Land der Seele. Reiselust
Reisen zu zweit zu planen, stellte sich als viel unterhaltsamer heraus als allein. Den ganzen Dezember und Januar verbrachte ich, Michael, die Abende zusammen mit Klara damit, Landkarten von Bayern und dem Alpenvorland zu studieren, verschiedene Angebote für Kurztrips zu vergleichen und Ausflugsziele zu notieren. Klara, ihres Zeichens Archivarassistentin, ging die Sache mit preußischer Gründlichkeit an: Sie legte eine eigene Mappe an, in der sie Ausdrucke, Karten, Listen mit Sehenswürdigkeiten und Orte sammelte, die wir unbedingt besuchen wollten.
Du bist wie ein Kommandant vor einem Manöver, lachte ich eines Abends, als sie ihre dicken Papierstapel auf dem Küchentisch ausbreitete.
Und du bist mein loyales Kommando verantwortlich für Transport und Sicherheit, konterte Klara und musterte mich mit diesem verschmitzten Lächeln. Einverstanden?
Abgemacht.
Den passenden Trip fanden wir schließlich über ein kleines Reisebüro im Nachbarort. Ein Last-Minute-Angebot für zwei Personen, inklusive Bahnfahrt von Nürnberg nach Lindau am Bodensee und Transfer in unser Quartier im Allgäu. Fünf Nächte in einer Pension in Oberstdorf, Frühstück inbegriffen. Der Preis: Ein echter Schnapper dreihundertvierzig Euro pro Person.
Als Klara mir abends die Buchungsunterlagen zeigte, fragte ich: Bist du sicher? Februar ist Winter der See ist eisig!
Der Bodensee ist immer schön, erwiderte sie. Im Sommer kann jeder baden, jetzt will ich einfach die Landschaft sehen. Im Voralpenland blühen im Februar schon vereinzelt Schneeglöckchen, und mit etwas Glück haben wir milde fünfzehn Grad. Dazu fast keine Touristen Ruhe, pure Erholung.
Und was macht man da im Winter?, bohrte ich nach.
Spazieren, atmen, die Ruhe genießen und Leute kennenlernen. Ihr Blick schweifte träumerisch zur Seite. Der Süden hat mehr zu bieten als nur Strand. Es geht auch um Gemüt und Seele. Wichtig ist nur, keine Angst haben. Die Bayern gelten als offenherzig und gastfreundlich. Lächeln, und schon bist du einer von ihnen.
Und wenn ich nicht lächeln kann?, fragte ich gespielt streng.
Klar, dann lernst du es! Und wenn du nicht willst, dann halt unter Zwang, lachte sie und erinnerte sich wohl an jene alten Bundeswehrwitze.
Am Vorabend unserer Abreise saßen wir spät in Klaras Küche, aßen selbstgebackenen Apfelkuchen und sortierten unsere Unterlagen und Sachen. Klara überprüfte noch einmal penibel ihren roten Koffer das geheiligte Relikt ihrer bisherigen Reisen und dachte wohl darüber nach, wie sehr sich ihr Leben in den letzten zwei Jahren verändert hatte. Damals, als sie das erste Mal nach Österreich fuhr, war sie noch schüchtern und vorsichtig, hatte Respekt vor Grenzen, fremden Sprachen und der Einsamkeit. Heute hatte sie jemanden an ihrer Seite, mit dem sie den Weg teilen wollte. Die Angst war gewichen, geblieben war freudige Erwartung.
Na, Abenteurerin, bereit?, zog ich sie am Arm.
Mit dir, überallhin. Sogar ans Ende der Welt, antwortete sie strahlend.
***
Und das soll Winter sein?!, fragte ich ungläubig am Bahngleis, während ich die strahlende Sonne durch das Glasdach am Lindauer Bahnhof blinzelnd wahrnahm. Hinter uns lag fränkischer Frost tief im Minusbereich, Pelzmütze und Daunenjacke, und hier am See roch es nach feuchtem Gras und ersten Blüten, bei warmen dreizehn Grad.
Das ist erst der Anfang, meinte Klara mit funkelnden Augen. Noch viele Überraschungen warten.
Der Transfer in den kleinen Ort dauerte nur ein paar Minuten. Kaum angekommen, standen wir vor unserem Gästehaus ein hübsches weißes Gebäude mit Erkerbalkon und von Weinreben berankten Hauswänden. Doch: Kein Licht, kein Laut, das Tor verschlossen.
Klara zückte das Handy, rief die Nummer an. Keine Antwort. Sie versuchte es noch einmal.
Da ist niemand, murmelte sie.
Vielleicht rechnen sie nicht mit uns? Ich zuckte die Schultern.
Aus dem Garten nebenan winkte eine ältere Dame, sprach im bergigen Dialekt auf uns ein, den Klara nur halb verstand, und bedeutete uns mit Händen: Die Besitzer seien unterwegs, kämen aber bald. Sie öffnete das Tor, ließ uns in den Hof und zeigte uns eine Bank in der Sonne.
Jetzt, in diesem Moment, spüre ich, dass ich wirklich woanders bin”, sagte Klara leise. Wir kennen hier niemanden, verstehen die Sprache kaum, und keiner erwartet uns.
Hauptsache wir sind zu zweit, entgegnete ich und legte den Arm um sie. Alles andere ergibt sich.
Eine halbe Stunde später trafen endlich die Besitzer ein zwei Schwestern, Anita und Hannelore, geschwätzig, herzlich und mit einem sympathischen Lächeln. Sie führten uns durch das Haus, zeigten Zimmer, Küche und Bad. Auf Claras Nachfrage, ob es andere Gäste gebe, winkte Anita ab: In dieser Zeit? Nein, ihr habt das Haus für euch alleine. Ihr seid quasi Könige!
Als wir alleine waren, wiederholte ich: Na, Königin Klara, wie fühlst du dich?
Schon ein bisschen unheimlich, gab sie zu, aber zusammen ist alles halb so wild.
Klara huschte ins Bad. Das Wasser wurde nur lauwarm, der Strahl war dünn sie nahms als Abenteuer. Sie föhnte gerade die Haare, als plötzlich das Licht ausging.
Oha!, rief sie ins Dunkel.
Was ist los?, kam meine Stimme aus dem Flur.
Stromausfall, ich hätte gewarnt sein sollen. Das hier ist halt das echte Leben.
Mit einer Portion Humor tastete sie nach der Schminktasche. Alles nur halb so wild! Hauptsache, ich bin im Süden! Sie zauberte sich ein Make-up im Dunkeln ins Gesicht, zog das Lieblingskleid an.
Als sie zurückkam, staunte ich: Wie hast du das im Dunkeln hinbekommen?
Der Wille, gut auszusehen, ist eben stärker als das Licht!
Wir bummelten durch das Dorf: Überreste alter Villen und prachtvoller Anwesen wechselten sich ab mit leeren Baustellen und bröckelnden Fassaden, Palmen und Zypressen wuchsen zwischen wildem Unkraut. Baustellenlärm an der Ecke, offene Fenster ohne Glas.
Wie nach einem Krieg, murmelte ich.
Ja, damals in den Neunzigern, da wurde hier noch viel mehr gelebt, meinte Klara. Aber die Schönheit kommt trotz allem immer wieder durch.
Die Alpen glänzten in saftigem Grün, unten lag das stille blaue Wasser. Die Luft war so frisch, dass man tief durchatmen wollte.
Das hier wäre ein Paradies für einen bayerischen Pumuckl! Schau die Bäume: Mandarinen und Orangen!, rief Klara begeistert und blieb an einem Zaun stehen.
Willst du ein paar pflücken?, fragte ich.
Einfach nehmen? Lieber nicht. Kaufen ja!
Wir fanden einen kleinen Wochenmarkt, einige Stände mit Obst, Wein und Handarbeiten. Klara erstand ein halbes Kilo Mandarinen für zwei Euro, gab mir eine ab.
Ich biss hinein. Unfassbar das Fruchtfleisch zerging süß und aromatisch auf der Zunge. Unglaublich! Die gibt es bei uns nicht…”
Klara nickte und grinste. Bald danach stand ein stylischer Beutel mit drei Kilo Mandarinen in unserem Flur.
Anschließend spazierten wir an der Promenade entlang. Alles war geschlossen Cafés, Läden, Attraktionen. Tote Saison. Nur wenige Passanten und ein paar sonnenbadende Hunde.
Wo kann man denn hier essen?, fragte ich.
Wir finden schon was, erwiderte Klara.
Hinter einer Ecke entdeckten wir ein kleines Gasthaus, unscheinbar, Plastikstühle, Papierservietten. Der Besitzer, ein bärtiger Schwabe, erklärte mit Händen und Füßen seine Spezialitäten. Klara bestellte Maultaschen, Hausbrot und Kräutertee.
Bist du sicher? Sieht nicht gerade einladend aus.
Klara strahlte: Hab Bewertungen gelesen, es MUSS lecker sein.
Die Maultaschen waren hausgemacht samtig-weich mit aromatischer Füllung. Ich probierte, experimentierte und musste zugeben: Wow. Einfach richtig gut!
Später setzten wir uns ans Ufer. Die Sonne spiegelte eine goldene Spur aufs Wasser, Möwen kreisten zwischen den Wellen, irgendwo bellte ein Hund.
Und, wie ists?, fragte ich Klara.
Ich habe das Meer vermisst. Hallo, Bodensee!
Sie zog Schuhe und Socken aus, krempelte die Jeans und watete barfuß ins eiskalte Wasser. Ich rief: Du bist verrückt, du erkältest dich noch!
Sie lachte, zitternd, aber glücklich. Ich rieb ihr die Füße trocken, legte meine Jacke um sie.
Bist du durchgefroren?
Absolut aber ich bin glücklich. Wir sind am See!
Bis zum Sonnenuntergang blieben wir auf einer Bank. Wellen plätscherten, Möwen kreischten und ich wusste: die Idee, mit ihr zu verreisen, war goldrichtig.
***
Am nächsten Morgen, als ich noch im Bett döste, war Klara schon stumm aus dem Zimmer geschlichen. Der Bodensee war jetzt aufgewühlt, Wind und Wellen peitschten ans Ufer.
Ich sehe nur zu, flüsterte sie zum See heraus. Geschwommen wird beim nächsten Mal.
Ein freundlicher, zotteliger Hofhund kam angesaust, schleppte einen Stock an und schleuderte ihn mir vor die Füße. Klara lachte und warf das Holz wieder und wieder, bis ihr Kaffeeduft in die Nase stieg.
Sie kaufte zwei Pappbecher in einer kleinen Kaffeebar an der Promenade. Kein Automatenkaffee, sondern starker Filterkaffee, von Hand gemacht. Zurück im Gästezimmer reichte sie mir einen.
Ich öffnete verschlafen ein Auge: Was gibts?
Kaffee! Raus aus den Federn, heute ist Ausflugstag.
Wir waren pünktlich am Treffpunkt. Insgesamt sieben Leute: zwei ältere Paare, drei Solo-Damen und wir. Gute Stimmung, erste Witze gingen reihum. Unser Guide hieß Ludwig, ein Mann Mitte vierzig, ruhig, mit aufmerksamem Blick.
Er erzählte keine platten Sprüche, sondern nahm uns mit in die Geschichte: Das Voralpenland ist Schmelztiegel Kelten, Römer, Bayern, Schwaben. Jeder hat Spuren hinterlassen. Wer diese Gegend verstehen will, muss die Seele aufsaugen: die Berge, die Menschen, die alten Dörfer.
Eine kurze Sage gabs auch: Als Gott die Welt erschuf, kamen alle Völker, der Bayer als Letzter. Und warum? Ich war noch mit Gästen beim Weizenbier. Also schenkte Gott ihm das wunderschöne Voralpenland.
Klara hing an Ludwigs Lippen, während wir durch enge Täler und an Weinbergen vorbeifuhren. Immer und überall Obstgärten, traubenbehangene Lauben, und überall der Duft nach frischer Erde.
An einer Bushaltestelle im Muscheldesign, mit bunten Mosaiken geschmückt, zeigte Klara begeistert: Schau, das ist echte Kunst mitten im Dorf!.
Erster Halt war eine kleine Imkerei. Der Besitzer ließ uns Honig probieren direkt vom Handrücken, so wie es hier alter Brauch ist. Klara schleckte, ihre Augen leuchteten. So bleibt es im Gedächtnis!
Später folgte eine Weinprobe im traditionellen Weinkeller halbdunkel, milder Duft von Holz und Trauben. Der Sohn des Hauses, Sebastian, schwärmte von seinen Weinen. Das ist unser Müller-Thurgau: für Freunde und Feste! Das nächste Glas: ein prämierter Spätburgunder. Ich prostete Klara zu, und wir beschlossen: Darauf, dass wir wiederkommen!
Als wir schließlich in Lindau landeten, erschlug uns fast die Schönheit: die Promenade, gepflegte Parks, Palmen in Kübeln, Schatten alter Platanen und vor allem: die Menschen. Sie liefen gelassen, saßen auf Bänken, spielten Schach oder einfach Karten. In der Nebensaison gehörte die Stadt den Einheimischen.
Sind sie glücklich hier?, fragte Klara mich.
Berge, See und Sonne was soll da noch fehlen?
Später besuchten wir eine kleine Kirche. Drinnen Halbdunkel, kühler Steinboden, Duft von Bienenwachs und Weihrauch. Kerzen flackerten matt im Wind. Klara blickte auf eine Madonna und hauchte still ihr Geschenk ans Leben und ans Reisen aus.
Am nächsten, in einer Almhütte, gab es köstlichen Schweinebraten und käsigen Allgäuer Rahmschmarrn. Klara bestellte zu viel. Später, wieder im Minibus, war die Stimmung ausgelassen. Ludwig rief nach vorn: So, alle wieder bei Kräften? Hab schon gedacht, das Gotteshaus hat zu sehr aufs Gemüt gedrückt!
Glanzpunkt des Tages waren die heißen Quellen von Bad Wörishofen. Klara war die Erste im Becken: Endlich darf ich baden!, juchzte sie. Ich testete vorsichtig das Wasser, musste aber schnell nachziehen. Wir genossen die wohlige Wärme mit Ausblick auf die schneebedeckten Berge.
Später sahen wir noch ein brodelndes, dampfendes Thermalbecken. Jemand scherzte: Ein Hexenkessel hier köcheln die Sünder! Wir lachten.
Zurück daheim war wieder Stromausfall wir aßen Braten bei Kerzenschein und schmiedeten Pläne. Irgendwo rauschte der Wind, fern blinkten die Lichter von Lindau, und das Leben fühlte sich weich und weit an.
***
Der dritte Tag führte uns in die Berge. Schnee! Das gibts nicht wir kommen aus dem Frost und finden Schnee am Bodensee?, fragte ich ungläubig.
Klara grinste: Nicht einfach Schnee Schnee in den Alpen!
Unser Guide Ludwig freute sich wie ein Kind: heute gings an den Oeschinensee. Die Serpentinen zogen sich, reißende Bäche, schroffe Felsen. Klara wollte kaum aus dem Fenster blicken so sehr faszinierte sie die Kulisse.
Wir hielten an einem kleinen Wasserfall, Mädchentränen genannt. Die Sage sagt: Wer sich hier wäscht, dem geht ein Herzenswunsch in Erfüllung, flüsterte Ludwig.
Wir umspülten Hände und Gesichter, Klara lächelte. Schon einen Wunsch? Sie nickte nur.
Schließlich standen wir hoch oben vor dem zugefrorenen See, ringsum leuchtender Schnee auf den Gipfeln. Der Atem stockte mir.
Gott, ist das schön. Wir spazierten schweigend, einander an den Händen, und ließen nur den Blick und die Seele sprechen.
***
Tag vier widmeten wir dem Neuen Benediktinerkloster Ettal. Klara hatte bewusst keine Fotos vorab angeschaut, keine Rezensionen gelesen. Manchmal ist es schön, Erwartungen einfach wegzulassen, sagte sie.
Wir stiegen die Serpentinen hoch, das Kloster schimmerte in Weiß und Gold, wie ein Märchenschloss. Perfekt gepflegt, Blumen überall: Narzissen, Schneeglöckchen, Rosen. Klara kniete und streichelte ehrfürchtig eine zarte Blüte. Mein Geschenk für heute!
Innen Halbdunkel, Orgelmusik, Kerzenlicht, liturgische Chöre aus Lautsprechern. Am Wasserfall nebenan, einst für ein kleines Elektrizitätswerk gebaut, rauschte das Wasser. Es war laut, aber in uns vollkommen still.
Später folgte ein Abstecher zum Kurpark mit einem kleinen Schwanenteich, allen möglichen Vogelarten, Pfaus und Gänsen. Vogelparadies, staunte Klara.
Doch das größte Abenteuer wartete unten: Die Partnachklamm war geöffnet! Ein kleiner elektrischer Zug brachte uns in den Halbdunkel der Felsenschlucht. Klara zitterte vor Kälte und Erwartung, ich drückte ihre Hand.
Der Führer lud ein: Wer unter Ihnen singt, kann es hier probieren die Akustik ist einzigartig!
Stille. Ich schaute Klara an. Du kannst das. Zögerlich, aber voller Gefühl sang sie ein altes deutsches Volkslied. Zuerst brüchig, dann kräftig, ihr Echo hallte zwischen den Felsen. Fremde Stimmen stimmten ein hundert Leute sangen und Klara, meine Klara, führte sie an. Es war ein magischer Moment, alle klatschten und einige hatten sogar Tränen in den Augen.
Am Abend am Balkon sah sie aufs Wasser und flüsterte Danke für das Geschenk dieses Tages. Ich wusste, sie meinte Gott, das Leben und ein bisschen auch mich.
***
Im Zug zurück, draußen weite, verschneite Felder, schwarze Tannenwälder. Klara lehnte sich an mich, Gedanken verloren. Weißt du hätte ich vorher das alles gelesen, ich wäre womöglich gar nicht gefahren. Ich hätte Angst gehabt. Angst verpasst das Beste.
Ich drückte ihre Hand. Und? Bereust dus?
Nein. Am Anfang dachte ich: Schock verlassene Häuser, triste Straßen, lose Hunde, Stromausfälle. Jetzt? Ich habe Sehnsucht.
Zu Hause in unserer kleinen mittelfränkischen Wohnung empfing uns meine Mutter mit Rhabarberkuchen. Na, wie wars? Bayerischer Süden? Hab so viel Ungutes gehört teuer, schmutzig, ärmlich…
Klara lachte. Ach, Mama. Überall ist Licht und Schatten. Man sieht, was man sucht. Ich habe das Gute gesucht und gefunden. Diese Menschen… so hilfsbereit, großzügig, freundlich. Freundschaft muss nicht gekauft werden. Die schenken dir ein Herz, einfach so.
Und keine Angst?
Mit Michael an der Seite? Niemals.
Wir dachten an Anita und Hannelore aus der Pension, Ludwig, den liebevollen Guide, Sebastian mit seinen Weinen, all die Marktverkäufer.
Wir trafen eine Dame sie reist seit zwanzig Jahren jedes Jahr ins Allgäu. Auf meine Frage: Warum? Antwortete sie: Weil meine Seele nur dort zur Ruhe kommt.
Kann ich nicht nachvollziehen, sagte meine Mutter.
Versteh mal: Die Leute sind nicht reich, prahlen nicht, leben einfach. Ein Dach, Familie, frische Äpfel im Garten und das genügt.
Als wir einmal nebeneinander am Wasser saßen, die Sonne im See versank, sagte Klara: Hier komme ich wieder her.
Ich versprach es ihr. Denn Bayern, das ist nicht nur ein Land es ist ein Gefühl. Ein Ort, du bist kein Gast, sondern wirst Teil des Lebens. Hier redet man mit der Seele.
Irgendwo jenseits der Berge, hinter dem See, läuft das Leben langsam und echt. Und für eine Woche waren wir ein Teil davon.
Abends, als wir das Licht löschten, meinte Klara: Gute Nacht, Bayern. Auf Wiedersehen wir kommen wieder.
Und ich notierte in mein Tagebuch: Reisen lehrt dich, wie verwurzelt du bist und wie sehr du wachsen kannst gemeinsam und in Vertrauen. Vielleicht sind es gerade die kleinen Abenteuer, durch die man spürt, was Heimat bedeutet.Am nächsten Morgen wachte ich noch vor dem Wecker auf. Im Dämmerlicht war Klara schon an das Fenster getreten, zog den Vorhang einen Spalt beiseite als würde sie prüfen, ob der Süden vielleicht doch ein Stück in unsere Straße hineingleiten würde.
Ich ging zu ihr, legte die Hand auf ihre Schulter. Im Fenster spiegelten sich unsere Gesichter, noch verschlafen, und davor der schmale Streifen vom Himmel, der in sanftem Rosa glühte.
Weißt du, worauf ich mich am meisten freue?, flüsterte sie.
Ich schüttelte lachend den Kopf.
Sie antwortete: Auf den nächsten Aufbruch. Denn jetzt weiß ich, das Herz nimmt von jedem Ort ein bisschen Licht mit.
Draußen in der Ferne fuhr ein Lieferwagen vorbei, jemand schüttelte die Fußmatte aus. Es war ein gewöhnlicher Tag, und dennoch fühlte es sich neu und größer an als hätten wir mit jedem Schritt am See, jeder Umarmung in der Kälte und jeder Begegnung auf den Wegen einen winzigen Schatz zurückgebracht, der unsere kleine Welt heller machte.
In diesem Moment war ich sicher: Der Zauber des Reisens bestand nicht nur im Entdecken fremder Orte, sondern darin, wie viel Nähe und Wärme sie in uns hinterließen. Klara legte ihre Hand in meine, und ganz still, während die Stadt erwachte, spürten wir: Man kann heimkehren und doch bleibt ein Stück von einem immer dort, wo die Seele gelächelt hat.
Bevor wir den Tag begannen, holte Klara aus ihrer Tasche eine kleine Mandarine, brach sie auf und reichte mir die Hälfte, süß und duftend.
Auf unseren Süden, sagte sie leise.
Und ich wusste, gleichgültig wohin unsere Reisen uns noch führen würden ein Teil von Bayern, von Licht, Berge und Herzlichkeit, war nun in uns. Für immer.
Wir lächelten und der Tag begann.




