Im Jahre 2018, vor nunmehr langer Zeit, fasste der 34-jährige Johann Bauer aus dem beschaulichen Allgäu den Entschluss, seiner Armut zu entfliehen und ein besseres Leben für seine Familie zu schaffen. Sein Plan war unkonventionell: Er wollte auf einem abgelegenen Stück Berghang bei Füssen Schweine züchten und vermieten. Mit all seinen angesparten Euros und einem Kredit von der Sparkasse errichtete er Ställe, ließ einen Tiefbrunnen bohren und kaufte insgesamt dreißig kleine Ferkel.
An dem Tag, als Johann den ersten Schwung Tiere auf den Berg brachte, sprach er voller Stolz zu seiner Frau Hannelore, einer gebürtigen Allgäuerin:
“Warte nur ab, mein Schatz. In einem Jahr bauen wir hier unser eigenes Haus.”
Doch das Leben auf dem Land erzählte eine andere Geschichte als die schönen Märchen vom schnellen Wohlstand, die man abends im Fernsehen hörte.
Keine drei Monate vergingen, da breitete sich die Afrikanische Schweinepest über Süddeutschland aus. Ein Bauernhof nach dem anderen musste aufgeben, manche Nachbarn verbrannten sogar gesamte Stallungen, um das Virus einzudämmen. Tagelang lag dicker Rauch über den Alpwiesen und Hängen.
Hannelore hatte Angst.
“Verkaufen wir sie, solange sie noch leben!”, flehte sie.
Doch Johann wollte nicht aufgeben.
“Das geht vorüber. Wir müssen durchhalten.”
Die Sorgen und schlaflosen Nächte nagten an ihm, bis er schwach wurde. Schließlich wurde er wegen Erschöpfung ins Krankenhaus nach Kempten gebracht. Über einen Monat ruhte er sich auf dem Hof der Schwiegereltern aus.
Als Johann wieder zurückkam, waren die Ställe halb leer, die Futtermittelpreise mittlerweile doppelt so hoch, und von der Sparkasse kamen schon die ersten Mahnungen.
Nachts, wenn der Regen auf das Blechdach prasselte, hatte Johann das Gefühl, dass alles, wofür er gearbeitet hatte, langsam zerbrach.
Eines Abends, nach einem weiteren Anruf des Gläubigers, sackte er am Boden zusammen und flüsterte:
“Es ist vorbei.”
Am nächsten Morgen schloss er den Schweinestall ab, übergab den Schlüssel an den Landbesitzer, Herrn Kaminski, und verließ den Berg. Es war zu schmerzhaft, das Ende seiner Arbeit mit eigenen Augen zu sehen. Für Johann war alles verloren.
Fünf Jahre lang kehrte er nicht zurück.
Gemeinsam mit Hannelore zog er nach München und arbeitete in einer Fabrik. Ihr Leben war einfach nicht reich, aber ruhig.
Wenn die Rede auf Schweinezucht kam, lächelte Johann nur bitter.
“Ich habe mein Geld an den Berg verfüttert.”
Doch Anfang dieses Jahres erhielt er plötzlich einen Anruf von Herrn Kaminski. Die Stimme des alten Mannes zitterte.
“Johann du musst herkommen. Mit deinem alten Stall ist etwas Merkwürdiges passiert.”
Am nächsten Tag fuhr Johann die 40 Kilometer zurück in die Berge. Der ehemalige Feldweg war inzwischen von Gras und jungen Bäumen überwuchert, als läge das Ganze Jahrzehnte zurück.
Mit jedem Schritt bergauf wurde sein Herz schwerer vor Angst und Wehmut.
War alles zusammengebrochen?
Gab es überhaupt noch Spuren seines alten Traums?
Als er schließlich um die letzte Kurve bog, blieb er wie angewurzelt stehen.
Der Ort, den er verlassen hatte, wirkte lebendig.
Aus dem alten Stall, dessen Blechdach mittlerweile von wildem Wein und Moos bedeckt war, war ein Teil des Waldes geworden. Die ehemaligen Suhlen waren kaum noch als solche zu erkennen, da Bäume sie überwuchert hatten, und der Weg war fast verschwunden.
Doch was ihn erstarren ließ, waren nicht die Veränderungen, sondern die Geräusche.
“Grunz grunz”
Langsam trat Johann an den fast zugewachsenen Stallzaun. Als er hineinsah, prallte er einen Schritt zurück.
Dort waren Schweine.
Nicht nur eins oder zwei, sondern ein ganzes Dutzend. Dicke Tiere mit kräftigen Körpern, gefolgt von einer Schar munterer Ferkel.
Die dreißig Ferkel von damals schienen sich in eine Herde verwandelt zu haben.
“Das das kann nicht sein” stammelte Johann.
Herr Kaminski, der hinter ihm stand, trat an seine Seite.
“Das habe ich dir doch gesagt. Sie sind nie verschwunden.”
“Aber wie haben sie hier überlebt?” fragte Johann ungläubig.
Der alte Mann setzte sich auf einen Stein.
“Als du weggegangen bist, liefen ein paar Schweine noch im Stall umher. Sie brachen den Zaun auf und liefen in den Wald. Ich dachte, die werden das nicht schaffen. Aber sie haben es geschafft.”
Johann blickte sich um.
Hinter dem Stall plätscherte ein kleines Rinnsal, das ihm früher nie aufgefallen war. Ringsherum standen Bananenstauden und wilde Kartoffelpflanzen, sogar Haselnuss- und Holundersträucher wuchsen mittlerweile im Schatten.
“Sie haben gelernt, in den Bergen zu überleben”, sagte Herr Kaminski. “Und sie haben sich vermehrt.”
Johann schaute die Tiere an. Einige hoben die Köpfe, als hätten sie ihn nach all den Jahren wiedererkannt.
Ein besonders großes Schwein näherte sich neugierig dem Zaun. Das Fell rötlich, das rechte Ohr von einer Narbe gezeichnet das Erkennungszeichen eines der ersten Ferkel, die Johann damals gekauft hatte.
“Dieses Schwein”, flüsterte Johann.
“Das war das allererste, das ich großgezogen habe.”
Sein Herz zog sich zusammen.
Alles, was er verloren geglaubt hatte war noch da.
Nicht nur lebendig, sondern gewachsen.
“Und was wirst du jetzt tun?” fragte Herr Kaminski.
Johann schwieg lange.
Dann blickte er auf die Berge, den alten Stall, die Schweine, die friedlich durchs Gras zogen, als wäre nichts geschehen.
Nach langer Zeit lächelte Johann zum ersten Mal seit Jahren.
“Vielleicht”, murmelte er leise,
“ist mein Traum doch nicht vorbei.”
Da begriff er: Ein Traum kann warten,
manchmal sogar auf dich zurück,
auch wenn du ihn aufzugeben glaubtest.





