Entscheide dich: Deine Mutter oder ich – Wem gilt deine Liebe?

Wähle: Mutter oder ich

Das Telefon klingelte an jenem frühen Sommerabend, als ich schon im Bett lag und in einem alten Roman blätterte. Im Nachbarzimmer saß mein Mann Johannes, vertieft in die Wirtschaftsberichte im Fernsehen, der Ton gedämpft, fast wie Hintergrundgeräusch.

Die Nummer auf dem Display war mir fremd, trug jedoch die Vorwahl aus meinem Heimatdorf, irgendwo im Münsterland.

Hallo? sagte ich und spürte sogleich ein Ziehen in der Magengegend.

Hier spricht Frau Hildebrandt, Ihre Nachbarin von gegenüber. Sie kennen mich vielleicht nicht. Es ist etwas passiert Ihre Mutter, Frau Agnes Baumann, ist heute früh gestürzt. Ich kam abends vorbei, da lag sie auf dem Boden, konnte kaum sprechen, eine Gesichtshälfte

Noch ehe sie den Satz zu Ende brachte, war ich schon aus dem Bett, suchte mit den Zehen nach den Hausschuhen.

Liegt sie im Krankenhaus?

Ja, seit etwa einer Stunde. Der Notarzt war da sie vermuten einen Schlaganfall. Ich hab Ihre Nummer in ihrem Handy gefunden Es hat etwas gedauert…

Vielen Dank, Frau Hildebrandt. Vielen, vielen Dank.

Ich legte auf und stand ein paar Sekunden einfach da, die Hände noch um das Telefon geklammert. Dann ging ich zu Johannes.

Er saß in seinem Sessel, teures Hausgewand, ein Glas Mineralwasser auf dem Beistelltisch. 56 Jahre, gepflegtes Gesicht, akkurat gestutzte Schläfen. Erfolgreich in einer erfolgreichen Wohnung in Frankfurt.

Johannes, meiner Mutter geht es schlecht. Schlaganfall. Sie haben sie ins Krankenhaus nach Dülken gebracht.

Er drehte sich um, schaltete das Fernsehen stumm.

Wann?

Heute. Die Nachbarin hat sie gefunden. Sie lag da den ganzen Tag, alleine…

Johannes stellte sein Glas ab.

Und was jetzt?

Ich sah ihn an.

Ich muss morgen früh hinfahren.

Fahr ruhig. Ich halte dich nicht auf.

Johannes, wir müssen ernsthaft reden. Mama ist 78. Wenn das wirklich ein schwerer Schlaganfall war, kann sie nicht mehr allein in dem Haus bleiben. Wir müssen überlegen, was wir tun.

Er drückte einen Knopf, der Ton wurde wieder etwas lauter. So, als wollte er zeigen, dass ihn die Angelegenheit wenig berührte.

Anna, darüber haben wir schon gesprochen. Oft genug.

Aber nur theoretisch. Jetzt ist es passiert.

Was hat sich geändert? Ich habe dir meine Stellungnahme erklärt. Wir können sie nicht zu uns nehmen. Dafür haben wir keine passenden Gegebenheiten.

Langsam setzte ich mich aufs Sofa gegenüber.

Johannes. Wir haben vier Zimmer.

Vier Zimmer, von denen ich in zwei Räumen renovieren will. Ich habe es oft erklärt. Ich möchte das Arbeitszimmer neu gestalten, du wolltest selbst einen begehbaren Kleiderschrank. Soll ich deine Mutter auf den Flur legen?

Ein Zimmer ließe sich für Mama freimachen. Die Renovierung kann warten.

Die Renovierung kann nicht warten. Die Handwerker sind für März engagiert, der Vorschuss ist bezahlt. Das weißt du.

Johannes, es geht um einen kranken Menschen. Um meine Mutter.

Ich weiß. Aber überleg doch, was es praktisch heißt: eine fremde alte Person im Haus, krank, vielleicht inkontinent, mit Sprachproblemen. Dazu bin ich nicht bereit. Ich sage dir das lieber offen.

Sie ist keine Fremde. Sie ist meine Mutter.

Für mich ist sie so gut wie fremd. Ich habe sie in zehn Jahren viermal gesehen. Sie hat nie Kontakt gesucht.

Weil du selbst

Es bringt doch nichts, jetzt Schuldige zu suchen. Die Realität ist, ich brauche Ruhe für meine Arbeit und kann das Haus nicht zum Krankenlager machen.

Draußen rauschte die Stadt, gleichgültig und stetig.

Was ist mit einer Pflegekraft? fragte ich schließlich. Dort im Dorf eine gute Pflegekraft, das können wir uns leisten.

Klar. Dann mach das.

Aber ich werde öfter fahren müssen. Das sind drei Stunden mit dem Auto.

So oft du willst. Ich halte dich nicht ab.

Dieses Ich halte dich nicht ab klang so vertraut und beiläufig, dass mir innerlich der Boden langsam unter den Füßen wegrutschte. Nicht plötzlich, sondern ganz leise, wie lockere Erde nach Regen.

Ich stand auf, ging zurück ins Schlafzimmer und lag bis zwei Uhr wach, den Blick an die Zimmerdecke geheftet.

Am nächsten Morgen fuhr ich alleine nach Dülken.

Im Krankenhaus empfing mich der Geruch von Desinfektionsmittel und Anstrichfarbe. Meine Mutter lag im Sechsbettzimmer am Fenster. Die rechte Gesichtshälfte hing herab, die rechte Hand lag reglos auf der Decke. Sie sah mich an, stumm, der linke Mundwinkel zuckte ein wenig.

Mama. Ich nahm ihre Hand, kalt und leicht wie Papier. Mama, ich bin da. Alles wird gut.

Sie versuchte zu sprechen, aber die Worte zerflossen.

Nicht reden ich bleibe.
Die Ärztin, eine ältere Frau mit müden Augen, erklärte mir in aller Kürze: schwerer ischämischer Schlaganfall, rechte Seite gelähmt, Sprache betroffen. Die Prognose: vorsichtig. Eine Besserung möglich, aber zeitaufwändig und offen. Mindestens ein halbes Jahr Pflege, Übungen, Logopädie, ständige Betreuung.

Sie kann nicht mehr alleine wohnen, das ist sicher, sagte die Ärztin. Sind Sie das einzige Kind?

Ja, das einzige.

Sie sah mich an, mit diesem wissenden Blick, den Ärzte entwickeln, wenn sie viele Familien in Not erlebt haben. Kein Vorwurf, kein Mitleid eher nüchterne Lebenserfahrung.

Ich blieb den ganzen Tag. Fütterte Mama mit dem Löffel, unterhielt sie, so gut es ging. Sie hörte zu, der Blick wach, auch wenn Antworten kaum gelangten.

Abends trat ich auf den Hof und rief Johannes an.

Und, wie sieht es aus?

Schlecht. Rechte Seite gelähmt, Sprache gestört. Sie kann nicht allein bleiben.

Kurze Pause.

Verstehe.

Johannes, ich bleibe hier.

Wie lang?

Weiß nicht. So lange es nötig ist. Ich kann nicht einfach weg.

Seine Stimme klang angespannter.

Du hast doch deine Arbeit in Frankfurt, dein Leben

Ich rede mit meinem Chef. Vielleicht klappt Homeoffice. Aber Mama darf nicht allein sein.

Du hast doch von einer Pflegekraft gesprochen.

Eine Pflegekraft ist keine Tochter, und das weißt du.

Er schwieg.

Du weißt, dass das lange dauert?

Ja.

Und du bist bereit, in dem alten Haus zu leben?

Ich bin bereit.

Noch eine längere Pause.

In Ordnung. In diesem in Ordnung lag keine Wärme, keine Ablehnung es war nur Feststellung. Meld dich, falls du etwas brauchst.

Ich steckte das Handy weg, schaute auf die leise dunkler werdende Straße im Dorf. Die alte Frau mit dem karierten Netzbeutel schob sich am Zaun entlang, irgendwoher roch es nach Holzrauch.

Mutters Haus stand am Ende der Lindenstraße, ein altes, von der Zeit nachgedunkeltes Fachwerkhaus mit krummem Giebel und kleinen Fenstern. Ich schloss mit meinem alten Schlüssel auf, den ich immer bei mir trug, aber selten benutzte.

Innen war es kühl, seit zwei Tagen hatte niemand geheizt. Ich holte Holz, machte den alten Ofen an, umständlich, die Flamme ging erst mehrmals aus, die Hände wussten noch ungefähr, was zu tun war, irgendwoher aus Kindertagen.

Ich inspizierte das Haus kleine Küche mit gesprungener Fliese, schmaler Flur, zwei Zimmer. Mutters Bett im einen, meine alte Couch im anderen. Alles sauber, einfach, ärmlich. An den Wänden Fotos: ich als junge Frau, mein verstorbener Vater, alte Verwandte. Und überall diese bäuerliche Ordnung jedes Ding am Platz, weil es so wenige Dinge gab.

Ich schrieb Johannes eine Nachricht: Ich bleibe hier. Hole später meine Sachen.

Er antwortete zwanzig Minuten später: Verstanden. Mach, wie du denkst.

Das wars für die Ehe, für alles.

Die ersten Tage verschwammen zu einer einzigen schweren Zeit. Ich war täglich im Krankenhaus, lernte alles: Drehen, damit es keine Wundstellen gibt; passive Gymnastik mit der gelähmten Hand, langsames Füttern, ruhig bleiben, die eigene Erschöpfung nicht zeigen. Die Logopädin mühte sich, meine Mutter lernte wieder sprechen unvorstellbar schmerzhaft mitanzusehen, wie eine kluge ehemalige Mathematiklehrerin nach einfachen Wörtern rang.

Anna, sagte sie eines Morgens schon deutlicher. Es war die zweite Woche. Anna… Geh nach Hause.

Ich bin zu Hause, Mama.

Nein. Links machte sie eine Geste. Zu Johannes.

Nicht jetzt, Mama.

Johannes… Er… freut sich nicht?

Ich tuckte die Decke zurecht.

Alles ist in Ordnung, Mama. Denk nicht daran.

Lange sah sie mich an, und in dem Blick war etwas, das ich nicht aushielt und zum Fenster ging.

Nach dreieinhalb Wochen entließ man sie: Heim, mit Medikamenten, mit Übungszetteln, Logopädieempfehlung. Ich mietete einen Wagen, ein junger Nachbar half, sie ins Haus zu tragen. Ich richtete sie im Bett ein, heizte an, kochte Suppe.

Es begann ein anderes Leben.

Einen liegenden, kranken Menschen zu pflegen, darüber redet man nicht. Es heißt alle zwei Stunden umlagern, Töpfchen nachts, Laken wechseln, jeden Morgen Bewegungsübungen. Langsam füttern, aufpassen, dass sie nicht verschluckt. Medikamente nach Uhr; sieben am Morgen, fünf am Abend. Die Logopädin kam dreimal pro Woche, Mama arbeitete hart, Aufgeben lag ihr fremd.

Ich arbeitete weiter als Buchhalterin für eine kleine Firma, remote. Mein Chef zeigte Verständnis, reduzierte meine Stunden. Weniger Gehalt, aber das Nötigste reichte Johannes überwies ab und zu Geld, kommentarlos. Ich fragte nicht nach.

Wir telefonierten kaum.

An einem trüben Maitag versuchte ich, die schiefe Stufe an der Haustür zu reparieren. Demnächst sollte Mama mit Rollator heraus können. Da kam Herr Schröder vom Nachbarhaus.

Ich kannte ihn nur flüchtig breitschultrig, sommersprossig, kurzgeschnittenes Haar, vielleicht 55, wie ich.

So geht das nicht, sagte er. Den Nagel müssen Sie schräg einschlagen, sonst hälts nicht.

Er nahm mir den Hammer ab, erledigte die Aufgabe in fünf Minuten.

Wenn was ist, sagen Sie Bescheid, sagte er. Ich bin gleich nebenan.

Das will ich nicht überstrapazieren…

Kein Problem. Ihre Mutter hat meiner geholfen damals. Ich habs nicht vergessen.

Er verschwand, und mir wurde klar, wie unwichtig mir das Wort Umstände machen geworden war.

Im November zog kalte Luft durch die Ritzen. Eines Abends zog Rauch in die Stube der Ofen zog nicht mehr, irgendwas war verstopft. Ich bat Herrn Schröder um Hilfe und schämte mich ein bisschen.

Er kam, stieg wortlos aufs Dach, reinigte den Schornstein; lehnte Geld mit ruhiger Selbstverständlichkeit ab.

Trinken Sie einen Tee mit? fragte ich.

Gern.

Wir saßen in der Küche. Draußen bog Wind die alten Apfelbaumzweige, Mama schlief hinter der Wand.

Sie wohnen schon immer hier? fragte ich.

Ich bin nach der Ausbildung einige Jahre in Essen gewesen, dann zurück. Hier fühlt sichs an wie Heimat.

Ich hielt meine Tasse. Es war warm. Mir wurde klar, wie mir das Dorf gefehlt hatte.

Im Dezember konnte meine Mutter sich selbst hinsetzen. Für uns ein kleines Wunder. Logopädin Frau Siegert, eine aufmunternde Frau um die 45, lobte Mutters Fortschritte.

Die Sprache kam langsam zurück. Einfache Sätze klappen.

Du bist dünner geworden, sagte sie.

Ach, Mama

Doch. Ruft Johannes an?

Manchmal.

Kommt er vorbei?

Ich weiß nicht, Mama.

Lange Pause.

Er kommt nicht, sagte sie nicht traurig, sondern klar.

Johannes kam tatsächlich nicht. Einmal in der Woche rief er an, fragte wie läufts, hörte zu. Sagte einmal, der neue Parkettboden sei schön geworden, ein anderes Mal schwärmte er vom Betriebsdinner. Ich spürte, wie zwischen uns etwas wuchs: keine Wut, kein Streit, nur Abstand. Wie zwischen Menschen, die zufällig unter einer Adresse stehen, aber längst woanders leben.

Im Januar besuchte mich meine Freundin Klara aus Frankfurt. Sie brachte Kuchen, wollte helfen.

Gleich beim Tee fragte sie: Findest du nicht, dass das jetzt zu viel ist? Monatelang was willst du noch opfern?

Was soll ich tun, Klara?

Eine richtige Pflegekraft engagieren, das reicht. Oder Altersheim gibt auch gute…

Mama hat immer Angst gehabt vorm Heim.

Das zählt nicht. Du musst auf dich achten

Sie versteht alles. Sie ist klar.

Klara schwieg.

Johannes kommt nicht?

Nein.

Und soll das jetzt ewig so gehen?

Ich weiß es nicht.

Anna. Ein Mann ist wichtig, Wohnung, Zukunft

Ich unterbrach sie:

Klara, Mama lag einen Tag allein am Boden. Sie ist meine Mutter.

Klara fuhr gekränkt zurück. Wir schrieben später, aber etwas hatte sich verschoben.

Ich merkte, dass die älteren Nachbarinnen Frau Hildebrandt vorneweg respektvoller mit mir umgingen. Mal stellte sie ein Glas eingekochte Kirschen vor die Tür, mal brachte sie einen Apfelkuchen. Frau Scholz, die rüstige Nachbarin, saß einmal zwei Stunden bei Mama, als ich in die Apotheke fuhr. Wir reden einfach ein bisschen, sagte sie schlicht.

Mit den Frauen aus meiner Generation, die mich als Ehefrau eines Frankfurter Erfolgreichen kannten, war es anders. Ehemalige Mitschülerinnen befragten mich neugierig zu Johannes, warum er nicht komme, wie wir lebten. Es klang mehr nach Schadenfreude als Anteilnahme.

Es geht uns gut, sagte ich, erzählte nichts weiter.

Herr Schröder half mit allem. Stellte im Winter den Zaun wieder auf, räumte Holz, reparierte das Dach. Als ich einmal krank war, brachte er mir Suppe, heizte, wechselte Mamas Bett mit einer Selbstverständlichkeit, die mich fast verlegen machte.

Wie kann ich das gutmachen? fragte ich, als es mir besser ging.

Ach, Quatsch, sagte er. Wir sind Nachbarn.

Es gibt verschiedene Nachbarn.

Stimmt, erwiderte er.

Einmal fragte ich: Haben Sie Familie?

Hatte. Frau an Krebs verloren, Tochter lebt in Hamburg, meldet sich selten. Das sagte er ohne Klage einfach so.

Fehlt Ihnen das?

Manchmal. Aber wenn man zu tun hat, gehts.

Ich dachte an Johannes in der großen Wohnung mit Ledercouch und Fernseher ob es ihm dort je langweilig wurde?

Abends rief ich ihn an. Johannes, wir müssen reden.

Was ist?

Nichts passiert. Aber es wird Zeit.

Pause.

Sprich.

Wie gehts dir?

Ganz gut. Renovierung läuft. Auf Arbeit einiges los. Pause. Wann kommst du zurück?

Ich glaube… gar nicht.

Lange Stille.

Für immer?

Ja.

Er fragte ruhig: Wegen deiner Mutter oder wegen mir?

Ich überlegte.

Wegen mir, denke ich.

Er atmete leise.

Verstehe. Pause. Willst du die Scheidung?

Ja.

Gut. Dann lass uns das so machen.

Dieses gut, genauso sachlich wie seine Worte zum Parkett, setzte einen endgültigen Punkt.

Im Frühjahr ging meine Mutter erstmals mit Rollator. Erst zur Küche, dann zur Tür. Es war schwer, sie war verzweifelt, schimpfte einmal, weinte aber ging. Frau Siegert, die Logopädin, überzeugte, dass es nicht selbstverständlich sei. Die Motivation macht den Unterschied.

Ich war nicht sicher, ob das an mir oder am Wesen meiner Mutter lag. Aber es war gut so zu denken.

An einem warmen Maiabend saßen Herr Schröder und ich auf der Bank vorm Haus. Mama konnte inzwischen abends allein einschlafen ich hatte freie Zeit zwischen Tagwerk und Nachtpflege.

Denken Sie daran zurückzugehen? fragte er.

Nein, antwortete ich schließlich. Früher habe ich vom Stadtleben geträumt. Aber jetzt will ich nicht fort.

Das ist nicht seltsam, sagte er ruhig. Es dauert manchmal, bis man an den Ort kommt, wo es passt.

Mir geht es hier nicht immer gut. Oft ist es hart.

Das ist nicht das Gleiche. Richtig ist nicht immer leicht. Aber es ist richtig.

Ich sah ihn von der Seite an: einfache Hände, Falten im Gesicht, nicht viele Worte aber klug. Worte, die lange nachklangen.

Herr Schröder… Sie wissen, Johannes und ich lassen uns scheiden?

Hat man so gehört. Im Dorf bleibt nichts verborgen.

Verurteilen Sie mich?

Er überlegte.

Wofür denn? Familie ist nicht nur ein Haus. Familie ist, wenn man zusammenhält. Sonst sinds nur zwei Leute, die ihre Namen auf denselben Briefkasten schreiben.

Ich sagte nichts mehr musste es auch nicht.

Die Scheidung lief über den Anwalt, ruhig und sachlich. Johannes behielt die Wohnung in Frankfurt, zahlte mir eine faire Abfindung. Nicht mehr, nicht weniger. Das reichte für neue Dielen, Dachdecker und einen Elektriker.

Im Sommer half Herr Schröder beim Renovieren. Er brachte zwei Freunde mit, gemeinsam schafften sie in drei Wochenenden das, was ich in Monaten nicht geschafft hätte. Sie nahmen nur Geld für das Material.

Warum? fragte ich ihn offen.

Weil wir Nachbarn sind.

Nicht nur deshalb.

Er nickte nach einer Weile.

Nein, nicht nur deshalb.

Meine Mutter sah dem von der Haustür aus zu. Ihr Gesicht blieb zur Hälfte gelähmt, die Sprache kam zu siebzig Prozent zurück die Ärztin meinte, ein sehr guter Verlauf. Sie sagte irgendwann:

Er ist ein guter Mensch.

Ja, Mama.

Siehst du das?

Ich sehe es.

Sie nickte. Dann sprach sie nie wieder davon.

Im Juli rief Johannes an zum ersten Mal seit der Scheidung.

Wie lebt ihr dort?, fragte er, seine Stimme war weicher, menschlicher.

Gut. Mama läuft wieder, das Haus ist instand.

Schön. Ich habe nachgedacht Vielleicht hätte ich damals anders reagieren sollen.

Ich sagte nicht Ist schon gut, ich log nicht.

Vielleicht, sagte ich.

Bist du wütend?

Nein. Nicht mehr.

Und bist du glücklich dort?

Ich schaute auf das Fenster sehe Mama, wie sie im Sessel am Kranz von Sommerapfelbäumen sitzt, den Garten betrachtet. Die Geranie blüht, die Luft duftet nach Gras und Sonne.

Glücklich Vielleicht nicht das Wort, aber… hier ist es gut.

Verstehe, antwortete Johannes. Und diesmal hörte ich, dass er wirklich etwas verstand, was er vorher nicht gesehen hatte.

Wir verabschiedeten uns ruhig.

Ich stellte Wasser für den Tee auf. Der alte emaillierte Kessel pfiff leise, auf der Fensterbank stand Mamas Geranie, wie jedes Jahr in tiefem Rot. Es roch nach Sommer.

Es klopfte an der Tür Herr Schröder, mit einer Schüssel Himbeeren aus seinem Garten.

Danke, Kalle. Komm doch rein, rief Mama, die die Stimme erkannt hatte.

Ich hörte sie reden, beide, gedämpft, freundlich; und hielt kurz inne, die Tassen noch in den Händen.

Weil es etwas sehr Einfaches und sehr Wesentliches gab in dieser kleinen Küche, diesen Stimmen, der Wärme, im Duft von Tee und Blüten und im Andenken an Frankfurt, an das Leben mit dem richtigen Sofa, der falschen Entscheidung.

Ich hatte mich fürs Richtige entschieden. Oder tat es noch, Tag für Tag.

Ich nahm die Tassen und trat ein.

Herr Schröder, mögen Sie eine Tasse Tee?

Sehr gern.

Mama blickte mich an der linke Mundwinkel hob sich. Ein echter, wenn auch nicht vollständiger, aber warmer Ausdruck.

Kommt, setzt euch, sagte sie. Beide.

Die Sonne färbte die Dächer rosig, lange Schatten lagen über dem Hof, ein Star sang im Apfelbaum, Himbeeren in der Schale, warm, süß nach Sommer.

Mehr Worte brauchte es nicht.

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Homy
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Entscheide dich: Deine Mutter oder ich – Wem gilt deine Liebe?
Herrin im eigenen Heim: Selbstbestimmt und souverän zu Hause