Oma auf Zeit

Oma auf Zeit

Herr Schneider, entschuldigen Sie, aber ich müsste heute etwas früher gehen. Würden Sie mir das erlauben? Mein Kind ist krank.

Clara legte die vorbereiteten Unterlagen und die Liste der Termine für den nächsten Tag auf den Schreibtisch. Es war noch eine Stunde bis zum Feierabend, aber die Kita hatte schon zweimal angerufen, also fasste sie sich ein Herz und fragte. Sie arbeitete erst seit kurzem in diesem Bauunternehmen ein echter Glücksfall für sie, denn sie hatte weder Erfahrung als Sekretärin noch die äußeren Voraussetzungen, die in der Stellenanzeige gefordert waren. Beim Blick in den Spiegel vor dem Bewerbungsgespräch schüttelte Clara den Kopf.

Naja, dieser Punkt ist wohl kein Treffer bei mir.

Ihr alter, gepflegter Strickcardigan war zwar noch in Schuss, aber der Rock? Der war alles andere als modisch. Den hatte ihre Mutter für sie genäht, sorgfältig den Stoff ausgesucht und tagelang an der Nähmaschine gesessen, immer wieder Mut fassend, einen neuen Stich zu setzen.

Der wird nicht schlechter als einer aus der Boutique.

Mama! Das ist Handarbeit! Natürlich ist der schöner. Clara log ein bisschen, sie wusste, wie wichtig ihrer Mutter diese Worte waren.

Geld für neue Klamotten gab es in ihrer Familie ohnehin nie im Überfluss. Früher, als ihr Vater noch lebte, hatte Clara keine Sorgen, sich etwas Feines auszusuchen. Aber nach seinem Tod änderte sich alles. Die Krankenschwester-Gehalt ihrer Mutter reichte kaum für das Nötigste. Irgendwie schlugen sie sich durch, bis Claras Oma krank wurde. Das Verhältnis zwischen Claras Mutter, Ingrid, und ihrer Schwiegermutter war, vorsichtig ausgedrückt, angespannt.

Ingrid! Dir fehlt jegliches Gespür für Familie. Aber mit deinem Stammbaum ist das kaum verwunderlich. Aber jetzt gehörst du zu uns, also gewöhn dich daran, dass wir füreinander Verantwortung tragen.

Clara war zu jung, um zu verstehen, was die Oma meinte. Es klang feierlich, aber bald lernte sie, dass diese Worte einseitig waren. Ingrid sollte die Schwiegermutter pflegen, ihr fast ihr gesamtes Gehalt abgeben, während die Oma alles mit königlicher Selbstverständlichkeit entgegennahm, aber nie etwas zurückgab dafür aber den ganzen Tag Vorwürfe und Ratschläge.

Mama! Warum sagst du nichts zurück? Verteidigst du dich denn gar nicht? fragte Clara, älter geworden, als sie mal wieder dem Rat der Oma lauschte. Meist nahm Ingrid Clara nicht mit zur Schwiegermutter, aber manchmal forderte es die Oma ein da konnte man nicht widersprechen.

Weil ich weiß, dass sie Unrecht hat, mein Schatz. Und weil ich weiß, dass sie sehr krank und sehr einsam ist. Außer uns hat sie fast niemanden mehr. Mit ihrer Schwester spricht sie nicht mehr, die Neffen wollen nichts mit ihr zu tun haben. Beim Wäschelegen seufzte Ingrid. Und weißt du ich habe es deinem Vater versprochen: Ich werde sie nicht allein lassen. An Ehre halte ich fest.

Clara regte sich oft über die Oma auf, wollte ihr alles an den Kopf werfen, aber Ingrid unterbrach sie sanft, sah sie mit milder Strenge an.

Warum, Clara? Ich nehme das alles nicht persönlich. Lass sie reden. Wichtig ist, dass ich weiß: Das Richtige ist getan, und sie braucht an nichts zu leiden.

Sie müsste sowieso an nichts leiden! brummelte Clara dann leise; mit den Jahren hatte sie gelernt, wie der Hase läuft.

Jetzt wusste sie längst, dass Oma keineswegs eine arme Verwandte war. Ihre große Wohnung, noch eine weitere, vermietet, die Rente und ein beachtliches Sparkonto vom Opa. Alles nutzte Oma ganz nach Belieben aus.

Warum nimmt sie eigentlich dein Geld, Mama? Reicht ihr das nicht? Clara kritzelte wütend in ihr Haushaltsheft, das sie gemeinsam mit ihrer Mutter führte.

Clara! Ingrid warf das Küchentuch auf den Tisch.

Was denn?

Lass das bitte. Ingrid senkte die Stimme. Sei nicht

Nicht was, Mama?

Ist egal! Bleib du selbst! Lass keine Dunkelheit in dein Herz. So etwas willst du nicht in dir tragen. Und vergiss nicht: Alles, was Oma gehört, ist ihres. Nicht unseres. War es nie und wird es auch niemals sein. Ingrid stellte die gespülten Tassen leise ab. So viel Selbstbeherrschung würde Clara nie aufbringen. Jeder sauber aufgestellte Becher, wie an einer Schnur gezogen, erzählte von Ingrids Mühe, sich ständig im Zaum zu halten. Denk nicht darüber nach, mach dir und uns keine Gedanken. Sonst gehst du daran kaputt.

Clara verstand ihre Mutter erst, als Oma starb. Einen Umschlag mit Testament und Abschiedsbrief fand Ingrid im Nachttisch. Nach dem Lesen atmete sie schwer, zerknüllte das Papier und schleuderte es fort.

Komm!

Wohin? Clara blickte ihre Mutter fragend an.

Wir sind hier fertig. Meine Pflicht ihr gegenüber ist getan.

Clara stellte keine weiteren Fragen. Später hörte sie, dass alles an die Neffen der Oma ging. Das, was im Abschiedsbrief stand, erfuhr sie nie. Nur einmal verriet Ingrid etwas, als Clara sie löcherte.

Sie hat es den anderen hinterlassen sie sind ja von Geburt aus ihre Familie. Mehr sag ich nicht, Clara! Der Rest ist Dreck, den brauchst du nicht. Lass ihn hinter dir.

Hat sie etwa geglaubt, ich sei nicht mal ihre Enkelin? fragte Clara eines Tages doch noch.

Nein. Sie fand nur, du wärst zu sehr wie ich kein Funken deines Vaters in dir. Fremdes Blut.

Ist das wahr? Siehst du Papa nicht in mir?

Clara! Ingrid ließ den Kopf sinken. Du bist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Aber noch mehr, du bist wie er im Charakter. Ich kannte keinen besseren Menschen als deinen Vater. Deshalb sage ich dir ein letztes Mal: Nimm das Gute mit und lass das Schlechte zurück. Lass die Vergangenheit ruhen.

Clara widersprach nicht mehr. Ganz verstand sie ihre Mutter nie, aber sie wusste, wie viel ihr an diesen Worten lag.

Die Jahre vergingen. Clara machte Abitur und begann zu studieren. Da wurde der besagte Rock genäht. In dem Rock legte sie Prüfungen ab, ging zur Uni, fing dort an zu arbeiten, lernte den Vater ihres Sohnes kennen. Ihr Glücksrock! Und zum Bewerbungsgespräch zog sie natürlich ihn an. Was sollte sie sonst anziehen, etwa Jeans?

Im Personalbüro hörte sie hinter vorgehaltener Hand Sticheleien aber sie straffte die Schultern, wie es ihre Mutter geraten hätte.

Sie haben ja gar keine Berufserfahrung, ein kleines Kind Wo waren Sie denn davor tätig?

Ich habe an der Universität unterrichtet.

Und warum wollen Sie jetzt umsteigen?

Ich wollte einfach etwas Neues ausprobieren. Clara bemühte sich um Ruhe, aber ihre Knie zitterten schon. Offenbar würde es wieder nichts werden.

Doch wie durch ein Wunder bekam sie eine Chance: Die Leiterin des Personalbüros bot ihr eine Stelle als Sekretärin auf Probe an. Die Kommentare, die hinter der Tür fielen, bekam sie natürlich nicht mehr mit.

Warum Frau Müller? Was will Herr Schneider mit so einer?

Er mag halt kluge Frauen. Mal sehen, wie das läuft. Und so schlecht sieht die gar nicht aus. Nach etwas Styling kann sie uns allen Konkurrenz machen. Also: Genug gequatscht, Arbeit wartet!

Clara und Herr Schneider verstanden sich vom ersten Tag an. Als sie zum ersten Mal die Anleitung der Kaffeemaschine las, statt einfach alle Knöpfe wild zu drücken, lachte er herzlich:

Ich sehe selten Frauen, die sich mit der Bedienungsanleitung befassen, statt alles auf einmal zu probieren. Das gefällt mir! Wir werden klar kommen!

Die Arbeit war nicht so schwierig wie gedacht. Der Chef kontrollierte alles gerne selbst, aber schnell fiel ihm auf, dass Clara ein phänomenales Gedächtnis und außergewöhnliche Genauigkeit besaß. Sie konnte jeden auftreiben, Termine so koordinieren, dass alle Beteiligten zufrieden waren, Absagen vermitteln, ohne dass jemand böse war. Zeitpläne, Kalender alles lief pünktlich. Nur eines ließ sich kritisieren: Clara musste wegen ihres Sohns manchmal früher gehen.

Clara, ich habe vollstes Verständnis, aber langsam wird das zur Gewohnheit. Bald stehe ich hier ohne Sekretärin. Schneider lehnte sich zurück und rieb sich die Schläfen.

Kopfschmerzen? Ich könnte Ihnen eine Tablette geben?

Nein, danke. Geht schon. Gehen Sie ruhig. Ein krankes Kind geht vor. Aber ich an Ihrer Stelle würde über eine Lösung nachdenken. Kita reicht ja sonst, oder? Gibts nicht eine Oma, eine Tagesmutter, Freunde?

Ich habe niemanden. Clara zupfte verlegen an ihrem neuen Blazer.

Niemanden?

Niemanden. Meine Mutter ist tot, Verwandte habe ich keine mehr.

Traurig. Dann eben Tagesmutter?

Kann ich mir im Moment nicht leisten. Aber ich suche nach einer Lösung. Sie haben recht, Herr Schneider. Es ist mein Problem, nicht Ihres.

Sie nickte, verließ das Büro. Die Laune war im Keller. In der Kita wartete Paul mit Fieber, zu Hause der Alltag. Clara war einfach nur erschöpft und fühlte sich einsam. Warum bloß ist alles so schwer? Warum ist sie allein?

Die Antwort wusste sie längst. Ihre Mutter hatte es ihr gesagt:

Nicht jeder trifft im Leben nur gute Menschen. Manchmal sind sie rar. Umso wertvoller solltest du sie schätzen, Clara!

Und wenn man gar niemanden trifft?

Das passiert nicht. Denk wie eine Mathematikerin, rechne die Wahrscheinlichkeit durch. Siehst du es kommt vor. Und wirklich schlechte Menschen gibt es kaum, meistens sind sie einfach nur mit sich beschäftigt. Jeder lebt ein bisschen für sich. Verurteilen ist sinnlos Ich hoffe nur, dir begegnen mehr der anderen Sorte.

Clara dachte oft an diese Worte. Sie bereute, damals nicht auf sie gehört zu haben, als sie Pauls Vater begegnete. Ein junger, vielversprechender Wissenschaftler voller Tatendrang, Ehrgeiz und Ideen genau das, was Clara fehlte, hatte er im Überfluss. Aber ihre Lebensziele gingen auseinander. Clara wollte Familie und Beruf verbinden, er hingegen konnte sich das nicht vorstellen. Er dachte nicht an morgen. Als er das Angebot bekam, im Ausland zu arbeiten, nahm er es sofort an eine Woche nach dem Heiratsantrag an Clara.

Wir warten einfach ein paar Jahre, ist doch kein Problem.

Jan ich kann nicht warten. Ich bin schwanger.

Sie sah, wie Jan blass wurde und da wusste sie, das war das Ende.

Muss das wirklich jetzt sein? Kann man das nicht verschieben? Jan tigerte nervös im Zimmer herum.

Nicht wirklich. Aber mach dir keine Sorgen! Clara stand auf, nahm ihre Tasche. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Ich regel das allein. Gute Reise!

Wiedersehen gab es keines.

Paul wurde einen Monat nach Ingrids Tod geboren. Herzinfarkt in der Klinik viele Ärzte, aber niemand konnte helfen. Clara verabschiedete sich von ihrer Mutter, verbot sich zu weinen.

Später, Mama. Ich weine später, wenn Paul geboren ist, okay?

Aber auch danach war keine Zeit zum Trauern. Paul war ein schwaches, kränkliches Kind permanent war irgendetwas zu tun. Clara funktionierte nur noch. Waschen, putzen, spazieren gehen, füttern immer im Kreis. Sie gab die Uni auf, hielt den Getuschel hinter ihrem Rücken nicht mehr aus.

Sorry, Mama, ich war zu empfindlich. Aber ich kann nicht mehr… klagte sie leise vor dem Foto ihrer Mutter, damit das Kind nicht aufwachte. Hab ich denn was falsch gemacht? Ein Kind bekommen? Jan nicht zur Heirat gezwungen? Hätte ich vielleicht Aber du würdest sagen: Blödsinn, was die Leute reden. Schauen nach vorn! Ich versuche es, Mama. Es klappt noch nicht richtig…

Als endlich ein Kindergartenplatz frei wurde, gab Clara Paul dorthin ab. Das erste Jahr war das schwerste ständig war er krank. Clara wusste, dass sie unter diesen Bedingungen keine ordentliche Stelle finden würde, also hörte sie auf, Bewerbungen zu verschicken. Sie nahm eine inoffizielle Putzstelle im Friseursalon um die Ecke, putzte abends, träumte davon, irgendwann wieder nach vorne schauen zu können.

Mit all diesen Gedanken steuerte sie auf die Kita zu. Paul einsammeln, noch schnell in die Apotheke, dann nach Hause. Als sie die Wohnungstür öffnete, grüßte sie mechanisch:

Hallo, Steffi!

Hi! Schon wieder? Steffi nickte zu dem an Clara geklammerten Paul.

Ja. Endlich hatte Clara den widerspenstigen Schlüssel gedreht. Bald werfen die mich raus. Schon das zweite Mal diesen Monat. Ich dachte echt, nach einem halben Jahr Ruhe wirds besser!

Ach, das ist nichts. Steffi blieb auf den Stufen stehen. Bei uns war ein Jahr lang gar nichts, dann jeden Monat eine Infektion. Sag mal, warum nimmst du keine Tagesmutter? Du verdienst doch jetzt besser?

Nicht genug. Clara seufzte und scheuchte Paul ins Haus. Zieh bitte die Schuhe aus, Schatz.

Ja, Tagesmütter sind teuer. Da arbeitet man nur für sie. Schade, dass du keine Oma hast.

Ja, schade. Tschüss, Steffi. Clara trat in die Wohnung und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Mama, du fehlst mir so sehr…

Doch Paul, der auf dem Teppich saß, weckte sie rasch aus ihrem Selbstmitleid. Clara brachte ihn ins Bett, kochte Tee, überlegte. Es musste eine Lösung her

Das leise Klopfen an der Tür hörte sie beinahe im Halbschlaf. Paul schlief bereits, sie saß in der Küche, stöberte auf Anzeigenportalen bemühte sich, keinen Lärm zu machen. Warum klingelte der Besuch nicht? Clara eilte zur Tür.

Guten Abend, Clara!

Auf der Schwelle stand Frau Behrens, die alte Dame aus dem Nachbareingang, mit der Clara sonst nur gelegentlich grüßte.

Guten Abend! Ist etwas passiert? Clara wundert sich über den späten Besuch.

Naja, so könnte man sagen. Darf ich reinkommen oder besprechen wir das hier im Flur?

Oh, entschuldigen Sie! Clara trat beiseite.

Frau Behrens tappste energisch in die Wohnung, zog die Schuhe aus und nickte zur Küchentür.

Ist die Küche da?

Ja

Na dann los. Nicht dass der Junge aufwacht. Schlaf ist jetzt die beste Medizin.

Irritiert folgte Clara der alten Dame. Frau Behrens setzte sich, faltete die Hände im Schoß, schaute Clara forsch an.

Du brauchst eine Oma auf Zeit?

Wie bitte?! Clara riss erstaunt die Augen auf.

Oma auf Zeit. Jemand, der auf das Kind aufpasst, wenns krank ist oder so. Frau Behrens wiederholte sich geduldig, in ihrer Stimme lag etwas vertrautes so klang ihre Mama früher.

Ja, das bräuchte ich sehr. Ich weiß nur nicht, wo ich so jemanden finde.

Musst gar nicht suchen. Ich biete mich an. Willst du mich als Oma einstellen?

Clara zögerte. Das Angebot kam wie gerufen, aber sie wusste kaum etwas über Frau Behrens Ihr einfach das Kind anvertrauen?

Verzeihung, aber wie kommen Sie darauf, dass ich nach so jemandem suche?

Ach, Kindchen … Steffi habe ich heute noch getroffen. Die hats mir erzählt.

Ach so… Frau Behrens, nicht falsch verstehen

Ach komm schon. Du willst Fragen stellen? Nur zu! Würde ich auch, wenn es um mein Enkelkind ginge. Frag, was du willst. Oder ich erzähle dir von mir dann kannst du entscheiden.

Clara musterte sie abschätzend, schenkte Tee ein, stellte eine Dose Gebäck dazu und setzte sich ihr gegenüber:

Dann erzählen Sie!

Frau Behrens Geschichte war einfach: In dieser Stadt geboren, die Eltern arbeiteten in der Fabrik. Sie selbst kam nach der Schule ebenfalls dorthin. Dort lernte sie ihren Mann kennen, sie bekamen zwei Söhne, zogen sie groß. Doch der Mann starb noch vor dem Rentenalter, die Söhne blieben nach dem Grundwehrdienst fern, bauten sich anderswo ein Leben auf. Enkel gäbe es zwar vier, aber die wohnen weit weg oder brauchten sie nie. Schwiegertöchter hatten eigene Mütter, später waren die Enkel schon groß. Nun ist sie allein, sieht die Enkel kaum. Als Steffi sie auf die Idee mit der Oma auf Zeit brachte, dachte sie: Warum nicht fragen? Vielleicht braucht mich jemand und mir ginge es auch gut dabei. Sie bot an, auf Paul aufzupassen, für ein sehr kleines Honorar.

Schlaf noch mal drüber, Clara! Sag mir morgen Bescheid besser ist das, meinte Frau Behrens zum Abschied.

Clara nickte nur, verabschiedete sich. Lange dachte sie nach.

Was meinst du, Mama? Ist das alles Zufall? Ich habe nur kurz an Hilfe gedacht, da steht sie an der Tür. Ist das ein gutes Zeichen?

Das Bild ihrer Mutter schweigt, aber Clara grübelt. Die Erfahrung hatte sie vorsichtig gemacht schließlich ging es um Paul. Sie konnte kaum schlafen, aber am Morgen stand ihr Entschluss fest.

Frau Behrens, guten Morgen! Ich nehme Ihr Angebot an.

So begann ihre Zusammenarbeit. So nannte Frau Behrens das Verhältnis:

Wir sind Kolleginnen, Clara! Du schuftest ich auch. Wir helfen uns gegenseitig. Du kannst beruhigt zur Arbeit, ich bekomme ein Zubrot zur Rente.

Ihre Söhne unterstützen Sie nicht?

Doch! Aber ich greife selten darauf zurück. Sie haben eigene Familien, ihren Bedarf. Solange ich noch laufen und packen kann, verdiene ich selbst dazu.

Anfangs beobachtete Clara misstrauisch doch schnell erkannten sie und Paul, wie gut Frau Behrens es mit ihm meinte.

Was ist los, mein Lieber, fühlst dich mies? prüfte Frau Behrens den fiebrigen Paul: Keine Sorge! Jetzt gibt’s Himbeertee und eine lange Geschichte dann schläfst du und morgen bist du wieder fit. Ich weiß es!

Aber wir haben keine Himbeeren mehr

Deshalb hab ich welche mitgebracht. Wann hättest du denn Zeit zum Einmachen? Los, ab auf die Arbeit.

Schon nach ein paar Monaten konnte Paul lesen und zählen. Clara war baff.

Er ist erst fünf! Und kann schon lesen! Frau Behrens

Er ist halt aufgeweckt, dein Paul. Und Schach spielt er auch schon gut. Vielleicht meldest du ihn mal im Verein an ich gehe gern mit ihm hin.

Bald spielte Paul Schach, ging zweimal die Woche schwimmen.

Das hätte ich nie geschafft! Die Zeit, das Geld erzählte Clara begeistert ihrer Freundin Steffi. Ohne dich, Steffi, hätte ich das nie gemacht.

Nicht mir danken aber wenn meine Swantje mal alt genug ist, borg ich mir deine Oma Behrens aus!

Die Zeit verging, Paul wurde älter, kam in die Schule. Frau Behrens Hilfe wurde seltener gebraucht, aber sie war längst Teil der Familie.

Clara, sie haben hier Ihre Talente vergeudet sagte Herr Schneider schließlich. Mit deiner Ausbildung könntest du Karriere machen. Mathematikerin, oder?

Ja. Nein, darüber habe ich nie nachgedacht …

Ich schon! Ich schicke dich zur Fortbildung, dann sehen wir weiter. Hier wärst du verschenkt.

Clara bekam neue Aufgaben, wurde befördert. Das Leben lief endlich besser, die finanzielle Lage entspannte sich und sie konnte wieder durchatmen.

Endlich, Clara alles wird gut! Frau Behrens freute sich ehrlich mit ihr.

Ihr Verhältnis war längst über Kolleginnen hinaus. Umso schlimmer, als Frau Behrens plötzlich verschwunden war.

Steffi, wo kann sie denn sein? Kein Wort gesagt, nichts. Das passt doch gar nicht zu ihr!

Krankenhäuser durchprobiert?

Alles schon gemacht. Aber das meldet keiner ich bin ja nicht Familie.

Ihre Söhne?

Wissen angeblich nichts. Kommen nicht. Kann das sein? Sie ist ihre Mutter

Keine Ahnung, Clara, aber auf Hilfe von denen solltest du nicht bauen.

Und jetzt?

Weiter suchen!

Clara fuhr also selbst von Klinik zu Klinik.

Wer sind Sie? Niemand? Warum suchen Sie dann? bekam sie jedes Mal zur Antwort.

Eine Woche später hatte Clara sie gefunden.

Wurde ohne Papiere eingeliefert. Nach zwei Tagen wieder ansprechbar, aber Erinnerungslücken.

Clara setzte sich entsetzt ans Bett der blassen, winzigen Frau.

Warum hatten Sie nicht gemeldet, dass sie hier liegt? Ich wäre früher gekommen! Was ist passiert?

Unfall, vermutlich kurzzeitiger Gedächtnisverlust. Und Sie sind?

Ihre Tochter! Wo ist der Chefarzt?

Frau Behrens kam auf eine bessere Station, und Clara hielt ihre Hände.

Wie fühlen Sie sich?

Wer sind Sie?

Ich bin Clara. Alles andere klären wir, wenn Sie wieder gesund sind. Ruhen Sie sich jetzt aus.

Anrufe bei den Söhnen halfen nichts keiner wollte kommen.

Macht nichts! Wir schaffen das auch! wollte Clara schimpfen, beherrschte sich dann aber. Mama, du hattest recht mit den Leuten: Viele denken nur an sich.

Eine Woche später durfte Frau Behrens nach Hause. Clara holte sie ab.

Paul, Oma Behrens erinnert sich an fast nichts. Also nenn sie weiter Oma und sei lieb, ja? Der Arzt meinte, dann kommen die Erinnerungen vielleicht zurück.

Soll sie jetzt bei uns wohnen, Mama?

Ja!

Paul nickte ernst:

Das ist richtig.

Nun kümmerte sich er um Oma Behrens. Nach der Schule wärmte er das Essen, überredete sie zu essen und setzte sich anschließend mit den Hausaufgaben dazu.

Er nannte sie seine Oma, Clara sagte Mutter zu ihr keiner fand es merkwürdig. Hauptsache, sie war da und wurde gesund.

Ein halbes Jahr später tauchte Frau Behrens’ Sohn auf.

Clara hetzte nach der Arbeit nach Hause, Paul hatte Geburtstag. Mit der Torte in der Hand wurde sie am Hauseingang angesprochen: Ein großer, ihr vage bekannter Mann kam ihr entgegen.

Sie sind Clara?

Ja.

Ich bin Martin. Der Sohn von Frau Behrens.

Guten Tag! Clara hielt die Torte fester.

Darf ich meine Mutter sehen?

Natürlich. Höchste Zeit!

Ich ähm Martin stockte.

Machen Sie sich keine Sorgen, ich will nichts von Ihrer Mutter. Sie hat mir nur sehr geholfen dies ist mein Dank.

Sie verstehen mich falsch Martins Stimme zitterte.

Sagen wir einfach, ich sehe es so. Wenn Sie wollen, übernehmen Sie das Organisatorische. Aber Ihre Mutter gebe ich nicht mehr aus der Hand.

Warum nicht? Ich wollte sie zu mir nehmen.

Wer das will, wäre rechtzeitig da gewesen. Jetzt, wo sie so krank ist, ist es zu spät. Wenn Sie Glück haben, erkennt sie Sie überhaupt noch.

Und jetzt?

Jetzt ist ihr hier wohl. Vielleicht erinnert sie sich, vielleicht nicht. Aber das ist der beste Ort für sie.

Dürfen wir sie besuchen?

Sie müssen nicht fragen sie ist Ihre Mutter. Kommen Sie, wann Sie möchten.

Martin verabschiedete sich bedrückt. Clara ahnte: So schnell würde er nicht wiederkommen vielleicht nie.

Paul, setz Wasser auf! Es wird gefeiert!

Mama, darf Oma Kuchen essen?

Muss sie! Das größte Stück. Sie muss es genießen, wie sie immer sagte, wenn du Marmelade bekamst…

Naschen? Paul lachte.

Genau! Und wir auch. Clara drehte den Schlüssel um und folgte ihrem Sohn in die Küche.

Heute weiß ich: Familie kommt nicht immer von Blut, sondern von Herzen. Manchmal reicht eine ausgestreckte Hand, um sich wieder zu Hause zu fühlen.

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Homy
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Oma auf Zeit
Die Jubiläumstorte setzt das krönende Ende!