Eigene vier Wände.
Annika, hast du schon wieder vergessen, die Butterdose zuzumachen? seufzte Waltraud Berger, während sie den Stuhl mit Schwung zu sich zog. Jetzt hat die Butter die ganze Nacht die Gerüche vom Kühlschrank aufgesogen. Leon, mein Junge, schmier dir lieber Quark aufs Brot, hab den gestern frisch aus dem Rewe geholt.
Annika merkte, wie sich ihre Finger fester um den Messergriff schlossen. Ohne ein Wort schnitt sie weiter Brot, versuchte, die Scheiben gleichmäßig zu machen, auch wenn ihre Hände zitterten. Draußen nieselte es typisch für den Oktober, das Wasser zog Spuren am Fenster runter, und in der engen Küche wirkten sie fast zu dritt wie zu viele Menschen.
Mama, ist doch nicht schlimm mit der Butter, murmelte Leon, den Blick auf sein Smartphone gerichtet, das Brötchen in der Hand.
Na ja, na ja. Ich sags ja nur, weil ich mir Sorgen mache. Ihr seid jung, ihr macht euch keinen Kopf drum, dass Lebensmittel schlecht werden, wenn man sie nicht richtig lagert. Und dann Bauchschmerzen rate mal, wers ausbaden darf!
Annika stellte den Brotteller auf den Tisch, ließ sich auf ihren Platz sinken. Ihr war seit dem Aufstehen schwindlig, ein komischer Geschmack im Mund. Sie goss sich Tee aus einem Teebeutel Morgensonne ein und hoffte, das heiße Getränk würde die Übelkeit verscheuchen.
Annika, du isst ja gar nichts, mischte sich die Schwiegermutter weiter ein, fixierte sie über die Brille hinweg. Du bist schon richtig dünn geworden. Leon, wie willst du denn mit so einer Frau Kinder bekommen? Ein Kind braucht schließlich eine gesunde Mutter.
Etwas zog sich in Annika schmerzhaft zusammen. Sie nahm einen zu heißen Schluck Tee, zwang sich zu einem gequälten Lächeln.
Frau Berger, ich hab morgens einfach keinen Hunger. War schon immer so.
Immer, immer… Wir sind damals mit Fieber zur Arbeit, und keiner hat gejammert. Heute nehmen die Jungen gleich ne Krankmeldung für jedes Wehwehchen. Und ich hab in deinem Alter Leon schon alleine großgezogen und immer gearbeitet und trotzdem war die Wohnung picobello.
Leon blickte nun doch kurz auf.
Mama, echt jetzt? Annika hat gestern bis acht Uhr im Büro gesessen, sie haben die Unterlagen fertig gemacht.
Ich sag ja nichts! Ich mache mir nur Sorgen. Ist doch verständlich. Eine junge Familie, ihr müsst an die Zukunft denken aber mit so einer Gesundheit… naja.
Annika stand auf und brachte ihre fast volle Teetasse zur Spüle. Im Fenster konnte sie sehen, wie Waltraud Leon noch etwas Quark auf den Teller tat, ihn liebevoll am Arm tätschelte. Im Hintergrund plätscherte die Stimme der Schwiegermutter wie ein immer präsentes Grundrauschen an Leon gerichtet.
Mein Sohn, vergiss die wichtige Besprechung heute nicht, rief Waltraud. Ich hab dir das hellblaue Hemd gebügelt, liegt auf dem Stuhl.
Annika stand an der Spüle, hielt die kalte Tasse fest und spürte, wie etwas Schweres, Dumpfes in ihr wuchs. Es fühlte sich nach Erschöpfung an, aber das war es nicht allein. Es saß tiefer, wie eine uralte Kränkung, die sich nicht abschütteln ließ.
Dabei hatte sie sich, vor drei Monaten, noch über den Besuch ihrer Schwiegermutter aufrichtig gefreut.
***
Waltraud Berger war Ende Juli gekommen. Spätabends hatte sie angerufen, aufgelöst und den Tränen nah. Die Nachbarn unter ihr hatten ihr die Wohnung in Stuttgart geflutet, Parkett und einige Möbel waren kaputt, der Handwerker meinte, das würde mindestens eine Woche dauern, vielleicht auch zehn Tage.
Leon, kann ich solange bei euch wohnen? Ein Hotel ist zu teuer, außerdem fühl ich mich da allein, hatte sie ins Telefon gebeten, und Leon war, wie erwartet, sofort einverstanden gewesen.
Annika war damals ehrlich froh. Waltraud lebte in Stuttgart, sie sahen sich selten zu Weihnachten oder Ostern und die Beziehung war entspannt, Waltraud wirkte dynamisch, ein bisschen redselig, aber freundlich. Nachdem ihr Mann vor fünf Jahren gestorben war, war sie viel allein, arbeitete noch im Stadtarchiv, kümmerte sich liebevoll um ihre Alpenveilchen auf dem Balkon.
Ach, die Woche geht schnell vorbei, hatte Annika schon beim Umräumen überlegt. Ist sicher auch nett, sie mal richtig kennenzulernen.
Leon hatte sie umarmt, ihr einen Kuss aufs Haar gegeben.
Du bist die Beste. Ich bin echt froh, dass Mama nicht alleine in dem Baustellenchaos hockt.
Waltraud reiste mit zwei riesigen Koffern und einem mit Schnur umwickelten Umzugskarton an. Annika holte sie gemeinsam mit Leon am Münchner Hauptbahnhof ab, half beim Tragen. Die Schwiegermutter sah erschöpft aus, rote Augen, schmale Lippen.
Annika, danke, dass ihr mich alten Drachen aufnehmt, sagte sie am Wohnungseingang und umarmte Annika fest. Ich bleib wirklich nur kurz. Sobald alles fertig ist, bin ich wieder weg, verspreche ich.
Die ersten Tage verliefen fast idyllisch. Waltraud kochte Mittagessen, putzte, während Annika und Leon auf Arbeit waren. Abends saßen sie zusammen beim Tee und selbstgebackenen Mürbeteigplätzchen, die Waltraud mitgebracht hatte. Leon blühte förmlich auf, machte Witze, war sichtbar zufrieden, seine Mutter dazuhaben.
Doch nach der zweiten Woche fing es an zu kippen.
Zunächst waren es Kleinigkeiten. Waltraud sortierte die Gewürzgläser neu, natürlich praktischer. Dann räumte sie die Bettwäsche im Schrank um, und es passierte immer öfter, dass Annika ihre Sachen nicht wiederfand. Sie sagte nichts, es war ja nichts Großes.
Annika, ich hab gesehen, auf den Gardinen ist Staub, kommentierte die Schwiegermutter beiläufig beim Suppenausschank. Die hast du bestimmt länger nicht abgewischt, oder? Das ist nicht gut, da kriegt man Allergie. Ich hab heute mal drübergewischt, jetzt ist alles ordentlich.
Danke, Frau Berger, murmelte Annika, spürte die Scham. Echt, sie hatte keine Zeit für die Gardinen nach Feierabend wollte sie oft nur mit Tee und Buch ihre Ruhe.
Ich will dich nicht kritisieren, Kindchen, sagte Waltraud, immer mit ihrem freundlichen Lächeln. Ich helfe ja nur. Dann hast du weniger zu tun.
Nach drei Wochen meldeten sich die Handwerker: Leitungsschäden, alles dauert länger, mindestens zehn Tage noch. Waltraud war enttäuscht, ließ sich aber nichts anmerken.
Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich noch ein wenig bleibe? Sonst mach ich mich einfach in die Pension, ist kein Problem.
Ach was, Mama, bleib ruhig, versicherte Leon und drückte sie.
Annika schwieg. Sie spürte langsam eine diffuse Unruhe, aber schob es weg. Ist doch nicht so schlimm, dachte sie, sind ja nur ein paar Tage mehr.
So wurde aus einem Monat ein anderthalber. Die Schwiegermutter richtete sich fast unmerklich in der kleinen Zweizimmerwohnung ein. Jetzt schlief sie im ehemaligen Arbeitszimmer, der Klappcouch und dem Schreibtisch. Annika arbeitete mit dem Laptop meist am Küchentisch oder im Schlafzimmer, das war umständlich, aber sie sagte nichts.
Jeden Abend kochte Waltraud. Es schmeckte, aber es gab nur Leons Lieblingsessen: Bratkartoffeln, Gulasch, Frikadellen. Annika mochte lieber Gemüse, Fisch, fühlte sich aber seltsam, das zu äußern.
Annika, du isst wieder wenig, tadelte die Schwiegermutter beim Essen. Leon, schau mal, wie schmal sie geworden ist. Eigentlich müsste ein Arzt konsultiert werden, nicht dass sie was mit dem Magen hat.
Annika, echt, du bist irgendwie appetitlos geworden, sagte Leon, leicht besorgt.
Ich hab einfach keinen Hunger, wiederholte Annika. Das war nicht mal gelogen. Sie fühlte sich morgens übel, mittags kraftlos und wollte nicht zum Arzt. Sie fürchtete das Urteil: Stress, Erschöpfung und wie sollte sie Leon erklären, dass sie ihre Schwiegermutter kaum noch ertrug?
***
Mitte September geriet es auch auf Arbeit in den Ausnahmezustand. Das Finanzamt wollte dringend korrigierte Abschlüsse, zu dritt saßen sie in der Buchhaltung bis spät abends, Annika kam oft erst gegen neun oder zehn nach Hause, völlig K.O.
Die Wohnung empfing sie mit warmem Licht, dem Duft von Abendessen und Waltrauds unüberhörbarer Stimme.
Annika, endlich bist du da. Wir haben schon gegessen, hab dir was im Topf gelassen. Nur nicht die Töpfe verschieben, ja? Ich hab sie extra so hingestellt, dass es übersichtlich bleibt.
Annika nickte, wärmte das Essen auf, würgte ein paar Bissen hinunter. Leon kam, begrüßte sie flüchtig, erzählte von seinem Tag. Waltraud saß daneben, strickte oder blätterte in Zeitschriften und war einfach immer da. Die Luft im Apartment wurde dicker.
Leon, meinst du, deine Mutter will für immer bleiben? fragte Annika eines Abends im Bett.
Ihre Wohnung ist halt noch eine Baustelle, murmelte Leon verschlafen. Sei nicht so streng, Schatz. Es dauert bestimmt nicht mehr lang.
Es sind aber schon zwei Monate…
Es ist meine Mutter, Annika. Sie ist allein. Hast du kein bisschen Verständnis?
Ein stechender Schmerz. Annika drehte sich wortlos zur Wand. Leon schlief sofort ein, sie lauschte lange in die Dunkelheit, hörte die Geräusche im Zimmer nebenan.
Am nächsten Tag hatte Waltraud schon den nächsten Programmpunkt.
Annika, ich dachte, wir putzen am Samstag mal gemeinsam? Du bist immer so müde, und zu zweit gehts schneller.
Annika wollte verneinen, aber Waltraud stand schon mit Eimer und Putzlappen bereit. Sie schrubbten zusammen, Waltraud kommentierte dabei alles.
Oh! Hinter der Heizung, schau mal, richtig Dreck. Muss man öfter saugen. Und die Gardinen, die sind auch fällig. Den Kühlschrank putzt du wie? Ich mach das alle zwei Wochen, wegen der Hygiene.
Annika nickte nur noch, wusch, putzte, und merkte, wie ihr Frust immer größer wurde. Aber widersprechen? Die Schwiegermutter meinte es ja nur gut.
Ende September fühlte Annika sich endgültig wie eine Fremde in ihrer eigenen Wohnung. Waltraud managte Küche, Bad, sogar die Wäsche. Sie wusch Leons Hemden selbst, legte sie akkurat, bügelte mit extra Stärke.
Leon mag es, wenn die Hemden so fest sind, lächelte sie. Das hat er von klein auf gelernt.
Annika wusch ihre Sachen heimlich, wenn mal eine Lücke frei war. Sie kam sich vor wie jemand auf Kurzbesuch im eigenen Zuhause.
In manchen Nächten träumte sie, wie sie in endlosen Fluren ihr Zimmer suchte und jeder Raum verschlossen war. Oder wie sie in der Küche stand und versuchte zu kochen, aber alle Töpfe verschwanden einfach.
Sie wachte dann klitschnass auf, das Herz raste, und sie konnte Leon nicht wecken, nicht reden. Was sollte sie sagen? Die Schwiegermutter erstickt mich mit ihrer Fürsorge? Wie klingt so was?
***
Anfang Oktober wurde es seltsam.
Annika wachte morgens mit Übelkeit auf. Gerade so schaffte sie es ins Bad. Kaum über der Waschbecken, hörte sie draußen Waltrauds besorgte Stimme.
Annika, ist alles okay? Soll ich wen rufen?
Nein, nein, geht schon, hustete Annika, spritzte sich Wasser ins Gesicht. Wahrscheinlich hab ich gestern was Falsches gegessen.
Was Falsches? klang es leicht gekränkt. Ich hab extra frisch gekocht! Leon gehts gut, nur du…
Frau Berger, das hat nichts mit dem Essen zu tun. Mein Magen ist empfindlich, das ist alles.
An dem Tag fühlte sie sich den ganzen Tag wie ein Zombie. Im Büro machten die Zahlen keinen Sinn, die Kollegin fragte, ob sie nicht lieber früher heimgehen wolle.
Annika, du siehst echt fertig aus. Nimm besser frei.
Geht nicht, die Berichte sind morgen fällig.
Deine Gesundheit ist wichtiger.
Annika ging trotzdem nicht zum Arzt. Als sie abends spät heimkam, empfing Waltraud sie schon mit vorwurfsvollem Blick.
Ich hab mir Sorgen gemacht. Leon auch. Willst du uns noch mal so erschrecken?
Tut mir leid, hatte viel zu tun.
Immer nur Arbeit, immer. Und zu Hause bleibt alles an mir hängen. Immerhin isst Leon wenigstens was Vernünftiges, da hab ich wenigstens mein Gewissen ruhig.
Annika zog sich, von Kopfschmerzen geplagt, ins Schlafzimmer zurück. Aus dem Wohnzimmer hörte sie die Stimmen, Waltraud lamentierte, Leon beschwichtigte.
Sie wünschte sich nur noch schreien zu können. Aber wie immer blieb sie stumm.
Am nächsten Morgen entdeckte sie auf ihrer Lieblingsbluse einen gelblichen Fleck am Kragen. Gestern war sie noch sauber. Sie fragte vorsichtig in der Küche.
Frau Berger, wissen Sie, was mit meiner weißen Bluse passiert ist?
Die Schwiegermutter zuckte mit den Schultern.
Mit welcher Bluse?
Der weißen. Da ist jetzt ein Fleck, den hatte sie vorher nicht.
Ich hab deine Sachen nicht angerührt. Wahrscheinlich wars von dir selbst, du hasts vergessen?
Annika sah ihr einen Moment lang ins Gesicht, bemerkte das Unschuldslächeln und plötzlich war ihr klar: Sie log. Sie wusste von dem Fleck, sie hatte ihre Hand im Spiel.
Doch sie sagte nichts. Zog einfach wieder einen anderen Pullover an und schleppte sich ins Büro.
Aber es blieb nicht bei der Bluse. Plötzlich war ihre große Tasse verschwunden, die Leon ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Niemand hatte sie gesehen. Waltraud zuckte wieder nur die Achseln.
Vielleicht hat sie einen Sprung gehabt und du hast sie weggeschmissen?
Dann war plötzlich, quasi über Nacht, ihre fast volle Shampooflasche leer. Waltraud meinte, die habe vielleicht ein Loch gehabt, so was passiere eben.
Annika fragte schließlich gar nicht mehr. Sie fühlte sich wie im Nebel. Tagsüber roboterte sie im Büro, abends hockte sie apathisch mit dem Laptop am Küchentisch. Leon zog sich auch immer mehr zurück, wurde gereizt und es gab mehr als einmal Streit.
Annika, du bist extrem nervös in letzter Zeit, meinte Leon. Ist es die Arbeit?
Nein. Nicht die Arbeit.
Sondern?
Annika schaute ihn an, wollte sagen, was sie wirklich dachte: Dass das ständige Beisammensein mit seiner Mutter sie auffraß, sie ihr Zuhause verloren hatte. Aber wie immer brachte sie es nicht über die Lippen.
Ich bin einfach erschöpft. Vergiss es.
Er umarmte sie, küsste sie auf den Scheitel.
Halte durch. Mama fährt bald wieder. Die Handwerker haben versprochen, der Endspurt läuft.
Doch Woche um Woche schob sich dahin. Waltraud telefonierte fast täglich mit den Bauleuten und kam dann zurück mit langen Gesichtern.
Sie machen jetzt die Tapeten, sagt der Maler. Noch ein wenig Geduld.
Aus den wenigen Tagen wurden weitere Wochen.
***
Ende Oktober war Annika so erschöpft, dass sie kaum noch schlafen konnte. Oder besser gesagt: Sie schlief wie auf Nadeln, wachte morgens nur noch erschöpft auf, dunkle Augenringe, zitternde Hände.
Eines Nachts wurde sie von einem Rascheln wach. Ein leises Scharren aus dem Zimmer der Schwiegermutter. Sie hob sich auf den Ellenbogen, lauschte. Dann war es wieder still.
Am nächsten Morgen fragte sie: Ob Waltraud etwas gehört hätte?
Nein, Kind, ich schlafe wie ein Stein. Vielleicht hast du schlecht geträumt?
Einige Tage später bemerkte sie einen fremden Geruch in der Wohnung. Etwas Wachsig-Süßliches, wie in einer Kirche. Sie schnupperte, ging von Zimmer zu Zimmer und stellte fest, dass der Geruch am stärksten vor Waltrauds Zimmertüre war.
Frau Berger, zünden Sie Kerzen an? fragte sie abends.
Kerzen? Nein, wieso? Woher die Frage?
Es riecht nach Wachs.
Vielleicht kommt das vom Nachbarn durch die Lüftung?
Aber der Geruch kam immer wieder, immer nachts, immer leicht, aber deutlich. Annika bekam Alpträume. Manchmal, wenn Waltraud mal unterwegs war, warf sie einen Blick ins Gästezimmer. Alles wirkte normal: Das Bett gemacht, Zeitschriften ordentlich gestapelt, Alpenveilchen auf dem Fensterbrett. Sie entdeckte im Schrank eine große Kiste, handlich verschnürt, ließ sie aber stehen, weil sie Waltraud heimkommen hörte.
Abends roch es wieder nach Kerzenwachs. Und eines Tages bemerkte Annika am Regal im Flur, dass die gemeinsame Foto in der silbernen Rahmung, die immer auf der Kommode stand, plötzlich ganz oben lag. Als sie die Rahmen aufhob, erschrak sie: Ihr Gesicht auf dem Foto war mit dünnen, feinen Kratzern überzogen, wie mit einer Nadel gezogen.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie stand wie erstarrt.
Annika, stehst du im Flur herum? fragte Leon aus dem Schlafzimmer.
Leon… schau mal.
Er trat hinzu, nahm das Bild.
Was ist denn damit?
Ich habe das heute gefunden, auf dem Regal. Sieh dir das Gesicht an alles zerkratzt.
Vielleicht war das Glas kaputt?
Das Glas ist intakt. Die Kratzer sind auf dem Foto!
Vielleicht ein Fehler beim Entwickeln?
Annika schüttelte den Kopf.
Nein, Leon. Das ist absichtlich gemacht. Jemand hat das mit einer Nadel bearbeitet.
Beide schwiegen. Sie wussten natürlich, wer sonst noch in der Wohnung lebte. Aber es auszusprechen? Unmöglich, fast irrsinnig.
Vielleicht habe ich mich getäuscht, murmelte Annika. Lass gut sein.
Diese Nacht schlief sie gar nicht mehr. Lag starr, hörte Leons Atmen, hörte die schwachen Geräusche aus dem anderen Zimmer.
***
Im November kam die Kälte. Annika war dauernd frierend, wickelte sich sogar zuhause in den Lieblingscardigan der Frost kam von innen. Die Übelkeit morgens wurde schlimmer, sie aß kaum noch, trank nur Tee, knabberte heimlich Zwieback.
Annika, du bist richtig krank, sagte Waltraud inzwischen mit offenem Missmut, aber in ihren Augen las Annika eine unerklärliche Zufriedenheit.
Im Büro rief die Chefin sie zu sich und fragte taktvoll:
Frau Berger, geht es Ihnen gut? Sie machen viele Fehler in letzter Zeit. In Ihren Berichten stimmen die Zahlen nicht.
Tut mir leid, Frau Dr. Schwarz. Das passiert nicht wieder.
Vielleicht brauchen Sie dringend mal Urlaub?
Urlaub. Annika stellte sich Urlaub in dieser Wohnung vor, mit Waltraud immer präsent und ihr rannten die Bilder davon weg.
Nein, danke. Es geht schon.
Aber es ging nicht. Sie funktionierte nur noch. Leon verstand ihren Rückzug nicht.
Annika, was ist denn mit dir los? Bist du überhaupt noch hier?
Sorry. Ich bin einfach kaputt.
Vielleicht solltest du wirklich mal zum Arzt? Mama sagt, du isst überhaupt nichts.
Mama sagt. Annika blickte auf.
Deine Mutter sagt so einiges.
Was meinst du?
Egal.
Sie zog sich zurück. Leon ließ sie diesmal einfach gehen.
Dann kam der Tag, der das Zerbrechliche in ihr endgültig spaltete.
Annika kam nachmittags früh nach Hause. Es war ungewöhnlich leise. Zu leise. Normalerweise schaute Waltraud jetzt die Rosenheim Cops oder telefonierte lautstark.
Sie zog sich um, ging ins Bad. Da hörte sie das Murmeln eine monotone, flüsternde Stimme aus dem Gästezimmer.
Annika erstarrte. Lauschte. Die Stimme wurde plastischer es klang fremd, nicht wie ein Gebet. Eher wie eine Beschwörung.
Sie schob die Tür ein Stück auf. Im Lichtschein sah sie den Tisch, darauf zwei dicke Kerzen im Glas so, wie man sie aus Kirchen kennt.
Das Herz klopfte so wild, dass sie ihren eigenen Puls hörte. Sie trat durch die Tür.
Waltraud stand mit dem Rücken zu ihr, über dem Tisch gebeugt. Vor ihr lag ein Foto von Leon, daneben ein Foto von Annika ihr Gesicht darauf mit schwarzem Filzstift durchgestrichen. Und Waltraud führte eine dicke Nähnadel über das Papier, murmelte Worte, die Annika nicht verstand.
Frau Berger… Annika brachte das kaum über die Lippen.
Die Schwiegermutter zuckte zusammen, ihr Gesicht kalkweiß, die Augen groß vor Schreck.
Annika… du… das… Ich habe dich nicht kommen gehört…
Was machen Sie da?
Waltraud steckte die Nadel schnell weg, versuchte, harmlos zu wirken. Dann schlug die Stimmung um.
Das geht dich nichts an! Raus aus meinem Zimmer!
Ihrem Zimmer?! Annika trat einen Schritt näher, die Stimme bebte. Das ist MEINE Wohnung! MEIN Zimmer! Und Sie wohnen hier jetzt seit drei Monaten!
Annika, bitte, nicht so laut…
Ich werde laut! Sie sitzen hier mit Kerzen und Nadeln, beschmieren meine Fotos, vergiften mir mein Leben!
Das stimmt nicht! Waltraud funkelte sie kalt an. Du zerstörst doch alles! Mein Sohn wäre mit einer anderen längst Vater, hätte eine richtige Familie. Und du? Karriere hier, Arbeit da. Du bist keine Frau, sondern ein Klotz am Bein!
Die Worte schlugen wie Ohrfeigen.
Wie können Sie es wagen…
Ich wage das, weil ich seine Mutter bin! Ich hab ihn alleine großgezogen, alles geopfert! Und du? Ein Zufallsfang, mehr nicht!
Ein Zufallsfang? Annika war fassungslos.
Ihr liebt euch? Familie? Einen Sohn wolltest du ihm schenken! Aber sieh dich an, klapprig, krank, du bist gar keine Frau für ihn!
Dann riss Annika die Fassung. Sie wischte wütend die Kerzen auf den Boden, nahm ihr zerkratztes Foto, zerriss es.
Ich will, dass Sie gehen jetzt sofort. Packen Sie Ihre Sachen und raus!
Was? entfuhr es Waltraud, die jetzt kreidebleich war. Du kannst mich nicht rauswerfen…
Doch, ich kann. Und ich tue es. Ich bin Herrin in meiner Wohnung und Sie gehen!
Leon wird dir das nie verzeihen!
Das ist unsere Sache! Aber Sie sind hier raus!
Es krachte die Wohnungstür. Leon kam heim, hörte die Schreie, stürzte ins Zimmer.
Was zum …?
Waltraud stürmte zu Leon, krallte sich an ihn.
Leon, deine Frau schmeißt mich raus!
Leon sah erst Waltraud, dann Annika mit zerfetztem Foto, Tränen in den Augen und zitternd.
Leon, schau dir das an. Sieh, was sie gemacht hat. Sie zeigte auf Tisch, Kerzen, Nadeln, zerkratzte Fotos.
Leons Gesicht veränderte sich. Erst verständnislos, dann schockiert, schließlich kalt.
Mama, was soll das?
Ich wollte nur helfen! Sie ist nicht die Richtige! Ich weiß das doch…
Genug jetzt. Pack deine Sachen. Ich fahre dich zum Bahnhof.
Was? Leon…
Los jetzt!
***
Eine Stunde später war Waltraud weg. Packte schweigend ihren Koffer, Leon fuhr sie zum Bahnhof.
Zum Abschied fixierte sie Annika mit seltsam leerem Blick.
Du wirst das noch bereuen.
Annika antwortete nicht. Die Tür fiel ins Schloss.
Es war still in der Wohnung. Fast schmerzhaft still. Sie räumte das Kerzenwachs, die kaputten Fotos hinaus auf den Müll, lüftete alle Fenster, ließ kalte Herbstluft hinein.
Erst jetzt hatte sie das Gefühl, wieder atmen zu können. Richtige Luft. Frei.
Leon kam spät wieder. Er war am Boden zerstört.
Sie sitzt im ICE nach Stuttgart.
Annika setzte sich neben ihn. Er ergriff ihre Hand.
Es tut mir leid.
Wofür denn? Du kannst nichts dafür.
Doch. Ich hätte dich schützen müssen. Ich wollte nicht sehen, was wirklich los war. Habe mir alles schöngeredet.
Er schwieg.
Sie ist nicht mehr die, die sie mal war.
Sie ist einsam. Und sie sieht dich als ihren Lebensmittelpunkt. Das erklärt nicht alles, aber…
Es war nicht richtig. Es tut mir wirklich leid.
Lange saßen sie still. Dann legte sich Leon um sie, drückte sie fest.
Ich hatte Angst, dich zu verlieren.
Nein. Ich war einfach nur… erstickt.
Ab jetzt nicht mehr. Versprochen.
Am nächsten Morgen wurde Annika vom Licht geweckt, das durch die Gardinen fiel. Sie stand auf, lauschte. Keine Schritte in der Küche, keine Klappern, keine walderprobte Stimme von Waltraud.
Sie ging in ihr ehemaliges Büro. Die Möbel wieder frei, ihr Raum, ihr Platz. Endlich.
Leon machte in der Küche Kaffee.
Morgen, rief er mit einem Lächeln.
Morgen.
Und sie frühstückten zu zweit. Annika aß ein Brötchen mit Butter, zum ersten Mal ohne Übelkeit.
Annika, du solltest aber wirklich mal zum Arzt du siehst noch ziemlich geschlaucht aus.
Okay, ich geh morgen.
Leon machte direkt einen Termin beim Hausarzt.
Annika ging wieder ins Büro. Zum ersten Mal seit Wochen war da ein bisschen Leichtigkeit in der Brust.
Am Abend saßen sie gemeinsam auf dem Sofa.
Wegen Mama, fing Leon an. Sie hat sich bisher nicht gemeldet.
Wahrscheinlich ist sie beleidigt.
Vielleicht. Ich kann sie nicht ganz aus meinem Leben streichen. Aber ich werde nie wieder zulassen, dass sie zwischen uns steht.
Ich verstehe das. Und ich will das auch nicht verlangen. Aber Gast ist Gast. Mehr nicht.
***
Am nächsten Tag ging Annika zum Arzt. Die Hausärztin, eine freundliche Dame, hörte zu, nahm ihre Beschwerden ernst. Nach ein paar Fragen Wann war die letzte Periode? Annika musste überlegen. Es war mindestens sechs Wochen her.
Wir machen am besten einen Schwangerschaftstest.
Der war prompt positiv.
Herzlichen Glückwunsch, lächelte die Ärztin. Sechs, vielleicht sieben Wochen. Die Übelkeit das ist der Klassiker am Anfang.
Annika war völlig baff. Sie hatte wegen all dem Stress gar nicht daran gedacht.
Vor der Praxis kullerten ihr Tränen über die Wangen, einfach aus Erleichterung, aus Freude und vielleicht auch, weil all der Kummer seinen Platz brauchte.
Abends erzählte sie es Leon. Erst konnte er es gar nicht fassen, dann aber strahlte er, hob sie in die Luft und küsste sie.
Echt jetzt? Er war wie ein kleiner Junge.
Ja. Wir kriegen ein Baby.
Sie saßen lange Händchen haltend in der kleinen Küche, wussten: Ab jetzt wird alles anders.
***
Drei Wochen vergingen. Waltraud schrieb Leon nur eine kurze SMS: Mir gehts gut. Mach dir keine Sorgen. Mehr kam nicht.
Annika blühte langsam auf, der Appetit kehrte zurück, sie richteten ihr Arbeitszimmer wieder ein, Leon half beim Umräumen. Die Wohnung wurde gemütlicher. Annika kochte wieder das, was sie mochte. Leon half, sie lachten wieder.
Eines Abends, während sie zusammen auf dem Sofa lagen, sprach Leon vorsichtig an:
Wenn das Baby da ist, will Mama bestimmt zu Besuch kommen
Ja. Sie kann gerne kommen. Aber nicht mehr übernachten. Das ist meine Bedingung.
Das ist okay. Und das Kind bleibt am Anfang auch nicht allein mit ihr. Wir tasten uns ran.
Genau. Ich will keinen neuen Kleinkrieg. Aber zurück nein. Nicht wieder alles von vorn.
Es gibt ab jetzt klare Regeln. Darauf bestehe ich auch.
Annika lehnte sich an ihn, fühlte sich das erste Mal seit Monaten wieder stark. Die Angst war noch da aber sie hatte gelernt, ihre Stimme zu erheben. Ihr Zuhause zu behaupten.
Leon, verspreche mir: Wenn es wieder eng wird, redest du mit mir. Wir lassen es nicht noch mal so weit kommen.
Versprochen. Ich höre auf dich. Immer.
Draußen schlug der Regen gegen die Fenster, aber für Annika war es das erste Mal ein Zuhause-Gefühl wie lange nicht. Sie wusste nicht, wie es mit Waltraud weitergeht. Aber jetzt, jetzt war sie tatsächlich Herrin im eigenen Haus.



