Tagebucheintrag: Einfache Fahrt
Hört endlich auf, für mich zu entscheiden! So ein Leben will ich nicht! Versteht ihr das denn nicht? Ich brauche das alles nicht! Ich bestimme mein Schicksal selbst! schrie ich, als könnte ich meine Wut nicht länger zurückhalten. Ich, Franziska, war so dermaßen in Rage, dass ich fast fürchtete, mich auf Mama und Papa zu stürzen.
Mein Aufschrei hallte durch unser kleines Fachwerkhaus am Rande von Schorfheide. Draußen regte sich etwas: Die Nachbarn wurden aufmerksam, wie immer, wenn im Dorf etwas passierte. Manche jäteten scheinbar zufällig Unkraut, andere trugen den Müll raus oder standen offen am Holzzaun aber alle Blicke waren wie magisch auf unser Haus gerichtet.
In so einer Gemeinde wird jede Auffälligkeit unweigerlich zum Gesprächsthema, bei einem Streit innerhalb der Familie erst recht.
Also wirklich, was sich die Tochter von Marianne da erlaubt! lästerten die Nachbarinnen halblaut. Gegen ihre Mutter zu schreien, Rechte einfordern so eine undankbare Göre!
Es war eine Mischung aus Neugierde, Empörung und klammheimlicher Freude in ihren Stimmen. Endlich wieder etwas, das man beim abendlichen Tee durchkauen konnte.
Drinnen brodelte es, die Luft war zum Schneiden dick. Mutter Marianne starrte mich an, das Gesicht dunkelrot, und aus Papas Arbeitszimmer drang schon das schwere Stampfen seiner Schritte auch er hatte mein Geschrei gehört und kam, um zu schlichten.
Franziska, hast du deinen Eltern gegenüber denn gar keinen Respekt mehr?! donnerte er, dass die Wände wackelten.
Plötzlich riss ich noch einmal die Stimme hoch, dann folgten Tränen, wie ich sie nur in solchen Momenten vergieße. Worte fielen, laut, roh, für fremde Ohren nicht bestimmt.
Draußen warteten die Nachbarn, versuchten, Fetzen aufzuschnappen. Manche schlichen unauffällig dichter an den Gartenzaun. Aber nach einer Weile wurde es still. Die Leute zogen sich langsam zurück und tauschten dabei halblaute Kommentare aus.
Die hat es jetzt abbekommen, na warts ab, murmelte eine Stimme beim Weggehen.
Nur ein paar unermüdliche Tratschtanten blieben stehen, zum Beispiel Frau Brigitte, die ohnehin jede Gelegenheit nutzte, über andere zu reden.
Die Arme Marianne, so eine Tochter! Wer hätte gedacht, dass zwei Schwestern so verschieden sind. Stefanie, die ältere, ein Goldstück! Arbeitet, hilft im Haus, Steuert Geld bei und Franziska? Immer am Kritisieren, am Meckern, und einen Finger rührt sie nur, wenns nicht anders geht.
Da mischte sich Frau Oberbauer ein; ihre Meinung wollte im Dorf niemand überhören.
Selbst schuld, völlig verzogen das Mädchen. Hat man zu viel durchgehen lassen, jetzt haben sie den Salat. Sollten sie besser früh verheiraten, aber wer nimmt so eine schon? Stefanie dagegen, die haben sie ja schon fast unter der Haube. Toller Schwiegersohn, fehlt nur noch die Volljährigkeit.
Der Dorfklatsch drehte sich weiter im Kreis, die Leute wühlten in Erinnerungen an meine Ausraster, stellten mich Stefanie gegenüber und beklagten die Respektlosigkeit der Jugend. Zufrieden gingen sie schließlich heim.
Nur Eva, die weiter entfernt stand, schaute mit einem anderen Ausdruck auf unser Haus. Kein Vorwurf lag in ihrem Blick, sondern ehrliches Mitgefühl für mich. Sie dachte eher: Wenigstens kämpft Franziska um ihr Recht, ein freies Leben zu führen. Die brave Stefanie, die immer abnickte und schweigend gehorchte, fand sie hingegen nur schwach.
Eva musste an ihre eigene Jugend zurückdenken, an verpasste Träume. Sie wollte auch mal weg, aus Schorfheide raus, ein neues Leben beginnen. Aber der Spott, die Angst vor den Eltern, und die Unsicherheit hielten sie gefangen.
Ich hab mich nie getraut, flüsterte sie, als sie zu ihrer Haustür kam. Und dabei hätte ich auch am liebsten alles hinter mir gelassen. Bleib bei deinen Träumen, Franziska vielleicht schaffst du es.
Im Zwielicht verschwand ihr leiser Zuspruch ungehört, aber er war ehrlich und voller Hoffnung für die, die den Mut aufbrachte, mit allem zu brechen.
***
In meinem winzigen Zimmer, durch dessen Fenster das matte Licht der brandenburgischen Abendsonne fiel, saßen Stefanie und ich. Behutsam stellte sie mir einen Teller dampfender Kartoffeln mit Fleisch auf den Nachttisch. Sie hoffte, ich würde essen, aber ich ignorierte sie und drehte mich weg.
Franziska, warum musst du das immer so weit treiben? fragte sie leise und setzte sich auf mein Bett. Du weißt doch, wie Vater immer reagiert. Musste das wieder sein?
Ich hob langsam den Kopf. In meinen noch nassen Augen loderte Trotz. Meine Haare chaotisch, vom Kissen zerdrückt man sah, dass ich lange verzweifelt dagelegen hatte.
Was bleibt mir? erwiderte ich bitter und stützte mich auf den Ellenbogen. Wenigstens versuche ich, etwas zu ändern! Willst du mein ganzes Leben hier verbringen, im Nichts? Wir leben im 21. Jahrhundert! Frauen können selbst entscheiden, was sie aus ihrem Leben machen! Aber wir haben halt Pech, hier geboren zu sein
Stefanie zog das Laken zwischen den Fingern. Sie wusste genau, was sie wollte und hatte längst einen Plan. Jetzt, als ich so widerspenstig und aufgewühlt war, ließ sie es aber bleiben, davon zu sprechen. Aus Prinzip hätte ich eh alles schlecht gemacht.
Aber musst du gleich das ganze Dorf unterhalten? Sie biss sich auf die Lippe. Ich wollte dir eigentlich von meinen Plänen erzählen, aber so bringt es nichts. Du kehrst doch alles unter, nur um dich aufzuregen. Was willst du denn erreichen? Lächerlich machen willst du dich selbst? Dann mach mal
Wieder blitzte es in mir auf.
Ich will nur nicht so weiterleben! schrie ich fast. Wenigstens kämpfe ich!
Dann geh doch, sagte Stefanie erstaunlich ruhig, wirkte in dem Moment älter als sie war. Was hält dich? Es fährt jeden Tag ein Bus. Steig doch einfach ein und fang ein neues Leben an. Aber hör auf, immer unsere Familie vorzuführen.
Ihre Worte trafen mich wie ein Schock. Ich sackte zurück aufs Bett, ballte die Faust.
Leicht gesagt. Selbst wenn ich das Geld für ein Ticket zusammenkratze was dann? Soll ich am Hauptbahnhof schlafen? Für dich klingt alles so einfach
Stefanie seufzte, fast mitleidig. Vielleicht war es gar keine Naivität, sondern Kalkül?
Willst du wissen, Franziska? Geld kann man verdienen!
Einen Dreck kann ich! blaffte ich. Die Eltern nehmen mir doch sowieso alles ab. Ich bin noch nicht 18. Für dich ist das ja alles super dir fehlt ja nichts!
Schweigen breitete sich aus. Draußen versank der Himmel in sattem Blau-Violett. Stefanie beobachtete mich, meinen sturen Gesichtsausdruck und war wohl enttäuscht. Ich hatte gehofft, sie würde mich verstehen, mir helfen, vielleicht sogar gemeinsam gehen. Aber sie sah nur Hindernisse, nur Gründe, alles schlechtzumachen.
Weißt du, fing Stefanie nach einer Weile an und stand auf, wenn du selbst nicht daran glaubst, dass du was ändern kannst, dann wird es auch nie passieren. Ich wollte helfen, aber du willst nicht mal zuhören.
Sie nahm den Teller und ging zur Tür, blieb aber nochmal stehen.
Denk wenigstens darüber nach. Rumsitzen und Mitleid für sich selbst haben, das ist keine Rebellion. Das ist Selbstmitleid.
Ich vergrub das Gesicht im Kissen und presste es so fest dagegen, als könnte ich alles abschirmen, was mir zu viel war. Meine Schultern zitterten ob vor Wut oder vor Traurigkeit, weiß ich nicht einmal selbst.
Stefanie stand noch kurz da, dann murmelte sie:
Ist ja dein Ding.
Ohne Laut schloss sie die Tür hinter sich. Sie wäre nie so theatralisch, um zu knallen; wozu? Sich wegen mir weiter aufreiben? Sicher nicht. Sie hatte genug eigene Sorgen.
Stefanies Pläne waren konkret. Sie hatte alles durchdacht keinem hatte sie je davon erzählt. Was sich unsere Eltern vorstellten, das hatte nie zu ihrem Bild von Glück gepasst. Ewiges Landleben, Ehe mit dem Sohn vom Bürgermeister, Kinderkriegen, endlose Hausarbeit Bei der bloßen Vorstellung wollte sie laufen.
Sie träumte von einer Großstadt. Laut, spannend, jeden Tag etwas Neues. Eine helle Wohnung mit großen Fenstern, eine Arbeit, die Beste im Bekanntenkreis, Freunde, die sich austauschen und gegenseitig bereichern. Vor allem: nie zurück, nie wieder Land, wo die Zeit scheinbar stillsteht.
Doch der Weg dorthin? Eine Unbekannte. Ein Wort zu viel bei den Eltern Ausbruch. Sie würden wüten, sie notfalls einsperren, ihre Dokumente einziehen. Das wusste sie genau.
Deine Aufgabe ist es, für Familie und Haushalt zu sorgen, hatten sie ihr eingetrichtert. An eine Karriere brauchst du gar nicht zu denken, Mädchen.
Wenn sie zu offen war, würde alles scheitern. Verstellen war ihre Strategie: helfen, lächeln, niemals widersprechen. Irgendwann ließen die Kontrollen nach, der Weg würde sich öffnen.
Tatsächlich wuchs ihr Ansehen in der Familie, sie wurde als Vorbild präsentiert. Aber hinter dem Bild war sie entschlossen, ihr Ding durchzuziehen.
Das Finanzielle plante sie ebenso akribisch: Von jeder kleinen Nebenbeschäftigung, sei es im Gemeindezentrum oder der Bücherei, sparte sie Geld, das sie sorgfältig unter einem losen Dielenbrett versteckte. Keine neuen Schuhe, keine Süßigkeiten; alles, was übrig war, bunkerte sie.
Der Betrag wuchs langsam. Nicht viel, aber genug, um, wenns so weit war, einfach abzuhauen. Sie wusste genau, wie und wohin.
Die letzte Hürde war also, unbemerkt zu verschwinden.
***
Mama, ich muss nach Berlin. Dass meine Wange schmerzte, war diesmal keine Ausrede. Sie war ohnehin von der Anspannung ganz verkrampft. Ich habe furchtbare Zahnschmerzen; kein Zahnarzt im Ort, das ist doch ein Elend!
Mutter, die gerade die Wäsche sortierte, schaute erschrocken auf.
Wer soll dich denn fahren? Papa ist arbeiten, ich stecke mitten in den Hochzeitsvorbereitungen für dich
Sie rang nach einer Lösung. Vielleicht nach Hilfe von Frau Oberbauer, die oft in die Stadt fuhr?
Oh nein, Mama, bitte bemühe niemanden. Die Klinik ist gleich am Bahnhof, fünf Minuten Fußweg. Ich komme da schon klar. Und ich wollte schon lange nach einem Geschenk für meinen Verlobten schauen, jetzt habe ich sogar etwas Geld gespart
Mama schwankte, musterte meine Miene. Dann gab sie schließlich nach:
Gut, aber du bist zur Abendbrotzeit zurück. Ruf an, damit ich mir keine Sorgen machen muss.
Innerlich hätte ich jubeln können, aber ich ließ mir nichts anmerken.
Natürlich, Mama. Die Berliner Luft macht sowieso Kopfschmerzen
Ich brauche aber meinen Ausweis. Ohne nehme ich die doch gar nicht dran!
Mutter überlegte nicht lang, gab mir das Dokument. Meine Finger zitterten, als ich es verstauen wollte.
Eine halbe Stunde später war ich an der Bushaltestelle. Der Wind spielte mit meinen Haaren, aber ich fror nicht. Die kleine Tasche drückte ich eng an mich; nur das Nötigste war drin. So würde bei einer etwaigen Kontrolle durch Mama niemand Verdächtiges finden.
Pünktlich kam der Bus. Ich löste eine Fahrkarte für zwölf Euro und setzte mich ans Fenster. Mein Herz pochte wie verrückt. Während das Dorf langsam im Rückspiegel verschwand, war ich gleichzeitig ängstlich und euphorisch.
In Berlin angekommen, verlor ich keine Zeit. Ich fuhr sofort zum Hauptbahnhof, mir gaben die Knie nach, aber ich zog mein Ding durch. Am Schalter kaufte ich ein Ticket wohin, war fast egal. Hauptsache, weg.
Im Zug atmete ich endlich tief aus. Mein Rucksack auf dem Schoß, die Augen zu. Immer wieder raste die Angst auf: Ruft Mama bei Bekannten an? Sucht Papa nach mir?
Als der Zug an einer kleinen Stadt hielt, stieg ich spontan aus bereits bevor ich mein eigentliches Ziel erreicht hatte. Lieber Risiko, als von den Eltern aufgespürt zu werden.
Erst als ich zum zweiten Mal ein Ticket löste, diesmal wirklich nach Hannover, spürte ich, wie die Aufregung sich in Zuversicht verwandelte. Hannover war mein geheimer Plan: groß, weit genug weg und mit guter Uni. Was sollte ich mehr wollen?
***
Der erste Atemzug Großstadtluft er war gar nicht so muffig, wie ich immer behauptet hatte. Vor mir lag alles Ungewisse, aber ich wusste: Endlich war es mein Leben.
Traum oder Wirklichkeit? Nach zwei Jahren hielt ich nun meinen Studentenausweis der Medizinischen Hochschule Hannover in der Hand. Ich hatte es geschafft.
Der Weg war steinig. Die Schule auf dem Land gab einfach nicht viel her. Ich holte alles nach; Chemie, Bio, nachts, morgens, zwischendurch an der Kasse beim Bäcker. Nebenher arbeitete ich als Reinigungskraft in einer Klinik wenig glamourös, aber die Miete musste bezahlt werden.
Zufällig fand ich ein Zimmer bei Frau Behrendt, einer Rentnerin, die mir für wenig Geld ein kleines Zimmer vermietete, nachdem sie erfahren hatte, dass ich Medizin studierte. Du bist fast wie eine Enkelin, meinte sie. Und so bekam ich einen sicheren Hafen.
Meine Eltern suchten mich anfänglich hartnäckig, sogar über die Polizei. Aber ich war volljährig. Nach einem kurzen Gespräch mit der Polizei war klar: Niemand durfte mich zwingen, heimzukommen. Den Kontakt brach ich ab.
Als Stefanie von meiner Flucht erfuhr, war sie außer sich. Hast du gesehen? Die Angepasste hat es uns allen gezeigt! Und hat nicht mal mich mitgenommen, schimpfte sie bei ihren Freundinnen.
Ab und zu hörte ich noch vom Dorf, durch Freunde oder Facebook. Es war keine Schadenfreude, eher ein melancholisches Gefühl. Ich wollte niemanden verletzen, aber zurück das ging nicht mehr. Das war vorbei. Jetzt zählte: Mein Studium, mein Traum.
Am Abend, allein im kleinen Zimmer, schlug ich meine Lehrbücher auf, lernte und stellte mir vor, wie ich bald als Ärztin kleinen Kindern helfen würde. Die Müdigkeit wich, wenn ich daran dachte, wie jemand durch meine Hilfe wieder lächeln könnte.
All die Mühe war es wert und ich wusste: Ich bin auf dem richtigen Weg. Es wird noch lange dauern, aber dieser Traum gehört wirklich mir.





