Nach der Scheidung habe ich jede Woche mit meinen Kindern telefoniert, bis meine Tochter plötzlich…

Nach der Scheidung rief ich die Kinder jede Woche an, bis meine Tochter…

Papa, ich schaffe es wirklich nicht, Klaras Stimme im Hörer klang höflich, aber seltsam flach, wie die Ansage auf einem Bahnhof. Am Montag muss der Bericht fertig sein und dann treffe ich mich mit Johanna. Du verstehst doch.

Moritz stand am Fenster, das Smartphone ans Ohr gedrückt, und sah auf den Innenhof, wo Frau Schuster aus dem dritten Stock ihren Teppich über die Klimmzugstange hängte und darauf einschlug. Verstand er es? Vielleicht. Nur wurde es dadurch nicht besser.

Ich dachte, vielleicht kommst du Sonntag einfach mal vorbei, sagte er vorsichtig, bemüht, nicht zu flehend zu klingen. Ich habe einen Kohlkuchen gebacken. Früher hast du den doch gern gegessen.

Papa, jetzt war etwas Neues in ihrer Stimme, Müdigkeit vielleicht oder einfach Entfernung. Du musst uns nicht jede Woche anrufen. Ehrlich. Wir melden uns, wenn wir Zeit haben.

Er wollte sagen, dass er längst nicht mehr jede Woche anrufe, dass sie sich das letzte Mal vor fast einem Monat gesprochen hatten, aber er schwieg. Mit seiner Tochter zu streiten war wie ein Gespräch mit Nebel.

Also gut, Klara. Tut mir leid, dass ich gestört habe.

Sie schwieg noch eine Sekunde, verabschiedete sich dann schnell, und das Freizeichen summte einsam in der Leitung.

Moritz legte das Handy aufs Fensterbrett und schaute weiter auf den Innenhof. Frau Schuster war verschwunden, der Teppich flatterte im Wind. In der Küche kühlte der Kohlkuchen ab, in Alufolie gewickelt. Er hatte gestern zwei Stunden damit verbracht, Omas Rezept zu rekonstruieren, sich die Finger am Backblech verbrannt. Jetzt würde der Kuchen eine Woche im Kühlschrank liegen, dann würde er ihn wegwerfen und sich dabei wie ein Idiot fühlen.

Die Wohnung war groß, drei Zimmer, Altbau, Ziegelmauern, in der Lindenstraße. Früher hatte hier eine richtige Familie gewohnt. Martha, seine Frau, beim Kochen in der Küche, Erik am Esstisch bei den Hausaufgaben, Klara in ihrem Zimmer mit Musik. Jetzt herrschte in allen Räumen jene Stille, die Museen nach Schließung füllt. Moritz lief von Ecke zu Ecke, jeder Schritt hallte. Scheidung und das Verhältnis zu den Kindern waren enger verwoben, als er geglaubt hatte. Die Trennung war ein halbes Jahr her, im März, ganz sachlich, ohne Streit um das Mobiliar. Martha war zu ihrer Schwester nach Hamburg gezogen, nahm die Hälfte der Möbel und fast alle Fotos. Die Kinder beide erwachsen, beide unabhängig hatten sich auf ihre Seite geschlagen, sofort und ohne Zögern. Als hätten sie Jahre darauf gewartet.

Im Kühlschrank summte der Kompressor und füllte die Leere. Moritz öffnete die Tür: Drei Becher Joghurt, eine Packung Bockwurst, ein angebrochener Gurkentopf, Milch. Single-Essen. Er nahm Joghurt, setzte sich an den Tisch und aß, ohne irgendetwas zu schmecken.

Männliche Einsamkeit nach der Scheidung diese Formulierung hatte er in einer Zeitschrift im Wartezimmer gelesen. Dämliche Tipps darin: “Suchen Sie sich ein Hobby”, “Knüpfen Sie neue Kontakte”. Aber der Titel blieb im Kopf. Männliche Einsamkeit. Klang wie ein Befund.

Er war Ingenieur bei den Nürnberger Kranwerken, zweiunddreißig Jahre. Im April hatte sein Chef angedeutet, dass nächstes Jahr wohl Stellen abgebaut würden, die Produktion modernisiert, jüngere Leute bevorzugt. Moritz war achtundfünfzig, noch drei Jahre bis zur Rente, aber fühlte sich jetzt schon entbehrlich. In der Firma, zuhause, im Leben der Kinder.

Moritz, warum schaust du so finster? fragte ihn neulich Heinrich, der Schichtleiter, als sie am Hinterausgang rauchten. Such dir doch mal wieder ne Frau. Warum sich allein abschinden?

Moritz lächelte dünn. Eine Frau? Er konnte ja nicht mal mit den eigenen Kindern normal reden, wie sollte das mit Fremden gehen?

Erik, der Sohn, war verheiratet und wohnte mit Anna und dem kleinen Paul in einem Neubau am Stadtrand. Paul war vier, Moritz hatte ihn in den letzten sechs Monaten dreimal gesehen. Einmal auf dem Spielplatz, zufällig Anna getroffen, sie war höflich, aber verkrampft, als wäre er ein Steuerprüfer, kein Schwiegervater. Das Gespräch wurde kurz. Paul erkannte ihn nicht, versteckte sich hinter Annas Bein.

Klara arbeitete als Projektmanagerin irgendwo, teilte sich eine Wohnung mit einer Freundin, hatte einen Freund, von dem Moritz nichts wusste. Früher hatte sie ihm alles erzählt, saß stundenlang in der Küche, klagte über Chefs, sprach von Plänen. Jetzt waren ihre Gespräche Prüfungen, die er nie bestand.

Wie schafft man es, zu erwachsenen Kindern Kontakt zu behalten? Moritz suchte nachts im Internet, las Foren, Psychologentexte. Überall das Gleiche: Zuhören, Offenheit, Fehler zugeben. Aber welche Fehler? Er hatte sie nicht geschlagen, nicht getrunken, war arbeiten gegangen, hatte Unis bezahlt. Ja, viel gearbeitet. Ja, oft gefehlt. Aber war das ein Vergehen?

Er erinnerte sich, wie Erik in der siebten Klasse den Arm beim Sportunterricht gebrochen hatte. Moritz war auf Montage in Köln, konnte erst eine Woche später zurück. Martha rief nicht an, sagte nichts. Als er kam, hatte Erik längst einen Gips, antwortete einsilbig. Alles gut, Papa. Tut nicht mehr weh. Aber in seinen Augen war etwas anderes, eine Kälte, die nie mehr ganz verschwand.

Oder Klara. Sie machte Abitur, wollte studieren. Moritz hatte fest damit gerechnet, dass sie Maschinenbau wählte, seine Traditionslinie fortsetzte. Sie entschied sich für BWL. Er sagte damals, das sei Quatsch, BWLer gibts wie Sand am Meer, Ingenieure werden gebraucht. Sie schwieg, nickte, meldete sich trotzdem für BWL an. Martha stand hinter ihr, sagte, sie solle es selbst entscheiden. Es gab Streit. Moritz ging nicht zum Abiball.

Jetzt, allein in der Küche, wusste er, das war ein Fehler. Einer von vielen.

Am Samstag fuhr er zu Erik. Rief vorher an, kündigte sich an, wegen des Autos, Erik meinte die Stoßdämpfer poltern. Erik sagte nicht nein, klang aber angespannt.

Okay, Papa. Komm nachmittags. Aber nicht zu lange, Anna und ich haben was vor.

Moritz kam mit seinem alten Golf, zwölf Jahre, bunte Flecken im Lack, zum kahlen Neubaugebiet. Erik wartete unten am Eingang, Hände in den Taschen, alte Jacke.

Hallo, sagte der Sohn.

Hallo, erwiderte Moritz.

Sie gaben sich die Hand, wie Geschäftsleute.

Das Auto, ein neuer Skoda auf Kredit. Moritz kroch unters Auto, prüfte die Achsen, schüttelte die Stoßdämpfer. Erik stand daneben und schwieg.

Die Dämpfer sind hin, sagte Moritz schließlich. Müsste gemacht werden.

Wie teuer?

Vielleicht sechshundert Euro mit Einbau. Ich kann helfen, dir auch Geld leihen.

Erik verzog das Gesicht.

Nein, Papa. Ich krieg das schon allein hin.

Moritz wischte sich die Hände an einem Lappen ab, den Erik aus dem Kofferraum geholt hatte.

Und Paul, wie gehts ihm? fragte er.

Gut. Wächst eben.

Kann ich ihn sehen?

Erik schaute auf die Uhr.

Er schläft. Anna möchte nicht, dass er geweckt wird.

Ich wäre leise. Würde nur einen Blick reinwerfen.

Papa, lass einfach. Anna will keinen Besuch heute.

Es war eine Lüge und beide wussten es. Moritz nickte, stopfte den Lappen in die Jackentasche.

Versteh ich. Dann fahr ich mal.

Danke fürs Kommen.

Handschlag noch, dann fuhr Moritz los. Im Rückspiegel verschwand Eriks Gestalt im grauen Nebel der Stadt.

Abends öffnete Moritz eine Flasche Bier, setzte sich vor den Fernseher. Nachrichten. Politiker stritten über Steuern, dann Unfallmeldungen. Er schaute zu, verstand nichts. Ein Mann über fünfzig, allein. Immer und immer wieder dieser Satz im Kopf. Er war achtundfünfzig, allein. Wie sollte es weitergehen?

Das Handy vibrierte. SMS von Martha. Er öffnete: Moritz, bitte ruf die Kinder nicht so oft an. Du setzt sie unter Druck. Sie melden sich, wenn sie möchten.

Er sah lange aufs Display, dann tippte er nur: Okay.

Keine Antwort.

Familie nach der Scheidung auch so ein Begriff aus irgendeiner Zeitschrift. Man könne, so hieß es, trotzdem Familie bleiben, auch nach der Trennung, mit Respekt und Dialog. Aber welcher Dialog, wenn die Ex kurze SMS schreibt und die Kinder reden, wie mit einem Unbekannten?

Am Sonntag fuhr er zum Friedhof, ans Grab seiner Eltern. Mutter tot seit fünf Jahren, Vater schon zehn. Moritz entfernte Laub vom Grabstein, stellte Blumen ab, stand still. Seine Mutter hätte geweint, wenn sie wüsste, was aus ihm geworden war. Sie hatte Martha gemocht, immer gesagt: Halt sie fest, Moritz. Er hatte sie nicht gehalten.

Auf dem Rückweg Supermarkt, einkaufen. An der Kasse vor ihm ein junges Paar mit Kind. Der Junge nörgelt, zieht am Ärmel der Mutter, will Schokolade. Der Vater beugt sich zu ihm herunter, sagt etwas, und das Kind beruhigt sich sofort. Moritz schaut zu, spürt einen Knoten im Bauch.

Zuhause räumt er ein, setzt sich, starrt aufs Handy. Im Kontakt Klara. Er tippt: Klara, entschuldige, wenn ich oft anrufe. Ich vermisse dich. Vielleicht sehen wir uns mal?

Löscht die Nachricht. Tippt neu: Hallo, meine Tochter. Wie gehts?

Löscht auch das. Legt das Handy weg, reibt sich die Augen.

Vaterkrise. Noch ein Artikel, nachts gelesen. Männer begreifen ihre Rolle als Väter oft zu spät, wenn die Kinder längst erwachsen und selbständig sind. Moritz hatte dabei gedacht: Das bin ich.

Früher nahm er Erik mit zum Angeln. Erik liebte es, saß still am Ufer, starrte auf die Pose. Aber so mit zwölf hörte er auf; Papa, ich hab Fußballtraining. Papa, ich treff jemanden. Moritz nötigte nie, dachte: Junge wächst eben. Hätte er mehr drängen sollen? Zeit finden, trotz Arbeit, Müdigkeit, Montage?

Bei Klara war es einfacher. Sie war daheim, backte mit Martha, schaute Serien. Moritz mischte sich nicht ein. Frauenkram, dachte er. Jetzt merkte er, dass das ein Fehler war.

Ein Monat verging. Moritz arbeitete, kam heim, kochte schnell, Fernseher, schlafen. Am Wochenende fuhr er hinaus zum Schrebergarten, grub Beete um, obwohl niemand mehr kam. Nachbarn grüßten, jemand winkte mit Tee vorbei. Herr Bergmann aus Parzelle zwölf meinte einmal:

Moritz, warum bist du so niedergeschlagen? Als Mann ist die Scheidung kein Weltuntergang. Schau mich an, zehn Jahre allein, und noch lebe ich.

Moritz lächelte, antwortete nicht. Herr Bergmann verstand nicht er hatte nie Kinder.

Im Juli, an einem Mittwoch, rief plötzlich Erik an. Von sich aus, kein Anlass. Moritz traute erst den Augen kaum, sah auf das Display.

Papa, hallo, die Stimme des Sohnes klang entnervt. Wo bist du gerade?

Zu Hause. Was los?

Kannst du kommen? Ich brauche Hilfe. Anna und ich haben Streit, sie ist mit Paul zu ihrer Mutter und ich weiß nicht weiter.

Moritz griff nach den Autoschlüsseln, ohne sich umzuziehen.

Ich komm sofort. Bleib da.

In zwanzig Minuten war er da, fuhr zu schnell. Erik stand am Hauseingang, blass, gerötete Augen.

Papa, ich hab alles vermasselt, sagte er oben in der Wohnung. Wir haben uns um Geld gestritten, ich hab sie angeschrien. Sie meint, ich würde so werden wie du. Dass ich mich in dich verwandle.

Moritz setzte sich aufs Sofa, wusste nicht, was er sagen sollte. Waren die Beziehungen zwischen Vater und Kindern wirklich so schlecht, dass der Vergleich mit ihm beleidigend war?

Erik, sagte er leise, ich kann dir nicht sagen, was du machen sollst. Aber wenn du nicht so sein willst wie ich, dann mach nicht die gleichen Fehler. Ruf Anna an. Entschuldige dich. Fahr zu ihr. Warte nicht, bis alles kaputtgeht.

Erik sah ihn an, mit einem Blick voll Unsicherheit.

Hast du Mama eigentlich geliebt? fragte er.

Hab ich, sagte Moritz. Ich konnte es nur nicht zeigen.

Wieso?

Weiß nicht. Die Arbeit, die Erschöpfung. Ich dachte, Geld und eine Wohnung reichen. Aber das stimmt nicht.

Erik nickte, wischte sich über das Gesicht.

Ich fahr zu ihr. Danke, Papa.

Viel Glück.

Erik ging, und Moritz saß noch eine halbe Stunde in der fremden Wohnung, dann fuhr er heim.

Eine Woche später eine Nachricht von Erik: Danke. Wir haben uns versöhnt. Mehr nicht. Moritz las sie immer wieder, als könne sie einen geheimen Sinn enthalten.

Im August wurde eine Entlassungswelle angekündigt. Er blieb verschont, aber Heinrich traf es. Der Schichtleiter, fünfundzwanzig Jahre im Betrieb, plötzlich überflüssig. Beim Abschied tranken sie Sekt, wünschten Glück. Heinrich war betrunken, wiederholte: Rente und Einsamkeit, das bleibt. Frau letztes Jahr gestorben, keine Kinder. Wofür hab ich gelebt?

Moritz fragte sich das auch: Wofür hatte er gelebt? Für Arbeit, die bald endet? Für eine Familie, die zerfiel?

Im September fasste er Mut. Er rief Klara an, ließ es klingeln. Sie nahm nicht ab. Er schrieb: Klara, ich muss mit dir reden. Es ist wichtig. Bitte.

Nach drei Stunden kam die Antwort: Worum gehts?

Um uns. Um alles. Nicht am Telefon. Lass uns treffen.

Lange Stille. Dann: Okay. Samstag, vierzehn Uhr, Café am Viktualienmarkt.

Den Samstag erwartete Moritz wie ein Urteil. Tag vorher: Haare schneiden, Hemd bügeln, das alte Rasierwasser aufgelegt, das Martha ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Er kam zu früh, saß am Fensterplatz, trank Kaffee, beobachtete das Treiben draußen.

Klara kam pünktlich. Jeans, Pulli, die Haare zum Pferdeschwanz. Schön, erwachsen. Seine Tochter, die ihn ansah, als wäre er ein Fremder.

Hallo, Papa, sagte sie und setzte sich.

Hallo, Klara.

Sie bestellte Tee, sie saßen schweigend, bis die Bedienung kam.

Jetzt sprich, Klara rührte im Tee, sah ihn nicht an. Was wolltest du?

Moritz holte tief Luft.

Ich möchte verstehen, was ich falsch gemacht habe. Warum ihr zu mir so distanziert seid. Ich bin euer Vater. Nicht perfekt, das weiß ich. Aber kein Feind.

Klara sah ihn an, in den Augen eine Müdigkeit, tief und langsam gewachsen.

Papa, du verstehst es wirklich nicht? Du warst immer da, aber nie wirklich bei uns. Als ich Abi machte, wusstest du nicht mal, wohin ich studieren will. Hast es erst erfahren, als ich die Anmeldung schon abgegeben hatte. Und dann geschrien.

Ich hab nicht geschrien.

Doch, hast du. Du hast mich als naiv bezeichnet, wegen BWL. Ich hab geweint, aber das hast du gar nicht gemerkt.

Moritz schwieg. Er erinnerte sich, aber aus seiner Sicht war es anders.

Und als Erik den Arm gebrochen hat, warst du auf Montage, fuhr Klara fort. Mama hat sich allein um alles gekümmert, saß nachts am Bett. Du kamst erst nach einer Woche, entschuldigst dich nicht mal.

Ich konnte nicht früher. Arbeit.

Es war immer Arbeit, sie lächelte bitter. Weißt du, wie oft ich gewartet habe, dass du zu meinen Konzerten in der Musikschule kommst? Nie warst du da. Mama schon, Oma auch. Du nie.

Moritz ballte die Hände unter dem Tisch.

Es tut mir leid, sagte er leise. Wirklich. Ich hab damals nicht verstanden, dass mehr zählt als Geld und eine Wohnung.

Wir brauchten keinen Wohnraum, Klara sah ihn an, Tränen glänzten in ihren Augen. Wir brauchten einen Vater. Der weiß, was ich mag, wovor ich Angst habe. Der mich in den Arm nimmt, wenns mir schlecht geht.

Und Mama? fragte Moritz. Sie ist doch auch mitschuldig an der Trennung. Warum steht ihr hinter ihr?

Weil sie immer da war, antwortete Klara ruhig. Einfach präsent. Auch als ihr noch zusammen wart. Sie hat uns mehr geliebt, glaube ich.

Die Worte trafen heftiger, als Moritz vermutet hatte. Er wollte widersprechen, aber brachte keinen Ton heraus.

Ich hab euch geliebt, brachte er hervor. Konnte es einfach nicht zeigen.

Das ist keine Entschuldigung, Papa, Klara wischte die Augen. Liebe ist nicht Gefühl, sondern Taten. Und du hast nichts getan.

Sie schwiegen, Tee wurde kalt.

Kann ich noch was ändern? fragte Moritz leise. Oder ist es zu spät?

Klara sah hinaus, Regen zog Schlieren am Fenster.

Ich weiß nicht, sagte sie. Vielleicht. Aber es dauert. Es braucht Zeit.

Sie sprachen noch über ihre Arbeit, Wetter, Paul. Vorsichtig, wie zwei Unbekannte beim ersten Treffen. Beim Gehen legte Klara ihre Hand auf seine.

Papa, versuch uns zu verstehen. Wir sind nicht deine Feinde. Aber du musst lernen, anders zu sein.

Ich werde es versuchen, versprach er.

Sie nickte und ging.

Moritz saß noch lange am Fenster, sah den Regen, leere Straßen. Er dachte an das, was Klara gesagt hatte: Liebe ist Tun, nicht einfach Existenz.

Er dachte an Martha, die 30 Jahre da war, sein Schweigen, seine Kälte ausgehalten hatte, bis sie irgendwann ging. Und die Kinder folgten ihr, weil sie lebendig war er aber nur Leere.

Am Abend rief er Erik an.

Hallo, wie gehts Anna und Paul?

Gut, Papa. Danke fürs Zuhören letztens, das hat geholfen.

Erik, ich wollte euch mal besuchen. Mit Paul spielen. Wär das okay?

Pause.

Lass es uns probieren. Komm nächsten Sonntag. Und bitte, bring nichts mit. Komm einfach.

Danke, Erik.

Bis dann, Papa.

Moritz legte auf und spürte erstmals seit langem so etwas wie Hoffnung.

Am Sonntag stand er früh auf, zog das beste Hemd an, kaufte Torte, Blumen für Anna, ein kleines Auto für Paul. Pünktlich um zehn stand er bei Eriks Neubau.

Anna öffnete, freundlich, ließ ihn rein. Paul spielte auf dem Teppich.

Paul, schau mal, das ist dein Opa, sagte Anna.

Der Junge kam zögerlich heran.

Hallo, sagte er leise.

Hallo, mein Enkel, Moritz kniete sich nieder. Erinnerst du dich an mich?

Paul schüttelte den Kopf.

Macht nichts. Wir lernen uns neu kennen. Ich bin dein Opa Moritz. Ich kann dir zeigen, wie man Autos repariert.

Kannst du das? fragte Paul.

Oh ja. Ich kann viel.

Zwei Stunden saßen sie am Teppich, bauten Lego, lachten, Erik blieb dabei. Beim Abschied umarmte Moritz seinen Enkel, versprach, bald wiederzukommen.

Draußen im Auto weinte er kurz, dann fuhr er heim.

Im Oktober wurde es kalt. Moritz ging zur Arbeit, sah an den Wochenenden Paul. Die Kinder meldeten sich manchmal. Klara lud ihn zum Geburtstag ihrer Freundin ein. Er schwieg die meiste Zeit, fühlte sich fremd. Aber sie hatte ihn eingeladen. Es war ein Anfang.

Martha rief eines Abends von sich aus an.

Moritz, die Kinder sagen, du hast dich verändert, kam es sofort.

Ich bemühe mich, antwortete er. Spät, aber ich bemühe mich.

Ich freu mich für sie, ihr Ton wurde weicher. Sie brauchen ihren Vater.

Und du?

Ich brauche nichts mehr von dir, sagte sie ruhig. Das hab ich hinter mir.

Er schwieg.

Alles Gute, schloss Martha und legte auf.

Moritz legte das Handy weg, trat ans Fenster. Unten klopfte Frau Schuster schon wieder auf ihren Teppich. Das Leben ging weiter.

Im November kam es im Werk zu einem Unfall, Moritz half sofort, wurde von der Geschäftsführung gelobt. Heinrich rief an, wollte angeln gehen.

Moritz, komm doch am Samstag mit an den Main. Reden wir mal in Ruhe.

Gerne, sagte Moritz. War lange nicht mehr.

Sie saßen am Ufer, angelten Zander. Heinrich trank Tee aus der Thermoskanne, klagte über Rente, Preise.

Weißt du, Moritz, sagte Heinrich, wofür haben wir eigentlich gearbeitet? Keine richtige Familie, keine Kinder bei mir. Ich einsam, du fast auch.

Moritz starrte auf den Schwimmer.

Ich weiß nicht, Heinrich. Falsche Prioritäten vielleicht?

Vielleicht, sagte Heinrich. Aber jetzt ist es zu spät.

Ist es nicht, wandte Moritz ein. Solange man lebt, ist es nie zu spät.

Heinrich sah ihn erstaunt an.

Bist zum Optimisten geworden?

Moritz grinste.

Realist. Ich hab einfach begriffen: Selbstmitleid bringt nichts. Man muss etwas tun.

Was tust du denn?

Ich versuche, die Verbindung zu meinen Kindern wiederherzustellen. Stück für Stück.

Erfolg damit?

Ich weiß es noch nicht. Aber wenigstens versuche ich es.

Sie blieben bis zum Abend, fingen drei kleine Zander. Auf dem Rückweg sagte Heinrich:

Danke, Moritz. War ein schöner Tag.

Für mich auch.

Zuhause briet Moritz den Fisch, aß ihn mit Kartoffeln. Dann schickte er Klara eine Nachricht: Danke, dass ich eine Chance bekomme. Ich weiß, es ist schwer für dich.

Die Antwort kam nach einer Stunde: Papa, wir machen alle Fehler. Aber du versuchst wenigstens, es besser zu machen. Das zählt.

Moritz lächelte beim Lesen.

Im Dezember lud Erik ihn zum Weihnachtsfest für Paul ein.

Papa, Annas Mutter kommt, ihre Schwester auch. Und Mama. Also Martha wird auch da sein. Ist das okay?

Moritz hielt den Atem an.

Ja, natürlich. Danke für die Einladung.

Aber bitte keinen Streit, ja? Paul zuliebe.

Versprochen.

Das Fest fand in einem quirligen Kinderzentrum statt. Moritz kam mit einem Werkzeugkasten für Paul, der Junge freute sich, umarmte ihn.

Danke, Opa Moritz!

Moritz sah Martha in der Menge, älter, aber immer noch schön. Sie sah ihn, nickte. Er nickte zurück.

Als das Fest vorbei war, trafen sie sich am Mantelständer.

Hallo, Martha, sagte er.

Hallo, Moritz. Wie gehts?

Gut. Und dir?

Auch. Wohne bei Gisela, arbeite als Buchhalterin.

Schweigen.

Danke, dass du gekommen bist, sagte Martha. Für Paul bedeutet das viel. Annas Vater ist ja letztes Jahr gestorben.

Ich weiß. Erik hats erzählt.

Sie nickte, zog sich den Mantel an.

Du hast dich verändert, murmelte sie. Die Kinder sagen das.

Ich bemühe mich, sagte Moritz.

Es ist nie zu spät, sagte sie. Für uns vielleicht schon. Aber nicht für die Kinder.

Das weiß ich.

Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. Dann gingen sie auseinander.

Klara holte ihn auf dem Weg nach draußen ein.

Papa, warte…

Er drehte sich um.

Wir haben überlegt Erik und ich , ob wir Silvester vielleicht alle zusammen feiern. Bei Erik. Nicht wie früher, aber wir könnten zusammen essen.

Ehrlich? Moritz spürte einen Kloß im Hals.

Ehrlich. Erst du mit uns, dann kommt Mama. Getrennt, aber wir versuchens.

Ich wäre glücklich.

Sie lächelte, zum ersten Mal seit langer Zeit wie früher.

Dann also um sieben bei Erik.

Ich bin da.

Sie umarmte ihn rasch und lief davon.

Moritz trat hinaus. Dicke Flocken fielen, das ganze Nürnberg funkelte vor Festbeleuchtung. Er stapfte langsam zum Auto und spürte zum ersten Mal seit Monaten keinen Frost in der Seele.

Die Kinder gaben ihm eine Chance. Nicht Vergebung aber eine Chance. Und das war mehr, als er am Anfang des Jahres zu hoffen gewagt hätte.

Rente und Einsamkeit erschienen ihm nicht mehr als Schicksal. Ja, er wurde älter, ja, die Arbeit würde bald enden, Martha würde nie zurückkommen. Aber da waren Klara, Erik und Paul vielleicht irgendwann noch weitere Enkel. Und solange er sich Mühe gab, sich nicht aufgab, war Familie möglich. Anders als früher. Aber Familie.

Er stieg ins Auto, fuhr vorbei an beleuchteten Straßen nach Hause und war zum ersten Mal seit Langem nicht vollkommen allein.

Am 31. Dezember stand Moritz früh auf, rasierte sich, zog sein bestes Hemd an, kaufte Torte, Blumen für Anna, Spielzeug für Paul. Kam pünktlich um sieben.

Erik öffnete.

Hallo, Papa. Komm rein.

Küche roch nach Kartoffelsalat und Mandarinen, Klara deckte den Tisch, Anna rührte in Töpfen. Paul spielte mit Autos.

Opa Moritz! rief er und kam angelaufen.

Sie setzten sich. Moritz sah in die Gesichter seiner Kinder, des Enkels und wusste: Das war nicht das Ende. Das war ein Anfang.

Papa, sagte Erik und schenkte Sekt ein, auf das neue Jahr. Auf ein neues Leben.

Auf ein neues Leben, wiederholte Moritz.

Die Gläser klirrten. Klara schob ihm Salat auf den Teller.

Iss, Papa. Das ist dein Lieblingsgericht mit Erbsen.

Er aß, die Kinder redeten über Arbeit, Zukunft. Manchmal mischte er sich ein, manchmal hörten sie zu. Und das war wichtig.

Um zehn wollte Martha dazukommen. Moritz machte sich auf den Heimweg.

Danke, sagte er. Ihr habt mich eingeladen.

Besuch uns bald wieder, sagte Klara. Zu meinem Geburtstag?

Versprochen.

Erik brachte ihn zur Tür.

Papa, sagte er, ich habe lange gedacht, du hast uns nie geliebt. Aber Mama sagte, du konntest es einfach nicht. Das ist auch schwierig, aber etwas anderes.

Moritz nickte.

Sie hat recht. Ich lerne es gerade.

Ich glaube, es klappt, sagte Erik. Guten Rutsch, Papa.

Dir auch, mein Sohn.

Sie gaben sich die Hand.

Unten rauchte der Nachbar vor dem Haus. Gutes neues Jahr, Moritz!

Gleichfalls!

Moritz setzte sich ins Auto, blieb noch sitzen, schaute auf die erleuchteten Fenster, hielt fest: Hier beginnt mein neues Leben.

Handy vibrierte. SMS von Klara: Papa, du hast die Torte vergessen. Holt sie jemand oder essen wir sie allein? :)

Er schrieb zurück: Esst ruhig, ich bring nächstes Mal wieder was mit.

Er startete, fuhr nach Hause im Schneegestöber. Nürnberg lag still, bereit für die Glockenschläge um Mitternacht.

Moritz ging langsam, dachte daran, dass er vor einem Jahr ein anderer war. Damals hatte er Familie, aber keine Nähe. Jetzt war die Familie anders aber die Nähe kam zurück. Vielleicht war das zweite Chance. Nicht das Vergangene reparieren, sondern etwas Neues aufbauen.

Zuhause zog er den Mantel aus, trank Tee am Fenster. Unten zündeten Nachbarn Wunderkerzen, lachten. Aus der Ferne kam Musik herüber.

Moritz öffnete die Bildergalerie auf dem Handy. Paul auf dem Spielplatz, Klara im Café, Erik am Auto.

Alte Fotos scrollte er auch durch. Martha jung im weißen Kleid. Erik als Kleinkind. Klara in der Schuluniform.

Er sah sich ihre Gesichter an dieses vergangene Leben und empfand dabei kein Schmerz mehr. Nur leise, helle Wehmut.

Draußen begann der Countdown. Nachbarn riefen: Zehn! Neun! Acht!

Sieben, sagte Moritz halblaut. Sechs. Fünf.

Die Glocken schlugen zwölf. Die Stadt explodierte in Raketen.

Das Handy vibrierte. SMS von Erik: Frohes neues Jahr, Papa. Bleib gesund.

Dann von Klara: Papa, frohes neues! Ich hab dich lieb. Weißt du das?

Moritz sah auf die Worte, schluckte.

Schrieb beiden: Ich hab euch auch lieb. Sehr.

Er legte das Handy weg, trat ans Fenster, sah Feuerwerk und Schnee.

Frohes neues Jahr, Moritz, sagte er leise zu sich, Halt durch. Alles beginnt neu.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit glaubte er daran.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Nach der Scheidung habe ich jede Woche mit meinen Kindern telefoniert, bis meine Tochter plötzlich…
Ich bin 27 und habe sie in einem Moment kennengelernt, in dem ich am wenigsten auf eine Frau wie sie…