30.April2025 Tagebuch
Heute bin ich nach über dreißig Jahren wieder in meine alte Heimatstadt zurückgekehrt. Die kleinen Gassen von Goslar wirken kleiner, als ich sie in Erinnerung hatte, und gleichzeitig seltsam vertraut. Ich bin dieselbe Allee entlanggegangen, die ich als Jugendliche oft entlanggelaufen bin, und das Herz hat ein wenig schneller geschlagen.
Auf der alten Holzbank vor dem Rathaus blieb ich stehen dieselbe Bank, auf der ich einst auf ihn gewartet habe. Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstagmorgen, doch plötzlich sah ich ihn: einen Mann mit der Zeitung unter dem Arm und dem markanten Dreitagebart, den ich noch aus meiner Jugend kenne. Unsere Blicke trafen sich, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.
Er war jener Freund, der damals nicht zum vereinbarten Treffen erschien, das mein ganzes Leben hätte verändern können. Ich war siebzehn, verliebt wie nie zuvor, und seitdem habe ich nie wieder so lange auf jemanden gewartet. Minuten vergingen, dann Stunden, und ich stand schließlich auf, ohne ein Wort zu sagen und habe ihn nie wieder angesprochen. Er auch nicht. Ich dachte, er hätte das Ganze vergessen, dass es für ihn nur ein belangloses Missgeschick war. Doch jetzt, als ich ihm in die Augen sah, bemerkte ich, dass er sich erinnerte.
Entschuldige, dass ich damals nicht gekommen bin, sagte er, bevor ich überhaupt meinen Namen nennen konnte. Du glaubst es nicht, aber meine Mutter wurde plötzlich ins Krankenhaus eingeliefert. Es gab kein Handy, kein Weg, dich zu benachrichtigen.
Wir begannen, über den Sommer von damals zu reden, über das, was wir seitdem unser Leben genannt haben. Er hatte eine Frau verloren, die vor einigen Jahren verstorben war, und zwei erwachsene Kinder. Ich war geschieden, lebe mit meiner erwachsenen Tochter, die im Ausland arbeitet. Keiner von uns hatte diese Unterhaltung gesucht, aber sobald sie erst einmal begonnen hatte, wollten wir sie nicht mehr unterbrechen.
In den folgenden Tagen trafen wir uns täglich: Kaffee in der Bäckerei am Marktplatz, Eis am Brunnen vor dem Rathaus, Spaziergänge im Stadtpark. Es schien nichts Besonderes, doch ich hatte das Gefühl, wir holen etwas nach, das einst abrupt beendet wurde. Er war aufmerksam, einfühlsam, stellte Fragen, die lange niemand mehr gestellt hatte. Und ich ich lächelte wieder, wie damals, vor langer Zeit.
Erst nach einer Woche erzählte ich meiner Tochter davon. Ich rief sie an und sagte: Ich glaube, ich habe mich verliebt. Zuerst hielt sie es für einen Scherz, dann fragte sie: Aber wie das? Nach all den Jahren? Ich wusste keine Antwort. Wie erklärt man etwas, das einfach geschieht? Wie erklärt man, dass ein Herz, das schon viel erlebt hat, noch einmal zu schlagen beginnt?
Nach einem Monat in meiner altenneuen Stadt begann ich zu überlegen, ob ich wirklich bleiben möchte. Ich mietete eine kleine Wohnung nahe dem Park. Er bot seine Hilfe beim Einrichten an trug Kartons, schraubte Lampen ein, erzählte Anekdoten aus seiner Jugend. An einem Abend blieb er zum Abendessen, und später blieb er über Nacht.
Heute ist es drei Monate her, seit unser erstes Treffen. Drei Monate, die mir gezeigt haben, dass das Leben nicht endet, wenn die Kinder erwachsen werden, wenn der Ehepartner geht oder die Haare grau werden. Wir sind zusammen, aber ohne große Versprechen. Wir verbringen einfach Zeit miteinander, halten manchmal Händchen, sitzen schweigend nebeneinander. Das Wichtigste: Ich fühle mich nicht mehr allein.
Und die Bank? Sie steht immer noch dort. Manchmal sitzen wir darauf, lachen und denken, dass es die dreißig Jahre wert war, zu warten.





