Gemeinsam geht alles leichter!
Mama, bin ich eigentlich hübsch? fragte Annika und drehte sich im Kreis vor dem Spiegel. Sie zupfte an dem Kleid, das ihre Mutter gerade für sie genäht hatte, strich den Pony aus dem Gesicht, schüttelte ihn dann wieder nach vorn, zog ein finsteres Gesicht und verzog ihren Mund zu Grimassen. Maaama! Bin ich hübsch? wiederholte das Mädchen lauter, drehte sich zur Mutter um. Sag doch mal was, warum bist du so still?
Du? antwortete Hedwig und blickte von oben herab auf ihre siebenjährige Tochter. Sie zog schnell den Gürtel am neuen Kleid zurecht. Na ja, ganz normal, würde ich sagen. Zieh das Kleid jetzt aus, sonst machst du es noch schmutzig. Und schau mal, deine Hände sind voller Tinte!
Annika schmollte, umklammerte sich mit den Armen und schüttelte den Kopf heftig. Mama sagt, sie sei ganz normal, aber Sandras Mutter sagte ihr jeden Morgen vor der Schule, dass sie die Allerbeste sei und dass sie, die Mutter, sie lieb habe. Ihre Mutter hingegen na ja, vielleicht liebt sie sie kaum, oder nur ein kleeein wenig
Doch, du bist ein wunderschönes Mädchen, Annika! rief Großmutter Helene, die auf dem Sofa saß. Sie war die Mutter von Hedwigs verstorbenem Ehemann, der vor einem halben Jahr gegangen war. Seitdem war sie oft bei ihnen, half beim Hausaufgabenmachen mit und wollte sonst aber nicht bei der Schwiegertochter einziehen jede sollte ihr eigenes Reich haben, fand sie.
Deine Mama hat Recht, zieh das Kleid jetzt aus, meine Kleine! Wir bügeln es nochmal und morgen kannst du es wieder anziehen.
Annika schaute traurig zu Oma Helene. Sie log doch, dachte das Mädchen, sie sagt das nur, damit Annika nicht traurig wird. In Wahrheit ist Annika doch hässlich: die Nase zu groß, der Mund zu dünn, die Augen zu blass, und der Pony hängt immer in den Augen
Während Annika noch über ihr unglückliches Schicksal sinnierte, hatte Hedwig die Nähmaschine schon weggeräumt und wartete, dass ihre Tochter sich umziehen würde.
Komm schon, Annika, muss ich dir alles hundert Mal sagen? wurde Hedwig ungeduldig. Jetzt zieh dich endlich um! Muss man denn stundenlang vor dem Spiegel stehen? Bist du ein Äffchen? Nun los! Ich will Abendessen kochen. Helene, hast du zufällig das Maßband gesehen? Ach, wo ist das nur?
Was willst du denn damit? fragte ihre Schwiegermutter und sah sich im Zimmer um, konnte das Maßband aber nicht finden.
Ach, ich wollte eigentlich die Vorhänge nächste Woche kürzen, die Länge messen… Aber ist ja auch egal… Annika, zieh bitte das Kleid aus und geh Hände waschen. Beeil dich. Warum bist du bloß immer so ungeschickt! wieder begann Hedwig, ihre Geduld zu verlieren. Sie hatte sich so oft vorgenommen, nicht zu schimpfen, sondern freundlich und warm zu sein, so wie es die Mütter der anderen Mädchen sind. Aber sie war am Ende ihrer Kräfte. Heute war ein besonders zäher Tag, voller Stress. Lags am Vollmond? Oder war Hedwig einfach nur müde
Sie arbeitete im kleinen Lebensmittelladen um die Ecke, stand von früh bis spät hinter der Theke.
… Wiegen Sie mir bitte ein halbes Kilo Wiener Würstchen ab! Mädchen! Was nehmen Sie denn da? Nehmen Sie gefälligst die dickeren! Ihr Laden, das ist ja eine Zumutung! schimpfte eine Kundin heute im langen roten Mantel und schickem Hut. Hedwig wunderte sich, dass so vornehme Damen hier einkauften. Und dann beschwerte sich der rote Mantel auch noch beim Filialleiter, weil sie die falsche Tüte bekommen hatte. Was ist das denn? Ich wollte die blaue Plastiktüte, wie früher! Kennen Sie keine Farben? Leute! Die Frau kennt keine Farben!
Tut mir leid, die blauen sind alle. Nur noch durchsichtige da, entgegnete Hedwig bereits zum zehnten Mal, doch das genügte der Dame nicht.
Soll jetzt jeder sehen, dass ich Würstchen trage? warf die Dame missbilligend ihre Tüte zurück auf die Theke. Ich esse so was doch nicht! Das ist für meinen Vater. Na, finden Sie mal eine Tüte oder ich melde Sie!
Eine Tüte gab es nicht. Die Dame schrieb einen langen Beschwerdebrief in das Ladenbuch, stopfte ihre Würstchen in die Handtasche und marschierte hinaus
… Ist die Sahne auch frisch? Ich frage jetzt schon zum zehnten Mal, junge Frau! knurrte ein älterer Herr und klopfte mit seinem Gehstock auf die Glasvitrine.
Hedwig nahm einen Becher aus dem Regal und nannte das Mindesthaltbarkeitsdatum. Sie fühlte sich getroffen, als er sie so schroff junge Frau nannte das klang, als sei sie Luft.
Junge Frau! wiederholte der Kunde scheinbar mit Absicht. Die Daten sind doch gefälscht! Schaut hin, Leute! Gefälscht! Überall Betrüger!
Der alte Herr setzte seine Brille auf, prüfte noch einmal, zuckte dann mit den Schultern.
Ich kaufe sie. Aber Ihnen, junge Frau, sollte das mal peinlich sein! Ihr Lügner seid überall!
Er warf das Geld fast wie eine Beleidigung auf die Theke und ging. Die Wartenden in der Schlange blickten ihm kritisch nach.
So ein Mensch! Der kommt noch aus einer anderen Zeit! Damals war alles besser und anständiger! Da wurden die Läden noch kontrolliert. Und heute? hörte Hedwig aus der Warteschlange. Die Älteren nickten, die Jüngeren schwiegen gequält.
Geben Sie mir bitte die Wurst, die da, die da und noch die. Und was fragst du da wieder? Zweihundert Gramm von jeder, hab ich gesagt! Nicht? Kriegst wohl keinen Ton mehr raus! Alles nur Dorfleute heute an der Kasse! Was hast du da berechnet?! schrie schon der nächste Kunde angriffsbereit. Böse funkelte er Hedwig an, und sie stand wie erstarrt, ihr war fast zum Weinen zumute.
Geh schon, ich mach das! mischte sich endlich ihre Kollegin Irmgard ein, die zweite Verkäuferin. Was schreien Sie hier rum?! donnerte sie los. Hier Ihr Zeug, bittesehr! Und das Geld stimmt nicht, mein Herr ich kann auch gleich die Polizei rufen! Irmgard stand mächtig über dem kleinen, trotzigen Wurstkäufer. Mögen Sie etwa fünfzehn Tage Ordnungshaft riskieren? Ich seh zu, dass Sies bekommen! Und noch wem ist heute nach Streit? Kommt nur her! Ich lass mich auch nicht lumpen!
Mit unsichtbaren Riesenfäusten fegte Irmgard die ganze Schlange auseinander, dann sah sie unter die Theke, wo Hedwig mit vor den Mund gedrückter Schürze kauerte und leise schluchzte.
Was ist denn los? Steh schon auf, die sind es nicht wert, dass du so weinst! sagte Irmgard, reichte die Hand, doch Hedwig wich zurück.
Warum lassen die ihren Frust bei mir ab? Was kann ich denn für das mit den Tüten, für die Sahne? Sie wollen nur schimpfen! jammerte sie und wischte sich die Tränen aus den Augen.
Weißt du, Hedwig, das ist die Sorge, die dahinter steckt. Den Leuten gehts auch nicht gut, sie haben Sorge vor der Zukunft, und der Alltag macht ihnen das Leben schwer. Zuhause gibts auch Kummer, wer weiß das schon Nicht drauf achten! Irmgard schüttelte den Kopf, bückte sich in die Kühltheke zu den Milchprodukten, ordnete die Preisschilder.
Nicht drauf achten? Und ich solls einfach runterschlucken, während sie mich beschimpfen? Zuhause habe ich es schwer, ziehe Annika alleine groß, bin abends total erledigt, und dann kommt sie mit Hausaufgaben, mit all ihren Fragen Manchmal hasse ich diesen ganzen Kram schon. Ich will doch einfach nur meinen Martin zurück! Meinen Mann zurück! Aber er ist fort, für immer. Und euch ist das alles egal! Hedwig warf die Schürze ab und floh aus dem Laden in den feuchten, dunklen Hinterhof zwischen leeren Holzkisten. Sie zündete sich eine Zigarette an, der Funke glühte orange-rot, sie sog mit beinahe wilder Lust an dem Rauch.
Zuhause durfte sie nicht rauchen, Annika bekam immer Husten davon. Dann musste sie sich auf den Balkon schleichen, aber dort war es kalt. Ist das ein Zuhause, fragte sie sich, wenn man nicht einmal in den eigenen vier Wänden Ruhe finden konnte!
Nun stand sie hier, fror, der Mief von fauligem Gemüse stieg ihr in die Nase, und sie fror noch mehr.
Hedwig fror eigentlich immer. Morgens beim Gang mit der schlaftrunkenen Annika zur Schule, tagsüber an der Kasse, abends auf dem Heimweg, nachts, immer hatte sie kalte Hände und Füße, selbst dicke Wollsocken halfen nicht. Das sind die Nerven, kommt von den Gefäßen. Am besten ans Meer oder zur Massage!, hatte der Arzt in der Poliklinik empfohlen, sogar eine Überweisung geschrieben.
Hedwig hatte die Zettel in den Müll geworfen. Auch Martin hatte er lauter Rezepte und Anwendungen verordnet, doch das hatte ihn auch nicht gerettet. Sie schob den Gedanken weg. Sie wollte keine Massagen; sie würde es schon selbst schaffen. Aus Zucker war sie ja nicht.
Hedwig! Komm, es ist Zeit, wieder an die Theke zu gehen! rief Irmgard aus dem Laden, sah ihr rotes Jäckchen hinter den Kisten. Ich hab jetzt meine Mittagspause.
Ich komm schon! rief Hedwig, zog an ihrer letzten Zigarette, warf sie in eine Pfütze und ging zurück in den Laden.
Wieder runtergekommen? fragte Irmgard, eingerollt in ihrem Pausenwinkel, löffelte Suppe. Nervensache Weißt du, früher meinte meine Mutter zu mir: Wer Anderen das Leben schwer macht, hat selbst irgendwann Leid erfahren. Das tragen sie mit sich herum, da kann man sich noch so bemühen, es rauszuhalten, irgendwann bricht es heraus, wie ein Husten.
Meine Mama hat gesagt, dass man nicht stehlen darf, konterte Hedwig, zeigte auf Irmgards gekaufte Leberwurstscheiben. Wo hast du die her?
Gekauft, ehrlich! Irmgard lachte. Bedien dich ruhig, solange keiner da ist. Nimm dir Brot, Kind, du bist ja schon haut und Knochen!
Danke, sagte Hedwig und nahm eine Scheibe, der Geschmack tat ihr gut. Irmgard goss ihr Saft in ein Glas, aber da kamen schon wieder Kunden, und Hedwig warf die Schürze um und ging an die Kasse…
Der Laden schloss erst gegen neun. Hedwig lief langsam nach Hause. Ihre Schwiegermutter hatte Annika schon abgeholt, gemeinsam saßen sie bestimmt an den Hausaufgaben.
Hedwig ging langsam, sie hätte auch den Bus nehmen können, aber sie wollte noch nicht heim. Drinnen erwartete sie die Müdigkeit und Traurigkeit. Vielleicht sollte sie mit Annika woanders hinziehen, aber so ein Umzug alles müsste sie selbst organisieren. Und geholfen wäre es trotzdem nicht! Oder doch zu ihren Eltern nach Würzburg zurück? Nein, das wäre noch schwerer, ihre Mutter so sensibel; sie würde immerzu klagen, dass Annika jetzt Waise sei und sie selbst Witwe, dieses Wort, das nach schwarzen Schleiern und alten Handschuhen klingt. Nein, auch nicht das Richtige…
Hedwig betrachtete die erleuchteten Fenster hinter den Gardinen. Drinnen warteten sie schon, wahrscheinlich sollte sie heute noch das Kleid fertig nähen…
Annika hatte übermorgen einen Auftritt, irgendein Fest in der Schule, Abschied von der Fibel oder so.
Warum kann sie nicht in normalen Sachen auftreten? Was für ein Firlefanz!, dachte Hedwig gereizt.
Früher hatte sie selber gerne genäht, sich damit eingekleidet, aber jetzt wurde schon bloß der Gedanke daran mühsam und schwer. Sie wollte einfach auf dem Sofa zusammengerollt liegen, die Augen schließen, in eine Art Winterschlaf fallen. Das Herz pumpt träge, alles eine Nebelwand, dann tat es manchmal weniger weh.
Aber ihre Schwiegermutter war immer gleich zur Stelle, wenns drauf ankam, oder Annika kam und wollte ihr Hefte zeigen oder um Hilfe bitten.
Nichts, gar nichts wollte Hedwig mehr. Irmgard hielt ihr Depression vor, aber das tröstete sie nicht, der Name klang nur wieder wie ein ferner Befund, heilen tat das Herz deswegen auch nicht. Denn Martin kam nicht zurück
… Annika, pass doch auf! Jetzt ist die Naht gerissen! schimpfte Hedwig plötzlich, als sie sah, dass am Kleid ein Riss entstanden war. Unfähig! Nun näh das selbst wieder zu! Nadel und Garn, los jetzt!
Annika blickte ängstlich auf das Kleid, das ihre Mutter aufs Sofa geworfen hatte, und betrachtete das Spiegelbild, das auch einen erschrockenen, blassen Ausdruck zeigte.
Ich kann nicht Mama, ich kann das nicht wimmerte Annika. Mama, bitte! Verzeih mir! Es war nur ein Versehen! Ich bin nicht schuld, es hat an der Spange gehakt! Bitte, Mama!
Annika klammerte sich an Hedwigs Hände, suchte ihren Blick, reichte ihr das zerrissene Kleid, doch Hedwig schleuderte es zurück auf das Sofa.
Ich habe davon genug! platzte sie heraus. Immer willst du was von mir, immer fragt ihr, wollt, fordert! Ich bin müde, hörst du? Ich arbeite alleine, und ihr sitzt alle auf meinen Schultern! Annika, schneller in dein Zimmer und hol das Klassenbuch! Wenn da eine Drei drinsteht, gibts keinen Auftritt für dich, verstanden? Schönheit interessiert dich? Deine Hände sind ja voller Tinte! Du bist ein ganz gewöhnlicher Schussel, das bist du! Und die Strumpfhose auch schon kaputt? Schon wieder über die Stühle gesprungen, du Affenkind? Morgen bleibst du zu Hause und bist bestraft!
Was ist los, Hedwig?! stellte schließlich Helene verblüfft fest. Warum regst du dich so auf? Ich stopfe die Strumpfhose, keine Sorge, man sieht das doch gar nicht mehr! Im Schulalltag passiert das halt mal na, bring mir die Nähsachen.
Aber Hedwig ließ sie nicht ran.
Sie soll selbst nähen! Unordentliches Kind! Mama, bin ich hübsch? ahmte sie Annika spöttisch nach. Lern erstmal, Sachen in Ordnung zu halten, dann reden wir weiter. Bring das Klassenbuch!
Hedwig schlug die Faust auf den Tisch, die Tassen klirrten. Eigentlich wollten sie doch Tee trinken und Kuchen essen, wie Annika ihn so liebte, und danach sollte Oma Helene eigentlich nach Hause gehen… Aber jetzt war alles verdorben.
Annika weinte hemmungslos, die Schultern zuckten, immer wieder stieß sie Schluchzer aus und klammerte sich an das zerrissene Kleid.
Gib schon her! Hedwig riss es ihr aus den Händen, dabei riss der Stoff endgültig auf. Na, wunderbar! Es reicht mir! Ich kann nicht mehr und will einfach nur, dass alle rausgehen!
Auch Hedwig begann zu weinen, schickte Annika in den Flur und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen. In der Brust zog es, vor ihren Augen tanzten schwarze Punkte, sie wollte trinken, rauchen und vor allem schreien, so laut sie konnte, weil alles hoffnungslos erschien.
Nicht so, Hedwig, bitte nicht Helene setzte sich zu ihr, strich ihr sanft über die Schulter. Tränen helfen uns nicht. Du hast Annika gekränkt… Warum? Sie hat sich so sehr auf das Fest gefreut, du hast sie bestraft. Wofür? Sie ist noch ein Kind
Ein Kind? Sie geht schon zur Schule, sie sollte sorgsam mit allem umgehen! Muss ich ihr jede Woche neue Sachen kaufen? Gehen Sie mal arbeiten, ja! Hunderte Stunden im Laden stehen, die Leute beschimpfen einen, alles ist immer falsch, und wenn du konterst, bist du die Böse und verlierst den Job! Na? Einverstanden? Sie machen dann die geraden Tage, Annika die ungeraden! Wie, Helene? Abgemacht?
Hedwig lächelte schief. Natürlich ist sie frech, grob, schroff, sie heult herum, sie schreit die ältere Frau an, sie leistet sich das eben… Aber es musste raus!
Was genau, wusste sie auch nicht, es drängte einfach alles aus ihr heraus.
Genug ist genug, seufzte Helene und hob ihre Handtasche vom Fensterbrett. Ich gehe jetzt, Hedwig. Wart nicht auf mich. Ich kann Annika von der Schule abholen, sie bei mir aufnehmen, wenn wir euch so unerträglich sind. Ich habe dich nie ums Geld gebeten, meine Rente reicht. Schäm dich, mir mit deinem Geld zu kommen. Und verstehst du nicht? Annika? Ein Kind kann man leicht wegstoßen, kränken, bestrafen, ihm etwas verweigern. Aber am Ende bekommt man das alles doppelt zurück. Kinder nehmen alles in sich auf. Heute gibst du statt Liebe nur Tadel, morgen wieder und übermorgen auch… Sie sei nicht hübsch, macht Sachen kaputt, sitzt dir auf der Tasche, lernt nicht ordentlich… Lass es nur so weiterlaufen! Annika wird erwachsen was bleibt dann? Sie wird dich hassen oder dir irgendwann fortlaufen. Was soll sie hier noch, wenn du sie nicht liebst? Wenn sie keine Zuwendung spürt?
Aber… wollte Hedwig einsetzen, aber Helene schlug jetzt selbst mit der Faust auf den Tisch und gebot Stille.
Du willst mit Brot bezahlen? Hast du kein schlechtes Gewissen? Deine Fürsorge ist nur deine Pflicht, wie im Heim. Essen, Kleidung, Kontrolle der Hausaufgaben das macht jede Heimleitung. Aber was ist eine Mutter? Die soll lieben, durch Liebe kümmern. Das muss Annika von dir hören dass sie wunderschön ist, klug, sanft!
Das ist leicht gesagt von Ihnen! zischte Hedwig.
Glaubst du? Mir ist am leichtesten, ja! lächelte Helene trocken. Du bist die Märtyrerin dein Mann fort, allein mit dem Kind. Und ich? Ich habe meinen Sohn beerdigt! Das ist ein Stück aus dem Herzen gerissen, das nun in der Erde liegt. Niemand ist schuld daran nicht du, nicht Annika. Aber warum soll ich euch mein Leid aufladen? Auch für mich ist es jeden Tag schwer, Martin ruft nicht mehr an, kommt nicht vorbei, nie wieder. Das ist ein böses Wort und du weißt: nie wieder. Aber Annika kann dich auch für immer zurückweisen. Das ist noch lähmender. Ich gehe, aber denk daran, was man sät, das erntet man. Man kann das Leid teilen, dann wird es leichter, oder man pflegt sein Unglück wie du, dann verliert man alles um einen herum. Wozu dann noch Nähe, wenn du nur beißen willst?
Ihr versteht doch nichts! Man hat mir wehgetan! Sie haben mir Martin genommen! Wie soll ich jetzt leben, womit, wofür?! Ich kann nicht Hedwig sank zusammen und vergrub ihr nasses Gesicht in den Händen.
Lern es. Ich lerne auch. Gemeinsam geht es leichter. Du musst entscheiden… Wie du willst…
Helene ging, zog sich den Mantel an, schlüpfte in andere Schuhe.
Annika stürmte auf sie zu, warf sich an ihren Hals.
Oma! Kann ich zu dir? Bitte, nimm mich mit! Ich hab Angst hier mit Mama! flüsterte Annika immer wieder.
Ach, Annika, bleib heute hier. Helene löste ihre Arme sachte, streichelte ihr Gesicht. Alles wird sich richten, Mama wird sich beruhigen und ihr vertragt euch wieder. Lass sie nicht allein, ja? Sie braucht dich jetzt ganz sehr, ihr Herz tut weh. Hab Nachsicht, Liebling, verzeih ihr. Komm, ich drück dich, dann muss ich aber los. Annika, du bist unser allerbestes Mädchen, Papas und Mamas Schatz.
Annika nickte. Sie versuchte tapfer zu sein, konnte die Tränen aber nicht zurückhalten. Die Großmutter verschwand in ihrem Tränennebel, die Tür fiel ins Schloss, Stille wie ein schweres, nasses Tuch legte sich auf die Wohnung. Sie war kaum zu überwinden…
Nachdem sie eine Weile allein gesessen hatte, ging Annika ins Bad, wusch die Tinte von den Händen, das Gesicht war rot und geschwollen, die Lippen zitterten noch.
Annika humpelte in die Küche und stellte den Wasserkessel an. Mama liebt Minztee. Wo ist die Minze? Da, die getrockneten Blätter, die so duften! Sie riechen nach Sommer, nach Papa Er hat die Blätter früher gesammelt und auf dem Schuppendach für Mama getrocknet…
Annika hatte sich eben beruhigt, als sie wieder in Tränen versank. Das Glas mit der Minze fiel auf den Boden, die Blätter lagen verstreut.
Hedwig kam angerannt, glaubte, Annika hätte sich verbrannt, pustete ihr auf die Hände.
Wo tut es weh, Schatz? Hast du dich verbrüht? Wo? Hedwig schien erschrocken, drückte Annika an sich, strich ihr übers Haar, vergrub das Gesicht an ihr.
Hier tut’s weh, Mama… Hier sagte Annika und zeigte auf die Brust. Papa hat die Minze gesammelt, weißt du noch? Und was, wenn du auch stirbst, Mama? Was mach ich dann? Allein, ohne euch beide?!
Nun weinten sie gemeinsam. Der Kummer war geteilt, tropfte als salzige Tränen auf den Boden, bebte und schüttelte sie. Draußen funkelten die Sterne. Vielleicht war einer davon Martin…
Als Annika dann schlief, nahm Hedwig das Kleid vor. Ja, was hatte sie da nur alles angerichtet Aber vielleicht konnte sie es noch richten. Es war sicher noch nicht zu spät…
Helene, sind Sie noch wach? flüsterte Hedwig ins Telefon. Verzeih mir bitte. Ich hab so viel gesagt, das meinte ich nicht…
Am anderen Ende war Schweigen, dann das vertraute Klicken und Helenes Stimme:
Ich versteh dich schon, Hedwig. Es ist schwer, aber wir müssen weiterleben Für wen? Für Annika und uns selbst. Unser Leben ist noch nicht vorbei, das entscheidet wer anders. Täglich ein bisschen Kraft, mehr nicht, und es wird leichter. Weine nicht, sonst fange ich auch an! Also, gute Nacht, mein Mädchen! Was ist mit deinem Auftritt? Geht Annika hin?
Sie geht. Ich nähe das Kleid jetzt. Ich bring es in Ordnung…
Helene nickte. Sie alle hatten noch vieles zu flicken, einzurenken, zu durchdenken und zu überstehen. Aber das war für morgen. Jetzt sollte geschlafen werden. Manchmal kommt Martin im Traum zu seiner Mutter, spricht zu ihr. Er sorgt sich um Hedwig, aber Helene tröstet ihn und sagt: Unsere Hedwig ist stark. Wir werden das schon schaffen. Der Sohn nickt und verschwindet im Kupferlicht der Morgenröte. Wieder ein Tag, einfach nur, weil man lebt…




