Schluss damit, es immer allen recht machen zu wollen

Schluss mit nett sein

Na, dann sind wir uns ja einig, Annchen! zwitscherte Tante Sybille, während sie sich mit einer Papierserviette die Lippen abtupfte. Die Serviette stammte vom Kuchen, den Anna Bauer extra für ihre Besucherin gebacken hatte jetzt prangte ein fettiges Sahnefleck darauf. Also, am fünften Mai sehen wir uns bei dir. Ich bringe meine berühmten Bratwürste mit, schön eingelegt nach Familienrezept, und du sorgst bitte für das Warmgericht. Du hast ja schließlich Geburtstag! Es kommen wichtige Gäste, Stephans Kollegen seriöse Leute. Da müssen wir schon etwas bieten.

Anna saß ihr gegenüber, hielt eine Tasse mit längst kaltem Tee in den Händen, nickte und dachte daran, dass sie morgen den Quartalsabschluss abgeben musste, dass im Kühlschrank die Butter fehlte, dass ihr Mann Klaus schon wieder Rücken hatte und sie dringend neue Wärmepflaster besorgen musste. Sie dachte an alles, nur nicht an das, was Tante Sybille gerade sagte. Die Tante redete und redete, zupfte ihr lila Halstuch gerade und schaute halb verträumt zum Fenster hinaus, als würde sie im Kopf schon das fremde Geschirr auf Annas Tisch drapieren.

Mindestens zwanzig Leute kommen also streng dich an, Annchen. Du bist schließlich unsere Küchenfee! Weißt du noch, wie du bei Lisas Hochzeit gekocht hast? Da war kein Krümel mehr übrig! So muss das jetzt auch laufen. Ich helfe dir natürlich ich leite an.

Sie lachte kurz, abgehackt, ein Bellen wie von einem kleinen Hund.

Anna lächelte ebenfalls. Weil man das eben so macht. Weil Tante Sybille Schwägerins Schwägerin war und Stefan, Lisas Mann und einziger Schwiegersohn, sowieso Familie war. Streit in der Familie bringt gar nichts. Und Anna tat es, wie immer: Sie lächelte und stimmte zu.

Gut, machen wir so, sagte sie.

Tante Sybille fuhr um halb neun satt und zufrieden davon. Anna schloss die Tür, lehnte sich rücklings dagegen und blieb eine Minute einfach so stehen. Es roch im Flur nach schweren, fremden Parfums. Aus dem Wohnzimmer tönte der Fernseher, Klaus sah mal wieder diese Angelsendung und hatte sich nicht mal zur Begrüßung blicken lassen.

Ist sie weg? rief er aus dem Wohnzimmer.

Ja, ist weg.

Was wollte sie denn?

Anna ging in die Küche und begann, die Tassen abzuspülen. Das heiße Wasser zuckte schon fast schmerzhaft über ihre Hände, aber sie zog sie nicht zurück.

Wir feiern, sagte sie. Am fünften Mai. Hier.

Bei uns? Was feiern wir denn?

Meinen Geburtstag. Und irgendwas von Stephans Firma.

Ein unverständliches Brummen, dann Stille, dann wieder die Angler.

Anna trocknete die Hände mit dem alten Geschirrtuch ab. Das Tuch war verblichen, mit Hähnchen am Rand, bestimmt 15 Jahre alt, auf dem Wochenmarkt gekauft und zum Wegwerfen eigentlich zu schade. Sie sah es an und dachte: Ich bin dieses Tuch. Ausgebleicht, mit Hähnchen am Rand. Immer griffbereit, damit andere sich die Hände abwischen können.

Sie verscheuchte diesen Gedanken, öffnete den Kühlschrank und prüfte den Bestand.

In zehn Tagen würde Anna fünfzig ein runder Geburtstag. Ein halbes Leben, von dem sie bewusst sicherlich fünfunddreißig Jahre erinnerte. Und an keinem einzigen Tag, so fiel ihr auf, hatte sie etwas nur für sich gemacht. Nie für Klaus. Nie für Lisa, nie für ihre Mutter, die fünf Jahre zuvor gestorben war und die sie wöchentlich mit Suppe versorgte. Nie für die Schwiegermutter, die Aufmerksamkeit wie ein Kind verlangte. Nur für sich keinen einzigen Tag.

Sie war Buchhalterin in einer Baufirma, zweiundzwanzig Jahre. Die Kollegen schätzten sie, der Chef verließ sich auf sie, aber Beförderungen gab es keine warum auch? Frau Bauer regelt das schon. Sie beschwerte sich ja nie. Sie erledigte das.

Und zu Hause? Klaus, vierundfünfzig, Ingenieur, mochte seinen Job nicht, hielt durch, weil bald Rente, wie er sagte. Zu Hause ruhe er sich aus. Das bedeutete: Sofa, TV, Mobiltelefon, gelegentlich die Garage. Anna kochte, Anna putzte, Anna bezahlte die Rechnungen weil sie es einfach besser konnte. Anna erledigte die Einkäufe, Anna empfing Gäste. Klaus blieb, wie er war, diskutieren lohnte seit Jahren nicht mehr, es war wie ein Hintergrundrauschen.

Lisa war vor vier Jahren ausgezogen, hatte Stephan geheiratet. Netter Kerl, fleißig, aber mit komplizierter Verwandtschaft. Die Mutter tot, der Vater lebte weit weg im Norden, und Tante Sybille, Vaters Schwester, hielt die ganze Familie zusammen. Laut, bestimmend, gewohnt, das letzte Wort zu haben. Sie mochte Anna nie so recht, nicht aus bestimmtem Grund sie war ihr zu leise, zu nachgiebig. Solche Menschen reizen dominanterer Typen eher zu Kommandos als zu Respekt.

Lisa mochte ihre Mutter. Aber sie liebte Stephan mehr. Das ist so, das ist wohl sogar richtig. Doch wenn es zu einer Wahl zwischen Mamas Bequemlichkeit und Stephans Ruhe kam, entschied sie sich immer für letzteres still, ohne Streit.

So lebte Anna Bauer. Im dritten Stock eines Plattenbaus in Nürnberg-Gostenhof, wo alle Häuser und Höfe gleich aussahen, nur die Bäume wuchsen verschieden, weil sie keiner beschneiden konnte. Sie lebte und beschwerte sich nicht. Wo auch? Bei wem? Weshalb?

Nach dem Besuch von Tante Sybille saß sie noch eine Stunde in der Küche und rechnete durch, was für zwanzig Leute gebraucht wurde. Die Liste wurde lang, die Kosten auf dem Rückseiten eines alten Kassenzettels beängstigend. Etwas Schweres drückte in ihrer Brust, kein Schmerz, sondern eine dumpfe Last, als läge ein Ziegel darauf.

Sie löschte das Licht und ging schlafen.

Die nächsten neun Tage nannte sie für sich nur “Vorfeiertags-Zwangsarbeit”. Anfangs redete sie sich zu, dass alles normal sei, dass sie Familie unterstütze, dass es ein schönes Fest werden solle, dass sie einfach nicht jammern dürfe. Nach drei Tagen waren auch diese Floskeln verschwunden.

Sie stand um sechs auf, taute für das Abendessen etwas auf, checkte die Einkaufsliste, rief im Supermarkt für eine Lieferung an. Arbeit bis nach sechs, manchmal länger, denn der Quartalsabschluss wartete nicht. Nach der Arbeit Einkaufen: Gläser, Flaschen, Mehl, Fleisch schwere Säcke schleppte sie den dritten Stock rauf, denn der Aufzug war mal wieder kaputt. Zu Hause kochen, schnellen Hausputz, oft erst ein oder zwei Uhr im Bett, morgens wieder aufstehen.

Klaus beobachtete das. Also, er sah es. Aber er reagierte nicht. Einmal fragte er, ob sie Hilfe brauche. Sie sagte: “Ich schaffe das.” Er nickte erleichtert und vertiefte sich wieder ins Handy.

Lisa rief am Mittwoch an, fragte, ob alles fertig sei, sagte, Tante Sybille wolle nochmal wegen des Hauptgerichts und der Vorspeisen erinnern. Anna bat: “Lisa, könntest du zumindest die Salate übernehmen? Es ist schwer für mich.” Stille am anderen Ende, dann: “Mama, du weißt doch, ich arbeite, Stephan arbeitet auch, aber wir kommen und helfen beim Anrichten.” Anrichten hieß, fertiges Essen in Schüsseln umlagern. Anna verstand und sagte nichts.

Zwei Tage vor dem Fest stand sie auf dem Stuhl beim Fensterputzen. Tante Sybille hatte letztes Mal etwas über den Staub auf den Fensterbänken gesagt. Anna dachte, dass sie zuletzt die Fenster für sich vor acht Jahren geputzt hatte als die Mutter kam. Auch das nicht für sich. Immer für andere.

Sie rutschte ab, konnte sich festhalten. Ihr Herz klopfte. Sie setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken zur Wand. Rückenschmerzen, Schwäche in den Beinen, ihr Kopf brummte.

Sie dachte: Wenn ich jetzt stürze und mir etwas breche das Erste, was alle sagen: ‘Und jetzt? Was wird aus der Feier?’

Dieser Gedanke war so bitter, dass sie lachen musste, rau und krächzend.

Dann steht sie auf und putzt das Fenster fertig.

In der Nacht vor ihrem Geburtstag schlief Anna drei Stunden. Den Rest der Nacht kochte, schmorte und schnibbelte sie. “Falscher Hase”, zwei Salate, Sülze, die sie nie mochte, aber Tante Sybille verlangt hatte. Krautküchle für Klausens Cousin Wolfgang, der sagt, ohne sie sei kein Fest ein Fest. Ihren Lieblingskuchen Kirsch-Biskuit hatte sie am Vortag gebacken: das Einzige, was sie für sich gemacht hatte.

Um sieben nahm sie eine Dusche, zog das blaue Kleid an, das sie seit zwei Jahren aufhob. Im Spiegel waren dunkle Ringe unter den Augen, Hände rot vom Kochen, Lippen trocken. Aber das Kleid war schön.

Oh, du hast dich rausgeputzt, sagte Klaus im Vorbeilaufen im Flur. Nicht schlecht.

Das war alles. Kein Du siehst toll aus, kein Alles Gute zum Geburtstag, nichts. Nur dieses “Nicht schlecht”. Und weiterging’s.

Die Gäste kamen gegen Zwölf. Tante Sybille als Erste, halb zwölf, mit großer Einkaufstasche: Bratwürste, ein Glas Gewürzgurken, eine Pralinenschachtel alles als “ihr Beitrag”. Sie legte alles auf den Tisch, prüfte die Räume, schaut kurz in die Küche, nickte.

Gut gemacht, Annchen, sagte sie, genau wie Klaus zuvor. Da kann man nicht meckern.

Dann telefonierte sie sofort jemandem.

Bis ein Uhr hatten sich dreiundzwanzig Leute eingefunden. Anna zählte sie, als sie um den ausgedehnten Tisch saßen, gedeckt mit der Decke, die sie bis Mitternacht gebügelt hatte.

Sie kannte von den dreiundzwanzig vielleicht sechs richtig. Der Rest: Stephans Kollegen oder Bekannte von Tante Sybille fremde Leute an ihrem Tisch, auf ihren Stühlen, die sie sich bei Nachbarin Frau Meier geliehen hatte, weil es nicht genug eigene gab.

Den ersten Toast hielt Wolfgang, Klausens Cousin, erzählte eine verworrene Geschichte aus den achtziger Jahren, die niemand verstand, aber alle lachten. Danach erhob sich der Schwiegersohn Stephan, hielt eine kurze Ansprache: “Alles Gute, Anna, du bist klasse.” Dann sprach er lang über seinen Freund Martin und dessen berufliche Erfolge. Tante Sybille griff sich das Wort, sprach über Martin, seinen Werdegang, sein Engagement. Dann: Und unsere Wirtin soll man auch nicht vergessen, da wir ja ihr Gast sind. Lachen. Wieder ein Prost.

Anna lächelte. Sie saß an der Tischspitze, wie es sich für das Geburtstagskind gehört, prostete mit, bedankte sich höflich für die knappen Glückwünsche. Aber innerlich geschah etwas langsam, wie Wasser, das warm wird und irgendwann zu kochen beginnt.

Anna, das Salz fehlt! brüllte jemand vom anderen Ende des Tisches.

Sie stand auf und holte Salz.

Hier ist zu wenig Brot, sagte Wolfgang.

Sie brachte Brot.

Frau Bauer, Gabeln fehlen, meldete sich eine Frau, die Anna noch nie sah.

Anna brachte Gabeln.

Danach verlangten Leute nach anderer Wurst, mehr Tellern, Mineralwasser, das Lisa vergessen hatte. Anna sprang hin und her, bediente, setzte sich kurz mehr als zwei Minuten blieb sie nie. Ihr eigenes Essen blieb unberührt.

Einmal versuchte Anna, einen Toast zu sprechen, erhob das Glas, Lisa tat es ihr nach aber sofort begann Tante Sybille eine laute Anekdote über Martin und zog alle Blicke auf sich. Lisa senkte ihr Glas, Anna auch. Ihr Toast blieb unausgesprochen.

Alle aßen. Lobten das Essen: “Die Sülze ist der Hammer”, “Die Krautküchle genial”, “Wie machen Sie das Fleisch so saftig?” Anna nickte, erklärte Rezepte. Freudig, aber mit bitterm Geschmack. Denn sie lobten das Essen, nicht sie. Sie war hier die Küche, die Schürze Bedienung, nicht das Geburtstagskind.

Zeit verging. Es wurde lauter, die Gespräche drehten sich nur noch um andere, die Sonne schien gleichgültig ins Zimmer. Klaus redete mit Wolfgang über Angeln, Autos.

Anna ging in die Küche, holte das vierte Blech Fleisch. Ihre Hände zitterten etwas, Schlafmangel, der Kreislauf sackte leicht ab. Sie begann, das Fleisch umzuschichten.

Da rief Tante Sybille lautstark durchs Wohnzimmer:

Anna! Bringst du das Fleisch gleich? Und bring bitte die saure Sahne mit die ist alle!

Kein Bitte, keine Freundlichkeit. Nur ein Befehlston.

Anna hielt inne, den Löffel mit Fleisch in der Hand. Stille. Draußen wiegte sich ein alter Ahorn im Wind. Der Teekessel stand kalt auf dem Herd.

Etwas knackte in ihr.

Nicht laut, nicht schmerzvoll. Einfach so. Wie ein Schalter.

Sie legte den Löffel ab, hängte die Topflappen ordentlich an den Haken, holte das Blech Fleisch, Sauerrahm aus dem Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer.

Stellte alles auf den Tisch.

Richtete sich auf.

Hören Sie bitte alle kurz zu, sagte sie, erst leise, dann lauter. Einige Gäste drehten sich verwundert um.

Tante Sybille hörte nicht auf zu reden, Lisa schaute irritiert zu ihrer Mutter, Klaus sah endlich auf. Anna wiederholte fester:

Hören Sie bitte zu.

Jetzt sah auch Tante Sybille auf. Leicht genervt.

Was ist denn?

Anna sah die Runde an, ihren Mann, Tochter, Tante Sybille samt Halstuch sie nahm alles bewusst wahr.

Ich möchte kurz etwas sagen, begann sie. Heute ist mein Geburtstag. Ich werde fünfzig.

Klar, alles Gute! rief jemand von hinten, mehrere hoben das Glas.

Einen Moment, unterbrach Anna. Bitte einen kleinen Moment.

Es wurde still. Ihr Herz schlug ruhig, ganz unerwartet ruhig. Sie spürte, dass sie eine Entscheidung schon getroffen hatte.

Ich habe die letzten zehn Tage im Modus Vorbereitung für andere verbracht. Ich schlief drei, vier Stunden, habe alles selbst gekauft, gekocht, Fenster geputzt, Tischdecken gebügelt, Nachbars Stühle geholt. Heute sitze ich an einem Tisch, für den ich alles allein gemacht habe und eigentlich feiere ich nicht meinen Geburtstag, sondern stelle nur meine Wohnung zur Verfügung. Ich habe keinen Toast ausgesprochen, wurde dreimal unterbrochen, war achtmal am Aufstehen, bin eigentlich nur noch Küchendienst. Gerade eben wurde ich mit Bringst du mal angesprochen so, wie man mit einer Bedienung spricht.

Absolute Stille. Diese Art, bei der alle wissen, dass sie getroffen hat.

Anna, was soll das jetzt? sagte Klaus peinlich berührt, aber ohne es zu verstehen.

Mama, tuschelte Lisa.

Tante Sybille holte Luft, wurde dann aber von Annas Blick zum Schweigen gebracht.

Ich möchte Sie alle bitten, fuhr Anna fort, und ihre Stimme zitterte nicht alles, was Sie mitgebracht haben, wieder einzupacken und das Fest an einem anderen Ort weiterzuführen. Gleich um die Ecke ist das Café Gemütlich. Dort ist genug Platz. Ich bezahle Ihnen gern die Rechnung für die nächsten Stunden. Aber hier, an diesem Tisch, in meiner Wohnung, ist die Feier vorbei.

Kurze Pause, dann lautes Gemurmel.

Wolfgang nuschelte etwas Unfreundliches, irgendwer suchte verzweifelt seine Jacke. Tante Sybille stand auf, packte ihre Tasche einschließlich ihrer übrigen Gurken. Das amüsierte Anna sogar.

Lisa trat zu ihr.

Mama, was tust du da? Das ist unmöglich. Tante Sybille

Lisa, unterbrach sie sanft, ich hab dich sehr lieb, aber bitte geh jetzt.

Lisa blickte sie an, als wäre sie eine Unbekannte, und Anna wusste plötzlich: Das stimmt. Die Frau, die jetzt da steht und geh bitte sagt, war anders als ihre Tochter sie kannte.

Klaus ging als Letzter hinaus. Er blieb im Türrahmen.

Bist du verrückt geworden? fragte er, neugierig fast.

Nein, sagte Anna. Aber vielleicht bin ich jetzt ein bisschen anders geworden.

Er antwortete nicht.

Sie drehte den Schlüssel zweimal um, lehnte sich in die Stille.

Dicke Ruhe. Es war drei Uhr nachmittags am fünften Mai. Draußen zwitscherten die Spatzen, unten knallte eine Tür. In der Wohnung war nur Anna und sie atmete tief durch.

Sie sah auf den Tisch: Fleisch, Salate, Brot. Ihre eigene, volle Teller, unberührt.

Sie nahm sich den Teller. Erwärmte nichts. Holte ein Stück vom eigenen Kuchen dazu. Goss sich Tee auf, frisch. Setzte sich.

Draußen wiegte der Ahorn im Wind, die ersten kleinen, klebrigen Blätter glänzten. Anna sah hinaus und aß ihr Fleisch. Es schmeckte gut. Ja, sie konnte kochen. Wenigstens das hatte Tante Sybille richtig festgestellt.

Dann aß sie den Kuchen.

Der Biskuit war fluffig, die Kirschen fruchtig, die Sahne cremig. Sie aß langsam, ohne Eile. Niemand wollte mehr etwas von ihr. Einfach Anna und ihr Kuchen.

Zum ersten Mal seit Jahren.

Keine Tränen. Sie dachte, sie müsste weinen wie im Film, traurig, Musik, Auflösung. Aber das kam nicht. Da war etwas anderes: feste Ruhe. Standfestigkeit. Als würde sie zum ersten Mal wirklich auf dem Boden stehen.

Zwei Stunden schaute sie nicht aufs Handy. Dann doch.

Mehrere Nachrichten. Lisa schrieb dreimal: “Mama, ruf an”, “Mama, ich versteh das alles nicht”, “Geht es dir wenigstens gut?” Klaus eine Nachricht: “Das war nicht schön.” Von Tante Sybille nichts. Unbekannte Nummern, wohl Gäste, die Annas Nummer weitergereicht bekamen. Frau Meier vom dritten Stock: “Anna, bringst du heute noch die Stühle zurück?”

Sie antwortete nur Frau Meier: “Bring ich morgen zurück, sorry für die Umstände.”

An Lisa schrieb sie: “Mir geht’s gut. Meld mich morgen.”

Klaus antwortete sie gar nicht.

Dann räumte sie gemütlich auf, ohne Frust. Essen in Dosen, in den Kühlschrank, schmutziges Geschirr einweichen. Müll raus. Tischdecke zusammengelegt. Stühle zu Frau Meier zurück. Die nahm sie schweigend ab kluge Frau.

Zurück zu Hause, ein langes Bad mit viel Schaum, einfach daliegen und die Decke anstarren. Der Wasserfleck von einem alten Schaden wartete darauf, überstrichen zu werden. Drei Jahre hatten sie das aufgeschoben. Drei Jahre flüchtete sie auch um ihre eigene Zeit. Ein und dasselbe.

Klaus kam gegen Zehn. Anna lag im Bett mit einem Buch.

Weißt du, was du da gemacht hast? fragte er.

Ja.

Und?

Und. Mehr nicht.

Tante Sybille Stefan es gibt jetzt riesen Ärger. Hast du daran gedacht?

Hab ich, sagte Anna. Klaus, ich bin müde. Lass uns morgen sprechen.

Er ging ins Wohnzimmer, legte sich auf die Couch, wie immer wenn sie sich gestritten hatten. Sie hörte es und ließ ihn liegen.

Lampe aus. Dunkel. Sie schlief erstmals seit langem zehn Stunden durch.

Der Morgen des sechsten Mai: Sonne durchs Fenster, Spatzen, Kaffeeduft, sie hatte die Maschine programmiert. Sie stand auf, trank Kaffee, aß ein Brötchen. Klaus schlief, aus dem Wohnzimmer sein tiefes Atmen.

Sie öffnete den Laptop.

Eigentlich wollte sie nur den Wetterbericht schauen. Noch im Browser lag eine Reiseanbieter-Seite, die sie vor Wochen geöffnet hatte: Busfahrt entlang der Romantischen Straße Rothenburg, Dinkelsbühl, Augsburg, acht Tage, kleine Gruppe, mit Führungen und Frühstück. Sie sah die Bilder: Türme, Altstadt, Flusspromenaden, Fachwerkhäuser. Sie war nie dort gewesen. Klaus mochte solche Fahrten nicht besser nach Bad Füssing, auf die Parzelle. Dorthin fuhren sie seit zwanzig Jahren jeden Sommer. Kartoffeln, Unkraut, Sauna.

Sie rief am Morgen beim Reisebüro an, pünktlich um neun:

Guten Morgen, Sie interessieren sich für die Romantische Straße, acht Tage? hörte sie eine freundliche Stimme.

Ja, sagte Anna. Gibt es noch einen Platz?

Einen, am vierzehnten Mai. Ein Einzelzimmer.

Perfekt. Nur für mich.

Sie zahlte die Reise sofort mit der EC-Karte. Dann saß sie da, blickte aus dem Fenster ruhig. Nicht aufgeregt, einfach ruhig. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen, das fühlte sie.

Später rief Lisa an, mit vorsichtiger Stimme, als würde sie über Eis laufen.

Mama, wie gehts dir?

Gut, sagte Anna.

Wir müssen reden. Tante Sybille ist zutiefst beleidigt, Stefan enttäuscht, das alles war heftig.

Ich weiß.

Könntest du dich nicht wenigstens bei Tante Sybille entschuldigen? Das wäre

Nein, Lisa.

Pause.

Wie nein?

Ich werde mich nicht entschuldigen, dass ich Leute aus meiner Wohnung schicke an meinem Geburtstag.

Aber Mama

Warte mal. Anna nahm die Kaffeetasse in die Hand, sie war warm. Ich will dir etwas sagen und bitte dich, zuzuhören, nicht als Tochter von Stefan und Tante Sybille, sondern einfach nur als Mensch.

Stille.

Ich bin gestern fünfzig geworden. Ich habe meinen Tag als Dienstmädchen begangen. Ich war erschöpft, habe nichts gegessen, wurde ignoriert. Und das Erschreckende daran ist: Ich habe das selbst zugelassen. Ich habe diesen Tisch gedeckt, diese Menschen eingeladen und zwanzig Jahre gelebt, dass niemand fragt, wie es mir geht. Weil ich selbst nicht gezeigt habe, dass es wichtig ist.

Sie verstummte kurz. Ein Bus fuhr vorbei, auf dem Fenstersims hüpfte eine Taube.

Mama, flüsterte Lisa du hast vermutlich recht. Aber das ist so ungewöhnlich

Für mich auch.

Willst du jetzt immer so sein?

Anna lächelte.

Ich weiß nicht, aber ich habe eine Reise gebucht.

Welche Reise?

Romantische Straße. Acht Tage, ab vierzehnten Mai.

Ganz allein?

Ja.

Mama ganz leise.

Das ist die erste Reise meines Lebens, für mich allein geplant. Nach fünfzig Jahren, Zeit zum Anfang.

Lisa wusste nichts zu sagen. Am Ende: Meld dich. Aufgelegt.

Klaus erfuhr es zum Mittagessen, als Anna Suppe kochte. Sie berichtete ruhig, ohne Begründungen: Reise gebucht, ab vierzehnten Mai, acht Tage Romantische Straße.

Er starrte sie an. Lange. Dann:

Mich hast du nicht gefragt.

Nein.

Was soll das?

Wie du willst, Klaus.

Anna, ist bei dir alles OK? Musst du zum Arzt?

Sie probierte die Suppe. Alles gut. In zwanzig Minuten ist sie fertig.

Er verschwand. Sie hörte ihn durchs Zimmer laufen, dann Stille, dann Fernseher.

Die nächsten Tage waren unruhig. Klaus schwieg, dann wieder Vorwürfe: “Du warst mal anders. So macht das keiner!” Anna erklärte sich nicht mehr, nie wieder. Früher tat sie das ständig. Jetzt nicht mehr.

Lisa meldete sich drei Tage später erneut. Sybille verkündet empört, sie setze keinen Fuß mehr in Annas Wohnung. Anna sagte: “Na, gut.” Lisa hatte mit einer anderen Reaktion gerechnet.

Ist es dir nicht leid?

Nein.

Aber das ist Familie

Lisa, Tante Sybille ist Stephans Familie. Das ist nicht dasselbe wie meine. Meine Familie bist du. Klaus. Und ich will, dass wir lernen, anders miteinander umzugehen. Nicht Tante Sybille.

Stille. Danach fragte Lisa nach der Reise, Hotel, Route ein kleiner Schritt, den Anna spürte.

Am dreizehnten Mai packte sie ihren Koffer er war leicht, handlich, gerade richtig. Zum ersten Mal nur für sich. Selbst das blaue Kleid kam mit.

Klaus kam ins Zimmer, blickte auf den Koffer.

Du fährst wirklich.

Ja.

Acht Tage.

Acht Tage.

Er rieb sich die Stirn. Gibts noch was zu essen für mich? Weißt ja, ich kann nicht kochen

Du bist doch erwachsen, Klaus. Im Kühlschrank stehen Gerichte für drei Tage, alles vorbereitet, einfach wärmen. Danach schaffst du es schon oder bestellst etwas.

Er schaute ratlos, wollte etwas Unfreundliches sagen, hielt aber inne. Wahrscheinlich hatte sich ihre Ausstrahlung verändert.

Na gut, sagte er. Dann fahr halt.

Kein Gute Reise, aber auch kein Du bist verrückt.

Sie schloss den Koffer.

Abends rief ihre Schulfreundin Gisela an, die selten Zeit hatte. Sie hatte von Frau Meier gehört, dass Anna alle rausgeschmissen habe.

Cool, Anna. Respekt.

Ehrlich?

Anna, ich kenn dich seit dreißig Jahren du warst immer der Kummerkasten, hast alles ruhig getragen. Endlich mal

Gisi, komm, kein Drama, lachte Anna.

Wohin jetzt?

Romantische Straße. Allein.

Allein! kurzes Schweigen. Wollte ich schon immer machen.

Dann mach doch.

Mein Mann lässt mich nicht.

Gisi, sagte Anna, ‘er lässt mich nicht’ das gilt mit acht Jahren. Mit fünfzig gilt: Geh oder geh nicht.

Lachen am anderen Ende. Dann wurde Gisela ernst:

Du bist wirklich anders, Anna.

Vielleicht. Ich bin einfach es leid, immer nur lieb zu sein.

Alle sind irgendwann müde. Aber du bist die Erste, die was tut.

Wahrscheinlich reden wir bloß zu wenig darüber. Ist ja auch peinlich.

Ist es dir peinlich?

Anna betrachtete den späten Abend draußen. In den Fenstern Gegenüber Lichter, Menschen, Geschirr, Fernseher. Frauen wuschen ab, Männer zappten durch die Sender.

Nein, sagte sie. Nicht mehr.

Am vierzehnten Mai stand Anna um halb sechs auf. Klaus schlief. Sie machte Kaffee, Butterbrote für den Zug, prüfte die Buchung. Sie zog das blaue Kleid an warum nicht? In diesem Alter darf man hübsch sein, auch morgens.

Sie stand in der Diele, sah in ihre Wohnung. Drei Zimmer, dritter Stock, Blick auf den Ahorn, ein Wasserfleck, das alte Küchentuch alles vertraut, aber diesmal verließ sie ihre Wohnung ein kleines Stück anders.

Aus der Küche Geräusche. Klaus kam raus, in T-Shirt und Jogginghose, Haare zerrauft.

Du gehst jetzt?

Ja, Taxi wartet.

Er nickte. Zögerte. Dann:

Alles Gute nachträglich zum Geburtstag, Anna. Das hab ich vergessen.

Sie sah ihn an. Vierundfünfzig, müde, graue Haare ein Leben lang gemeinsam. Sie wusste nicht, was kommen würde ob sich zwischen ihnen etwas ändern würde. Das Leben ist kein Film, schon gar keine Busreise-Lösung.

Danke, Klaus, sagte sie einfach.

Sie ging hinaus.

Das Taxi wartete, der Fahrer, ein junger Mann, fragte: Zum Bahnhof? Sie: Ja.

Nürnberg wachte langsam auf, wenig Verkehr, hell, kühl. Die Bäume frischgrün und lebendig. Anna schaute aus dem Fenster und bemerkte all das Blätter, Himmel, Licht. Dinge, die sie lange nicht mehr wahrgenommen hatte.

Am Hauptbahnhof viel Trubel, der Duft nach Laugenbrezeln, Lautsprecherdurchsagen, Reisende mit Taschen. Ganz normal. Sie fand den Bahnsteig, stieg ein.

Ihr Zug kam pünktlich.

Sie hatte unten reserviert, Fensterplatz, ältere erfreuliche Mitfahrer. Die Dame gegenüber bot Tee aus der Thermoskanne an Anna dankte, später vielleicht.

Der Zug rollte an.

Nürnberg zog vorbei Häuser, Straßen, dann Felder und Wälder. Anna schaute hinaus, ohne besondere Gedanken einfach so. Entspannen, nichts planen. Für niemanden da sein.

Ihr Handy vibrierte. Lisa: “Mama, alles ok? Bist du schon im Zug?”

Sie schrieb: “Im Zug. Mir gehts gut. Mach dir keine Sorgen.”

Noch eine Nachricht Reiseleitung: “Hallo, hier Katja vom Reisebüro, warte am Bahnhof Rothenburg auf Sie, gute Fahrt!”

Anna antwortete: “Danke. Ich freue mich.”

Sie blickte wieder hinaus.

Der Zug fuhr, immer weiter. Hinter ihr lag Nürnberg, Plattenbau, verblasstes Tuch, Fleck an der Decke, der Tisch mit der wie besessen gebügelten Tischdecke. Vor ihr: mittelalterliche Städte, Burgen, kleine Gruppen, acht Tage, die nur ihr gehörten.

Sie wusste nicht, wie es weitergehen würde mit Klaus reden, Schweigen, mit Lisa normalen Umgang finden, ob Sybille je wieder schrieb. Diese Ungewissheit beunruhigte sie nicht. Früher schien jeder offene Punkt ein Problem, jede Planlosigkeit eine Bedrohung. Jetzt war es einfach Leben.

Das Leben ging weiter, unbekannt und ihr eigenes.

Der Zug fuhr, nahm Fahrt auf. Draußen das grüne Herz der Republik: Rapsfelder, Streifen aus Kiefern und Birken. Anna Bauer schaute hinaus und dachte: Wenn sie das nächste Mal “Bring bitte die saure Sahne!” so herrisch hört, wird sie wahrscheinlich lächeln höflich. Und Nein sagen.

Dieses kleine Wort.

Drei Buchstaben.

Gestern hat sie es zum ersten Mal wirklich gemeint.

Man kann immer neu anfangen.

Nie zu spät für das eigene Leben.

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Homy
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Schluss damit, es immer allen recht machen zu wollen
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