Gemeinsam sind wir stärker!

Gemeinsam geht alles leichter!

Mama, bin ich eigentlich hübsch? fragte Annika und drehte sich im Kreis vor dem Spiegel. Sie zupfte an dem Kleid, das ihre Mutter gerade für sie genäht hatte, strich den Pony aus dem Gesicht, schüttelte ihn dann wieder nach vorn, zog ein finsteres Gesicht und verzog ihren Mund zu Grimassen. Maaama! Bin ich hübsch? wiederholte das Mädchen lauter, drehte sich zur Mutter um. Sag doch mal was, warum bist du so still?

Du? antwortete Hedwig und blickte von oben herab auf ihre siebenjährige Tochter. Sie zog schnell den Gürtel am neuen Kleid zurecht. Na ja, ganz normal, würde ich sagen. Zieh das Kleid jetzt aus, sonst machst du es noch schmutzig. Und schau mal, deine Hände sind voller Tinte!

Annika schmollte, umklammerte sich mit den Armen und schüttelte den Kopf heftig. Mama sagt, sie sei ganz normal, aber Sandras Mutter sagte ihr jeden Morgen vor der Schule, dass sie die Allerbeste sei und dass sie, die Mutter, sie lieb habe. Ihre Mutter hingegen na ja, vielleicht liebt sie sie kaum, oder nur ein kleeein wenig

Doch, du bist ein wunderschönes Mädchen, Annika! rief Großmutter Helene, die auf dem Sofa saß. Sie war die Mutter von Hedwigs verstorbenem Ehemann, der vor einem halben Jahr gegangen war. Seitdem war sie oft bei ihnen, half beim Hausaufgabenmachen mit und wollte sonst aber nicht bei der Schwiegertochter einziehen jede sollte ihr eigenes Reich haben, fand sie.

Deine Mama hat Recht, zieh das Kleid jetzt aus, meine Kleine! Wir bügeln es nochmal und morgen kannst du es wieder anziehen.

Annika schaute traurig zu Oma Helene. Sie log doch, dachte das Mädchen, sie sagt das nur, damit Annika nicht traurig wird. In Wahrheit ist Annika doch hässlich: die Nase zu groß, der Mund zu dünn, die Augen zu blass, und der Pony hängt immer in den Augen

Während Annika noch über ihr unglückliches Schicksal sinnierte, hatte Hedwig die Nähmaschine schon weggeräumt und wartete, dass ihre Tochter sich umziehen würde.

Komm schon, Annika, muss ich dir alles hundert Mal sagen? wurde Hedwig ungeduldig. Jetzt zieh dich endlich um! Muss man denn stundenlang vor dem Spiegel stehen? Bist du ein Äffchen? Nun los! Ich will Abendessen kochen. Helene, hast du zufällig das Maßband gesehen? Ach, wo ist das nur?

Was willst du denn damit? fragte ihre Schwiegermutter und sah sich im Zimmer um, konnte das Maßband aber nicht finden.

Ach, ich wollte eigentlich die Vorhänge nächste Woche kürzen, die Länge messen… Aber ist ja auch egal… Annika, zieh bitte das Kleid aus und geh Hände waschen. Beeil dich. Warum bist du bloß immer so ungeschickt! wieder begann Hedwig, ihre Geduld zu verlieren. Sie hatte sich so oft vorgenommen, nicht zu schimpfen, sondern freundlich und warm zu sein, so wie es die Mütter der anderen Mädchen sind. Aber sie war am Ende ihrer Kräfte. Heute war ein besonders zäher Tag, voller Stress. Lags am Vollmond? Oder war Hedwig einfach nur müde

Sie arbeitete im kleinen Lebensmittelladen um die Ecke, stand von früh bis spät hinter der Theke.

… Wiegen Sie mir bitte ein halbes Kilo Wiener Würstchen ab! Mädchen! Was nehmen Sie denn da? Nehmen Sie gefälligst die dickeren! Ihr Laden, das ist ja eine Zumutung! schimpfte eine Kundin heute im langen roten Mantel und schickem Hut. Hedwig wunderte sich, dass so vornehme Damen hier einkauften. Und dann beschwerte sich der rote Mantel auch noch beim Filialleiter, weil sie die falsche Tüte bekommen hatte. Was ist das denn? Ich wollte die blaue Plastiktüte, wie früher! Kennen Sie keine Farben? Leute! Die Frau kennt keine Farben!

Tut mir leid, die blauen sind alle. Nur noch durchsichtige da, entgegnete Hedwig bereits zum zehnten Mal, doch das genügte der Dame nicht.

Soll jetzt jeder sehen, dass ich Würstchen trage? warf die Dame missbilligend ihre Tüte zurück auf die Theke. Ich esse so was doch nicht! Das ist für meinen Vater. Na, finden Sie mal eine Tüte oder ich melde Sie!

Eine Tüte gab es nicht. Die Dame schrieb einen langen Beschwerdebrief in das Ladenbuch, stopfte ihre Würstchen in die Handtasche und marschierte hinaus

… Ist die Sahne auch frisch? Ich frage jetzt schon zum zehnten Mal, junge Frau! knurrte ein älterer Herr und klopfte mit seinem Gehstock auf die Glasvitrine.

Hedwig nahm einen Becher aus dem Regal und nannte das Mindesthaltbarkeitsdatum. Sie fühlte sich getroffen, als er sie so schroff junge Frau nannte das klang, als sei sie Luft.

Junge Frau! wiederholte der Kunde scheinbar mit Absicht. Die Daten sind doch gefälscht! Schaut hin, Leute! Gefälscht! Überall Betrüger!

Der alte Herr setzte seine Brille auf, prüfte noch einmal, zuckte dann mit den Schultern.

Ich kaufe sie. Aber Ihnen, junge Frau, sollte das mal peinlich sein! Ihr Lügner seid überall!

Er warf das Geld fast wie eine Beleidigung auf die Theke und ging. Die Wartenden in der Schlange blickten ihm kritisch nach.

So ein Mensch! Der kommt noch aus einer anderen Zeit! Damals war alles besser und anständiger! Da wurden die Läden noch kontrolliert. Und heute? hörte Hedwig aus der Warteschlange. Die Älteren nickten, die Jüngeren schwiegen gequält.

Geben Sie mir bitte die Wurst, die da, die da und noch die. Und was fragst du da wieder? Zweihundert Gramm von jeder, hab ich gesagt! Nicht? Kriegst wohl keinen Ton mehr raus! Alles nur Dorfleute heute an der Kasse! Was hast du da berechnet?! schrie schon der nächste Kunde angriffsbereit. Böse funkelte er Hedwig an, und sie stand wie erstarrt, ihr war fast zum Weinen zumute.

Geh schon, ich mach das! mischte sich endlich ihre Kollegin Irmgard ein, die zweite Verkäuferin. Was schreien Sie hier rum?! donnerte sie los. Hier Ihr Zeug, bittesehr! Und das Geld stimmt nicht, mein Herr ich kann auch gleich die Polizei rufen! Irmgard stand mächtig über dem kleinen, trotzigen Wurstkäufer. Mögen Sie etwa fünfzehn Tage Ordnungshaft riskieren? Ich seh zu, dass Sies bekommen! Und noch wem ist heute nach Streit? Kommt nur her! Ich lass mich auch nicht lumpen!

Mit unsichtbaren Riesenfäusten fegte Irmgard die ganze Schlange auseinander, dann sah sie unter die Theke, wo Hedwig mit vor den Mund gedrückter Schürze kauerte und leise schluchzte.

Was ist denn los? Steh schon auf, die sind es nicht wert, dass du so weinst! sagte Irmgard, reichte die Hand, doch Hedwig wich zurück.

Warum lassen die ihren Frust bei mir ab? Was kann ich denn für das mit den Tüten, für die Sahne? Sie wollen nur schimpfen! jammerte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Weißt du, Hedwig, das ist die Sorge, die dahinter steckt. Den Leuten gehts auch nicht gut, sie haben Sorge vor der Zukunft, und der Alltag macht ihnen das Leben schwer. Zuhause gibts auch Kummer, wer weiß das schon Nicht drauf achten! Irmgard schüttelte den Kopf, bückte sich in die Kühltheke zu den Milchprodukten, ordnete die Preisschilder.

Nicht drauf achten? Und ich solls einfach runterschlucken, während sie mich beschimpfen? Zuhause habe ich es schwer, ziehe Annika alleine groß, bin abends total erledigt, und dann kommt sie mit Hausaufgaben, mit all ihren Fragen Manchmal hasse ich diesen ganzen Kram schon. Ich will doch einfach nur meinen Martin zurück! Meinen Mann zurück! Aber er ist fort, für immer. Und euch ist das alles egal! Hedwig warf die Schürze ab und floh aus dem Laden in den feuchten, dunklen Hinterhof zwischen leeren Holzkisten. Sie zündete sich eine Zigarette an, der Funke glühte orange-rot, sie sog mit beinahe wilder Lust an dem Rauch.

Zuhause durfte sie nicht rauchen, Annika bekam immer Husten davon. Dann musste sie sich auf den Balkon schleichen, aber dort war es kalt. Ist das ein Zuhause, fragte sie sich, wenn man nicht einmal in den eigenen vier Wänden Ruhe finden konnte!

Nun stand sie hier, fror, der Mief von fauligem Gemüse stieg ihr in die Nase, und sie fror noch mehr.

Hedwig fror eigentlich immer. Morgens beim Gang mit der schlaftrunkenen Annika zur Schule, tagsüber an der Kasse, abends auf dem Heimweg, nachts, immer hatte sie kalte Hände und Füße, selbst dicke Wollsocken halfen nicht. Das sind die Nerven, kommt von den Gefäßen. Am besten ans Meer oder zur Massage!, hatte der Arzt in der Poliklinik empfohlen, sogar eine Überweisung geschrieben.

Hedwig hatte die Zettel in den Müll geworfen. Auch Martin hatte er lauter Rezepte und Anwendungen verordnet, doch das hatte ihn auch nicht gerettet. Sie schob den Gedanken weg. Sie wollte keine Massagen; sie würde es schon selbst schaffen. Aus Zucker war sie ja nicht.

Hedwig! Komm, es ist Zeit, wieder an die Theke zu gehen! rief Irmgard aus dem Laden, sah ihr rotes Jäckchen hinter den Kisten. Ich hab jetzt meine Mittagspause.

Ich komm schon! rief Hedwig, zog an ihrer letzten Zigarette, warf sie in eine Pfütze und ging zurück in den Laden.

Wieder runtergekommen? fragte Irmgard, eingerollt in ihrem Pausenwinkel, löffelte Suppe. Nervensache Weißt du, früher meinte meine Mutter zu mir: Wer Anderen das Leben schwer macht, hat selbst irgendwann Leid erfahren. Das tragen sie mit sich herum, da kann man sich noch so bemühen, es rauszuhalten, irgendwann bricht es heraus, wie ein Husten.

Meine Mama hat gesagt, dass man nicht stehlen darf, konterte Hedwig, zeigte auf Irmgards gekaufte Leberwurstscheiben. Wo hast du die her?

Gekauft, ehrlich! Irmgard lachte. Bedien dich ruhig, solange keiner da ist. Nimm dir Brot, Kind, du bist ja schon haut und Knochen!

Danke, sagte Hedwig und nahm eine Scheibe, der Geschmack tat ihr gut. Irmgard goss ihr Saft in ein Glas, aber da kamen schon wieder Kunden, und Hedwig warf die Schürze um und ging an die Kasse…

Der Laden schloss erst gegen neun. Hedwig lief langsam nach Hause. Ihre Schwiegermutter hatte Annika schon abgeholt, gemeinsam saßen sie bestimmt an den Hausaufgaben.

Hedwig ging langsam, sie hätte auch den Bus nehmen können, aber sie wollte noch nicht heim. Drinnen erwartete sie die Müdigkeit und Traurigkeit. Vielleicht sollte sie mit Annika woanders hinziehen, aber so ein Umzug alles müsste sie selbst organisieren. Und geholfen wäre es trotzdem nicht! Oder doch zu ihren Eltern nach Würzburg zurück? Nein, das wäre noch schwerer, ihre Mutter so sensibel; sie würde immerzu klagen, dass Annika jetzt Waise sei und sie selbst Witwe, dieses Wort, das nach schwarzen Schleiern und alten Handschuhen klingt. Nein, auch nicht das Richtige…

Hedwig betrachtete die erleuchteten Fenster hinter den Gardinen. Drinnen warteten sie schon, wahrscheinlich sollte sie heute noch das Kleid fertig nähen…

Annika hatte übermorgen einen Auftritt, irgendein Fest in der Schule, Abschied von der Fibel oder so.

Warum kann sie nicht in normalen Sachen auftreten? Was für ein Firlefanz!, dachte Hedwig gereizt.

Früher hatte sie selber gerne genäht, sich damit eingekleidet, aber jetzt wurde schon bloß der Gedanke daran mühsam und schwer. Sie wollte einfach auf dem Sofa zusammengerollt liegen, die Augen schließen, in eine Art Winterschlaf fallen. Das Herz pumpt träge, alles eine Nebelwand, dann tat es manchmal weniger weh.

Aber ihre Schwiegermutter war immer gleich zur Stelle, wenns drauf ankam, oder Annika kam und wollte ihr Hefte zeigen oder um Hilfe bitten.

Nichts, gar nichts wollte Hedwig mehr. Irmgard hielt ihr Depression vor, aber das tröstete sie nicht, der Name klang nur wieder wie ein ferner Befund, heilen tat das Herz deswegen auch nicht. Denn Martin kam nicht zurück

… Annika, pass doch auf! Jetzt ist die Naht gerissen! schimpfte Hedwig plötzlich, als sie sah, dass am Kleid ein Riss entstanden war. Unfähig! Nun näh das selbst wieder zu! Nadel und Garn, los jetzt!

Annika blickte ängstlich auf das Kleid, das ihre Mutter aufs Sofa geworfen hatte, und betrachtete das Spiegelbild, das auch einen erschrockenen, blassen Ausdruck zeigte.

Ich kann nicht Mama, ich kann das nicht wimmerte Annika. Mama, bitte! Verzeih mir! Es war nur ein Versehen! Ich bin nicht schuld, es hat an der Spange gehakt! Bitte, Mama!

Annika klammerte sich an Hedwigs Hände, suchte ihren Blick, reichte ihr das zerrissene Kleid, doch Hedwig schleuderte es zurück auf das Sofa.

Ich habe davon genug! platzte sie heraus. Immer willst du was von mir, immer fragt ihr, wollt, fordert! Ich bin müde, hörst du? Ich arbeite alleine, und ihr sitzt alle auf meinen Schultern! Annika, schneller in dein Zimmer und hol das Klassenbuch! Wenn da eine Drei drinsteht, gibts keinen Auftritt für dich, verstanden? Schönheit interessiert dich? Deine Hände sind ja voller Tinte! Du bist ein ganz gewöhnlicher Schussel, das bist du! Und die Strumpfhose auch schon kaputt? Schon wieder über die Stühle gesprungen, du Affenkind? Morgen bleibst du zu Hause und bist bestraft!

Was ist los, Hedwig?! stellte schließlich Helene verblüfft fest. Warum regst du dich so auf? Ich stopfe die Strumpfhose, keine Sorge, man sieht das doch gar nicht mehr! Im Schulalltag passiert das halt mal na, bring mir die Nähsachen.

Aber Hedwig ließ sie nicht ran.

Sie soll selbst nähen! Unordentliches Kind! Mama, bin ich hübsch? ahmte sie Annika spöttisch nach. Lern erstmal, Sachen in Ordnung zu halten, dann reden wir weiter. Bring das Klassenbuch!

Hedwig schlug die Faust auf den Tisch, die Tassen klirrten. Eigentlich wollten sie doch Tee trinken und Kuchen essen, wie Annika ihn so liebte, und danach sollte Oma Helene eigentlich nach Hause gehen… Aber jetzt war alles verdorben.

Annika weinte hemmungslos, die Schultern zuckten, immer wieder stieß sie Schluchzer aus und klammerte sich an das zerrissene Kleid.

Gib schon her! Hedwig riss es ihr aus den Händen, dabei riss der Stoff endgültig auf. Na, wunderbar! Es reicht mir! Ich kann nicht mehr und will einfach nur, dass alle rausgehen!

Auch Hedwig begann zu weinen, schickte Annika in den Flur und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. In der Brust zog es, vor ihren Augen tanzten schwarze Punkte, sie wollte trinken, rauchen und vor allem schreien, so laut sie konnte, weil alles hoffnungslos erschien.

Nicht so, Hedwig, bitte nicht Helene setzte sich zu ihr, strich ihr sanft über die Schulter. Tränen helfen uns nicht. Du hast Annika gekränkt… Warum? Sie hat sich so sehr auf das Fest gefreut, du hast sie bestraft. Wofür? Sie ist noch ein Kind

Ein Kind? Sie geht schon zur Schule, sie sollte sorgsam mit allem umgehen! Muss ich ihr jede Woche neue Sachen kaufen? Gehen Sie mal arbeiten, ja! Hunderte Stunden im Laden stehen, die Leute beschimpfen einen, alles ist immer falsch, und wenn du konterst, bist du die Böse und verlierst den Job! Na? Einverstanden? Sie machen dann die geraden Tage, Annika die ungeraden! Wie, Helene? Abgemacht?

Hedwig lächelte schief. Natürlich ist sie frech, grob, schroff, sie heult herum, sie schreit die ältere Frau an, sie leistet sich das eben… Aber es musste raus!

Was genau, wusste sie auch nicht, es drängte einfach alles aus ihr heraus.

Genug ist genug, seufzte Helene und hob ihre Handtasche vom Fensterbrett. Ich gehe jetzt, Hedwig. Wart nicht auf mich. Ich kann Annika von der Schule abholen, sie bei mir aufnehmen, wenn wir euch so unerträglich sind. Ich habe dich nie ums Geld gebeten, meine Rente reicht. Schäm dich, mir mit deinem Geld zu kommen. Und verstehst du nicht? Annika? Ein Kind kann man leicht wegstoßen, kränken, bestrafen, ihm etwas verweigern. Aber am Ende bekommt man das alles doppelt zurück. Kinder nehmen alles in sich auf. Heute gibst du statt Liebe nur Tadel, morgen wieder und übermorgen auch… Sie sei nicht hübsch, macht Sachen kaputt, sitzt dir auf der Tasche, lernt nicht ordentlich… Lass es nur so weiterlaufen! Annika wird erwachsen was bleibt dann? Sie wird dich hassen oder dir irgendwann fortlaufen. Was soll sie hier noch, wenn du sie nicht liebst? Wenn sie keine Zuwendung spürt?

Aber… wollte Hedwig einsetzen, aber Helene schlug jetzt selbst mit der Faust auf den Tisch und gebot Stille.

Du willst mit Brot bezahlen? Hast du kein schlechtes Gewissen? Deine Fürsorge ist nur deine Pflicht, wie im Heim. Essen, Kleidung, Kontrolle der Hausaufgaben das macht jede Heimleitung. Aber was ist eine Mutter? Die soll lieben, durch Liebe kümmern. Das muss Annika von dir hören dass sie wunderschön ist, klug, sanft!

Das ist leicht gesagt von Ihnen! zischte Hedwig.

Glaubst du? Mir ist am leichtesten, ja! lächelte Helene trocken. Du bist die Märtyrerin dein Mann fort, allein mit dem Kind. Und ich? Ich habe meinen Sohn beerdigt! Das ist ein Stück aus dem Herzen gerissen, das nun in der Erde liegt. Niemand ist schuld daran nicht du, nicht Annika. Aber warum soll ich euch mein Leid aufladen? Auch für mich ist es jeden Tag schwer, Martin ruft nicht mehr an, kommt nicht vorbei, nie wieder. Das ist ein böses Wort und du weißt: nie wieder. Aber Annika kann dich auch für immer zurückweisen. Das ist noch lähmender. Ich gehe, aber denk daran, was man sät, das erntet man. Man kann das Leid teilen, dann wird es leichter, oder man pflegt sein Unglück wie du, dann verliert man alles um einen herum. Wozu dann noch Nähe, wenn du nur beißen willst?

Ihr versteht doch nichts! Man hat mir wehgetan! Sie haben mir Martin genommen! Wie soll ich jetzt leben, womit, wofür?! Ich kann nicht Hedwig sank zusammen und vergrub ihr nasses Gesicht in den Händen.

Lern es. Ich lerne auch. Gemeinsam geht es leichter. Du musst entscheiden… Wie du willst…

Helene ging, zog sich den Mantel an, schlüpfte in andere Schuhe.

Annika stürmte auf sie zu, warf sich an ihren Hals.

Oma! Kann ich zu dir? Bitte, nimm mich mit! Ich hab Angst hier mit Mama! flüsterte Annika immer wieder.

Ach, Annika, bleib heute hier. Helene löste ihre Arme sachte, streichelte ihr Gesicht. Alles wird sich richten, Mama wird sich beruhigen und ihr vertragt euch wieder. Lass sie nicht allein, ja? Sie braucht dich jetzt ganz sehr, ihr Herz tut weh. Hab Nachsicht, Liebling, verzeih ihr. Komm, ich drück dich, dann muss ich aber los. Annika, du bist unser allerbestes Mädchen, Papas und Mamas Schatz.

Annika nickte. Sie versuchte tapfer zu sein, konnte die Tränen aber nicht zurückhalten. Die Großmutter verschwand in ihrem Tränennebel, die Tür fiel ins Schloss, Stille wie ein schweres, nasses Tuch legte sich auf die Wohnung. Sie war kaum zu überwinden…

Nachdem sie eine Weile allein gesessen hatte, ging Annika ins Bad, wusch die Tinte von den Händen, das Gesicht war rot und geschwollen, die Lippen zitterten noch.

Annika humpelte in die Küche und stellte den Wasserkessel an. Mama liebt Minztee. Wo ist die Minze? Da, die getrockneten Blätter, die so duften! Sie riechen nach Sommer, nach Papa Er hat die Blätter früher gesammelt und auf dem Schuppendach für Mama getrocknet…

Annika hatte sich eben beruhigt, als sie wieder in Tränen versank. Das Glas mit der Minze fiel auf den Boden, die Blätter lagen verstreut.

Hedwig kam angerannt, glaubte, Annika hätte sich verbrannt, pustete ihr auf die Hände.

Wo tut es weh, Schatz? Hast du dich verbrüht? Wo? Hedwig schien erschrocken, drückte Annika an sich, strich ihr übers Haar, vergrub das Gesicht an ihr.

Hier tut’s weh, Mama… Hier sagte Annika und zeigte auf die Brust. Papa hat die Minze gesammelt, weißt du noch? Und was, wenn du auch stirbst, Mama? Was mach ich dann? Allein, ohne euch beide?!

Nun weinten sie gemeinsam. Der Kummer war geteilt, tropfte als salzige Tränen auf den Boden, bebte und schüttelte sie. Draußen funkelten die Sterne. Vielleicht war einer davon Martin…

Als Annika dann schlief, nahm Hedwig das Kleid vor. Ja, was hatte sie da nur alles angerichtet Aber vielleicht konnte sie es noch richten. Es war sicher noch nicht zu spät…

Helene, sind Sie noch wach? flüsterte Hedwig ins Telefon. Verzeih mir bitte. Ich hab so viel gesagt, das meinte ich nicht…

Am anderen Ende war Schweigen, dann das vertraute Klicken und Helenes Stimme:

Ich versteh dich schon, Hedwig. Es ist schwer, aber wir müssen weiterleben Für wen? Für Annika und uns selbst. Unser Leben ist noch nicht vorbei, das entscheidet wer anders. Täglich ein bisschen Kraft, mehr nicht, und es wird leichter. Weine nicht, sonst fange ich auch an! Also, gute Nacht, mein Mädchen! Was ist mit deinem Auftritt? Geht Annika hin?

Sie geht. Ich nähe das Kleid jetzt. Ich bring es in Ordnung…

Helene nickte. Sie alle hatten noch vieles zu flicken, einzurenken, zu durchdenken und zu überstehen. Aber das war für morgen. Jetzt sollte geschlafen werden. Manchmal kommt Martin im Traum zu seiner Mutter, spricht zu ihr. Er sorgt sich um Hedwig, aber Helene tröstet ihn und sagt: Unsere Hedwig ist stark. Wir werden das schon schaffen. Der Sohn nickt und verschwindet im Kupferlicht der Morgenröte. Wieder ein Tag, einfach nur, weil man lebt…

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Homy
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Gemeinsam sind wir stärker!
Ohne Ratschläge Sascha bekam einen Brief als Foto auf kariertem Papier im Messenger. Blaue Tinte, ordentliche Handschrift, unten die Unterschrift: „Dein Opa, Klaus“. Daneben eine kurze Nachricht von der Mutter: „Er macht das jetzt so. Musst nicht antworten, wenn du nicht willst.“ Sascha vergrößerte das Foto, um die Zeilen zu entziffern. „Hallo, Sascha. Ich schreibe dir aus der Küche. Mein neuer Freund hier ist das Blutzuckermessgerät. Morgens schimpft es, wenn ich zu viel Brot esse. Der Arzt hat gesagt, ich soll mehr spazieren gehen, aber wohin denn, wenn alle meine Freunde schon auf dem Friedhof liegen und du im schönen Hamburg bist. Also gehe ich jetzt in Gedanken spazieren. Heute zum Beispiel habe ich an 1979 gedacht, als wir Waggons am Bahnhof entluden. Die Bezahlung war mager, aber dafür konnte man ein paar Kisten Äpfel abzweigen. Kisten aus Holz, mit Metallbügeln an den Seiten. Die Äpfel waren sauer, grün, aber es war trotzdem ein Fest. Wir haben sie gleich dort gegessen, auf dem Bahndamm, auf Zementsäcken sitzend. Graue Finger, verstaubte Nägel, Sand knirschte zwischen den Zähnen. Trotzdem lecker. Warum ich das erzähle? Eigentlich ohne Grund. Es fiel mir bloß wieder ein. Denk nicht, ich will dir das Leben erklären. Du hast deins, ich meine Blutwerte. Wenn du magst, schreib, wie das Wetter bei euch ist und wie dein Studium läuft. Dein Opa Klaus.“ Sascha schmunzelte. „Blutzuckermessgerät“, „Blutwerte“ — unten der Messenger-Hinweis: „Vor einer Stunde gesendet“. Er hatte schon versucht, die Mutter anzurufen, keine Antwort. Also scheint das jetzt wirklich »so« zu laufen. Er blätterte im Chat zurück. Die letzten Nachrichten vom Opa waren über ein Jahr alt: kurze Sprachnachrichten mit Glückwünschen und einmal „Wie läuft das Studium?“. Damals antwortete Sascha mit einem Emoji und tauchte ab. Jetzt schaute er lang auf das Foto mit dem karierten Blatt, dann öffnete er das Antwortfeld. „Hallo Opa. Wetter: drei Grad plus und nass. Die Prüfungen kommen bald. Äpfel kosten jetzt hundertzwanzig pro Kilo. Mit den Äpfeln läuft’s bei uns schlecht. Sascha.“ Er überlegte kurz, löschte das „Sascha“ und schrieb stattdessen: „Dein Enkel Sascha.“ Und schickte es ab. Ein paar Tage später leitete die Mutter ein neues Foto weiter. „Hallo, Sascha. Dein Brief ist angekommen, ich habe ihn dreimal gelesen. Mir ist nach einer ausführlichen Antwort. Das Wetter hier ist wie bei dir, nur ohne eure hippen Pfützen. Schnee morgens, mittags Wasser, abends eine Eiskruste. Ich bin schon ein paar Mal fast ausgerutscht, aber anscheinend ist es noch nicht so weit. Wenn wir schon bei Äpfeln sind: Ich erzähle dir von meinem ersten richtigen Job. Ich war zwanzig und fing in einer Werkstatt an. Wir haben Aufzugsteile gebaut. Es war laut, es hat ständig irgendwo gehämmert, überall Staub in der Luft. Ich hatte graue Arbeitshosen, die kriegst du nie ganz sauber. Ständig Splitter in den Fingern, Öl unter den Nägeln. Aber ich war stolz auf meinen Werksausweis und dass ich durch das Haupttor wie ein Erwachsener rein konnte. Das Schönste war nicht die Bezahlung, sondern das Mittagessen. In der Kantine gab es Borschtsch in schweren Tellern, und wer früh kam, bekam noch ein Stück Brot extra. Wir saßen mit den Kollegen schweigend am Tisch. Nicht weil wir nichts zu sagen hatten, sondern weil einfach die Kraft fehlte. Der Löffel fühlte sich schwerer an als ein Schraubenschlüssel. Du sitzt jetzt wahrscheinlich am Laptop und hältst das für Archäologie. Aber ich denke manchmal: War ich damals glücklich – oder hatte ich einfach keine Zeit, es zu merken? Was machst du außer Studium? Arbeitest du irgendwo? Oder tüftelt ihr jetzt nur noch an Start-ups rum? Opa Klaus.“ Sascha las die Nachricht, während er in der Dönerbude wartete. Um ihn herum schimpfte und diskutierte jemand, aus den Lautsprechern schallte Reklame. Er ertappte sich dabei, wie er die Stelle über den Borschtsch und die schweren Teller immer wieder las. Er tippte seine Antwort direkt an der Stehbar ein. „Hallo Opa. Ich jobbe nebenbei als Kurier. Bringe Essen, manchmal auch Dokumente. Einen Ausweis habe ich nicht, nur eine App, die ständig abstürzt. Aber ich esse auch manchmal bei der Arbeit. Ich klaue nichts, aber oft reicht die Zeit nicht, um nach Hause zu fahren. Dann nehme ich etwas Schnelles, esse im Treppenhaus oder im Wagen eines Kumpels. Meistens schweigend. Ob ich glücklich bin – keine Ahnung. Ich habe auch nie Zeit, es zu überlegen. Aber Borschtsch in der Kantine klingt gut. Dein Enkel Sascha.“ Er wollte noch etwas zu den Start-ups schreiben, beschloss aber, das zu lassen. Opa sollte ruhig sein eigenes Bild malen. Das nächste Brief war ungewöhnlich kurz. „Hallo Sascha. Kurier – das ist was Ordentliches. Ich sehe dich plötzlich nicht mehr als Jungen am Computer, sondern als jemand in Sneakers, der immer irgendwohin unterwegs ist. Da du von der Arbeit erzählst, erzähle ich dir vom Bauen. Zwischen den Schichten in der Werkstatt, wenn das Geld knapp war, habe ich auf dem Bau geholfen. Wir schleppten Ziegel bis in den fünften Stock, über knarrende Holztreppen. Staub kroch überall rein. Abends schüttete ich den Sand aus den Schuhen. Deine Oma schimpfte, ich würde ihr den Linoleumboden ruinieren. Das Seltsame ist: Ich erinnere mich weniger an die Erschöpfung als an eine Kleinigkeit. Auf dem Bau arbeitete so ein Typ, den nannten alle Sepp. Der war immer als Erster da, saß auf einem umgedrehten Eimer und schälte Kartoffeln mit seinem Taschenmesser. Die kamen dann in seinen alten Kochtopf. Mittags setzte er ihn auf die Herdplatte, und der Duft von gekochten Kartoffeln zog durch das ganze Stockwerk. Wir haben sie mit den Händen gegessen, bestreut mit Salz aus einem Papiertütchen. Und ich schwöre dir: Es gab nichts Besseres. Heute sitze ich in meiner Küche, schaue auf einen Beutel Supermarkt-Kartoffeln und denke, die schmecken nicht mehr wie früher. Vielleicht liegt es gar nicht an den Kartoffeln, sondern am Alter. Was isst du, wenn du richtig fertig bist? Nicht aus der Lieferung, sondern »richtig«? Opa Klaus.“ Sascha antwortete nicht sofort. Er überlegte lange, was „richtig“ essen für ihn bedeutet. Ihm fiel ein, wie er im letzten Winter nach einer Zwölfstundenschicht nachts im Spätkauf Pelmeni holte, sie in einem alten Topf der WG kochte, in dem vorher wohl schon Würstchen lagen. Die Pelmeni zerfielen, das Wasser wurde trüb, aber er aß alles auf, am Fenster stehend – es gab keinen Tisch. Zwei Tage später schrieb er doch noch: „Hallo Opa. Wenn ich kaputt bin, esse ich meist Rührei. Zwei, drei Eier, manchmal mit Wurst. Unsere Pfanne sieht schlimm aus, aber sie brät. Es gibt keinen Sepp bei uns, aber dafür einen Nachbarn, der ständig was anbrennen lässt und flucht wie ein Rohrspatz. Du schreibst viel übers Essen. Warst du damals hungrig – oder bist du es heute? Dein Enkel Sascha.“ Schon beim Abschicken bereute er den letzten Satz. Es klang zu direkt. Aber da war es schon weg. Die Antwort kam schneller als sonst. „Sascha, gute Frage mit dem Hunger. Damals war ich jung und immer hungrig – nicht nur auf Suppe und Kartoffeln. Ich wollte ein Motorrad, neue Schuhe, ein eigenes Zimmer, damit ich nicht das nächtliche Husten meines Vaters hören musste. Ich wollte, dass die Leute mich respektieren. Im Laden stehen und nicht das Kleingeld im Hosensack zählen. Ich wollte, dass die Mädchen mich anschauen. Heute esse ich genug. Der Arzt meint sogar, zu viel. Ich schreibe über Essen, weil das etwas Greifbares ist. Den Geschmack einer Suppe kann man leichter beschreiben als Scham. Weil du fragst, erzähle ich dir noch was – aber ganz ohne Moral. Wie du es magst. Ich war dreiundzwanzig, da war ich schon mit deiner späteren Oma zusammen, aber das war noch unsicher. In der Werkstatt hieß es, eine Truppe ginge in den Norden. Da gab es gutes Geld. In zwei Jahren konnte man sich ein Auto leisten. Ich dachte gleich an einen Lada, mit dem ich dann deine Oma herumkutschieren könnte. Aber es gab einen Haken. Deine Oma sagte, sie kommt nicht mit. Die Mutter war krank, ihr Job, Freundinnen. Sie meinte, sie hält dort die Dunkelheit und Kälte nicht aus. Ich sagte, sie hält mich zurück. Sagte auch härtere Sachen, aber das erspare ich dir. Ich fuhr allein. Nach einem halben Jahr schrieben wir nicht mehr. Nach zwei Jahren kehrte ich zurück – mit Geld und Auto. Sie aber war schon verheiratet. Ich erzählte allen, sie hätte mich verraten. Dass ich alles für sie getan hätte, aber sie… Um ehrlich zu sein: Ich habe Geld und Blech dem Menschen vorgezogen. Und lange so getan, als sei das allein richtig gewesen. So war mein Hunger. Du fragtest, was ich da empfand – ich fühlte mich wichtig und im Recht. Jahre später tat ich so, als fühlte ich gar nichts mehr. Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst. Ich verstehe, wenn du grad andere Sorgen hast als Alt-Herren-Geschichten. Opa Klaus.“ Sascha las die Zeilen mehrfach. Das Wort „Scham“ blieb hängen wie ein Haken. Er ertappte sich, dass er eine Entschuldigung zwischen den Zeilen suchte, doch Opa lieferte keine. Er öffnete das Antwortfeld, tippte „Bist du manchmal traurig deswegen?“ – löschte es wieder. Tippte „Was, wenn du geblieben wärst?“ – löschte wieder. Am Ende schrieb er etwas ganz anderes. „Hallo Opa. Danke, dass du das geteilt hast. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. In der Familie redet man über Oma immer so, als wäre sie immer schon nur ‚die Oma‘ gewesen, ohne Alternativen. Ich verurteile dich nicht. Ich habe vor kurzem selbst den Job einer Person vorgezogen. Ich war gerade als Kurier angefangen, bekam gute Schichten, war dauernd unterwegs. Meine Freundin damals sagte, wir würden uns kaum noch sehen, ich sei immer am Handy, ständig genervt. Ich meinte, es wird leichter, man müsse nur durchhalten. Irgendwann sagte sie, sie könne nicht mehr warten. Ich sagte, das sei ihr Problem. Auch ich habe unschön reagiert, lasse das aber weg. Jetzt, wenn ich abends nach elf in der WG ankomme und Rührei mache, denke ich manchmal: Ich habe Geld und Lieferdienste dem Menschen vorgezogen. Und tu so, als wäre das richtig. Vielleicht liegt das bei uns in der Familie. Sascha.“ Der nächste Brief kam nicht mehr auf kariertem, sondern auf liniertem Papier. Mama ließ per Sprachnachricht wissen, dass Opa das Heft vollgeschrieben habe. „Sascha. Das mit dem ‚familiär‘ hast du gut gesagt. Bei uns schiebt man gern alles auf die Familie. Wer trinkt, tut’s, weil der Opa getrunken hat, wer schreit, weil die Oma streng war. In Wahrheit trifft man jede Entscheidung trotzdem selber. Es ist nur bequemer, sich eine Vererbung auszudenken, als sich die Angst einzugestehen. Als ich aus dem Norden zurückkam, dachte ich, ein neues Leben zu beginnen. Auto, Zimmer im Wohnheim, Geld in der Tasche. Abends saß ich dann auf dem Bett und wusste nicht, wohin mit mir. Freunde weggezogen, in der Werkstatt ein neuer Meister, zu Hause warteten nur Staub und ein alter Radio. Einmal fuhr ich zum Haus, in dem deine Fast-Oma wohnte. Stand gegenüber und sah auf ihre Fenster. In dem einen brannte Licht, im anderen nicht. Ich blieb stehen, bis ich durchgefroren war. Irgendwann kam sie raus, mit Kinderwagen, daneben ein Mann, Arm in ihrem Arm, sie lachten miteinander. Ich versteckte mich hinter einem Baum wie ein Junge. Schaute, bis sie um die Ecke verschwanden. Erst Jahre später habe ich kapiert, dass mich keiner verraten hat. Ich habe nur meinen Weg gewählt, sie ihren. Zugeben konnte ich mir das erst nach zehn Jahren. Du schreibst, du hättest den Job der Freundin vorgezogen. Vielleicht hast du nicht den Job gewählt, sondern dich selbst. Vielleicht musst du dich jetzt erst mal aus dem Dreck ziehen – wichtiger als ins Kino gehen. Das ist nicht besser oder schlechter, sondern einfach so. Weißt du, was schade ist? Dass wir nur selten direkt sagen: ‚Mir ist das jetzt wichtiger als du.‘ Stattdessen erfinden wir schöne Worte, dann sind alle verletzt. Ich schreibe das nicht, damit du sie zurückholst. Ich weiß gar nicht, ob das richtig wäre. Vielleicht stehst du irgendwann vor einem fremden Fenster und merkst, dass man es hätte ehrlicher sagen können. Dein alter Opa Klaus.“ Sascha saß am Fensterbrett im WG-Flur, das Handy in der Hand. Draußen zogen Autos durch die Pfützen, jemand rauchte auf den Stufen. Aus dem Nebenzimmer wummerte Musik gegen die Wand. Lange überlegte er, wie er antworten sollte. Im Kopf erschien das Bild: wie er selbst unter dem Fenster der Ex-Freundin stand, als sie nicht mehr ranging. Sah Gardinen, das Licht im Zimmer und dachte, vielleicht käme sie gleich, würde ihn sehen. Sie kam nicht. Er schrieb: „Hallo Opa. Ich habe auch schon unter einem Fenster gestanden. Habe mich auch versteckt, als sie mit einem anderen Mann rauskam. Er mit Rucksack, sie mit einer Einkaufstüte. Sie lachten. Ich dachte, sie hätten mich ausradiert. Jetzt, nach deinem Brief, glaube ich, dass vielleicht ich selbst gegangen bin. Du hast zehn Jahre gebraucht, um das zu erkennen. Vielleicht geht es bei mir schneller. Ich werde sie nicht zurückholen. Aber ich höre wohl auf zu behaupten, es sei mir egal. Dein Enkel Sascha.“ Das nächste Brief drehte sich um ein anderes Thema. „Sascha. Du hast mich mal nach Geld gefragt. Ich wusste damals nicht, wie ich anfangen sollte. Jetzt versuche ich es. Bei uns in der Familie sind Geldfragen wie Wetter: Man spricht nur darüber, wenn es richtig schlecht oder unerwartet gut läuft. Dein Vater hat mich als Kind einmal gefragt, wie viel ich verdiene. Ich hatte gerade einen Nebenjob und bekam mehr als sonst. Nannte die Zahl stolz. Er staunte: ‚Du bist ja reich!‘ Ich musste lachen, sagte: ‚Ach was, das ist nicht der Rede wert.‘ Ein paar Jahre später wurde ich entlassen, das Gehalt halbierte sich. Dein Vater fragte wieder: ‚Und wie viel bekommst du jetzt?‘ Ich sagte die kleinere Zahl, er wollte wissen: ‚Warum so wenig? Arbeitest du schlechter?‘ Da habe ich ihn angeschrien. Er versteht gar nichts, meinte ich, er sei undankbar. Dabei wollte er nur Zahlen vergleichen. Ich habe ihn so daran gewöhnt, dass er nie wieder nach Geld fragt. Später jobbte er selbst, schleppte Kisten, reparierte Dinge für andere. Ich selbst dachte immer, er solle von alleine merken, wie schwer es für mich ist. Mit dir will ich diesen Fehler nicht wiederholen. Drum sage ich’s dir offen: Die Rente reicht für Medikamente und Essen. Für ein Auto wird’s nicht mehr reichen, brauche ich auch nicht. Jetzt spare ich nur noch auf neue Zähne – die alten halten nicht mehr. Wie läuft’s bei dir? Kommst du zurecht? Ich will dir kein Geld überweisen oder Socken schicken, mir geht’s nur darum, dass du nicht hungrig bist oder auf dem Boden schlafen musst. Wenn dir das unangenehm ist, schreib nur „passt schon“, ich verstehe das. Opa Klaus.“ Sascha spürte eine Enge in der Brust. Er erinnerte sich, wie er als Kind den Vater nach dessen Verdienst gefragt hatte – immer kamen nur Scherze oder ein abwehrendes „Das wirst du schon noch herausfinden“. Also wuchs er mit dem Gefühl auf, dass Geld beschämend ist, Tabu. Er starrte lange auf das Display, schrieb schließlich: „Hallo Opa. Ich habe genug zu essen und schlafe nicht auf dem Boden. Ich habe ein Bett, sogar mit einer Matratze: nicht die beste, aber in Ordnung. Ich bezahle das WG-Zimmer selbst, das war mein Deal mit Papa. Manchmal hinke ich hinterher, aber rausgeworfen hat mich noch niemand. Geld reicht, wenn ich nicht Unnötiges kaufe. Wenn es eng wird, übernehme ich eine Extraschicht, laufe dann aber rum wie ein Zombie, aber das ist meine Entscheidung. Es ist mir eigentlich peinlich, dass du fragst und ich dich nicht auch fragen kann – sowas wie: ‚Kommst du klar, Opa?‘ Aber du hast es ja schon selbst gesagt. Ehrlich gesagt wäre es einfacher für mich, wenn du nur schreiben würdest: ‚Alles ok‘ und keine Erklärung. Aber ich sehe schon, so machen das halt Erwachsene. Danke, dass du über Geld geschrieben hast. Sascha.“ Lange drehte er das Handy in der Hand, dann schrieb er noch eine zweite Nachricht: „Wenn du mal was kaufen möchtest und die Rente reicht nicht, sag Bescheid. Kann nicht versprechen, dass ich helfen kann, aber dann weiß ich zumindest Bescheid.“ Er schickte ab, bevor er es sich anders überlegen konnte. Die Antwort war die am krakeligsten geschriebene bisher – die Buchstaben sprangen, die Zeilen liefen schief. „Sascha. Ich habe deine Nachricht über ‚wenn’s nicht reicht‘ gelesen. Wollte erst schreiben, dass ich nichts brauche. Dass ich alles habe, nur Pillen und Brot. Dann wollte ich scherzen, dass ich, wenn’s drauf ankommt, bei dir einen neuen Roller bestelle. Dann habe ich gemerkt, dass ich mein Leben lang den harten Kerl gespielt habe, der alles allein kann. Am Ende bin ich ein alter Mann, der Angst hat, den Enkel nach einer Kleinigkeit zu fragen. Also sage ich dir: Wenn ich mal wirklich dringend etwas brauche, was ich mir nicht leisten kann, dann tue ich nicht mehr so, als wäre das egal. Im Moment habe ich Tee, Brot, Tabletten – und deine Briefe. Kein Pathos, nur Aufzählung. Weißt du, ich dachte immer, wir wären grundverschieden: Du mit deinen… wie heißen die… Apps, ich mit meinem Radio. Jetzt lese ich dich und merke, wir haben viel gemeinsam. Keiner von uns bittet gern um Hilfe. Beide tun wir, als sei uns alles egal, und das stimmt meistens nicht. Wenn wir schon ehrlich sind, erzähle ich dir noch etwas, worüber in der Familie nie geredet wird. Bin gespannt, wie du das findest. Als dein Vater geboren wurde, war ich nicht bereit. Hatte gerade den neuen Job, endlich eigenes Zimmer im Wohnheim – dachte, jetzt wird alles gut. Dann kam das Kind. Schreien, Windeln, keine Nacht durchgeschlafen. Ich kam von der Nachtschicht – das Kind brüllte. Ich war fertig mit den Nerven. Einmal war ich so wütend, dass ich das Fläschchen mit voller Wucht an die Wand geworfen habe. Die Milch lief die Wand herunter. Deine Oma weinte, Kind schrie, ich stand nur da und wollte nur noch weg. Ich bin damals nicht abgehauen. Habe es später immer als „Nervenzusammenbruch“ abgetan. Es war eigentlich der Punkt, an dem ich fast gegangen wäre. Wäre ich gegangen, würdest du jetzt diese Briefe nicht lesen. Ich weiß nicht, warum ich dir das erzähle. Vielleicht damit du weißt, dass dein Opa kein Held ist, kein Vorbild. Nur ein Mensch, dem manchmal alles zu viel wurde und der einfach gehen wollte. Und wenn du nach so was keine Lust mehr hast, mir zu schreiben – ich verstehe das. Opa Klaus.“ Sascha las – und ihm wurde abwechselnd eiskalt und heiß. Sein Bild vom Opa – immer die Decke, der Duft von Mandarinen an Weihnachten – bekam plötzlich neue Farben: ein erschöpfter Mann im Wohnheim, ein schreiendes Kind, verschüttete Milch. Er erinnerte sich, wie er letzten Sommer im Ferienlager einen heulenden Jungen anschrie. Griff ihn am Arm zu grob, der Kleine erschrak, weinte. Sascha konnte die ganze Nacht nicht schlafen, dachte, er wäre ein schrecklicher Vater. Lange saß er vor dem leeren Nachrichtenfeld. Die Finger tippten: „Du bist kein Monster.“ Er löschte es. Schrieb: „Ich habe dich trotzdem lieb.“ Löschte es, das Wort war ihm zu fremd. Am Ende wurde es: „Hallo Opa. Ich höre nicht auf zu schreiben. Ich weiß nicht, was man auf so etwas antworten soll. Bei uns in der Familie redet darüber keiner – weder über Schreien noch über das Gefühl, wegwollen zu wollen. Alle schweigen oder machen Witze. Ich habe letzten Sommer im Lager gearbeitet. Da gab es einen Jungen, der immer nur geweint hat und nach Hause wollte. Ich bin einmal so ausgerastet, habe ihn derart angeschrien, dass ich mich selbst erschrocken habe. Danach dachte ich die ganze Nacht, ich bin ein schlechter Mensch und sollte am besten nie Kinder haben. Was du geschrieben hast, macht dich für mich nicht schlechter. Es macht dich menschlich. Ich weiß nicht, ob ich das mal so ehrlich einem eigenen Kind sagen könnte. Aber vielleicht kann ich zumindest versuchen, nicht so zu tun, als hätte ich immer recht. Danke, dass du damals geblieben bist. Sascha.“ Er drückte auf „Senden“ – und zum ersten Mal wartete er auf eine Antwort, nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil sie wirklich etwas bedeutete. Die Antwort kam nach zwei Tagen. Diesmal sandte die Mutter kein Foto, sondern schrieb: „Er kann jetzt Sprachnachrichten, wollte dich aber nicht erschrecken. Ich habe es abgeschrieben.“ Ein neues Foto mit liniertem Blatt. „Sascha. Ich habe deinen Brief gelesen und gedacht: Du bist jetzt schon viel mutiger als ich in deinem Alter. Du gibst zu, dass du Angst hast. Ich habe das immer überspielt und stattdessen Möbel zertrümmert. Ob du mal ein guter Vater wirst, weiß ich nicht – und du auch nicht. Das erfährt man erst, wenn es so weit ist. Aber dass du dir überhaupt diese Frage stellst, sagt viel über dich aus. Du hast geschrieben, ich sei für dich lebendig. Das ist das schönste Kompliment, das mir je einer gemacht hat. Eigentlich sagen alle: ‚störrisch‘, ‚eigensinnig‘, ‚stur‘. Aber wirklich lebendig hat mich lange keiner mehr genannt. Wenn ich schon so weit bin, will ich dich noch was fragen. Ich habe mich immer zurückgehalten, aber jetzt mache ich’s: Wenn ich dir mit meinen Geschichten einmal zu viel werde, sag Bescheid. Ich kann seltener schreiben oder nur zu Weihnachten. Ich will dich nicht mit meiner Vergangenheit erdrücken. Und noch was: Falls du irgendwann einfach mal so vorbei schauen willst, ohne Anlass, bei mir ist immer jemand da. Es gibt einen freien Hocker und eine saubere Tasse. Die ist wirklich sauber, habe ich extra nachgesehen. Dein Opa Klaus.“ Sascha musste lächeln bei der Sache mit der Tasse. Er stellte sich die kleine Küche vor, den Hocker, das Blutzuckermessgerät auf dem Tisch, den Kartoffelsack an der Heizung. Er öffnete die Kamera, machte ein Foto von der WG-Küche: Spüle voller Geschirr, die „schlimme“ Pfanne, Eierpackung, Wasserkocher, zwei Tassen, eine mit einer Macke am Rand. Auf dem Fensterbrett steckte ein Glas mit Gabeln. Das Bild schickte er dem Opa und schrieb dazu: „Hallo Opa. Hier ist meine Küche. Zwei Hocker, genug Tassen. Wenn du mal einfach so vorbeikommen willst – ich bin auch da. Also fast daheim. Du gehst mir nicht auf die Nerven. Manchmal weiß ich bloß nicht, wie ich antworten soll – aber ich lese alles. Wenn du magst, erzähl mal was, das nichts mit Arbeit und Essen zu tun hat. Irgendwas, das du nie losgeworden bist, nicht weil’s peinlich wäre, sondern weil nie jemand zum Zuhören da war. S.“ Er schickte es ab und merkte, dass er gerade die erste Frage gestellt hatte, die er noch keinem Erwachsenen in seiner Familie je gestellt hatte. Das Handy legte er neben sich, das Display wurde dunkel. In der Küche zischte leise das Rührei. Im Nebenzimmer lachte jemand. Sascha drehte die Eier, stellte das Gas ab und setzte sich auf seinen Hocker – und stellte sich vor, wie da vielleicht irgendwann Opa Klaus sitzt, Tasse in der Hand, eine Geschichte erzählend – nicht mehr auf Papier, sondern ganz in echt. Ob Opa wirklich mal kommt, was die Zukunft bringt, wusste er nicht. Aber allein die Vorstellung, dass er jemandem das Bild seiner unaufgeräumten Küche schicken und fragen konnte, wie es ihm geht – das machte ihn plötzlich ruhig und irgendwie froh. Er nahm das Handy, blätterte durch den Chat, sah auf die karierten und linierten Briefe, auf seine knappen „S.“. Dann drehte das Handy vorsichtig um, damit er nichts verpasst, falls eine neue Nachricht kommt. Das Rührei war kalt, als er es aß. Doch er aß es zu Ende, langsam und mit dem Gefühl, es mit jemandem zu teilen. Das Wort „Ich hab dich lieb“ fiel nie ausdrücklich. Aber irgendetwas schwang zwischen den Zeilen – und das reichte beiden erst einmal.