Fußballfieber: Die Faszination der FIFA in Deutschland

Fifi

Schau sie dir an! Rausgeputzt ohne Ende! Normale Leute marschieren morgens brav zur Arbeit, wie es sich gehört, und die da? Wohin will sie nur mit ihrer weißen Hose bei dem ganzen Dreck draußen?

Ach was, die läuft ja auch keinen Meter zu Fuß! Immer in ihrem Wagen unterwegs, so ein richtiger Kleinbus!

Sei froh, dass sie überhaupt was anhat! Hast du mal gesehen, was sie am Hals trägt?

Nö, was denn?

Ein Tattoo! Kannst du dir das vorstellen? Wer macht denn sowas? Sieht aus wie jemand, der schon gesessen hat! Kaum erwachsen und schon komplett tätowiert! Was hätte wohl ihre Mutter dazu gesagt, wenn sie das erlebt hätte? Aber keiner passt mehr auf heute verlorene Seele, sag ich dir.

Die Rentnerinnen-Bank vorm Haus summte und tuschelte, während sie Johanna nachsahen.

Worauf sollte man auch nicht ein bisschen lästern, wenn die Einkaufstüten eh schon neben den alten Beinen stehen und man keine Lust hat, nach oben in die immer gleiche Routine zu trotten? Mal durchatmen, sonst ist doch jeden Tag dasselbe Kinder klein oder groß Kochen, Putzen Freude? Ja, nur zu Geburtstagen oder mal zu Weihnachten! Woher solls auch sonst kommen? Glück kann sich der kleine Mann ja kaum leisten. Stattdessen dreht sich alles darum, wie man den Kindern hilft, dass sie satt werden und über die Runden kommen. Mal was für die Enkel mitbringen, ein bisschen Wärme abholen, wenn man die kleinen Köpfe küsst. Das ist eigentlich alles, was bleibt… Manche haben ja noch nicht mal das. Schau dir Frau Schuster an die Kinder haben ihr klargemacht, dass sie keine Enkel planen. Ist ja heute überhaupt nicht mehr angesagt, Kinder zu kriegen. Lieber Reisen machen, alles easy, keine Verantwortung. Wie schaffen die das nur Sind wohl alle so, wie diese Johanna da, die Tochter von Ute.

Dabei war das doch mal ne ganz Nette! In der Schule höflich, freundlich, immer ein Lächeln auf den Lippen. Und jetzt? Seit ihre Mutter gestorben ist, läuft sie völlig aus dem Ruder. Hängt irgendwo herum, arbeitet nicht mal. Würde sie wenigstens studieren nein! Die Tochter von Frau Meier hat erzählt, Johanna hätte was komplett Abwegiges angefangen! Sie tätowiert! Hat sogar ein eigenes Studio aufgemacht. Wer macht denn sowas?

Als vor einigen Jahren Johannas Vater wieder auf der Bildfläche erschien, dachten alle, der wird das Mädchen wieder auf Kurs bringen. Ihr zeigen, wie das Leben läuft. Und was machte er? Kaufte ihr diesen riesigen Kasten von Auto, nimmt den halben Hof ein und verschwand wieder. Das Mädel ließ er einfach zurück. Dabei ist sie doch erst zwanzig geworden! So eine junge Frau, einfach sich selbst überlassen! Wer weiß, wen sie sich da noch ins Haus holt Und dann ist die Wohnung, die von ihrer Mutter blieb, und das Auto auch noch weg.

Da! Jetzt fährt sie auch noch weg! Wohin? Wer weiß das schon! Nicht mal ein Blick zurück. Pah, so ne Fifi! In weißen Hosen!

Für das Gerede der Nachbarinnen und die Gerüchte hatte Johanna weder Zeit noch Nerv. Sie hatte genug eigene Baustellen. Auch heute war sie vom ersten Augenblick an auf Trab. So viele Termine! Manchmal wünschte sie sich, der Tag hätte einfach ein paar Stunden mehr. Ihre Mutter hat immer gesagt, sie könne nicht mit ihrer Zeit umgehen, sollte das aber unbedingt lernen.

Johanna, es hängt so viel davon ab! Manche rennen wie verrückt durch die Gegend, erledigen nichts, jammern. Aber der Trick ist doch so einfach: Wer sein Leben plant, der schafft mehr, manchmal fast alles.

Und wie, Mama?

Verschwende nichts. Entscheide, was dir wirklich wichtig ist im Leben, und widme dem deine Zeit. Aber gönn dir auch Pausen, ein bisschen Spaß. Das Leben ist kein endloser Pflichtmarathon. Ohne Abwechslung gehst du irgendwann ein. Also verteile deine Zeit gut dann hast du mehr vom Leben.

Johannas Mutter hatte natürlich Recht, in der Umsetzung hakte es trotzdem sogar ein Planer half da nur bedingt. Irgendwie war immer alles gleichzeitig wichtig und wollte sofort erledigt werden. Auch heute: Drei Vorlesungen, aber sie schafft nur eine, wegen zweier Kundentermine und dem Abstecher zu Steffi. Wo Steffi ist, ist meistens auch Anna und das dauert immer länger. Dann noch zu Paul, beim Umzug helfen und sie muss auch noch die Neuen kennenlernen, die nächste Woche im Kurs starten. Namen weiß sie auch noch keine. Ob das alles klappt?

Langsam schob sich der Verkehrsstau ein Stück nach vorne und Johanna trat aufs Gas. Ihr Bus fuhr weich und leise, wie um sie zu trösten: Keine Sorge, wir schaffen das! Für solche Tage hat dein Vater mich dir doch geschenkt damit du Zeit sparst!

Sanft strich sie über das Lenkrad. Danke, Papa

Wer ihr das vor ein paar Jahren prophezeit hätte, dass sie mal ihrem Vater danken würde, den hätte sie ausgelacht. Diesen Mann hatte sie fast ihr ganzes Leben lang gehasst.

Nie hatte ihre Mutter ein schlechtes Wort über ihn verloren. Sie sagte nur, wie klug er sei, und wiederholte ständig, dass Johanna ganz nach ihm käme.

Aber begreifen, wie jemand so klug sein und trotzdem sein eigenes Kind im Stich lassen konnte, das verstand Johanna einfach nicht.

Der Ärger darüber hatte sich jahrelang in ihr gestaut, immer begleitet von dem Gefühl, jemand zu vermissen, den sie nie wirklich kannte. Schon im Kindergarten saß sie alleine, wenn die anderen mit ihren Papas tanzten, und in der Schule biss sie sich lieber auf die Zähne, statt zu jammern, dass ihr niemand zur Seite stehen würde.

Vor dem Abi stritt sie sich zum ersten Mal richtig mit ihrer besten Freundin, Anne, die unverblümt meinte:
Papa zahlt aus Picknick. Wenn ich reinkomme, gibts dafür ein Auto. Da wusste Johanna: Die Freundschaft ist vorbei.

Es war kein Neid vielmehr tiefer Schmerz. Anna kannte doch ihre Geschichte in- und auswendig und spießte sie damit immer wieder auf.

Im Großen und Ganzen war Johanna aber niemand, der anderen ihren Wohlstand missgönnte. Sie hatten ihr eigenes Leben, und mit ihrer Mutter war alles okay. Sie waren auch schon im Urlaub im Ausland gewesen, neue Klamotten hatte sie auch, und ihr sechzehnter Geburtstag, als sie ein schickes neues Handy geschenkt bekam, war ein Höhepunkt.

Doch der wirklich bedeutende Moment an diesem Tag war, als ein Mann auf der Schwelle stand, den sie eigentlich niemals hatte sehen wollen. Der Streit, der darauf folgte, war heftig. Sie schrie, weinte, stieß die Mutter weg.

“Verräterin! Warum hast du ihn herbestellt? Ich will ihn nicht sehen!”

Woher hätte sie wissen sollen, dass ihre Mutter da bereits eine Diagnose in der Tasche hatte, die alles verändern würde. Dass dieses scheinbar so stabile Leben, das sie sich zu zweit aufgebaut hatten, gleich von einer Lawine aus der Bahn geworfen würde.

“Ich bin schuld, Johanna! An allem. Dass dein Vater keinen Kontakt zu dir hatte das ging auf meine Kappe.”

“Warum?”

Die Mutter erzählte. Von der frühen Ehe, den enttäuschten Erwartungen, Zoff mit beiden Familien, und dass Johannas Geburt eigentlich nirgends so wirklich gewollt war. Dass der Vater sein Studium abgebrochen hatte, um Geld zu verdienen, sie selbst nach der Babypause nie mehr rein kam. Auch falscher Stolz spielte eine Rolle irgendwann hatte die Mutter einfach behauptet, Johanna wäre nicht seine Tochter. In dem Moment schien ihr das irgendwie die Lösung.

Johanna wich ans Fenster und schlug die Faust auf das Sims. Die Erde des alten Kaktus, den sie von Anne hatte, fiel auf den weißen Fensterrahmen und sie dachte: Jeder einzelne Krümel wie ein Stück von diesen Sätzen eben. Schmutz, den die Mutter so aus ihrem Herzen gekratzt hatte… Die musste jetzt weggewischt werden genauso wie die Worte. Also sauber machen. Und dann zuhören.

So erfuhr Johanna alles. Auch die Sachen, die wehtaten. Ihr wurde klar: Im Leben zwickt die Wahrheit oft da, wo man sich am sichersten wähnte. Mit jedem neuen Stück Aufklärung bekam das eigene Weltbild Risse, zwischen denen man aufräumen musste.

Ob sie ihrer Mutter je ganz verziehen hat? Vielleicht. Aber sicher war sie nie.

Eines wusste sie aber: Sie war ihrer Mutter dankbar, dass sie es ihr erzählt hatte, wenigstens fast alles. Denn das Wichtigste war wohl für immer in den endlosen Nächten zwischen Mutter und Vater ungesagt geblieben.

Was da besprochen wurde, fragte Johanna ihren Vater nie. Sie wollte nicht noch mehr aufwühlen.

Es reichte, dass sie jetzt zusammen eine Familie waren wegen des kranken Hauses wollte der Vater sie jedenfalls nicht mehr allein lassen.

“Ich geh, wenn du es willst, aber erst, wenn du volljährig bist. Bis dahin bin ich für dich da, auch wenn du nichts wissen willst.”

“Bleib. Bitte. Jetzt ist es mir wichtig.”

Natalie, Johannas Mutter, hielt noch fast zwei Jahre durch, statt der wenigen Monate, die ihr die Ärzte prophezeit hatten. Diese Zeit war vermutlich das Wertvollste, das Johannas Leben ihr je erlaubt hat tragisch und beglückend zugleich.

In genau dieser Zeit fing Johanna an zu zeichnen.

Warum hatte sie das früher nie gemacht? Sie wusste es selbst nicht. Kritzelte zwar immer wieder in ihre alten Schulhefte, dachte aber nie darüber nach, dass daraus etwas entstehen könnte.

“Gar nicht übel!”, staunte ihr Vater, als er mal einen Blick auf ihre Skizzen warf. Dann zog er das Shirt aus und Johanna war baff: Auf seinem Rücken prangte eine aufwendige Tätowierung so farbenstark und elegant, dass sie all ihre Bilder wie Kinderkram fand.

“Ein Freund von mir hat das gestochen. Soll ich ihn mal fragen, ob er dich ausbildet?”

“Unbedingt!”

Keiner der Nachbarn bemerkte damals, dass Johanna einfach verschwand. Fast ein Jahr zog sie zu ihrem Vater nach Berlin, ließ sich einarbeiten und kehrte doch schließlich in ihre Heimat, nach Leipzig, zurück.

“Papa, ich will nach Hause”

Er verstand es tatsächlich. Hielt sie nicht fest, sondern bat sie nur, ein paar Wochen zu bleiben und war plötzlich verschwunden. Als er zurückkam, half er ihr beim Packen, stellte eine große Kiste in ihre neue Wohnung und legte einen Schlüssel auf den Tisch.

“Hier. Das Auto gehört jetzt dir. Und das hier: Die Unterlagen für DEIN Studio. Ich hab meine Wohnung verkauft und ein kleines Lokal mitten in Leipzig gekauft. Ist zwar nicht groß, aber als Einstieg reichts. Dein Lehrer Alex hilft bei der Ausrüstung. Bald gehts los. Arbeite und lerne Schule allein reicht nicht fürs Leben, kapiert?”

Johanna schüttelte den Kopf zu sagen blieb ihr nichts. Erst beim ersten Kunden, als sie Komplimente von ihrem Nachbarn Julian, dem Motorradfreak, bekam, glaubte sie langsam, dass das alles Wirklichkeit war.

Ihr Vater organisierte alles, kümmerte sich um Werbung, dann reiste er doch zu seinen Eltern nach München.

“Wo gehst du denn jetzt hin?!”

“Zu meinen Alten, sie brauchen mich auch. Aber du weißt ja…”

“Ich weiß, ich weiß, du bist für mich da. Aber Papa ich will, dass du bleibst”

“Hab ich doch. Alles, was du brauchst, hast du jetzt. Ich bin bald zurück.”

So stürzte sich Johanna in Arbeit und Studium. Sie hatte gleich zu viele Kunden und musste nach wenigen Monaten schon zwei Aushilfen einstellen.

In dieser immerwährenden Hektik begegnete sie dann Steffi zum ersten Mal.

Eine Kollegin, adrett angezogen, tauchte spätabends auf, als Johanna schon wieder unruhig auf den letzten Termin wartete.

“Verzeihung Kann ich kurz mit der Chefin sprechen?”

Johanna schaute von ihren Unterlagen hoch und nickte.

“Das bin ich.”

“Mädel, du machst Witze, oder? Holst du mal einen Erwachsenen?”

Jetzt sah Johanna ihre Besucherin genauer an. Sie trug zwar schicke Sachen, war aber blass, abgespannte Augen, kein Make-Up, Nägel abgekaut, ihre ganze Haltung von Trauer und Erschöpfung gezeichnet. Johanna ging zum Regal, holte ihren Zeichenordner.

“Hier, meine Arbeiten. Sagen Sie, was Sie wollen ich setzs um.”

“Ein Name Hier, auf der Innenseite des Arms damit ich ihn immer sehen kann”

Dann schaute die Frau nach oben, riss sich am Riemen, um nicht gleich loszuheulen. Johanna ging und schloss die Tür ab draußen parkte gerade ein Kunde, eine Stunde zu spät.

“Setzen Sie sich.”, sagte Johanna und zog die Jalousien runter. “Das machen wir gleich.”

“Wird es wehtun? Ich weiß es.”

Die Frau atmete tief durch. Dann nur noch ein Wort:

“Annika”

Johanna fragte nicht weiter. Sie erfuhr erst zwei Tage später beim zufälligen Treffen in der Uni-Klinik, als sie ihre Tante besuchen wollte, mehr über Annikas Geschichte.

“Sie?”

“Ja. Danke”

“Nicht der Rede wert. Schön ists geworden.”

“Mein Annika hat sie gemocht”

“Er?”

“Sie. Meine Tochter.”

Die Frau musterte Johanna, reichte dann die Hand.

“Stefanie.”

“Johanna.”

“Wollen Sie Annika mal kennenlernen?”

Keine Sekunde zögern Klar!

Das kleine Mädchen, die eine mit Tesafilm geflickte Brille trug, gewann Johannas Herz im Nu.

“Hast du Nüsse? Oder Sonnenblumenkerne? Gar nichts? Wie willst du denn sonst die Eichhörnchen füttern?”

“Welche Eichhörnchen?”

“Na die! Mit den Schwänzen! Im Park sind sooo viele. Ich hab denen bestimmt schon so viele Nüsse gegeben, dass sie bald dicker sind als ich!”

“Keine Sorge. Hüpfende Eichhörnchen werden nicht zu dick.”

“Du bist schlau!”

“Naja, geht so”

“Warum?”

“Weil ich noch lerne.”

“Aha. Vergessen!” Das Mädchen streckte Johanna förmlich die Hand entgegen: “Annika Müller.”

“Schön” Johanna schüttelte vorsichtig das Händchen. “Johanna Schuster.”

“Jetzt sind wir Freundinnen!”

Das Kinderlachen war wie Glockenspiel. Und Steffi, Johannas neue Bekannte, sah zu und ihr Gesicht wurde für einen Moment heller.

Beim nächsten Treffen kam Johanna schon mit vollen Jackentaschen und Tüten voller Nüsschen.

Wie es Annika gesundheitlich ging, besprachen sie erst nach und nach. Das klappte wie ein vorsichtiges Abtasten auf dünnem Eis.

“Kann man was machen?”

“Ja. Es ist nicht hoffnungslos. Ich war an dem Abend bei dir, als die Ärzte sagten, es gibt kaum Aussicht. Dann kam ein neuer Chirurg. Paul und meinte, da geht noch was”

“Und warum weinst du dann so?”

“Gestern war die OP. Annika liegt auf Intensiv, und ich durfte nicht bleiben. Morgen darf ich erst wieder kommen. Mich macht das fertig, Johanna. Ich hab niemanden, mit dem ich reden kann.”

“Du bist allein? Wo ist Annikas Vater?”

“Schon weg, bevor Annika geboren wurde. Ich war auch nicht die Muster-Mama Ich bekam Annika, weil ich ein Kind wollte. Der Vater wusste davon, und hat sich zurückgezogen.”

“Hab ich noch nie so erlebt, aber egal was war, war. Jetzt gibts Annika.”

“Genau”

“Und aufgeben ist NICHT! Du schau mal schön auf deinen Arm. Hast du nicht gesehen? Da steht der Name! Du musst alles tun, damit deine Tochter nicht nur ‘ne Erinnerung auf der Haut bleibt, klar?”

“Bitte nicht schreien Ich hör ja schon”

“Wenn du schon hörst, dann mach was draus!”

Steffi heulte hemmungslos. Johanna ließ sie, verscheuchte den überforderten Kellner und bestellte Wasser.

Den Abend und die halbe Nacht verbrachten sie im Studio. Sie lachten und weinten und gegen Morgengrauen setzte Johanna die Freundin einfach ins Auto und chauffierte sie direkt ins Krankenhaus.

“Ich geh mit.”

“Hast du überhaupt Zeit?”

“Quatsch, Steffi. Hier, nimm die Bürste, sonst erschreckt sich das Kind noch!”

Zum Glück ging bei Annika alles gut. Paul, der Chirurg, von Johanna Stammkundin genannt, versetzte sie ins Staunen.

“Ist es bald soweit mit Rausgehen und Park? Ich will die Eichhörnchen sehen!”

“Bestimmt. Und dann fahren wir mit Johanna nach Berlin. Da gibts Eichhörnchen, so viele du willst!”

“Warum ausgerechnet Berlin?”

“Weil du dort Spezial-Training kriegst. Paul hat schon alles klar gemacht.”

Annika war das egal Hauptsache, sie fährt mit Johanna in ihrem schwarzen Bus weg. Alles besser als diese öde Klinik!

“Mama?”

“Ja, Schatz?”

“Kommt Paul mit?”

“Nein, der muss arbeiten. Und man sagt nicht einfach nur Paul zu Erwachsenen!”

“Ich darf das! Der liebt doch meine Johanna!”

Steffi klappte der Mund auf, Johanna verdrehte nur die Augen. Konnte das wirklich so einfach sein? Paul kam und ging, sie redeten viel aber keiner wagte den ersten Schritt.

Nachdem Steffi und Annika nach Berlin aufbrachen, wurde Johanna klar: Sie kann noch mehr helfen. Warum nicht andere Kinder aus Leipzig, Dresden oder Chemnitz für spezielle Behandlungen begleiteten? Mit dem Bus, ihrem Studio als Basis. Alex, ihr früherer Lehrer, unterstützte die Aktion, und Paul schickte bald die ersten Familien zu ihr.

Kaum ein Kind entschied sich für die Bahn Johannas Bus war bald wie ein zweites Zuhause für die kleinen Patienten. Spielsachen, Kekse, Tablet mit Cartoons alles war da.

Paul bewunderte Johanna für ihre Energie, schwieg aber über seine Gefühle. Auch sie sagte nichts der Schritt blieb aus.

Wer weiß, ob das je geklappt hätte, wenn Annika nach der Reha nicht darauf bestanden hätte, Paul besuchen zu dürfen.

“Warum willst du hin?”

“Ich muss ihm was Wichtiges sagen!”

Paul nahm sich Zeit. Und Annika fragte direkt:

“Warum sagst du Johanna nicht, dass du sie magst?”

“Das ist schwierig, Annika Ich bin kein Typ mit Haus oder Dach überm Kopf Johanna hat alles. Und ich? Ich, äh”

“Und was ist mit Liebe? Reicht das nicht?”

“Manchmal reicht das nicht.”

Das hörte Annika sich gar nicht mehr an, zog Paul zu sich, flüsterte ihm was ins Ohr, ließ ihn schallend lachen und verschwand.

Sie schnappten sich Steffi und fuhren zu Johanna.

“Sie arbeitet, Annika!”

“Na und? Sie freut sich!”

Und tatsächlich, am Abend, als Johanna das Studio abschließen wollte, nahm sie sich ein Herz. Wenn selbst eine Sechsjährige durchblickt, was in ihr vorgeht, darf sie es sich vielleicht selbst eingestehen.

Paul wartete unter der Laterne, trat hervor und sagte ganz leise: Hallo.

Einige Monate später tuschelte die Bank wieder.

“Jetzt hat sie nen Freund! Wer ist das? Kaum angekommen, zieht er gleich ein. Hoffentlich wird sie nicht reingelegt!”

“Sieht eigentlich nett aus”

“Von außen! Wart’s mal ab!”

“Wird Zeit, dass ihr Vater mal hinschaut!”

“Der ist übrigens wieder da.”

“Was? Seit wann?”

“Gesehen vor ein paar Tagen. Da kommt noch was!”

Und dann sahen alle.

Johanna im weißen, atemberaubenden Kleid, das Tattoo am Rücken Sicht, sogar Frau Gruber war beeindruckt.

Paul, der seine Braut liebevoll führte und Annika, die stolz strahlte.

Steffi, die vor Glück weinte und immer wieder an Johannas Schleier zupfte. “Lass mich das sind Freudentränen!”

Eine Gruppe fremder Leute tauchte am Hauseingang auf, umarmte Johanna so herzlich, als wäre sie ihre eigene. Aber niemand fragte, wer sie wohl waren.

Und als Johanna die Schuhe auszog und Turnschuhe verlangte: “Mit diesen Dingern steuert doch niemand!”

Paul bückte sich, band ihr die Schnürsenkel und Steffi zog fürsorglich die Ersatz-Sneaker aus dem Kofferraum.

“Bei denen läuft eben alles anders!”, murmelte die Bank amüsiert.

“Klare Fifi!”

“Ganz genau. Sie bleibt eben unsere Fifi!”

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Homy
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