etwas wagen.

Pause.

– Mach das, sagte er dann. Ruf trotzdem immer an.

– Versprochen.

Nach dem Telefonat blieb Helga lange am Fenster stehen. Regennasser Asphalt, das Licht der Straßenlaterne im Wind. Sie dachte: Einundsechzig Jahre alt und zum ersten Mal in meinem Leben treffe ich eine Entscheidung ganz nur für mich. Nicht, weil mich jemand verlässt. Nicht, weil ich etwas muss. Sondern weil ich es will.

Seltsames Gefühl.

Sie schrieb Karl: Ich brauche noch Zeit zum Überlegen.

Antwort: Nimm dir, so viel du brauchst.

***

Margarete rief jede Woche an, hielt sich immer neutral. Sie sagte nie zieh her, nie warte lieber. Sie erzählte von ihrer Ziege, die sie nun endlich gekauft hatte.

– Wie heißt sie? fragte Helga.

– Erna.

– Wirklich?

– Gutes, bodenständiges Name! Sie fühlt sich wichtig, da passt das.

– Du bist verrückt.

– Im besten Sinne.

– Sag, Helga, wenn du dreißig wärst, würdest du so viel grübeln?

– Weiß nicht, ob es an Alter liegt.

– Doch, wir wägen alles ab, nennen es Erfahrung manchmal ist es nur Angst.

– Du bist wie Frau Schuster heute.

– Sag ich ja.

Nach dem Gespräch dachte Helga lange nach: Angst die sich hinter Weisheit tarnt das stimmte. Früher hatte sie Angst, Entscheidungen zu treffen und sich zu täuschen. Dann Angst, es nicht zu tun und es nie zu erfahren.

Aber es ging nicht um Karl. Es ging um sie selbst.

Wer war sie eigentlich, wenn sie nicht Ehefrau, Mutter oder Lehrerin war? Die Lesestunde für Kinder das war das erste, was sie nur für sich tat.

Und nun das.

***

Am Ende Oktober etwas Unerwartetes: Helgas Ex-Schwiegermutter, Frau Berghaus, rief an Antonia, 82 Jahre, wohnte allein in München und wurde von Helga manchmal besucht.

– Klara hat mir erzählt, dass du vielleicht gehst, begann sie unvermittelt.

Helga schwieg.

– Ich finde, das hast du dir verdient, sagte die Alte ruhig. Mein Sohn wusste deinen Wert nicht zu schätzen. Das habe ich immer gemerkt. Aber jetzt sage ich es.

– Antonia

– Lass mich ausreden. Deine Enkel sind wohlauf, du hast genug für sie getan. Klara ist wütend, weil sie Angst hat, dich zu verlieren. Aber du bist kein Möbelstück.

– Ich werde gebraucht.

– Als Mutter, als Oma, als jemand, den man immer erreichen kann. Und als Mensch?

Helga schwieg.

– Eben. Zieh hin, wenn du willst. Und ruf mich an, damit ich weiß, dir gehts gut.

Helga stand noch lange am Fenster die letzten Blätter fielen, Stille wie vor dem Winter.

Sie dachte über die vielen Rollen nach, in die sie stets gepresst worden war und darüber, dass Karl sie einfach als Helga sah. Ohne Geschichte, ohne Funktion.

***

Im November kam der erste Schnee. Emma griff ausnahmsweise selbst zum Telefon.

– Oma? piepste sie. Du gehst wirklich weg?

– Ich weiß es noch nicht, mein Schatz.

– Kommst du uns dann noch besuchen?

– Natürlich.

– Versprichst dus?

– Ehrensache!

Leise Stille.

– Ist es dort schön, wo du vielleicht wohnst?

– Wunderschön. Weiße Kirchen, viel Schnee, ein Fluss.

– Wie München?

– Kleiner, noch ruhiger.

– Mama hat Angst, dass du krank wirst und wir nicht da sind.

Das stach.

– Sag Mama, dass ich gesund bleibe.

– Sie weiß es, aber hat Angst.

– Alle haben mal Angst. Ich auch.

– Echt, du? Aber du bist mutig!

– Auch Mutige haben Angst, nur sie machen trotzdem weiter.

– Das merke ich mir! Tschüss, Oma!

***

Mitte November reiste Helga nach Rothenburg, blieb eine ganze Woche. Sagte Frau Schuster Bescheid, bat Margarete um den Briefkasten.

Karl holte sie am Bahnhof ab; sie betrachtete den verschneiten Stadtrand die gleiche Strecke wie im März, ein Jahr war vorbei.

Sie wohnten nun eine Woche gemeinsam im kleinen Haus, Holzdielen, alte Fensterrahmen. Helga kochte ein paar Mal, Karl räumte auf. Morgens tranken sie Kaffee, blickten in den Schnee.

Eines Abends fragte Helga zögerlich:

– Ist es dir nicht zu eng zu zweit?

– Wieso?

– Du warst acht Jahre allein.

– Eng wars, als ich nicht das Leben führte, das ich wollte. Jetzt ist es anders.

– Was war damals?

– Ich arbeitete jahrelang als Bauarbeiter, Familie, klar Aber es fühlte sich nie richtig an. Mit über vierzig bin ich in die Restaurierung gewechselt, alle sagten, das sei verrückt.

– Und?

– Ich zogs durch. Meine Frau stand hinter mir. Sie hat immer ermutigt.

– Erzähl mir von ihr, bat Helga.

Er schwieg einen Moment.

– Anna war ruhig, ohne Unruhe. Sie brachte Frieden, einfach durch ihr Dasein.

– Vermisst du sie?

– Ja. Aber trotzdem kann ich weitergehen.

– Ich auch, nur anders.

Sie schwiegen zufrieden.

***

An einem Donnerstag rief Klara an.

– Du bist dort?

– Ja.

– Wie lange noch?

– Bis Sonntag.

Klaras Stimme war angespannt.

– Mama, warum machst du das alles? Brauchst du einen Beweis? Für dich? Für uns?

– Nein. Ich will einfach mal anders leben als bisher.

– Heißt das, dass du vorher unglücklich warst?

– Nicht unglücklich. Nur nicht ganz richtig.

– Was fehlte denn?

Helga dachte lang nach. Sie hatte alles Wohnung, Kinder, Arbeit, Freunde. Kein großes Unglück. Und trotzdem: Da war immer das Gefühl, ein Leben am Rand zu führen, ihren eigenen Plan zu erfüllen aber nicht als Teil davon.

– Mir selbst, sagte sie schließlich.

– Was meinst du?

– Dass ich immer nur die Rollen ausgefüllt habe.

Lange Pause.

– Glaubst du, du wirst jetzt glücklich?

– Weiß ich nicht. Aber ich möchte es versuchen.

– Gut, sagte Klara leise. Nicht einverstanden, aber auch kein Kampf mehr.

***

Sonntag Abschied von Karl. Er fragte:

– Hast du dich entschieden?

– Fast.

– Heißt das gut oder schlecht?

– Ich brauche nur noch einen Moment.

– Du hast Angst, dich zu täuschen.

– Ja.

– Darf ich ehrlich sein?

– Unbedingt.

– Es gibt Fehler, die tun weh, aber sind klar. Und es gibt die, die man nie wagt und nie weiß, was möglich gewesen wäre. Die zweiten finde ich schlimmer.

Helga lächelte.

– Du sagst immer genau das, was ich denke, aber nicht auszusprechen wage.

– Nicht Absicht. So ticke ich halt.

Abends zurück in München, die Wohnung wie immer: die Stille, der vertraute Geruch, das Licht schräg durchs Fenster. Sie setzte sich an den Küchentisch, las in ihrem Buch nach, blieb an dem Satz hängen: Man trägt sein Alleinsein mit sich keine Strafe, sondern eine Tatsache, die man gestalten kann.

Sie schrieb Karl: Ich komme im Januar. Für länger. Wir werden sehen.

Er: Ich warte.

***

Der Dezember verging in eigentümlicher Ruhe. Helga ging weiter in die Bibliothek, kochte für Frau Berghaus, ordnete ihre Sachen. Alles war wie gewohnt, nur innerlich verschoben. Entscheidendes war klar aber es blieb eine Zwischenstimmung.

Klara fragte leise:

– Hast du deine Meinung geändert?

– Nein.

– Vermietest du deine Wohnung?

– Ja. Die Maklerin schaut sich schon um.

– Mama Hast du nicht Angst, dieser Neuanfang ist bloß naja, manchmal denken Menschen, das Neue sei besser, aber

– Klara!

– Was?

– Ich bin einundsechzig. Ich bilde mir keine Illusionen mehr. Ich kenne Unterschiede.

– Sicher bist du nie, wie jemand wirklich ist

– Nie. Im Leben ist alles vielleicht. Auch du wusstest bei deiner Hochzeit nicht, was kommt.

– Da war ich siebenundzwanzig.

– Und?

Lange Pause.

– Gut, sagte Klara. Soll ich dir beim Packen helfen?

– Sehr gern.

***

Silvester feierte Helga bei Klara, mit Emma, Schwiegersohn Stefan und Thomas samt Familie. Buntes Chaos, Kinder tobten, Erwachsene redeten durcheinander.

Emma flüsterte Helga zu:

– Den Salat hat Mama selbst gemacht. Den anderen hat sie gekauft, sagt aber, sie hätte ihn gemacht.

– Das darfst du mir aber nicht verraten.

– Ich informiere ja nur, stellte Emma klar.

Um Mitternacht, müde Kinder auf dem Sofa, erinnerte Klara beim Anstoßen:

– Mama zieht im Januar nach Rothenburg.

Ein sachliches Statement. Stefan nickte. Thomas fragte:

– Für immer?

– Wir werden sehen, sagte Helga.

Emma öffnete die Augen.

– Oma, du gehst?

– Ja, mein Schatz.

– Kommst du zurück?

– Ich komme, wann ihr mich braucht.

– Versprochen?

– Versprochen.

Helga sah sie an. Das war das Leben: Ein schlafendes Kind. Erwachsene mit Sekt. Das alte Sofa, das sie nie entsorgte. Und irgendwo in einer anderen Stadt ein Mann, der schrieb ich warte.

***

Am 15. Januar rief sie Frau Schuster an.

– Ich höre im Februar auf.

– Ziehst du weg?

– Ja.

– Wohin?

– Nach Rothenburg. Zu Karl. Aber auch ein Stück zu mir selbst.

– Gute Formulierung, lobte Frau Schuster. Wir werden dich vermissen. Machs gut, Helga.

Beim Abschied im Lesekreis malten die Kinder eine große Karte: Jeder malte, was ihm einfiel. Der Junge mit dem Bücherfenster malte ein Fenster mit Vorhängen und schrieb darunter: Damit man in sich reinschauen kann.

Helga steckte die Karte ein.

***

Am 23. Januar zog sie nach Rothenburg. Karl trug den Koffer in ihr Zimmer, auf der Fensterbank stand eine Geranie.

– Wer hat die besorgt?

– Ich fand, ein bisschen Farbe muss sein.

– Sehr gut gedacht.

Sie schaute hinaus: Garten tief verschneit, dahinter Holzzaun, Dachschindeln, Nachbars Garten.

– Und, wie ists?

– Frag noch mal in einem Monat.

– Mache ich.

Sie sah ihn an.

– Danke, dass du nicht gedrängt hast.

– Danke, dass du gekommen bist.

***

Drei Monate vergingen. Helga gewöhnte sich langsam an das kleine Rothenburg alles ruhig, fast verschlafen, aber alle kannten jeden, sie war die Neue, wurde vorsichtig beäugt.

Margarete stellte sie anderen Frauen vor, darunter Luise Wagner, die einen Literaturkreis am Kulturhaus leitete.

– Du kannst doch mal reinschauen, bot Luise an. Gefällts dir, bleibst du. Wenn nicht, gehst du wieder.

Helga probierte es. Es gefiel.

Klara rief wöchentlich an, immer öfter ging es auch um den Literaturkreis, um Karl, um Buchvorschläge. Das war ein langsames Sich-gegenseitig-Angewöhnen wie die Augen sich ans Licht gewöhnen.

Emma schrieb einen richtigen Brief: Zwei Kirchen, Fluss, Oma, ich besuche dich in den Ferien. Praxedis heißt so die Ziege? Margarete hat erzählt.

Helga schrieb zurück.

***

Eines Tages, im April, kam Klara alleine zu Besuch.

Sie betrat die kleine Wohnung, musterte Böden, Geranie, Holztisch.

Karl machte Tee, entschwand dann in seine Werkstatt.

Mutter und Tochter saßen beisammen.

– Es ist schön hier, begann Klara vorsichtig.

– Ja.

– Sehr klein.

– Aber ruhig.

– Vermisst du München?

– Ein wenig. Aber euch mehr.

– Und trotzdem?

– Trotzdem.

– Ist er nett? fragte Klara, ohne Unterton.

– Ja.

– Bist du glücklich?

Helga überlegte.

– Glücklich ? Ich weiß nicht. Aber ich fühle mich angekommen.

Klara nickte.

– Gut.

– Gut heißt was?

– Nur, dass es so ist.

– Du hast noch Angst, oder?

– Ja, immer noch.

– Das wird besser.

– Meinst du?

Helga betrachtete sie, erkannte in ihr das vertraute, tapfere Kind.

– Ich glaube ja. Du bist stark.

– Nicht so wie du.

– Doch, genauso.

Klara lächelte zögernd, dann stand sie auf, sie verabschiedeten sich innig.

Am Gartentor drehte sich Klara um.

– Mama!

– Ja?

– Deine Geranie blüht.

– Sie blüht, ja.

– Das ist gut.

Und ging.

***

Helga kam ins Haus zurück, Karl kochte Suppe. Sie blieb einen Moment am Fenster stehen, sah, wie die alte Frau von nebenan langsam vorbeischlenderte, die Geranie leuchtete auf der Fensterbank.

– Alles gut? rief Karl aus der Küche.

– Ja.

– Sie ist in Ordnung, sagte Helga, sie hat nur Angst.

– Das ist normal. Für sie ist das ebenfalls schwer.

– Ja.

Helga deckte den Tisch. Mittlerweile war vieles vertraut. Sie blickte Karl an.

– Was meinst du war das richtig, alles?

Er lächelte.

– Was meinst du?

– Ich meine, zum ersten Mal ist es alleine meine Entscheidung.

– Dann hast du alles richtig gemacht.

Sie aßen schweigend. Draußen lag der letzte Schnee, darunter reckte sich das erste Grün in die Höhe.

Helga dachte: Das ist es. Kein großes Glückswort, kein Endpunkt eines Plans. Einfach ein Mittagessen. Ein offenes Fenster. Der richtige Mensch gegenüber.

Ob das reichen würde? Das wusste sie nicht.

Aber die Suppe war warm, die Geranie blühte, und in ihrer Tasche lag eine Karte von einem Jungen, der ein Fenster nach innen gemalt hatte.

***

Abends rief Emma an.

– Oma, Mama war bei dir.

– Ja, heute.

– Habt ihr euch gut unterhalten?

– Ja, sehr.

– Sie hat nicht geweint? Sie macht das manchmal heimlich.

– Nein, mein Schatz. Sie hat es geschafft.

– Ist bei euch endlich Frühling?

– Fast. Noch ein bisschen Schnee.

– Bei uns ists richtig warm. Seltsam, oder?

– Nicht seltsam so ist das in Deutschland.

– Oma vermisst du uns?

Helga schaute in die Dämmerung.

– Sehr. Jeden Tag.

– Das ist schön. Wenn man jemanden vermisst, liebt man ihn.

Helga wusste keinen besseren Satz.

– Tschüss, Oma!

– Tschüss, mein Schatz.

Sie legte auf. Karl spülte leise, summte eine Melodie. Die Geranie war ein pinker Fleck im Halbdunkel, draußen bellte ein Hund, und das alles war schon Teil ihres neuen Lebens.

Helga dachte: Emma hat recht. Vermissen und lieben gehören zusammen. Und vielleicht ist das alles, was zählt das Eigene zu wagen, und das Nahe zu behalten. Das Leben ist nicht vollkommen, nicht fehlerfrei sondern das, was wir daraus machen.

Sie stand auf und half beim Abtrocknen.

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Homy
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