Die Mauer zu ihren Gunsten

Die Wand zu ihren Gunsten

Karin, warum mischst du dich in dieses Gespräch? Viktors Stimme kam ruhig, fast sanft, während er am großen Fenster des Wohnzimmers stand, den schweren Rotweinkelch in seiner Hand. Groß, breitschultrig, wie immer sicher, wandte er sich nicht zu mir um. Andreas hat mich gefragt, verstehst du? Mich. Bitte verschone ihn mit deinen Ideen.

Andreas Pohl, unser Gast, Viktors Geschäftspartner aus einer neuen Logistik-Kooperation, starrte verlegen auf seinen Teller. Ich sah, wie er sich unruhig auf dem Stuhl hin und her schob und seine Gabel hob, ohne einen Bissen zu machen.

Ich habe nur gesagt, dass in der Innenstadt viele riesige Flächen leer stehen, erklärte ich sachlich.

Karin. Er drehte sich endlich um, und in seinen blaugrauen Augen lag dieser Ausdruck, den ich nach siebenundzwanzig Ehejahren erkannte: Nicht Wut. Schlimmer Überheblichkeit. Das Essen war wunderbar. Wir schätzen dich, wirklich. Aber bring uns jetzt lieber den Nachtisch, ja?

Vier weitere Gäste saßen am langen Tisch. Susanne, die Frau von Andreas, schenkte mir einen schnellen Blick, in dem ich Mitgefühl zu erkennen glaubte. Vielleicht auch nicht. Still sammelte ich ein paar Teller ein und ging in die Küche.

Dort lehnte ich mich an die Spüle und blickte hinaus ins dunkle Regenfenster. Es war ein feiner, nasskalter Herbstregen draußen, der die Straßenlichter zu gelben Flecken verwischte. Ich war zweiundfünfzig. Im Esszimmer hörte ich Stimmen, das Lachen von Viktor, das Klirren von Gläsern. Leise nahm ich den Käsekuchen aus dem Kühlschrank, den ich heute Morgen gebacken hatte, und brachte ihn zurück ins Wohnzimmer.

So war mein Leben.

Wir wohnten in einem guten Viertel einer großen deutschen Stadt, in der wir unsere Ehe verbracht hatten. Viktor hatte das Haus vor fünfzehn Jahren gebaut, als sein Unternehmen endlich den Durchbruch schaffte. Groß, zweistöckig, mit Garage und Garten. Den Garten hatte ich selbst geplant, weil Viktor nie Zeit hatte und der Gärtner alles falsch pflanzte. Der Stolz meiner Gäste die stets sagten: Was für ein schönes Haus, Frau Becker, was für ein Geschmack! Ich lächelte und bedankte mich. Denn ja, der Geschmack war meiner jede Gardine, jedes Regal, jeder Johannisbeerstrauch.

Wobei das Haus auf Viktors Namen lief.

Richtig gearbeitet, wie Viktor, hatte ich nie. Wir hatten uns auf der Uni kennengelernt. Danach unterrichtete ich ein paar Jahre Technisches Zeichnen an der Berufsschule. Dann kam unser Sohn, dann wuchs Viktors Firma, ständige Umzüge, Empfänge, überall präsent sein ich gab die Arbeit auf. Viktor sagte: Was sollst du mit dem Gehalt, ich sorge doch für alles. Und das tat er, großzügig, aber so, dass ich stets fragen, bitten musste, wenn ich mal etwas für mich wollte.

Vor etwa zehn Jahren begann ich mit Schmuck. Eher durch Zufall: Eingeschlossen in unserem Wochenendhaus fand ich in einem alten Karton Perlen, die ich einst zum Basteln gekauft hatte. Am Abend hielt ich eine Kette in den Händen gut gelungen, besser als erwartet. Dann folgten Ohrringe, Armbänder. Freundinnen wollten sie haben, dann kaufen. Mit der Zeit arbeitete ich mit Silber und Halbedelsteinen. Mein kleines, eigenes Reich.

Viktor sah das mit einer Freundlichkeit wie zu meinen Tomaten im Gewächshaus. Du und dein Schmuckkram, sagte er, wenn ich ihm eine neue Arbeit zeigte. Das ist doch alles ein nettes Hobby, Karin. Aber davon leben kann man doch nicht.

Ich antwortete nicht. Wozu auch.

Unser Sohn Tobias war längst nach Berlin gezogen, studierte, gründete eine Familie, kam nur noch zu Feiertagen. Er rief sonntags an, fragte nach meiner Gesundheit, ich nach seiner Arbeit. Wir hatten uns lieb, jeder auf seine Weise.

Mein eigenes Leben das war fast eine leere Hülle.

Da war das große Haus, die Gäste zwei Mal pro Woche, die Charity-Dinner, die Viktor für sein Netzwerk nutzte, und ich war immer dabei, im passenden Kleid, mit dem richtigen Lächeln. Die perfekte Gastgeberin. Viktor, angesehener Unternehmer, angesehene Frau, schönes Zuhause. Mein Job aber einer, für den niemand zahlt oder dankt.

Im Februar kam ein Brief. Ein ganz gewöhnlicher Umschlag, Stempel eines Notars mit Adresse an der Bauhausstraße, Absender unbekannt. Ich öffnete ihn am Küchentisch, während Viktor noch schlief.

Eine entfernte Großtante meiner Mutter, Elisabeth Werner die ich dreimal in meinem Leben gesehen habe, zuletzt vor zwanzig Jahren bei einer Familienbeerdigung war im Dezember gestorben und hatte mir ein Gebäude vererbt. Kein Apartment, kein Grundstück, sondern ein altes ehemaliges Industriegebäude mitten in der Stadt, zweistöckig, Baujahr Anfang der 50er, dreihundertvierzig Quadratmeter seit Jahren leerstehend.

Ich las das Schreiben dreimal.

Dann rief ich den Notar an.

Ja, Frau Becker, alles korrekt. Frau Werner hat Sie ausdrücklich als alleinige Erbin angegeben. Übrigens: das Grundstück unter dem Gebäude gehört auch dazu, sehr gute Lage. Sie hat es damals ordnungsgemäß gekauft, alles einwandfrei.

Grund mitten in der Stadt? fragte ich.

Ja, zentral, nicht groß, aber attraktiv gelegen.

Ich bedankte mich, legte auf. Saß noch lange mit dem Brief in der Hand da.

Viktor erzählte ich nichts. Warum, wusste ich anfangs selbst nicht. Jetzt glaube ich: Ich kannte schon den Ablauf er würde hinfahren, alles prüfen wollen, sagen, das müsse abgerissen oder verkauft werden, niemanden einstellen und für mich entscheiden. Und ich würde wieder danebenstehen, zustimmen müssen.

Erstmals fuhr ich allein hin, sagte zu Viktor, ich besuche eine Freundin.

Das Gebäude stand in einer Seitengasse hinter einem alten Theater, dort, wo wilhelminische Villen mit Nachkriegsbauten und modernen Glasfassaden zusammenstießen. Ruhiges Kopfsteinpflaster, die ersten Knospen sprießten an den Bäumen.

Das Haus beeindruckend, aber heruntergekommen. Abgeplatzter Putz, Holzplatten vor den Fenstern, rostiges Eisentor. Doch die Mauern waren kräftig. Ich umrundete das Gebäude, tastete den Ziegel, prüfte das Dach. Alles stabil. Durch eine Seitentür gelangte ich hinein.

Decken hoch, Fenster groß, hölzerne Balken, an manchen Stellen marode, im Ganzen tragend. Alter Fliesenboden unter Schmutz und Staub. Es roch nach Feuchtigkeit und Holz, wie in Omas Keller.

Ich stand in der Mitte, blickte durch das Loch in der Decke hinaus in den Himmel.

Plötzlich verspürte ich etwas Ungewöhnliches: Kein Angst, keine Trauer eher ein seltsames Gefühl der Zugehörigkeit, als ob ich etwas gefunden hatte, das immer schon meines war.

Der Notar war ein freundlicher, umsichtiger Mann. In zwei Wochen war alles geregelt und die Papiere sicher in einem Ordner in meinem Schmuckzimmer, wo Viktor nie hinkam.

Nadja, eine alte Schulfreundin, arbeitete als Maklerin. Ich rief sie an, erzählte alles.

Karin, ist das dein Ernst? Das ist viel Wert, weißt du das? Verkaufst du es?

Nein, ich will es behalten.

Was willst du damit?

Kurz dachte ich nach. Dann sagte ich: Weißt du noch, wie wir als Studentinnen Ausstellungen besucht haben? Im alten Künstlerhaus am Ostplatz.

Klar.

So etwas in der Art will ich machen. Einen Raum für Menschen. Für Ausstellungen, zum Arbeiten, zum Lernen. Ein Kunstort, wie man heute sagt.

Nadja schwieg lange.

Karin, das ist eine enorme Investition. Renovierung, Technik, alles…

Ich weiß.

Hast du Geld dafür?

Noch nicht. Aber ich werde es auftreiben.

Sie fragte nicht weiter. Nadja konnte zuhören und schweigen, dafür liebte ich sie.

Also begann ich, das Geld aufzutreiben. Schmuckstücke, die ich seit Jahren nur gemacht, nie verkauft hatte. Wertvolle Stücke, Silber, bayerische Edelsteine, manchmal dauerte ein Set Wochen.

Nadja vermittelte mir eine Bekannte, die einen kleinen Schmuckladen betrieb. Sie brachte meine Arbeiten dort als anonyme Designerin hin, der Laden nahm kaum Prozente. Die erste Lieferung war in drei Wochen verkauft.

Karin, das kannst du dir nicht vorstellen, erzählte Nadja am Telefon, die Leute wollen mehr! Deinen Labradorit-Ring, weißt du noch? Der war in zwei Stunden weg.

Für wie viel?

Sie nannte mir die Summe.

Ich ging auf den Balkon der Raum erschien mir plötzlich zu eng.

In drei Monaten hatte ich mehr Geld verdient, als ich je für möglich gehalten hätte. Das legte ich auf ein eigenes Konto, von dem Viktor nichts wusste.

Gleichzeitig suchte ich Handwerker keine Bekannten von Viktor, sondern übers Internet. Die Gruppe, die den Zuschlag bekam, bestand aus vier Leuten, geleitet von Mehmet, wortkarg, fachkundig. Auch er sah das Gebäude ohne Abscheu.

Die Wände sind ordentlich, sagte er nach kurzem Klopfen. Das Dach müssen wir erneuern, Teile vom Boden auch. Fenster alles neu, Stromleitungen sowieso. Vier Monate, durchgehend.

Wir ziehen das durch, entschied ich.

Er sah mich an, überprüfend und dann einfach mit Respekt.

Abgemacht.

Das Hausleben ging seinen gewohnten Gang. Ich kochte, nahm Gäste auf, begleitete Viktor auf Veranstaltungen, hörte von Investitionen, Logistik. Ich nickte, dachte an Fensterrahmen und die Kojen auf der oberen Etage für Leinwände, an das Licht für Ausstellungen.

Viktor bemerkte nichts. Ich war der Hintergrund, und der war immer da.

Einmal wurde es knapp: Er fand in meiner Tasche eine Quittung aus dem Baumarkt, weil ich Farben aussuchte.

Was ist das? fragte er.

Ich brauche Grundierung für den Keller. Da ist Feuchtigkeit.

Er zuckte die Schultern und telefonierte weiter. Dreißig Sekunden Gespräch.

Mehmet war ein feiner Handwerker, effizient, sorgfältig, nie hektisch. Wenn ich vorbei fuhr, stand ich manchmal einfach inmitten der Baustelle, sah zu, wie alles entstand, und fühlte mich zum ersten Mal seit Jahren richtig lebendig. Mein Kopf, mein Körper, alles war angekommen. Die Luft war eine andere.

Im Juni war Nadja zum ersten Mal dort, die Fenster eingebaut, die Wände glatt.

Wahnsinn, was daraus wird! rief sie.

Es wird.

Weißt du schon, was du drin machen willst? Konzept, wie man heute sagt.

Ausstellungen. Einheimische Künstler, viele suchen Räume. Workshops, Künstlerateliers zur Miete, ein kleines Café unten, eine Leseecke.

Du hast das alles im Kopf!

Drei Jahre habe ich davon geträumt, wusste nur nicht, dass es geht.

Im September lernte ich Klara kennen. Sie verkaufte selbstgemachte Puppen auf einem Kunsthandwerksmarkt, saß am kleinen Tisch mit einem Buch in der Hand. Die Puppen einzigartig. Ich blieb stehen.

Sie machen die alle selbst? fragte ich.

Ja, seit sieben Jahren.

Haben Sie Lust, bei mir auszustellen? Ich eröffne bald einen Kunstort und suche kreative Leute.

Klara legte ihr Buch weg. So begann die Gruppe zu wachsen. Klara kannte zwei Künstler, die brachten einen Bildhauer, der wiederum eine Keramikerin. Im Oktober standen bereits zwölf Leute auf der Warteliste.

Das Geld wurde knapp. Schmuck zum Verkaufen war kaum noch übrig, für den Endspurt brauchte ich alles: Handwerker, Technik, Beleuchtung, Schilder. Den letzten, den ich behalten wollte, verkaufte ich ein Set aus Silber und bayerischem Amethyst, zwei Jahre lang daran gearbeitet. Nadja rief kurz darauf an.

Karin, die Käuferin hat gesagt, so etwas hat sie noch nie gesehen. Ob es nochmal so was gibt?

Nein, sagte ich.

Bist du traurig?

Nein, und es stimmte.

Im November eröffnete ich das Haus. Kein großes Brimborium. Nur in die lokale Online-Gruppe geschrieben: Kunst-Ort Wernersche Fabrik öffnet, Künstler willkommen. Sechzig Leute kamen am ersten Abend.

Viktor war auf Geschäftsreise. Ich sagte, ich sei bei Nadja. Okay, ich wärme mir was auf, meinte er.

Ich stand im Saal, sah die Leute, sah wie sie Klaras Puppen in die Hand nahmen, redeten, lachten. Meine Hände zitterten. Nicht vor Angst, sondern Glück. Es passiert wirklich, dachte ich.

Auch Mehmet kam, stellte sich an die Wand, sah sich alles an.

Gut geworden, sagte er.

Danke Ihnen, sagte ich.

Ihnen danke, sagte er.

Ab dann ging alles schneller. Die Ateliers verpachtet, Keramikkurse voll, das Café im Erdgeschoss betrieb Sonja und schaffte aus dem Stand einen neuen Treffpunkt. Eine Lokalzeitung schrieb einen Artikel, dann noch einen.

An einem Nachmittag sprach mich der alte Nachbar an, der im gegenüberliegenden Haus wohnte.

Sie sind die neue Chefin? nickte er zu dem Gebäude.

Ja, das bin ich.

Ich wohne hier seit Jahrzehnten und zum ersten Mal gibt es einen Ort, wo es sich lohnt hinzugehen. Sehr gute Sache.

Ich dankte, ging zurück zu meinem Auto, lächelte innerlich bis zur Garageneinfahrt.

Viktor erfuhr es im Januar. Nicht durch mich. Einer seiner Kollegen hatte den Artikel nebst Foto entdeckt da stand mein Name unter der Überschrift. Er sprach es beim Abendessen einfach an.

Karin, hast du mir was zu erzählen?

Ich räumte ab, so ruhig wie möglich.

Ja, sagte ich. Setz dich, ich koche Tee.

Ich erzählte ihm alles. Die Erbschaft, die Sanierung, den Schmuck. Er hörte still zu, ganz die geschulte Manager-Mine.

Am Ende sagte er nur:

Du hast das hinter meinem Rücken gemacht.

Ja.

Warum?

Ich sah ihn an. Er wollte ehrlich den Grund wissen. Oder dachte das.

Weil du es sonst zu deinem Projekt gemacht hättest. Es wäre deins geworden, nicht meines.

Das ist unfair.

Ja, antwortete ich. Genauso unfair wie die siebenundzwanzig Jahre, in denen du nie gefragt hast, was ich will.

Er stand auf, mit der Teetasse in der Hand, sah zum Fenster.

Soll ich jetzt sagen, dass ich stolz auf dich bin?

Nein, sagte ich. Du musst gar nichts sagen.

Er tat es nicht.

Noch einige Monate lebten wir so nebeneinander. Doch etwas verschob sich wie wenn das Eis leise schmilzt, kein Krach, nur eine andere Form.

Dann kam der Ball.

Der jährliche Benefizball der Stadt fand immer im Februar statt, viktor war Stammgast. Dieses Mal flatterte auch eine Einladung an mich, separat verschickt. Eine Frau aus dem Komitee rief an: Zum ersten Mal gibt es den Preis Neuer Stadttraum, und die Wernersche Fabrik benannt nach meiner Tante ist unter den Nominierten.

Sind Sie selbst anwesend?

Ja, das bin ich.

Viktor erfuhr von der Auszeichnung am gleichen Tag. Sein Blick war seltsam, als sähest du einen alten Bekannten zum ersten Mal.

Glückwunsch, kurz, knapp.

Danke.

Das Kleid kaufte ich mir selbst. Dunkelblau, tadelloser Schnitt, schlicht. Und trug meinen eigenen Schmuck: den Labradorit-Ring, den neuen, und kleine Granat-Ohrringe.

Wir saßen an getrennten Tischen. Viktor bei den Organisatoren, ich mit den anderen Geehrten. Ich erwischte seinen Blick ein Nicken, ich nickte zurück.

Der Saal war prächtig: Stuckdecken, Kristallleuchter, fein gekleidete Menschen, Blumen, Musik. Vor einem Jahr hätte ich noch in der Küche gestanden, den Lärm der anderen durch die Wände gehört.

Als unsere Kategorie aufgerufen wurde, stand ich auf, ging ruhig auch wenn meine Beine zitterten. Auf dem Podium sprach der Vorsitzende einige Würdigungsworte, dann nannte er meinen Namen, reichte mir eine Kristallfigur und einen Umschlag.

Möchten Sie ein paar Worte sagen?

Ich griff zum Mikrofon. Es war still. Ich sah Nadja am fernen Tisch, sie winkte. Dann Viktor. In seinem Gesicht ein ungewohntes, schwer zu deutendes Gefühl. Nicht Stolz, nicht Kränkung. Irgendwas dazwischen.

Ich danke allen, die an dieses Haus geglaubt haben, bevor es existierte: Künstlern, Handwerkern, Freunden. Und meiner Tante sie wusste nicht, dass sie mir mehr hinterlässt als ein Gebäude.

Drei Minuten sprach ich, nicht mehr. Es gab Applaus. Ich stieg von der Bühne, setzte mich.

Nadja kam in der Pause und umarmte mich.

Karin, hast du sein Gesicht gesehen?

Ja.

Und?

Nichts, sagte ich ruhig. Nichts Besonderes.

Viktor trat zu mir, als der Tanz begann.

Deine Rede war schön, sagte er.

Danke.

Du siehst gut aus.

Viktor, bitte spar dir das.

Er schwieg lange.

Wir müssen reden. Richtig reden.

Ich weiß, sagte ich. Zu Hause.

Das Gespräch dauerte. Kein Streit, keiner hatte die Kraft dazu. Nur das Erkennen, nebeneinander gelebt zu haben. Ich sagte, ich wolle die Scheidung.

Er schwieg lange.

Wegen jemand anderem?

Nein. Ich will alleine leben.

Du lebst doch schon dein eigenes Leben. Jetzt.

Ja. Und das will ich weiter. Allein.

Er stand auf, ging im Zimmer umher.

Das Haus. Teilen wir?

Das Haus steht auf dich. Aber das Grundstück darunter das gehört mir.

Er starrte mich an.

Wie bitte?

Ich erklärte es ruhig. Das Grundstück unter unserem Haus das mir durch die Erbschaft zufiel, weil es damals über die Familie meiner Mutter lief. Ein Zufall, den mir der Notar und ein Anwalt bei der Prüfung bestätigten. Es war wirklich meins.

Viktor blickte mich an wie nie zuvor.

Seit wann weißt du das?

Seit ich die Erbschaft bekam.

Und hast geschwiegen.

Ja. Wie du über viele andere Dinge.

Wir sprachen noch lange, erschöpfte Menschen, die ein gemeinsames Leben hinter sich hatten und sich neu betrachteten. Anwaltswechsel, drei Monate dauerte die Trennung. Kein Drama, nur Fakten. Das Haus blieb bei Viktor, zu klaren Bedingungen, die mein Anwalt festlegte. Die Abfindung investierte ich in die Wernersche Fabrik: das Café wurde erweitert, im Obergeschoss kam eine Galerie dazu.

Ich zog in eine kleine Wohnung, gleich um die Ecke. Vierter Stock, Blick auf die Dächer, eine alte Linde vor dem Fenster.

In der ersten Nacht lag ich wach, drei Uhr, lauschte der stillen Wohnung. Keine Stimmen, keine Schritte, kein fremder Atem. Nur ab und zu ein Auto unten und der Regen.

Ich war dreiundfünfzig. Ganz allein und nicht ängstlich. Das allein war bedeutsam für mich.

Ein Jahr verging.

Die Wernersche Fabrik lief bestens. Drei Dauermieter für Ateliers, Keramikkurse dreimal die Woche, Sonjas Café inzwischen richtig etabliert, Freitags spielte ein Jazzquartett. Klara war ausverkauft mit ihren Puppen, wir wurden Freundinnen die Art, bei der einfach der Moment stimmt.

Nadja scherzte gelegentlich:

Karin, du bist zehn Jahre jünger geworden. Oder fünfzehn.

Ich schlafe nur wieder durch, antwortete ich.

Schmuck machte ich weiter, aber nur noch für mich, abends, unter der kleinen Tischlampe, Steine, Silber, Werkzeug. Ganz still meine Zeit, mir allein gehörend.

Im Dezember begegnete ich Viktor zufällig unweit der Wernerschen Fabrik. Er war älter geworden, oder bemerkte ich es jetzt einfach klarer?

Karin, sagte er.

Viktor. Hallo.

Wir blieben stehen. Die Pause war nicht unangenehm, sondern gelassen, wie bei Menschen, die viel wissen, aber nichts mehr erklären müssen.

Wie gehts?

Gut. Und dir?

Geht so. Kurze Pause. Habe gehört, ihr habt den zweiten Saal eröffnet.

Im November.

Respekt. Keine Überheblichkeit, einfach ehrlich.

Danke.

Er trat von einem Fuß auf den anderen.

Sag mal, ich suche einen Showroom in der Innenstadt. Weißt du zufällig, ob es da anständige Leute für Umbauten gibt, denen man vertrauen kann?

Ich schaute ihn an. Da war sie, die alte Gewohnheit bereit, zu helfen, ihm etwas abzunehmen, die Dinge zu erledigen…

Ich lächelte.

Nein, Viktor, sagte ich ruhig. Weiß ich nicht.

Er war überrascht. Nicht gekränkt überrascht.

Okay… Dann alles Gute.

Dir auch.

Wir gingen in verschiedene Richtungen. An der Ecke blieb ich stehen, zog den Mantelkragen hoch. Leichter Frost, angenehme Kälte. Von der Nachbarstraße roch es nach Tannengrün vom Weihnachtsmarkt.

Heute Abend würde ich in die Wernersche Fabrik kommen, Klara hing ihre neue Serie auf, unser Kreis würde zusammenkommen, Sonja backte bestimmt etwas Besonderes Jazz, Stimmen, warmes Licht durch hohe Fenster.

Ich ging weiter.

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Homy
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Die Mauer zu ihren Gunsten
Ihre Schwiegertochter, Katharina, konnte Kallina einfach nicht akzeptieren. Und nein, nicht wegen des typischen Streits zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter – sie mochte sie schlichtweg nicht. Aber warum sollte man dieses tollpatschige Mädchen mögen? Wenn sie spricht, klingt es wie das Nebelhorn im Hamburger Hafen, ein Auge schielt, das Gesicht ist übersät mit Sommersprossen – ach herrje, was ist das bloß für eine Frau? Ihr Haar erinnert an einen Pferdeschweif – borstig, sie ist groß und schlaksig, die Arme wie Besenstiele, die Beine wie Ruder, die Augen wässrig und glotzig … Kallina konnte sie nicht leiden, sie wurde ihr nie sympathisch. Ihr Sohn, Johannes, hatte sie von weit her mitgebracht – offensichtlich stammen in diesen Gegenden alle solchen Schlages. Bei ihnen zuhause sind die Frauen anders – klein, schwarzäugig, mit weichem, flachsigem Haar, reinen Gesichtern, kräftig gebaut – sie hatte Kallina schon bei den Nachbarn ins Auge gefasst: Ulrike Schwarz, eine wahre Frohnatur, immer zu Späßen aufgelegt und fleißig dazu – diese sollte ihre Schwiegertochter werden! Mit Ulrikes Vater, Johann, war schon alles abgemacht, auch er hatte nichts dagegen, familiär mit den Reibachs verbandelt zu werden. Sie warteten nur auf Johannes, bis er seinen Wehrdienst abgeleistet hatte und zurückkehrte, um Hochzeit zu feiern. Dass Ulrike noch so jung und unschuldig war, störte Kallina nicht – besser so, geradewegs unter dem Schutz der Eltern in die Ehe. Das war eine ordentliche Bäuerin, oh, wie sie den Heuboden auskehrte – Kallina schwärmte heimlich von ihrer künftigen Schwiegertochter. Und sie brachte sogar Kuchen, hatte ihn selbst gebacken, auch Butter hat sie selbst gemacht, wollte Kallina wohl beeindrucken – fleißig, brav, und Kallina schätzte das sehr. In ihren Träumen kümmerte sich Kallina schon um Enkelkinder – fünf eigene Kinder hatte sie großgezogen, vier Töchter und als Fünften den jüngsten, Johannes. Ihr Mann hatte kaum Zeit, das Leben zu genießen, die Zeiten waren hart – Kallina blieb allein mit den Kindern … Aber sie schaffte es, das Gut durchzubringen, den Mädchen ihre Aussteuer zu organisieren – mit Fuhren, nicht mit Karren hinaus auf den Hof, aber doch ordentlich. Nur Johannes zu verheiraten blieb noch – und Ulrike war wie geschaffen dafür … Das Aussteuer hatte Gertrud, die Mutter, schon von Geburt an gesammelt, bei denen waren meist Söhne, und Ulrike die Jüngste. Das ganze Haus, der Viehbestand – alles ging an Johannes, die Mädchen hatten das Ihre schon erhalten – Kallina benötigte nichts mehr, ein kleines Eckzimmer würde ihr reichen, die Jungen würden sie an den Tisch holen – das wäre die Freude schlechthin … Kallina träumte schon davon, mit der Schwiegermutter bei Tee zu plaudern, über die jungen Leute zu spotten, zwei große Höfe zu vereinen – ja vielleicht, die Alten, würden später zusammen unter einem Dach leben, warum nicht? Die provisorische Hütte dort, kann man ja dämmen … Ganz andere, wundersame Träume hatte sie, wie als Kind – als liefe sie frei über die Felder, Arme ausgebreitet, die Beine tun nicht weh, ihr entgegen kommt ein schwarzäugiger Junge, das Haar flattert im Wind, ruft: „Oma, Oma, komm her, ich bin hier.“ Dann erwachte sie und lächelte – so ein Wunder, ein Enkelkind hatte ihr geträumt … Sie wartete sehnsüchtig auf Johannes, endlich sollte er nach Hause kommen. Und dann kam er … Nicht allein – mit der Braut, einer Städterin, ganz schmal, fast einen Kopf größer als er, das Haar wie Draht, glotzige Augen, Sommersprossen im Gesicht – Herrje … Oder vielleicht hat Johannes nur Spaß gemacht? Wie könnte man so ein langes Gestell lieben? Nein, kein Spaß, „Darf ich vorstellen, Mutter – meine Katharina.“ Kallina fiel fast vom Stuhl – wie konnte das sein? Hier wartete eine Braut auf ihn, und er bringt einfach eine andere mit … Sie rief den Nachbarsjungen, Felix, zog ihn am Ohr … „Au, Frau Kallina, warum hauen Sie mich?“ „Na, sag ehrlich, hast du Johannes Briefe geschrieben?“ „Hab geschrieben, wie Sie’s gesagt haben.“ „Über seine Braut zu Hause – hast du geschrieben?“ „Über Ulrike? Na klar! Aber …“ – der Junge wich zurück, „Ulrike ist doch noch ein Kind, zu jung für deinen Johannes, erst fünfzehn.“ „Red’ keinen Unsinn! Es ist Zeit, dass ein Mädchen heiratet!“ „Das war früher so, heute ist das verboten. Wir könnten das ganz schnell melden, dann bekommt ihr Ärger.“ „Ach was, wofür denn? Dafür, dass ich dich am Ohr gezogen hab? Du hast Nerven …“ „Fürs Ohrziehen … und dass ihr einen erwachsenen Mann mit einem Kind verheiraten wollt.“ „Ach geh … Ulrike ist genau richtig. Willst selbst vielleicht die Braut spielen, was? Kein Wunder, dass du falsch geschrieben hast.“ „Ich hab alles richtig gemacht, fragt euren Johannes!“ „Werd ich, ganz bestimmt!“ „Na, fragt ihn! Aber Ulrike kriegt ihr nicht, klar?“ – schluchzte Felix und rieb sich das Ohr. „Na warte, Bräutigam …“ rief Kallina ihm nach, „Die da, die Lange, ist schneller wieder weg, als du denkst …“ „Johannes, kann ich dich was fragen?“ „Ja, Mutter.“ „Hast du meine Briefe in der Armee bekommen?“ „Hab ich, Mutter. Alle bekommen.“ „Und über Ulrike … dass sie auf dich wartet … Das hab ich geschrieben …“ „Über Ulrike? Du hast geschrieben, sie lernt gut, will Medizin studieren in der Stadt, will Menschen helfen – und? Find ich gut, das Mädchen.“ „Was für einen Arzt? Und von Heirat hab ich geschrieben!“ „Mit wem, Mutter?“ „Mit Ulrike, Junge!“ „Mutter, Ulrike ist ein Kind. Wir dürfen eh nicht mehrere Frauen heiraten. Das hier ist meine Frau – Katharina.“ „Ach herrje! Wir hatten doch alles abgemacht! Willst du das Mädchen ruinieren? Schick sie weg, schick diese Rothaarige weg, keiner wird’s erfahren! Heirat unsere, eine gute …“ fiel Kallina auf die Knie, „Bitte, im Namen Gottes!“ „Mutter, bitte, genug jetzt! Ich kann das nicht mehr hören. Katja ist meine Frau – ich liebe sie! Wenn du nicht mit uns leben willst, gehen wir. Katja ist Ärztin, sie ist jetzt hier, wird die neue Dorfarztpraxis übernehmen … Mutter, wir gehen! Leb, wie du willst.“ „Ist sie’s? Katharina also, sie nimmt dir den Sohn weg! Da hast du’s, Junge …“ Kallina brach zusammen, der Mund verzerrt, der Körper zitternd. Diese Rothaarige tat etwas – und Kallina ging’s besser. Doch lieben konnte sie Katja deshalb nicht … Lange hatten Johannes und Katja keine Kinder, die Alte unkte, „Hätte er Ulrike geheiratet, wären längst Kinder da!“ Ulrike ging fort, zum Studium, mit dem Sonderling … „Sie kommt zurück, wirft die Rote raus – und Johannes heiratet sie!“ träumte Kallina. Sie bemerkte, wie weiß Katja geworden war, blasser als ein Kopfsalat im Berliner Winter, sogar die Sommersprossen verschwanden – krank sah sie aus. „Was ist mit deiner Frau?“ Johannes lächelt, versteckt strahlende Augen. „Mutter, du wirst bald Oma!“ Kallina ging zornig davon … Alles verloren – keine Ulrike-Enkel mehr … Und von der Anderen – nicht mal anfassen will sie das Kind. Katja hatte eine schwere Schwangerschaft, es war deutlich zu sehen … Sie nannten ihn Jonas. Kallina hielt Wort – sie kam nicht, ließ sie machen. Vier Monate war der Kleine schon Teil der Familie. Johannes arbeitete bis tief in die Nacht, Katja schaffte alles alleine – Kind, Haushalt, Vieh … Die Alte kümmerte sich nicht. Nachts wurde sie wach – das Baby schrie. Hörte die da nichts? „Johannes, warum schreit das Kind bei euch?“ Stille. Sie stand auf, seufzte. Der Kleine schrie in der Wiege, seine Mutter lag bewusstlos auf dem Boden … Blut … „Weißt du, weck doch – was machst du, Dummchen? Was soll ich nur tun?“ Katja stöhnte, immerhin lebte sie. Kallina versorgte sie … „Wen hol ich jetzt? Was mach ich … dich kann ich nicht lassen, das Kind auch nicht …“ Panik. Da kam Johannes – glücklich, lächelnd. „Wo warst du?“ „Mutter, warum wach? Bei der Arbeit …“ „Arbeit? Deine Frau liegt am Boden! Jetzt lauf zu Nachbar Karl, hol den Wagen, wir müssen ins Krankenhaus, sonst stirbt sie. Später reden wir!“ Im Krankenhaus – Katja ist schwach, hört die Tür, denkt: Schwiegermutter? Ja, Kallina, mit einem kleinen Beutel. Sie setzt sich leise ans Bett. „Ich hab Jonas versorgt. Hab die Nachbarin gebeten, auf ihn aufzupassen, hat sieben eigene großgezogen, unsern wird sie nicht verschmähen …“ Katja das Wort „unser“ zu hören, durchwärmte ihr Herz. „Du liegst hier nur in Hemd und Decke, ich hab dir Sachen gebracht, jetzt hol ich noch Wasser, dann wasch ich dich – die Schwestern haben dich sicher gar nicht gewaschen, liegst ja ganz blutig da.“ Sie sprang los, rege Betriebsamkeit, die anderen Frauen im Saal blicken neidisch – „Kathas Mutter kümmert sich wirklich!“ „Bleib hier, du brauchst Zeit. Wenn nötig, komme ich jeden Tag!“ Flüsterte Kallina beim Zudecken: „Was hast du dir nur gedacht? Wer soll sich denn um Jonas und mich kümmern? Männer, heut hier, morgen fort – aber Kind bleibt immer … und die Schwiegermutter ist dir ja auch nicht fremd.“ Dann: „Gut, Katja, ich muss los, bis morgen.“ „Danke … Mama“, flüsterte Katja, Kallina hält inne, lächelt schüchtern und eilt hinaus. „Was hast du für eine tolle Mutter, Katja …“ „Ja, sie ist so …“, Katja stockt, „aber sie ist eigentlich meine Schwiegermutter.“ „Deine Schwiegermutter?“ – ungläubig. „Ja – aber sie ist wie eine Mutter zu mir.“ Am nächsten Tag kam Johannes. Setzte sich ans Bett. „Vergib mir … Es tut mir leid, ich war ein Idiot …“ „Schon gut … Hauptsache, du weißt jetzt, was dir wichtig ist.“ „Du und Jonas … und Mama …“ Ach, was ist sie für eine ungeschickte Schwiegertochter für Kallina – aber lieben kann man sie für ihren frohen Geist, ihre Stimme, wenn sie singt, für die geschickten Hände, die alles schaffen. Und vor allem: für die Enkel – Jonas, Max, Andreas, Sebastian und Marie … Gott sei Dank ist nichts passiert, Katja hat noch mehr Kinder geboren, ihr Leben lang den Fehler bereut, den sie in ihrer Verzweiflung beging … Kallina konnte nie sagen, warum sie Katja liebte. Aber sie tat es. So sehr, dass sogar die eigenen Töchter eifersüchtig waren und meinten: „Mama, die Fremde ist dir lieber als wir.“ Aber wie könnte sie fremd sein? Dreißig Jahre Seite an Seite … Kallina wurde sehr alt. Sie hat alle Enkelkinder aufgezogen, sogar die Urenkel verwöhnt und ist dann mit einem ruhigen Lächeln und reinem Herzen gegangen …