Die Nachbarin von oben

Die Nachbarin von oben

Elke, wohin hast du meinen großen Topf gestellt? Den, in dem ich immer meine Linsensuppe koche?

Frau Gertrud Schäfer, der stand mitten im Gang. Ich habe ihn unten ins Regal gestellt.

Unten ins Regal! Ich kann mich da nicht bücken, mein Rücken macht das nicht mit! Überlegst du eigentlich, bevor du fremde Sachen rumräumst?

Ich stand am Spülbecken und schaute aus dem Fenster. Draußen nieselte es Oktober, ruhig und grau. Auch in mir nieselte es, ein Gefühl, das noch keine Wut war, sondern mehr so ein dumpfer Vorbote das ist erst der Anfang.

***

Frau Gertrud Schäfer kam am Freitagabend an. Jörg holte sie an der Haustür ab, trug zwei schwere Taschen und eine riesige, kariert-klassische Reisetasche das, was ältere Damen liebevoll Kofferschreck nennen. Ich lächelte. Ein ehrliches Lächeln, weil ich wusste: Sie ist 78, ihre Wohnung wird unerwartet saniert ein Wasserschaden von den Nachbarn darunter, die Hausverwaltung kam erst nach einem halben Jahr in die Pötte, jetzt ist da alles blank bis zum Beton. Sie hatte schlicht keinen anderen Ort zum Schlafen. Das ist kein Überfall, redete ich mir ein. Das ist vorübergehend.

Das Wort vorübergehend sollte ich später mit besonderer Betonung in Erinnerung behalten.

Ich bin 56. Nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt, irgendwie mittendrin, mit genug Lebensweisheit und doch noch biegsam, um nicht beim kleinsten Windstoß zu zerbrechen. Ich arbeite von zu Hause, nehme Aufträge für künstlerische Stickereien an für private Sammler oder kleinere Galerien. Das ist kein Hobby, sondern mein Verdienst, und ein guter dazu. Außerdem betreibe ich einen Online-Kurs für Kettenstich und Goldstickerei. Mein Arbeitsplatz, dort im Schlafzimmer, gibt mir Ruhe und Licht vom Nordfenster. Meine Fäden, Rahmen, Stoffe, ausgedruckte Muster das ist mein Atelier. Mein kleines Imperium.

Unsere Wohnung Jörg und ich, zwei Zimmer, aber sehr clever geschnitten. Vor acht Jahren sind wir hergezogen, als die Kinder ausflogen. Erst einmal habe ich alles Überflüssige rausgeschmissen. Keine Dramen, keine Wehmut. Ich habe verschenkt, verkauft, weggeworfen, was uns nicht mehr diente. Was geblieben ist, ist nur, was wir brauchen und was schön ist: helle Wände, wenig Möbel, keine Teppiche, keine Vitrinen voller Porzellan, keine getrockneten Blumenbuketts als Erinnerungsstücke. Drei lebende Pflanzen auf der Fensterbank: ein Ficus, eine Sansevieria, und ein kleiner Rosmarin in der Küche. Jedes Regal weiß, was es beherbergt; jede Schublade schließt mühelos. Weil sie nicht zu voll ist.

Am Anfang hat Jörg gemeckert. Sagte, er fühle sich wie in einem Hotel. Bald gewöhnte er sich daran und schimpfte mit, wenn jemand etwas herumliegen ließ. Wir fanden unseren Rhythmus, unsere Luft, unser Miteinander in diesem Raum.

Dann zog Frau Schäfer in unsere Luft ein.

***

Die ersten zwei Tage liefen sogar erfreulich. Sie richtete sich im Gästezimmer ein, das wir auf die Schnelle zurechtgemacht hatten: Klappsofa, halber Kleiderschrank. Ich brachte eine zusätzliche Lampe, ein Glas Wasser auf den Nachttisch, ein Buch. Ich dachte, das sei fürsorglich und nett.

Doch schon am dritten Tag fand ich eine selbstgehäkelte Spitzendecke auf der Fensterbank im Flur. Rund, cremefarben, zartes Muster am Rand. Sie lag unter Frau Schäfers Telefon, als hätte es nie anders ausgesehen. Als gehörte die Fensterbank schon immer ihr.

Ich räumte die Decke weg legte sie ordentlich gefaltet auf ihren Nachttisch.

Am nächsten Morgen lag sie wieder dort.

Mir wurde klar: Es passiert nicht mit Absicht. Genau darin lag die Schwierigkeit. Frau Schäfer war nicht im Kampfmodus. Sie lebte, wie sie es eben immer getan hatte. Für sie war die gehäkelte Decke unter dem Telefon Ordnung, Heimeligkeit, das einzig Richtige. Sie stammt aus einer Zeit, in der viel Besitz für Wohlstand stand. Wo leere Fensterbänke als Mangel oder Nachlässigkeit galten. Fünf Sorten Getreide in fünf Gläsern bedeuteten für sie Wirtschaftlichkeit, nicht Chaos.

Auch ich komme aus dieser Welt aber habe sie bewusst verlassen.

***

Nach einer Woche war die Küche kaum wiederzuerkennen. Drei Emailletöpfe in verschiedenen Größen, die in keinen Schrank passten, belagerten die Arbeitsfläche. Dazu kam ein gelber Plastikständer für Deckel, baumartig mit Schnörkeln. Im Kühlschrank war Experimentierfeld: Gläser mit sauren Gurken aus dem Schrebergarten der Tochter, eine Schüssel mit Eisbein, ein Beutel mit eingeweichten Bohnen, und ein Behälter voller eingeparter Hackfleischröllchen, die ich nicht zu identifizieren wagte. Mein Naturjoghurt wanderte nach unten in die Türkammer, verdrängt von einem Glas Senf und einer Flasche selbstgemachten Holundersafts.

Ich stellte den Joghurt zurück. Frau Schäfer schob ihn wieder weg.

Abends duftete die Küche nach Schmorwurst, Röstzwiebeln, Kohl alles schwer, deftig, vertraut aus Kindheitstagen. Es war nicht mein Duft, nicht mein Abend, nicht meine Luft.

Jörg kam nach Hause, schnupperte und sagte:

Hm, Mutti hat gekocht! Riecht lecker.

Ich schwieg.

***

Nach zwei Wochen erschien ein kleiner Teppich vor dem Sofa, aufgedruckte Röschen, Synthetik, wie man sie für fünfzig Euro im Baumarkt bekommt. Frau Schäfer erklärte, dass sie mit kalten Füßen schlecht aus dem Bett kommt ihr Leben lang habe sie einen Teppich am Bett gehabt. Was sollte ich sagen? Dass mir das nicht gefällt? Das wäre lächerlich kleinlich gewesen.

Ich schwieg.

Bald hing ihr Flanell-Cardigan an der Garderobe, nicht in ihrem Schrank, sondern bei unseren Jacken, gleich neben Jörgs Mantel und rutschte auf seinen Ärmel.

Ich hängte den Cardigan auf den freien Haken im Bad.

Frau Schäfer holte ihn zurück.

Da hängt er zu weit weg, da komme ich morgens nicht ran, sagte sie.

Ich nickte.

Abends fragte Jörg:

Gehts dir gut? Du bist so ruhig.

Alles gut, erwiderte ich.

Eine Lüge. Und wir wussten es beide. Aber Ignorieren war einfacher.

***

Die Sache mit dem Schlafzimmer war wichtiger, weil es mein Arbeitsplatz mein Geld betraf. Für mein Stickerei-Projekt hatte ich alles exakt eingerichtet: ein langer, heller Schreibtisch, maßgefertigt aus Birkenholz, Ablagen für Vorlagen, Schubladen für Garn. Darüber eine Speziallampe mit neutralem Licht damit die Farben stimmen. Daneben ein Regal, die Garne nach Farben geordnet, von kühl zu warm meine Arbeitsstruktur.

Auf dem großen Stickrahmen spannte ich ein aufwendiges Werk, ein wichtiges: Ein Auftrag eines Sammlers aus Hamburg eine verkleinerte Replik eines alten Altardeckchens, Goldstickerei, japanische Seide, vergoldeter Faden. Abgabe Ende November, Anzahlung war längst drauf. 600 Euro winkten.

Drei Monate arbeitete ich daran.

Niemand durfte an den Rahmen. Ich erklärte stets: Jeder Griff beschädigt das Gewebe, und ich muss alles neu machen. Jörg wusste das. Wir haben keine Katze. Unsere Kinder leben in anderen Städten. Es war alles unter Kontrolle bis Frau Schäfer kam.

***

Es war Donnerstag, Mittag. Ich fuhr in die Stadt, brauchte eine spezielle Farbe Garn, Terracotta mit Goldton nicht online bestellbar, ich wollte es im Laden sehen. Es dauerte etwa eine Stunde, samt Apotheke.

Ich kam zurück, betrat das Schlafzimmer und erstarrte.

Frau Schäfer stand am Regal, sortierte Garnknäuel in kleine Boxen. Sie legte sie um, teilte sie nach ihren Maßstäben ein und auf dem Tisch lag eine Spule japanisches Garn, halb abgewickelt, teilweise verknotet. Es war ein Roségoldton, den ich nicht mehr als Vorrat hatte. Und was mich am meisten traf: Am Gewebe war ein kleiner Knick, als hätte sich jemand angelehnt oder unsanft angestoßen.

Ich stand sprachlos in der Tür.

Frau Schäfer drehte sich um und sagte ganz gelassen:

Elke, hier war völliges Durcheinander. Ich hab ein bisschen sortiert schau wie ordentlich das jetzt aussieht!

Frau Schäfer, flüsterte ich, bitte verlassen Sie das Zimmer.

Wieso? Ich wollte doch nur helfen…

Ich weiß. Bitte, gehen Sie.

Sie ging. Gekränkt. Mit verkniffenem Mund.

Ich schloss die Tür, setzte mich vor den Stickrahmen und prüfte alles. Der Faden war nicht gerissen endlich, Glück im Unglück. Die Falte ließ sich ausbessern, das Gewebe nachspannen. Ein Drittel des Fadens musste ich abschneiden zu stark verheddert. Die Seide ist hauchdünn, reißt bei zu viel Zug.

Kein Weltuntergang aber es war die Schwelle, nach der mir klar war: So geht es nicht weiter.

***

Abends fragte Jörg, warum seine Mutter beim Essen so schweigsam war.

Ich erzählte es.

Er hörte zu, kaute auf der Lippe und sagte schließlich:

Sie meint es ja nur gut. Wirklich.

Ich weiß, dass sie es nicht böse meint.

Halte noch ein bisschen durch. Für sie ist das alles schwer. Sie ist fremd hier.

Jörg, das ist mein Arbeitsplatz. Mein Verdienst.

Verstehe ich. Aber meine Mutter ist ja nicht ewig hier.

Dieses nicht ewig hörte ich nun zwei Wochen. Ich fragte direkt:

Wie lange noch?

Baufirma sagt, bis Dezember.

Dezember. Noch anderthalb Monate. Ich sah Jörg an er liebte uns beide und wollte keinen Schmerz. Er war so ein Mensch, der glaubt, dass alles irgendwie gut wird, wenn alle freundlich bleiben und ein bisschen Geduld haben.

Ich wusste: Ich musste die Initiative ergreifen.

***

In jener Nacht schlief ich nicht. Wälzte Gedanken. Offenes Gespräch mit der Schwiegermutter? Sie wäre verletzt, würde weinen, Jörg vorwurfsvoll beäugen. Krach? Macht alles nur schlimmer. Ultimatum an Jörg? Das wäre unehrlich, eine Falle. Einfach hinnehmen? Nicht mehr. Auch nicht mit zerstörter Garnrolle.

Ein vierter Weg also. Diplomatisch, leise, beharrlich: Ich wollte ihr nicht schaden, nur mein Zuhause zurück.

***

Erst kümmerte ich mich um Beschäftigung für Frau Schäfer.

Ich wusste: Sie war immer in Bewegung. In ihrem Stadtteil ging sie zur Bibliothek, gelegentlich in die Kirche, und saß im Sommer im Schrebergarten der Tochter. Hier langweilte sie sich. Langeweile bei Älteren wird zu Tatendrang, und der spielt sich dann in meiner Wohnung ab.

Ich rief meine Freundin Anne an, die im Seniorenbüro arbeitete. Fragte, was es für ältere Leute im Viertel gibt.

Anne lachte:

Eine Menge! Nordic Walking morgens, Chor mittwochs und freitags, ein Bastelkurs Filzen, und immer dienstags Gesundheitsthemen, alles kostenlos, nur Ausweis und Krankenversicherung.

Wie meldet man sich?

Einfach hingehen.

Zu Frau Schäfer sagte ich nicht: Hier, das wäre was für Sie! Zu grob, zu durchschaubar. Ich pflanzte nur Impulse.

Beim Abendessen streute ich beiläufig ein:

Frau Schäfer, Sie haben doch immer gesungen, oder? Jörg hat erzählt, dass Sie im Kirchenchor waren.

Sie lächelte auf, ja: Schon als junge Frau, und sogar mal Solo.

Im Stadtteil gibts einen Chor für Erwachsene, meinte eine Bekannte. Der Chorleiter soll klasse sein, nette Leute und kostenlos. Vielleicht hätten Sie ja Lust unter netten Leuten, wenn Sie schon aus Ihrem Umfeld gerissen sind…

Sie winkte ab. Allein in neue Gruppen zu gehen, sei komisch.

Ich bohrte nicht nach, legte das Thema nur beiseite.

Drei Tage später reiste ich es sanft wieder an der Chor gäbe Konzerte bei Festen, und es gäbe Gruppenfotos in der Stadtteilzeitung… Das Wort Zeitung elektrisierte sie.

Die Woche drauf bat sie mich um eine genaue Wegbeschreibung zum Seniorenbüro.

Ich malte eine Skizze, extra groß, auf glattes Papier.

Mittwochs war sie um zehn fort und blieb bis nach drei. Sie kam fröhlich zurück.

So nette Frauen! erzählte sie beim Nachmittagskaffee. Und der Chorleiter, Herr Winkler, jung noch, aber konsequent. Wir üben deutsche Volkslieder und ein paar Schlager. Er sagt, ich hätte ein gutes Alt.

Toll! Ich freute mich wirklich für sie.

Mittwochs und freitags war die Wohnung ruhig später kam Nordic Walking dazu, da nahm sie eine neue Chorkollegin mit, Helga aus dem Nachbarhaus, eine lebhafte Frau.

Die Wohnung atmete freier. Nicht leer, aber ruhiger.

***

Den zweiten Teil musste ich clever anpacken.

Ich rief Frau Schäfers Tochter, Katrin, an. Wir waren nie enge Freundinnen, aber höflich. Ich sagte offen:

Katrin, wir freuen uns, dass deine Mutter hier wohnt. Aber sie will sicher rasch heim sie ist an ihre gewohnte Umgebung gebunden, und so eine Baustelle zieht sie runter.

Sie stöhnte, die Baufirma würde dauernd vertrösten. Selber sei sie nur selten da.

Ob sie die Baustelle selbst kontrolliere, fragte ich.

Nein das mache ein Bekannter ihres Mannes, der genug um die Ohren hätte.

Ich bot Hilfe an.

Ich kenne einen Bauleiter. Er kann sagen, was wirklich nötig ist und wo Zeit verschwendet wird.

Sie war erleichtert. Ich sprach mit unserem Nachbarn, Herrn Klaus Richter, der Jahrzehnte Bauleiter war.

Fußboden gießen, Wände glätten, Bad erneuern? Drei Wochen Arbeit, niemals drei Monate, sagte er.

Herr Richter besuchte die Sache, sprach mit dem Bautrupp. Stellte schnell fest: Die Männer arbeiteten parallel in anderen Wohnungen, machten jeweils nur das Nötigste, Geld war teils schon geflossen, keine Eile.

Er sprach unverblümt mit dem Truppchef. Klare Ansage: tägliche Arbeit, drei Wochen, nicht mehr. Und er kontrolliere.

Katrin überarbeitete die Verträge, stellte Bedingungen. Plötzlich arbeiteten die Bauleute flott.

Davon erzählte ich Jörg nichts nicht weil ich was verheimlichen wollte, sondern weil ich ihn nicht nötigen wollte, Partei zu ergreifen. Es war meine Aufgabe.

***

Die drei folgenden Wochen waren eine Zitterpartie.

Es gab schöne Abende Frau Schäfer kam strahlend vom Chor zurück, erzählte von Helga, Kuchen im Stadtteilcafé, wie Herr Winkler sie lobte. Dann war sie heiter, und wir lachten zu dritt am Tisch und sie erinnerte sich an früher. Das war echte Wärme.

Doch schlechte Tage blieben.

Eines Morgens fand ich meinen geliebten Ficus vom Fenster verbannt, stattdessen stand Frau Schäfers Geranienstöckchen dort. Er blühte prachtvoll, rosa. Sie erklärte: Der Ficus nimmt dem Geranium das Licht, und das braucht Sonne.

Der Ficus im schattigen Eck ließ abends schon die Blätter hängen.

Ich rückte alles kommentarlos wieder zurück. Wir begegneten uns im Flur.

Sie sagte:

Du könntest ruhig mal fragen.

Ich erwiderte:

Gleichfalls.

Es war der einzige Moment, an dem es zwischen uns knirschte. Kein Streit, keine Tränen. Nur ein ehrlicher Blick auf die jeweils andere.

Sie zog sich zurück ich auch. Das wars. Das Gespräch beim Abendessen drehte sich um anderes.

Jörg bekam das alles mit. Er schwieg manchmal machte mich das stumme Wegsehen wütender als der Blumentausch. Aber Männer denken oft: Wenn man Risse nicht direkt sieht, wachsen sie vielleicht nicht weiter.

Sie wachsen immer.

***

Eines Abends, als Frau Schäfer früh schlafen ging, stickte ich am Schreibtisch. Im Zimmer war es ruhig, Lampe, leises Ticken der Uhr. Jörg kam rein, setzte sich auf die Bettkante.

Du bist sauer auf mich, sagte er.

Ein bisschen, gab ich zu, ohne mich umdrehen zu müssen. Nicht auf dich, nur auf die Umstände.

Ich weiß, wie schwer das für dich ist.

Verstehen und dabei sein, das sind zwei Dinge, Jörg.

Er schwieg.

Was soll ich denn machen? fragte er.

Nichts, Jörg. Ich mache schon, keine Sorge.

Er fragte nicht nach. Vielleicht wollte er es nicht wissen, vielleicht fürchtete er, Partei ergreifen zu müssen. Er las noch ein wenig, schlief dann ein. Ich stickte noch eine Stunde, hörte auf das Ticken der Wanduhr und das leise Atmen hinter der Wand von einer alten Frau, die nicht aus Bosheit, sondern einfach aus Gewohnheit einen Teil meines Lebens mitgenommen hatte.

Ich dachte: In Familien ist das Zermürbendste nicht der offene Hass Hass ist ehrlich. Schlimm ist, wenn alle eigentlich gut sind und sich lieben, aber keiner mehr Luft bekommt. Niemand ist der Schuldige, auf niemanden kann man wirklich böse sein.

***

Die Baustelle war tatsächlich schneller fertig als gedacht auf Druck von Herrn Richter.

Katrin meldete sich am Samstag. Die Handwerker haben alles abgebaut, alles ist fertig. Es muss nur nochmal durchgelüftet werden. Wir unterhielten uns länger. Ich merkte, dass sie mich mit neuen Augen sah nicht nur als Schwägerin, sondern als verlässlichen Menschen.

Jetzt galt es, Frau Schäfer so zu verabschieden, dass sie sich nicht abgeschoben fühlte.

Darüber dachte ich den ganzen Samstag nach.

Abends, beim Essen, als wir zu dritt waren und Frau Schäfer von einem baldigen Chorkonzert erzählte, sagte ich mit einem Lächeln:

Frau Schäfer, ich muss Ihnen was erzählen aber keine Angst, es ist etwas Gutes.

Sie hielt inne, schaute mich an.

Ich habe vor Wochen mit einem Bauleiter gesprochen, der jetzt Ihre Wohnung betreut hat. Und jetzt ist alles renoviert und bereit. Sie können wieder nach Hause.

Frau Schäfer schaute zu mir, dann zu Jörg, dann wieder zu mir.

Das hast du… selbst organisiert?

Naja, Herr Richter half auch. Ich wollte Sie nicht länger als nötig aus Ihrem Zuhause holen. Sie gehören dorthin, wo Sie sich wohlfühlen.

Jörg sah mich an, als hätte er mich nie zuvor gesehen.

Frau Schäfer schwieg kurz, stand dann auf und nahm meine Hände. Ihre vielarbeitenden, warmen, altersgezeichneten Hände.

Elke, sagte sie. Du bist eine Gute.

Ich wusste nicht was antworten. Ich drückte nur ihre Hand.

***

Am Sonntag war der Umzug. Jörg half mit dem Gepäck, richtete alles ein. Ich blieb daheim, kochte, und wollte einfach nur allein in meiner Wohnung sein.

Die erste halbe Stunde lief ich von Zimmer zu Zimmer, berührte die Wände, setzte mich an meinen Arbeitsplatz am Nordfenster.

Ich räumte den Rosenteppich hinaus jetzt wirkte er verloren, seiner Besitzerin beraubt. Die letzte Spitzendecke nahm ich von der Fensterbank, die wohl im Packtrubel vergessen wurde. Ich öffnete ein Fenster, ließ frischen Oktober herein.

In der Küche entdeckte ich im Kühlschrank einen ordentlich verpackten Behälter auf der zweiten Ablage. Ich öffnete ihn: unsere Lieblingssoljanka, die Jörg so schätzt, nach Geheimrezept von Frau Schäfer, dreierlei Fleisch. Sie hatte uns Essen für zwei Tage dagelassen.

Ich schloss den Kühlschrank und lehnte mich dagegen.

Das Leben ist seltsam. Drei Wochen lang gerät man sich in die Quere und doch lässt jemand zum Abschied seinen besten Eintopf im Kühlschrank stehen.

***

Abends kam Jörg zurück. Wir aßen. Es war ruhig, aber friedlich. Er spülte, ich trocknete ab, unser altes Ritual.

Im Bett lag er eine Weile schweigend da, blickte an die Decke.

Du hast also das alles mit dem Umbau eingefädelt?

Ja.

Warum hast du mir das nicht früher gesagt?

Ich überlegte einen Moment.

Du hast mich gebeten, geduldig zu sein. Ich bin halt anders damit umgegangen habe gehandelt, statt zu warten. Ich dachte, du wolltest nicht zwischen die Fronten geraten.

Du hättest mir vertrauen können.

Ich vertraue dir, Jörg. Aber ich weiß, dass du dich vor allem für deine Mutter verantwortlich fühlst und darunter leidest. Das wollte ich dir ersparen.

Er schwieg lange.

Das war klug und irgendwie verletzend, sagte er schließlich.

Ich weiß. Es tut mir leid.

Wir lagen nebeneinander im Dunkeln. Keine vollkommen offene Geschichte. Keiner sagte alles, was er dachte. Wir mieden die große Konfrontation, lösten die Sache still, mit unsichtbarer Kraft.

Ob das gut war? Ich weiß es bis heute nicht.

***

Frau Schäfer rief eine Woche später an. Ihre Stimme klang zufrieden. Sie erzählte, die Wohnung sei jetzt hell, die Wände sandbeige so wie sie es immer wollte. Ihre Lieblingstassen hatte sie aus der Umzugskiste geholt, alles an seinem Platz. Die Nachbarin, Frau Bartels, sei endlich gesund, habe sich gefreut, sie zu sehen.

Beim Chor mache ich weiter, sagte sie. Herr Winkler hat gesagt, wir fahren im Februar zum Landeschorwettbewerb. Helga meint, wir sollen zusammen einen Kuchen mitbringen.

Toll, sagte ich.

Elke, sagte sie plötzlich langsam, ich weiß, dass ich euch manchmal im Weg war, als ich bei euch wohnte…

Ich log nicht, sagte nicht: Nein, das war schon in Ordnung. Wir hätten beide gemerkt, dass das nicht stimmt.

Wir sind einfach verschieden, Frau Schäfer, sagte ich. Das ist nicht schlimm. Hauptsache, dass Sie jetzt glücklich sind.

Sie schwieg, dann:

Ja. Das ist das Wichtigste.

***

Manchmal denke ich an diese sieben Wochen. Nicht oft, aber manchmal.

An den Rosenteppich, die Töpfe auf der Arbeitsplatte, die Geranie an meinem Fenster, an die Soljanka im Kühlschrank. Daran, wie Frau Schäfer meine Hände hielt warm, knorrig, ehrlich. Daran, wie Jörg irgendwie verletzt sagte das war ehrlicher als alles, was er vorher andeutete.

Ich habe keinen Krieg gewonnen. Es gab keinen. Vielmehr eine Aufgabe, die ich gelöst habe, ohne laut zu werden, ohne jemandem zu schaden.

Das ist keine Heldentat. Manchmal muss man einfach nur beharrlich die eigene Lebensform wahren wenn andere, aus reiner Gewohnheit, anfangen, sie umzuformen.

Grenzen zu bewahren heißt nicht, Mauern zu ziehen oder zu streiten. Vielmehr, zu wissen, was man will und still, aber zielstrebig, darauf hinzuarbeiten.

Familie ist ein seltsames Konstrukt. Sie überlebt selbst an unbequemen Orten, sie atmet durch kleine Ritzen. Und manchmal hinterlässt sie zum Abschied einen Eintopf im Kühlschrank.

***

Im November übergab ich das Stickwerk dem Sammler. Er war sehr zufrieden, überwies den Restbetrag. Ich kaufte mir einen neuen Strang japanische Seide, zart goldfarben wie ein Herbstblatt, und legte ihn in meine Schublade an seinen Platz.

Auf der Fensterbank stehen jetzt wieder drei Töpfe: Ficus, Sansevieria, Rosmarin. Keine Spitzendecken.

Die Wohnung atmet ruhig. Es riecht nach Kaffee und ein wenig nach Bienenwachs, von der Kerze, die ich abends anzünde. Jörg liest im Sessel. Draußen wird es langsam Winter.

Jeder Gegenstand hat seinen Platz.

***

Einen Monat später besuchten wir Frau Schäfer. Ich brachte ihr eine Holzschachtel Marshmallows aus der Konditorei, von der sie so schwärmte. Sie öffnete die Tür und zog uns gleich zur Besichtigung. Die Wohnung wirkt hell, sandbeige, wie sie es wollte. Auf jedem Fensterbrett liegt ihre Spitzendecke. Und der Rosenteppich liegt selbstverständlich vorm Sofa.

Ich schaute hin und spürte: nichts. Kein Ärger, kein Überlegenheitsgefühl. Es war einfach ihr Zuhause.

Beim Tee sagte sie zu Jörg und mir:

Im Februar ist der Wettbewerb. Ich würde mich so freuen, wenn ihr zuhören kommt. Wir singen Die Gedanken sind frei.

Jörg sagte:

Natürlich kommen wir.

Ich sagte:

Sehr gerne.

Und der Winter, draußen grau, war auf einmal viel wärmer.

Manches lässt sich nicht erzwingen und es passt doch zusammen. Festival-Familie nennt man das manchmal. Jeder in seinem Raum, mit eigenen Regeln und beim nächsten Lied wieder gemeinsam.

Das Leben ist nicht perfekt. Doch mit Liebe, Standhaftigkeit und Respekt kann es trotzdem stimmig bleiben.

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Homy
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Die Nachbarin von oben
Mama, ich hole dich ab