Das leere Leben der Dasha

Leeres Leben der Klara

Der Schnee schmerzt nicht mehr an den nackten Füßen Klara kann sie schon längst nicht mehr spüren. Nur der Wind peitscht ihr wie eine Geißel ins Gesicht, über die Arme, in den Hals, dringt durch das Brustbein, das von einem einzigem Nachthemd bedeckt ist. Ihre grauen Haare sind voller Schnee und dadurch so schwer wie Eiszapfen. Ein dichter Schneesturm tobt durch den Garten, pfeift durch die Bäume, und Klara hat das Gefühl, sich in ihrem eigenen Hof verirrt zu haben. Mit dem Rücken an den kalten Brettern des Zauns gepresst, verschränkt sie die Arme über der Brust und klagt mit flehender Stimme:

– Ach, würde ich doch endlich sterben! Herr, hol mich doch… Nur noch sterben…

Sie wäre in jener Nacht wohl tatsächlich erfroren, hätte nicht die Nachbarin Gertrud nach der Kuh geschaut ob die das Kalben anfängt? Gertrud sieht, dass Klaras Tür offen steht, und Licht durch den Spalt fällt.

– Klara! Bist du das, im Dunkeln am Werk?

Doch Klara steht nur im Hofeck, geschützt vom Wind und den Bäumen, und mit tränenverschleierten, fest geschlossenen Augen murmelt sie immer wieder, wie festgefahren: “sterben”, “sterben”…

Gertrud schreckt auf, läuft durch das Gartentörchen.

– Klara, wo bist du denn?! Klara, du alte Närrin! Klara!

Klara könnte nicht antworten, selbst wenn sie wollte. Mit einem Röcheln rutscht sie den Zaun entlang zu Boden, beugt den grauen, wirren Kopf auf die Knie, und kauert sich zusammen. Über ihre eingefallenen Wangen laufen Tränen. Schließlich packt jemand sie, versucht, sie hochzuziehen doch kein Durchkommen: Klara ist starr, wie verholzt von der Kälte.

– Ach, du alte Dussel! Ich bin gleich wieder da! ruft Gertrud und eilt heim, um ihren Mann zu holen. Zu zweit schleppen sie Klara zurück ins Haus.

Seitdem liegt Klara im Bett. Am Morgen kommt eine junge Sprechstundenhilfe vom Dorf, wundert sich, dass mit über neunzig Jahren nicht einmal ein Schnupfen da ist nur die Füße sind erfroren. Über das zerfurchte Gesicht gebeugt, sagt sie:

– Am besten sollte man Sie ins Krankenhaus bringen. Sollen wir einen Wagen rufen?

Die alte Frau schaut auf die pechschwarzen Haare des Mädchens, auf die vom Frost rosigen Wangen, und schüttelt stur den Kopf:

– Ach, ich will hierbleiben. Verschwend dein gutes Herz nicht an mich. Lass mich einfach. Geh in Gottes Namen.

So liegt Klara zwei Wochen lang. Weshalb sie in jener Nacht barfuß und im Nachthemd in den Hof lief? Alle meinen, sie hat sich aus eigenem Unverstand erkältet, doch sie selbst erkennt darin etwas Rätselhaftes, fast Schicksalhaftes. Am Vorabend saß sie auf dem Bett, löste im fahlen Licht der Lampe geschickt einen gestrickten Strumpf auf. Ihre alten Finger kannten die Arbeit auswendig, doch ihr Blick war leer und starr, schaute auf einen Punkt an der Wand. Der Mund verzog sich zu einer seltsam entrückten, vielleicht beängstigenden Lächeln Erinnerungen.

Glück hat Klara nie kennen gelernt, von Kindheit an bestand das Leben nur aus Arbeit und Mangel. Nur ein einziger, kurzer Lichtstrahl war ihr je vergönnt ein einziger Moment der Liebe.

Der hieß Georg.

– Georg… mein Georg… haucht die alte Frau mit halboffenem Mund und lächelt noch schiefer, noch rätselhafter.

Ob Trugbild, ob halber Traum, sie sieht sich im Kornfeld hinter dem Waldrand, dort wo das Gut der Herrschaft endete. Lange steht Klara so, die Hand als Schirm gegen die Sonne, und wartet. Er hat fest versprochen zu kommen. Innen nagen Angst und Hoffnung. Gerade im flimmernden Kornfeld taucht eine Männergestalt auf. Sie läuft los, ruft sein Name, lacht in wildem Glück: Georg!

Mit diesen Bildern vor Augen schläft Klara ein. Doch mitten in der Nacht fährt sie unruhig herum. Ein Blick zum Fenster: Draußen heult der Schneesturm, die Scheiben vibrieren. Sie schlägt das Bettdeck zurück, tastet im Dunkeln zur Tür.

– Ich bin gleich zurück gleich…

Barfuß tritt sie hinaus in den tosenden Schnee, sieht, halb blind, in das weiße Treiben über dem Dorf. Wieder streckt sie die Hand, als würde sie bitten:

– Georg…

Kälte schneidet durch Mark und Bein. Mit gefühllosen Füßen findet sie die vereisten Stufen, geht hinaus, sieht nur nach vorn, zum Zaun, hin zu ihm kämpft gegen das Unwetter.

– Georg! Ich bin hier! Georg!

Am Zaun angekommen, späht sie weiter, läuft hierhin, dorthin… Erst da spürt sie, die Füße sind taub vor Kälte, gleich kann sie sie nicht mehr bewegen. Hektisch läuft sie den Zaun entlang zu Tor, immer noch lächelnd:

– Gleich bin ich drüben… Ich schau noch mal auf der anderen Seite…

Aber das Tor findet sie nicht mehr. Sie irrt umher, verliert jede Orientierung: mal ein Baum, mal der weitere Zaun, mal waten die Beine knietief im Schnee… So verirrt sie sich. Und verzweifelt. So findet Gertrud sie.

Gertrud bringt Essen, spricht mit ihr, macht Feuer im Ofen. Die junge Sprechstundenhilfe kommt, verbindet die Füße, schmiert stinkende Salbe darauf und besteht auf Fiebermessen. Alles, was man ihr sagt, macht Klara, aber bleibt sie allein, starrt sie nur an die Decke, die Augen voller Leere. Lauscht den Geräuschen draußen: Hundebellen, Schlitten über die Straße, das Lachen heimkehrender Kinder.

Meist döst sie. Mal reißt sie die Augen auf es ist Tag geworden oder Nacht. Der Ofen knackt im Wind. Vom Dach tropft es zögerlich. “Herr, wann darf ich sterben? Sterben, nur noch…” denkt sie, wieder und wieder.

Von klein auf hat sich Klara eine grausame Wahrheit eingeprägt: Ihr Schicksal ist ein steiler, abschüssiger Hang, bedeckt von glitschigem Lehm und dornigen Büschen. Da gibt es nur ein Hinabrollen, sich an Wurzeln und Steinen schlagend. Niemand reicht dir die Hand. So leben alle um sie herum, und sie erwartet nichts anderes. Leben, das heißt ständiges, langes, stummes Fallen das wusste sie schon als Mädchen.

Jenem Jahr kommt ein bitterspäter Frühling, bringt nicht Wärme, sondern eisigen Wind und endlosen Regen, die Wege verwandeln sich in knietiefen Matsch. Der Schnee bleibt bis Mai liegen, die Erde darunter wird sichtbar braun, schwer und alt wie eine ausgelaugte Lederschürze. Die Birken treiben lange nicht aus, die Gärten stehen kahl, schwarz, wie ausgebrannt. Klara, mit dem schweren Dutt unter dem alten Kopftuch, kehrt vom Dorfbrunnen zurück. Auf der Schulter das Joch, die Eimer schwappen Wasser auf ihre rissigen, baren Füße. Auf der anderen Straßenseite hocken die Männer unter dem schiefen Gartenzaun, rauchen, geduckt, brummeln halblaut, werfen Blicke zu ihr. Doch Klara geht vorbei, den Blick gesenkt sie hat längst gelernt, ein Teil dessen zu sein, unsichtbar und grau.

Klara! ruft Bäuerin Margarethe, mit der sie einst auf dem Gut gearbeitet hat. Ihr Befehl reißt durch den nassen Frühling: Lauf zur Bäckerei! Sag dem Paul, er soll den besten Stoff für das Fräulein bereitlegen Blumenmuster! Beeil dich, heute gibts Besuch aus der Stadt. Und Blumen, vergiss die Blumen nicht!

Klara stellt die Eimer behutsam ab, zieht mit dem schmutzigen Schürzenzipfel die Hände trocken, ordnet die Klamotten und macht sich auf den Weg. Sie ist zweiundzwanzig, doch ihr Leben scheint schon vorüber, von Arbeit und Not verschlissen. Seit zwölf Jahren, seit Vater und Mutter gestorben, lebt sie auf dem Hof der herrischen Witwe für eine Scheibe Brot. Damals ein scheues, verprügeltes Mädchen, jetzt eine große, kräftige, stille junge Frau mit schwieligen Händen und ausgestorbenem Blick alles Leuchten in den Augen erloschen.

Arbeiten von früh bis spät, bis die Beine schwer wie Blei sind. Im Herbst holt sie Holz aus dem Regen, melkt Ziegen im kalten Stall, knetet Lehm für den Ofen, wäscht am zugefrorenen Fluss, bis sie ihre Hände nicht mehr spürt. Im Sommer jätet sie Beete in der Hitze, die Beeren an den Sträuchern betören, doch keine darf sie nehmen die Herrin zählt jede, züchtigt sie mit Brennnesseln, murmelt: Nichts für dich, Faulpelz! Klara lernt, nie zu den Seiten zu schauen, reißt Unkraut verbissen aus, beißt die Lippen zusammen und hofft, ab und an in Ruhe gelassen zu werden. Der Rücken schmerzt, das Kleid ist immer schmutzig, doch sie beklagt sich nicht.

Samstags heizt sie die Waschküche an, schleppt große Bottiche vom Fluss, heizt die Steine, bis der Dampf sie schwindelig macht. Sie schrubbt der Herrin den Rücken, beugt sich, steigt auf die Zehen, wird angeschrien und gekniffen, bekommt im guten Moment einen feuchten Klaps und wird Arbeitspferd genannt. Klara hat sich daran gewöhnt. Sie kennt nichts anderes, hat keine Wünsche, keine Träume. Sie ist gleichgültig gegenüber allem wie sie aussieht, was ihr zugeteilt wird, was die anderen Mädchen tuscheln. Die Nachbarburschen zwicken und sticheln alles geht ihr vorbei. Auch die Bäuerin kann auf sie nicht mehr verzichten.

Eines Tages beobachtet die Herrin, wie Klara auf einem Hocker das Spiegelglas putzt, die Hüften spannend. Da sagt sie, halb nachdenklich:

Klara, solln wir dich etwa bald verheiraten? Willst du?

Klara steigt herunter, wringt das Tuch aus, zuckt mit den Schultern:

Wie Sie wollen.

Oder bleibst du alt allein?

Ist mir gleich.

Siehst du! klopft die Gutsfrau sie, Bleibst du besser alt allein. Kinder, das ist nur Geschrei und Dreck. Mit deinen breiten Hüften könntest du zehn kriegen! Glück gehabt bessere Hüften als meine Franziska…

Sie will ein Kreuz schlagen, vergisst es aber. Sie denkt nach: könnte Klara verheiraten, doch eine so tüchtige Arbeiterin will man auch nicht hergeben. Da ruft ihre eigene Tochter sie, und das Nachdenken bleibt aus.

Das alles lässt Klara kalt. Ihre Seele schläft, dumpf und schwer. Stark und kernig wie sie ist, will sie nichts die natürlichen Triebe, die andere Frauen ins Leben ziehen, sind fern. Da ist eine unsichtbare Wand um sie, und hinter der lebt sie ruhig, ungestört. Auch für die Männer bleibt sie unnahbar; ihre kräftige Art und kühle Schönheit wirkt abweisend. Der alte Pferdeknecht meint: Klaras Schönheit ist nicht für die Menschen, sie gehört Gott. Aber dann reißt das Schicksal sie doch hinaus aus ihrer Abgeschiedenheit nur kurz, doch sie blickt hinüber zur Welt.

Das geschieht im Frühsommer, die Luft ist endlich warm, die Wiesen dicht und grün. Auf dem Gut werden Gäste erwartet. Die junge Herrentochter, blass und kränklich, erwartet Besuch aus der Stadt ein junger Herr aus Hamburg, dem ein Werben nachgesagt wird. Klara wird ausgeschickt, Margeriten am Fluss zu pflücken. Als sie vorsichtig barfuß den Hang hinuntergeht, versperrt ein fremder Bursche den Pfad. Er trägt eine schicke Weste über besticktem Hemd, hochglänzende Stiefel blitzend im Licht, arroganter Blick, das Haar streng gezogen, glänzend von Pomade. Das ist Georg, der Kutscher vom Nachbargut.

Grüß dich, Schöne, grinst er, mustert ihre starken, gebräunten Arme, die hoch gespannte Brust unter dem verwaschenen Hemd.

Klara schaut ihn nicht an, geht schweigend an ihm vorbei, aber er schirmt ihr immer wieder den Weg.

Was stehst du da rum? fragt sie, dumpf.

Wie heißt du denn?

Wers weiß, weiß es. Das geht dich nichts an, sagt sie, ohne den Blick zu heben, und geht weiter.

Georg gibt sich nicht geschlagen. Er kommt ab jetzt jeden Sonntag mit dem Herrn. Klara hört die laute Stimme im Hof, spürt seinen schweren Blick, wenn sie Wände kalkt oder Geschirr spült. Immer wieder begegnet er ihr am Brunnen, beim Stall, am Hintereingang. Er macht Witze, greift zu, aber sie ignoriert ihn kühl. Einmal lauert er ihr im leeren Schuppen auf, drückt sie gegen die Mehlsäcke. Klara schreit nicht, sondern wirft ihn so kräftig zurück, dass er gegen den Balken schlägt. Sie bleibt ruhig, blickt auf ihn herab und sagt nur:

Na, das hast du dir eingebrockt…

Dann richtet sie ihr Tuch, klopft die Kleider ab und geht hinaus. Georg bleibt sitzen, massiert seinen Kopf, doch in seinen Augen flackert jetzt Staunen neben Begehren. An gefügten Mädchen fehlt es nicht, aber diese starke, wortkarge Frau das ist neu für ihn.

Und Klara? Sie bleibt kühl, kein verwundetes Herz, aber etwas in ihr tut sich ein neues, noch ungekanntes Gefühl. Kein klarer Wunsch, doch eine fremde Sehnsucht regt sich. Ohne ihn zu vermissen, blüht in ihr etwas auf. Sie steht früh auf, um Morgensonne und leichten Nebel zu sehen, melkt die Kuh, verharrt still in der Morgendämmerung. Sie möchte sich ins Gras fallen lassen und lachen vor Lebensfreude. Sie weiß nicht warum einfach leben möchte sie. Bald aber treibt sie die Arbeit wieder an.

Georgs Werben bleibt erfolglos abgesehen von einem forcierten Kuss im Keller, der mit einer ordentlichen Ohrfeige endet. Dennoch bewirkt seine Hartnäckigkeit etwas: Als er ihr einmal beim Wasserschleppen helfen will, lächelt sie ihm von unten herauf freundlich zu. Ein anderes Mal sieht er sie lange aus dem Küchenfenster auf den Hof schauen, wo er mit den Pferden arbeitet. Das ist nicht viel, aber Georg gibt nicht auf. Doch es bleibt Episode.

Eines Tages verteidigt Georg auf dem Hof ein Waisenjungen, den der Kutscher auspeitschen soll, weil er beim Stehlen erwischt wird. Klara sieht das, das Gesicht zittert, sie will sich schützend vor das Kind stellen, wird zurückgestoßen, greift nach einem Holzscheit, will den Knecht von hinten schlagen. Die Menge hält die Luft an. Da kommt Georg, reißt dem Knecht die Peitsche fort, schlägt ihn hinaus:

– Verschwinde! Ich sage der Herrin alles! Raus jetzt!

Die Bäuerinnen eilen zum weinenden Jungen, wollen seinen Namen wissen, trösten ihn. Meine Mutter ist gestern gestorben… Gestorben!, schluchzt das Kind.

Da presst sich Klara die Hand vor den Mund. Erinnerungen wie ein Schock ins Gesicht sie sieht ihr eigenes Kindheitsschicksal. Tritt in ihre Kammer, wirft sich aufs Bett. Sie windet sich unter lautlosem Weinen, packt das Kissen, weint aus Hilflosigkeit und Trauer um das nie besessene Glück.

Georg findet sie. Er schleicht ins Zimmer, setzt sich zu ihr, schweigt, nimmt sie in den Arm. Sie lehnt sich an seine kräftige Schulter, hört seinen Atem, und flüstert schließlich:

Was gibts da hinterm Wald? Und weiter weg?

Die Stadt, sagt er, leicht verwundert. Häuser, Läden, Kirchen.

Und dahinter?

Noch eine größere Stadt. Die Eisenbahn verläuft dorthin. Und dann das Meer, sagen sie, weit weg.

Klara schweigt. Niemals hat sie das Meer gesehen, fürchtet gar große Flüsse. Aber jetzt möchte sie es plötzlich sehen. Fort von hier, weg, wo sie geschunden und verhöhnt wird. Ein Mensch sein! Sie wendet sich Georg zu, nimmt sein Gesicht in ihre rauen Hände, schaut ihm zum ersten Mal direkt in die Augen:

Nimmst du mich mit? Heiratest du mich?

Georg zögert, ist unsicher. Er windet sich, lenkt ab das Leben ist schwer, Geld muss heranschaffen. Doch Klara hört schon nicht mehr zu. In ihr bricht alles hervor, Mut, Ungeduld, eine kaum fassbare Entschlossenheit. Sie umarmt ihn, küsst ihn, flüstert, alles sei ihr egal, sie wolle nur mit ihm fort, koste es was es wolle. In dieser Nacht verliert sie ihr altes Kreuzchen das Band reißt, es fällt fort. Sie sucht nicht danach. So soll es wohl sein, sagt sie und klingt dabei seltsam feierlich.

Georg kommt noch zweimal. Heimlich treffen sie sich im Heuschober, im alten Keller, draußen im Weidengebüsch. Klara blüht förmlich auf. Sie geht aufrechter, der Blick gewinnt wieder Glanz, ihre Wangen werden rosig, das Lächeln vorsichtig, zaghaft.

Dann ist alles vorbei. Die Hochzeit der jungen Herrin ist ausgelassen, mit Gästen und Akkordeon, und der neue Herr bringt seine Frau nach Hamburg. Georg reist mit Klara erfährt es nur von der Köchin: Deiner ist weg, Klara. Such nach dem Wind!

Klara wartet. Jeden Abend steht sie am Weg, blickt die sandige Allee entlang, bis die Dämmerung kommt. Sie isst kaum noch, schläft wenig, ihr Gesicht wird durchsichtig, die Augen glühen fiebrig. Margarethe schilt sie, wirft mit Suppentöpfen doch Klara lächelt nur entrückt. Sie glaubt: Er wird zurückkommen. Sie fühlt es mit jedem müden Muskel.

Der Sommer verstreicht, Hitze, Gewitter, dann ein endlos grauer Herbst. Klara liebt nun den Ausblick zur fernen Waldkante, ist sicher, Georg kommt zurück. Sie fragt nach nichts, hört weder Gerede noch Trost sie weiß: Etwas hält ihn fern, fremder Wille, böse Kräfte. Aber wenn sie je solche wundervollen Tage mit Georg hatte, dann kann er selber sie nicht vergessen haben jeder will Glück! Dafür muss man nur warten. Sie arbeitet wie besessen, schuftet, in der wenigen freien Zeit sitzt sie stumm, blickt in die Ferne. Tage, Monate, Jahre laufen ineinander. Klara wartet.

Eines Tages, Ende Oktober, die Gärten kahl, Felder schwarz, arbeitet Klara im Gemüsegarten. Sie blickt auf am Waldrand sieht sie eine Gestalt, glaubt, es sei Georg. Sie wirft die Schaufel hin, rennt los, ruft heiser:

Warte! Warte!

Doch der Mann dreht sich nicht um, bleibt auf der anderen Flussseite. Sie wagt nicht zu schwimmen, läuft am Ufer, versucht, ihn im Blick zu behalten, bis er im feuchten Nebel verschwindet. Nur der grüne endlose Acker ist noch zu sehen.

Die Nachbarin Berta findet sie dort, schüttelt den Kopf:

Warum sitzt du da? Was hast du bloß…

Das war Georg, sagt Klara tonlos.

Welcher Georg?

Der Kutscher… kam immer mit dem jungen Herrn.

Ach, der? Aber Klara, das ist lange her. Was willst du von dem?

Ich warte auf ihn.

Worauf denn? Hab doch gehört, der ist längst verheiratet, wohnt in Lübeck. Kaum auf den Beinen, heißt es, fast schon verwitwet.

Lüg nicht, sagt Klara leise, und so dumpf und wahnsinnig klingt ihre Stimme, dass die Nachbarin zurückweicht.

Wieso? Was reimst du dir da zusammen! spuckt Berta aus. Mein Schwager war in Lübeck, der hats gespürt: drei Kinder, alles Elend. Georg ist krank, liegt nur noch, lebt in Armut… Wahrscheinlich ist er schon gestorben. Was lachst du denn so?

Hahaha! Klara lacht, ihre Haare zerzaust, die Schürze verrutscht, die Knie weiß im kalten Sonnenschein. Das Lachen ist schrill, fremd.

Die hat doch einen Schatten! murmelt die Bäuerin, bekreuzigt sich rasch und geht zurück. Gott schütze uns vor der armen Verrückten!

Von diesem Tag an halten im Dorf alle Abstand. Klara arbeitet auf ihrem kleinen Stück Land, schweigsam, verbissener denn je, erstickt alles in Arbeit. In den freien Minuten sitzt sie auf der hölzernen Stufe vor dem Haus und schaut zum Wald, dahinter, wie sie glaubt, sei das Meer. Und in ihren Augen ist solche, tiefe Leere, dass jeder sich schnell abwendet.

War sie noch nicht ganz zualt, dann zieht sie sich selbst im Juni ihr bestes, gewaschenes Hemd an, kämmt ihr langes, von Grau durchzogenes Haar, steht reglos in der Wiese und blickt in die Ferne, wo der blaue Waldrand mit dem Himmel verschmilzt. Sie bleibt still stehen, noch schlank, doch alterslos, und in ihrer Haltung wirkt etwas uraltes, geduldiges, als warte sie nicht Jahre, sondern Jahrhunderte. Wer Mitleid zeigt, fragt leise, auf wen sie eigentlich wartet, dann antwortet Klara sanft, mit hellem Lächeln:

Auf mein Glück. Es ist dort, hinterm Wald. Mein Georg wollte heute kommen.

Die Arme! Die ist wohl nicht ganz bei Sinnen…

Und nur der Wind fährt durch die Wipfel, der Fluss zieht ruhig seine Bahnen, und ganz weit, hinter Wäldern, Feldern, Städten, rauscht das Meer, von dem sie nie mehr erfahren wird als den leisen, sehnsüchtigen Namen.

Die Tür der Stube knarrt. Gertrud kommt, will Feuer im Ofen machen. Klara blickt sie mit leeren, farblosen Augen an.

– Na, wie gehts denn? Wie sehen die Füße aus? fragt Gertrud.

Klara murmelt etwas Unverständliches. Gertrud tritt näher.

– Wie bitte? Ich versteh dich nicht!

– … möcht endlich sterben… Nein, er kommt nicht mehr. Nur das Sterben bleibt mir…

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Homy
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