Die Schlüssel geb ich nicht raus

Die Schlüssel geb ich nicht her

Kannst du fassen, dass wir es wirklich geschafft haben?, fragte ich Johann, während ich mitten in der leeren Wohnung stand und den Schlüssel fest in der Hand hielt. Das Metall war kühl und schwer, und ich drückte so fest zu, dass die gezackten Kanten ein rotes Muster auf meiner Handfläche hinterließen.

Ich weiß, sagte er und umarmte mich von hinten, sein Kinn auf meinem Kopf. Unsere.

Unsere. Das Wort klang so fremd, dass ich es laut aussprach, nur um zu hören, wie es in diesen noch nach Farbe riechenden Räumen klingt. Fünf Jahre lang waren Johann und ich von einer Mietwohnung zur nächsten gezogen. Erst eine winzige Einzimmerwohnung bei meiner Freundin Antje in Berlin-Kreuzberg, dann zwei Zimmer in einer Altbau-WG am Kottbusser Damm, dann wieder eine Einzimmerwohnung schon besser, aber mit einer Vermieterin, Frau Becker, die unangemeldet hereinkam, um nach ihren Töpfen zu schauen. Fünf Jahre. Ich war zweiundvierzig, Johann war sechsundvierzig. Erwachsene Leute, die fünf Jahre lang auf Reisen, Extras und Urlaube verzichtet hatten, nach Feierabend gejobbt und einmal zu meinem vierzigsten Geburtstag eine größere Geldspritze von meiner Mutter angenommen haben, um endlich auf einen Boden zu treten, der wirklich uns gehört.

Unsere Wohnung war klein. Zwei Zimmer in einem Plattenbau in Prenzlauer Berg, dritte Etage, Fenster Richtung Hof. Johann meinte, das sei das beste Angebot von allen, die wir gesehen hatten, und ich stimmte ihm zu, auch wenn die enge Diele mich beim ersten Besichtigen etwas erschreckt hatte. Da passte gerade ein Schrank hin man musste sich entscheiden, welcher. Aber dann sah ich die Küche. Fenster nach Osten, morgens Sonne. Ich stellte mir gleich vor, wie ich mit Kaffee am Fenster sitze und zuschaue, wie die Spatzen im Hof aufwachen. Damit wars entschieden.

Wir zogen Mitte September ein, der Renovierungsduft lag noch in der Luft. Johann trug Kisten, ich sortierte Geschirr, wir stritten, wo das Sofa hingehört und mussten lachen, weil wir beide das Fenster wollten, obwohl es das ja nur einmal gab. Am Ende landete das Sofa in der Mitte das war sogar besser als gedacht. Unsere Nachbarin, Frau Müller, eine alte Dame, klopfte und brachte Apfelstrudel und sagte, sie freue sich über ein ordentliches Paar im Haus. Da dachte ich: So fühlt sich eigenes Zuhause an.

Doch an unserem allerersten Abend, wir saßen auf dem Boden und aßen Strudel direkt aus der Form der Tisch stand noch unausgepackt wurde Johann plötzlich ernst.

Ich sollte Mutter anrufen Sie wäre beleidigt, wenn wir sie nicht zum Einzug einladen.

Ich legte das letzte Stück Strudel weg.

Johann.

Bitte, Freya. Sie ist meine Mutter.

Das ist sie. Ich bitte nur um einen Tag. Einen einzigen Tag, nur für uns zwei.

Na gut, sagte er. Einen Tag. Am Samstag laden wir dann alle ein.

Ich nickte. Das war wenigstens etwas.

Über meine Schwiegermutter, Erna Meyer, könnte ich viele Geschichten erzählen und trotzdem nie das Wichtigste treffen. Nicht das Was, sondern das Wie war entscheidend. Sie schrie nie. Sie wurde nie laut. Sie trat ein, sah sich langsam um, als suche sie nach etwas, das nicht an seinem Platz war, und sie fand es immer. Dann sprach sie es an wie einen Gefallen: Freya, ich sage es nur, das Regal hingst du etwas schief auf. Hast du wohl nicht gemerkt? Ich hatte. Die Wand war einfach krumm, anders gings eben nicht. Aber Erna Meyer etwas zu erklären, war wie dem Wind zu erzählen, warum er aus der falschen Richtung weht.

Siebzig Jahre alt war sie damals, ehemalige Chef-Buchhalterin eines großen Betriebs gewohnt, dass ihr Wort zählte. Ihren Mann, Walter, einen stillen, warmherzigen Mann, der gern angelt und alte Heimatfilme mag, behandelte sie wie einen Mitarbeiter. Nicht schroff nur endgültig. Walter widerspricht seit Jahren nicht mehr. Johann, aufgewachsen in diesem Haus, auch nicht.

Ich merkte das schon im dritten Monat unserer Beziehung, als wir zum ersten Mal zu ihnen fuhren. Erna deckte den Tisch wunderschön, fragte mich nach meinem Job, ich erzählte, ich sei Grafikdesignerin in einer Werbeagentur. Sie nickte nur: Na, das ist ja sicher nicht allzu schwer. Ohne jede Boshaftigkeit. Als Fakt. Ich schwieg und kaute meinen Braten. Und so tat ich es acht Jahre lang. Seit unserer Hochzeit. Und davon fünf Jahre in Mietwohnungen mit regelmäßigem Hinweis von Erna: Anständige Leute hätten in unserem Alter längst Wohneigentum. Sie sagte das nie direkt über uns. Sie erzählte von Nachbars Tochter, die klugerweise schon mit dreißig einen Kredit aufgenommen hat. Oder vom Neffen, der mit geringerem Gehalt eine schöne Zweizimmerwohnung gekauft hat, Freya, ich weiß das. Sie wusste immer alles. Über jeden.

Jetzt gehörte diese Wohnung endlich uns. Am Samstag luden wir alle ein: Johanns Schwester Anke mit Mann, meine Freundin Sabine, zwei von Johanns Kollegen. Und natürlich Erna mit Walter.

Sie kamen als Erste. Als ich die Klingel hörte, verspürte ich dieses bekannte Zusammenziehen im Magen nicht schlimm, nur dieses angespannte Gefühl, wie vor einer Prüfung, die man wohl bestehen wird, aber trotzdem hat man Angst.

Johann öffnete. Erna überreichte eine Einmachglas mit Gurken und einen Kuchen. Walter hatte eine Flasche Sekt dabei und sah so aus, als ahnte er, dass der Abend lang werden würde.

Nun sind wir also hier, sagte Erna und schaute sich um.

Drei Sekunden Pause ich konnte sie inzwischen deuten. Sie nahm die Diele in Augenschein. Ein Schrank, ein Spiegel, Schlüsselbrett, Garderobe aus dem Möbelcenter Ostkreuz, gleich um die Ecke.

Eng hier, sagte sie schließlich. Ohne Vorwurf. Feststellung.

Aber gemütlich, entgegnete Johann.

Schon, schon, sagte sie und ging weiter.

Ich sah unsere Wohnung jetzt durch ihre Brille: Das Sofa nicht am Fenster. Das Regal etwas schief (Betonplattendecken!), Vorhänge in dezentem Beige, modern, wie ich dachte jetzt wartete ich schon, was Erna wohl dazu sagt.

Hell, aber die werden schnell schmutzig, meinte sie.

Man kann sie waschen, entgegnete ich.

Sie sah mich nur an nicht ablehnend, sondern so, wie man jemanden anschaut, der Offensichtliches sagt, das aber nicht wirklich hilft.

Ja, Freya. Natürlich. Ich sags doch nur.

Walter verschwand in die Küche, schaute zum Hof hinaus, ich war ihm dankbar.

Gegen sieben war die Wohnung voll, laut, lebendig. Sabine brachte einen Strauß orangefarbener Chrysanthemen, die Küche roch nach Kuchen. Anke, Johanns Schwester, fiel mir um den Hals, Endlich eine eigene, Freya, ich freu mich so für euch! Die Kollegen fanden sofort mit Walter ein Gesprächsthema: Angeln. Irgendwann saßen die drei im Eck und redeten begeistert über einen See bei Oranienburg, es dauerte zwei Aufrufe zum Essen, bis sie endlich an den Tisch kamen.

Erna saß wie immer am Kopfende. Nicht weil wir ihr den Platz angeboten hätten. Sie nahm ihn einfach. Sie aß langsam, trank wenig, fragte nach Preisen für den Umbau, erkundigte sich nebenbei über die Nachbarn in Charlottenburg immer mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der schon alles weiß.

Sabine erzählte mitten im Essen eine lustige Geschichte von ihrer ersten Wohnung da musste man die Heizung mit einem Schlag aktivieren, sonst lief sie nicht. Alle lachten, sogar Erna lächelte. Dann sagte sie: Darum sollte man sich eben bessere Wohnungen suchen. Wer billig mietet, bekommt eben irgendwas. Sabines Lachen verstummte. Ich schenkte ihr Wein nach.

Nach dem Dessert verabschiedeten sich die meisten: Anke musste die Kinder abholen, dann die Kollegen, dann Sabine, die mich im Flur umarmte und flüsterte: Halt durch mit einem Unterton, als würde sie alles besser sehen, als ich vermutete.

Am Ende blieben wir vier: Johann, Walter, Erna und ich. Johann räumte ab, ich stand in der Küche am Abwasch, Walter schlief auf dem Sofa ein. Erna kam herein.

Soll ich helfen?

Nein danke, passt.

Wie du willst. Sie stellte sich ans Fenster, schaute hinaus. Schöne Wohnung. Zu klein zwar, aber man kann es aushalten.

Ich trocknete Geschirr ab.

Für mich ist sie perfekt.

Ja, du bist immer zufrieden mit dem, was du hast. Ist eine gute Eigenschaft, Freya. Johann hats da einfach mit dir.

Ich wusste nicht, ob das ein Kompliment war. Wahrscheinlich wusste sie es selbst nicht.

Sie drehte sich um. Freya, ich wollt dich mal fragen. Ihre Stimme klang jetzt etwas anders, sachlich, nicht weicher: Gebt ihr mir einen Schlüssel?

Ich stockte.

Wie bitte?

Einen Zweitschlüssel. Damit ich tagsüber kommen kann, um zu helfen. Ihr arbeitet beide spät, ich kann vorbeischauen, nach dem Rechten sehen. Blumengießen, putzen. Ich hab Zeit.

Ich schwieg drei Sekunden.

Erna, das ist nett, aber wir schaffen das.

Wie, ihr schafft das? Ich sage doch nicht, dass ihr unfähig seid. Ich kann einfach unterstützen. Es ist doch nur ein Schlüssel, ich bin nicht fremd. Ich bin Johanns Mutter.

Johann kam mit dem letzten Abwasch herein. Er sah zu mir, zu seiner Mutter. Spürte die Situation, denn er stellte alles ab und blieb.

Was ist?

Nichts, meinte Erna. Ich bitte um einen Schlüssel wie Tante Gisela bei Onkel Jürgen damals, da war das ganz selbstverständlich.

Johann sah mich an.

Freya?

Jetzt war der Moment. Ich wusste es innerlich nicht im Kopf, sondern irgendwo tief im Bauch. Acht Jahre lang habe ich stillgehalten, geschluckt. Acht Jahre dachte ich: Lass sie machen, lohnt sich nicht. Und jedes Mal wurde etwas weniger von mir. Nur wenig, aber acht Jahre sind viele kleine Stücke.

Nein, sagte ich.

Erna zog die Brauen hoch.

Was heißt nein?

Ich trocknete mir die Hände. Nicht, um Zeit zu schinden ich musste einfach klar spüren, wie ich auf eigenen Füßen stand. Dass das hier meine Küche war.

Wir geben niemandem einen Schlüssel, Erna. Das ist unsere Wohnung. Wer kommen will, meldet sich vorher an. Für alle gilt das, auch für Sie.

Freya, sagte Erna in dem Ton, in dem man Kinder stoppt, du machst daraus ein Drama. Es geht nur um Hilfe!

Ich glaube Ihnen das, aber den Schlüssel gibt es nicht.

Johann! Sag was!

Das ist der Moment, an den ich mich erinnern werde. Johann lehnte am Kühlschrank, sah abwechselnd seine Mutter, dann mich an. Ich konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Der Reflex, der Mutter zuzustimmen, saß tief seit seiner Kindheit. Aber er wusste auch, wie wir fünf Jahre gespart hatten. Die Urlaube gestrichen, wie ich am Wochenende für extra Geld Logos für kleine Läden gezeichnet habe. Wie wir gefeiert haben, als endlich die Papiere für den Kauf unterschrieben waren. Der Schlüssel, der mir so schwer in der Hand lag.

Mama, sagte er, Freya hat recht. Es gibt keinen Schlüssel.

Die Stille war so dicht, man hätte sie greifen können.

Du meinst das ernst, sagte Erna. Kein Zweifel in der Stimme, nur Feststellung.

Ja. Einfach vorher anrufen, wir freuen uns ja immer. Aber unangekündigt kommen das wollen wir so nicht.

Sie blickte lange zu Johann. Dann zu mir. Ich hielt den Blick. Es war schwer, das gebe ich zu. Unter den Rippen vibrierte irgendetwas hoffentlich sah sie das nicht.

Ich verstehe, sagte sie schließlich. Dann verließ sie die Küche, weckte Walter im Wohnzimmer. Dann standen sie im Flur. Walter sah seine Schuhe an, als hätte er sie nie zuvor gesehen.

Danke für den Abend, sagte Erna, ruhig, höflich. Glückwunsch zur Wohnung.

Mama, begann Johann.

Schon gut, Johann. Ist spät. Wir fahren jetzt.

Sie gingen. Ich schloss die Tür und lehnte mich dagegen. Johann stand still neben mir.

Wie gehts dir?, fragte er.

Weiß noch nicht, antwortete ich ehrlich. Und dir?

Auch nicht.

Wir gingen zurück in die Küche. Ich setzte Tee auf. Johann setzte sich an den Tisch und sah zu, wie das Wasser köchelte. Dann meinte er: Ich hätte das schon längst tun müssen. Nicht erst heute.

Du hast es jetzt gesagt. Das reicht.

Sie wird beleidigt sein.

Ich weiß.

Länger.

Ich weiß, Johann.

Er nahm die Tasse, wärmte sich die Hände. Draußen war der Hof dunkel. Irgendwo fuhr eine S-Bahn vorbei.

Du warst mutig, sagte er. Du hast zuerst gesprochen.

Ich erwiderte nichts. Saß nur da, spürte, wie das Zittern langsam weniger wurde.

Die nächsten Tage waren seltsam. Nicht schlecht, nur eben anders. Erna rief nicht an. Früher telefonierte sie alle paar Tage mit Johann Kleinigkeiten, irgendwas zu den Nachbarn, zu Geburtstagen. Jetzt blieb das Telefon stumm. Johann schaute in der ersten Woche öfter aufs Display, ich bemerkte es.

Ruf du mal an, schlug ich einmal vor.

Nein, sagte er. Erst sie.

Ich mischte mich da nicht ein.

Anke, seine Schwester, meldete sich am dritten Tag.

Freya, hat Mama dich angerufen?

Nein.

Uns auch nicht. Papa schreibt nur, sie ist ganz still. Was ist passiert?

Ich erzählte. Kurz, ohne Dramatik. Anke hörte schweigend zu.

Gut so, Freya.

Echt?

Als wir unsere gekauft haben, gab ich ihr doch einen Schlüssel. Dreimal pro Woche stand sie da. Mein Mann wurde fast verrückt. Irgendwann war der Schlüssel angeblich weg, und ich habe keinen neuen machen lassen. Sie war vier Monate beleidigt. Danach wars besser.

Also dauert die Funkstille?

Wahrscheinlich. Aber dann

Das dann behielt ich als kleines Licht in mir ein winziges Nachtlicht im langen Korridor.

Die Wohnung wurde langsam unser Zuhause. Ich kaufte auf dem Markt einen riesigen Kaktus im roten Topf, der stand jetzt am Küchenfenster. Daneben unsere Bechertasse mit Igelmotiv, ein Geschenk von Sabine in den Mietwohnungen blieb der immer in der Umzugskiste. Jetzt stand der Igel offen da, und das fühlte sich wunderbar an.

Johann brachte endlich das Regal im Bad an, auf seine Weise, mit Licht über dem Spiegel. Im Lampenladen Helles Eck kauften wir eine Stehlampe fürs Wohnzimmer, honigfarben. Am Abend, wenn sie brannte, verwandelte sich alles weich und ein wenig wie aus einer anderen, besseren Welt.

Ich arbeitete drei Tage die Woche von Zuhause, und an diesen Tagen gehörte die Wohnung mir allein. Kaffee kochen, Musik hören, niemand, der plötzlich kommt ein neues Gefühl. Es dauerte, bis ich es zuordnen konnte: Sicherheit. Mein eigenes Zuhause das war nie selbstverständlich gewesen.

Erna schwieg weiterhin.

Die erste Woche verging, dann noch eine. Johann fuhr an einem Sonntag allein zu den Eltern, erzählte mir später davon. Mutter war kühl, sprach wenig, Walter erzählte lieber von der Anglerausrüstung, erleichtert, das Thema sei nicht wir.

Wie ist sie?

Verletzt, aber sie hält durch. Sie würde nie streiten oder weinen, sie macht einfach ihr bestimmtes Gesicht.

Welches Gesicht?

Er zeigte es leicht erhobener Kinn, Blick sparsam, Mundwinkel schmal enttäuscht.

Ich musste lachen, hielt aber gleich inne darüber zu lachen fühlte sich schief an.

Schwer für dich, Johann?

Sehr. Aber ich bereue es nicht. Hätte ich damals Natürlich, nimm den Schlüssel, Mama gesagt ich hätte mich selbst nicht mehr geachtet.

Er sagte es ohne Pathos, und deshalb glaubte ich ihm.

Ein Monat verging, dann noch einer. Sonntags rief Erna Johann an kurz, sachlich. Fragte, ob er gesund sei, erzählte von Walters Knie. Die Wohnung erwähnte sie nie. Auch nichts über Schlüssel. Nach jedem Anruf sah Johann aus, als hätte er etwas Unangenehmes überwunden.

Ich dachte öfter an meine Schwiegermutter, als ich erwartet hatte nicht voller Groll, aber mit etwas wie Verständnis. Sie war immer Chefin gewesen, im Betrieb wie in der Familie. Sie ordnete, organisierte, entschied, zog Johann und Anke fast allein groß, weil Walter freundlich, jedoch eher von ihr geführt war. In den achtziger Jahren eine Wohnung in Charlottenburg zu ergattern, das war mehr als Glück: Beharrlichkeit. Kontrolle war ihre Art zu lieben anders konnte sie nicht.

Ich rechtfertigte sie damit nicht ich verstand nur mehr.

Sabine fragte bei jedem Treffen nach ihr. Wir verabredeten uns alle paar Wochen im Kupferkessel in Neukölln, kein aufregendes Café, aber leise genug zum Reden. Sabine bestellte Cappuccino und Croissant, ich Americano und manchmal eine Kürbissuppe, wenns Herbst war.

Noch beleidigt? fragte sie, als sie ihre Hände am Becher wärmte.

Ja.

Lange.

Anke sagt, das kann Monate dauern.

Und wie ist das für dich?

Ich dachte ehrlich nach.

Nicht schön. Nicht weil ich es bereue die Stille lastet. Ich überlege ständig, ob ich es hätte sanfter sagen sollen.

Dann hätte sie es vermutlich nicht verstanden.

Wahrscheinlich.

Du hast nichts Falsches getan. Du hast Nein gesagt.

Ich weiß. Aber Nein kann manchmal ungeheuer viel sein.

Sabine schwieg eine Weile.

Erinnerst du dich an deine Vermieterin damals?

Ich nickte. Frau Becker. Kam einfach rein mittwochs, manchmal öfter. Kontrollierte, kommentierte, sah mich in meinem Bademantel, als gehörte ihr die ganze Welt. Schließlich war es ja tatsächlich ihre Wohnung.

Schlecht hab ich mich da gefühlt.

Eben. Und jetzt bist du wirklich zu Hause.

Das stimmte. Ich war zu Hause.

Der Dezember brachte Frost und frühe Dunkelheit. Wir schmückten ein kleines Tannenbäumchen, gekauft am Stationsmarkt. Alte Baumschmuckkiste auf darin ein gläserner Weihnachtsmann mit abgeplatzter Nase, gekauft von meinem allerersten Gehalt. Den hängte ich immer als erstes auf.

An Silvester luden wir niemanden ein, saßen zu zweit, schauten einen alten Film, aßen Mandarinen und irgendeinen Quatsch, den ich am Morgen gebacken hatte. Punkt Mitternacht stießen wir am offenen Fenster an minus acht Grad, schnell wieder schließen, wir lachten über unsere eigene Verrücktheit.

War ein gutes Jahr, sagte Johann.

Trotz allem?

Gerade deshalb.

Ich verstand: Gerade wegen allem.

Am achten Januar rief Erna an diesmal mich, nicht Johann.

Ich sah ihren Namen auf dem Display, brauchte ein paar Sekunden, dann hob ich ab.

Freya, sagte sie, wie immer, wenn etwas Wichtiges anstand.

Frau Meyer

Ich wollte euch ein gutes neues Jahr wünschen. Etwas verspätet.

Danke, Ihnen auch.

Pause.

Wie gehts euch?

Gut. Wir leben uns ein.

Habt ihr einen Weihnachtsbaum gehabt?

Ja. Einen echten.

Sehr gut. Die halten besser.

Wieder Pause. Ich saß am Küchentisch und betrachtete den Kaktus. Er hatte den Dezember überlebt, stand zufrieden da.

Freya, sagte sie, und diesmal war etwas in ihrer Stimme, das neu war. Keine Sanftheit. So etwas wie Mühe. Ich wollte gern mal vorbeikommen. Wenn es euch passt.

Gerne, sagte ich. Melden Sie sich einfach vorher.

Ja, ja. Mach ich.

Gut.

Das wärs eigentlich. Grüß Johann.

Mach ich.

Sie legte auf. Ich saß noch zwanzig Sekunden bewegungslos da. Dann stand ich auf, trank ein Glas Wasser aus.

Am Abend erzählte ich Johann davon.

Sie hat angerufen? Er setzte sich, unsicher, froh oder besorgt?

Ja. Will mal vorbeikommen, meldet sich vorher.

Nur das?

Nur das.

Er schwieg.

So ist das also.

So ist das.

Er atmete durch. Nicht erleichtert, nicht angespannt. Einfach, wie nach etwas sehr Längerem, das sich einen, winzigen Schritt weiterbewegt.

Freust du dich?

Ich überlegte.

Weiß ich noch nicht, sagte ich ehrlich. Mal sehen, wie sie es macht. Es ist nicht das Ende der Geschichte. Nur der nächste Schritt.

Nächster Schritt, stimmte er zu.

Sie rief Ende Januar nochmal an, Freitagabend.

Johann, könnten wir Sonntag kommen? Wenn es passt.

Ich frage Freya.

Er blickte mich an. Ich nickte.

Ja, Mama. Kommt gern um eins.

Gut. Ich backe einen Apfelkuchen, den magst du doch so gern.

Sehr.

Am Sonntag kamen sie pünktlich. Erna im selben Mantel wie zum Einzug, diesmal mit marineblauem Schal, Walter trug die Form unter dem Arm.

Im Flur war es erst etwas stockend. Sie schauten sich um diesmal aber kein Kommentar zur Größe. Sie zog sich aus und ging ins Wohnzimmer.

Hat ihr den Baum schon weggeräumt?, fragte sie, den ehemaligen Baumplatz musternd.

Ja.

Schade. Echte sehen besonders schön aus.

Wir tranken Tee. Walter erzählte von seinem Knie nur altersbedingt , Erna fragte mich nach der Arbeit. Ich berichtete über meinen neuen Auftrag, ein Bäckereilogo, drüben am Südstern, drei Entwürfe, der Kunde wählte den überraschendsten. Erna hörte zu, nicht besonders begeistert, aber aufrichtig.

Na, da steckt wohl doch was dahinter, was du machst. Wenn der Kunde so frei entscheidet.

Das denke ich auch, lächelte ich.

Na ja, gut.

Nach dem Tee wollte Walter den Hof sehen, Johann nahm ihn mit in die Küche. Wir blieben auf dem Sofa.

Erna musterte die Stehlampe.

Schönes Licht. Warm.

Wir mögen sie auch.

Sie schwieg. Dann: Freya, ich hätte wirklich nicht jeden Tag auf der Matte gestanden. Das weißt du.

Ich sah sie an. Sie blickte nicht zurück, sondern sah aufs Licht.

Vielleicht auch nicht jeden Tag, erwiderte ich.

Der Mundwinkel zuckte. Nicht gekränkt, eher so, als hätte sie sich durchschaut gefühlt was sie wohl nicht mehr ändern konnte.

Ich frage nicht mehr nach dem Schlüssel, sagte sie. Das wollte ich nur sagen.

Das weiß ich.

Gut. Sie nahm einen Schluck. Guter Tee. Was ist das?

Bergwiese eine kleine Manufaktur, zufällig entdeckt.

Schreib mir den Namen mal auf.

Mache ich.

Draußen war graues, weiches Januarl Licht, alles wirkte fast wie gemalt. Der Kaktus blühte noch. Die Igel-Tasse stand da. Erna saß auf unserem Sofa, hielt unseren Tee es war weder besonders schön noch schlimm. Es war einfach das, was es war.

Im Februar rief sie erneut an: Darf ich Samstag mal kommen? Natürlich. Sie brachte Pflaumenmarmelade mit, selbst eingekocht im Sommer, und Walter hatte eine geräucherte Forelle dabei. Johann sagte später, er hätte nicht gedacht, dass sie so schnell nachgeben würde; er hatte mehr Taktik erwartet.

Vielleicht kommt das noch, sagte ich.

Vielleicht. Aber jetzt gerade ists gut.

Wir spülten nach ihrem Besuch ab. Johann spülte, ich trocknete. Draußen brannten die Laternen, jemand führte einen zotteligen, hellen Hund aus, der suchte im Schnee und nieste.

Wie wirds wohl weitergehen?, fragte Johann.

Ich hielt den nassen Teller in den Händen: schlichte, weiße Keramik mit dünnem blauem Rand unser erster gemeinsamer Kauf.

Keine Ahnung, sagte ich. Wir werden sehen.

Draußen fand der Hund endlich, was er suchte und wedelte. Der Besitzer tätschelte ihm das Ohr, dann gingen sie weiter, der Lichtschein blieb ruhig auf dem Schnee liegen.

Johann, sagte ich.

Hm?

Nichts, einfach so.

Er lächelte. Ich stellte den Teller ins Regal unser Regal, in unserer Küche, in unserem Zuhause.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die Schlüssel geb ich nicht raus
Oma auf Zeit