Ich spülte gerade das Geschirr, als mein Mann stürmisch hereinkam und laut rief: Schon wieder meine Mutter. Schon wieder dieses Misstrauen. Es reicht.

Ich stand am Spülbecken und spülte Teller, als mein Mann, Matthias, mit einem lauten Poltern in die Küche stürmte. Schon wieder seine Mutter. Schon wieder dieses Misstrauen, das wie Nebelfäden alles umschlang. Genug jetzt.

Warum hast du meiner Mutter was über das Geld erzählt?!

Monika Weber stand am Spülbecken, gerade beim letzten Teller. Da riss Matthias, das Hemd zerknittert und erst heute früh hatte sie es gebügelt die Tür auf, stampfte in die Küche, das Gesicht verzogen, Fäuste an den Seiten. Er sah aus, als müsste er gleich platzen.

Der Teller glitt ihr fast aus der gelben Gummihand. Wasser platschte. Sie starrte ihn an, als wäre er ein Tier im Zoo, das aus dem Gehege ausgebrochen war.

Was? Matthias, was ist denn los?

Frag nicht dumm! Sag mir, was das soll!

Er blieb in der Mitte stehen, trat von einem Fuß auf den anderen, zuckte in den Schultern. Das hatte sie schon oft erlebt: sobald er wütend war, wackelte er herum, trampelte, als wollte er jeden Moment aus der Haut fahren.

Ich hab grad mit Mama telefoniert. Sie sagt, du hättest einen großen Betrag abgehoben das Geld für das Auto! Was ist das? Erklärs mir!

Monika drehte langsam den Wasserhahn zu, zog eine Hand nach der anderen vorsichtig aus den Handschuhen, legte sie an den Beckenrand. Ihr Herz pochte jetzt irgendwo im Hals.

Matthias, warte. Von welchem Geld sprichst du überhaupt?

Stell dich nicht dumm! Mama sagt, du hast viel Geld abgehoben. Woher kams, wohin gings?

Von welchem Konto?

Unser Gemeinschaftskonto! Was sonst?

Matthias. Reg dich ab und hör mir zu.

Ich bin ruhig!

Er schrie fast das Geschirr im Regal klirrte leise. Monika musterte ihn, sein roter Kopf, die verschlossenen Augen. Sie kannte diesen blick, selten, aber einmal gesehen, vergaß man ihn nicht.

Ich habe nichts von unserem Konto abgehoben. Tatsächlich nicht.

Dann lügt meine Mutter?

Monika lehnte sich ans Spülbecken. Draußen blendete die Sonne in den Flur, als wäre Sonntag noch ein Versprechen, nicht nur ein Zustand. Gerade hatte sie über Tapeten nachgedacht und über die Kommode beim Fenster.

Matthias, ich glaube, deine Mutter liegt falsch.

Meine Mutter vertut sich nicht!

Jeder Mensch vertut sich mal, Matthias.

Jetzt red keinen Unsinn über sie! Mama hat von der Überweisung erzählt, sie hat die Zahlen gesehen!

Was für eine Überweisung? Hast du ihr unser Konto gezeigt?

Kaum hatte sie es gesagt, bedauerte sie es schon. Das Thema war schmerzhaft: Elfriede Weber, seine Mutter, wollte immer alles wissen, und Matthias war der Ansicht, das gehöre so schließlich war sie Familie.

Ich hab nichts gezeigt. Sie hat angerufen und ich hab erzählt, ein wenig eben.

Ein wenig.

Monika, weich jetzt nicht aus! Warum sieht Papa auf seinem Handy Überweisungen von dir?

Jetzt wusste sie es plötzlich. Wie im Traum, in dem man rückwärts durch den Nebel vorwärtsgeht, wurde alles klar. Sie setzte sich auf den Stuhl am Küchentisch.

Setz dich. Lass uns normal reden.

Ich bleibe stehen.

Wie du willst. Also: Mein Vater hat sich letzten Monat ein Auto gekauft, einen gebrauchten Opel. Du weißt es doch er sitzt allein draußen im Dorf, der Bus fährt einmal am Tag, manchmal kommt er gar nicht. Er hat das Auto gebraucht.

Und?

Papa kann mit Online-Banking nichts anfangen, der fürchtet sich geradewegs davor. Bargeld liegt ihm näher. Ich hab ihm erklärt, dass der Verkäufer Geldüberweisungen will. Papa gab mir das Bargeld, ich habe es auf mein Konto eingezahlt und dann dem Verkäufer überwiesen. Fertig. Keine Magie.

Matthias schwieg.

Es waren seine Euros, Matthias. Nicht unsere. Er hat mir das Bargeld gegeben, ich hab nur den Transfer gemacht. Ich hab weder unser Konto angetastet noch heimlich Geld versenkt.

Warum hast du mir das nicht gesagt?

Weil es Papas Angelegenheit war. Muss ich jeden Atemzug meines Vaters mit dir abklären?

Du musst Bescheid geben, wenn auf unserem Konto fremdes Geld umgeht!

Es ist nicht fremd. Es ist mein Vater.

Trotzdem! Bin ich hier nicht der Mann?! Wer bin ich denn überhaupt?

Sein Wer tanzte wie ein Schatten zwischen ihnen. Sie betrachtete ihn lange. Da stand er, mitten in der Küche, schon nicht mehr so blutrot, aber immer noch aufgebracht. Und plötzlich fühlte sie die Müdigkeit in ihren Knochen. Nicht erst jetzt, sondern schon so lange, bis tief in ihre Träume hinein.

Du bist mein Mann, Matthias. Aber gerade bist du reingeplatzt und hast mich beschuldigt, bevor du auch nur eine Frage gestellt hast. Du hast deiner Mutter einfach geglaubt. Und ich stehe nun hier und rechtfertige mich.

Ich bin dir nicht auf den Hals gegangen.

Matthias.

Vielleicht war ich laut, aber…

Du hast geschrien.

Wieder Schweigen. Er sah zum Kühlschrank, wo ihr altes Urlaubsbild hing, beide lachten dort, jünger, leichter. Dann wanderte sein Blick zum Fenster.

Vielleicht ein bisschen.

Ein bisschen, ja.

Monika, du verstehst doch… Mama sagte, du hast viel Geld überwiesen, und ich…

Weiß sie, wie viel Papas Auto kostete?

Woher soll ich das wissen?

Ich weiß es auch nicht. Aber sie meint es zu wissen und sagt es dir. Und du springst sofort.

Ich springe nicht, ich will nur nachfragen.

Monika stand auf, ging zum Fenster. Draußen grünte der Birkenbaum, die Nachbarskatze balancierte träumend auf dem Zaun.

Matthias, ich sag dir jetzt etwas, bitte nimms mir nicht übel.

Dann sags.

Es gefällt mir nicht, dass deine Mutter mehr über unsere Finanzen weiß als nötig. Ich verstehe, dass du ihr vertraust sie ist deine Mutter. Aber wir haben unsere eigene Familie. Dass sie dich anruft und mir Vorwürfe über angebliche Überweisungen macht, das… ist nicht normal, Matthias.

Du magst sie halt nicht.

Es geht dabei nicht um Sympathie.

Doch, genau darum. Du schiebst immer ihr die Schuld zu.

Monika schloss kurz die Augen, atmete aus.

Vor drei Jahren hat sie dich angerufen und behauptet, ich würde zu viel fürs Essen ausgeben. Erinnerst du dich?

Irgendwas war da…

Sie hat deine Kassenzettel genommen, alles berechnet und gesagt, ich kaufe zu viel ein. Damals kamst du zu mir und sagtest: Monika, kannst du nicht beim Essen sparen? Erinnerst dus?

Sie wollte nur helfen…

Sie wollte wissen, wie viel wir verbrauchen. Das ist alles.

Du bist ungerecht zu ihr.

Ein Jahr später ich war bei der Arbeit aufgehalten, wegen der Quartalsabrechnung, kam erst um halb zehn nach Hause deine Mutter rief dich an und fragte: Mit wem ist Monika so spät unterwegs? Weißt du, was du damals zu mir gesagt hast?

Matthias verzog das Gesicht.

Na ja…

Du fragtest: Monika, warst du wirklich mit Kollegen länger da? Zum ersten Mal, seit wir uns kennen.

Ich wollte es halt wissen…

Früher hast du nie so gefragt. Da hast du mir vertraut. Aber da reichte ein Satz deiner Mutter, und du warst misstrauisch.

Ach Monika…

Und dann war da noch was. Deine Mutter hat mich mit André Meier gesehen, er hat mir schwere Tüten getragen. Einfach ein Nachbar, Matthias, wir wohnen fünfzehn Jahre im selben Haus. Erinnerst du, was sie dir sagte?

Matthias schwieg.

Sie sagte, sie hätte mich mit einem Mann gesehen, das Wort Mann betonte sie extra. Und du hast drei Tage kaum mit mir gesprochen. Nur weil der Nachbar mir half.

Ich dachte nichts Schlechtes…

Doch, du hast etwas gedacht. Du hast es nur nicht ausgesprochen.

Sein Blick traf ihren. Im Dunkel seiner Augen flackerten Verwirrung, keine Wut mehr. Er öffnete den Mund. Schloß ihn wieder.

Monika…

Ich hier keinen Streit, Matthias. Aber das hier, das ist nicht das erste Mal. Du hörst immer wieder auf sie, gehst nie direkt zu mir, glaubst immer ihr zuerst.

Sie meint es nicht böse.

Mag sein. Doch das Resultat bleibt: Du blickst mich voller Zweifel an. Und ich muss mich jedes Mal wie ein Angeklagter verteidigen. Ich kann nicht mehr, Matthias. Wahrhaftig nicht.

Was erwartest du jetzt von mir? Dass ich mit Mama nicht mehr rede?

Nein. Aber ich will, dass du erst zu MIR kommst, wenn was ist.

Sie sagte es nüchtern, ohne Tränen, mit einer Schwere wie ein Stein auf dem Tisch.

Matthias sah zu Boden, dann zu ihr.

Monika, das mit Papa hätte ich nicht gewusst…

Du hättest fragen können. Einfach: Monika, Mama sagt… was stimmt denn? Ein Satz.

Ja, ja…

Aber du kamst schreiend.

Er schwieg wieder. Die Küche war still, nur der Kühlschrank brummte. Das Licht lag wie Honigflecken auf den Fliesen.

Monika betrachtete Matthias: Wie er da stand, ihr Matthias, seit fast sechsundzwanzig Jahren gemeinsam Eltern, durch Krankheiten, Umzüge, Verluste und leere Taschen gegangen. Sie kannte jede Falte, wusste, wie er schlief, wie er den Tee hielt, mit beiden Händen an der Tasse. Sie wusste, dass er liebevoll war, ehrlich, fleißig. Aber trotzdem ja, trotzdem jetzt das hier.

Geh, Matthias.

Er zuckte zusammen.

Was?

Ich will bitte alleine sein.

Monika, bitte…

Matthias, geh jetzt.

Kurz blieb er noch stehen. Dann verließ er leise die Küche. Sie hörte, wie er ins Wohnzimmer ging, wie dort die Tür sachte knarrte.

Monika drehte sich wieder zum Spülbecken. Ein Teller, Seifenwasser, die Bewegungen waren automatisch. Ihre Gedanken wirbelten durchs Fenster zu ihrer Freundin Anka Anka Müller, immer bereit zuzuhören, ohne mit Ratschlägen zu nerven.

Oder besser nicht anrufen. Vielleicht einfach raus, raus aus dieser stickigen Küche; aufs Rad, durch die Straßen, atmen.

Sie packte langsam. Die Hände zitterten eigenartig, machten alles falsch herum. Zog den Pullover aus dem Schrank, dann doch lieber den mit den Knöpfen. Lade durchstöbern, wieder zurückziehen, irgendwie alles schwerfällig. Die Lade mit dem Handy-Ladekabel blieb in der Küche.

Sie huschte hinein; Matthias Stimme aus dem Wohnzimmer:

Wohin gehst du?

Zu Anka.

Warum das?

Muss sein.

Monika, warte, du bist aufgebracht…

Korrekt. Aber ich muss jetzt.

Lass uns reden?

Wir haben geredet. Lange. Alles gesagt.

Ich meine wirklich reden.

Sie blieb im Flur stehen, tief ausgeatmet, die Tasche über der Schulter.

Jetzt willst du normal reden? Nach der Eskalation? Nach all dem Gebrüll?

Ich habe nicht gebrüllt!

Matthias.

Er schloss die Augen, presste Daumen gegen die Nasenwurzel.

Na gut… Monika, bitte geh nicht. Wir benehmen uns wie Kinder.

Kinder? Unser Jakob sperrte sich immer zwei Stunden ins Bad, wenn wir ihn ermahnten. Auch Kinder.

Das war etwas anderes.

Ja, sicher. Ich komme später wieder, Matthias. Ich brauche Luft.

Jetzt gehst du und ich soll warten und grübeln?

Musst du nicht. Schau Fernsehen.

Monika!

Sie zog die Jacke an. Die Kante des Reißverschlusses klirrte ein wenig.

Das Schlimme ist nicht dein Schreien. Es ist, dass du mir nach sechsundzwanzig Jahren noch immer nicht vertraust. Das tut weh, Matthias. Das.

Er schwieg.

Bis heute Abend vielleicht. Oder morgen früh. Keine Ahnung.

Sie griff zur Türklinke. Als sie ging, sah er aus wie jemand, dem die Welt zu groß geworden war: schwer, etwas grau um die Schläfen, der einstige Junge ihrer Jugend jetzt kämpfte er mit sich.

Monika… sagte er leise. Monika.

Sie ging hinaus.

Die Wohnung wurde still. Matthias stand noch einen Moment da. Dann stolperte er ins Wohnzimmer, setzte sich, stand auf, setzte sich von Neuem.

Sein Handy vibrierte auf dem Couchtisch. Zwei ungelesene Nachrichten von der Mutter: Hast du mit ihr gesprochen? und Matthias, melde dich!

Er hielt es lange in der Hand, tatenlos. Dann ging er in die Küche, starrte aus dem Fenster. Die Birken schwankten im Nordwind, der Tag bog sich ins Abendlicht, irgendwo draußen tobte der kleine, kichernde Nachbarshund.

Er wählte eine andere Nummer.

Herr Weber? Hier ist Matthias. Grüß Gott.

Matthias, Junge! die Stimme ihres Vaters, Alfred, klang gut gelaunt, etwas überrascht. Was gibts? Alles in Ordnung?

Ich hätte da eine Frage… Sie haben doch letzte Woche das Auto gekauft?

Klar, hab ich. Einen gebrauchten Opel, ganz zufrieden. Deine Frau hat das für mich sauber abgewickelt, ich mit den neuen Medien da steig ich doch nicht mehr durch.

Matthias schwieg.

Matthias? Alles gut bei euch?

Ja, ja, alles bestens. Also: das war ihr Geld, also Bar vom Konto und so?

Natürlich mein Geld! Hab Monika das Bargeld gegeben, sie hat überwiesen wunderbar. Ihr könnt gern mal auf nen Kaffee vorbeikommen, Monika weiß eh schon wieder davon. Er lachte.

Wir sehen uns. Vielen Dank, Herr Weber.

Nichts zu danken, Jung. Keller ist auf, bis bald.

Matthias beendete das Gespräch, verharrte. Langsam glitt er auf den Küchenstuhl, fuhr sich übers Gesicht.

Idiot.

Blinder, dumpfer Idiot.

Seine Mutter rief an, blies Nebel in sein Hirn und schon marschierte er los, wetterte gegen Monika. Diese Frau, die einfach geholfen hatte, wie sie es immer tat, ohne Fragen zu stellen, niemals zu laut, einfach aus Prinzip.

Er dachte an Monika in den gelben Gummihandschuhen. Wie sie die Hände abstreifte, ruhig blieb, die Müdigkeit in ihren Augen. Sie hatte sich nicht beschwert sie war einfach erschöpft.

Sie hatte recht gehabt. Sie immer.

Das mit dem Nachbarn, das Schweigen, als er sich vor Jahren zurückzog auch das hing damit zusammen. Seine Mutter säte Zweifel, er ließ sie wachsen.

Matthias griff zum Handy. Tipperte die Nummer der Mutter.

Matthias! Endlich! Hast du mit Monika gesprochen? Was hat sie gesagt?

Ja, Mama, sie hat’s erklärt.

Und?

Es war ihr Vater seine Euros. Alles geklärt. Alfred hats mir eben bestätigt.

Schweigen.

Und? die Stimme der Mutter klang unangenehm gepresst, wie ein angeknabberter Apfel. Das ändert doch nichts an der Sache. Man muss doch wissen, was für Geldströme…

Mama.

Warte. Ich mach mir Sorgen! Wenn sie…

Stopp, Mama, jetzt sagte er es sehr leise, ohne Zögern. Jetzt hör mir mal zu. Ich sag dir was Wichtiges, unterbrich mich nicht.

Dann los.

Du hast Mist gebaut. Du rufst, ohne die Fakten zu kennen, erzählst mir Dinge, die gar nicht stimmen. Ich bin dann los und hab Monika angeschrien. Monika ist jetzt weg. Wegen mir weil ich mich wie ein Volltrottel benommen hab.

Matthias, jetzt übertreib…

Mama. Noch mal stoppte er sie. Du machst das ständig. Meldest dich, schiebst Zweifel nach, und ich reagiere prompt. Aber das geht nicht mehr. Ich muss mit Monika leben, verstehst du? Sie ist meine Frau.

Ich… ich will ja nur helfen…

Ich weiß. Ich hab dich lieb. Aber lass das zukünftig. Wenn du was Seltsames hörst, ruf mich an und sag: Klär das bitte. Aber keine wilden Mutmaßungen mehr.

Jetzt schlägst du dich auf ihre Seite.

Mama, ich stehe zu Monika. Das ist richtig.

Stille. Er hörte sie schwer atmen.

Das wars, Mama. Ich hab dich lieb. Bis bald.

Er legte auf. Starrte lange aufs stille Handy.

Sie wird sich melden. Sie kann lang schmollen, ja. Aber diesmal wiederhole ich es ich sage es so lange, bis es sitzt. Hätte ich viel früher machen sollen.

Er tippte Monika an.

Lange Klingelzeichen. Danach nur die Mailbox.

Er legte das Handy weg, trat ans Fenster. Die Birken waren jetzt still. Die letzten Sonnenstrahlen reckten sich durchs Glas; die Nachbarn kamen heim, Fahrräder klapperten über Pflaster.

Er zog seine Jacke an.

Anka öffnete, runzelte kurz die Stirn, dann verstand sie alles an Monikas Gesicht.

Komm rein, sagte sie schlicht. Ich setze Tee auf.

Sie saßen in Ankas Wohnküche, mit bunten Gardinen, Kater Egon schnurrte auf dem Fensterbrett, der Duft nach Sandgebäck in der Luft. Monika rührte im Tee, Anka schob ihr wortlos die Dose Kekse hin.

Ich bin so müde, Anka, sagte Monika schließlich.

Das seh ich.

Es liegt nicht nur am Streit. Wenns das wäre ein Streit geht vorüber. Aber hier ists anders.

Was ist denn?

Monika hielt die Tasse fest. Ihre Finger wurden allmählich wieder warm.

Er glaubt mir nicht. Nach all den Jahren nicht. Seine Mutter flüstert und schon bin ich erneut schuld, noch bevor ich was erklären kann.

Doch, er vertraut dir aber, naja… die Schwiegermutter eben…

Es ist trotzdem seine Entscheidung, Anka. Er hat immer die Wahl. Fragt er erst sie oder mich? Und immer nimmt er zuerst ihre Wahrheit.

Anka schwieg.

Ich will doch gar nicht, dass er sie abschneidet. Er kann sie lieben, besuchen, was er will, aber: ich möchte Ordnung. Dass ich von mir selbst erfahre, was los ist, und nicht plötzlich Beschuldigungen an den Kopf kriege.

Hast du ihm das klar gesagt?

Hab ich.

Und?

Ich bin gegangen.

Anka seufzte, steckte ihr einen zweiten Keks zu.

Vielleicht richtig so. Soll er mal nachdenken.

Und was, wenn sich nie was ändert? Was, wenn er nur kurz zustimmt und es geht weiter so? Ich will nicht, dass das mein Leben bleibt.

Menschen ändern sich.

Vielleicht. Nur langsam. Oder gar nicht. Wie erkennt mans?

Keine Antwort. Manche Fragen schweben nur.

Egon dehnte sich, ein Auto tuckerte vorbei.

Tja, sagte Monika und stellte die Tasse ab. Ich geh dann mal.

Nach Hause?

Ja, alles andere bringt nix.

Hat er angerufen?

Monika schaute aufs Handy: Ein verpasster Anruf, Matthias.

Er hats versucht.

Siehst du.

Heißt aber noch nichts, und sie ging zur Jacke.

Im Frühlingstram rumpelte sie zurück. Die Stadt, nicht ganz wach nach dem Winter, aber voller Leben. Leute mit Einkaufstaschen, Kinder auf Rollern, ein alter Mann fütterte Tauben.

Sie dachte an Papa vielleicht nächste Woche hinfahren, sehen, ob alles klappt mit dem neuen Auto. Selbstbestimmt war er jetzt, das war beruhigend.

Dann an ihren Sohn Jakob, in einer anderen Stadt, selten am Telefon, aber immer herzlich. Bald vielleicht Opa, wenn alles passt.

Und an Tapeten. Hellgelb oder doch eher Beige? Wahrscheinlich Beige.

Haltestelle. Sie stieg aus.

Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Seltsam: Matthias schloss sonst immer. Sie trat ein, hängte den Mantel nachdenklich auf.

Matthias?

Ja, hier, seine Stimme war leise, aus dem Wohnzimmer.

Sie trat ein. Er saß auf dem Sofa, kein Fernseher, einfach da, Hände auf den Knien. Zwei Tassen standen bereit Tee oder Kaffee?

Er hob den Kopf.

Du bist zurück.

Ich bin zurück.

Sie blieb erst stehen, dann setzte sie sich ans andere Ende des Sofas, griff nach der Tasse es war Kaffee.

Hast du mit deiner Mutter gesprochen? fragte sie.

Er stockte.

Ja.

Und?

Ich hab ihr gesagt, dass es so nicht weitergeht. Dass wir selbst klarkommen.

Sie schaute ihn an.

Ehrlich?

Ja. Sie ist beleidigt, klar. Aber ich habs gesagt, wie es ist. Das tut weh, aber das musste mal gesagt werden.

Sie hob die Kaffeetasse mit beiden Händen. Matthias saß neben ihr, gebeugt, ganz er selbst verlegen, suchend, doch nicht auf der Flucht.

Monika, bitte verzeih mir. Ich war wirklich dumm. Bin meiner Mutter blind hinterhergerannt.

Ja.

Ich weiß. Er schwieg kurz. Wegen Renovierung du meintest doch heute früh, Tapeten?

Matthias…

Lass uns renovieren. Die Farbe, die du magst. Und nächstes Jahr fahren wir ans Meer, wenigstens.

Es geht mir nicht um Urlaub.

Ich weiß. Ich weiß gar nicht, was ich dir anbieten soll.

Monika stellte die Tasse ab.

Ich will bloß, dass du mir vertraust, Matthias. Das ist alles.

Das tu ich.

Heute hast du deiner Mutter geglaubt.

Wieder Pause.

Heute lag ich falsch.

Einmal ist nicht das Problem, aber es kam schon öfter vor. Ich will keinen Trost, keine falschen Versprechen. Ich will einen Vertrag.

Er blickte sie an.

Vertrag? Was meinst du?

Sie drehte sich ein wenig zu ihm.

Wenn deine Mutter das nächste Mal über mich redet, kommst du zuerst und fragst: Monika, stimmt das? Einfach fragen. Und ich antworte. Mehr nicht. Schaffst du das?

Er überlegte. Dann:

Ja. Das schaffe ich.

Dann haben wir abgemacht.

Abgemacht.

Sie saßen nun näher beieinander, als der Tag zu Abend kippte. Draußen ruhten die Birken. Im Zimmer lag milde Dunkelheit, das Licht einer Lampe, ein Hauch von Verstehen.

Alles war nicht gut. Es würde auch nicht alles einfach werden. Bald käme ein neuer Anruf, neue Anläufe, wieder Beharrlichkeit. Worte brauchen Taten, und Taten brauchen Zeit.

Aber in diesem Moment saßen sie beide da. Das war etwas.

Matthias?

Ja?

Mach mir bitte noch einen Kaffee einen heißen.

Er stand auf, nahm ihre Tasse, verschwand in der Küche. Sie lauschte dem Wasserrauschen, schnupperte den Duft der Maschine.

Im Fenster glitzerten Lichter. Sie dachte, das Leben ist nicht immer Leichtigkeit Müdigkeit gehört dazu, verpatzte Tage, kleine und große Verletzungen. Aber das hier war da: Gemeinsamkeit, auch im Schatten.

Matthias kam zurück, stellte ihr den dampfenden Kaffee hin.

Danke.

Gern.

Dann, vorsichtig, legte er die Hand auf ihre als müsste er testen, ob er das darf. Sie zog nicht weg.

Du… begann er, dieser Vertrag… also wirklich einfach fragen?

Einfach fragen.

Und du sagst die Wahrheit?

Natürlich.

Er nickte.

Ist nicht schwer, sagte er, fast überrascht.

Nein, gar nicht.

Draußen zog ein Licht vorbei. Der Kaffee war endlich wieder warm. Bald musste sie Papa anrufen und nach dem Opel fragen.

Und die Tapeten, diese Tapeten, die würden sie zusammen am Sonntag aussuchen.

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Homy
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Ich spülte gerade das Geschirr, als mein Mann stürmisch hereinkam und laut rief: Schon wieder meine Mutter. Schon wieder dieses Misstrauen. Es reicht.
Er pachtete einen Berg, um 30 Schweine zu züchten, doch nach 5 Jahren kehrte er zurück – und erstarrte angesichts dessen, was er dort vorfand…