Die Mutter schützt den zarten Spross mit ihren Zweigen

Tagebuch, 26. April, Mittwoch

Manchmal hält das Leben Überraschungen bereit, die man nicht fassen kann. Es war kurz nach dem Unterricht, als die Nachricht wie ein Lauffeuer durch unsere kleine bayerische Dorfschule ging: He, habt ihr schon gehört? Lena ist schwanger! Ich hatte es fast geahnt, als die Ärztin heute kam und alle Klassen reihum untersuchte, erst die Jungs, dann wir Mädchen.

Direkt hinter der Tür zum Untersuchungsraum prahlte Mirjam Schlagbaum mit der Neuigkeit, während ihre Freundin Silke, noch mit dem Kleid halb über dem Kopf, daneben stand und vor lauter Überraschung die Lippen biss.

So duftete das ganze Schulhaus im Nu nach Getuschel, und nur ein paar Stunden später hatte unser ganzes Dorf Wind davon bekommen. Als Lenas Mutter, Frau Meier, abends vom Bus aus der Wäscherei heimkam und beim Bäcker Brot holte, wurde sie auffällig freundlich begrüßt. Sogar die alten Frauen riefen ihr von weitem Grüße zu.

Heute sind sie aber alle nett zu mir dachte Frau Meier, während sie prüfend an sich heruntersah. Ob ihr Rock vielleicht falsch saß? Irgendetwas war seltsam.

Zu Hause war alles still. Ihr Lebensgefährte, Herr Schneider, hatte Spätschicht und Lena, ihre Tochter, war wohl in der Kunst-AG. Anfänglich war Frau Meier von Lenas Zeichenleidenschaft genervt gewesen so viel Zeit, und dabei gäbe es zu Hause genug zu tun! Doch dann hatte sie verstanden: Die Noten ihrer Tochter waren durchwachsen, aber das Zeichentalent half ihr vielleicht, an der Kunstschule aufgenommen zu werden. Lena gewann zuletzt sogar Preise beim Jugendwettbewerb im Landkreis.

Im Gegensatz zu ihrer Mutter war Lena immer still, zogen sich eher zurück, während Frau Meier eine offene, stets lächelnde Frau war. Nur beim Zeichnen blühte Lena auf. Sogar Herr Brockmann, der Kunstlehrer, lobte sie. Ein bekannter Maler aus unserem Ort, der nach einigen Jahren in München zurückgekehrt war, um seine alte Mutter zu pflegen. Er prophezeite Lena eine künstlerische Laufbahn und versicherte Frau Meier, dass sie mit ihrer Begabung locker in einer Kunsthochschule in Nürnberg angenommen würde.

Es war schon dämmrig, als Lena endlich mit Tasche und Malkiste zurückkam. Frau Meier fragte neugierig: Wart ihr draußen? Ja, im Wald zum Skizzieren, gab Lena müde zurück. Sie zeigte ihr das neue Bild: eine einzelne Birke am Waldrand, karg, noch ohne Blätter, die schützend ihre Äste wie ein Zelt über einen jungen Trieb beugte. Das Bild war noch nicht fertig, aber schon klar und ausdrucksstark.

Wo ist denn diese Birke?, fragte Frau Meier. Ach, das gibts nirgends. Wir haben improvisiert. Lena wollte sich gerade umziehen und in Ruhe essen, als sie durchs Küchenfenster sah, wie Frau Jansen, ihre Klassenlehrerin, den Weg zum Haus nahm.

Schnell, in Leggings und Unterhemd, rief Lena der Mutter zu: Mama, gleich kommt meine Lehrerin. Nicht erschrecken, ich erklärs später. Jedenfalls ich bin schwanger.

Frau Meier erstarrte, die Worte trafen sie unvermittelt. Lena schob sich eine alte Strickjacke über und ging zur Tür, um die Lehrerin zu begrüßen.

Beide Frauen setzten sich in die kleine Stube. Lenas Mutter wollte ihrer Tochter noch befehlen, die dreckige Jacke auszuziehen, doch Lena blieb stur sitzen. Die Lehrerinnenstimme war sanft, trauriger Ton. Die Schuldirektorin will wissen, wie es weitergeht, Lena ist noch minderjährig das gibt Ärger. Weißt du, es ist schon schwere Kost für die Schule Nur noch ein paar Wochen bis zur Abschlussprüfung. Frau Meier drehte sich ratlos zu Lena. Die wusste selbst nicht, was sie sagen sollte.

Die Frage aller Fragen lag in der Luft. Von wem bist du schwanger?, fragte die Mutter zögerlich, während Lena den Blick senkte. Die Direktorin drängte, wer denn nun der Vater sei, schließlich müsse man auch für die Polizei alles korrekt klären. Doch Lena schwieg. Frau Jansen verdrehte die Augen, gab sich geschlagen und wiederholte: Unsere Lena war ja nie wirklich gesprächig.

Als die Frauen gegangen waren, blieb Frau Meier mit ihren Zweifeln zurück. Sie konnte nur an Herrn Brockmann denken. Lena hatte nie Interesse an Jungen gezeigt, sie war immer bei den Kunstleuten. Und Brockmann war der Verdacht wirklich so abwegig?

Lena hatte sich inzwischen ins Bett verkrochen. Frau Meier, hin- und hergerissen zwischen Wut, Enttäuschung und Sorge, rüttelte sie aus dem Halbschlaf. Wer ist es, Lena? Ich rede morgen mit Brockmann! Doch Lena blieb stumm.

Am nächsten Tag fuhr sie mit ihrer Tochter zur Frauenärztin. Examensangst lag in der Luft Lena erstarrt, die Mutter aufgebracht und voller Verdacht auf Herrn Schneider, den Lebensgefährten. Bei der Schule tauchten dann auch Polizei und Vertreter des Jugendamts auf, um alles zu klären. Die Klassenkameradinnen wurden nacheinander ins Direktorenzimmer gerufen.

Unter den Mitschülern wurde natürlich weiter wild spekuliert, wenn auch einer der Jungs, Julian, merklich stiller war als sonst. Sein Freund Timo versicherte ihm, dass sie nie ein Paar gewesen seien, und bat, das auch unbedingt gegenüber der Polizei zu bestätigen. Beide wollten sich nächsten Monat ohnehin beim Bund bewerben.

Zuhause eskalierte die Stimmung. Frau Meier stritt mit Herrn Schneider, verdächtigte ihn im Affekt, öffnete alte Wunden. Lena missverstand die Anschuldigungen, verteidigte ihn, weinte und am Ende packte Herr Schneider still seinen kleinen Lederkoffer und ging. Das Radio spielte zu laut im Hintergrund, die Waschmaschine brummte, Lenas Mutter schleuderte ihre Vorwürfe ins Leere, dann weinte sie einfach.

Den Kopf voller Sorgen, ging sie später durch den Ort, grüßte mechanisch, fragte sich, was sie falsch gemacht hatte. Dabeigehend erinnerte sie sich daran, wie ihre eigene Mutter sie einst hinauswarf, als sie selbst schwanger war den ersten war sie damals losgeworden, aber Lena später in der Ehe zur Welt gebracht, ehe sie vor ihrem trinkenden Mann floh.

Der Abend wurde dunkel, und als sie in Lenas Zimmer kam, fand sie es leer. Panische Angst, dass Lena zu Brockmann gegangen sei, oder sonst wohin, packte sie. Doch dann fiel ihr Blick auf Lenas Skizze von der Birke der Schutz des zarten Sprösslings unter den Zweigen erschien ihr plötzlich wie ein Bild ihres Mutterherzens.

Sie fand Lena am Fluss, von den Nachbarinnen neugierig beäugt. Gemeinsam wringen sie im Morgengrauen Wäsche aus, Mutter und Tochter. Nichts schien sie mehr erschüttern zu können. Frau Meier hob das Kinn. Sollen sie doch reden, was sie wollen: Ihre Lena ist und bleibt ein anständiges und begabtes Mädchen.

Das Gespräch mit Herrn Brockmann am nächsten Tag stellte sich als harmlos hinaus. Er versicherte ihr, dass er Lena wie eine Schülerin schätze, und meinte leise, sie solle nach innen hören: Wenn Lena nicht redet, dann hat sie ihre Gründe. Und vielleicht ist es jetzt wichtiger, dass Sie einfach da sind.

***

Nachklang

Spät in der Nacht, als alles schlief, klopfte es leise an Lenas Fenster. Sie öffnete, und Julian, ihr Mitschüler, kletterte verlegen auf die Fensterbank. Mach dir keine Sorgen, versicherte sie ihm. Niemand weiß was von dir. Und zur Examen komme ich auch. Du hast eine tolle Mama, sagte er und verschwand genauso leise, wie er gekommen war.

Vom Flur her kam der warme Geruch nach frisch gebackenen Apfelstrudel. Lena kroch unter die Decke, erschöpft und leise froh. Trotz all dem war da Liebe: widerspenstig, aber treu wie der Schutz einer Birke über ihrem Keimling.

Heute begriff ich: Muttersein ist kein Wettbewerb, kein Grund für Scham. Manchmal ist es einfach das Bleiben und Dasein. Begleiten, schützen, trösten und darauf vertrauen, dass sich das Junge schon seinen Weg sucht, auch wenn man den Weg nicht kennt. Das ist das Wichtigste, das habe ich jetzt verstanden.

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Homy
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