Der Punkt ohne Wiederkehr

Point of No Return

Marie, wohin willst du denn? Thomas stand im Vorraum des Waggons und hielt die Abteiltür auf. Seine Stimme war weich, beinahe sanft. Genau diese Sanftheit hatte Marie Schiller in zwanzig Jahren mehr fürchten gelernt als laute Worte.

Aufs Klo, Thomas, sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Mit Tasche aufs Klo?

Sie blieb stehen. Der Zug schaukelte, die Räder ratterten monoton über die Schienenstöße, draußen huschte dunkler Tannenwald vorbei, so gleichgültig wie eine Steuererklärung im März.

Ja, mit Tasche, antwortete Marie und ging weiter.

Marie! Nun kam diese eigentümliche Nuance in seine Stimme, die sie immer “Python-Ton” nannte. Kein Ärger, das wäre zu einfach. Nein, viel schlimmer: gelassene Gewissheit, dass sie sowieso zurückkommt, sowieso hört. Mutter wartet. Wir fahren zu ihr, erinnerst du dich?

Ich erinner’ mich, Thomas.

Am Ende des Waggons verschanzte sie sich in der engen Toilette, lehnte den Rücken gegen die eiskalte Tür und blieb erst mal stehen. Der Zug von Trier nach Lübeck war schon vier Stunden unterwegs. Durch das kleine, schmale Fenster draußen wurde es Januar-dunkel.

In ihrer Tasche lag alles, was sie aus der Wohnung mitnahm: Personalausweis, Arbeitsbescheinigung, das alte Elternfoto, ein kleiner Umschlag mit Euro-Scheinen, die sie in den letzten Monaten mühsam zusammengespart und zwischen die Winterstiefel und die nie getragenen High Heels gestopft hatte. Thomas wühlte nie bei den Winterstiefeln. Er wühlte überhaupt selten, wozu auch es gab ja Marie.

Sie nahm ihr Handy heraus, ein alter Tornado mit Sprung im Display, musterte es, öffnete dann den Deckel und zog die SIM-Karte heraus. Winziger goldener Keks. Zwanzig Jahre Anrufen, SMS, Sprachnachrichten von Thomas und Frau Gerlinde. Marie, bring Quark mit. Marie, warum gehst du nicht ran? Marie, du weißt doch, ohne uns gehst du unter.

Sie zerbrach die Karte in zwei Stücke. Dann noch mal. Dann landeten die Teile im Mülleimer unter dem Waschbecken.

Ihre Hände zitterten leicht. Das kam ihr seltsam vor, denn innerlich war da: nichts. Nur Stille.

Marie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und schaute ins Spiegelbild. Achtundvierzig. Dunkle Haare mit ersten grauen Strähnen an den Schläfen. Die färbt sie schon lange nicht mehr, weil Gerlinde sagt: Wozu, jünger wirst du eh nicht. Graue Augen, mundwinkel leicht nach unten. Das Gesicht einer Frau, die sich wegmüde gearbeitet hat.

Zurück im Gang lief sie am Abteil vorbei, hielt nicht an, wechselte in den nächsten Wagen.

Am Fenster war ein Platz frei. Sie setzte sich, legte die Tasche auf den Schoß und starrte in die Nacht hinaus.

Zwanzig Minuten später ging Thomas den Gang entlang, den Blick aufs Klo, nicht in ihre Richtung. Marie zog sich diskret hinter die Rückenlehne. Er bemerkte sie nicht. Kam wieder zurück. Sein Gesicht: typischer Ausdruck, wenn etwas nicht nach Thomas Masterplan lief.

Sie betrachtete seinen Rücken und fragte sich, ob sie ihn in zwanzig Jahren je wirklich verstanden hatte: Wollte er sie? Oder war sie einfach so praktisch. Buchhalterin in einer Baufirma, brav kochend, waschend, Geld ranschaffend, still wenns verlangt war, ja-sagend bei Bedarf. Lebensgefährtin. Ist ein modernes Wort, klingt fast so schön wie eine Eigentumswohnung, bedeutet aber eigentlich: Rechte null, Pflichten viele.

Frau Gerlinde gehörte vom ersten Tag an zur Ausstattung: Fünfundsiebzig, scharfer Blick und die leise Stimme, die jedes Wort wie aus Porzellan verdenkt. Marie, schon wieder zu viel Salz. Marie, Thomas sagt, du hast Überstunden. Marie, du hast keine Kinder, die Familie muss für dich alles sein.

Marie war nie grob. Eigentlich antwortete sie selten.

Der Zug näherte sich Lübeck. Marie schaute in die Fensterscheibe und dachte: Sie kennt keinen Menschen in dieser Stadt, war nie dort, weiß nur: Dort gibts Meer. Kalt. Winterlich. Ostsee.

Das reicht.

Am Bahnsteig stand sie als eine der Ersten draußen im Wind, die Tasche fest umklammert, ohne sich umzudrehen. Der Frost zwickte in die Wangen. Es roch nach Fisch, Diesel und irgendwas anderem salzig und schneidend. Sie sog den Geruch tief ein und entschied: Sie könnte ihn mögen.

Im Bahnhof entdeckte sie an der Tafel ganz altmodisch Zettel: Wohnung gesucht, dringend, günstig. Mehrere Telefonnummern. Sie schrieb sich zwei in ihr Notizbuch, holte sich im Stehcafé bei einer resoluten Dame ein Glas Tee und eine heiße Kohlpastete, lehnte sich an die Wand beim Essen und merkte: ihr wurde wärmer.

Der erste Anruf: nichts. Nur Monatsmiete, drei Monatskaution. Zweiter Versuch, besser. Alte Männerstimme, leicht krächzend.

Mansarde, sagen Sie? wiederholte sie. Und Zentral?

Ach, Lübeck Alles ist zehn Minuten, lachte die Stimme. Fünfzehn zu Fuß von der Trave. Klein, aber warm. Der Ofen hält, ich selbst seh nach.

Ich könnte noch heute kommen?

Kommen Sie. Ich bin da.

Der Vermieter hieß Herr Baumann, aber er sagte gleich: Sagen Sie Opa Kurt. Klein, kräftig, schneeweißes Haar, Gesicht eines Mannes, der längst weiß: Über Kleinkram lohnt sich Ärger nicht. Siebenundsechzig, wie er später beim Tee in der Küche erzählte. Fragte, woher, wie lange und überhaupt.

Eher lange, sagte Marie.

Er nickte, keine Nachfragen.

Arbeit?

Noch nicht. Muss erst suchen.

Ich bin Bäcker, sagte er einfach. Kleine Backstube, seit zwanzig Jahren. Warmes Brot. Nicht kreativ, aber wahr. Eine Helferin wäre praktisch. Sie müssten früh raus, vier Uhr dreißig. Viel zahlen kann ich nicht, aber Miete lässt sich verrechnen. Können Sie zupacken?

Marie schaute auf ihre Hände. Zwanzig Jahre Buchhaltung, aber davor half sie der Mutter am Herd, Nudelteig, Apfelstrudel, Gewürzgurken eingelegt. Die Hände verlernten das nie ganz.

Ich kann, sagte sie.

Die Mansarde war genau wie beschrieben: Klein, schnuckelig, Schrägdach, ein rundes Straßenfenster, ein schmales zum Hof. Ein knarzender Holzfußboden, bunter Flickenteppich. Eisenbett mit dicker Steppdecke. Ein Regal, drei Bücher, die sie am ersten Abend nicht näher betrachtete. Ein winziger Tisch am Fenster.

Sie setzte ihre Tasche aufs Bett, hockte erst mal da und starrte durch das runde Fenster in die dunkle Straße.

Kein Anruf. Klar die SIM-Karte gondelte im Mülleimer zwischen Trier und Lübeck unbekannterweise ins Nirgendwo.

Die ruhigste Stille seit zwanzig Jahren.

Der erste Arbeitstag begann um halb vier Uhr morgens. Opa Kurt klopfte sachlich an, nicht wie Thomas, der das mit Empörung, Vorwurf, stehst du heute gar nicht mehr auf-Ton verband. Nur Klopfen und fertig.

Die Backstube lag im Anbau, klein, aber praktisch, zwei Öfen, langer Tisch, ein Geruch, der sich schwer beschreiben ließ: Hefe, Vanille, Zimt, irgendetwas Warmes, Lebensnahes.

Also, sagte Opa Kurt und band sich die Schürze um. Ich knete vor, Sie schauen zu. Dann formen wir zusammen. Achten Sie, ich mag Wiederholungen nicht. Nicht aus Boshaftigkeit, aber wer zu oft erklären muss, lässt den anderen nervös werden.

Sie beobachtete genau, machte später mit. Die Hände taten, was sie sollten, aus reiner Erinnerung.

Um sechs dampften die ersten Brote. Opa Kurt riss eines durch und streckte ihr die Hälfte hin.

Los, essen! sagte er. Frisches Brot mit Butter, das ist das Eigentliche am Morgen.

Sie biss sich die Zunge am heißen Brot, dachte aber: So unbeschwert etwas Warmes essen wie jetzt das hatte sie schon ewig nicht mehr. Vielleicht zuletzt als Kind. Vielleicht nie.

Opa Kurt war nicht wortkarg, aber sparsam mit Worten. Er sagte, was wichtig war, und schwieg, wenn nicht. Auch das war neu. Thomas mochte keine Stille; Stille lässt Platz für Gedanken.

In der ersten Woche lernte Marie, wie man Roggensauerteig anrührt, Mohnbrötchen formt, Cremeschnecken rollt. Abends schmerzten die Hände, der Rücken muckte. Aber die Müdigkeit fühlte sich ehrlich an nicht wie früher, als alles ausgesaugt und leer war.

Abends saß sie oft am Fenster, schaute auf die Straße. Winter in Lübeck: feucht, windig, oft Schneeregen, Laternen spiegelten sich rötlich in Pfützen. Sie kaufte eine neue Prepaidkarte, rief ihre Schwester in Hamburg an. Kurz: Sie ist weg, alles okay, bitte niemandem weiter sagen. Die Schwester seufzte, dann: Wurde Zeit. Keine weiteren Fragen.

Den ersten Peter sah sie im Zur Möwe. Ein kleines Café an der Trave, ihr Stammplatz für Kaffee nach der Frühschicht. Er saß am Fenster, mit einer Tasse Tee und zerlesenem Buch. Nichts Aufregendes an ihm über fünfzig, dunkles, leicht ergrautes Haar, kräftige Hände. Er machte kein Theater draus, einfach: Jemand der liest.

Nach drei Tagen lernten sie sich kennen. Sie fragte, ob sie sich setzen dürfe, der Tisch war sonst frei. Er lächelte natürlich, räumte die Jacke weg.

Sie sind nicht von hier, oder? fragte er nach zehn Minuten.

Nein, kam gerade erst.

Nach Lübeck verirrt man sich nicht absichtlich, stellte er fest, nicht wertend.

Mich hat’s verirrt, stimmte Marie zu.

Er lachte leise. Kein Vorführen.

Peter, stellte er sich vor.

Marie.

Schöner Name. Selten heutzutage.

Altmodisch, korrigierte sie.

Und weiter?

Er war Restaurator, holte alte Möbel aus Dachböden. Reparierte, frischte auf, restaurierte, was wieder Leben verdient. Seine Werkstatt lag am Stadtrand in einem alten Steinhaus.

Interessanter Job, meinte Marie.

Geduldssache, erwiderte er. Hetzt man, bricht das Kaputte. Muss man langsam machen.

Das galt wohl auch für Menschen, dachte sie. Aber sie sagte nichts. Noch nicht gewohnt, vieles auszusprechen.

Sie trafen sich häufiger, immer zufällig beim Möwe-Café. Einmal kaufte Opa Kurt Brot, Peter tauchte auf und er sagte: Schau, das ist Marie Schiller, meine neue Hilfe. Peter nickte: Wir kennen uns schon.

Opa Kurt sah von einem zum anderen, fragte aber nicht weiter. Er gab das Wechselgeld raus, fertig.

Im Februar wurde es weniger eisig. Nicht warm, aber das Gesicht fror draußen nicht sofort ein. Marie kaufte sich Gummistiefel in einem Laden an der Fischstraße, spazierte ab da jeden Tag nach der Schicht ans Wasser. Die Ostsee im Winter: kein touristischer Anblick. Grau, ruppig, Schaumkronen, bissiger Wind. Sie stand am Ufer, starrte ins Grau und fühlte: Genau das braucht sie. Keine Idylle. Keine sanfte Bucht. Was Ehrliches.

Manchmal dachte sie an Thomas. Nicht wehmütig; eher so, wie man an einen Nachtbus denkt, der eh nie kam, und den es längst nicht mehr gibt. Kein Verlust, bloß Zeitverschwendung.

Sie erinnerte sich an den Anfang. Achtundzwanzig war sie. Er schien solide, gelassen, sagte immer die richtigen Dinge wie: Du bist klug, Du verstehst alles, Du bist anders als andere. Damals glaubte sie das. Heute weiß sie, es ist meistens Schmu.

Gerlinde tauchte einen Monat nach dem ersten Kuss auf und blieb. Thomas fand das völlig normal. Er sah dort nie Probleme, wo Marie sie sah. Du übertreibst. Mutter sorgt sich eben. Du bist zu empfindlich.

Nach einem Jahr merkte sie: Das ist nicht ihr Zuhause. Nicht weil die Wohnung auf Thomas lief sondern weil Gerlinde dort die Regeln schrieb und Thomas Richter spielte, immer mit denselben Sprüchen.

Sie blieb, weil sie nicht wusste, wohin. Hatte kein Eigenes. Immer, wenn sie es probierte, wurde irgendwer krank er oder die Mutter oder es war wieder irgendwas auf Arbeit. Oder Thomas sagte: Ohne ihn schaffe sie’s nicht, das gewöhnliche Lied vom Abhängigkeits-Blues. Am Ende glaubt man so etwas, nicht weil man dumm ist, sondern weil es lange genug und überzeugend wiederholt wird.

Psychologisch gesehen ganz einfach und trotzdem gemein schwer. Jahre an leiser Erniedrigung, Tröpfchenweise, nie mit Drama, immer mit Fürsorge, immer mit diesem Ich weiß doch besser, was dir guttut.

Einmal entdeckte sie in der Mansarde einen alten Gedichtband unter den Regalen. Zerlesen, ohne Umschlag. Sie überflog ihn abends, eine Zeile blieb hängen: Ich hielt dich für einen Leuchtturm. Du warst nur Nebel. Von wem? Keine Ahnung. Sie schrieb die Zeile ins neue Notizbuch, das sie in Lübeck anlegte.

Sie schrieb jetzt überhaupt mehr: Rezepte von Opa Kurt, Lieblingssätze, kleine Beobachtungen (Heute war das Meer fast grün. Möwe mit orangem Müll im Schnabel). Früher schrieb sie nie Notizen, weil Thomas einmal ein altes Tagebuch fand, alles las, danach ruhig und verständnisvoll erklärte, Marie denke zu viel Unsinn.

Ab da ließ sie das Schreiben.

Jetzt wieder nicht.

Im März brachte Opa Kurt ihr Plunderteig bei. Geduld, keine Gewalt. Immer wieder falten, Pausen lassen.

Sehen Sie? Hier nicht drücken. Der Teig geht selbst. Zwingen bringt nichts.

Nichts zwingen, wiederholte Marie.

Genau. Guter Teig will freiwillig.

Da musste sie lachen. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten echt, komplett anlasslos.

Opa Kurt schaute zufrieden.

Jetzt sehe ich wieder Marie, sagte er.

Was meinen Sie?

Na, die Frau, die Sie vor allem dem waren.

Sie fragte nicht nach. Er erklärte nichts. Er war zurück am Teig.

Mitte März traf sie Peter auf dem Markt. Er stöberte an einem Stand voller alter Werkzeuge. Sie kaufte Fisch, kam rückwärts beim Gang um eine Ecke: fast frontal zusammen.

Oh, sagte er. Wie lange schon nicht gesehen?

Drei Wochen, schätz’ ich, sagte sie.

Ihr Fisch tropft.

Sie guckte tatsächlich, Netz undicht. Sie lachte. Er auch.

Lust auf Kaffee? Da um die Ecke. Zur Möwe platzt heute aus allen Nähten.

Sie saßen im namenlosen Café (auf dem Schild stand nur Kaffee und Kuchen mit Filzstift), redeten über Märkte, das Wetter, seine Heimatstadt.

Aus Kassel stamme ich, sagte Peter. Kam vor zehn Jahren her, wollte nur ein Jahr bleiben. Bin geblieben.

Warum?

Er überlegte.

Das Meer, klar. Und die Leute hier sind unprätentiös. Nicht simpel, aber machen aus schlechtem Wetter keine gute Laune.

Mag ich auch, sagte Marie.

Sie erzählte nie von Trier. Von Thomas. Von zwanzig Jahren. Peter fragte auch nicht. Thomas wollte immer alles wissen, Kontrolle getarnt als Zuwendung.

Anfang April passierte das, wovor sie Angst gehabt, und sich doch vorbereitet hatte.

Sie kam gerade vom Strand zurück. Da stand jemand vor ihrem Haus. Rücken zu ihr, graue Jacke, Handy in der Hand. Die Art, wie er da stand, der Nacken einstudiert.

Sie blieb abrupt stehen.

Er drehte sich um.

Marie, sagte Thomas.

Sein Ton: müde, leicht gekränkt klassisch, wenn der Plan wankt, aber er’s nicht eingestehen will.

Wie hast du mich gefunden, sagte sie. Kein echtes Fragezeichen.

Das ist egal. Er ging auf sie zu. Du bist einfach… weg. Weg! Mutter schläft nicht mehr richtig.

Ich bin weg, Thomas.

Aber warum? Wohin? Spinnst du? Wir haben doch unser Leben.

Ihr habt es, sagte sie ruhig. Ich ein anderes.

Er beäugte das Haus, die Straße, ihre Stiefel mit Ostseesand.

Hier? In diesem Kaff? Du backst Brötchen, Marie. Du bist Bilanzbuchhalterin!

Ich mag die Bäckerei.

Das ist doch nichts Festes! Noch ein Schritt näher. Komm, wir fahren heim. Wir reden, klären das. Du bist einfach überarbeitet.

Nein.

Die Antwort kam kurz und fest. Sie erschrak fast über sich selbst.

Marie, versteh doch. Ich hab noch deine Unterlagen. Einiges von der Arbeit. Du hast ja blind unterschrieben, erinnerst du dich? Das kann noch Ärger geben.

Da war er: Der wahre Thomas unterm weichen Ton. Früher hätte sie das nervös gemacht, sie hätte sich entschuldigt, rechtfertigend, einen Schritt zurück, dann noch einen.

Welche Unterlagen, Thomas? fragte sie ruhig. Die Lieferscheine aus Dezember? Die habe ich rechtlich als Angestellte unterschrieben, alles mit Vollmacht. Wenn es da Fragen gibt, dann ans Unternehmen. Nicht an mich. Das ist getrennt.

Er schwieg kurz.

Jetzt bist du klug geworden, warf er ihr hin, als wäre es ein Vergehen.

War ich immer. Du hast es nur nicht gesehen.

Die Gartentür quietschte. Sie erkannte an der Stimme: Peter.

Frau Schiller, sagte er ruhig, Opa Kurt fragt, ob Sie heute Nachmittag Zeit finden? Wir haben eine Bestellung.

Er trat dazu. Stand nicht trennend, aber so, dass seine Anwesenheit deutlich war.

Thomas musterte ihn.

Und Sie sind?

Peter. Ich wohne in der Nähe.

Aha. Thomas sieht wieder zu Marie. Marie, es ist ernst. Mutter macht sich wirkliche Sorgen.

Marie seufzte. Sie wusste, wie sich Gerlinde sorgte. Wie ein Waschbecken auf dem Fuß.

Sie hat doch dich, sagte sie ruhig.

Marie.

Ich muss jetzt, Thomas.

Warte, er fasste ihren Ärmel. Nicht brutal, einfach fest.

Lassen Sie sie los, bitte. Peter, leise, ohne Drohung.

Thomas starrte ihn an. Sekunden zogen dahin.

Wer sind Sie überhaupt?

Einer, der danebensteht, sagte Peter kein bisschen freundlich, aber neutral. Das reicht.

Thomas ließ los. Schaute Marie an. Da war etwas in seinem Blick, das sie nie kannte oder nie hatte sehen wollen: Unsicherheit. Denn der Ablauf, wie er ihn präsentierte, zog nicht mehr.

Du wirsts bereuen, sagte er, sehr leise.

Vielleicht, sagte sie. Das ist aber jetzt mein Problem.

Sie ging am ihm vorbei in den Hof. Nicht hastig, nicht zögernd.

Durchs Mansardenfenster sah sie zehn Minuten später Thomas zum Bus laufen. Rücken gerade, Schultern verkrampft. Früher hätten so ein Gespräch sie tagelang gekostet: Tränen, Schlaflosigkeit, Selbstzweifel. Jetzt nur: Müdigkeit, Erleichterung.

Peter klingelte eine halbe Stunde später.

Kommen Sie rein, sagte sie.

Er kam, sah sich um, wie einer, der Alltägliches nur abhakt. Setzte sich auf den Stuhl am Tisch.

Alles in Ordnung?

Soweit. Danke.

Hab nichts Großes getan.

Sie waren einfach da. Das war schon einiges.

Er schwieg.

Kommt er nochmal?

Kaum. Thomas mag keine Szenen ohne Kontrolle. Wenn das Resultat nicht sein Ding ist, sucht er sich was Neues. Mutter hilft sicher bei der Kandidatinnenwahl.

Zynisch.

Realistisch. Sie lächelte. Tee?

Gern.

Sie tranken Tee. Draußen schwankten Birkenzweige, vermutlich schon vierzig Jahre da verwurzelt. Marie mochte, wie Peter schweigen konnte: ohne Scham, ohne Zwang, beruhigend.

Sie sind aus Trier? fragte Peter plötzlich.

Sie war überrascht.

Opa Kurt hat es mal verraten versehentlich, sagte er. Sie müssen nicht antworten.

Drei Monate. Im Januar kam ich.

Kein Umzugsmonatsmonat.

Aber genau richtig. Winter ist ehrlich. Täuscht keine Wärme vor, wenn’s kalt ist.

Er nickte, als sei das einleuchtend.

Bereuen Sie es?

Sie überlegte.

Dass ich es nicht früher gemacht habe. Aber Vergangenheit… muss ich nicht endlos wälzen.

Ein bisschen schon, sagte er sanft. Wie Möbel restaurieren: behutsam. Nicht brechen, was hält.

Berufsgefahr?

Er lachte herzlich.

Opa Kurt am nächsten Morgen in der Backstube, als wüsste er ohnehin alles.

Für die morgigen Brötchen steht der Teig im Kühlschrank, meldete er. Gehts Ihnen?

Ja. Danke.

Fein. Er griff nach den Backformen. Peter meinte gestern, alles ist gut.

Hat er angerufen?

Kam vorbei. Er ist der Typ so.

Marie schwieg, knetete Teig.

Im April war Lübeck anders: Längere Tage, Ostsee in Frühschattierungen, erste Touristen, die die Einheimischen halb frotzelnd Frühlingsvögel nennen.

Marie fing abends nebenher zu Hause an zu backen. Ein Apfelkuchen nach Mutters Verzeichnis. Anfangs steinhart. Zweites Mal besser. Drittes Mal fast richtig.

Sie brachte Opa Kurt ein Stück.

Gut, sagte er nachdenklich. Beim nächsten Mal mehr Zimt, weniger Zucker. Äpfel geben Süße.

Rezept von Mama.

Mütter irren selten Aber Zimt schadet nie.

Mit Zimt wars perfekt.

Ende April kam Peter nicht zum Brot, sondern einfach so in die Bäckerei.

Frau Schiller, hätten Sie Lust, mal die Werkstatt zu sehen? Steht grad ein interessanter Buffetschrank, angeblich aus der Kaiserzeit.

Sehr gern, sagte sie.

Samstag gingen sie quer durch Lübeck, Opa Kurt gab frei. Die Werkstatt: niedriger Backsteinbau, schwere Eichentür. Drinnen: Holz, Lack, ein bisschen Chemie. Überall Möbel in Flickarbeit, Stühle ohne Lehne, Sofas halbfertig, ein Kommodengehäuse.

Der Buffetschrank in der Ecke, massiv, dunkler, mit abgebrochenem Schnitzwerk. Der Lack abgewetzt bis aufs blanke Holz.

Was sagen Sie? fragte Peter. Können Sie sich vorstellen, wie der mal aussah?

Sie konnte. Gutes Holz merkt man, dachte sie und auch aus Genickbruch wird Charakter.

Wie lang dauert das?

Drei Monate, wenn mans ordentlich macht. Eiche. Was Festes. Wird nie ganz neu, aber authentisch.

Fast neu?

Eher echt.

Sie nickte. Strich den Buffetrand entlang, das Holz fühlte sich trotz Werkstattkühle warm an.

Sie gingen zurück ins Zur Möwe. Er erzählte von Möbeln der letzten Jahre. Ohne Pathos, schnörkellos. Sie hörte gern zu; man spürt, wenn jemand liebt, was er tut.

Mochten Sie Buchhaltung? fragte er dann.

Sie war baff. Das hatte nie wer gefragt.

Ich konnte es gut. Aber mögen eher nicht. Es war das, was ich kannte. Das ist nicht dasselbe.

Stimmt, sagte er.

Und jetzt… Ich steh um vier auf und denke nicht, dass es früh ist. Ich stehe einfach.

Das ists, bestimmt, meinte er.

Das?

Wenn man tut, was einen so einnimmt, dass Zeit nicht wichtig ist.

Sie schaute auf die sich verdunkelnde See und dachte: Ja. Vielleicht. Noch kein Name, muss auch nicht.

Im Mai fuhr sie für ein paar Tage zu ihrer Schwester nach Hamburg. Erste Reise nach drei Monaten. Gisela, fünf Jahre jünger, mit Mann und zwei Kindern, holte sie vom Bahnhof ab, drückte sie so lang, dass Marie fast schimpfte.

Du hast abgenommen, sagte Gisela.

Backe, koche, trage. Gibt Muskeln.

Siehst jünger aus.

Red keinen Unsinn.

Schon wahr. Die Augen… da ist Leben.

Was meinst du?

Frisch einfach, sagte Gisela.

Marie dachte später im Zug zurück darüber nach. Lebendige Augen. Früher waren sie wohl leer. Wann hatte sich das geändert? Vermutlich schleichend. Wie wenn bei einer Karaffe das Wasser still und leise ausläuft. Und nun füllt es sich langsam wieder. Tropfen für Tropfen.

Im Juni ließ Thomas sich nicht mehr blicken. Sie wartete nicht, aber manchmal erschrak sie noch bei einer ähnlichen Männerjacke. Das verging rasch der Körper merkt sich länger als der Kopf.

Opa Kurt baute das Sortiment aus. Honigringe, Original, und Fischpasteten nach seinem Spezialrezept. Marie machte mittlerweile nicht nur Teig, sondern auch Kasse und Ablauf ihre Rechenkünste kamen zupass, diesmal aber freiwillig, nicht aufgedrückt.

Wissen Sie, dass Sie unersetzlich sind? sagte Opa Kurt einmal beim Quartalsabschluss.

Niemand ist unersetzlich.

Sagt die Theorie. Praktisch hatte ich noch nie so ne Alleskönnerin: Zahlen und Teig.

Das Leben ist vielseitig, erwiderte sie.

Eben, grinste er.

Peter schaute regelmäßig herein; manchmal gingen sie nach Ladenschluss einfach raus aufs Wasser. Nicht ausgemacht es ergab sich. Sie erzählte von Rezepten, die missraten, er von Möbeln, die nicht wollten. Oder sie schwiegen beim Spazieren, jeder im eigenen Trott. Es störte nicht. Sein Schweigen war keine Last.

Einmal, im Juli, fragte sie:

Peter, waren Sie mal verheiratet?

Er schwieg, blickte aufs Meer.

Ja. Ist lange her. Zwölf Jahre geschieden. Wir waren einfach zu verschieden. Immer noch Kontakt, sie lebt in München. Ich gönn ihr ihr Glück.

Schön, wenns so läuft.

Und Sie?

Nie standesamtlich, aber zwanzig Jahre so.

Zum ersten Mal spricht sie das aus sachlich, keine Details.

Respekt. Zwanzig Jahre.

Sie redeten an dem Tag nicht weiter drüber.

Der August war herrlich in Lübeck. Nie zu heiß, nie zu frostig. Die See fast warm genug für Schwimmen. Marie wagte Ende Juli den Sprung, direkt am Steg, knappes Ufer, das Wasser so klar, dass sie lachte vor Kälte und Leben.

Opa Kurt sahs: Notierte es nicht. Aber nachher, als sie zurückkam, tropfend die Haare auswrang, sagte er:

Die See heilt, langsam, bedingungslos. Sie verspricht keinem was.

Genau darum ist sie gut, entgegnete sie.

Im August wurde ihr Apfelkuchen mit Zimt zum Verkaufsschlager. Sie buk ihn sonntags, Opa Kurt sagte: Noch nie ging ein Kuchen so schnell weg. Sie war fast kindlich stolz.

An einem Augustsonntag lud sie Peter zum ersten Mal ein. Er brachte ein Paket: Ein alter, frisch restaurierter Fotorahmen, Eichenholz, fein gearbeitet.

Kann man immer brauchen.

Danke. Kommt aufs Regal. Ich druck ein Bild vom Meer rein im März, da wars noch grau. Das hat mir gefallen.

Grau?

Ehrlich.

Er nickte.

Sie saßen am Tisch, der Kuchen dampfte, draußen grünten die Bäume im Wind. Marie schenkte Tee ein, Apfel und Zimt dufteten mit dem Holzgeruch der neuen Rahmen.

Peter, sagte sie, Sie fühlen sich hier nicht eingeengt?

Er sah sich um.

Nein. Genau mein Format. Manche brauchen viel Platz zum Atmen. Manche wenig aber genau den richtigen.

Sie wusste, dass er von mehr sprach als vom Zimmer.

Früher dachte ich, ich bräuchte viel: große Wohnung, feste Regeln, sicheres Leben. Dann merkte ich: Ich brauch nur das hier. Und Arbeit, die nach Brot riecht.

Das ist viel, sagte Peter.

Nicht jeder merkt das rechtzeitig.

Sie schnitt Kuchen, er probierte.

Opa Kurt hat recht: Mit Zimt immer besser.

Opa Kurt ist ein Fuchs.

Sie schwiegen eine Weile. Draußen rauschte es vielleicht ein Ast, vielleicht ein Vogel. Die Ostsee war heute wohl blau; sie sah sie nicht, aber roch die salzige Brise durchs geöffnete Fenster.

Frau Schiller, fragte Peter, darf ich manchmal einfach so vorbei kommen? Ohne Anlass?

Sie blickte ihn an. Er erwartete nichts, fragte einfach.

Natürlich.

Schön.

Er nahm noch ein Stück Kuchen. Sie füllte Tee nach.

Ich hatte Angst, sagte sie plötzlich. Meinte Thomas, den April, das Gespräch am Gartentor.

Er fragte nicht nach Einzelheiten.

Und jetzt?

Sie blickte hinaus. Die Birke schwankte. In der Ferne tutete ein Dampfer, auf dem Weg aufs offene Meer.

Jetzt… weiß ich nicht. Aber der Kuchen ist gelungen.

Er sagte nichts. Nur ein Nicken.

So saßen sie da, in der Stille under dem Dach, mit heißem Tee und Apfel-Zimt-Kuchen, das Meer irgendwo hinter Dächern, Birken und Straßen kalt und echt, nicht verheißungsvoll, aber immer noch da.

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Homy
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Der Punkt ohne Wiederkehr
Die Mutter schützt den zarten Spross mit ihren Zweigen