— Du bist verantwortungslos, Mama. Such dir woanders einen Ort zum Kinderkriegen.

Du bist verantwortungslos, Mama. Such dir einen anderen Ort zum Vermehren.

Louise war gerade siebzehn, als sie Johannes heiratete. Direkt von der Schulbank, einen Monat später schon mit Ring am Finger und einem Bauch, der schneller wuchs, als die Nachbarn tuscheln konnten Das ging aber fix, bestimmt ein Unfall, ja, ganz sicher ein Unfall.

Sie bekam eine Tochter, nannte sie Anneliese, und zog in die großzügige Altbauwohnung seiner Mutter ein. Eigentlich wohnte seine Mutter, Edeltraud, in einer anderen Wohnung, nur zwei U-Bahn-Stationen entfernt, aber trotzdem fühlte sie sich verpflichtet, jeden Schritt der jungen Familie zu kontrollieren. Die Wohnung war groß, drei Zimmer, hohe Decken, schwere Möbel aus den 70ern, die Edeltraud nie hergeben wollte. Louises Herz klopfte dort immer wie zu Besuch: Eigentlich wollte sie nur kurz bleiben, blieb dann aber Jahre.

Mit Anneliese herumzutollen, war für Louise das größte Glück. Windeln, kleine Häubchen, schlaflose Nächte, der erste Zahn, der erste wackelige Schritt, das erste Mama, bei dem Louise jedes Mal fast zerbrach vor Zärtlichkeit. Aber Anneliese wuchs nicht nur mit ihr auf, sondern auch mit Oma Edeltraud, die jeden Tag vorbeikam, und mit Tante Birgit, Johannes älterer Schwester, die das kleine Zimmer neben der Küche bewohnte. Birgit war fünf Jahre älter als Johannes, hager, mit zusammengebundenem Zopf und lebenslangem Geruch nach Bitterkeit um die Lippen. Edeltraud und Birgit waren Prinzipienreiterinnen, Frauen, die immer wussten, wie das Leben zu führen sei: wie man ein Kind richtig zieht, wie man einen ordentlichen Eintopf kocht, wie man Wäsche wäscht, wie man sich dem Ehemann gegenüber verhält.

Louise, warum lässt du Johannes denn überhaupt mit seinen Freunden in die Werkstatt gehen?, fragte Edeltraud mit schmalem Mund. Mein Mann, Gott hab ihn selig, ist immer nach Feierabend gleich nach Hause. Ich hab das zur eisernen Regel gemacht die Familie steht immer an erster Stelle.

Louise schwieg, denn Widerspruch war nutzlos. Ein Blick von Edeltraud ließ jedes Argument dahinschmelzen. Birgit setzte gerne noch einen drauf:

Du, Louise, pass bloß auf, dass Anneliese auch richtig erzogen wird. Ich hab ihr altersgerechte Bücher besorgt. Kinder sind heutzutage so verzogen, und schuld sind immer die Mütter.

Also achtete Louise darauf. Anneliese las die Bücher, besuchte mit der Oma Museen, lernte Englisch mit der Nachhilfelehrerin, die Edeltraud engagiert hatte. Sie wuchs zur vorbildlichen, belesenen, ernsten jungen Dame heran. Eine zweite Edeltraud, meinten die Nachbarn.

Johannes, Louises Mann, war ein stiller Typ, arbeitete als Ingenieur in einem Maschinenbaubetrieb, mochte nach Dienst Feierabendbier und Fußball im Fernsehen. Louise liebte ihn mit einer abgeklärten Liebe, die entsteht, wenn nach zehn Jahren Zusammenleben alle Streits längst gestritten, alle Vorwürfe ausgesprochen sind, und keiner mehr gezwungen ist, eine Rolle zu spielen. Johannes liebte Louise ebenfalls, nur zeigte er es ungeschickt: mal brachte er ihr Tee ans Bett, mal stand er noch vor der Morgendämmerung auf und brutzelte Spiegeleier, während sie schlief.

Edeltraud behandelte ihren Sohn mit einer kalten Gnade, als wäre er nie erwachsen geworden und sagte häufig vor Louise:

Johannes, werd endlich mal selbstbewusster, du läufst rum wie ein Schatten. Deine Frau weiß ja gar nicht, ob vor ihr ein Mann oder ein Junge steht.

Johannes schwieg und ließ die Schultern hängen. Nachts strich Louise ihm den Kopf und flüsterte: Hör nicht auf sie. Du bist gut so wie du bist. Der Beste. Er antwortete nicht atmete schwer und schlief ein. Louise lag dann noch lange wach, starrte die Stuckdecke an und dachte, wie es sein kann, dass man einen Menschen liebt, ihn aber nicht vor seiner eigenen Mutter schützen kann, weil man Angst hat, weil einem die Wohnung nicht gehört, weil man eben nur Gast bleibt.

Als Anneliese dreizehn war, wurde Edeltraud schwer krank. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Sie weinte nicht, presste nur die Lippen noch fester zusammen und ging zum Notar. Ihr Testament verteilte das Vermögen gerecht: Die eigene Zweizimmer-Wohnung in der Innenstadt bekam Birgit, die große Dreizimmerwohnung, in der Louise, Johannes und Anneliese wohnten, sollte Johannes kriegen. Sie fand das gerecht jeder bekam sein Dach.

Doch dann passierte das Unvorstellbare. Drei Wochen nach dem Testament wurde Johannes auf dem Weg von der Arbeit auf dem Zebrastreifen von einem Auto erfasst. Die junge Fahrerin hatte für einen Moment aufs Handy geschaut. Louise erfuhr es von Birgit. Sie rief mit tränenerstickter Stimme an:

Louise, Johannes ist tot. Unfall. Notarzt kam, aber es war zu spät. Du musst in die Gerichtsmedizin zur Identifizierung.

Danach wusste Louise kaum, wie sie durch den grauen Korridor ging, auf das blasse Gesicht ihres Mannes blickte, Papiere unterschrieb, den Heimweg antrat und nur starr aus dem Fenster sah. Anneliese war an dem Tag bei der Großmutter. Louise kam in die leere Wohnung, ließ sich aufs Sofa fallen und saß dort bis zum Morgen, ohne zu schlafen.

Edeltraud überlebte ihren Sohn nur um zwei Monate. Die Ärzte sagten, die Krankheit habe sich rasant verschlechtert, die Chemotherapie versagte, der Körper war zu schwach. Louise glaubte, Edeltraud habe einfach nicht mehr leben wollen ohne Johannes. So hart sie ihn auch kritisiert hatte, er war ihr Kind, ihr Junge. Als er starb, brach etwas in ihr. Die einst eiserne Frau schmolz zur winzigen, faltigen Silhouette auf dem Klinikbett, blickte reglos an die Decke. Vor dem Tod rief sie den Notar noch einmal ans Krankenlager und änderte das Testament: Die Dreizimmerwohnung, die sie Johannes vermachen wollte, ging nun an Enkelin Anneliese.

Anneliese erbt die Wohnung, sagte die kranke Frau zu Birgit. Und du, Birgit, bekommst wie verabredet die deine. Pass auf Anneliese auf, damit sie nicht so einen Unfug anstellt wie ihre Mutter. Louise ist ein guter Mensch, aber schwach, doch Anneliese braucht eine starke Hand.

Birgit nickte, keine Miene verzog sich. Sie war eben ihre Mutter, ebenso kompromisslos und stählern.

Louise blieb mit ihrer Tochter alleine in der Wohnung zurück, die nach dem Willen auf Anneliese übergegangen war. Das Sorgerecht lag bei Louise, die einiges auf den Schultern hatte aber ans Erbe dachte sie lange nicht. Sie war zu beschäftigt, musste arbeiten, für Anneliese sorgen, alles allein stemmen, was sie zu zweit mit Johannes gestemmt hatten.

Fünf Jahre verstrichen in Arbeit, Sorge und einem rastlosen Rennen nach Euros. Anneliese sollte alles haben wie andere Kinder gute Kleider, ein anständiges Handy, Nachhilfe. Louise beschwerte sich nie, sie kannte das nicht anders. Und als Anneliese mit Bestnote an der Berliner Universität angenommen wurde, war Louise so stolz, dass sie weinte. Alles war es wert, die Mühe hatte sich gelohnt, ihre Tochter war klug, gebildet, hatte Zukunft und Perspektiven. Schon ab dem zweiten Semester jobbte Anneliese im Übersetzen sie sprach exzellent Englisch, Dank Oma und Tante, die auf den Nachhilfelehrer gedrängt hatten.

Dann, als das Leben endlich wieder ruhig schien und Louise zum ersten Mal aufatmete und an sich selbst dachte, traf sie Karl. Sie begegneten sich im Bus, er half ihr mit einer schweren Einkaufstasche, und sie kamen ins Gespräch. Karl arbeitete im Nebenhaus, war dreizehn Jahre älter, hatte zwei erwachsene Kinder, seine Frau saß seit Jahren nach einem Schlaganfall im Rollstuhl. Karl pflegte sie.

Ich bin kein Held, sagte er bei der dritten Verabredung, als sie im Park auf einer Bank saßen und er leise ihre Hand hielt. Ich kann sie nicht im Stich lassen. Sie hat mir zwei Kinder geschenkt. Aber ich habe verlernt, mich auf etwas zu freuen. Bei dir weiß ich wieder, wie das ist.

Louise verstand. Mit achtunddreißig sucht man keine Märchenprinzen mehr, glaubt nicht mehr an ewige Liebe. Man nimmt, was kommt.

Anneliese sagte sie erst mal nichts. Sie erfand Ausreden, erklärte, sie wäre länger im Büro oder bei einer Freundin. Aber Anneliese war klug, bemerkte den Wandel: der Blick der Mutter wurde wärmer, das Lächeln öfter bis sie, als Louise ein neues Kleid für ein Treffen mit Karl aus dem Schrank nahm, sie direkt fragte:

Mama, hast du jemanden? Du gibst plötzlich Geld für dich aus. Das neue Kleid, Parfüm… Sags doch!

Louise errötete, wie ein Teenie, erzählte alles. Von Karl, von seiner pflegebedürftigen Frau, von ihrer Liebe.

Annelieses Gesicht wurde härter, kälter. Als Louise geendet hatte, sagte sie eisig, in jener Erwachsenen-Stimme, die Louise sonst nur von Edeltraud kannte:

Mama, weißt du, was du da gerade sagst? Du redest über einen verheirateten Mann. Meine Mutter, die mir Anstand beigebracht hat, erzählt, dass sie fremde Männer trifft. Ist das dein Ernst?

Du verstehst das nicht, versuchte Louise, doch Anneliese schnitt ihr das Wort ab:

Ich verstehe sehr wohl. Du bist einsam, dir fehlt Wärme, das sehe ich. Aber da gibt es Grenzen, Mama! Ein verheirateter Mann bleibt tabu. Du bist keine Achtzehn mehr, um in solche Dummheiten zu stürzen.

Louise war verletzt, weinte schob es auf jugendlichen schwarz-weiß-Denken. Anneliese hatte nur noch klare Linien im Kopf: richtig oder falsch, nichts dazwischen.

Louise und Karl trafen sich heimlich im Schrebergarten seines Freundes, der oft auf Montage war, oder in einer Wohnung, die Karl tageweise über einen Makler buchte. Louise wusste, das wäre kein Roman ihrer Jugendträume doch mit ihrem Alter wusste sie jede Minute für sich zu nehmen.

Manchmal glaube ich, ich habe kein Recht auf das hier auf dich, auf Glück, sagte Karl, als sie eng im fremden Bett lagen. Ich sitze an ihrem Bett, sehe sie an und denke, ich betrüge sie. Bin ich ein Schwein?

Schon ein bisschen, erwiderte Louise, denn lügen wollte sie ihm nicht. Aber ich warte trotzdem auf dich. Verurteile dich nicht. Wer bin ich, dass ich das dürfte?

Du bist gut, sagte er und küsste ihre Schulter. Die Beste, die ich hatte. Ich verlasse dich nicht, egal was kommt. Glaub daran.

Louise tat es, weil sie glauben wollte, nach fünf Jahren Alleinsein, Schwerarbeit und stummer Last sehnte sie sich nach genau diesem Glauben, dass einer sagt: Du bist gut, ich bleib bei dir.

Als Louise merkte, dass sie schwanger war, blieb ihr kurz das Herz stehen. Sie glaubte es erst nicht, machte drei Tests, dann zum Frauenarzt, Bluttest, Ärztin sachlich: Schwangerschaft, sechste Woche, Herzschlag da, alles in Ordnung. Louise verließ das Wartezimmer, sank auf die Bank draußen und weinte überwältigt vom Wirrwarr aus Angst, Hoffnung, Freude, Verzweiflung.

Wie sollte sie es Karl sagen? Sie überlegte tagelang, rechnete mit Ablehnung, mit Furcht. Würde er sich freuen? Oder zurückschrecken, sagen: Zu spät, meine Kinder sind längst groß, meine Frau kann ich nicht verlassen, ich bin nicht bereit, das ist ein Fehler? Louise kannte ihn, wusste, dass er sie nie im Stich lassen würde, doch spürte, dass er dagegen sein würde. Weniger, weil er ein schlechter Mensch war vielmehr, weil er viel zu große Angst vor Umwälzungen, Verantwortung, und davor, dem Leben seiner Familie zu viel zuzumuten, hatte.

Doch am meisten fürchtete Louise das Gespräch mit Anneliese. Sie schob es vor sich her, wartete auf DEN passenden Zeitpunkt, der nie kam. Eines Abends, Anneliese kam heim von einem Besuch bei Tante Birgit, setzte Louise sich an den Küchentisch und gestand:

Anneliese, ich habe dir etwas zu sagen. Ich bin schwanger.

Anneliese erstarrte mit ihrer Teetasse.

Vom Verheirateten?, fragte sie leise.

Von Karl, ja, er ist der Vater.

Hab ich mir gedacht, zischte Anneliese und die Ecke ihres Munds zog sich schief. Mama, bist du verrückt? Du bist achtunddreißig, hast zwei Jobs, ich hab gerade das Studium begonnen, wir konnten kurz verschnaufen, und jetzt willst du wieder ein Kind, von einem Mann, der seine pflegebedürftige Frau nicht verlässt und dir nichts bietet?

Anneliese, sei nicht so. Es ist mein Leben, mein Kind. Ich brauche nicht deine Erlaubnis.

Dann frag auch gar nicht erst, sagte Anneliese und stand auf. Ihr Gesicht war bleich, die Augen eng wie Schlitze. Aber ich sag dir eins, Mama. In dieser Wohnung, in meiner Wohnung, lass ich dich nicht vermehren. Verstehst du? Diese Wohnung gehört mir, Oma hat sie mir vererbt, nicht dir.

Louise spürte alles Blut aus dem Gesicht weichen. Sie sah auf ihre Tochter die sie mit achtzehn bekam, in den Kindergarten brachte, zur Schule, zu Kursen, Nachhilfe, für die sie auf alles verzichtete, damit Anneliese alles bekam und erkannte sie nicht wieder. Vor ihr stand eine Fremde mit Edeltrauds Gesicht, Birgits Stimme die sie immer für eine Mitbewohnerin hielten, die gerade noch hier leben durfte.

Was sagst du da? Louise zitterte, stützte sich auf den Tisch, um nicht umzufallen. Das ist unser Zuhause, ich habe dich hier großgezogen…

Du konntest hier bleiben, weil Papa lebte, unterbrach Anneliese. Nach seinem Tod hätte Oma dich rausschmeißen können, sie hatte nur Mitleid, weil ich klein war. Die Wohnung war aber nie deine, Mama. Ich werde dich nicht hinauswerfen, das nicht, aber ich dulde das nicht. Kein Nachwuchs von dir, keine Männerbesuche, keine Kinder von fremden Vätern. Wenn du Familie willst, geh zu deinem Karl und lass ihn für dich sorgen.

Wie kannst du nur?, Louises Tränen liefen wild. Ich habe dich jung bekommen…

Du hast mich mit achtzehn bekommen, weil du auch damals nicht nachgedacht hast, schnitt Anneliese sie ab. Und jetzt willst du nochmal denselben Fehler machen? Mit einem Mann, dessen Frau im Rollstuhl sitzt? Was, wenn er davonläuft? Was tust du dann, mit fast vierzig, ohne Kraft? Ich werde nicht helfen. Ich habe mein Studium, mein Leben.

Du willst mir nicht helfen?, fragte Louise, im Blick so viel Kummer und Unverständnis, dass selbst Anneliese kurz wegblickte. Du bist meine Tochter, das Einzige, wofür ich alles gegeben habe. Ich dachte, wir sind Familie, ich dachte, du würdest dich freuen, dass du einen Bruder oder eine Schwester bekommst

Freuen?, lachte Anneliese kalt. Mama, bei allem Respekt, wer soll das Kind großziehen? Du etwa, mit zwei Jobs? Du würdest es mit eineinhalb in die Krippe geben, es würde wie Unkraut aufwachsen, und hinterher müsste ich aufpassen, während du weiter rackern gehst? Nein, danke. Ich kann deine Verantwortungslosigkeit nicht unterstützen. Es ist dein Körper, deine Entscheidung. Aber erzähl mir nicht von Familie. Das ist Egoismus, sonst nichts. Ich habe kein Interesse, deine Fehler auszubügeln.

Du bist geworden wie Birgit. Und wie Edeltraud. So aufrecht und korrekt, dass ich für euch immer nur jemand Fremdes war!, seufzte Louise.

Mama, bitte hör auf, Anneliese schaute weg wie bei Zahnschmerz. Ich liebe dich, du bist meine Mutter, aber hier wird nur noch einer leben: du alleine. Ohne Männer, ohne weitere Kinder. Das ist meine Entscheidung. Willst du ein Kind, dann bitte: aber nicht in meinem Haus. In meinem Leben will ich keine fremden Kinder.

Fremd?, Louise klammerte ans Herz, das ihr zu platzen drohte. Wie kann es fremd sein? Es ist dein Geschwisterkind, dein Blut, Anneliese!

Nein, Mama. Es ist dein Kind, nicht meins. Ich will kein Pflegekind sein, keine Windeln wechseln, meine Wohnung soll kein Kindergarten werden. Ich will leben, mein Leben machen, studieren, arbeiten.

Louise sank auf den Stuhl. Ihre Beine gehorchten nicht mehr. Sie blickte durch Tränen, sah Anneliese stehen mit verschränkten Armen, den Mundresigniert zusammengepresst ganz wie ihre Ahnen: Prinzipientreue, eiseskaltes Recht.

Hälfte der Wohnung wäre meine gewesen, flüsterte Louise bitter. Wär Papa länger als Oma am Leben geblieben, hätte ich die Hälfte geerbt, als Ehefrau, als direkte Erbin des ersten Ranges. Aber…

Er war es nicht, riss Anneliese ab. Oma hat es anders geregelt. Die Wohnung ist mein Erbe, nicht deins. Und komm mir bloß nicht mit diesen Geschichten, beschmutz nicht Omas Andenken! Sie wusste, was sie tat du bist verantwortungslos, konntest nie mit Geld noch Leben umgehen. Mit achtzehn schwanger, jetzt wieder. Hättest du die Wohnung geerbt, du hättest sie verscherbelt. Oma hat mir vertraut. Ich werde sie nicht enttäuschen.

Du enttäuschst sie nicht, wiederholte Louise tonlos, und in ihr zerriss etwas. Das Band, das sie an Anneliese band, zerfiel. Du BIST Edeltraud geworden, Anneliese. Du hast gewonnen ich bin in deiner Wohnung nichts mehr. Nur noch eine Mitwohnende, weil du es zulässt.

Mach jetzt keinen Aufstand, Mama, seufzte Anneliese wie eine müde Erwachsene. Niemand nennt dich Mitbewohnerin. Aber ich passe mich dir nicht mehr an. Ich werde nicht helfen, nicht babysitten, nicht teilen. Du bist erwachsen, löse deine Probleme allein. Geh zu Karl, er soll dich versorgen. Er ist der Vater.

Er kann das nicht, platzte Louise heraus und bereute es sofort.

Siehst du!, spottete Anneliese, wie ihre Großmutter früher. Du bist nicht naiv aber hast dich in ein Nichts verrannt. Kein Versorger, kein Zuhause, keine ehrliche Beziehung. Und dann willst du, dass ich dein Baby aufnehme, während du heimlich weiter Karl triffst? Nein, Mama, das mach ich nicht.

Ich bitte dich nicht ums Babysitten, flüsterte Louise. Nur darum, mich zu verstehen, mich nicht mit dem Kind auf die Straße zu schicken.

Du wirst nie rausfliegen, sagte Anneliese. Aber wenn du das Kind willst, musst du eine andere Wohnung finden. Ich gebe dir Zeit bis zur Geburt. Aber sobald es da ist, gilt: Nicht in meiner Wohnung. Ich will nicht, dass mein Leben, mein Studium, meine Pläne an deinen Fehlern zerbrechen.

Louise stand langsam auf, ging in ihr Zimmer, schloss ab und legte sich eingerollt aufs Bett.

Irgendetwas in ihrer Brust zersprang die unsichtbare Nabelschnur, die auch nach Erwachsenwerden nicht reißen will. Sie war weg und an ihrer Stelle klaffte ein schwarzes Loch, das alles aufsaugte: Erinnerungen an Annelieses erste Schritte, ihr erstes Mama, gemeinsames Zeichentrick-Gucken, ihr kleines Kinderarmliebe-Umklammern: Mama, du bist mir die Liebste auf der Welt.

Ich bin kein Fehler, flüsterte Louise in die Kissen, ihre Stimme verlor sich fast. Ich bin deine Mutter. Keine Verirrung.

Aber aus dem Nebenzimmer dröhnte schon Musik Anneliese hatte die Lautstärke voll aufgedreht, und Louise begriff: Das Gespräch war vorbei. Ihre Tochter hatte alles gesagt. Sie kümmerte sich wieder nur um ihr Leben, ohne Schuldgefühl.

Louise lag im Dunkeln, griff wie betäubt zum Handy, wählte Karls Nummer. Er ging nach dem zweiten Klingeln ran am Bett seiner Frau.

Karl, sagte Louise tonlos. Ich bin schwanger. Ich brauche eine Wohnung. Kannst du für uns sorgen? Wohnung, Geld, dass ich das erste Jahr nicht arbeiten muss. Sag ehrlich.

Sie hörte, wie Karls Atem stockte. Dann fing er eilig an: Louise, bitte… Ich kann das nicht. Meine Frau braucht mich, Medikamente, Betreuung, Geld ist schon jetzt knapp… Ich kann dich nicht aufnehmen, verstehst du? Wohnung mieten, Unterhalt das schaffe ich nicht, ich kann nur hier und da helfen…

Hier und da, wiederholte Louise. Verstanden.

Lass uns treffen, reden, vielleicht finden wir eine Lösung

Sie drückte auf Auflegen. Sagte nicht Tschüss. Legte das Handy weg, schloss die Augen, lag still, lauschte dem Brummen des Kühlschranks, fernem Hundegebell. Morgengrauen. Sie stand auf, zog sich leise an, nahm Ausweis und Versicherungskarte, verließ die Wohnung, ohne Lärm zu machen. In der Frauenarztpraxis wartete sie fast zwei Stunden, starrte auf einen Punkt, weinte nicht. Die Ärztin, dieselbe wie vorige Woche, fragte: Na, wollen Sie sich jetzt anmelden? Louise antwortete gefasst:

Nein, Abbruch.

Die Ärztin seufzte, tippte einen Termin. Louise trat auf die Straße, atmete den schneidend frischen Morgen ein als würde der Frost direkt ihr Herz schneiden. Und auf der Treppe der Klinik, die Hände vorm Gesicht, weinte sie. Niemand der Frauen mit Bäuchen, mit Kinderwagen, die vorbeigingen, nahm Notiz davon.

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Homy
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— Du bist verantwortungslos, Mama. Such dir woanders einen Ort zum Kinderkriegen.
Land der Seele. „Koffer-Stimmung“